Druckschrift 
2 (1840) L - Z. Supplemente A - Z
Entstehung
Seite
595
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

RECRUTIRUNG

595

stattfinden, Indem es eine grausame Härte und Unmenschlichkeit sein würde,diesen ihren Versorger zu nehmen. Die freiwillige Werbung, welche vor-mals, besonders in Kriegszeiten, fast allgemein war, jetzt aber nur noch ineinigen wenigen europäischen Staaten stattfindet (schon Tyrus hielt sichMiethssoldaten, die seine Mauern und Thürme bewachten, und Karthagogab diesem Systeme einen noch grössern Umfang), betrifft hauptsächlichAusländer, oder solche Inländer, die von der Conscription befreit sind.Ob das Beste des Staates bei dieser Recrutirungsart gewinne, davon sollhier die Rede nicht sein, sondern nur in so weit, als es den Gesundheits-zustand angeht, und da ist wol nicht zu leugnen, dass auch in dieser Hin-sicht die Conscription der Werbung bei weitem vorzuziehen sei; den da dieAusgelassenheit fast immer der einzige Bewegungsgrund juDger Leute ist,sich anwerben zu lassen, so ist es auch begreiflich, dass die Truppen jähr-lich mit einer Anzahl von Menschen ergänzt werden, deren Gesundheit sehrzweifelhaft ist, die ein böses Beispiel geben, auch ebenso schwer zu bildenals zu regieren sind und, meistens als ein Auswurf der Nation, dem Solda-tenstande seine Ebrwürdigkeit nehmen. Wir verlassen diesen Gegenstandund gehen zur Hauptsache, zu den ärztlichen Untersuchungen derRecruten und den Gebrechen, welche vom Kriegsdienste be-freien, über. Die Untersuchung der zum Militairdienste Pflichtigen Indi-viduen ist ein Geschäft von grosser Wichtigkeit; und zwar theils deshalb,weil die Entscheidung über die bürgerliche Zukunft so vieler Personen, überdie Tüchtigkeit derselben zu einem Berufe, der den Untüchtigen so leichtGesundheit und Leben gefährdet, den körperlich Kräftigen aber seiner bis-herigen Stellung auf eine Reihe von Jahren entfremdet, der Kenntniss undGewissenhaftigkeit eines oder einiger Schiedsrichter anheimgestellt ist; —dann aber auch, weil die zu diesem Geschäfte erwählten Sachverständigen,falls sie dem ihnen ertheilten Auftrage nicht vollkommen gewachsen sind,■ich von mehreren Seiten der grössten Verantwortlichkeit aussetzen. Hierzugehört nicht allein die medicinische und chirurgische Kenntniss aller Mängel,Fehler, Körpergebrechen und innern Krankheiten, sondern auch das Talent,mit schnellem Überblick die Qualification eines Subjects zum Militairdienstezu erkennen, Bekanntschaft mit den unzähligen Wegen des Betrugs, Krank-heiten zu simuliren, zu verheimlichen u. s. w. — Vor der Annahme einesRecruten, er mag ein Conscriptionspflichtiger oder ein Freiwilliger sein,muss jedesmal der Gesundheitszustand und die Diensttauglichkeit desselbensorgfältig untersucht werden, und hierüber hat nur der Militairarzt zu er-kennen und zu entscheiden. Es darf daher Keiner angenommen und in dieMusterrolle eingeschrieben werden, bevor er nicht von dem dazu autorisirtenund commandirten Militairarzte, der aber bei gründlichen Kenntnissen auchhinlängliche Erfahrung in diesem Fache besitzen muss, mit einem gutacht-lichen Atteste der Tauglichkeit oder Nichttauglichkeit verseben ist. In die-sem Atteste, wofür der Aussteller verantwortlich ist, muss zwar kurz, abergenau angegeben werden, nicht nur was dem Manne fehle, sondern auch,ob er für den Dienst überhaupt, oder für eine oder die andere Waffengat-tung untauglich sei, und ob sein Übel leicht, oder mit Schwierigkeit undnachtheiligen Folgen, oder gar nicht geheilt werden könne In einem zwei-felhaften Falle aber muss sein Zweifel darin ausgesprochen werden, umMassregeln nehmen zu können, die eine längere oder sorgfältigere Beobach-tung des Mannes möglich machen. Eben deswegen ist aber eine solche Un-tersuchung, zumal da sie keine hitzige (acute) und fieberhafte Krankheitenbetrifft (wovon hier nicht die Rede ist, weil bei solchen erst nach völligerGenesung eine Untersuchung zu jenem Zwecke stattfinden darf), nicht immerleicht, sondern es gehört eine Summe gründlicher medizinischer Kenntnisse,eine vollkommene Bekanntschaft mit der physiologischen und pathologischenSemiotik, viel Circumspection, Scharfsicht, ein geübter Beobachtungsgeist,feine Manier und ungemein viel Menschenkenntniss dazu, um die mancherleiHindernisse, als Dummheit, Eigens in n, Taciturni tat, Täuschung,Übertreibung, Erdichtung, Verheimlichung und das zuweilen

38*