GEDÄCHTNISREDE ZUM300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCAKTES' 491
die daraufhin aufgegeben wurde. Dieses bestimmte Descartes,dessen Erwartungen der Verlauf der fünf von ihm durchlebtenKriegsjahre wohl ohnehin wenig entsprochen hatte, seinen Ab-schied zu nehmen und die Heimreise nach Frankreich anzu-treten, die er benützte, um die wichtigsten Staaten des mittlerenund nördlichen Europas kennen zu lernen. Nach Paris zurück-gekehrt (1622), verkaufte er seine Güter und trat eine großeReise nach Italien an, gelegentlich derer er 1624 auch in Lorettosein Gelübde löste; es ist gewiß bemerkenswert, daß diese imSinne echt mittelalterlichen Kirchengeistes getane Wallfahrt be-zweckte, den Dank für die Auffindung eines philosophischenSystemes abzustatten, das dazu berufen war, nicht das Wenigstezum völligen Umstürze der alten religiösen Weltanschauungbeizutragen!
Während der folgenden Jahre griff Descartes zwar noch-mals vorübergehend zu den Waffen, und machte die denk-würdige Belagerung von La Rochelle mit, im übrigen aberlebte er ziemlich zurückgezogen in Paris, im Stillen mit immerweiterer Ausarbeitung und Vertiefung seiner Gedanken be-schäftigt. Durch das Drängen einiger Freunde verleitet, er-öffnete er diese, wie es scheint zuwider seiner eigentlichenAbsicht, gelegentlich einer Disputation einem weiteren Kreisevon Zuhörern. Der Eindruck war ein außerordentlicher, dasgrößte Aufsehen erregender; sei es nun, daß Descartes einedauernde Störung seiner geistigen Ruhe fürchtete, oder daßer Besorgnisse in politischer Hinsicht hegen mußte, - bedrohtedoch ein Parlamentsbeschluß von 1624 alle „Neuerer" mit demTode —, jedenfalls hielt er es für geboten, Frankreich zu ver-lassen. So verbrachte er denn, von wenigen Reisen abgesehen,die nächsten zwanzig Jahre, 1629 bis 1649, die besten undwichtigsten seines Daseins, in den Niederlanden; ganz un-abhängig und meist verborgen lebte er, seinen Aufenthalthäufig wechselnd, während dieser Zeit an nicht weniger alsdreizehn verschiedenen Orten, und verblieb in dauernder Ver-