Druckschrift 
Lehrbuch der Zoologie
Entstehung
Seite
20
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

20

Darwins Theorie von der Abstammuno- der Arten.

Morpholo-gische

etwas vollkommen Verschiedenes V Gibt es besondere Kriterien, um inunzweifelhafter Weise festzustellen, ob wir in einem bestimmten Fall esmit Varietäten einer Art oder mit verschiedenen Arten zu tun haben?Oder gehen die Begriffe in der Natur ineinander über? Sind die Artenkonstant gewordene Varietäten und ebenso die Varietäten in Bildung be-griffene Arten V

Zur Entscheidung dieser fundamentalen Fragen können morpho-unterecwedelogische und p 1)ysio 1 ogische Charaktere herangezogen werden. InTO vafictät nd ^ er P rax ' s d es Systematikers gelten gewöhnlich ausschließlich die mor-phologischen Merkmale, weshalb wir sie hier in erster Linie berück-sichtigen. Wenn sich innerhalb einer größeren Zahl einander ähnlicherFormen zwei Gruppen aufstellen lassen, die sich erheblich vonein-ander unterscheiden, wenn die Unterschiede beider Gruppen durchkeinerlei Mittelformen verwischt werden, und wenn sie sich in mehrerenaufeinanderfolgenden Generationen konstant erhalten, so spricht der Syste-matiker von guten Arten; er spricht dagegen von Varietäten derselbenArt, wenn die Unterschiede geringfügig und inkonstant sind und durchdie Existenz von Mittelformen noch weiter an Bedeutung verlieren. Einegenaue Prüfung der Art und Weise, wie diese Regel in der Praxis be-folgt wird, lehrt nun die größten Inkonsequenzen kennen, womit es zu-sammenhängt, daß manche einander nahestehenden Tier- und Pflanzen-gruppen von einem Teil der Systematiker für gute Arten, von einemanderen Teil nur fürkleine Arten' 1 oder Spielarten oder sogar nur fürVarietäten derselben Art gehalten werden. Die Unterschiede zwischenden Spielarten unserer Haustiere sind vielfach so bedeutend, wie sie sonstals ausreichend für die Unterscheidung nicht nur guter Arten, sondernsogar von Gattungen und Familien angesehen werden. Bei den Pfauen-tauben ist die sonst nur 1214 betragende Zahl der Steuerfedern desSchwanzes auf 30 42 gesteigert (Fig. 1 C)\ bei anderen Taubenrassenunterliegt die relative Größe von Schnabel und Füßen im Vergleich zumübrigen Körper enormen Schwankungen (Fig. 1 A, B)\ selbst das Skelettist bei den Variationen beteiligt, wie daraus hervorgeht, daß die Gesamt-zahl der Wirbel zwischen 38 (Botentauben) und 43 (Kropftauben), dieZahl der Sacralwirbel zwischen 11 und 14 schwankt.

Was nun das Vorkommen von Zwischenformen und die Konstanzder Unterschiede anlangt, so verhalten sich die einzelnen sogenanntenguten Arten in dieser Hinsicht ganz verschieden. Bei manchen starkvariierenden Arten sind die äußersten Extreme durch vielerlei Übergängeverbunden. In anderen Fällen kann man innerhalb derselben Art scharfumschriebene Fonnengruppen, die Rassen, unterscheiden. Bei den Rassenvererben sich die charakteristischen Merkmale von Geschlecht zu Ge-schlecht mit derselben Konstanz wie bei guten Arten. Man kann dasan den Menschenrassen und vielen rein kultivierten Haustierrassen beweisen.

Eine kritische Prüfung führt somit zu dem Satz, daß die Morpho-logie zwar benutzt wird, um die Tiere in Arten und Varietäten zugruppieren, daß sie uns aber vollkommen im Stich läßt, wenn es gilt,prinzipielle Unterschiede aufzustellen zwischen dem, was man eine Art,und dem, was man eine Varietät zu nennen hat. Dem Systematikersteht daher nur der Ausweg offen, sein praktisches Verfahren zu er-gänzen, indem er physiologische Gesichtspunkte zu Hilfe nimmt. Diesvon'Arien"hat man denn auch getan und gewisse bei der Fortpflanzung auftretende'""täten" 0 "Unterschiede herangezogen; es sollen die Individuen verschiedener Artensich nicht untereinander fortpflanzen können, dagegen sollen unter nor-

PhysiologischeUnter-schiede,a) Kreuzung