62 CHEMISCHES UND PHYSIKALISCHES AUS PLATON
So steht Piaton vor uns als die reinst-erschlosseneBlüte echten Griechentumes und national-hellenischer Geistes-entfaltung; „er ist der priesterliche Weise, der mit mahnenderHand dem unsterblichen Geiste aufwärts den Weg weisenwill, von dieser Erde hinan zum ewigen Lichte"; „in ihmsehen wir vorbildlich für alle Zeiten das Kulturideal derMenschheit verkörpert: sich ihr Leben und ihre Wissenschaftzu gestalten." 1
Der Einfluß Piatons auf seinen Schüler Aristoteles,weiterhin auf Karneades, „den Hume des Altertumes"(213 bis 129 v. Chr.), auf Plotinos (204-269 n. Chr.),und Augustinus (354—430 n. Chr.), und durch diese,namentlich durch Aristoteles und Plotinos, auf die Denk-weise der ganzen Folgezeit, auf die Entstehung und Aus-gestaltung der christlichen Glaubenssätze, und auf die ge-samte Entwicklung des europäischen Geisteslebens, ist einso tiefgreifender und umfassender, daß er von dem keinesanderen Philosophen auch nur annähernd erreicht wird.Wenn trotz dessen auch seine Lehre nicht stets in vollerReinheit bewahrt blieb, wenn sie schon von manchen un-mittelbaren Nachfolgern, des Meisters mißverstanden, vonspäteren aber nicht selten geradezu entstellt und verzerrtwurde, so ist dies das Schicksal, dem fast ausnahmslosgerade die größten und tiefsten Schöpfungen bahnbrechenderGeister anheimfallen. Welchen Dank solche Lehrer neuerWeisheit seitens der großen Menge zu erwarten haben,darüber hat sich Piaton selbst, frei von jeder Illusion,in jenem berühmten „Mythus von der Höhle" ausgesprochen,der, in Form eines der erhabensten Gleichnisse der Welt-literatur, das Verhältnis zwischen Sein und Erscheinungder Dinge klarlegt. 2 Er lautet in Rückerts fast wörtlicher,kongenialer Übersetzung: 3
1 Worte Windelbands u. Rohdes. 2 Staat V, 518. 3 „Ge-
sammelte poetische Werke" (Frankfurt 1868; Bd. 8, S. 495).