Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
8
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ADAMUS 8

Weges von Grabbes „Scherz, List, Satire und Ironie" kam und sichmit konzentriertem Naturalismus vollgesogen hatte. Wir damals vonder jungen Generation hatten für solch gärende Wildheit, die über-schäumende Kraft vortäuschte, gewaltig viel übrig. DramatischeWucht pulsierte in diesem Proletarierstück, und wer weiß, was gewor-den wäre, wenn es im Zeitalter unserer modernen Regiebarone dasRampenlicht erblickt hätte. Gegen seine Massenszenen durften Haupt-manns „Weher" eine saubere Parade genannt werden. Dabei vermiedes jede Tendenz, und in dem Gewühl streikender Berg- und Hütten-arbeiter ragte mancher Charakterkopf auf, der wirklich gesehen war.Der alte Wawroch, ein beschäftigungsloser Trunkenbold, wird vongewissenlosen Agitatoren als Strohpuppe sozialistischer Propagandamißbraucht. Sein Sohn, ein strebsamer, begabter Mensch, hat, um dieMutter zu ernähren, Maschinenmeister bleiben müssen. Das ab-schreckende Beispiel des Vaters reizt ihn zur Opposition gegen allesoziale Bewegung; sein offener Hohn treibt die schon längst erbit-terte Arbeiterschar zum äußersten. Der Brotherr stellt ihm die Alter-native, seine Stellung aufzugeben oder zwischen Direktion und Ar-beiterschaft den Vermittler, eine Art Spitzel zu sein. Eine häuslicheSzene führt zur Entscheidung; der Sohn muß die Mutter schützenvor der Gewalttätigkeit des Vaters; dann kehrt er zurück zum Militär,um der Mutter und der entehrten Schwester ein ehrliches Brot zuverdienen. Aus dem Streik wird Revolte, das Regiment des jungenWawroch wird zum Angriff kommandiert. Im Kampf tritt der Vaterdem Sohn gegenüber und fällt von dessen Kugel. Das Gesetz schütztden Vatermörder, aber die Gewissensschuld tötet ihn. Der Konfliktwar nicht neu, aber mit einer herben Einfachheit herausgearbeitet.Und rund herum nun eine Masse Mensch, ein Lavaausbruch, wie ihndie Bühne noch nicht gesehen hatte. Warum so etwas nicht aucheinmal probieren? Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp'?

Die Rittersmänner fanden sich, zwei auf einmal traten vor. Neu-mann-Hofer vom Lessingtheater reichte das Stück am 9. März 1900dem Berliner Polizeipräsidium ein, zugleich mit Otto Brahm, der imDeutschen Theater das Ensemble des Wiener „Deutschen Volks-theaters" erwartete; dort in Wien sollte auch die eigentliche Premierevor sich gehen.

Am Alexanderplatz wirkte „Familie Wawroch" wie eine Hand-granate. Der Dezernent im Zensurbureau, Regierungsrat Hoche, er-klärte das Stück für „absolut ungeeignet, geradeso wie ,die Weber'",die aber damals ihre Eignung zur Aufführung längst erwiesen hatten;vom ersten Akt seien ernstliche Ruhestörungen zu befürchten; derzweite und dritte Akt seien sittlich so anstößig, daß auch keineBearbeitung daran etwas bessern könne. Und Brahm werde sichkeinesfalls auf Umarbeitung einlassen, da er „für gütliches Zureden