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2 (1928)
Entstehung
Seite
578
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WERNER 578

auf die Bühne nicht würden zu bringen seyn, und an das, wasmenschliche Schwäche genannt wird, häufig mahnen, ohne daßdadurch das wahre und unpartheiische Verdienst des großen Mannesbeeinträchtigt würde." Als Beweis für diese „historische Meinung"zitiert nun Voß — kein übler Schachzug! — keinen Professor derKirchengeschichte, sondern mehrere Stellen aus den „Memoirespour servir ä l'histoire de la maison de BRANDEBOURG", deren„unsterblicher Verfasser", wie er ihn nennt — Friedrich der Großewar. „Schon wohl beinahe vor sechzig Jahren erschien das von jedemPatrioten gelesene und bewunderte Werk, im Original und in vielenÜbersetzungen, und hat seitdem eine Menge neuer Auflagen erlebt.Auch auf Semler und andere Theologen könnte ich mich beziehen.Ich glaubte also, die historische Meinung, von der ich sprach, alsallbekannt voraussetzen, und die Prüfung, ob sie auch in einerZeitung angeführt werden dürfe, dem Censor überlassenzu müsse n." Voß versicherte schließlich, daß ihn das aller-höchste Reskript „mit dem lebhaftesten, innigsten Schmerz ergriffenhabe", und bat „auf das demüthigste um Verzeihung".

Voß wälzte also die eigentliche Schuld auf den Zensor ab, dernicht existierte. Diesem Mangel mußte zunächst abgeholfen werden.Minister v. Goldbeck befahl also am 9. Juli dem PolizeipräsidentenBüsching, der bisher (gemäß einer Kabinettsorder vom 8. Novem-ber 1795) nur die „eigentlichen Avertissements" und die in das In-telligenzblatt zugleich kommenden Artikel zensiert hatte, also dielokalen Nachrichten und die Inserate, nunmehr auch die literarischenArtikel unter seine Aufsicht zu nehmen; nach wie vor ging dannnoch das ganze Zeitungsblatt an den Legationsrat Renfner, um aufseinen politischen Inhalt hin kontrolliert zu werden. EntspiechendeVerfügungen erhielten die beiden Zeitungsverleger, von denen dieWitwe Lessing (17. Juli) antwortete, die „Nebenartikel" in ihrer„Vossischen" seien höchst unbedeutend und dienten „vorzüglichdazu, den öfteren Mangel an politischen Neuigkeiten zu ersetzen";Redakteur für alle Artikel sei der Prediger und Professor Catel,Friedrichstraße Nr. 129.

Nunmehr machte der Minister am 26. seinen Bericht an den König:da bisher die literarischen Artikel ohne Zensur erschienen seien,könne kein Zensor für den Vorfall verantwortlich gemacht werden;durch eine Verfügung an Büsching habe er diesen Mangel beseitigt;gegen die Redakteure Ben David und Catel sei nichts einzuwenden,er werde aber den Verlegern noch aufgeben, jede etwaige Redak-tionsveränderung ihm sofort mitzuteilen. Die Rechtfertigung BenDavids legte Goldbeck in Abschrift, die Eingabe des Voß im Originalvor; obwohl die Entschuldigung des Kritikers, „daß er seine Meinungeigentlich nicht ausgesprochen, wenig Rücksicht verdiene, indem in