SCHÖNHERR 534
dos erhob der Goethebund (Ortsgruppe Bremen) im Dezember 1915Protest: die deutsche Kultur verarme durch das Unterbinden freierGeistesarbeit. Daraufhin wurde wenigstens im Bezirk des 9. Armee-korps (Januar 1916) die Aufführung wieder freigegeben, aber —ganz wie im alten Österreich Metternichs — eine Besprechung desInhalts in Zeitungen untersagt. — In Braunschweig kam es AnfangJanuar 1916 nach der Premiere zu heftigen Kundgebungen gegendie Unmoralität des Stückes. Dem Kampf der Meinungen machteder Herzog ein Ende, indem er bei der nächsten Aufführung imHoftheater erschien und ostentativ Beifall klatschte. — Ein Antragdes Kölner Theaters um Freigabe des Stückes erzielte am 16. Juni1916 ein wiederholtes Verbot seitens der Polizei und am 27. No-vember seitens des Gouvernements für den ganzen Festungsbereich.— Vereinzelt griff die Bewegung auch auf das Ausland über. InLuzern verbot die Regierung das Stück schon im November 1915;St. Gallen schloß sich „aus allgemeinen und sittenpolizeilichen Grün-den" an (Mai 1916).
Neue Versuche, den „Weibsteufel" auf dem Münchener Hof-theater durchzusetzen, veranlaßten schließlich noch im Juli 1918 dendortigen Erzbischof Faulhaber, von der Kanzel herab einen erfolg-reichen Einspruch zu erheben. Auf diese an dunkelstes Mittelaltergemahnende Anmaßung antwortete Schönherr in einer Unterredungmit einem Mitarbeiter des „Neuen Wiener Journals" (vgl. „Ber-liner Börsen-Courier" Nr. 305 vom 3. Juli 1918):
„Meines Wissens hat sich noch niemals ein Erzbischof von derKanzel herab gegen schlüpfrige Operetten und Unsittenschwänkeunter namentlicher Brandmarkung eines Autors oder Stückes irgend-wie ereifert und noch viel weniger eine dreiviertelstündige Predigtangesetzt . . . Die Äußerung des Erzbischofs von der Kanzel herab,ein Staat sei nicht wert fortzubestehen, der den ,Weibsteufel' zurAufführung zulasse, darf man wohl als eine jener Entgleisungenbuchen, die einem im Übereifer der Rede manchmal passieren. Ichglaube nicht, daß Preußen an der Spielerlaubnis zugrunde gehenwird, und hoffe zu Gott, auch Österreich wird dies noch überstehen.Außerdem habe ich nie ein unsittliches Stück geschrieben und werdeebensowenig im Leben jemals eins schreiben, wie der Erzbischofselbst. Ein unsittliches Stück zu schreiben liegt nicht in der Liniemeines Schaffens.
„Im Fall .Weibsteufel' steht die Sache so: Eine einfache braveFrau wird von zwei Männern in ihren zartesten Weibsgefühlen mitFüßen getreten, indem man sie als Köder für eigensüchtige Zweckeschändlich mißbraucht. Sie wird dessen inne, durchbricht, von denzwei ,Mannwölfen' aus dem Geleise geworfen, die von der Gesell-schaft aufgerichteten sittlichen Schranken (man gebärdet sich, als