Druckschrift 
3 (1912) Dicotyledones : (I. Teil)
Entstehung
Seite
478
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

478

scheint auf Beziehungen der Pflanze zum Aberglauben zu beruhen. Der hl. Christoph gilt nämlich im Volkals Patron der Schatzgräber; auch gibt es einChristofel-Gebet", das die Schatzgräber bei ihrem geheimnis-vollen Tun hersagen sollen. In der Schweiz heisst unsere Pflanze auch Hexe(n)-chrut. Auf die Giftigkeitweisen die Benennungen Wolfsbeeren (Böhmerwald), Wuhlefswurzel (Siebenbürgen), Teufelsbeere(Schwäbische Alb), Hundebeere (Schlesien), Gi ftschwanz (Moselgebiet), Hühnertod (Franken), Juden-kirsche (Nordböhmen), Wanzenchru t (Schweiz) hin; auf die Verwendung als Heilmittel Heil allerWunden, Heilundwundbeere (Thüringen), Mutterbeeren (Eifel), Fläckachrut [gegen Hautflecken?](St. Gallen), Kälberkraut [den Kühen nach demKälbern" gereicht!] (Riesengebirge). Nach der Blütezeitum die Zeit der Sonnenwende heisst das Christophskraut in Niederösterreich Sunawend-, Johanneskraut.Schwarz-Anna-Kraut (Schwäbische Alb) bezieht sich wohl auf die schwarzen Beeren unserer Pflanze.

Ausdauernde, unangenehm riechende, 40 bis 65 cm hohe Staude. Wurzelstockkräftig, schwarzbraun, knotig, schief absteigend. Stengel aufrecht, kahl, + verzweigt, be-blättert. Laubblätter gross, langgestielt, 3-zählig gefiedert, mit 1- bis 2-fach gefiederten,scharf und unregelmässig gesägten Abschnitten. Endfiederchen länglich-eiförmig, spitz,oft fast 3-lappig. Blüten in meist vielblütigen, end- oder blattachselständigen, gedrängten,eiförmigen Trauben. Blütenhüllblätter 4 bis 6, weiss, an der Spitze zuweilen violett, meistbald abfallend. Honigblätter 4 bis 6, flach ausgebreitet, spateiförmig, lang benagelt, ohneHoniggrube, weiss (Taf. 113, Fig. 1 f, h). Staubblätter zahlreich, länger als die Blütenhüll-blätter, mit auf dem verdickten Konnektiv divergierenden kugeligen Pollensäcken (Taf. 113,Fig. 1 g). Staubfäden weiss, zuweilen leicht violett. Fruchtknoten birnförmig, mit breitersitzender Narbe und zahlreichen anatropen Samenanlagen mit 2 Integumenten. Fruchteine zuerst grüne, später glänzend schwarze, eiförmige, ca. 1 cm lange Beere. Samen in2 Reihen angeordnet (Taf. 113, Fig. 1 b, c), 4 mm breit, braun, halbkreisförmig, flachgedrückt(Taf. 113, Fig. ld, e). V bis VII.

Ziemlich häufig (aber meist einzeln) und verbreitet in schattigen, feuchten Laub-wäldern, Holzschlägen, in Schluchten, an Bachufern, zwischen Gestein; von der Ebene(hier nicht überall; fehlt z.B. in der ganzen nordwestdeutschen Tiefebene) bis in die sub-alpine Region (besonders häufig in der Bergregion); vereinzelt bis 1900 m (Maloja imOberengadin).

Allgemeine Verbreitung: Fast ganz Europa (nördlich bis Norwegen undSchottland; im Süden nur im Gebirge), gemässigtes und arktisches Asien (östlichbis China).

Aendert wenig ab: var. acuminäta (Wall.) Gurke (Engler's Botan. Jahrbücher Bd. XII. 1892,pag. 308). Laubblätter schmäler, an der Spitze lang ausgezogen (Niederösterreich [z B. Baden bei Wien],Ungarn, Bosnien und in Asien). var. aquilegif ölia Dageförde et Hegi (Fig. 445h). Teilblättchen breiterund stumpfer, am Rande gekerbt-gesägt, das Endblättchen besonders breit (bis S cm) und oft deutlich 3-Iappig(Gehrdener Berg bei Hannover; leg. Dageförde). Eine kleinblütige Form (Blütenhüllblätter kaum 2 mm lang)wird aus Kärnten beschrieben. Vereinzelt sind Exemplare mit vergrünten oder halbgefüllten Blüten, sowie mitunverzweigten Blütentrauben beobachtet worden. Nicht allzu selten findet man ein Hochblatt in ein kleinesLaubblatt umgewandelt. Die honiglosen Blüten sind als proterogyne Pollenblumen zu bezeichnen, welche vonKäfern und Geradflüglern besucht werden. Die Pflanze gilt allgemein als giftverdächtig. Der Wurzelstock,welcher demjenigen von Helleborus niger sehr ähnlich sieht, galt früher als Radix Christophorianae oder radixAconiti racemosi als Heilmittel und wurde äusserlich gegen Hautkrankheiten, innerlich gegen Asthma undKröpfe angewendet. Actaea spicata ist ein weithin verbreiteter Buchenbegleiter (vgl. pag. 98), welcher jedochnirgends in hervortretender Menge erscheint. Besonders verbreitet ist die Art in den Bergwäldern, wo siegern in Begleitung von Elymus Europaeus, Carex silvatica, Luzula silvatica, Allium ursinum, Polygonatumverticillatum, Convallaria maialis, Stellaria nemorum (pag. 350), Aconitum Vulparia, Ranunculus silvaticusund lanuginosus, Thalictrum aquilegifolium, Impatiens Noli tangere, Epilobium montanum, Circaea Lutetiana,Mercurialis perennis, Sanlcula Europaea, Aegopodium Podagraria, Heracleum Sphondylium, Primula elatior,Lysimachia nemorum, Stachys alpinus und silvaticus, Lonicera nigra und alpigena, Phyteuma spicatum, Pre-nanthes purpurea, Lactuca muralis, Crepis paludosa, Hieracium murorum, Aruncus Silvester, Rubus saxatilis,Pirola secunda, Geranium Robertianum etc. erscheint. In Bayern (Bezirksamt Friedberg) steht Actaea auf derListe der gesetzlich geschützten Pflanzen.