Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
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284
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v. HOLTEI

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fünf Stunden gedauert. Schleunigst mußte es geholt werden, unddem Boten folgte atemlos der Dichter, um zu hören, ob etwa einVerbot des Stückes in Sicht sei? Kunowski zuckte wieder die Achselnund fragte nun seinerseits: ob Holtei katholisch sei? Der Autor des„Dr. Faust" war darob nicht wenig verblüfft, er war sich als Prote-stant keiner Vorliebe für den Katholizismus bewußt. Das Manuskriptwurde sogleich der Hofstelle ausgeliefert und kam schneller, alsman erwartet hatte, wieder zurück. Von einem Verbot verlautetenichts — nur war der obige Dialog zwischen Faust und dem Nacht-wächter über die Reformation dick durchstrichen; nun klaffte mdem Stück eine nicht auszufüllende Lücke. „Es konnte kein Zweifelsein," sagt Holtei, „welche Hand diese lutherischen Stiche gemachthatte, und ohne weiter zu forschen, gehorchten wir schweigend •Ohne Zweifel war es der König selbst, der hier den Zensor spielte-Am dritten Jubelfest der Reformation, 1817, hatte er Lutheranerund Reformierte zu einer unierten evangelischen Kirche vereinigt,die Reformation bedeutete ihm etwas Unantastbares, Ewiges, dessenVorgeschichte überhaupt nicht mehr existieren sollte; daher hatteer 1821 ausdrücklich den ihm stets anstößigen Namen „Protestant'verboten und die Zensoren anweisen lassen, nur noch die Bezeich-nungen „evangelisch" statt „protestantisch" durchgehen zu lassen,denn, so hieß es in seiner Kabinettsorder vom 3. April, „das evan-gelische Glaubensbekenntnis gründet sich lediglich auf die HeiligeSchrift, der Name muß also davon ausgehen". Einen Zweifel an derRechtmäßigkeit und Unwandelbarkeit der Reformation wollte derKönig, wenigstens auf dem Theater mit seiner Wirkung auf die breiteMasse, keinesfalls dulden, und jener Dialog wurde nur bei der Erst-aufführung gesprochen. — „Die Ansicht, daß ein Schriftsteller, auchbei Behandlung einer Volkssage, jede poetische und mythischeWahrheit der strengen vorherrschenden Religionsform unterordnenmüsse, scheint in manchen Kreisen Berlins allgemein zu sein", fügtHoltei seiner Erzählung dieses Vorgangs hinzu. „Es kam mir zuOhren, daß ein Gardeoffizier, ein gebildeter Mann, in Gesellschaftdie Äußerung getan habe: ,Wer die erste Aufführung des Faustgesehen, möchte darauf schwören, der Verfasser sei ein Jesuit!'"Ein Dichter, der sich damals an ernsten Problemen versuchte, hattees also nicht leicht; auch Goethes „Faust" durfte sich erst in diesemJahr 1829 schüchtern auf die Bühne wagen. Zu seinem „Dr. JohannesFaust" war Holtei überhaupt erst gekommen über den mißglücktenVersuch einer Bühnenbearbeitung des Goetheschen Werkes; näheresdarüber berichtet meinBuch „J.P. Eckermann. Sein Leben fürGoethe'"(1. Band, S. 313 ff.). — Ein katholisches Element in Holteis Dich-tung empfand übrigens auch die Berliner Kritik, wenigstens deuteteder anonyme Rezensent der „Vossischen Zeitung" (F. W. Gubitz?)