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0. Wallach : Organische Chemie:

Erste Einblickein den innerenBau der Kohlen-stoffverbin-dungen.

Den ersten Einblick in den Bau der Kohlenstoffverbindungen erhieltman in einer Weise, die man in gewissem Sinne auch als älteste analytischeMethode bezeichnen kann. Man brachte die Substanzen durch Erhitzen auf hoheTemperatur zum Zerfall (zur Dissoziation, wie wir heute sagen) und schloßaus den gewonnenen Produkten der „trockenen Destillation" auf die Natur desAusgangsstoffes. Das ursprünglich rohe und systemlose Verfahren wurde inder Folge erheblich verfeinert und führte zu einer Methodik des planmäßigenAbbaus. D. h. durch die schrittweise Zerlegung eines Moleküls in einfachereKomplexe suchte man sich über den Zusammenhang seiner Bestandteile zuunterrichten. Der Fortschritt der Untersuchungsmethode läßt sich durch einwohl auch sonst schon gebrauchtes Bild ziemlich zutreffend erläutern. Wennman von dem Situationsplan und der Einrichtung eines weitläufigen Gebäudesein Bild erhalten will, wird das nur in höchst unvollkommenem Maße gelingen,wenn man das Gebäude durch Anwendung roher Gewalt zum Zusammenbruchbringt und dann aus den Trümmern Schlüsse auf den ursprünglichen Zusammen-hang des Baues zu ziehen sucht. Man wird aber zu sicherem Ziele gelangen,wenn man vom Dach beginnend schrittweise das Gebäude abträgt und sich soin alle Einzelheiten der Einrichtung vom Dach bis zu den Fundamenten einenEinblick verschafft. Die Entwicklung dieser Methodik des Abbaus organischerVerbindungen und der Feststellung der — wenn man, um im Bild zu bleiben,so sagen darf — eigenartigen „Einrichtungen" eines Moleküls hat im Lauf derZeit einen so hohen Grad von Vervollkommnung erreicht, daß die diesbezüg-lichen Untersuchungen mit ähnlicher Sicherheit gehandhabt werden können,wie etwa der analytische Gang zur Auffindung der Elemente in einer unorgani-schen Substanz. Damit ist die Kenntnis der Natur der organischen Verbindungenmächtig gefördert. Davon, daß dem Abbau der künstliche Wiederaufbau(die „Synthese" der Verbindungen aus den gewonnenen Bruchstücken) zurSeite getreten ist, und von der besonderen Bedeutung dieser Tatsache wirdnachher die Rede sein. Zunächst mag auf die Konsequenzen, die man aus denArbeiten über die chemischen Metamorphosen und speziell den Abbauorganischer Verbindungen ziehen kann, hingewiesen werden.

Als einfaches und leicht verständliches Beispiel dafür, wie sich die che-mischen Schlußfolgerungen bezüglich des Baues einer Verbindung gestalten,mag das der Essigsäure herangezogen werden. Analyse und Molekulargewichts-bestimmung führen zu der Formel C 2 H 4 0 2 ; d. h. die Essigsäure enthält 2 Koh-lenstoff-, 2 Sauerstoff- und 4 Wasserstoffatome. Aus einer großen Reihe che-mischer Umsetzungen, denen man die Essigsäure unterwerfen kann, folgt, daßin der Essigsäure ein Sauerstoff- und ein Wasserstoffatom in derselben Weis everknüpft enthalten sind, wie im Wasser, daß sie also die OH- (HydroxyWGruppe enthält. Diese Gruppe läßt sich z. B. (mit Hilfe von Chlorphosphor)gegen Chlor austauschen, man kommt dann zum Essigsäurechlorid C 2 H 3 0C1,das in Berührung mit Wasser unter Salzsäureentbindung wieder zu Essigsäurewird: C 2 H 3 0C1 + H 2 0 = C 2 H 3 0 . OH + HCl. Diese Reaktionsfolge be-weist, daß die Essigsäure Hydroxyl enthält. Auf der anderen Seite zerfäll r >