Druckschrift 
Melchior Lechter
Entstehung
Seite
10
Einzelbild herunterladen
 

10

nichts als sein Talent und seine Hände, als Bildungsmittelnichts als den sicheren Instinkt seines Herzens, die unverdor-bene, ungebrochene Seele des Knaben und einen glühendenGlauben an die Grösse und Schönheit des Weltalls brachte, ineiner Zeit, die fast in allen künstlerischen Dingen und sicherin der ganzen Anschauung des Lebens seinen Trieben feindlichoder verwirrend entgegentrat, den kürzesten Weg zu seinenMeistern, zu seinen Gefährten und zu seinem Werke. Indem ermit dem Pfunde zu wuchern begann, das ihm die Heimat mit-gegeben hatte: mit der Liebe zur Malerei und Bildnerei derhohen Gotik und zur ernsten, feierlichen Musik, suchte undfand er zunächst bei den Meistern dieser Künste die Bestäti-gung seines Glaubens, dass das heilige Erlebnis des InnerenGesichts und das ernste Ringen um seine Gestaltung die Grund-bedingungen des künstlerischen Schaffens seien.

Die niederländischen und kölnischen Meister, vor allemvan Eyck, Memling, Quentin Massys und Lochner, die frühenSienesen, Florentiner und Venetianer, vor allem Giotto, FraAngelico, Simone di Martino, Donatello, Crivelli und Botticelliwurden ihm so Gewähr seiner Auffassung der Kunst; von ihnenlernte er die Bindung der erhabensten Vorwürfe mit den feinstenmalerischen Werten, von den grossen Meistern der Kirchenmu-sik die harmonische Bändigung der gewaltigsten Gegensätze derWelt, des tiefsten Leides und der höchsten Freude, in einfachenmonumentalen Formen, von beiden die Einheit des geistigenSymbols mit dem technischen Mittel im Werke. Aber diese Ver-senkung in die Vergangenheit hat ihm keinen Augenblick deninnigsten Zusammenhalt mit den schaffenden Geistern seinerZeit genommen. Den besten hat er sich mit der ganzen Begeiste-rung seines starken Herzens hingegeben: Böcklin, Puvis de Cha-vanne,Wagner, Nietzsche, in denen die ganze Glut einer unterge-henden Zeit zusammengeströmt scheint, um sich selbst zu ver-zehren und aus der Asche zugleich das Neue gebären zu lassen,wurden die Sterne der jungen Jahre seines Strebens, Männer,in denen der Kampf um das Werk einen kaum mehr gekanntenAusdruck fand, weil ihr Flügel die zerrissene Gegenwart über-schlug, Geister, die „nichts für wahr hielten, als was ihr Werkförderte", wie Goethe von sich sagt, und die sich völlig ihremWerke hingebend wieder ganze Sphären von sinnlich-geistigemErleben in die aufgebrochenen Seelen der Jugend stürzten. Wirbegreifen, warum Melchior Lechter sie lieben, sich ihre Werkeaufs tiefste zu eigen und ihr Ringen zu seinem Vorbild machen

melchiorlechter:

KARTON

FÜR EIN

MOSAIK IM

PALLEN-

BERGSAAL

ZU KÖLN

AM RHEIN

1900