Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
76
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ESSIG 7 6

tober 1917 die Genehmigung zur Aufführung von Essigs „PastorRindfleisch" aus „ordnungspolizeilichen Gründen" zu versagen. DieAblehnung berief sich auf die „Einvernahme mit dem KöniglichenKonsistorium" und schloß sich ihm durch die Motivierung an: „DieArt wie der Pastor geschildert wird, kennzeichnet sich nach dervon der Vorstellung zu erwartenden Wirkung als Verunglimpfungdes Pfarrerstandes, insbesondere des evangelischen Pfarrhauses, undist daher geeignet, die öffentliche Ordnung zu verletzen."

Um zu retten, was vielleicht noch zu retten war, entschloß sichEssig zu einer Umarbeitung, die er „leicht und ohne inneren Zwangausüben konnte", wie das Kleine Theater am 12. November demPolizeipräsidium mitteilte. „Ursprünglich sollte nämlich nicht einGeistlicher, sondern ein Schulmann im Mittelpunkt der Komödiestehen. — Um zu zeigen, daß nicht der Beruf des Helden dasWesentliche der Komödie ist, führt diese in ihrer neuen Fassungden Titel „Der Kuhhandel". Der Held ist Hauptlehrer, er ist derSchwiegersohn des Herrn Kreissekretärs (also nicht mehr des Super-intendenten). Der Küster ist Hilfslehrer und nur noch im NebenamtKüster, dementsprechend spielt sich jetzt die ganze Handlung nichtmehr in einem Dorfe, sondern in einem Marktflecken ab. An Stelleder Predigt, in der früheren Fassung, mit der der Pastor der Ge-meinde droht, tritt jetzt die Androhung eines Artikels, den derHauptlehrer im Kreisblatt veröffentlichen will. Alle erotischen Stellenwurden restlos gestrichen."

Damit waren die Bedenken des Zensors tatsächlich beseitigt, undohne nun etwa ein Gutachten des Provinzial-Schulkollegiums oderder Lehrervereine einzuholen, erteilte er am 8. November die Ge-nehmigung. Die Aufführung fand am 24. Dezember statt, führte aberzu einer lärmenden Ablehnung dieses „Kuhhandels". Ein eigensüch-tiger Schulmeister ist kein Widerspruch in sich; die Spitze der Satireist abgebrochen, daher wirkt sie stumpf und grausam. Bei der erfolg-reichen Wiederaufnahme des Stückes im Juni 1928 wurde der Pfarrerwieder in sein Recht eingesetzt, von der Umarbeitung aber der wirk-same Titel beibehalten. —

Zur selben Zeit führte Essig einen zweiten Kampf mit der BerlinerZensur, und zwar um sein Drama ,Jhr stilles Glüch —■ !", das am27. Juni 1917 vom Lessingtheater vorgelegt wurde. Der erste Lektorim Polizeipräsidium hielt ein Verbot „aus ordnungs- und sitten-polizeilichen Gründen" für angebracht, und wer sich nur an die vonihm gegebene Charakteristik hielt, mußte ihm beistimmen: „Mina,die Tochter des Zigarrenarbeiter Levy, der als polnischer Jude dasGespött der Studenten bildet, wird von einem Studenten (Heinrich)geliebt. Die Tochter der Wirtin (Else) ist neidisch, weil sie ihr dieAussicht, Heinrich zu heiraten, nicht gönnt. Da redet sie ihr ein,