Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
75
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75 ESSIG

Die Mitteilung dieser Bedenken seitens der Polizei griff dem Urteildes Konsistoriums so weit vor, daß eine andere als zustimmendeAntwort schwerlich zu erwarten stand. Diese ließ auch nicht aufsich warten, sie lautete:

„Berlin, den 12. Oktober 1917.

Wir können den dort geäußerten Bedenken über das Lustspiel.Pastor Rindfleisch' von Hermann Essig nur in allen Beziehungenzustimmen. Zugegeben, daß jeder Berufsstand sich öffentliche Kritikgefallen lassen muß und Auswüchse, wie sie vorkommen, auch lite-rarischer Behandlung unterliegen können, so erscheint uns doch indem vorliegenden Fall jedes berechtigte Maß überschritten. DieGestalt des Pastors, im Simplizissimus-Stil gezeichnet, und die derPastorin, im Stile von Meyringk, sind nicht nur grobe Karrikaturen,sie kommen vielmehr in ihrer Wirkung — ob beabsichtigt oder nicht,wir nehmen das erstere an, — auf eine Verunglimpfunghinaus, die den Pfarrerstand und insbesondere das evan-gelische Pfarrhaus in ihrer Gesamtheit treffen. Wir sollten den-ken, daß das Pfarrhaus, das immer kinderreich war, angesichts sovieler ausgezeichneter Männer, die es hervorgebracht hat, im Zeit-alter des Geburtenrückganges, zumal aber im Jubeljahr der deut-schen Reformation eine andere und bessere Wertung verdient hätte.— Indem wir uns einer literarischen Beurteilung des fraglichenStückes enthalten und nur noch hinzufügen, daß u. E. mit einerAusmerzung der geschlechtlichen Anzüglichkeiten insofern nicht ge-holfen sein würde, als ohne sie die Turmszene nahezu unverständ-lich wird, ersuchen wir dringend, der Freigabe des Stückes unterallen Umständen entgegenzutreten.

Steinhausen."

Der Vorgang ist schon seit altersher stets der gleiche. AuchMolieres Zeitgenossen beteuerten: jeder Berufsstand muß sich öffent-liche Kritik gefallen lassen — aber jeder meinte den andern; alsdann der „Tartüffe" kam, erhob sich die Geistlichkeit wie ein Mann— das überschritt denn doch „jedes berechtigte Maß", und über den„Malade imaginaire" zeterten die Ärzte. Der Dichter glaubte, einenentgleisten Typus an den Pranger zu stellen — er war doch wohlnicht so vereinzelt, denn sofort fühlte der ganze Berufsstand sichdurch diese Karrikatur kompromittiert. Und was der Geistlichkeitrecht war, erschien dem Militär billig und dem Beamtenstand undden Juristen, und schließlich erhoben sich gar die Handwerker, wenneiner von ihrer Zunft auf der Bühne eine üble Rolle spielte. Damitwar für die Polizei das öffentliche Ärgernis gegeben. Infolgedessenblieb auch der Berliner Zensurstelle nichts übrig, als am 18. Ok-