SIMEOCK 542
Kronprinzen. Festrede August Böckhs, dann verkündete Hegel dieSieger in den wissenschaftlichen Wettkämpfen der Akademie. DenPreis der philosophischen Fakultät hatte ein Student namens KarlGutzkow davongetragen mit einer lateinischen Abhandlung über dieSchicksalsgöttinnen der Alten. Aber niemand hörte recht zu. Briefeaus Paris zirkulierten von Friedrich v. Raumer, dem Historiker,Eduard Gans hatte sie mitgebracht, sie waren eben eingetroffen, unddie Berliner wußten plötzlich, warum der Flügeltelegraph auf demAkademiegebäude nebenan, in dessen Dienerwohnung der Preis-träger Gutzkow geboren war, seit einigen Tagen so erregt „dieHände über dem Kopf zusammengeschlagen" hatte. Mochte derKronprinz auch noch überlegen lächeln — was da in Paris vor sichging, war eine regelrechte Revolution. Von der Universität wälztesich die Nachricht wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt, und dienächsten Zeitungen bestätigten sie. An diesem Tage nahm der neun-zehnjährige Gutzkow zum erstenmal mit fiebernder Spannung einZeitungsblatt zur Hand: die Wissenschaft lag hinter ihm, die Ge-schichte vor ihm. Und er war nicht der einzige, den die Julirevolutionaus seiner bisherigen weitabgewandten Bahn warf.
Simrock war kein Jüngling mehr, aber Erinnerungen aus seinerJugendzeit flackerten doch an diesen Tagen in ihm auf. Er war 1802in Bonn geboren, als das linke Rheinufer zur Französischen Re-publik gehörte; in einem französischen Lyzeum hatte er seine ersteSchulbildung erhalten, und im Elternhaus war man gut französischund napoleonisch gesinnt. Nach 1813 schlug diese Stimmung derBonner Bürgerschaft zwar um, und vor allem die Jugend jubelteüber die endlich errungene Rückkehr zum angestammten Vaterland.Diese Kindheitserinnerungen hatten den Dichter gepackt, und erhatte das Miterleben eines weltgeschichtlichen Ereignisses von zwei-fellos epochemachender Bedeutung in jene schüchternen Verse auf-gefangen. Hätte nur der Redakteur des „Freimütigen", Dr. Häring(als Schriftsteller Willibald Alexis), den Wisch früher abgedruckt,dann hätte in der Aufregung jener Tage gewiß kein Hahn danachgekräht. Vielleicht allerdings hatte der Zensor den Abdruck solangehinausgeschoben, um ruhigere Zeiten abzuwarten. Die waren jetztda, und nun plumpsten die Verse plötzlich wie ein Stein in eineglatte Wasserfläche. Obendrein waren sie durch die Entwicklungüberholt, und sie wären gewiß überhaupt nicht entstanden, wenn derDichter sich acht Tage Zeit genommen hätte. Was war denn schließ-lich vor sich gegangen? An Stelle Karls X. war durch einen Staats-streich ein anderer auf den Thron gekommen, Ludwig Philipp, dender noch keineswegs endgültig abdankende König mit der Regent-schaft betraut hatte. Keine Republik, nur ein sogenanntes Bürger-königtum zweifelhaften Ansehens. Ein Kulissenwechsel — weiter