Radicaltheorie.
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Die Verbindungen des Cyans erleiden Umsetzungen, welche denender Verbindungen der Salzbildner vollkommen analog sind:
Chlornatrium und Schwefelsäurehydrat geben schwefelsaures Natrium undChlorwasserstoff:
2NaCl -f- 2(HO)S 2 0 6 = 2 (Na 0) S 2 O c -f- 2 HCl
Cyannatriuni und Schwefelsäurehydrat geben schwefelsaures Natrium undCyanwasserstoff:
2NaCy + 2(HO)S 2 0 6 = 2(NaO)S 2 O 0 -f- 2HCy.Cyankalium und Chlorwasserstoff geben Chlorkalium und Cyanwasserstoff:KCy + HCl = KCl -f HCy,
es können sich demnach Chlor und Cyan in Verbindungen ersetzen odervertreten.
Diese Beispiele genügen, um den Begriff organischer Radicale zuerläutern, sie zeigen aber auch, dass die der Radicaltheorie zu Grundeliegende Anschauung von der Gruppirung der Atome, oder der Atomcom-plexe in den organischen Verbindungen die dualistische war und die An-ordnung der Bestandtheile in selben , mit' jener in den anorganischenVerbindungen in vollkommene Uebereinstimmung gebracht wurde, mitdem einzigen Unterschiede, dass bei letzteren einfache, bei ersteren zu-sammengesetzte Radicale fungirten.
So wie das weiter oben als Beispiel benutzte Aethyl: C4 H 5 , wurden Zusammeu-zahlreiche andere aus Kohlenstoff und Wasserstoff bestehende Atomgrup- organischenpen als Radicale aufgefasst. Andere Radicale enthielten wie das obenebenfalls erwähnte Cyan, Kohlenstoff und Stickstoff als Elementarbestand-theile; wieder andere enthielten Kohlenstoff und Schwefel. Aber auchternär zusammengesetzte Atomgruppen, z. B. aus Kohlenstoff, Wasser-stoff und Sauerstoff, oder aus Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel zusam-mengesetzte, wurden als Radicale auf Grund ihrer Functionen in den Ver-bindungen angenommen. Von ganz besonderem Interesse endlich wares, als man in gewissen Verbindungen Atomgruppen als Radicale fungi-ren sah, welche Metalle enthielten, und zwar in so eigentümlicher,inniger Weise gebunden, dass diese Metalle durch Reagentien nicht nach-zuweisen waren, oder richtiger erst dann nachzuweisen waren, wenn diesolche Metalle enthaltenden organischen Verbindungen zerstört, d. h. ver-brannt, oder sonst in tief greifender Weise zersetzt waren.
Es liegt nahe, aus dem Begriffe der organischen Radicale zweiAttribute derselben zu folgern, nämlich ihre Unveränderlichkeit undihre Isolirbarkeit. Was die erstere anbelangt, so genügt es, um dasIrrthümliche einer solchen Auffassung zu erkennen, darauf hinzuweisen,dass sie ja als zusammengesetzt erkannt, sohin in ihre Elemente zer-legt sind, und dass man unter Radicalen von vornherein solche Atom-gruppen chemischer Verbindungen verstand, welche bei gewissen che-mischen Reactionen unangegriffen blieben, was nicht ausschloss, dass