Druckschrift 
Melchior Lechter
Entstehung
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formenden Gewalt seiner geistigen Einheit, in der Mittel, Stoff und Erlebnis ihre völligeUmgestaltung erfahren und nur dienstbare Träger eines klargeschauten Ganzen sind.Wenn wir sagten, dass in dieser formenden Gewalt die Geburt eines Werkes unabhängigvom Wollen und Können geschähe, sollte damit in keiner Weise die Untätigkeit derSeele als nützlich oder gar notwendig gesetzt, sondern ihre ganze Tätigkeit zunächst indie Vorbereitung verwiesen werden, eine Forderung, die unserer Zeit nach ihreräusseren Seite, der handwerklichen Schulung — die für unseren Zweck in den Werk-mitteln betrachtet werden soll — wohl vertraut, aber nach ihrer inneren Seite, der gei-stigen Schulung so unbekannt ist, dass ihre Erwähnung auch den Wirkenden meist nurVorstellungen mittelalterlicher Mönche-Übungen erweckt, deren Werke sie im übrigendurchaus nicht als verächtlich erachten. So wenig die künstlerische Empfängnis an Ab-sicht und Entschliessung geknüpft ist, so sehr ist sie bedingt durch die Empfänglichkeit,deren tiefste Reinheit und grösste Aufnahmefähigkeit ebenso das Ziel der inneren, wiedie grösste Feinheit und umfänglichste Beherrschung der stofflich-sinnlichen Ausdrucks-mittel das Ziel der äusseren Vorbereitung ist. Die Scheidung ist in Wahrheit nur be-grifflich und in jedem wirklichen Schaffenden das Ziel nur ein einziges, aber wir be-dürfen der doppelten Spiegelgründe, um das in sich gerundete Bild des Künstlers dar-zustellen. Man wird nach diesen allgemeinen Festsetzungen besser unsern Sinn verstehenwenn wir behaupten, dass der Künstler Melchior Lechter nur zu begreifen ist aus seinerunbedingten Demut vor dem unerkennbaren schenkenden Lebensgrunde, aus seinemsteten Ringen um die Reinheit seiner künstlerischen Kräfte, aus seiner grossen Sehnsucht,alle Gefässe seines Geistes immer weiter öffnen zu lernen, um immer tieferer Offenbarungwürdig zu werden und sie im Werke gestalten zu können. Er kennt den Unterschiedzwischen dem was gnädig geschenkt und dem was hart erarbeitet wird, kennt den dop-pelten Weg zum einen Ziele und schreibt uns dadurch auch aus seinem Wesen dieeingangs erwähnten Betrachtungswinkel nach dem Inneren Gesicht, den Werkmittelnund dem immer erneuerten Ziele, dem Vollendeten Werke vor.

Die Heimat legte in dem Knaben den ersten Grund innerlicher Bildung: Dieschöne alte Stadt der Westfalen, deren Weichbild fast heute noch das Gepräge einesmittelalterlichen, in Enge wohlgeordneten Reichtums hat, während die fürstliche Weitespäterer Jahrhunderte vor den Toren zu liegen scheint; in der man durch manche Lähmeund Verstockung doch ein starkes Leben pulsen, eine rein bewahrte Kraft wirksam fühlt,war damals noch stiller und unversehrter in ihrem Wesen befangen und erfüllte die Ju-gend mit den innigen Erlebnissen des Glaubens, der freudigen Pracht der kirchlichenFeste und den reichen und überall nahen Freuden von Gärten und Land. Eine Geschlossen-heit des inneren und äusseren Lebens wie sie heute, wo alles Ruhende mehr als je er-schüttert wurde, kaum noch irgendwo denkbar ist, konnte damals dem Knaben ein tiefesharmonisches Bild der Welt vermitteln, das die beste Gewähr gegen jede Zerspellungder Kräfte durch die schwirrende Rastlosigkeit dieser Zeit, die beste Richte auf allenWegen künstlerischen und geistigen Suchens war. Auf diesem gläubig vertrauendenGrunde baute sich Mensch und Werk in steigender Einheit auf. Man hat daher die WerkeMelchior Lechters — sei es als Lob oder um sie in diesem besonderen Schubfach für