Schlußkapitel.Das ontogenetische Causalgesetz 1 ).
In den vorausgegangenen Kapiteln haben wir an zahlreichen Bei-spielen kennen gelernt, daß wie die einzelne Wirbeltierart im ganzen,.so auch viele Organe eine Reihe komplizierter Metamorphosen durch-machen, ehe sie ihren funktionellen Endzustand erreichen. Von einemeinfachen, mehr oder minder indifferenten Anfangsstadium an, inwelchem ein Organ für uns überhaupt zuerst unterscheidbar wird, führtdie Entwicklung unter fortschreitender Differenzierung zu einem zweiten,dritten, vierten Stadium usw., in denen sich die Formbildung in einerfür die betreffende Art immer charakteristischer werdenden Weise voll-zieht. Beim Studium dieser Metamorphosen, die mit einen Hauptreizder entwicklungsgeschichtlichen Studien bilden, ist es schon älterenEmbryologen aufgefallen, daß nicht nur die höheren Wirbeltiere im ganzenals Embryonen, sondern auch ihre einzelnen Organe in bestimmten Em-bryonalstadien Formzustände durchlaufen, die eine gewisse und zuweilenrecht auffällige Ähnlichkeit mit Vertretern von systematisch tiefer stehen-den Tierklassen zeigen.
Ein paar Beispiele werden das wichtige Verhältnis, aus dem ein-zelne Forscher weittragende Konsequenzen gezogen haben, deutlichmachen. Wie im IX. Kapitel gezeigt wurde, bieten in früher Embryonal-zeit die Embryonen der Reptilien, Vögel und Säugetiere eine gewisseÄhnlichkeit mit fischartigen Wirbeltieren dadurch dar, daß sie zu beidenSeiten des Halses vier Paar Schlundspalten und Schlundbögen und indiesen Skeletteile entwickeln, die bei vergleichend-anatomischer Unter-suchung dem Viszeralskelett der Fische homolog sind (Fig. 176 u. 200).
1) Um den Leser über einige allgemeine prinzipielle Fragen der Entwicklungs-lehre aufzuklären, habe ich der vierten Auflage der Elemente zum erstenmal nochein besonderes Schlußkapitel theoretischen Inhalts hinzugefügt. Ich habe in ihmGedankengänge, welche ich schon an anderen Orten und in anderen Zusammen-hängen ausgesprochen habe, zum Teil mit denselben Worten, zum Teil in veränderterFassung und Gruppierung wiedergegeben. Ich verweise auf die drei Auflagen meinerallgemeinen Biologie (III. Auflage, Kap. 28: Die Biogenesistheorie und das bio-genetische Grundgesetz, S. 666—675), ferner auf Band III des Handbuchs der ver-gleichenden und experimentellen Entwicklungsgeschichte der Wirbeltiere, 1906, Kap. X:Über die Stellung der vergleichenden Entwicklungslehre zur vergleichenden Ana-tomie, zur Systematik und Deszendenztheorie (das biogenetische Grundgesetz, Palin-genese und Cenogenese), endlich auf die gemeinverständliche Darstellung im I. Jahr-gang der Internationalen Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik, 1907::,,Das biogenetische Grundgesetz nach dem heutigen Stande der Biologie".