I NDEM ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit —gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (so daß ich wohl nur in kleinenEtappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärts schreiten können) —indem ich mich also anschicke, meine Geständnisse in der sauberen und ge»fälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papiere anzuvertrauen,beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem geistigen Unternehmennach Vorbildung und Schulung denn auch gewachsen bin. Allein, da alles,was ich mitzuteilen habe, sich aus meinen eigensten und unmittelbarsten Er«fahrungen, Irrtümern und Leidenschaften zusammensetzt und ich also meinenStoff vollkommen beherrsche; so könnte jener Zweifel höchstens den mir zuGebote stehenden Takt und Anstand des Ausdrucks betreffen, und in diesenDingen geben regelmäßige und wohl beendete Studien nach meiner Meinungweit weniger den Ausschlag, als natürliche Begabung und eine gute Kinder*stube. An dieser hat es mir nicht gefehlt, denn ich stamme aus feinbürgerlichem,wenn auch liederlichem Hause; mehrere Monate lang standen meine SchwesterOlympia und ich unter der Obhut eines Fräuleins aus Vevey, das dann freilich,da sich ein Verhältnis weiblicher Rivalität zwischen ihr und meiner Mutter —und zwar in Beziehung auf meinen Vater — gebildet hatte, das Feld räumenmußte; mein Pate Schimmelpreester, mit dem ich auf sehr innigem Fuße stand,war ein vielfach geschätzter Künstler, den jedermann im Städtchen „Herr Pro«fessor“ nannte, obgleich ihm dieser schöne, begehrenswerte Titel von Amts*wegen vielleicht nicht einmal zukam; und mein Vater, wiewohl dick und fett,besaß viel persönliche Grazie und legte stets Gewicht auf eine gewählte unddurchsichtige Ausdrucksweise. Er hatte von seiner Großmutter her französischesBlut ererbt, hatte selbst seine Lehrzeit in Frankreich verbracht und kannte nachseiner Versicherung Paris wie seine Westentasche. Gerne ließ er — und zwarin vorzüglicher Aussprache — Wendungen wie „C’est ga“, „epatant“ oder„parfaitement“ in seine Rede einfließen; auch sagte er öfters „Das goütiere ich“und blieb bis gegen das Ende seines Lebens ein Günstling der Frauen. Diesnur im voraus und außer der Reihe. Was aber meine natürliche Begabung für
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