Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
10
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ADAMUS IO

sie steigerten sich in Prag, als nach Überwindung der Zensurschwie-rigkeiten im dortigen „Deutschen Volkstheater" am i. Juli das Stückin Szene ging. Unterbrechung der Aufführung — Stinkbomben —Handgemenge — Verdunklung des Theaters — Verhaftungen —meldeten die Tageszeitungen in fetten Überschriften. Bei der zweitenVorstellung wiederholte sich der Tumult. Das Stück mußte abgesetztwerden.

In Berlin wurde damals Tolstois „Macht der Finsternis" verboten,aber schließlich vom Minister des Innern freigegeben. Was Tolstoirecht war, erschien Adamus billig, und am 25. Oktober reichte dasLessingtheater eine neue Bearbeitung der „Familie Wawroch" ein;sie war stark gekürzt, der Schluß des 1. und der letzte Akt gestrichen,jede Derbheit durch eine Banalität ersetzt. Von dem Kraftgenie derBuchfassung war so gut wie nichts übriggeblieben. Dem neuen De-zernenten im Berliner Polizeipräsidium, dem Regierungsrat mit demgeflügelten Namen Dumrath, der sich als gemaßregelter Landrat imwestpreußischen Kanalstreit einer gewissen Popularität erfreute,leuchtete das ein; das Verbot, erklärte er zur Überraschung seinernächsten Umgebung, könne schwerlich aufrechterhalten bleiben; undwarum auch? Die „Weber" seien bei weitem aufreizender, hier siegedas Volk über das Militär; in der „Familie Wawroch" aber werde derAufstand der Bergarbeiter niedergeschlagen. Schon daraus gehe her-vor, daß der Autor das Verhalten der Arbeiter nicht billige; jederGebildete müsse sehen, daß dem Stück eine antisozialistische Tendenzinnewohne. Daher ja auch die Lärmszenen in Wien und Prag. DiePresse habe es ebenfalls nicht anders aufgefaßt. Herr Dumrathkonnte sich dabei auf eine Erklärung des Autors vom 6. Novemberberufen, der sein Werk als ein „rein künstlerische und ethische Ten-denzen verfolgendes, durchaus auf nationalem Boden stehendesDrama" betrachtet wissen wollte, und obendrein hatte sich der neueMinister des Innern, v. Rheinbaben, der mit bedenklichen Plänen zurNeuorganisation der ganzen Theaterzensur umging, dahin ausge-sprochen, daß gegen die Zulassung des österreichischen Arbeiter-dramas nichts einzuwenden sei; so glaubte er am besten die Vorwürfeder Presse über die zunehmende Engherzigkeit der preußischen Zen-surbehörde paralysieren zu können. Daraufhin erfolgte unterm12. Dezember 1900 für Berlin die Freigabe de Stückes, das, wie manjetzt klar zu wissen glaubte, künstlerische und ethische Tendenzenverfolgte und obendrein „durchaus auf nationalem Boden" stand.

Ehe aber die Berliner Premiere von Stapel lief, hatte sich Herrv. Rheinbaben ins Finanzministerium zurückgezogen, wo es keineKonflikte zwischen künstlerischen und ethischen Tendenzen gab, undRegierungsrat Dumrath war in der Verkehrsabteilung des Polizei-präsidiums untergetaucht. Sein Nachfolger wurde Oberregierungsrat