Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
86
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FICHTE 86

Familie, deren Sprößling er unterrichten sollte, fand, daß er nichtflott genug französisch parliere. Er ertrotzte sich eine Abfindung undging mit diesen Dukaten in der Tasche nach Königsberg zu Kant.

Hier wartete seiner abermals eine Enttäuschung. Der Philosophnahm den neuen Adepten seiner Lehre mit kühler Zurückhaltung auf.Himmelsstürmer dieser Art, bescheidenere und selbstbewußtere,mochten sich wohl schon oft zu ihm gedrängt haben. Fichte kamsich in der fremden Stadt ratlos verlassen, wie „aus den Wolkengefallen" vor. Erst als er am 18. August Kant ein Manuskript vor-legte, das er in fünf Wochen vollendet hatte, den „Versuch einerGritik aller Offenbarung", machte die mißtrauische Vorsicht einigemInteresse Platz; Kant las nur acht Seiten der Arbeit und schien sehrbefriedigt davon. Ein Pumpversuch aber, den Fichte daraufhin frisch-weg bei ihm machte, mißglückte völlig; doch gab ihm Kant den Rat,der in diesem Fall wertvoller war als bares Geld, sein Manuskriptdrucken zu lassen, und dazu eine wirksame Empfehlung an denPfarrer Borowski, der mit dem Verleger Härtung in Königsbergverschwägert war: Härtung möge das Werk ankaufen und sofortbezahlen.

In den nächsten Wochen kam dies erste literarische GeschäftFichtes zustande. Unterdes aber waren seine Warschauer Dukatenvöllig zusammengeschmolzen; sie hatten ihm Muße und Freiheitzur Niederschrift seines Erstlingswerkes verschafft und ihn die Dun-kelheit der nächsten Zukunft vergessen lassen. Diewieder aufsteigendeSorge wurde ebenfalls durch Kants mächtige Empfehlung gebannt:der Hofprediger und Mathematiker Schultz in Königsberg suchteeinen Hauslehrer für einen Grafen Krockow, die Bedingungen wärenungewöhnlich günstig, und als Mitte Oktober der Verleger Härtungdas Manuskript erworben und in eine Druckerei nach Halle geschickthatte, ging Fichte mit wohlgefüllter Reisekasse und voll freudigerHoffnungen nach Krockow bei Danzig ab. Diesmal lächelte ihm end-lich das Glück: er fand in Krockow ein Haus und einen Familien-kreis, die ihn alles früher ausgekostete Hauslehrerelend vergessenließen; die dort verlebten anderthalb Jahre wurden die ersten glück-lichen seines Lebens.

Die nächste Nachricht über das Schicksal seines Buches allerdingsstürzte ihn aus allen Himmeln. Härtung hatte das Manuskript nachHalle in Druck gegeben, weil er in der „Pflanzschule der irrgläubigenGeistlichen" beim Zensor besser zu fahren glaubte als in Königsberg.Aber das stramme Regiment des preußischen Ministers Wöllnerräumte überall mit der liberalen Theologie auf, das neue Zensurediktvon 1788 mahnte zur Vorsicht, und Dekan der theologischen Fakultätin Halle war noch dazu gerade einer der dortigen Pietisten, derProfessor Joh. Ludwig Schultze, kein großes Kirchenlicht. Dieser