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Die Elemente der Entwicklungslehre des Menschen und der Wirbeltiere : Anleitung und Repetitorium für Studierende und Ärzte
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Viertes Kapitel.

Für das Hühnerei kann man sogar, ohne die Kalkschale zu öffnen,,nach einer aus vielen Erfahrungen gezogenen Eegel mit großer Wahr-scheinlichkeit angeben, was für eine Lage der sich entwickelnde Embryoeinnehmen wird. Wenn man ein Ei so vor sich hinlegt, daß der stumpfePol nach links, der spitze nach rechts sieht, so zerlegt eine die beidenEipole verbindende Linie die Keimscheibe in eine dem Beobachterzugekehrte Hälfte, welche zum hinteren Ende des Embryo wird, und ineine vordere, zum Kopfende sich entwickelnde Hälfte. Schon währenddes Furchungsprozesses zeigen beide Hälften unterscheidende Merk-male. Denn vorn verläuft die Furchung an der Keimscheibe etwas lang-samer als hinten. Dort findet man daher größere, hier kleinere und zahl-reichere Embryonalzellen.

Aus derartigen Wahrnehmungen und an sie geknüpften Betrach-tungen ist die Auffassung entsprungen, daß „es auf dem Wege rück-läufiger Verfolgung gelingen müsse, am befruchteten oder selbst amunbefruchteten Ei, also in einer Periode mangelnder, morphologischerGliederung, den Ort für die Anlage eines jeden Organs räumlich zubestimmen", daß es also organbildende Keimbezirke geben müsse.

Mit dieser Vorstellung verbinden Wilson und einige andere Forschernoch die weitere Annahme, daß in den organbildenden Keimbezirkendes Eies besondere formative oder „morphoplasmatische" Stoffe ent-halten sind.

Indessen will mir scheinen, daß ein großer Teil der Tatsachen,welche zum Prinzip der organbildenden Keimbezirke die Veranlassunggegeben haben, sich in einer anderen, einfacheren Weise erklären lassen.

Wie schon auf S. 3, 6 und 35 dargelegt wurde, setzt sich die reifeEizelle, besonders wenn sie eine beträchtliche Größe erreicht, aus ver-schiedenartigen Substanzen von ungleichem spezifischem Gewicht undvon sehr verschiedenem Wert für die Lebensprozesse, aus Protoplasmaund aus Dottereinschlüssen, zusammen. Schon während ihres Wachs-tums im Eierstock, hauptsächlich aber während der letzten Stadien derKeife und der Befruchtung werden die verschiedenen Substanzen, sowohlnach ihrer Schwere als auch nach anderen Verhältnissen im Eiraume un-gleich und in einer für die einzelnen Tierklassen charakteristischen Weiseverteilt. Die Eizellen erhalten dadurch eine für die einzelnen Tierklasseneigentümliche Organisation. Unter anderem spricht sich diese auch inder schon früher (S. 7) beschriebenen polaren Differenzierung aus.Polar differenzierte Eier müssen, da ihr Schwerpunkt exzentrisch zu liegenkommt, sofern nicht andere Momente der Schwerkraft entgegenwirken,eine feste Ruhelage im Kaume einzunehmen suchen und ihre aus leich-terer Substanz bestehende Fläche (die animale Polseite) nach oben,die entgegengesetzte, schwerere (vegetative) Fläche nach unten richten.

Außer dieser polaren Differenzierung bildet sich bei manchen Ei-zellen zugleich noch eine bilateral-symmetrische Organisation aus: dieSubstanzen von ungleicher Schwere und verschiedenem physiologischemWert verteilen sich gleichmäßig zu beiden Seiten einer Symmetrieebene.Da die Symmetrieebene sich stets der Schwere nach senkrecht einstellenwird, kommt ihr auch noch die Bedeutung einer Gleichgewichtsebenezu. Alles das sind Eigenschaften, wie sie ebensogut an jeder anderenZelle, die sich mit Nährmaterialien reich versorgt, eintreten können.

Die in der Form des Eies und in der Differenzierungseines Inhaltes gegebenen Verhältnisse üben nun auf eineganze Reihe von Entwicklungsprozessen, am meisten aber auf