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Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
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Vierte Vorlesung.

mit Leim und Fett, so schieden sie mehr Stickstoff aus, als sie inder Nahrung aufnahmen, sie verbrauchten also die Eiweisskörperihrer Gewebe. Wurde aber zu einer kleinen Eiweissmenge der Nah-rung, welche allein nicht hinreichte, eine Eiweissabgabe der Gewebezu verhindern, Leim hinzugefügt, so war das Stickstoffgleichgewichthergestellt. Der Leim hatte also die Eiweisskörper der Gewebe vor'dem Zerfall bewahrt; er wirktEiweiss ersparend". Diese Eiweissersparende Wirkung kommt auch den Fetten und Kohlehydraten zu,aber, wie Voit's Versuche gelehrt haben, nicht in dem Grade, wiedem Leim.

In neuester Zeit ist man auf die Vermuthung gekommen, dassder Leim vielleicht das Eiweiss ersetzen könnte, bei gleichzeitigerAufnahme von Tyrosin. Wir wissen jetzt, dass der Gegensatzim Stoffwechsel der Thiere und Pflanzen kein so durchgreifenderist, als man früher glaubte. Es war daher a priori wohl die Mög-lichkeit zuzugeben, dass durch Synthese aus Leim und Tyrosin Ei-weiss sich bilde. Die ersten Versuche 1 ) schienen sogar zu Gunstendieser Annahme zu sprechen. Eine sorgfältige Wiederholung derselbenergab aber ein negatives Resultat. Lehmann 2 ) fütterte zwei Rattenmit einem Nahrungsgemisch von Leim, Reisstärke, Butterschmalz,Fleischextract und Knochenasche und 6 Ratten mit demselben Nah-rungsgemisch und einem Tyrosinzusatze: sie gingen alleungefährgleich schnell" nach 4770 Tagen zu Grunde. Es scheint also auchnach diesen Versuchen, dass aus Leim kein Eiweiss entstehen kann.Wohl aber wissen wir, dass umgekehrt aus Eiweiss alle leimgebendenGewebe des Körpers sich bilden. Dieses sehen wir an dem Wachs-thum des Pflanzenfressers und des Säuglings, welche in ihrer Nah-rung nur Eiweisskörper und keinen Leim aufnehmen.

Leim als solcher findet sich nur in der von der Kochkunst zu-bereiteten Nahrung des Menschen. Von den leimgebenden Gewebenist das Bindegewebe jedenfalls leicht verdaulich und somit ein werth-volles Nahrungsmittel. Das Fleisch, welches zu einem bedeutendenTheile aus Bindegewebe besteht, verschwindet fast vollständig imVerdauungskanale des Menschen. Die Verdaulichkeit der Knorpel undKnochen wurde lange bezweifelt, bis Versuche in Voit's Laborato-rium 3 ) zeigten, dass Hunde von aufgenommenen Knorpeln nur einenganz unbedeutenden Theil in den Fäces wieder ausscheiden. Auchvon der leimgebenden Substanz der Knochen erschien ein bedeuten-

1) L. Hermann und Th. Escher, Vierteljahrsschrift der naturforsch. Ges. inZürich 1876. S. 3(5.

2) Karl B. Lehmann, Sitzungsber. d.Ges. f. Morphol. u.Physiol. in Münchenl885.

3) J. Etzinger, Zeitschr. f. Biolog. Bd. 10. S. 84. 1874.