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4. Abschnitt: Die Alchemie im Orient.
Die Entstehung der so merkwürdigen und vom rein chemischenStandpunkte aus ganz unbegreiflichen, ja völlig widersinnigen Theorievom Schwefel und Quecksilber als den Grundlagen sämtlicher Stoffe undwesentlichen Bestandteile der Metalle, — einer Theorie, die trotz ihrerAbsurdität fast anderthalb Jahrtausende lang in unvermindertem Ansehenblieb und vielen noch im 18. Jahrhundert durch die analytischen Unter-suchungen hervorragender Gelehrter keineswegs endgültig widerlegt er-schien —, wird daher nur verständlich, wenn man sich gegenwärtig hält,daß sie, allem Dargelegten zufolge, überhaupt nicht an der Hand che-mischer Voraussetzungen abgeleitet wurde und werden konnte, sondernnur auf Grund philosophischer, und zwar allein der oben erwähnten,ausschließlich für ganz bestimmte spätgriechische Schulen charakte-ristischen.
Dieser Umstand ist von besonderer Wichtigkeit für die Lösung ge-wisser, im übrigen nur schwierig aufzuklärender geschichtlicher Fragen,die die Ausbreitung der Alchemie betreffen; denn sobald, auch in anscheinendganz entlegenen Kulturkreisen, die dogmatische Lehre vom Schwefel undQuecksilber als Ursubstanzen auftaucht, wird man mit größter Wahr-scheinlichkeit schließen dürfen, daß sie nicht zufälligerweise in aller ihrerEigenart zum zweiten Male entwickelt, sondern in bereits fertig ausgebildeterGestalt von außen her übermittelt worden sei.
3. Das „Steinbuch des Aristoteles".
Das noch von Berthelot, vermutlich auf das Urteil älterer Orien-talisten hin, als wichtige Quelle fiüharabischer Alchemie angesehene sog.„Steinbuch des Aristoteles" kann zwar als solche, den neuesten ein-gehenden Untersuchungen Ruskas x ) zufolge, nicht mehr in Betrachtkommen, enthält aber immerhin sehr vieles für die Geschichte der Chemieund Alchemie höchst Merkwürdige und Beachtenswerte. Das Buch istnach Ruska syrisch-persischer Herkunft und ursprünglich noch vor demJahre 850 in arabischer Sprache von einem mit der griechischen und per-sischen Litteratur wohlvertrauten Syrer niedergeschrieben, vielleicht vondem 873 verstorbenen, berühmten Universalgelehrten Honein (Hunain)ibn Ishaq 2 ); diese erste arabische Passung, die mehrfach in die hebräischeund aus dieser wieder in die lateinische Sprache übersetzt wurde undnur die Edelsteine nebst einigen anderen seltenen und auffälligen Steinenbehandelt zu haben scheint, ist als ältestes Dokument arabischer Mineralogieanzusehen 3 ). Leider blieb sie aber in unveränderter Gestalt weder imOriginal noch in Übersetzung erhalten, vielmehr sind die uns vorliegendenTexte Ergebnisse vielfacher und oft wiederholter Erweiterungen und Inter-polationen, die von sachkundigen, teils orientalischen, teils spanischenmuslimischen Gelehrten herrühren: diese fügten zunächst die Metalle nebst
x ) Ruska, „Das Steinbuch des Aristoteles" (Heidelberg 1912). — Einige Zu-sätze s. bei Seybold, „Zeitschr. d. Deutschen Morgenland. Ges.", Bd. 68, 606.
2 ) Ruska 43, 45, 92. Alle weiteren Zitate dieses Absatzes, bei denen nichtsBesonderes angegeben ist, beziehen sich auf Ruskas Ausgabe. 3 ) 66.