4? DEINHARDSTEIN
im Kreis der Wiener Literaten stimmte er, nach dem Zeugnis desHebbelbiographen Emil Kuh, unbefangen in den Spott über dieZensur ein. Und man tat so, als glaubte man ihm, wenn man ihmauch nicht traute. Seit er 1832 durch Ungeschicklichkeit oder Bosheitden Anlaß zu einer förmlichen Hetze gegen Grillparzer gegeben hatte(vgl. den Artikel: Grillparzer im i.Band, S.231), waltete das Mißtrauenvor, und die Erinnerungen seiner Zeitgenossen beschuldigen ihn viel-fach der Ausnutzung seines Zensoramts zu persönlichem Vorteil.August Lewald erklärte 1833 öffentlich, seine „Unterhaltungen fürdas Theaterpublicum", die in München erschienen, seien in Öster-reich sofort verboten worden, als sie sich einen Tadel an Deinhard-steins „Garrick in Bristol" erlaubten, und in den allerdings mit Vor-sicht zu bewertenden Tagebüchern des Burgschauspielers Costenoblewird ihm allenthalben eigennützigste Parteilichkeit in der Ausübungseiner Zensoramts vorgeworfen. Die zufälligen Neigungen oder Ab-neigungen seiner Vorgesetzten, vor allem des Polizeiministers v. Sedl-nitzky, waren ihm wichtiger als das Interesse der Schriftsteller. DerWiener Witz prägte darüber eine reizende Anekdote. Es war keinGeheimnis, daß Deinhardstein als Vizedirektor der Burg eine Schau-spielerin namens Denker bevorzugt hatte. Seine Ernennung zürnZensurreferenten bei der Polizeihofstelle 1841 zog sich eine Weilehin. „Warum", fragte jemand, „zögert man denn so lange, Deinhard-stein zum Zensor zu machen?" —■ „Ja, schauen's," erwiderte einschlagfertiger Wiener, „der protegirt halter zu sehr die ,Denker'!"Nach der 1845 vielbesprochenen, von Metternich höchst ungnädigaufgenommenen Petition der Wiener Schriftsteller, die nichts weiterverlangte als die Preßfreiheit, die bereits im Zensurgesetz vom Jahre1810 gegeben war, aber in der Praxis nie durchgeführt wurde, sahsich Deinhardstein, dessen Name natürlich unter jener Petition fehlte,plötzlich zum Diktator der gesamten Journalistik Wiens erhoben, so-weit sie nicht politischen Inhalts war. Es gab sogar gegen seinenRotstift keinerlei Berufung mehr. Diese Überfülle der Macht wurdeihm selbst unbehaglich, und er soll dagegen protestiert haben, weiler sich nicht mit seinen sämtlichen Kollegen von der Feder völligüberwerfen und vor ganz Deutschland eine nichts weniger als be-neidenswerte Rolle spielen wollte. Da er seit seiner Entlassung vomBurgtheater in Ungnade stand, hätte er sich nur durch besondereStrenge neue Gunst erwerben können, dabei aber gewiß sein letztesliterarisches Renommee eingebüßt. Er durfte es daher als ein Glückbetrachten, daß ihn schon 1846 eine Beschwerde der russischen Ge-sandtschaft aus diesem Dilemma befreite.
Sein eigenes schriftstellerisches Schaffen hielt sich vorsichtig inden Grenzen, die er alltäglich als Zensor fremden Schöpfungen zuziehen hatte, und wenn die Theaterdirektoren des Vormärz sich gar