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2 : S/S. 1886 (1887) Physiologie der Nerven und der Sinnesorgane und Entwickelungsgeschichte
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Rückenmark.

mau z. B. den Schwanz einer enthaupteten Eidechse an eine Kerzen-flamme heranbringt, so findet die Reizung auf der Seite der Kerzenflammestatt; man miisste also zunächst glauben, dass die Reflexbewegung aufderselben Seite ausgelöst würde, und somit die enthauptete Eidechse denSchwanz in die Flamme hinein bewegen würde. Dies geschieht abernicht, sondern sie wendet stets mit grosser Geschicklichkeit den Schwanzaus der Flanrme. Auf diese Weise hat Pflüger eine grosse Menge vonVersuchen an Fröschen, Eidechsen und anderen Amphibien angestellt undimmer gefunden, dass die Reflexbewegungen im hohen Grade den Cha-rakter der Zweckmässigkeit an sich tragen, ja, dass sie den Charakter vonetwas Prämeditirtem, von etwas wohl Ueberlegtem hatten, und er ist des-halb zu dem Schlüsse gekommen, dass bei diesen niederen Wirbolthierendas Bewusstsein nicht nur im Gehirne, sondern auch im Rückenmarkeseinen Sitz habe. Man pflegt diese Theorie wohl als die Lehre von derRüekenmarkssecle zu bezeichnen.

Man muss indessen mit der Beurtheilung der Erscheinungen, wiewir sie hier vor uns haben, vorsichtig sein. Man muss sich zunächstsagen, dass Reflexbewegungen in denjenigen Bahnen leichter ablaufen, inwelchen sie schon oft abgelaufen sind. Nun ist es sicher, dass ein Frosch,wenn er irgendwo von einem Reiz betroffen worden, immer gesucht hat,sich dieses Reizes aufs Zweckmässigste zu erwehren, und dass er deshalbauf den Reiz hin Bewegungen gemacht hat, wie er sie jetzt, nachdem erenthauptet wurde, ausführt. Es ist sicher, dass, wenn ein schmerzhafterReiz auf die eine Seite eines Eidechsenschwanzes eingewirkt, die Eidechseniemals den Schwanz gegen das schmerzerregende Agens hin, sondernimmer weggewendet hat, dass also voraussichtlich diese selbe Bewegung-schön öfter abgelaufen ist und deshalb nach dem Enthaupten leichter ab-laufen wird als die Bewegung in entgegengesetzter Richtung. Es ist abernoch weiter zu bedenken, ob nicht möglicherweise auch dergleichen, wennich mich so ausdrücken soll, ausgelaufene Bahnen von Reflexbewegungensich von Individuum auf Individuum forterben können, ja, dass sie in demIndividuum als ein- für allemal vorhanden, als prästabilirt angesehen werdenkönnen. Endlich muss man sich noch sagen, dass es ja ein blosser Anthropo-sophismus ist, bei zweckmässigen Handlungen und Bewegungen immerein Bewusstsein vorauszusetzen. Das thuen wir, weil unsere Handlunge7isämnitlich bewusste Handlungen sind. Es ist aber durchaus nicht derBeweis geliefert, dass Zweckmässigkeit immer ein Bewusstsein voraussetze,und dass es keine zweckmässigen Handlungen geben könne, ohne dass die-selben zum Bewusstsein gelangen. Der eigentliche Beweis für das Vor-handensein eines Bewusstsein kann niemals durch die blos anscheinendeoder wirkliche Zweckmässigkeit der Bewegungen, die ausgeführt werden,oder durch die Zweckmässigkeit der •Veränderungen, die an einem Thierevor sich gehen, geliefert worden. Den aus der Analogie geschöpften Ver-muthungen stehen andere Thatsachen gegenüber, welche es nicht wohl zu-lassen, auch im Rückenmarke ein individuelles Bewusstsein anzunehmen.

Wir versetzen also das Bewusstsein und die Intelligenz ausschliesslichin das Gehirn, und in Rücksicht auf den Menschen und die höherenWirbelthiere herrscht darüber unbedingte Einstimmigkeit. Es fragt sichnun, welches sind die Gründe, die wir dafür anführen können. Wirwissen zunächst, dass das Bewusstsein schwindet, wenn das Blut nicht in

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