Druckschrift 
Anorganische Chemie
Entstehung
Seite
115
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

Annäherung der Molecüle.

115

des chlorsauren Kalis nicht abhängig, und daher vermag dieses Salzauch unter ausserordentlichen Drucken das zur Gewinnung von flüssigemSauerstoff' notkwendige, bereits sehr stark condensirte Gas zu liefern.Das Verhalten des chlorsaüren Kalis beruht darauf, dass es eine endo-th er in i sclie, d. h. aus seinen Spaltungsproducten unter gleichzeitigerWärmeabsorption entstehende Substanz ist. Dieselbe lässt sich daherauch nur unter Einführung der nöthigen Hilfsenergien in den Bildungs-process, also auf einem Umwege, oder wie man gewöhnlich sagtaufindirectem Wege" darstellen.

Annäherung der Molecüle unter Lockerung ihrer Gomponentenals Vorbedingung chemischer Processe.

I >as einfache Zusammenreiben zweier fester Körper genügt bei ge-wöhnlicher Temperatur in der Regel nicht, um chemische Wechsel-wirkung derselben zu veranlassen: dazu bleiben unter diesen Bedin-gungen die kleinsten Theilchen meist in zu grosser Entfernung. NachUntersuchungen von Spring (1883) werden jedoch häufig fein pulvc-risirte feste Körper durch sehr hohe Drucke in so innige moleculareBerührung gebracht, dass sie auf einander einwirken können: unter6500 Atmosphären vereinigt sich z. B. Schwefelpulver mit den Feil-spähnen von Eisen, Kupfer, Blei, Zink und anderen Metallen zu denSulfiden dieser letzteren. Die gewöhnlichste Vorbedingung chemischerReaction zwischen zwei Substanzen ist die, dass deren Molecüle durchSchmelzung, Verdampfung oder Lösung von mindestens einer derselbenin möglichste Nähe kommen.

Aber auch die vollständigste Mischung zweier Gase oder Flüssig-keiten ist nicht immer ausreichend, eine zwischen denselben möglicheReaction hervorzurufen. Sauerstoff und Wasserstoff vereinigen sich erstgegen 700° oder beim Durchschlagen des elektrischen Funkens unterheftiger Explosion zu Wasser (S. 28 und 85); ebenso kann man gleicheVolume Chlor Cl 2 und Wasserstoff H 2 im Dunkeln mischen und beliebiglange aufbewahren, ohne dass Umsetzung zu Chlorwasserstoff (s. d.) statt-findet erst beim Erhitzen oder Belichten erfolg! diese Reaction, dannaber gleichfalls mit grosser Heftigkeit. Neuere Versuche von RaoultBietet (1892) haben an einer grossen Zahl reäctionsfähiger Flüssigkeitendargethan, dass bei seh r n i edr ig er Temperatur jede chemischeReaction unterbleibt. Bei 80° wirkt Schwefelsäure nicht mehrauf concentrirtes Ammoniak ein, ebenso ist bei dieser Temperatur Na-trium indifferent gegen Alkohol u. s. w., so dass unterhalb 125° über-haupt keine chemische Reaction mehr stattfindet.

Eine solche tritt immer erst ein, wenn durch genügend hohe Tem-peratur, durch Elektricität, durch Belichtung und andere Einflüsse eineDissociation der Molecüle in ihre Componenten oder doch mindestense 'ne Lockerung der Atombindungen in den Molecülen erfolgt ist, hin-reichend um die verschiedenartigen Atome oder Atomcomplexe in einen^ustand grösserer Anziehung zu versetzen, als diejenige ist, welchedann noch zwischen den gleichartigen Atomen besteht. Bei 700° werdenz - B. die Anziehungen der H-Atome in H 2 , sowie der O-Atome in 0 2

8*