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Lehrbuch der Botanik für Hochschulen : mit 667 Abb.
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ZWEITER THEIE.

Specielle Botanik.

Die specielle Botanik ist die specielle Morphologie und Physiologie derGewächse. Während der allgemeinen Botanik die Aufgabe zufiel, uns mitden Gesetzen bekannt zu machen, welche die Gestaltung und die Lebens-vorgänge im ganzen Pflanzenreich beherrschen, soll uns die specielle Botanikin die Gestaltung und die Lebensvorgänge der einzelnen Abtheilungen desPflanzenreiches einführen. In der allgemeinen Morphologie waren wir bestrebt,die äussere und innere Gliederung des Pflanzenkörpers phylogenetisch ab-zuleiten und die Maiinichfaltigkeit der Gestalten auf die Grundformen zurück-zuführen, aus welchen sie hervorgingen. In der speciellen Morphologie wirdes unsere Aufgabe vor Allem sein, der Ausbildung zu folgen, welche dieGestalt in den einzelnen Abtheilungen des Pflanzenreichs erlangte und dieForm bestimmter Pflanzen zu begreifen, indem wir sie in Verbindung mitanderen Formen bringen. So ist auch die Aufgabe der speciellen Morpho-logie eine phylogenetische und liefert uns den Schlüssel zur Aufstellungeines natürlichen Systems der Organismen; denn als ein natür-liches System der Organismen kann nur jenes gelten, das auf der wirk-lichen Verwandtschaft der Organismen fusst. Freilich wird jedes von unsaufgestellte natürliche System der Organismen nur ein sehr unvollkommenessein, da wir den phylogenetischen Zusammenhang nicht direct feststellen,sondern nur indirect aus dem morphologischen Vergleich erschliessenmüssen. Die Aufgabe, die wir uns stellen, ist aber an sich eben so richtigals berechtigt.

Einem solchen natürlichen System der Organismen, welches nach demwirklichen Zusammenhang zwischen den Wesen sucht, stehen die künst-lichen Systeme gegenüber, welche von vorne herein nur ein praktischesZiel in's Auge fassen und die Wesen so gruppiren wollen, dass man jedesderselben möglichst leicht auffinden oder bestimmen könne. Von allen künst-lichen Systemen früherer Zeiten kommt für uns nur noch das von Carl Linxi ; :im Jahre 1735 aufgestellte sogen. Sexualsystem in Betracht.

Linse verwerthete ausschliesslich Merkmale, welche sich auf die Verhält-nisse der Geschlechtsorgane beziehen und unterschied danach in seinem Sexual-system im Ganzen 24 Klassen von Pflanzen. In der letzten 24. Klasse vereinigteer alle Gewächse ohne deutlich sichtbare Geschlechtsorgane und nannte sieCryptogamen; es waren von denselben damals nur relativ wenige Formenbekannt und die complicirten Fortpflanzungsverhältnisse dieser grossen Gewächs-gruppe lagen noch in tiefem Dunkel. Den Cryptogamen stehen die übrigen 23Klassen als Phanerogamen oder Pflanzen mit deutlich sichtbaren Geschlechts-organen in Blüthen gegenüber. Die Phanerogamenklassen unterschied Linnezunächst nach der Vertheilung der Geschlechter in den Blüthen in solche mitZwitterblüthen (Klasse I — XX) und solche mit eingeschlechtigen Blüthen (XXI —XXIII). Die zwitterblüthigen theilte er weiter in drei Gruppen ein, Pflanzen mit