Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
257
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2 57 HARTLEBEN

geräumt, auch sei die Figur der Lieschen Bode jetzt nicht mehr soanstößig. Nicht beseitigt aber seien die Anstände, die in der vomDichter beliebten Gestaltung der Titelrolle lägen. Das wurde von"ichthofen und seinem Dezernenten ausführlich begründet:

..Der Dichter sucht nicht ohne Geschick den Zuschauer für seineHeldin durch die Schilderung ihrer Selbständigkeit und ihrer mittelsei genen Fleißes und eigener Strebsamkeit erreichten Unabhängigkeitso zu erwärmen, daß der sittliche Defekt derselben als eine selbst-v erständliche und berechtigte Eigentümlichkeit dieses unabhängigenCharakters erscheinen soll.

„Hanna Jagert, die Braut des inhaftirten Conrad Thieme, knüpftein Verhältniß mit Dr. Könitz an. Daß dasselbe geschlechtlicherNatur ist, ergeben ihre Äußerungen der Mutter und ihrem Bräutigamgegenüber, sowie der Umstand, daß sie auf den Vorwurf des letzte-ren, sie habe sich dem Könitz verkauft, kein Wort der Erwiderunghat, sondern schweigend das elterliche Haus verläßt, weil sie nachihrer Ansicht von den Ihrigen nicht verstanden wird. Die Äuße-rungen des Könitz bestätigen diese Annahme.

„Nachdem die Neigung zu Könitz bei Hanna erloschen ist, folgtsie ihrem sinnlichen Triebe zu Vernier.

„Derselbe wird von dem abgedankten Liebhaber, welcher sich imBesitze des Schlüssels zu Hannas Wohnung befindet, aufgefordert,Hanna aufzusuchen. Er erscheint bei ihr nachts, beide werden sichihrer gegenseitigen Zuneigung bewußt und umarmen sich. Daß eshierbei nicht bleibt, ergiebt die schlüpfrige Schilderung der Situ-ation am Schlüsse des zweiten Akts. Jeder Zweifel an dem ge-schlechtlichen Charakter auch dieses Verhältnisses wird dem Zu-schauer benommen durch den dritten Akt. Vernier spielt in diesemAkt den von Hanna neu erwählten Liebhaber und wird als solchervon dem Dienstpersonal Hannas auch behandelt. Der geschlechtlicheVerkehr zwischen beiden ist auch nicht ohne Folgen geblieben, wievon Hanna in unzweideutiger Weise erklärt wird. Die Hoffnung,Mutter zu werden, giebt ihr die Veranlassung, ihre bisherige Unab-hängigkeit aufzugeben und Freifrau von Vernier zu werden.

„Es mag dem Autor zugegeben werden, daß er das von ihm ge-wählte Problem mit einer gewissen Decenz behandelt. Auch bedarfes keines Flinweises darauf, daß von den Beklagten nicht der Stand-Punkt vertreten wird, jede Darstellung eines außerehelichen Ge-schlechtsverhältnisses der Bühne zu verschließen.

„Wohl aber müssen Werke der Kunst, die sich in Widerspruch mitden herrschenden allgemeinen Anschauungen von Anstand und Sittesetzen, von der Bühne ferngehalten werden.

.»In der Figur Hannas werden die Grundsätze von der freien•Liebe, wie sie die Socialdemokratie lehrt, verkörpert.

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