166
Sauerstoff.
Die Zeichnung läßt den Betrieb mit der Hildebrandtschen An-lage leicht erkennen. Dies führt auf die Besonderheiten, welche flüssigeLuft im Vergleich mit den schon erwähnten, verflüssigten Gasen be-dingt.
Die flüssige Luft hat unter Atmosphärendruck eine Temperaturvon etwa: —190°. Sie würde bei gewöhnlicher Zimmerwärme ingeschlossenen Behältern so starken Druck entwickeln, daß die beiSchwefeldioxyd erwähnten Vorschriften für verflüssigte Gase nicht an-wendbar sind.
Für den Verkehr mit flüssiger Luft haben daher zunächst offene,doppelwandige Flaschen eingeführt werden müssen.
Durch Auspumpen des Zwischenraums der Wandungen ist dieWärmeleitung, durch metallischen Überzug die Wärmestrahlung ver-mieden. In diesen, nicht luftdicht verschlossenen Flaschen findet nunauch die Versendung statt, wobei in passender Weise Erschütterungund Umfallen zu vermeiden ist. Die Flaschen stehen in Drahtkörbenmit Filzeinlagen. Neuerdings ist es auch gelungen, solche doppel-wandige Behälter aus Porzellan herzustellen.
Für die Gewinnung von Sauerstoff ist es wesentlich, daß dasGemenge zuerst Stickstoff abdunsten läßt, so daß Sauerstoff zunächstnoch im flüssigen Zustande verbleibt. Man erkennt dies an dem ge-wöhnlichen Verhalten des Sauerstoffs und sieht insbesondere, daßflüssiger Sauerstoff sehr stark wirkt. Kohle verbrennt in reinem Sauer-stoff mit intensivem Lichte.
In der Tat steht die Sache so, daß der Siedepunkt des flüssigenStickstoffs bei Atmosphärendruck gleich —194° und derjenige desSauerstoffs gleich —180,5° ist.
Damit hängt es zusammen, daß der in verflüssigter Luft vorhandeneSauerstoff in den offenen Behältern ziemlich lange erhalten bleibt.Durch die Verdunstung des Stickstoffs bildet sich in dem Halse derFlaschen eine Gasschicht, welche beim Mangel starker Erschütterungkein großes Bedürfnis zum Austausch mit der Luft hat, weil sie kälterund deshalb schwerer ist. So kommt man dazu, nach Verdunstungdes Stickstoffs brauchbaren Sauerstoff zu haben.
Es ist ferner zu beachten, daß bei der Verflüssigung der LuftSauerstoff zuerst flüssig wird. Die ersten Tropfen, die sich aussondern,enthalten fast 50 °/o Sauerstoff und der letzte Tropfen, der bei der Ver-flüssigung entsteht, ist ein Stickstoff, der etwa 7°/o Sauerstoff enthält.
Alles dies wird benutzt, wenn der flüssige Zustand nur als Hilfs-mittel der Trennung dient und schließlich Sauerstoff in der üblichenGebrauchsform — also gepreßtes Gas — herzustellen ist.