Druckschrift 
1 (1834) Phanerogamen
Entstehung
Seite
58
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

58

Gratiola Officinalis. Offic. Gnadenkraut.

der Blume, als auch der Blätter, ist sehr bitter, scharf uud widrig, und anhaltend. Vauquelin ') fandin dem ausgeprefsten Safte: scharfes (in Wasser und Alcohol auflösliches) Harz, braunes Gummi mit etwasthierischer Materie, sehr wenig Eiweifsstoff, phosphors., äpfels. und klees. Kalk, äpfels. Kali, salzs. Na-trum, Kieselerde und Eisenoxyd. Der Aufgufs hat einen eigenthümlichen, körbelartigen Geruch, welchenRichter 2 ) flüchtigen Stoffen zuschreibt.

Wirkung. Man hat die Gratiola mit mehr Recht unter die Drastica (purgirende) gestellt,als Orfila sie zu den acribus (scharfen) rechnet. Kleine Gaben wirken heftig und anhaltend reitzend aufdie Unterleibsorgane, vermehren die Ab- und Aussonderungen derselben, lösen Stockungen daselbst, welcheaus einer Trägheit der Blutgefäfse, besonders der grofsen venösen, entsprangen, und heben oft die langwie-rigsten, daraus entspringenden Krankheiten, in grofsen Gaben aber wirkt es, unvorsichtig gebraucht, heftigauf den Darmcanal, macht Leibschneiden, Durchfall und selbst (besonders die Wurzel) Erbrechen und Ent-zündung, bei Frauen noch dazu eine fürchterliche Nymphomanie *). Ein starker Hund, dem Orfila 3i Dr.des Extracts gegeben und ihm dann die Speiseröhre unterbunden hatte, starb nach 2-i Stunden; die Schleim-haut des Magens war nach der Section überall kirschroth, uud in den Falten sogar schwarz; der Mastdarmwar ebenfalls deutlich entzündet; die äufsern Gehirn-Venen waren mit schwarzem Blut angefüllt und die Ge-fäfshaut (pia mater) roth injicirt. Eine Injection von 28 Gr. in die Drossel - Vene tödtete schon nach 2 Stunden.

Anwendung findet die Gratiola nur in der Medizin. Man giebt sie, um reizlose Unterleibs-Organe wieder zu gröfsercr Thätigkeit anzuregen, so z. B. bei Unordnung der Menstruation und des Hämor-rhoidenflusses, bei Würmern, atonischer Gicht, Wassersucht, Leucorrhöen, und selbst bei Manie und Me-lancholie 5 ). Man wendet die Blätter (Ilcrba. Gratiolae, Gottesgnadenkraut) frisch ausgeprefst oder ge-trocknet an; Abkochungen (12 Dr. auf 812 Unz. Wasser) werden innerlich Efslöftelweise genommenoder unter Clystire gemischt. Das Pulver giebt man zu 2 & Gr. t. mehrmals, und als Purgans zu 1215Gr., in Gemüthskrankkeiten sogar zu 3050 Gr. Das Extractum Gratiolae reicht man zu 2 8 Gr.In den Gegenden, wo dieses Gewächs häufig ist, macht es die Wiesen theilweis unbrauchbar, da es demVieh schädlich ist und von ihm vermieden wird.

Gegenmittel. Da sich die Natur meist schon selbst durch Erbrechen hilft, so vermehre man nichtden Reitz unnütz durch künstliche Brechmittel, sondern befördere nur die Neigung dazu durch warmesWasser. Auch Säuren vermeide man, und veranstalte lieber ein"Aderlafs, oder stumpfe die Reitzbarkeit desMagens durch einige Tropfen Opium - Tinctur ab.

Erklärung der dreizehnten Kupfertafel.

Das ganze Gewächs in natürlicher Gröfse. F. 1. Eine ganze Blume (etwas vergr.). F. 2. EineBlume an der Unterseite der Länge nacli durchschnitten und ausgebreitet (nat. Gr.). F. 3. Die obere

r ) Arm. d. Chim. T. LXXJ1. p. 191. Trommsd. Joarn. XIX. 1. S. 292. ') Arzneim. B. 2. .9. 378.3 ) s. die Dissertt. v. Kostrzewsky (de Gratiola. Vienn. 1775.), Sommer (de -virt. med. Grat. Rigae 1794.), Er-hard (de Gr. um in mania. Lipx. 1818.) und Zobel (Erlang. 1782.). Ferner haben Störk, Lentin, Bucholz u.a. herrliche Beiträge zu ihrer Anwendung gegeben.

*) In den v. Dr. Bouvier zu Paris beobachteten und von Orfila (a. a. O. T. I. p. 750) angeführten drei Fällenbewirkte eine gute Handvoll Gratiola von einem Kräuterhändler unter ein Clystir getlian, den Abgang von vielemdicken, zähen Schleim. Ein zweites Clystir hatte unerträgliches Jucken der Geschlechtstheile zur Folge, ein drittesverursachte Abgänge, welche abgeschabten Darmtheilen glichen, und das am vierten Tage gegebene vierte Clystir end-lich machte lebhafte Darmschmerzen und copiöse Ausleerungen, worauf heftiges Herzklopfen und gräfliche Nymphomaniemit den gewöhnlichen Delirien folgten. In einem andern Falle fanden sich dazu noch krampfliafte Zusammenschnürungdes Schlundes, Wasserscheu und allgemeine Convulsionen.