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2 (1876) Physiologie der Nerven und der Sinnesorgane und Entwickelungsgeschichte
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Die Zunge.

Gesichtssinns und des Gehörssinns, auch selbst nicht mit der des Geruchs-sinns. Wenn man wirklich über das Unterschoidungsvermögen des Ge-schmacksorganes experimentirt, so rindet man, dass dasselbe keineswegsso verlässlich ist, als dies Laien gewöhnlich zu glauben pflegen. Wein-trinker sind nicht im Zweifel darüber, dass der rothe Bordeaux einenvon allen weissen Weinen verschiedenen Geschmack habe, und dass nichtsleichter sei, als ihn von solchen zu unterscheiden. Die einen trinken nurweissen Wein und mögen durchaus keinen rothen, die andern trinken da-gegen nur rothen Wein. Nichtsdestoweniger kann man zeigen, dass selbstüber solche Unterschiede, die ganz zweifellos scheinen, sich Menschentäuschen können. Wenn man Jemandem die Augen verbindet und ihmrothen und weissen Wein zu kosten gibt, so unterscheidet er ihn daserste Mal allerdings richtig; wenn er aber einige Male hin- und her-gekostet hat, so fängt er, wenigstens bei gewissen Sorten weissen Weines,an Fehler zu machen, so dass man sieht, dass sein Unterscheidungsver-mögen jetzt nicht mehr die volle Sicherheit hat. Es ist dies ein Experi-ment, das oft gemacht ist, und bei dem manche Wette verloren wurde.Das sind die Gründe, weshalb sich Geschmacksversuchen nicht un-bedeutende Schwierigkeiten entgegensetzen.

Die Zunge.

Unser wesentliches Geschmacksorgan ist die Zunge. Wir wollen diesenäher betrachten und sehen, ob wir hier die ersten Angriffspunkte fürdie schmeckenden Substanzen finden können.

Die Zunge trägt bekanntlich, eine Schleimhaut, die mit einem ge-schichteten Pfiastcrepithel bekleidet ist, unter welchem eine Menge Schleim-drüsen liegen, die Glandulae linguales, und in der eine grosse Zone vonperipherischen Lymphdrüsen liegt, welche sich von der Wurzel der einenTonsille quer über die Zunge zur Wurzel der andern Tonsille hinüber-zieht. Es sind dies die sogenannten Balgdrüsen. An der Oberfläche derSchleimhaut befinden sich drei Arten von Papillen, die wir als Papulaefiliformes, Papulae fungiformes und Papulae circumvallatae unterscheiden.Die Papulae filiformes bestehen aus einer im Allgemeinen conischen Her-vorragung der Schleimhaut, ir welche eine kloine Arterie hineingeht, darinein zierliches Capillarnetz bildet, und aus welchem wieder eine kleine Venedas Blut abführt. Die Papulae filiformes sind mit einem sehr dicken ge-schichteten Pfl.asterepith.el überkleidet. An den Spitzen der Papulae fili-formes verlängern sich die Epithelzellen und liegen dabei dachziegolförmigaufeinander. Sie bilden zwar beim Menschen nicht, wie bei den Katzen-thieren, förmliche Stacheln, aber sie bilden doch ein oder mehrere ziem-lich lange spitzige Hervor ragungen. Die spitzigen Hervorragungen könnenmanchmal so lang werden, dass durch dieselben die ganze Zunge wiebehaart erscheint, indem man in der That, wenn man über dieselben streicht,eine Menge haarförmigor Gebilde in die Höhe richtet, welche nichtsAnderes sind, als die Epithelfortsätzc der Papulae filiformes. Der Ausdruckbehaarte Zunge, der mehrfach für solchcFäüe gebraucht worden ist, ist in-sofern unrichtig, als dies nicht wirkliche Haare sind, indem sie nicht denBau eines Haares haben und nicht nach Art eines Haares in. den Mutter-boden eingepflanzt sind. Sie haben aber allerdings mit den Haaren gemeinihre fadenförmige Gestalt und das, dass sie eben Horngebilde sind, wie die