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TAUBSTUMMHEIT
aber auch fast nur in der Gestalt, unter ihren Mitmenschen immer umherir-rend, durch ihre Sprachlosigkeit alles geistigen Verkehrs mit diesen beraubt,unfähig des geselligen Umganges, der geselligen Freuden und der geseiligenTugenden, unfähig, sich von der rohen Sinnlichkeit zum Bewuastsein derVernunft zu erheben, wandeln sie, gleich Einsamen und Verlassenen, mittenunter ihres Gleichen umher; nie vermögen sie ihre geistigen Kräfte durchÜbung zu entwickeln, zu bilden, zu stärken, ja diese verlieren durch ihrenNichtgebrauch selbst immer mehr und mehr ihre Spaunkraft. Alle Eindrückedie sie empfangen, sind nur augenblicklich, alle Bilder in ihrer Seele nuroberflächlich und flüchtig; sie starren Alles an, aber begreifen Nichts; sielassen es auf, aber sie können es nicht vergleichen; sie leben unter lauterErscheinungen, aber ohne über die Ursachen derselben nachzudenken, ohnedie geringste Betrachtung über sie anstellen zu können. Eine ewige Stillesherrscht um sie her, sie sind gleichsam lebendig begraben, und sie könnenes nicht einmal ahnen, dass andere Menschen sich einander besser verstehenkönnen, als sie dieselben verstehen; sie müssen diese für eben solche hör-lose Gestalten halten, wie sie selbst sind. So steht es mit ihrem Kopfe undeben so kläglich steht es mit ihrem Herzen. Immer ein Spiel der zufälligenEindrücke, welche die Dinge auf sie machen und der leidenschaftlichen Ge-fühle, welche in ihnen auflodern, wissen sie nichts von Gesetzenund Pflichten, von Recht und Unrecht; Gutes und Böses,Tugend und Laster sind für sie wie nicht vorhanden, undrohe Sinnlichkeit erstickt in ihnen jeden Funken des mora-lischen Gefühles. Nur sie selbst sind sich der Mittelpunkt, auf wel-chen sie Alles beziehen; blind und ohne alle Mässigung überlassen sie sichmit stürmischer Heftigkeit jeder aufwallenden, wilden Begierde, und kennenkeine andere Grenze derselben, als die gänzliche Ohnmacht, sie zu befrie-digen; sie erzürnen sich über jedes Hinderniss und streben wüthend, Alleszu vertilgen, was sich ihren Genüssen entgegenstellt. Immer nur an ihreEmpfindungen gefesselt, sind sie lustig und heiter, wenn diese augenehm,aber traurig und missmuthig, wenn diese unangenehm sind; und da demje-nigen, der weder auf die Zukunft denkt, noch in Verlegenheiten sich aufmancherlei Art zu helfen weiss, weit öfters unangenehme, als angenehmeFälle aufstossen; so ist Missmuth die gewöhnliche Stimmung seiner Seele.Dies ist die unglückselige Lage eines Taubstummen! Man begreift leicht,dass ihm, welchen andere Menschen desto weniger interessiren, eine jegrössere Kluft ihn von ihuen scheidet, alle feine, zärtliche, edle Regungenund Gefühle fremd sein müssen: dass er wenig theifnehmend an andererGlück und Unglück ist, weil anderer Menschen Gefühle wenig auf ihn wir-ken können, weil er ihre Freuden und Leiden wenig kennt; weil diese sichfast gar nicht mit ihm beschäftigen, sich wenig um ihn bekümmern undwenige Güte ihm erzeigen. Vergebens würde man bei solchen Menschenmenschenfreundliche, uneigennützige Gesinnungen vermuthen; Gleichgültig-keit und Misstrauen gegen ihre Mitmenschen herrscht in ihrer Seele; sie er-kennen keine Pflichten gegen Andere an, und respectiren, sobald nicht etwadie Furcht sie dazu nöthigt, keines ihrer Rechte; sie sehen Andere immernur als Werkzeuge zur Befriedigung ihrer Begierden, zur Erreichung ihrerAbsichten an, und Alles soll sich ihrem unbändigen Eigenwillen unterwerfen.-— Es ist psychologisch und pädagogisch begründet, wenn Itard (die Krank-heiten des Ohres und des Gehöres. Aus dem Französischen. Weimar, 1822.S. 475) sagt: „Die Geschichten, welche der Wissbegierde der Kinder soreiche Nahrung geben, sind dem Taubstummen nicht mitgetheilt worden, daer weder hören noch lesen kann. Die Macht der Könige, der Ruhm derHelden, die mörderischen Feldzüge der Eroberer, die gefahrvollen Abenteuerderjenigen, die ferne Gegenden bereist haben, die kühnen Thaten einesberüchtigten Räubers, die endlich ihren verdienten Lohn empfangen; Allesbleibt ihm fremd. Der Taubstumme kann also die Materialien nicht benutzen,mittels welcher wir gemeiniglich die ersten Begriffe von Gesetzen, Regie-rungen, Gerechtigkeit u. s. w. in uns aufbauen." Eschke (s. Arne-