Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
85
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FICHTE

Universität war gewiß. Ein Zufall zeigte ihm den Weg: ein Studentverlangte von ihm Unterricht in der Kantschen Philosophie, dieFichten noch völlig fremd war. Jede Möglichkeit, Geld zu verdienen,mußte er ergreifen. Er warf sich also auf diese unbekannte Philo-sophie, und das Studium Kants erfüllte ihn in kurzem so völlig, daßer sich in eine andere, bessere Welt versetzt glaubte und das Glückdes geistigen Schauens, der geistigen Freiheit ihn turmhoch über dieMisere des Tages hinwegtrug. Im übrigen ging es ihm in Leipzigschlechter, als er je befürchtet hatte. Er schriftstellerte dies und das,begann ein historisches Trauerspiel, eine Novelle und anderes, aberdie Arbeit ging ihm schwer von der Hand, denn er konnte sich seltengenugtun; er lebte von Privatstunden und Darlehen von Freundenund wußte oft nicht, wovon er die Notdurft des nächsten Tages be-streiten sollte. Was er begann, schlug fehl. Zu allem Unglück verlorsein zukünftiger Schwiegervater den größten Teil seines Vermögens.Fichte strotzte von wissenschaftlichen Plänen, begann eine Arbeit überKants „Kritik der Urteilskraft"; aber Hunger und Sorge schlugenihm die Feder aus der Hand. Die Braut rief ihn nach Zürich zurück,und noch im Frühjahr 1791 spielte er mit dem Gedanken, dort einRefugium zu suchen. Aber dann mußte er heiraten, er wurde derMann seiner Frau, eine neue Fessel kam zu den übrigen — wie sollteer aus dieser Sackgasse je wieder heraus? Er hatte mit so großenPlänen die Schweiz verlassen, er sah die enttäuschten oder auchschadenfrohen Gesichter, die ihn begrüßen würden — er war nochimmer nichts weiter als ein verkrachter Kandidat der Theologie.Diese Aussicht war ihm unerträglich: ohne Amt, noch ohne jedeAnwartschaft darauf, und schon verheiratet, fern von seinem Vater-land, in dem allein er zu wirken hoffte, in der Schweiz, wo er sichkeineswegs zu Hause fühlte, das führte in ein rettungsloses Philister-dasein hinein, dem so viele ewige Hauslehrer verfielen. Dabei hatte„eine gewisse Begebenheit" — die Fichtebiographen wissen dieseWorte in dem Schreiben an den Bruder Gotthelf vom 5. März 1791,das sich der nüchternen Auffassung im Elternhause so überraschendanpaßt, nicht zu deuten; die Pariser Ereignisse werden wohl damitgemeint sein — diese Begebenheit hatte wieder seinen ganzen „Durstin die Welt hinaus aufgeweckt" — nur ein Gewaltstreich konnteihn retten: er mußte alles auf eine Karte setzen, um entweder mitdem Schild oder auf ihm als geistig toter Mann zurückzukehren.

Er inszenierte diesen Gewaltstreich mit einer rücksichtslosen Kon-sequenz: er verschwand einfach aus der Welt, verschwand vor seinennächsten Freunden, sogar vor seiner Braut, der er fast zwei Jahrebrieflich unerreichbar blieb und bleiben wollte, bis er sagen konnte:Jetzt bin ich wer, und erst jetzt fühle ich das Recht, mein Wort ein-zulösen. Er ging als Hauslehrer nach Warschau; aber die gräfliche