WERNER 572
mit den noch heute immer wieder aufgeworfenen und keineswegsrestlos bejahten Fragen: „Soll unter allen Künsten, die dramatischeallein unwerth seyn, große (d. h. fromme und kräftige, mit einemWorte heilige) Menschen zu verewigen, weil sie sie am lebendigstendarzustellen vermag? Dann müßte ja Leben, Sünde seyn! Odermeynt man, weil Luthers Tendenz religieus ist . . . daß das Reli-gieuse für die Bühne zu heilig sey? Giebt es etwas Heiligeres als dieächte Kunst und ist diese von der Bühne verbannt? Haben wirvergessen, daß unser große Schiller gerade dieser religieusen Ten-denz den glorreichen Erfolg seiner Meisterwerke, der Jungfrau vonOrleans, Marien Stuart verdankte, und die hohe Rührung die ihrAnblick einflößte? Wollen wir die Bühne (die keine Possenbudemehr, sondern ein Tempel der Kunst und als solcher in unsrer ge-sunkenen entarteten Zeit, ein Asyl des reinen Sinnes, ein Palladiumdes Heiligsten ist), wollen wir sie wieder den Krebsgang führen,wollen wir unsern catholischen Gränznachbahren nachstehen, welcheihre Nepomuks und Madonnen . . . ohne Ärgerniß auf der Bühnesehn?!"
Gräfin Brühl war aber nicht die einzige, die dem ersten AuftretenLuthers auf der deutschen Bühne, und noch dazu an so hervor-ragender Stelle wie dem Berliner Nationaltheater, mit einiger Sorgeentgegensah. Die nächsten Freunde und Gönner, Johannes v. Müller,Kanzler v. Beyme und Iffland selbst ließen es an Ratschlägen nichtfehlen, um der Kühnheit dieses ersten Versuchs alle verletzendenSpitzen zu nehmen. Die ganze „Heiratsgeschichte" zwar konnteWerner unmöglich beseitigen, ohne sie war sein Lutherdrama einhistorischer Bilderbogen ohne eine Spur jener tiefem Idee, auf die esWerner ankam: die Vergöttlichung der Menschheit durch die Liebe.Im übrigen aber ließ er mit sich reden und strich und bearbeitete,daß die Splitter nur so flogen. Er milderte zahlreiche Einzelheitenund hielt sich dabei an das empfindsame Taktgefühl der GräfinBrühl, der vor allem die Szenen in Wittenberg bei Auflösung desNonnenklosters fatal waren; der karrikaturistische Zug darin ließsich allerdings nicht ganz vertuschen. Der Schlußakt, dem Dichtervon Anfang an eine „schwere Klippe", wurde in seiner zweitenHälfte neu geschaffen: dem Wahnsinn der Bilderstürmer in Witten-berg tritt Luther siegreich entgegen; mit diesem „acht historischenAckte seines glorreichen Lebens", so hatte Kanzler v. Beyme erklärt,müsse das Schauspiel enden, und dem Dichter leuchtete die Anregungso ein, daß er ihr auch in der ersten Druckfassung folgte, die An-fang 1807 erschien, während er darin sonst, zu Ifflands Ärger, dieTheaterbearbeitung gänzlich verleugnete. Beyme hatte sich vonvornherein für Werners Dichtung lebhaft interessiert und den erstenAkt gleich nach seiner Fertigstellung gelesen, um „mit etlichen