Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
237
Einzelbild herunterladen
 

jeden fachmännischen Zweifel aufrechterhalten werde, irgend-welche manifeste Sekundär-Symptome vollkommen ausblieben.Adrian erlitt einmal, in Wendeil Kretzschmars Wohnung, demer eben eine Kompositionsstudie vorlegte, eine heftige An-wandlung von Schwindel, die ihn taumeln liess und ihn zwang,sich niederzulegen. Sie ging in eine zweitägige Migräne über,die sich höchstens nach der Stärke der Unpässlichkeit vonfrüheren Anfällen dieser Art unterschied. Als ich, dem Civil-leben zurückgegeben, nach Leipzig kam, fand ich meinen Freundnach Wandel und Wesen unverändert.

XX

Oder doch nicht? - War er während des Jahrs unserer Tren-nung kein andrer geworden, so war er d.och ausgesprochenernoch er selbst geworden, und das genügte, mich zu beeindrucken,besonders da ich wohl ein wenig vergessen hatte, wie er war.

Die Kühle unseres Abschieds in Halle habe ich geschildert.

Unser Wiedersehen, auf das ich mich unendlich gefreut hatte,stand ihm in dieser Eigenschaft nicht nach, sodass ich, ver-blüfft, zugleich erheitert und betrübt, alles zu verschluckenund niederzuhalten hatte, was sich an Gefühl dabei über denHand meines Wesens drängte. Dass er mich vom Bahnhof abholenwürde, hatte ich nicht erwartet, hatte ihn auch garnichtgenau die Stunde meiner Ankunft wissen lassen. Ich suchteihn einfach, noch ohne für eigene Unterkunft gesorgt zu haben,in seiner Wohnung auf. Seine Wirtin meldete mich ihm, -und ichbetrat das Zimmer, indem ich mit froher Stimme seinen Namenrief.

Er sass an seinem Schreibtisch, einem altmodischen Sekre-tär mit Rolldeckel und aufgesetztem Schrank und schrieb Noten.

237