Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
243
Einzelbild herunterladen
 

243 FICHTE

deutsche Nation" im Jahre 1824 bezeichnend und beschämend genug— von überraschender Bedeutung wird sie durch ein Aktenstück,das zwar demselben Jahr entstammt, dessen Inhalt aber auf dieZeit zurückgeht, in der jenes Werk zum erstenmal ans Licht trat.Ehe die Minister sich zur Ablehnung der Beschwerde Reimers ent-schlossen, hatte das Oberzensurkollegium sein Votum abzugeben;es tat dies durch ein „unterthänigstes Postskript" seines Präsidentendes Geheimen Oberregierungsrats Karl Georg v. Raumer, der 1808Mitglied der Oberregierungs- und Friedens Vollziehungskommissioniß Berlin gewesen war, eben jener höchsten Behörde, deren Entschei-dung bei der ersten Zensur der „Reden an die deutsche Nation" mehr-fach angerufen werden mußte (vgl. S. 239). Raumer hatte alsoin die eng beschränkte Anschauungsweise der höchsten damaligenRegierungskreise und ihrer Bureaukratie den intimsten Einblick ge-habt, so daß ihm aufs Wort zu glauben ist, wenn er jetzt, 1824, überdie schon zur patriotischen Legende gewordene Entstehungs-geschichte der „Reden an die deutsche Nation" folgende Enthüllungzum besten gab:

„Der Druck dieser ersten Auflage wurde zu Berlin zu einer Zeitbeabsichtet, da . . . Berlin fortwährend unter dem Druck der fran-zösischen Machthaber seufzete. Sowohl nach dem Frieden, bey derfortwährenden Anwesenheit dieser Gewalthaber und der franzö-sischen Heere, als vorher, während des Krieges, stieg die Frechheitder Presse, durch das Erscheinen der abscheulichsten Libelle,namentlich des Telegraphen [von dem Franzosenfreunde Dr. Lange],auf das Höchste. Unwürdige Subjecte ließen sich zu Pamphletschrei-bern und zu Censoren von den französischen Gewalthabern ge-brauchen.

In dieser Zeit nun ... als die Königlich Preußische Immediat-Friedens-Vollziehungs-Commission bestand, deren Mitglied ich war,beabsichtete Fichte den Druck dieser Reden, und wendete sichpflichtmäßig nicht an jene französische Censur, sondern an die altePreußische Censur.

Der Geist dieser Reden, welche nicht auf einmal, sondern einenach der andern erschienen und unter preußischem Imprimatur ab-gedruckt wurden, schien nun der zu seyn, daß Hoffnung, Muth,Deutscher und Preußischer Patriotismus angeregt, belebt, gestärktwurden. Ein jeder Rechtschaffene, der unter dem despotischen Druckder französischen Gewalt seufzete, freute sich dieser litterarischenErscheinung, wie eines lichten Strahles aus einer bessern Zeit, undblickte mit desto mehr Hoffnung in die Zukunft, je trauriger dieGegenwart war. Die Reden, einige Seiten abgerechnet, die in den,n ur dem Adepten der Fichte'schen Philosophie verständlichenHieroglyphen abgefaßt waren, erschienen klar, lichtvoll, kräftig.

16*