K. F. Gellerts säm mtliche Schriften. Zehnter Theil. — ^ Mit Röm. Kayserl. Mergnädigsten Privilegio. Reuttlingen, bey Ioh. Georg Fleischhauer. r 7 L 6^ Nachricht. an hat geglaubt, daß es den Lesern der Gellertschen Werke nicht unangenehm seyn würde, wenn man dem Leben des seligen GellertS, des Herrn D. Lramers Ode und Herrn Weißens Elegie auf dessen Tod mit beydrucken ließ, zumal da die erste mit einigen Stro phen vermehrt und zugleich verbessert worden: der Herren Denis und Ma- staliers Gedichte aber, weil sie beweisen, in welchem Ansehen ein Geliert auch außer unserer Kirche gestanden habe. Endlich hat es der Verleger für seine Pflicht gehalten, das ihm in der St. Johanniskirche allhier errichtete Denkmal dem Publico im Kupferstich vorzulegen, und jedem Exemplar der Lebensbeschreibung einen Abdruck beyzufügen. Seine Absicht ist zugleich, die zum Theil nunmehro weit entfernten Herren Contribuenten, deren Namen hier bemerkt worden , zu überzeugen, daß Ihr gütiger Geldbeytrag dem Endzwecke, gemäß angewandt worden» Christian Christian Fürchtegott Gelleres Leben . ^ GeU. Schr. X. Th. » RH*ine von den schönsten Grabschristen des Al- , tcrthnms ist die Grabschrift des Epicharms von Cos: Nützlich waren seine Lehren für die Jünglinge und gross ihre Anmuth. Man hat von diesem pythagoräijchen W.Ameisen zu wenig Nachrichten, als daß man sicher genug beurtheilen könnte, was für Ansprüche er aus eine so rühm, liehe Grabschrift hatte. Doch ein Philosoph und zugleich ein komischer Dichter, wie er, der in seinen Lustspielen die nützlichsten Lehren der pythagoräischen Schule unter seinen Mitbürgern auszubreiten , und dadurch ihre Gesinnungen und Sitten zu verfeinern suchte, verdiente schon deswegen bekannter zu bleiben. Die kleinen Ucbcrrcste seiner Gedichte beweisen, daß Leichtigkeit, Klarheit und Anmuth unterscheidende Vorzüge seiner Art zu denken und zu schreiben waren. Er hatte überdicß eine glückliche Gabe zu scherzen; Sokra- tes lernte die Kunst seines Dialogs von ihm und so gar Plato ahmte ihn nach. Seinen Werken prophezeyhte Epicharmus selbst ein rühmliches Schicksal. Ich bin gewiß, sagte er in einem seiner Gedichte, man wird auch meiner Unterweisun- A 2 gen 4 gen nicht vergessen; es wird schon jemand nach mir erscheinen und meine Gedichte von dem Wohl- klange des Verses entkleiden, sie in einem andern Gewände mit viclfarbigtem Purpur schmücken und so von andern unübertroffen andre l.icht übertreffen. Nicht eine jede Nation hat das Glück einen Epicharmus zu haben. Der mistige ist kellert, der, wenn unsre Zeiten nur für ihn ein lebhaftes' Gefühl der ihm schuldigen Dankbarkeit behalten können, unstcr Nachwelt auch bekannter bleiben wird i als der Grieche blieb, welcher seiner Grab- schrift gewiß nicht würdiger seyn konnte, als es der Deutsche ist. Unsre Nation muß entweder, ihren eigenthümlichen Charakter verlassen, oder Gel- !erts Andenken, welches keines eitlen Geräusches schwärmerischer Lobeserhebungen bedarf, hat auch die Angriffe des tadclsüchtigcn und neidischen Stolzes nicht zu fürchten, welcher eine undankbare Erniedrigung bestätigter Verdienste für einen sichern Weg zu einem gleichen oder noch größcrn Ruhme halten kann. Er hat gerechte Ansprüche auf die Fortdauer seines Namens. Gründen sich dieselben gleich nicht auf solche außerordentliche Handlungen, welche blos die Einbildung in Erstaunen setzen, und allein eine Ncubcgicrde, die nichts als Neubcgierdc ist, unterhalten können, so verdient er doch mit den Männern unvergeßlich zu bleiben, die dürch schöne und gemeinnützige Werke des Geistes, noch mehr aber durch die Schönheit ihres Herzens Herzens und die Würde ihres Beyspieles den Geschmack ihrer Zeiten und ihre Sitten verbessert haben nnd für die Jugend, besonders aus den hölzern Ständen der menschlichen Gesellschaft Führer zur Religion und Tugend geworden sind. Geliert» Vorzüge waren Tugenden, die, wie feine Schriften gefallen, die, ohne gegen das Lob der Menschen uncmpsindlich zu seyn, doch vornehmlich sich bestrebten, von einem höhcrn Richter nicht verworfen zu werden, und auch eben deswegen mit einer allgemeinen Verehrung belohnt worden sind. Christian Fürchtcgott Geliert wurde im 'Jahr 171?. zu Haynichcn in Sachsen gebohrcn. Sein frommer Vater, Christian Gellcrt, war daselbst der zweyte Prediger, der sein Amt fünfzig Jahre mit einer vorzüglichen Treue verwaltete, und als Obcrpredigcr in seinem fünf und siebzigsten Jahre starb, nachdem er von mittelmäßigen Einkünften drcyzehn Kinder mit einer klugen und dabey von allem Geize entfernten Sparsamkeit erzogen hatte. Seine Mutter, eine gcbohrne Schützinn, war eine redliche Gehülfinn ihres Man, ncs und eine rechtschaffene Mutter, immer bemüht, ihren Kindern die Grundsätze und Empfindungen einer »»geheuchelten Gottseligkeit gleich in ihrer Kindheit einzuflößen und sie ihnen sowohl durch den Reiz, den mütterliche Lehren haben, als auch durch die Anmuth ihres eignen Beyspiels angc- vehm und liebenswürdig zu machen. Sie erwarb A; sich 6 sich durch ihr gutes und sanftes Her;, als eine dienstfertige, mitleidige und wohlthätige Mcuschcn- freundinn an ihrem Orte ein unvergeßliches Andenken. Ihr hohes Alter wurde ihr durch die Freude leicht und angenehm, ihre drey ältesten Söhne in dem Besitze solcher Bedienungen oder Aussichten zu sehen, die nur cme auch in ihren Wünschen für ihre Kinder allezeit bescheidne Mutter hoffen konnte, um bey ihrem Tode, der in ihrem achtzigsten Jahre erfolgte, die Welt mit einem ruhigen und freudigen Gemüthe verlassen zu können. Der älteste Sohn, Friedrich Erbrecht, war sächsischer Obcrpostcommissar, und überlebte den Schmerz, seinen zweyten Bruder verloren zu haben, nur einen Monat. Ihr zweyter Sohn leistet noch itzt seinem Vatcrlandc in dem Amte eines Obcrhüttenverwaltcrs und Bcrgcommiffions- raths in Freybcrg, durch seine tiefen und ausgebreiteten Einsichten in die Metallurgie, die nützlichsten Dienste. Ihr dritter Sohn, Christian Fürchtegott, hatte das Glück, daß sich unter seinen Freunden ein edler Mann fand, der seiner würdigen Mutter die Wohlthaten erwies, die er ihm bestimmt hatte, um dadurch ihr Alter von bekümmernden Sorgen zu befreycn. In diesen Söhnen genoß sie des Trostes und der Belohnung ihrer Frömmigkeit, auch an ihrer Familie ein Beyspiel zu sehen, daß die Welt oft die vorzüglichsten Beförderer der menschlichen Wohlfahrt aus dem Schooße nicht sowohl des Ucbcr- -usses, flusscS, als vielmehr einer tugendhaften Mittelmäs- sigkcit erhalte. Die öffentlichen Schulen in den kleinen sächsischen Städten sind so eingerichtet, daß man dar, innen nicht allein in den ersten und unentbehrlichsten Erkenntnissen der Religion, sondern auch in den Anfangsgründen der gelehrten Sprachen unterwiesen wird; ein Unterricht, der allezeit schätzbar ist, selten aber über das Nothdürftige geht! Die gemeiniglich geringen Einkünfte ihrer Lehrer, überheben sie kaum der ängstlichen Sorgen für ihren Unterhalt, und diese lassen ihrem Geiste, wenn sie auch Gcschicklichkcit zum Unterrichte der Kindheit haben, doch nicht so viel Heiterkeit und Muth, daß sie ihre Gaben mit Freudigkeit gebrauchen, und in der Hoffnung bcßrcr Aussichten auch vermehren könnten. Ihr Unterricht kann also nicht sehr vollkommen seyn, und wird es niemals werden, so lange die Staaten die erste Bildung der Jugend nicht für ein so wichtiges Augenmerk der Regierung halten lernen, als sie ist. In einer solchen öffentlichen Schule empficng Gellert den ersten Unterricht. Man kann sich leicht vorstellen , daß den unterscheidenden natürlichen Eigenschaften seines Verstandes und Herzens ihre Entwicklung nicht sehr erleichtert worden sey. Was bey der gemeiniglich einförmigen, und den Kindern oft verdrießlichen Art des Unterrichts, und bey der Härte, die ihn zu begleiten pflegt, fast alle Knaben lernen müssen, das lernte auch er, und 8 und zugleich, (wiewohl nicht ohne den Verlust vieler unschuldigen Freuden, welche, dem Wachs- thume der Seele unbeschadet, Kindern bey einer bessern Einrichtung der gemeinen Unterweisung erhalten werden könnten,) Geduld, Unterwerfung und die im Leben so nöthige Gcschicklichkcit, vie- lcrley Beschwerden mit Gelassenheit zii ertragen. Zu dem Schätzbaren, was die bürgerlichen Sitten in kleinen Städten haben, gehört die in der Nothwendigkeit gegründete Sorgfalt der Geehrten darinnen, thre Kinder nicht zu verzärteln , damit sie gewisse kleinere B qucmlichkeiten des Lebens frühzeitig entweder entbehren, oder sich dieselben durch ihre eignen Bemühungen verschaffen lernen. Nicht weniger schätzbar ist die Mühe, die sie anwenden, die Ihrigen gegen das Glück eines guten Namens empfindsam zu machen, damit sie alles, was demselben schädlich ist, sorgfältig vermeiden mögen; eine Mühe, welche für das gemeine Wesen sehr nützlich: Folgen hat, wenn gleich die erste Quelle davon selten erkannt wird. GeUert lernte beides sehr früh. Die tiefen Eindrücke davon auf feine Seele wurdMGrundzügc seines Charakters. Bey dieser scincrMen Erziehung konnte freylich das, was bey allen von der Natur begünstigtem Seelen anfangs nur ein Funke ist, nicht so schnell als bey einem Pope zur Flamme werden. Dennoch erinnerte er sich des Unterrichts seiner ersten Lehrer stets mit einer rührenden Dankbarkeit. Nicht selten rühmte er den jungen Gelehrten, dem er cr von seinem Vater auf einige Zeit zur besondern häuslichen Unterweisung übergeben worden war, um zu höher» Schulen vorbereitet zu werden. Besonders pries cr die Strenge, womit derselbe ihn zu gewissen Verrichtungen angehalten hatte, welche man im Fortgange des Lebens, wenn es die Umstände erlauben, seinen Bedienten zu überlassen pflegt, um von ihren Diensten Bequemlichkeiten zu haben, die man leicht für Bedürfnisse hält, die aber Gellert in seinem ganzen Leben, auch bey seinen so schwächlichen und stechen Umständen weder brauchte noch vermißte. Auf gleiche Weise erinnerte cr steh mit Vergnügen und Dankbarkeit, in seinem achten Jahre von einem Anverwandten zu mancherley kleinen häuslichen Geschäfftcn, die mit der Bestimmung zum Gelehrten, keine Verbindung haben, angehalten worden zu seyn. Ich habe, sagte cr in seinen kurzen unvollständigen Nachrichten von steh selbst, die man unter seinen Papieren gefunden, dadurch wenigstens gehorchen lernen; eine treffliche Kunst! Bey einer solchen Erziehung wächst der Geist des Menschen langsamer; er wird aber doch frühzeitig an eine nützliche Gcschäfftigkeit gewöhnt. Ungefähr- in seinem cilftcn Jahre schrieb er zu Bestreitung! seiner kleinen Ausgaben Rügen, Kaufbriefe, Do- cumente und gerichtliche Acten ab. Deswegen pflegte cr zuweilen im Scherze zu sagen, daß seine Vaterstadt in ihren Kaufbüchcul und Contractcn mehr Werke seiner Hand aus seiner Jugend auf- A; zuwei- 10 zuweisen hätte, als die Welt von seinem Geiste aus seinem ganzen übrigen Leben auszuweisen ha. den würde. Dieses half mir, sagte er, so viel, daß ich die Briefe, die ich aus der Fürstcnschule an meinen Vater schrieb, gar artig im Canzcley- style schrieb, und um ein Stück Kleidung in der Sprache bat, worinncn Kläger an einem und Beklagter am andern Theile hölzern Orts um ihr Recht anhalten. Angenehm würde es seyn, wenn man die natürliche Lust und Anlage, welche Geliert zur Dichtkunst hatte, bis zu ihrem ersten Ursprünge und der frühsten Entwickelung dieses edlen Keimes verfolgen könnte. So viel wissen seine vertrautesten Freunde, daß auch sein Vater die Poesie liebte, selbst zuweilen Gedichte schrieb und zugleich ein allzulicbrcicher Vater war, als daß er irgend einer natürlichen Fähigkeit und Neigung seiner Kinder hätte Gewalt anthun sollen. Auch sein älterer Bruder, der Obcrvostcommissar, hatte viel Anlage zum Poeten, und rühmte sich zuweilen scherzweise gegen ihn, daß er ihn in der Dichtkunst unterrichtet hätte. Ein junger Anführer zur Dichtkunst; denn der Schüler empfand den Trieb, ein Dichter zu werden, schon in seinem drcyzehn- tcn Jahre, ehe er auf die Schule gieng, die ihn zur Akademie vorbereiten sollte. Sein erster Versuch war ein Gedicht auf den Geburtstag seines Vaters. Die Wohnung desselben war ein baufälliges Haus, von vierzehn oder fünfzehn Stützen, um seinen völligen Einsturz zu verhindern, unter, stüp, n stützt, und so viele waren damals der gellertschen Kinder und Kindeskinder. Dieser Anblick ver. anlaßte den Gedanken, jedes derselben zu einer Stütze seines Vaters und seines Namens zu machen,' und jede Stütze wünschte ihm Glück. Das Gedicht, sagte er, muß nicht unrecht gewesen seyn; denn gewisse Leute haben es immer noch auswendig gewußt, und, wo ich mich nicht sehr betrüge, meinen andern Arbeiten vorgezogen. Auf den ersten Versuch folgten bald andere; er wünschte selbst, daß er sie nicht alle den Flammen aufgeopfert hätte, um mit einigen Exempeln beweisen zu können, wie leicht ein Geist, dem es nicht an natürlicher Be, geistcrung fehlt, ohne von Lehren und Regeln geleitet zu werden, und noch mehr ohne vortreffliche Muster gesehen zu haben, auf viele Jahre und nicht selten auf immer verloren seyn kann. Diese Ge-' fahr ist noch größer, wenn er sich zuerst nach verwerflichen Mustern bildet. Eine Phantasie, die in ihren ersten Bewegungen eine unglückliche Richtung erhält, wird schwer zum Gefühle des wahren Schönen zurückgebracht werden. Ich erinnere mich nicht, ob Raphacl bey den ersten Versuchen seines Talentes zur Malerey gothische Stücke vor sich hatte, oder ob sein Auge gleich nur von der schönen Natur gerührt wurde, aber wenn er nach gothischen Mustern arbeitete, und dennoch einRa- phael wurde: welche Bewunderung verdient er nicht! Geliert hat oft gefürchtet, er würde nie einen sichern Geschmack erhalten haben, wenn er nicht rr nicht zum zweytenmale nach Leipzig gekommen wäre, und sich in der Gesellschaft feiner in schärften Urtheilen gcübtern Freunde zu einem znvcrläßigen Gefühle des wahren Schönen gebildet hätte. Er urtheilte unstreitig zu furchtsam von, sich und gab aus Bescheidenheit seinen Freunde» einen Vorzug, den, sie niche annahmen. Auch seine ersten Versuche hatten schon zuweilen eine gewisse ihm eigne Schönheit; zum Exempel der Anfang eines Liedes auf,den Abschied einer Freundinn: Als ich von dir Abschied nahm, Immer gicng und wieder kam: ein Anfang, dessen sich einige feiner Freunde wegen des schönen malerischen Zuges in dem zweyten Verse noch, mit Vergnügen erinnern. Geliert würde also auch ohne Freunde zu einem richtigen Geschmacke gekommen seyn. So viel bleibt indeß gewiß, daß Jünglinge, welche einander rechtschaffen und zärtlich genug stieben, umeinander in den Versuchen ihres Geistes keine Fehler wider die Regeln und Grundsätze des guten Geschmackes übersehen zu wollen, durch eine so freundschaftliche Cri- lik sehr gewinnen müssen. Unter allen Stiftungen, welche zur Vorbereitung der Jugend auf die Erlernung einer reifen und dem gemeinen Wesen wohlthätigen Gelehrsamkeit errichtet worden sind, giebt es keine, die vortrefflicher wären, als die fürstlichen Schulen in Sachsen sind. Ihre Einrichtung im Ganzen ist immer ihrem Endzwecke angemessen gewesen. Die ss-Z Die Stunden des Unterrichts und diejenigen, wor« innen sich die Lernenden theils auf den Vertrag ihrer Lehrer vorbereiten, theils auch das Erlernte wiederholen oder selbst vorzutragen versuchen sollen, wechseln in einer so weisen Ordnung ab; die Schüler haben so wenig Zeit zum Müßiggänge und zur Verschlimmerung ihrer Herzen und Sitten, daß wenn ihre Lehrer ihre Pflichten kennen und auszuüben wissen, die Universitäten aus diesen ersten Pflanzschulcn der Gelehrsamkeit Ankömmlinge erhalten müssen, die zu reifern Unterweisungen sehr vorbereitet sind. Eine von diesen Schulen, Meißen, war es, wo Gellert mit den Sprachen der Griechen und Römer auch die besten ewigen Muster der Beredsamkeit, der Dichtkunst und eines gesunden schönen Geschmackes in allen Arten von Schriften hätte kennen lernen müssen, wenn in den damaligen Zeiten nicht fast in allen gelehrtem Schulen von Deutschland, und selbst auf bm ^ Universitäten, diejenige verkehrte Art, die Alten auszulegen, und die römische und griechische Erwache zu lehren', geherrscht hätte, welche Eruesti in Geßners Leben so treffend gezeichnet hat. Man ließ sie von Wort zu Wort übersetzen; die Redner und Dichter nicht anders, als die Geschichtschreiber, ohne dieselben das, was darinnen vornehmlich Aufmerksamkeit verdient, bemerken zu lassen» Der Schüler sammelte und lernte Redensarten daraus; man wurde angeführt, diese in Sprach- übungcn anzubringen, die den stolzen Namen von Nach- Nachahmungen hatten; man erhielt aber keine oder doch mir dürftige Kenntnisse von den Schönheiten der Griechen und Römer, von dem unterscheidenden Charakter eines jeden, und von dem, was darinnen bewundert und nachgeahmt zu werden verdient, oder nachgeahmt werden kann. Lehrer müssen selbst vortrefflich unterrichtet seyn, wenn sie die ihnen anvertraute Jugend, die unmuthigsten und zugleich die geradesten Wege zu einer sichern Empfindung des Schönen und Nützlichen führen sollen. Man muß hinzusetzen, daß es unter den damaligen Gelehrten eben so wie im vorigen Jahrhunderte fast für ein Verbrechen gehalten wurde, sich um seine Muttersprache zu bekümmern, oder was noch itzt Männer, welche doch selbst ihren gesunden und richtigen Geschmack dem Lehn der Alten zu danken haben, nicht glauben wollen, oder können, daß es möglich oder nöthig und nützlich sey, auch im Deutschen, was man richtig gedacht hat, richtig und angenehm auszudrucken. Eben darum ist es nicht zu verwundern, daß Geliert, ob ihm gleich Horaz, Virgil, Homer und andre Griechen und Römer erklärt wurden, damals doch an einem Günther, dessen nun vcrgcßnc Verse von den Hallcrischen und Hagc- dvrnischcn Gedichten noch nicht verdrängt waren, und zugleich an Neukirchen und Hanken Geschmack gewinnen und sie zu seinen Mustern wäh, llcn konnte. Man findet darüber in seinen obgcdach- tcn unvollständigen Nachrichten von sich selbst eine Anmer- Anmerkung, die seinem Herzen zur Ehre gereicht. Auf der Fürstcnschnle, sagt er, hat das Lesen der Günlh rischcn Gedichte aus meinem Geist: einen fcucrspcyendcn Aetna gemacht, der alle um sich herumliegenden gesunden Gegenden verheerte und die in meiner Seele aufkeimenden Pflanzen von Vernunft in Asche verwandelte. Ich habe daher i» den Jahren meines gereinigten Geschmackes Günthern nie ohne Eckel in die Hände nehmen können. Neukirch mit seinen Satyrcn, die Hanke mit seinen eignen Werken herausgegeben hat, hätte mir auf die höchste Staffel der Vollkommenheit helfen können; so allgemein war der Beyfall, womit er zu seiner Zeit gelesen wurde. Ich war in der Gefahr, in Einem Gedichte Copie von Günthern, Neukirchen und Hanken zugleich zu werden; allein ihr Ruhm war zum Glücke für mich von keiner langen Dauer. Möchten doch junge Leute, die Lust zu schreiben haben, nie Versuche wagen, ohne Kenner zu Rathe zu ziehen, nie mit sich selbst zufrieden seyn, sondern demüthig um ihr Urtheil bitten, und ihrem Urtheile eben so demüthig folgen! Wie viele Zeit, die sonst verderbt wird, und wie viele Kräfte, die sie in Gefahr sind, zu verschwenden, würden sie durch einen solchen Gehorsam erkaufen! Dergleichen nützliche Betrachtungen machte Gellert über alles, was feinem Gedächtnisse noch aus seiner Jugend gegenwärtig war. Allein ob er gleich die Mängcl seines damaligen Unterrichts nicht verkannte, so redete dete er doch allezeit mit lebhafter Dankbarkeit von ^ feinen meißnischen Lehrern, und pries besonders l' ihre Sorge für die Bildung seines Herzens und ! seiner Sitten. Auch wurde sei» sanftes mclancho. liiches Auge allezeit, fast bis zum Glänze Heller, wenn er sich erinnerte, daß er in dieser Schule mit Gärtnern und Rabenern gelebt hatte, mit denen er in der Folge die vertraute und zärtliche Freundschaft errichtete, die so viel zum gemeinschaftlichen Glücke ihres Lebens beytrug. Die Kränklichkeit seines Körpers, dessen Gesundheit von seiner erste» Kindheit an schwach und zärtlich gewesen zu seyn scheint, ob er gleich nie zu einer weichlichen Pflege desselben gewöhnt worden ist, oder sich selbst dazu verwöhnt hat, äußerte sich schon zuweilen in Meißen. Fünf Jahre hatte er daselbst studirt, als er in das Haus seines Vaters zurückkehrte und sich da noch einige Zeit zum akademischen Leben vorbereitete. Er gicng im Jahr 17^4. nach Leipzig. Hier hörte er über die Phi, losophie Adolph Friedrich Hofmannen, über die Historie und Litteratur Iöchern, Christen und Rappen, über die theologischen Wissenschaft ten aber, denen er sein Leben zu widmen beschloss I sen hatte, Rlauflngen und weisen. Hofmann, von Rüdigern gebildet, war ein scharfsinniger Philosoph, der es indeß mit einem noch größer» Ruhme und Glücke gewesen seyn würde, wenn er mehr Geschmack an den Philosophen des Alter, ihums, weniger Eifersucht wider Wölfen, weist, ger '7 gcr Begierde, das Ansehen dieses Wcltweisen in der Welt zu verdunkeln, und zugleich mehr Fähigkeit , natürlich und deutlich zu denken und zu reden gehabt hätte. Allein er verwechselte oft dialektische Spitzfindigkeit und Tieffinn mit einander, und entfernte sich nicht weit genug von denen, die aufgelegter zur Erfindung neuer Kunstwörter, als zur Entdeckung neuer Wahrheiten sind. Gleich, wohl hörte ihn Gellert mit grosser Begierde, schrieb seine Vorlesungen wörtlich nach, und bewunderte, wie er sagte, ihn öfter, als er ihn verstand, bescheiden genug, solches seiner Unfähigkeit zu tiefsinnigen Entwicklungen schwerer Begriffe zuzuschreiben, ob er gleich, was er nicht begriff, nicht selten blos darum nicht einsah, weil es nicht verstanden werden konnte; denn man sieht aus allen gellcrtischcn Arbeiten, daß seine Seele eben so sehr das Helle im Ausdrucke liebte, als Hoff, mann die Dunkelheit darinnen zu lieben schien. Indeß schmeichelte sich der Schüler immer mit der Hoffnung, ihn noch besser verstehen zu lernen, wenn sein Verstand mehr Reise erhalten haben würde. Er bewunderte ihn also zu eben der Zeit, da auch Mosheim, dieser erste Verbesseren der deutschen Beredsamkeit, von ihm bewundert wurde. Nach vier Jahren, die er in Leipzig studirte, ließ ihn sein Vater nach Hause zurückkommen, weil es ihm schwerfiel, ihn noch länger aus seinen Mit. tcln auf der Universität zu erhalten. Gellert hätte gern eines weiter fortgesetzten akademischen Gell. Schr. X. Th. B Unter« 18 Unterrichts genossen, um seinen Geist noch mehr auszubilden; er unterwarf sich aber mit den kindlichsten Gesinnungen einer Nothwendigkeit, welche schon so viele glückliche Geister mitten in ihrem Laufe zur Gelehrsamkeit aufgehalten und das Zieh nach dem sie strebten, zu erreichen verhindert hat. Nach seiner Zurückkunft ficng er an, sich auf die Kanzel zu wagen, wiewohl mit Schüchternheit; denn der erste noch vom Schüler gewagte Versuch, öffentlich zu reden, war nicht der glücklichste gewesen. Dieser kleine, in seinem Leben nicht ganz unmcrkwürdigc Vorfall verdient als eine von den entferntem Ursachen seiner endlichen Bestimmung mit seinen eignen Worten erzählt zu werden. *) Die erste Probe meiner Bcrcdtsamkcit, schreibt er, legte ich an meinem Geburtsorte in meinem füns- zchcnten Jahre ab. Ein Bürger bat mich, Tauszeuge bey seinem Kinde zu seyn, das wenig Tage nachher starb. Ich wollte ihm eine Leichenrede halten, wiewohl mein Vater mir die Erlaubnis dazu ungern gab. Das Kind sollte zu Mittage begraben werden; früh um 8. Uhr ficng ich an, meine Parentation auszuarbeiten, ward spät fertig , verschwendete die übrige Zeit mit seiner Grab- schrift und behielt keine ganze Stunde zum Auswendiglernen. Ich gicng indeß beherzt in die Kirche, ficng meine Rede sehr ftycrlich an, und kam ungefähr bis auf den dritten Perioden. Auf ein« ») In den angeführten unvollständigen Nachrichten von sich selbst. -9 / einmal verließ mich mein Gedächtniß, und der vermeßne Redner stand in einer Betäubung da, von der er sich kaum erholen konnte. Endlich griff ich nach meinem Manuscripte, das actenmäßlg auf einen ganzen Bogen geschrieben war, wickelte es vor meinen eben so crschrockncn Zuhörern lang, sam aus einander/ las einige Zeit/ legte es dann in den Hut und fuhr endlich noch ziemlich dreist wieder fort. Man glaubte, ich wäre vor Betrüb« niß von meinem Gedächtnisse verlassen worden. Viel Gelindigkcit! Indeß hat mich diese jugendliche Ucbcreilung viel gekostet. Der Gedanke davon verfolgte mich zu jeder Predigt, die ich nachher gehalten habe, und brachte mich zu einer Schüchternheit, die mich niemals ganz verlassen hat. Lerne aus meinem Beyspiele vorsichtiger handeln, hitziger Jüngling! ich war dreist, wurde bestraft, und ärgerte mich hernach oft über meine Thorheit; werde du klüger! Eine nützliche Anmer, kung und schon deswegen schätzbar, wiewohl sie eS noch mehr wegen des Herzens ist, aus dem sie kam. Wäre es ihm gelungen, sich von dieser Aengstlichkcil wieder zu dcftcyen; hätte er zugleich eine bessere Gesundheit, eine stärkere Brust, ein festeres und getreueres Gedächtniß gehabt, so wür. de er, nach einigen noch übrigen jugendlichen Ver. suchen zu urtheilen, unter den geistlichen Rednern Deutschlands einen vorzüglichen Rang behauptet haben. Er selbst hatte nur eine geringe Meynung von seinen Gaben zur Kanzel, und glaubte, seine B L ersten Lv ersten Reden wären nichts als ein Gewebe von trockncr Philosophie und moshcimischcn Schmucke gewesen. Ueber sein Gedächtniß mochte er Ursache zu klagen haben: *) Ich armer Redner! Acht Tage mußte ich über eine Predigt lernen! Warum habe ich nicht lieber Acten abgeschrieben und dem Glöckner läuten geholfen? Ich hätte meiner Gesundheit nicht geschadet, und hätte ich der Kanzel keine Ehre gemacht: so hätten es andre mit mehr Nutzen und Ruhm gethan. So bescheiden urtheilte er bey allem seinen Verlangen und Bestreben nach der Achtung seiner Ncbcnmcnschcn von sich selbst, bescheiden oft bis zur Ungerechtigkeit gegen seine Talente und Vorzüge. Als ein geistlicher Redner würde er sich durch einen eigenthümlichen Gang seiner Gedanken , durch das Licht seiner Vorstellungen, durch ihre leichte und doch zugleich sinnreiche und anziehende Ordnung; durch seinen hellen, leichten und kurzen Vertrag vorzüglich unterschieden haben. Er hätte gewiß dasjenige gehabt, was man itzt mit einem fremden Ausdrucke das Populäre nennt, wovon man oft mit so viel Geräusche spricht, ohne zu wissen, worinn die schwere Kunst besteht, für die Menge verständlich und doch einnehmend zu reden, sich zu ihrem Gesichtskreise herabzulassen, und das zu treffen, was für sie das edelste und nützlichste ist, ohne kalt, trocken und niedrig zu seyn. Man sieht WwollstLndige Nachrichten, sieht schon in seinen jugendlichen Kanzclvcrsuchcn die Leichtigkeit, die attische Zierlichkeit und An, muth, die außer der reifern Richtigkeit seiner Gedanken ihm vor andern so eigenthümlich ist; denn sie unterscheiden sich von seinen spätern Arbeiten im Ausdrucke blos dadurch, daß er darinnen seinen Perioden mehr Lange und eine rednerischere Rundung gegeben hat. Zu Bestätigung dieses Urtheil- verdienen aus diesen frühen Reden einige Stellen ausgezeichnet zu werden, weil Geliert gewiß auch darinnen gefallen wird. In einer Rede über die Worte Christi: So jemand will den willen deß thun, der mich gesandt hat, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sey, oder ob ich von mir sel. her rede, beschreibt er im Eingänge mit vieler Lebhaftigkeit, wie leicht es so vielen Menschen werte, die Religion anzunehmen. Man betrachtet sie, sagt der junge Redner, alS eine Sache, die nicht schadet, wenn man sie glaubt, die aber sonst in unsre andern Umstände keinen Einfluß habe. Man stößt die Mittel des Heils eben nicht mit Füßen von sich; man bemüht sich aber auch nicht sehr um dieselben; man glaubt die Lehre Jesu aus Gewohnheit, aus Nachahmung, aus Trägheit, um mit einer Handlung bald fertig zu werden, die man doch einmal thun muß, um am Ende des Le, bens selig zu werden. Man entschließt sich, in einem Augenblicke den Himmel, die Hölle, den Tod, das Gericht, das ewige Leben, Gott und Jesum B 3 Chri- 22 Christum zu glauben, um nur dcs verdrießlichen Geschafftes, diese Wahrheiten zu lernen und bekennen zu können, bald los zu werden. Man wird in einem Augenblicke ein standhafter Bckcn- ncr Jesu, ein heiliger Streiter, ein Apostel, und so gar entschlossen, ein Märtvrcr zu seyn. So plötzlich ist Paulus, der doch ein Muster einer außerordentlichen Bekehrung war, nicht erleuchtet worden; er mußte sich erst unterrichten, überzeugen und stärken lassen; wir hingegen brauchen dieß in unsern Tagen nicht. Wir kommen, wie spie. lcnd, zum Himmel, können uns in einer Minute bekehren, und am Ende dcs Lebens in einer Minute gläubig und gottselig werden. Aber sehet nur die Minutcnchristen an ! Wo ist ihr Glaube, wenn man ihnen zuruft: Zeige mir den Glauben durch deine Werke? Doch wie kann es anders seyn ? Wir sind nur gute Christen in unsern Gedanken, und in der Meynung vom Christenthum. Was uns gefällt, das nehmen wir aus den Geboten Christi an ; einer dies, der andre das. Wir theilen uns in seine Befehle, wie die Kriegsknechte in seine Kleider! Aber o wir Thoren! Diese Ordnung dcs Heils steht nicht in der Schrift, sondern blos in unserm zerrütteten Gehirne. Warum fürchten wir uns fo vor dem Kreuze Christi? Warum gefallen uns seine Dornen nicht? Warum wollen wir nicht aus seinem Kelche trinken? Warum wollet ihr nicht sanftmüthig, nicht keusch, nicht mäßig leben? Wir wollen die zeitliche Ergö- tzung tzmig der Sünde gern haben. Aber verlangen wir denn nicke in den Himmel? Warum nicht? Also wollen wir selig werden; aber dock das thun, was uns nickt selig werden läßt. Das ist eine neue Religion! So unsinnig war selbst der Herden ihre nickt! Kann es dcnn also möglich seyn, daß so viele Menschen den Glauben und eine wahre Ueberzeugung von ihrer Religion haben, für deren Wahrheit sie wohl ihr Leben hingeben wollten? Wer nicht glauben will, um zu thun, wa- er glauben muß, der glaubt nicht. Wir sind zn träge und unwillig, die Gebote Jesu zu halten; sie scheinen uns zu schwer. Sclbstbchcrrscher wollen wir und nicht Unterthanen seyn. Was ist dcnn zu thun? Die Bibel ist da. Das Wort Gottes foltert solche Menschen heimlich. Sie wollen anders leben. als sie nach der Lehre Jesu leben sollen; also versuchen sie es entweder gar nicht, laissen es gut seyn und schläfern sich in ihren Sünden ein, oder fangen an, Gott und die Bibel zu leugnen , oder glauben einen Gott und keine Religion, welches Narrhcit ist, oder glauben einen Gott und machen sich eine eigne Religion, welches Bosheit ist. Viele glauben, daß ein Gott sey; sie denken sich aber ihren Schöpfer anders, als er ist; sie wollen einen Gott nach ihrem verderbten Willen haben. Er foll pur gütig, gnädig und barmherzig ; aber er soll nicht gerecht seyn. Ja, spricht der Spötter, ich kann das nicht begreifen, daß B 4 Chri« -4 Christus Gott und auch Mensch sey. Du sollst das nicht begreifen; du sollst es glauben. Wenn du die Ordnung des Heils begreifen könntest, was brauchtest du zu glauben? Die Gesetze deines Vcr. standes würden dich zwingen, was du begreifest, für wahr zu hallen, und der Glaube wäre nicht Glaube. Man spricht, wenn ich der Bibel glau. be, so muß ich tausend Arten des Vergnügens ent. bchrcn. Ich muß mich hüten, meinen Nächsten zu beleidigen; ich werde mich nicht selbst rächen dürfen; ich werde mich der strengsten Keuschheit und Mäßigkeit befleißigen müssen. Aber sage mir, willst du, daß dich jemand beleidigen, jemand hassen, verfolgen und todten soll? So ein Thor ist noch nicht in der Welt gewesen. Willst du denn, daß dir ein andrer deinen guten Namen, dein Weib, deine Tochter, deine Güter und Schätze schänden, rauben, vcrunchren und entwenden solle? So ein Narr, der das wünschen sollte, hat noch nie gelebt. Sage mir denn, warum willst du andern thun, was andre dir nicht thun sollen? Warum willst du ihre Zufriedenheit stören? Ue- berlcgt, meine Brüdcr, wenn wir alle einander in der Welt aus Liebe dienten ; wenn keiner den andern beleidigte; wenn wir alle arbeiteten; wenn es keine Feindschaft, keinen Hader, keinen Betrug gäbe: Wie ruhig, wie glückselig, wie himmlisch würden wir leben! die Welt wäre die Wohnung der Zufriedenheit, ein Paradies, ein halber Himmel! So aber will Gott die Welt haben; das sind 25 sind die Befehle und Rechte des Höchsten; dieses steht in der Schrift: Kann es wohl ein Wesen geben, welches uns etwas bessers befehlen könn» te? — — — Die Gottlosen bekümmern sich nicht um das Zukünftige; sie sehn nur auf das, was vor Augen ist, bekümmern sich nicht um ihre Seele, erbittern vor dem Tode nicht. Sie verkaufen die Wahrheit von der Unsterblichkeit der Seele um einen nichtigen Einwurf; um einen- falschen Schluss; sie glauben, daß sie sterblich sey, um in ihren Unordnungen nicht von der Furcht vor ewi, gen Strafen gequält zu werden. Sie verwerfen die Lehre Christi und haben sie nie geprüft, die Geschichte unsers Heilandes und haben keine Beweist ihrer Erdichtung; sie haben nichts als lächerliche Lehrsätze. Würdet ihr den nicht verlachen, welcher spräche: Es ist kein Luther gewesen, der eine Verbesserung unsrer Kirche unternommen habe; denn ich habe ihn nicht gesehen? Ich habe da nicht gelebt, die Geschichten können trügen. Ein einziger Mann wird so viele Städte und Müder, so viele tausend Seelen nicht durch seine Fcdee überwältigen. Gehen die Ungläubigen mit der Geschichte Jesu anders um? Haben sie bcßre Gründe wider sie, als diese? Schärfere oder eben so unsinnige Beweise, als jene wider Luthern? Ich bin noch ungewiß, ob man so unglückliche Menschen mehr bedauern, als widerlegen, mehr verlachen, als bestreiken soll. B; Diese Diese Stellen, die nicht selten sind, beweisen, daß in Gellerts damaligen Gedanken Leben und Feuer war; daß er, mehr ausgebildet, auch die trägsten Zuhörer aus ihrer Schläftigkcit herausgerissen haben würde. Und doch war er in seinen Anwendungen noch feuriger und dringender. So sagt er in eben dieser Rede: Wenn du bekehrt bist, so setze dir vor, eher zu sterben, als wieder zu sündigen. Hast du die Sünde gelassen, so fange an, sie zu verfluchen. Widerstehe dem Satan, so flieht er. Fürchte dich vor dir selbst, versuche aber auch deine eigne Stärke, brauche alle Mittel! Fleuch vor der Gelegenheit, suche die Einsamkeit, laß dich den Engel aus Sodom führen. Bete, ringe mit Gott! Werde nicl,'t müde! Nur angefangen; nur gewagt, ihr Auscrwahltcn, kämpfet, ringet, dort ist die offne Pforte, dort der Haftn, dort der Kranz! Es könnten noch weit mehr Stellen ausgc, zeichnet werden, die Lebhaftigkeit, welche seine Gedanken begeisterte, zu beweisen; noch einige mögen genug seyn. In einer Rede will er zeigen, daß es thöricht sey, in der Meynung zu arbeiten, daß man allein durch seine Arbeit sich erhalten könne. Es ist thöricht, sagt er, sich selbst ernähren zu wollen ; das heißt, sich etwas anmaßen, was uns nicht zukömmt, Viele Menschen stellen sich an, als ob sie Gott immer in seiner Regierung bcystchcn müßten. Was sie haben, schreiben sie ihren eignen Bemühungen zu. Sehen sie Frührcgen, Spatrcgcn, frucht. »7 fruchtbare Zeiten; scheu sie das Gras und allerley Früchte aufgehen, triefen die Fußtapfcn des Herrn von Fett; sind die Gefilde schwanger mit Saaten, quellen die Keltern mit Most: so mögen sie auf die erste Ursache nicht zurückdenken, sie halten das alles lieber für eine Nothwendigkeit der Natur; sie verweilen bey den Geschöpfen, ohne zum Schöpfer aufsteigen zu wollen. Sie merken, daß gewisse Gewächse nicht ohne ihre Mühe aufkommen, und darum wollen sie nicht begreifen, warum sie das, woben auch sie etwas getban haben, Gott allein zuschreiben sollen. Sie sehen nicht, daß Gott so zu reden nur gewisse Lücken in der Schöpfung gelassen hat, damit es den Men, scheu nicht an einer nützlichen Bcfchäffrigung ihrer Kräfte fehlen möchte. Allein es ist unmöglich, ohne feine Hülfe sich selbst zu erhalten. Der Herr darf nur die Brunnen am Himmel verschließen, nur die Erde verhärten, nur die Fluren überschwemmen, nur die Sicheln in Schwerdtcr verkehren, nur der Sonne mehr Feuer geben; Gott kann in einer Minute verderben, worüber wir Jahre gebaut und zehn Jahre gesammelt haben. Hängt denn kein Feuer in den donnernden Wolken? Frieren keine Schloffen in der Luft, welche die Gefilde zerschmettern? Haben wir nichts von theurer Zeit, von Mißwachs, und von andern Plagen gehört, womit Gott die Lander heimsucht? Erhalte dich doch in solchen Zeiten mit deiner Arbeit! Iß dich, sätti- 28 sättige dich, wenn nichts da ist, deinen Hunger zu stillen! Man kann sich leicht vorstellen, daß in diesen Versuchen nicht alle Gedanken eine gleiche Reife und Richtigkeit haben. Eben deswegen hat er selbst sie zur Vergessenheit vcrurthcilt- Man weis indessen aus sichern Erzählungen, daß er an seinem Geburtsorte viel Beyfall fand; man ermüdete nicht, ihn zu Hören. Dieß konnte nicht anders seyn; denn zu seiner Zeit war es überall etwas Neues, die Wahrheiten der Religion in einer deutlichen und doch edlen Sprache und.mit Empfindung vortragen zu hören; der Jüngling versprach so viel; man mußte von dem Manne nothwendig mehr erwarten. Seine Umstände erlaubten ihm nicht, sich blos mit der wettern Ausbildung und Bereicherung sei, nes eignen Geistes zu beschäfftigen. Auf Valentin Ernst Löschers Empfehlung übernahm er i7;y. auf ein Jahr die Aufsicht über zween junge Herren von Lüttichau unweit Dresden. Nachher unterwies er ein Jahr lang seiner Schwester Sohn, ihn zur Universität vorzubereiten, und mit ihm einen seiner Brüdcr, welcher aber auf der Schule zu Frcybcrg starb. -) Dieses Jahr zählte er un. tcr die gesündesten und glücklichsten und heitersten seines Lebens, und erinnerte sich immer mit lebhafter Dankbarkeit an die Munterkeit und Freudigkeit *) Unvollständige Nachrichten. Sy digkeit, womit er darinnen seine Pflichten zu erfüllen sich bestrebt hatte. Er unterrichtete die Scinigcn mit einem vorzüglichen Eifer, betete fleißig und mit Lust, war genau in seiner Selbstprüfung , voll Sehnsucht nach der Tugend, und lebhaft in seinem Hasse gegen das Laster; strenge in seinen Vergnügungen und voll freudiger Dankbarkeit gegen die Vorsehung. Ein wenig Meiß- ncrwein, sagt er selbst, mit etwas Brodt, erquickte mich des Abends, wenn ich meine Unterweisungen gecndiget hatte, oft bis zu dankbaren Thränen. Schon zu der Zeit war er in der Abwartung des Gottesdienstes so gewissenhaft, daß er des Sonntags, den er in seinem ganzen Leben seiner göttlichen Bestimmung gemäß anzuwenden gesucht hat, ohne die äußerste Nothwendigkeit nicht einmal einen Brief geschrieben haben würde. Es kränkte ihn schon, wenn er hörte, daß man an diesem Tage einen Boten von einem Orte zum andern abfertigen wollte; eine Gewissenhaftigkeit, die bey einem ausgebreitetem Ansehen der wahren Frömmigkeit niemand für sehr übertrieben achten wür, de. Seine frommen Gedanken über die Nützlichkeit einer gewissenhaften Feycr dieses Tages verdienen hier angeführt zu werden. Wir gehen, sagt er, *) mit dem Sonntage zu leichtsinnig um, und ich bin überzeugt, eine frömmere Anwendung desselben sey zum Wachsthume in der Religion und ') Uiwollft. Nachrichten, 3 ° und Gottseligkeit ein unentbehrliches und zugleich das bcstc Mittel. An diesem Tage sich von allen irdischen Geschafften losrcisscn, sein Herz prüfen, zum Himmel erheben, dasselbe mit den Wahrheiten des Glaubens nähren und starken, heißt, es auf die ganze Woche stärken, und sich zur rechtschaffenen Ausübung seines Berufes vorbereiten. Wer den Sonntag würdig fcyert, wie kann der wohl die übrigen Tage unwürdig zubringen? Wer ihn elend anwendet, wie kann der an die Wicht glauben, die übrigen gut anzuwenden? Höre mich, wer du auch seyst, der du dieses liesest: Auf die Anwendung des Sonntags kömmt die Anwendung der Woche an. Vergiß an diesem Tage die Kleinigkeiten der Erde! Sey ganz der Religion und dem Himmel gewidmet! Fühle die Wohlthaten Gottes, das Glück frommer Freunde und ihrer Gespräche, die Freuden der Natur und ihrer Wunder. Bete, danke, erforsche dein Herz, dein Gutes, deine Schwachheiten, und bemerke die Hindernisse deiner Tugend. Erkenne, daß du von Gott allein die Kräfte zu deiner wahren Wohlfahrt hast. Suche sie demüthig von ihm, und sey dankbar für diejenigen, die du empfängst. Wir vergessen unsre Schwachheit und unsre Unwürdig- kcit unter dem Tumulte der Gcschäfftc und Angelegenheiten des Lebens gar zu leicht, wenn wir nicht eine gewisse Zeit festsetzen, unser Unvermö, gen und die Macht und Güte Gottes, unsre Un- würdigkcit und seine Hoheit zu erkennen. Diesem Ge- Geschaffte sollte der Sonntag gewidmet seyn. Er ist der Tag des Gebets nnd der Ruhe, worinnen die Seele allein ihr wahres Glück findet. Sey noch so gut gesinnt, noch so eifrig in deinen Pflichten : je mehr du das bist, je gewisser du deines Wachsthums im Guten zu werden scheinst, desto leichter kann ein geistlicher Stolz dich überraschen. Ucbc dich also am Tage des Herrn in der Demuth, die uns so schwer wird, und sich oft um so viel weiter von uns entfernt, je näher wir den übri gen Tugenden zu kommen scheinen. Versenke dich tief in die Betrachtung, daß du mit deinem ganzen Daseyn, mit deiner Erhaltung, mit deinem Glücke, und deinem Elende, mit der Kraft deines Glaubens und deiner frommen Empfindungen einzig und allein von der allmächtigen und gnä, digen Hand des Vaters aller Wesen abhängst. Empfinde, wie freundlich Gott ist, wie ohnmächtig du ohne ihn bist! Denke nicht allein, daß es Gottes Wohlthat sey, was du im Leiblichen ver, magst; das kann noch Stolz seyn, der für Demuth gehalten zu werden wünscht. Du kannst es Gott zuschreiben, und immer die hochmüthige Meynung in deiner Brust nähren, daß du es verdienst, vielleicht vor andern durch eine gute Anwendung verdienst. Zerstöre diesen Stolz der Tugend am Tage des Herrn, und bete! Feyre ihn würdig unk» scheue die Ueberwindung nicht, welche du deinem Heile schuldig bist. Für die kleinern gesellschaftlichen Freuden, die du aufopferst, wirst du die unendlich Lr endlich hohen Freuden der Religion fühlen, und die Stille des Himmels, die nicht in dein Herz kömmt, wenn es sich nicht von dem Geräusche irdischer Angelegenheiten entfernen gelernt hat. Wie manches vortrcflichc Buch kann der Cbrist zur Erbauung lesen? Wird er dadurch seine Erkenntnisse nicht vermehren? Wird er sich in der Ueberzeugung von ihrer Wahrheit und Vortrcf- lichkeit nicht befestigen? Und soll er nicht immer völliger zu werden trachten? Forsche also an diesem Tage in der Schrift, lies eine gute Umschreibung und Erklärung derselben; lies die Gejauchte der Religion. Wähle unter so vielen Predigten, die dich am meisten rühren. Saurin. Mos- heim, Jerusalem, von Acken, Lramer, *) Schlegel, und andere, die ihnen zu gleichen suchen, sind nicht dieses Redner für alle Christen, für starke und für schwache? Nachdem Gellert seinen Vetter zum nützlichen Gebrauche des akademischen Unterrichts hinlänglich vorbereitet zu haben glaubte, begleitete er ihn 1741. nach Leipzig, sowohl um die Aufsicht über ihn fortzusetzen, als auch um sich selbst zum Dienste der Welt noch geschickter zu machen, ohne andre Aussichten zu haben, als die ihm sein Vcr. trauen zur Vorsehung, und seine Begierde, nützlich *) Die Pflicht eines Geschichtschreiber« verbietet mir hier, meinen Namen zu unterdrücken, wozu außerdem nur ein müßiger Grad von Bescheidenheit gehören würde. 3Z lich zu wenden, zeigte. Ich hatte wenig, sagt er selbst, als ich Leipzig zum zweytcnmale besuchte; aber Gott hat mich auch nicht einen Tag des Nothwendigen mangeln lassen. Ich erinnere mich, bey dem Anblicke dieser geliebten Stadt gewünscht zu haben, daß mich Gott, wenn es ihm gefiele, mein Leben an diesem Orte hinbringen lassen möchte. Dieser Wunsch ist erhört worden, wiewohl ich damals an weiter nichts dachte, als in Leipzig studi- rcn zu können. Geliert hatte die Absicht, Hofmanns Vorlesungen noch einmal zu hören; so groß war seine Achtung für diesen Philosophen, der aber einige Monate nach seiner Ankunft starb. Von dieser Zeit an bcschässtigtc er sich mit dem Privatunterrichte einiger Edelleute, vornehmlich aber mit der Bildung seines eignen Geistes und der Erweiterung seiner Einsichten, wobey er sich auch seiner natürlichen Neigung zur Dichtkunst überließ. Noch einer wcitläustigen und ausgebreiteten Gelehrsamkeit strebte er nicht; denn er fühlte dazu nicht Gesundheit genug, und konnte beydem Hange seines Körpers zu dem Uebel der Hypochondrie ein anhaltendes Sitzen nicht vertragen. Hätte ich, sagte er, gelehrt seyn sollen, so hätte ich ein Mosheim oder Ernesti werden mögen. Ernesti ist nach meinen Gedanken jungen Leuten allein eine Akademie, über die gewöhnlichen Phi, lologen so weit erhoben, als Mosheim über andre Redner. Mein Latein habe ich aus dem Cicero, den ich oft gelesen, oft laut gelesen und vst Stcllen- Gell. Schr. X. Tb. C weise 34 weise abgeschrieben Habe. Das Französische lernte ich meistens durch eignes Lesen und Ucbcrsetzcn. Keine Sprache ist mir leichter geworden, als die Englische, die ich später lernte, als die übrigen, von denen ich einige Kenntniß habe; die Ursache war, ich hatte einen srcundschaftlichen Ebcrt zum Lehrer darinnen. Weil er fühlte, daß es seinem Geschmacke an einer gewissen Reise fehlte, so suchte er ihm diese Reife zu geben, und desto nützlicher werden zu können. Seinen Freunden, die ihn fragten, wodurch er seinen Geschmack vornehmlich verbessert habe, antwortete er: Besonders durch Ciceros Werke, durch den Zuschauer, durch Rol- Itns Art, die freyen Künste zu studircn, und in der Folge durch den Umgang mit Gärtnern, und mit meinen andern Freunden, den Verfassern der bremischen Beyträge, durch ihre Beurtheilungen, ihren Tadel, und ihr Lob. Der gute Rollln! Ich halte sehr viel auf ihn. Außer diesen Alten und Neuern las ich Lwintilians Rhetorik und Horazens Dichtkunst. So sehr ich Ovids Leichtigkeit bewunderte, so konnte ich mich doch nie überwinden, ihn ganz zu lesen; er ist schön, und doch unreif. Ich halte das Lesen, vornehmlich der Alten, zum Geschmacke für nothwendig, und die wahre Gelehrsamkeit kann es nicht entbehren. Allein das Lesen der alten Philosophen kömmt mir gefährlich vor, weil es eher stolz als weise und gut machen kann. Ihre Sittcnsprüche sind vor- treflich und bereden das Herz, daß es auch von selbst 35 selbst vortreflich werden könne. Der Verstand freut sich über die Tugend/ die sich der Mensch selbst geben kaun; aber das Gewissen widerlegt sehr bald das stolze SnsteM/ wenn das Her; versucht/ durch seine eigne Kraft/ fromm zu werden. Seneca ist Stellenweise oft meine Bewunderung gewesen. Las ich ihn im Zusammenhange/ so ward er mir nicht selten gleichgültig , und/ las ich einige Stunden nach einander/ so gar ekelhaft. Gleichwohl war Seneca ein großes Gniic; aber wo er klein ist/ wird er es durch die Einförmigkeit seines ausschweifenden Witzes und durch seine so ängstliche Jagd nach dem Sinnreichen. Man sollte die Alten hauptsächlich wegen ihrer meisterhaften Gcfchicklichkeit schön zu denken und zu schreiben preisen; aber in den Lobfprüchen / die man ihrer Sittenlehre giebt, weniger verschwenderisch oder behutsamer seyn. Sie erniedrigen / ohne daß man es merket, bey jungen Leuten die Moral der Religion, gegen deren Ausübung die gleichgültige und schläfrige Art ihres Vertrages uns schon in der Kindheit gleichgültig macht. Wir nehmen die Form des Christenthums an, ohne doch aus Gründen des Christenthums zu handeln. Auch bleibt uns oft das Göttliche derselben, wenn wir sie gelehrt studiren, unbekannt, und wir bereden uns, wie wir das System aus eignen Kräften fassen können, daß wir auch den Willen der Religion aus eignen Kräften beobachten können. So widerstehen wir der Kraft, die uns ändern soll, bloß da- C s durch, durch, daß wir nicht würdig genug von ihr denken, und eben die Religion, die uns demüthig machen soll, dienet aus Verkehrtheit dem Stolze zur Nahrung. Warum unterlassen so viele junge Leute das Gebet, gutgesinnte junge Leute, wenn sie nicht heimlich glauben, daß sie sich selbst zur Tugend genug sind? Es ist eine elende Scham, wenn man sich einer höhcrn Hülfe ichämct. Sie wollendem Geiste Gottes, der unser Herz ändern und heiligen muß, diese Ehre nicht lassen, um sie selbst zu verdienen, richten das Reich einer citeln Selbstzufriedenheit in sich auf, glauknn, sieh beherrschen zu können, fallen in Sicherheit und daraus in Laster, die der Jugend fo gefährlich sind. Wollte Gott, man lehrte uns in den frühen Jahren des Lebens die Religion nicht wie ein Handwerk, man führte uns auf das Göttliche und Liebenswürdige , das sie bat, und lehrte uns, daß wir eben diese Religion, wie unser Verstand fortwächst, auch fortstudircn, und ihre Wahrheiten zu beständigen lebendigen Antrieben machen müssen, unser Herz zu bessern, und ohne den Gehorsam gegen ihren Willen keine wahre Ruhe des Herzens zu hoffen. So würde ihr Licht unsern Verstand in allen Verhältnissen des Lebens das sehen lassen, was unsre Pflicht und unser Glück ist. Wir würden einsehen, daß dieses Leben eine Uebung auf die Ewigkeit seyn müsse; daß es ohne Ewigkeit ein Räthsel und ein Nichts; daß der Glaube an einen göttlichen Erlöser die größte Hoheit des Herzens 37 Herzens, die ganze Summe der menschlichen Glückseligkeit und die Weisheit des Himmels sey; daß der, so nicht glauben will, eben der Vernunft entsagen muß, auf die er so gern stolz sey" möchte. Hätten diese Gesinnungen und Empfindungen tiefe Wurzeln in der Seele geschlagen, ehe wir Gelehrte würden: So könnten uns die Alten, die den menschlichen Geist so sehr verschönern können, nie schaden; sie würden uns nur nützen; der gute Geschmack, den wir ihnen zu danken hätten, und die Gelehrsamkeit, die wir aus dicken Quellen schöpften, würde eine ehrerbietige Dienerinn der Religion und Tugend, und nie, auch nicht einmal durch ihre Gefälligkeit, den Stolz des menschlichen Verstandes zu nähren, zu ihrem Nachtheile gemißbraucht werden. Ohne sich in Betrachtungen über Betrachtungen einzulassen, sieht man leicht, daß GeUert nicht nur auf die Verfeinerung seines Verstandes und seiner Einsichten, sondern, was eines jeden Menschen vornehmste Sorge scpn sollte, eben so eifrig auf die Verbesserung seines Herzens dachte. Sein Auge war unverwandt auf die Religion gerichtet, und daher kömmt es, daß alle seine Arbeiten die Beförderung der Frömmigkeit und Tugend mehr oder weniger zum Augenmerke haben, und die Vorwürfe nicht fürchten dürfen, welche viele Geister von den edelsten und schönsten Talenten wegen ihres Mißbrauchcs von ihren Lesern und auch von sich selbst früher oder später zu fürchten haben. C; Geliert I8 Gellert war ungefähr wieder ein Jahr i» Leipzig gewesen, als die Belustigungen des Verstandes und Witzes erschienen. Der Geschmack ist in Deutschland nun allgemeiner und aufgeklarter geworben, als er damals war. Mau mag also itzt von ihrem Werthe urtheilen, wie man will, so ist doch gewiß, daß sie eine unerwartete und zugleich nützliche Erscheinung waren, Deutschland in Bewegung setzten, und zur Ausbreitung der Lust zum Lesen angenehmer und nützlicher Schriften viel beytrugen. Gellert ließ steh bewegen, Theil daran zu nehmen, und gab einige Fabeln, Erzählungen und Lehrgedichte, mit verlchiednen prosaischen Ab, Handlungen in diese Monatschrift, die mit einem weit ausgebreiteten Bcyfallc gelesen, aber auch bald, wegen einiger darinnen befindliche» Streitschriften, mit Beurtheilungen angegriffen wurden, welche vielleicht nicht allemal ungerecht, aber doch allemal zu hart und zu unfreundlich waren. Gellerts Freunde wissen, mit welcher Strenge er diese ersten öffentlichen Versuche seines Geistes beurtheilet hat. Einige hat er nicht einmal der Verbesserung würdig geachtet, wiewohl ihm auch diese liebenswürdige Härte gegen seine eignen Arbeiten feindselige Anmerkungen zugezogen hat. Bey allen ihren Mängcln hatten sie so viele sichtbare Schönheiten, daß er, gleich seit seiner ersten Erscheinung unter Deutschlands Dichtern, eine allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. In jedem neuen Stücke sah man zuerst nach, ob eine Fabel oder 39 oder Erzählung von Gelierten darinnen wäre. Uebcrall las man diese/ las sie wieder/ und wußte sie auswendig. Das Natürliche und Leichte der Erzählung/ worinncu nichts gesucht/ nichts stu- dirt zu seyn schien/ der sanfte/ unschuldige'/ menschenfreundliche Ton eines jungen Dichters, der gefalle» / vergnügen, und bessern wollte, der, ohne zu beleidigen, scherzte, nie mit Bitterkeit lachte, sondern immer nur mitleidig oder liebreich lächelte, hatte so viel Anziehendes, daß der Beyfall, den man ihm gab, von einem Monate zum andern allgemeiner wurde. Man darf sich also nicht verwundern, daß er Gedichte, die von den ältesten Zeiten her für die angenehmste Sprache der Weisheit gehalten worden sind, um so viel lieber gewann, je mehr er Anlaß hatte zu hoffen, daß sie ihm glücken, und zugleich ihn seinem Vaterlands werth machen würden. Um diese Zeit errichtete er mit Johann Elias Schlegeln, dessen ältern Bruder er in Meißen gekannt hatte, eine zärtliche und vertrauliche Freundschaft. Diese gründete sich auf die Talente und moralischen Vorzüge dieses Dichters, der zuerst die tragische Muse nach Deutschland rief. So lange er in Leipzig lebte, war er GeUerts beständiger Umgang, ebenso bewundert, als geliebt von ihm. Denn wie gern auch dieser selbst hochgeachtet zu werden wünschte, so konnte er doch andrer Gaben und Verdienste über sich erhaben sehen, oder er schätzte sie vielmehr allezeit höher, als die C 4 ftini- 4-> seinigcn. Dieß beweist die Schilderung, die er selbst von seinem geliebten Freunde und von seinen Brudern entworfen hat. So bald ich Ja-Haim Elias Schlegeln kennen lernte, sagte er, *) waren wir auch Freunde. Er übertraf mich an Gelehrsamkeit, Critik und Genie; damals und stets; ein Mann von ungewöhnlichen Talenten, einer sehr gefallenden Bildung, und einer Lust zu arbeiten, die nicht ermüdet werden konnte. Die schönen Wissenschaften waren seine Freude und sein Fleiß. Gleichwohl sollte er nach dem Verlangen seines würdigen Vaters sich zum Juristen geschickt machen, um eine öffentliche Prüfung aushalten und Doctor der Rechte werden zu können. Er haßte beynahe die Pandckten, halte die Rechte nur im Vorbeygehen gehört; aber seinem Vater zu gefallen, zwang er sich ohngcfähr ein Vierteljahr lang, trieb sie mit einem Eifer, als wenn er ein zweyter Cujaz werden wollte, unterwarf sich einer öffentlichen Prüfung feiner juristischen Kenntnisse, und Rechenberg, der damalige Dekanns, wollte ihm aus Bewunderung derselben zu einer öffentlichen Unterstützung verhelfen, um die höchste Würde in den Rechten erlangen zu können. So wahr ist cs, daß ein Mann, welcher der alten Sprachen mächtig ist und Geist hat, in kurzer Zeit mit seinem Fleiße in den höher» Wissenschaften mehr, als glaublich zu seyn scheint, ausrichten kann. Die Griechen Unvollständige Nachrichten. Griechen und Römer hatte er bereits auf der Schi», le mit großem Fleiße gelesen, und las sie noch. Er verstand zugleich die französische, italienische und englische Sprache gut, kannte die besten Schriftsteller darinnen, und hatte diese Kenntnisse sich fast ganz allein zu danken. Da er bey seinem Vetter, Spener, dem sächsischen Gesandten an dem dänischen Hofe, als gesandtschastlicher Sckrctair gebraucht werden, und zu dieser Absicht französisch sowohl gut .zu reden als gut zu schreiben wissen sollte, gicng er einige Monate zu dem Herrn Mau» villon und lernte beides so gut, daß ihn dieser als einen seiner geschicktesten Schüler zu rühmen pflegte. Er konnte ganze Tage arbeiten, ohne auszusetzen ; darauf aber gicng er meistens einen Tag herum, ohne sich zu beschäftigen, und erholte sich in Gesellschaften. Schlegel stritt von Herzen, wenn man seine Gedichte tadelte, gieng mit dem Trotze eines Poeten hinweg, der, was gut wäre, besser, als fein Kunstrichter zu empfinden glaubte, kam in einigen Stunden demüthig zurück, und hatte die mit großer Hitze vertheidigten Stellen alle glücklich geändert. In seinen Tragödien konnte er ganze Aufzüge umarbeiten, ohne darüber zu klagen. Ein Entwurf zu einem Trauerspiele war ihm eine sehr angenehme Beschäftigung, und er pflegte ihn, wie Racine, oft fast ganz prosaisch auszusetzen. Ich weis niemanden, der diesen Mann gebildet hätte; sein eignes Genie und Lesen that es. Daß wir kein Bildniß von ihm haben, C; kränkt kränkt mich. Er war blond. Ein paar hellblaue, denkende, halbtraurigc, halbfrohe Augen, bald muthwillig, bald ernsthaft, lagen tief in seiner drei» tcn und hohen Stirne. Sein Mund, die Oberlippe etwas aufgeworfen, und feine Habichtsnase gaben seinen, Gcstchte ein eben so edles Ansehen, als sein beredtes Auge dasselbe angenehm machte. Seine Freunde küßte er mit einem frohen Ungestüme fast so oft als er sie sah. Für das schöne Geschlecht hatte er viel Achtung; doch weis ich kein Frauenzimmer, das er bis zur Leidenschaft geliebt hätte. Hätte er aber eins geliebt, und seine Geliebte hätte seine Neigung für das Theater zu arbeiten gemißbilligt, so würde er diese Neigung der Liebe gegen sie, wie reizend sie auch gewesen wäre, vorgezogen haben. Er las seine Verse gern vor, um zu hören, was er zu hoffen hätte, doch dckla- mirte er sie nicht zum Besten. Ich gicng in seiner Gesellschaft seinem Bruder, Iohann Adolph, als er aus der Pforte nach Leipzig kam, bis Lindcnau, zu Fuße entgegen. Dieser gefiel mir damals gar nicht, hatte auch eine Miene, die das Herz nicht ankündigte, das er hat, und doch ist dieser Schlegel ein Freund von mir geworden, für den ich bis ins Grab die zärtlichste Liebe, Hochachtung und Bewunderung haben werde. Sein älterer Bruder, den er nicht lange in Leipzig genoß, starb in Soroe, wo er bey der Ritterakademic, als ein öffentlicher Lehrer, mit großem Beyfall gelehrt harte. Ehre denselben, junge Nachwelt, und lerne von ihm; ihm; denn er lernte von den Alten! Der vierte Schlegel, Iohann Heinrich, in Dännemark an der Universität in Kopenhagen, würde seine Bruder an Güte des Herzens übertreffen, wenn es möglich wäre, sie daran zu übertreffen. Seine Frömmigkeit und das Liebenswürdige seiner Sitten erheben ihn so sehr als sein Verstand, seine Gelehrsamkeit Und sein großer Fleiß. Auch der Jüngste ist aller seiner Brüdcr würdig, und nun ein eifriger und beredter Lehrer der Religion. Das Herz, das dieser hat, das oft unter einer ernsten Miene verborgen liegt und deswegen nicht gleich im Anfange einnimmt, ist doch das empfindlichste und gewissenhafteste Herz. Er wollte durchaus, gleich allen meinen Freunden, in feinen Arbeiten und Sitten getadelt seyn; eine herrliche E gcnschaft eines Jünglings! Er tröstete mich oft in meinen hypochondrischen Stunden! Alle diese fünf Schlegel haben in Pforte und Meißen und in Leipzig studirt, und viere davon, welche Ehre sind sie diesen Schulen! Denn obgleich dcr Aeltestc, der sich bloß den Rechten gewidmet hatte, seiner Kenntnisse und seines Herzens wegen ein hochachtungs- würdiger Mann war, so hatte er doch nicht die Talente seiner Brüder. Aus Einem Haufe vier so vortrefliche Geister! Blühe du Geschlecht der Schlegel, und nie fehle es dir an Männern, welche die Menschen weise und glücklich machen; nie an Beförderern des Geschmacks und der Tugend! Der Segen eines rechtschaffenen, gelehrten, aber Miglück» 44 unglücklichen Vaters, rnhe immer auf seinen Nachkommen, wie er so sichtbar auf seinen Söh, ricn ruht! So voll war Gcllcrts Herz von seinen Freunden, so rührend die Zärtlichkeit, womit er sie liebte. Seine Seele ergoß sich in ihr Lob, wenn er von ihnen sprach, in seinen Briefen, in seinen Gesellschaften, in seinen Vorlesungen. Immer wünsch, te er, sie von andern eben so hoch geachtet und geliebt zu sehen, als er selbst sie schätzte und liebte, und er schätzte und liebte sie vornehmlich moralischer Vorzüge wegen. Wo er diese entdeckte, oder zu entdecken glaubte, da wurde sogleich sein ganzes Herz entzündet. Seine Frenndschastlichkeit war mehr, als Temperament. Sie entsprang aus einer wahren und ungcheuchcltc» Liebe zur Religion und Rcchtschaffenhcit. Er fühlte lebhaft , daß nur die Vorzüge der Tugend liebenswürdig und glücklich machen, und mitleidiger kann keine Bekümmernis, seyn, als die scinigc war, so vfr er mit Mensche» bekannt wurde, die durch den Mangel daran unglücklich und elend waren. Dieß Mitlci bewog ihn alles anzuwenden, was in seiner Macht stand, sie zu bessern und dadurch glücklicher zu machen. Er wurde einige Jahre nach seiner Zurückkunft nach Leipzig mit einem Unglücklichen dieser Art bekannt, der, die man zu sagen pflegte, im Grunde kein böses Her; hat, von der Wollust aber zur Frcigeistcrey verleitet, und von dieser zu Ausschweifungen hingerissen worden war, 45 war, die sowohl seine Gesundheit als seine irdische Wohlfahrt zu Grunde gerichtet hatten. Unter einer eben so schmerzlichen als eekelhaften Krank, heil fehlte es ihm sowohl an Gemüthsruhe und Trost, als au Mitteln, sein äußerliches Leiden sich zu erleichtern, und zugleich an dem einzigen, was Verächter der Religion allein noch zu einiger selbst ihrem Körper nöthigen Gelassenheit bewegen kann, an der Hoffnung wieder auszukommen. Ungeduld und Verzwcisiung vermehrten seine Quaalcn, und gleichwohl waren keine Flüche noch Verwünschungen so strafbar, die er nicht aus Ungeduld und Verzweiflung wider sich und wider die Vorsehung ausgcstoßcn hätte. Geliert, von den schrecklichen Schmerzen seines Körpers, noch mehr aber von dem Elende seiner Seele gerührt, wünschte ein Werkzeug ihrer Errettung zu werden. In dieser Absicht suchte er sich zufördcrst seiner Liebe zu versichern, und ihn zu überzeugen, daß er von einem wahren und ernstlichen Mitleiden gegen sein leibliches Elend durchdrungen wäre. Weil auch sein Her; wider die Religion so feindselig gesinnt war, daß er ihre Hülfe nicht verlangte, sondern floh, so nahm er sich vor, sein Vertrauen dadurch zu gewinnen, daß er nur die Absicht zu haben schien seine Schmerzen zu lindern, und ihm das Gefühl seiner Krankheit zu erleichtern. In dieser Absicht that er alles, was er nach seinen Umständen thun konnte, und sammelte, mit aller Schonung seiner äußerlichen Ehre, bey seinen Freunden, um ihm 4b ihm mit allen Erquickungen beystchen, welche seine Seele zur Ruhe und zu einem gelassenen und ernstlichen Nachdenken bringen könnten. Er war ungeachtet des Unangenehmen, was seine Krankheit hatte, doch immer bey ihm; immer bemüht, durch kleine Bequemlichkeiten seine Schmerzen zu besänftigen, mit dem angenehmen trauernden Mitleiden in seinem Auge, welche Unglückliche so leicht empfinden, und welches in keinem Auge redender war, als in dem scinigcn. DaS Herz des Kranken wurde nach und nach erweicht, mäßigte aus Achtung für einen so dienstfertigen und mitleidigen Freund die ungestüme Heftigkeit seiner Ungeduld, GeUerrs Betrübniß zu schonen, und da eS sich erst gegen die Freundschaft eines liebreichen Mannes zu öffnen anfieng, begann dasselbe nach und nach empfindsamer auch gegen die höhere Liebe zu werden, auf welche es Geliert mit einer zärtlichen Vorsicht und Behutsamkeit aufmerksam zu machen suchte. Der Kranke kam mehr zur Stille, von der Stille zum Nachdenken, vom Nachdenken znr Reue, von der Reue zu ernsthaften Bestrebungen, seine Verzweiflung zu mäßigen, seinen Lippe» Gewalt zu thun, und der schrecklichen Verfluchungen, die ihm zur Gewohnheit geworden waren, sich zu enthalten. Endlich ließ er seinem Freunde nicht bloß die Freyheit, ihn zu erinnern, wenn er in Gefahr war, sich vor Schmerzen zu vergessen, sondern bat ihn auch um diese ihm nöthige Hülfe. Seine Sorge, ob er noch errettet werden könnte, wurde 4 ? wurde lebhafter, und sein Verlangen darnach immer feuriger. Vor dem hatte er die Lehrer der Religion verspottet; nun sehnte er sich nach ihrem Unterrichte und Troste. Seine Gelassenheit und Geduld nahm mit feinen Schmerzen zu; doch wurde er nicht vom Tode übereilt, und zuweilen schien er Erleichterungen zu erhalten, die ihm schmeicheln konnten , daß er die Hoffnung der Genesung doch nicht völlig aufgeben dürste. Geliert sollte die Freude haben, feine Besserung noch mehr zunehmen zu sehen. Er verließ denselben so wenig, als es ihm nur seine übrigen Pflichten erlaubten, und bemühte sich, eben so sehr die Empfindung seiner Unwürdigkcit und einen ernsthaften Abscheu an seinem vorigen Leben, als die Hoffnung seiner Begnadigung zu unterhalten. Der gebesserte Kranke war indeß seinem Tode näher gekommen, als sein für seine Seele besorgter Freund fürchtete. Eines Tages betete er ganz allein mit dem Kranken; dieser ward plötzlich schwächer, ergriff die Hand seines mit ihm betenden Freundes, dankte ihm , betete, und starb. Geliert von seinem schnellen und ruhigen Tode gerührt, glaubte kaum, was er sah, rief um Beystand, entfernte sich aber, als er sah, daß es hier seiner Hülfe nicht mehr bedurfte, mit zitternder Freude aus dem Hause, voll Dankbarkeit für die Hoffnung, die er hatte, etwas zu Errettung einer unsterblichen Seele beygetragen zu haben. Man Man sieht aus dieser Begebenheit, mit welchem Eifer er an der Beförderung der wahren und ewigen Glückseligkeit der Menschen gearbeitet ha, den wükde, wenn ihm die Beschaffenheit seiner Ge, sundhcit erlaubt hätte, seinem Wunsche nach einem Prcdigtamcc oder Scbulamtc zu folgen. Noch hatte er über kein sieches Leben zu klagen; aber so gesund war er auch nicht, als man in seinen Jahren zu seyn pflegt. Weil nun zu öffentliche» durch Verordnungen festgesetzten und bestimmten Arbeiten eine zuvcrläßigc und beständige Gesundheit nö. thig ist, wenn sie ihre Absicht genug erfüllen sollen, so beschloß er, sich dem Unterrichte der akadcmi, sehen Jugend zu widmen. Er wählte dazu. eine Sphäre, die zwar nicht unmittelbar an die Religion und Moralität grenzt, die er aber in eine genaue und freundschaftliche Verbindung mit ihnen zu fetzen hoffte, damit er den Menschen auch dadurch nützen möchte, wodurch ein edler, nach der wahren Unsterblichkeit begieriger Geist am liebsten zu nutzen wünscht. Auch für die Frömmigkeit und Tugend giebt es glückliche Umwege zum menschlichen Herzen. Auf diesen wollte sie Geller! dahin führen , oder sie in der Herrschaft, die sie etwa schon über gute junge Gemüther haben möchten, befestigen, obgleich dieses nicht der Erste seiner Endzwecke zu seyn schien. Er setzte sich vor, ih, rcn Geschmack zu bilden, aber auf eine solche Art, daß sie überzeugt würden, die Frömmigkeit erhöhe und veredle die Vergnügungen eines feinen Geschmacks. 4 - schmacks. In dieser Absicht erwarb er sich die Freyheit auf der Akademie 1744 und 1745 öffentlich zu lehren, nach der Gewohnheit der Universitäten erst durch die Annahme ihrer höchsten Würde in den freyen Künsten und durch die Vertheidigung einer gelehrten Abhandlung von der Poesie der Fabeln und der vornehmsten Fabeldichter. Die Geschicklichkcit und Kunst zu unterrichten hatte er sich bereits erworben. Er ward auch darinnen täglich vollkommener, ob er gleich nie diejenige Dreistigkeit auf dem Katheder erlangt Hat, die weder Vcrmcssenhcit noch Unverschämtheit genannt seyn will, die aber gemeiniglich nur angenommen wird , um dem Auge der Jugend den Mangel einer größer» Einsicht und Gcschicklichkcit, die ein Lehrer haben sollte, zu entziehen; die aber denselben immer viel weniger verbirgt, als ihn eine furchtsame Bescheidenheit befürchten laßt. Indeß wollte Gellen nicht allein durch akademische Vorlesungen, sondern auch durch Schriften nützlich werden. Wie ihm die Fabeln mit Recht diejenige Gattnng von Poesie zu seyn schienen, worinncn er die meiste Stärke hatte, so arbeitete er, als die Ersten Stücke der bremischen Beytrage 174t herauskamen, ganz in der Stille an den seinigcn, um seine Freunde auf eine angenehme Art zu überraschen. Seine ersten Versuche von Fabeln und Erzählungen in den Belustigungen hatten viel Beyfall erhallen. Dadurch aber war er doch nicht der Zufriedenheit ver- Geii-Schr.X.LH. D leitet Lo leitet worden, welche so viele Schriftsteller verhüt dert hat, ihren Werken diejenige Vollkommenheit zu geben, die sie dcnsclocn gegeben haben würden, wenn ein Mißtrauen gegen sich selbst sie angetrieben hätte, mehr Sorgfalt und Fleiß auf die Ausarbeitung zu wcntcn. Geliert kannte und fühlte die Nothwendigkeit und die Vortheile eines nur seltnen Mißtrauens dieser Art. Er las seine Fabeln seinem Fr.nndc Gärtner vor, und dann erst der ganzen Gesellschaft seiner übrigen vertrauten Freunde. Dieses geschah nicht lange nach der ersten Einrückung der preußischen Kricgsvölker in Sachsen. Er verlangte eine genaue und strenge Beurtheilung seiner Arbeit von seinen Freunden. In dieser freundschaftlichen Bcschafftignng ließen sie sich auch dadurch nicht stören, baß zu eben der Zeit seine Wohnung, wo sie in dieser friedlichen Absicht sich versammelt hatten, von einigen preußischen Officiercn durchsucht wurde, um zu erfahren, ob nicht etwa der General Sibylsky daselbst versteckt seyn möchte. Unter seinen damals verfertigten Erzählungen ist die Schilderung cchcr Betschwester besonders merkwürdig. Diese hatte ihn auf die Gedanken gebracht, seine Gaben zu den Werken des Geschmacks auch zur Verbesserung des Theaters anzuwenden, um diese Art des öffentlichen Vergnügens moralischer und dadurch nützlicher zu machen. Denn obgleich schon Johann Mas Schlegel setnen geschäftigen Müßiggänger und seine seine Pracht von Landheim in dieser Absicht gearbeitet hatte, so waren doch diese beiden Stücke noch nicht gedruckt. Geliert schrieb also seine Betschwester, und überlttß sie seinen Freunden/ auf ihr Erwch n, wer Bekanntmachung in den bremischen V v'rawm. Anfangs war er zweifelhaft, ob er nun nickt die Enalilung, welche das Lustspiel veranlaßt hatte, unt'rl rücken sollte. Seine Freunde solttcn dieß entscheiden, und diese waren der Meynung, daß dieselbe eben wwohl, als die Komödie, gedruckt wcedni könnte. Dieses Stück wurde mit B ysall aufgenommen, vcrur. sachte ihm aber in der Folge viel Kummer. Einige Namen haben Nebcnbcgriffe, wodurch zuweilen eine gewisse Zärtlichkeit wider Sachen aufgebracht wird, wobey sie nichts anstößiges finden würden, wenn dieselben nur.mit einem andern Worte oder Bilde bezeichnet wären. Vielleicht wäre dieser Zärtlichkeit, wenn sie noch unschuldig und nicht selbst eine Frucht oder Art der Schein- heiligkeit ist, in dieser Komödie der Name einer Scheinheiligen weniger zuwider gewesen. Denn wer hat eine wahre Achtung gegen Religion und Frömmigkeit und sollte sich nicht freuen, diejenigen, welche Andacht und Gottseligkeit bloß im Acußcrlichcn, oder in einer ausschweifenden Nachahmung ihres Aeußcrlichen suchen, einem ernstlichen Mißfallen und Abscheue daran Preis gegeben zu sehen ? Geliert hatte gewiß bcv seiner Arbeit diese Absicht. Man darf zur Ueberzeugung davon D s nur 52 nur seine Erklärung darüber in der Vorrede zu ftinci, Schauspielen lesen. Es bedarf hier keiner Untersuchung über die Sittlichkeit des Theaters, keiner Betrachtung der Nützlichkeit und Schädlichkeit dieses öffentlichen Vergnügens, das an Höfen Und in großen Städten fast zu einem Bedürfnisse geworden ist. Neuere Philosophen, als Rousseau und Alembert, und auch neuere Got- tesgclchrtcn sagen sowohl für das Theater, als wider dasselbe so viel Unbestimmtes, wodurch die Entscheidung mehr erschwert als erleichtert wird, daß man sich eine allzulange Ausschweifung erlauben müßte, wenn man die dahin gehörigen Fragen in ein neues Licht setzen sollte. Es mag schwer seyn, zu entscheiden, was getreue Zeichnungen guter und böser, liebenswürdiger und verhaßter, edler und niederträchtiger Charaktere im Schauspiclhausc auf die Zuschauer oder im Lesen auf die Leser für Eindrücke machen können, wenn man dabey den vcrschicdncn Zustand ihres Gemüthes in Betrachtung zieht. Es mag schwer seyn, aus die, scr Kenntniß diejenigen Regeln herzuleiten, welche Dichter beobachten müsftn, wofern sie nicht allein vergnügen, sondern auch nützlich werden wollen. Ach ist es schwer zu entscheiden, wie sehr die unausbleibliche Empfindung von Vergnügen über die Kunst der Nachahmung, über die Schönheit der Malcrey und über das Reizende der Vorstellung selbst den Eindruck hindert oder befördert, den jede richtige Bemerkung des Bösen, des Häßlichen, lichcn, des Verabscheuungswürdigen, des Strafbaren , und des Lächerlichen zum Vortheile einer wahren Liede und Hoebachumg gegen alles Edle, Schöne und Liebenswürdige machen sollte. Man kann überdicß mt keinem philosophische», oder theologischen Machtspruchc bestimmen, was das Theaecr durch die Versctmldung der Dichter, oder ohne dieselbe für Wirkungen auf die Ludcnschaftcn der Menschen haben; was es diesen für neue Gestalten oder Wendungen geben könne. Das aber ist gewiß, daß sowohl die Theologen, als andere, welche Christen sind, oder seyn wollen, sich in dieser Sache k inen Ausfpruch anmaßen müssen, ehe sie sich wohl geprüft haben, ob sie auch alle zu diesem Richtcramte nöthigen Einsichten besitzen; denn es ist sehr bedenklich, über die Moralität solcher Vergnügungen, deren Unschuld doch unter gewissen Voraussetzungen und nach einem gewissen Ideale von ihnen selbst eingestanden wird, in einem entscheidenden Tone zu urtheilen. Hat man nicht alle dazu nöthigen Einsichten, so können dergleichen Urtheile sehr leicht schief gerathen, und zu A eben so schiefen und anstößigen Gegenurthcilcn Ge- .4 lcgcnhcit geben. Können sich aber wohl diejeni- H gen darauf einlassen, die, wenn sie auch ihre Mo- Ä ral wissen, doch vielleicht von den Werken des Ge- 1 schmacks, und ihren Wirkungen auf die menschliche i Seele, von der Verbindung, worein sie mit den l Lehren der Religion gebracht werden können, von den Regeln dieser Verbindung, und von der Har- D; monie 54 monie einer an sich unschuldigen Belustigung des Witzes mit der Tugend nickt genug bestimmte Kenntnisse huben? Fehlt es ihnen an diesen, so gehen sie am sichersten, wem, sie für ihre Nebcn- menschcn sich auf den allgemeinen Rath einschränken, auch in ihren Vergnügungen alles zu prüfen, das Beste zu wählen, und bey dem Genusse derselben darauf zu sehen, daß sie ihre eigne Unschuld bewahren und von keiner unmoralischen Gleichgültigkeit gegen Dinge, gegen welche sie nicht gleichgültig seyn dürfen, angesteckt werden mögen, weil sie sonst durch ihre Unfähigkeit, bestimmt und zu- verläßig genug zu urtheilen, sich der Gefahr bloß stellen, Mißtrauen gegen ihre übrigen bessern moralischen Ausjprüche zu veranlassen. GeUerr selbst hatte bey siincn theatralischen Arbeiten gewiß die Absicht, am Laster Abschui, an F.hlern und Thorheiten Mißfallen zu erwecken, gute und liebenswürdige Charaktere aber durch eine reizende Vorstellung zu empfehlen und den Menschen angenehm zu machen. Er wollte dem guten Herzen eben so sehr als dem Witze gefall.n; man kann also feine Schauspiele nicht ohne Mulhwillcn oder Einfalt für die Tugend anstößig finden, wenn es auch nicht schwer s nn sollte, besonders in der Betschwester, einige Züge, die etwa,, eine ängstliche Be- denklichkcit hinweg wünschen könnte, auszulöschen, ohne ihre Schönheit zu vermindern. Hätte er mit Wahrscheinlichkeit einige Anstöchgceit von diesem Stücke befürchtet, so wurde er dasselbe gcw ß vor vor dem Drucke eben so willig unterdrückt haben/ wie lieb ihm auch seine Arbeiten waren/ als er eine i» Absicht auf die Poesie schöne Erzählung zernichtete / weil Gärtner ihm die Anmerkung machte , daß sie einigen Lesern zu frey vorkommen und dem moralischen Nutzen seiner Fabeln schaden könnte. Jedoch diese Gesinnungen seines Herzens können nicht unbekannt seyn. Gleichwohl fanden sich in den spätern Jahren seines Lebens Männer/ welche ihn aus guter Absicht und Meynung / aber freylich auch aus Unwissenheit in dieser Materie/ in ihren Briefen an ihn darüber beunruhigten. Gellere konnte! über Aeußerungen dieser Art leicht ängstlich werden. Er bat Männer von Einsicht und Frömmigkeit/ weil er dem Ausspruchc scmes eignen Gewissens nicht allein trauen wollte/ um ihr Urtheil/ ob er sich aneb wohl Vorwürfe über seine Betschwester zu machen hätte ; er wünschte auch wirklich mit großem Ernste/ ob sie ihn gleich mit sehr guten Gründen zu bcru, higcn suchten/ daß er dieselbe nicht geschrieben haben möchte. Er würde sogar dieses Lustspiel noch vertilgt haben/ wenn es in seiner Macht gestanden hätte. Um übrigens von dem Werthe nicht allein dieses Stückes/ sondern aller seiner Schauspiele/ den sie als Werke des Geschmacks haben, richtig genug zu urtyeilcn, muß man anmerken, daß sie nicht sowohl für die große Welt, als für die mittlere Sphäre des bürgerlichem Lebens bestimmt waren , daß übcrdicß nicht die Sphäre eines bcarbei- D 4 tetcn 56 teten Gegenstandes, sondern die glückliche Bearbeitung selbst dcn Werth davon bestimmt. Dieß ist der Standpunkt, aus dem sie beurtheilet werden müssen; denn die Höft hatten damals so wenig als ttzt ein deutsches Theater. Die Charaktere seiner Lustspiele sind nicht aus einem fremden Himmelsstriche auf deutschen Boden verpflanzt; keine Gemälde, woran die Phantasie des Dichters mehr Theil hat, als die Wahrheit, sondern g treue Nachzeichnungen der Natur. Reizen gewöhnliche Sitten und Charaktere, die'jedcrmaun ganz gesehen zu ha, den glaubt, weil sie der allgemeinen Beobachtung sich nicht ganz entziehe» können, nicht so leicht als diejenigen, die durch das Neue und Sonderbare, welches eine lebhafte Einbildung hinzumischt, leichter gefallen und länger unterhalten: so wird man ohne Mühe erkennen, daß es eine Meisterhand seyn mußte, welche dieselben so zu schildern und in einem solchen Lichte zu zeigen wußte, daß Leser und Zuschauer eben sso damit bcschäfftigt werden, als wenn sie von ihnen zum erstenmal gesehen und beobachtet würden, da er zumal seinem Ausdrucke nicht die gchcimnißvolle Miene gab, daß mehr da- dcy gedacht werden müßte, als er sagt, weil er selbst mehr dabey gedacht hätte. Der Dialog in seinen Komödien könnte weniger periodisch seyn; allein dieß Periodische, welches der Sprache des Umgangs nicht gemäß genug zu seyn scheint, ist vielleicht nicht fehlerhafter, als eine übertriebene Kürze der Unterredung, und das wahre Komische gewinnt gewinnt durch einen Fehler so wenig, als durch den andern. Nachdem sein erstes Lustspiel gedruckt worden war, ließ er auch den erste» Band seiner Fabeln und Erzählungen drucken. Sie wurden mit einem allgemeinen Bcyfalle aufgenommen; nicht nur in Deutschland, welches nun erst zu einem bessern Geschmacke gebildet mid gewöhnt wurde/ sondern auch unter den Nationen / die schon der Empfindung des wahren Schönen in diesen Gedichten gewohnt waren und darum von dem Werthe solcher Werke sicherer urtheilen konnten. Sie wurden den Ausländern durch verschiedene Ueberstzungen bekannt / welche immer weit unter ihrem Originale blieben / und dennoch ehrten die Fremden auch darinnen das Genie des deutschen Dichters mir einem Lobe, das um so viel bedeutender war / je zurückhaltender sie zu allen Zeiten mit ihrem Beyfalle gegen unsre Nation gewesen sind. Diese Gedichte haben so unstreitige und so sichtbare Vorzüge / daß man sie/ wem» Jtztlcbcndcn ein solches Urtheil erlaubt werden kann/ beständig zu den klassischen Werken unsrer Nation zählen wird. Noch immer gehören sie zu den angenehmsten Unterhaltungen einer sich zu einem guten Herzen und Geschmacke bildenden Jugend; noch haben sie den Beyfall eines Geschlechtes / das näher bey der Natur bleibt/ und deswegen auch nach seinem Gefühle sicherer/ als das unsugc nach Aesthetiken über das wahre Schöne urtheilt. Noch erzählen gute D; Mütter Z? Mütter sie ihren sich zum Geschmacke bildende» Töchtern; nocp würde sich auch der mürrische Weise schämen, mit Gleichgültigkeit oder Vcrächtlich- kcit davon zu sprechen. Die Wahl und die Erfindung des Innhalts, die Absicht, die Ausführung, die Manier, alles gefällt; alles macht dem Verstände, dein Herzen, und dem Geiste des Dichters Ehre. Er erhebt steh nie so hoch, daß er nur von dem scharfsinnigern und gelehrter» Theile der Menschen gesehen werden könnte; er schwebt aber auch nie so nahe an der Erde hin, daß er von ihnen übcrshcn zu werden verdiente. Im Schmucke seiner Erzählung herrschet eine weise und überlegte Mäßigung, eine Schönheck, welche gefällt, ohne lange vor dem Spiegel gesessen zu haben, allezeit bescheiden, zuweilen aber auf eine angenehme Art nachlaßig; nicht eben aus bulerischer Zuvcrstcht- lichkeit zu ihren Reizungen, sondern, ohne es doch selbst zu w-sscn, aus einem geheimen Gefühle, daß sie keiner außerordentlichen Sorgfalt in ihrem Putze bedürft. Es giebt unter andern Nationen, und vieMnckt auch unter der mistigen, Kunstrichter, (zum wenigsten wollen sie dafür gehalten seyn) welche für die Größe eines jeden Geistes ihren Maasstab haben, und jedem sinnreichen Werke neben und unter andern seinen von ihren Einsichten und Leidenschaften bestimmten Rang mit einem so entscheidenden Ansetzn anweisen, als wenn ihnen dieses Geschäfte vom Geschmacke selbst aufgetragen worden wäre. Allein das ganze Geheimniß hcinmiß besteht darinn, daß man aus der Arbeit eines Dichters eine oder die andere Stelle heran« hebt, sie mit ähnlichen Stellen andrer Dichter vergleicht, diesem oder jenem, wie man will, zum Nachtheile, sich dann auf den Dreyfuß setzt, un! sein Urtheil ausspricht; eine Kunst, die imt Cir, ccns Zanberstabc viel Achnlichkcit zu haben scheint denn nach solchen Orakeln sollte es nicht ichwer seyn, einem Homer seinen Sitz neben dem Cha, pelain, und einem phädrus den scinigcn neben Stoppen anzuweisen. Ueberhaupt sind solche Aussprüche, besonders wenn es Lobeserhebungen sind, nicht viel besser, als die Urtheile der holländischen Blumistcn, die eine Tulpe oder eine Nelke bloß darum für Wunder der Schönheit erklären, weil sie einen Strich von Farbe haben, welchen andre in ihrer Art eben so schöne Blumen nicht haben. Wie empfindlich Gelierten ihr Tadel gewesen scvn würde, läßt sich itzt nicht entscheiden; doch würde ihr Beyfall nicht das Ziel gewesen sey», nach welchem er gestrebt hätte. Mein größter Ehrgeiz, sagt er in eine«» Schreiben an einen Freund in Schlesien, besteht darin», daß ich den Vernünftigen dienen und gefallen will, und nicht den Gelehrten in engerm V-rstandc. Ein kluges Frauenzimmer gilt mir w -r, als eine gelehrte Zeitung, und der niederste M um von gesundem Verstände ist nur würdig gemm, seine Aufmerksamkeit zu suchen, feie n zu befördern, und 6o und ihm in einem leicht zu bchaltcndcn Ausdrucke gute Wahrheiten zu sagen, und edle Empfindungen in seiner Seele rege zu machen. Ein so menschenfreundlicher Dichter konnte sich mit Recht freuen, als ein Bauer in Sachsen im Anfange des Winters, aus Dankbarkeit für das Vergnügen, das ihm seine Fabeln gemacht hatten, mit einem Wagen voll Brennholz vor seine Wohnung fuhr, Hn fragte, ob er der Herr wäre, der fo schöne Fabeln machte, und ihn mit einem Auge voll Freude und mit vielen Entschuldigungen seiner Freyheit ersuchte, seine Ladung Brennholz zum Mcrk- rnaalc seiner Erkcnntlichk it anzunehmen. Es giebt Schönbcitcn, die jedermann empfinden kann, lohne den Aristoteles studirt zu haben, und ein Beyfall, an dem das gute Herz so viel Theil hatte, rnußte einen Dichter rühren, der mehr Ursache hatte, sich darüber zu freuen, als er sich den Vor- rvurf kränken lassen durfte, daß er sich Ea Fontaine« zum Muster genommen bätte. Man will, sagt er, *) daß ich La Fontainen nachgeahmt habe; ich aber sage, Nein. Ich kannte ihn freylich, da ich den ersten Theil meiner Fabeln ausarbeitete; meine akademische Probeschrift beweist es. Ich hatte vorher einige feiner Fabeln nicht ohne Mühe gelesen; aber nicht gelesen, um ihn nachahmen zu wollen. Es war auch um diese Zeit meine Kenntniß des Französischen nicht so groß, ') Unvollständige Nachrichten. groß, daß ich alle Schönheiten eines so feinen Dichters hätte bemerken können. Ich bin kein La Fontaine; eben deswegen halte ich es für ein Glück, daß ich ihn nicht gelesen habe, ehe ich meinen Geschmack im Erzählen gebildet halte. Als Copie wäre ich gewiß unter ihm geblieben; das wußte ich, und ich habe mir a, ch »ic geschmeichelt, daß ich ihn als Original erreichen würde. Meine Kunst im Erzählen war Glück, Natur, und wenn ich das stolze Wort brauchen darf, eine gewisse Begeisterung. Ich kannte das Fehlerhafte im Erzählen mehr aus Gefühl als aus Regeln; dieses war besonders im Anfange meine ganze Regel. Ich empfand das Schöne, ohne ein kunstgerechter Kenner zu seyn, und, (hier hätte Geliert sich mit La Fontainens Beyspiele trösten können;) zuweilen empfand ich es, ohne zu wissen, daß es das wahre Schöne war. Dieses ist meine Kunst gcwe- scn. Ich hatte kritische Freunde; das war Glück; ich gab ihren Urtheilen nach ; denn sie überzeugten mich. Ich besserte unverdrossen; ich war so klug, nur für Kluge schreiben zu wollen; das war meine ganze Weisheit. Ich habe nie nachahmen können, und ich glaube, meine Schriften werden es beweisen; sie würden, ich gestehe es, oft mehr werth seyn, wenn ich meine Vorgänger mehr zu nützen gesucht hätte. Noch vor der Ausgabe des ersten Bandes seiner Fabeln hatte er bereits 1746 fein zweytes Lustspiel, das Loos in der Lotterie, ein poetisches Schäfer- k>r Schäferspiel, Sylvia lind das Orakel, verfertiget, dennoch war dieß seinem Fleiße nicht genug. Die Deutschen halten noch kein Original eines erträglich n moralischen Romanes. Die Franzosen besitzen zwar einen Ucbersiuß von erdichteten Geschichten, welche sowohl glücklich erfunden, als auch reizend genug erzählt sind, um in den Stunden der Langenwckle müßigen Lesern zu einer angenehmen Belustigung dienen zu können. Allein nur allzuviclc von ihnen suchen durch die Hülse des Vergnügens, welches aus Erdichtungen entspringt, wenn sie die Gestalt der Geschichte und den Reiz der Wahrscheinlichkeit annehmen, nicht die Leidenschaften zu bessern, sondern vielmehr zu unterhalten. Nur allzuvielc können sich von dem Geiste der irrenden Ritterschaft, und einer gewissen dem Herzen nur allzugcfährlichen Sprache der Galanterie nicht entwöhnen. Schriftsteller von dieser Art finden immer Ucbersetzcr und Verleger, und müssen einen um so viel größern Einfluß auf die Nation haben, die sie liest, je begieriger und häufiger sie gelesen werden. Geliert wollte also einen Versuch machen, ob er diesen so anziehenden Werken des Geschmacks mehr Ernst, mehr Würde, und zugleich mehr Nützlichkeit geben könnte, als die gewöhnlichen Romanen haben, und schrieb 1746. seine schwedische Gräfinn. Seine Wahl in der Erdichtung fiel auf Gemälde von Begebenheiten , welche außer dem Wunderbaren viel Finstres haben: und verriethe ihn nicht eine gewisse Art des des Ausdrucks und der Erzählung, so sollte man kaum glauben, daß seine Fabeln und die schwedische Gräfinn Werke von Einem Verfasser wären. Das Verlangen, durch das Vergnügen zu nützen, ist das beständige Gepräge seiner Arbeiten, und dieses läßt steh auch hier nicht verkennen; eine billige Critik wird also den ersten Originalversuch in dieser Gattung sinnreicher Werke mit Nachsicht beurtheilen, wenn er gleich vem andern verdunkelt wird, die nach seiner Zeit in derselben berühmt und unsterblich geworden sind. Schon um diese Zeit erduldete Geliert manche heftige Anfälle von dem Uebel der Hypochondrie, von dem er in seinem ganzen Leben so viel erlitten hat. Bey aller vorsichtigen Enthaltung von Speisen und Getränken, die es nähren konnten, bey aller Mäßigung in seinen Arbeiten, bey aller Sorgfalt, weder die nöthige Lcibcsbcwcgung, noch die ihm zuträglichen Aufmunterungen dcs Geistes zu versäumen, wurde dennoch seine Gesundheit in seinem männlichen Alter nicht besser. Viele Tage seines nützlichen Lebens waren schon leidcnvolle Tage für ihn. Tugend und Frömmigkeit gaben ihm die nöthige Stärke, die ersten schmerzlichen Empfindungen seines Uebels gelassen zu ertragen, und sich von der Furcht eines ihm bevorstehenden stechen Lebens nicht niederschlagen zu lassen. Um sich aufzumuntern und zu trösten, nahm er seine Zuflucht zur Religion, bestrebte sich, den Trost, mit dem sie ein schmerzhaftes Leben erleichtern kann, kann, ;u empfinden, und sein menschenfreundliches gegen fremde Noth fo empfindsames Herz bewog ihn, die a»s dieser Quelle geschöpften tröstenden Vorstellungen, in seinen Trostczründen wider ein sieches Leben, 1747 auch Andern mitzutheilen. Man nahm sie mit einem gleichen Bcyfalle, als seine übrigen Arbeiten, auf, übersetzte sie in verschiedene Sprachen, und Fonney in Berlin er, wetterte ste in der Seinigcn zu einer ausführlichen Abhandlung. Mentors Charakter in den Trostgründen ist ein Gemälde, zu dem er die meisten Züge von sieh selbst genommen hat, und dieses muß um so viel mehr rühren , je getreuer die Zeichnung der Leiden ist , mit denen er schon fast täglich kämpfen mußte. Sie waren groß, eb.r sie konnten seinen Eifer, der akademischen Jugend durch seinen Unterricht und Umgang zu nützen, nicht schwächen. Er wußte sich eines jeden heitern Augenblicks zum wohlthätigen Gebrauche seines Genies für die Well zu bemächtigen. Hatte ihn ein Spazicrgang ins freye Feld oder in das anmuthi- gc Gehölz des Rosenthals erquicket, so arbeitete er zu ih cm Nutzen und Vergnügen an seinem Schrcib- vnltc, sammelte, vermehrte und verbesserte seine Lustspiele, die er 1747 in einem Bande zusammen drucün ließ, und gab der Welt zugleich 1748 einen zweyten Theil Fabeln und Erzählungen. In der Vorrede zu diesen bekannte er mit einer bescheidnen Offenherzigkeit fein Vergnügen über die günstige Aufnahme dcö ersten Theils. Ich weis, sagt 65 sagt er, für den Beyfall der Kenner nicht dankbarer zu seyn, alö durch ein offenherziges Geständ- niß meiner Freude darüber. Man muß das stolze Verlangen, den Vernünftigen zu gefallen, unruhig fühlen; man muß oft in Furcht gewesen seyn, diese Ehre nicht zu verdienen; man muß steh aller der Bemühungen, durch die man seinen Schriften das Leben gab, aller der Aenderungen und Verbesserungen derselben, die oft mehr Arbeit kosten, als das Ganze, und auch aller der Stellen und Einfälle bewußt seyn, die man aus Furcht, sie möchten für die Welt nicht schön genug seyn, mit widerstehenden Händen wegstrich, wenn man wissen will, was ein kluger Beyfall für eine schätzbare Belohnung, was dem Dichter schon eine zufriedne Miene, womit sich ein verständiger Leser bey dieser oder jener Stelle glücklich aufhält, für ein Lobfpruch und ein Beweis ist, daß man die Natur nicht verfehlt, und bey seiner Munterkeit die Ruhe des Wohlstandes und der Ehrbarkeit nicht gestört habe. Werde ich aber auch, fuhr er fort, was ich durch den ersten Theil gewonnen habe, durch den zweyten behaupten können? Man halte dieses nicht für eine stolze Demuth; allein man schließe auch aus meiner Furchtsamkeit nicht auf ein böses Gewissen. Ich habe eben den Fleiß auf meine neuen Fabeln gewandt, den mich die ersten gekostet haben , und man wird selten nachläßig arbeiten, wenn man genug Ehrerbietung für die Welt hat. Nach diesem Geständnisse seiner Em-> GeU. Schr.X. Th. L pfin. 66 pfindungen entdeckt er die Ursachen seiner Frage, ob er mit diesem zweyten Theile die Ehre behaupten würde, die er mit dem ersten gewonnen hatte, auf eine für die Dichter und die Kunstrichter sehr unterrichtende Weise. Die Welt hat für ihn entschieden, und die Nachwelt wird die Entscheidung bestätigen, daß die Fabeln und Erzählungen des zweyten Theils den ersten an den Neizungen der Erfindung und Ausführung nicht weichen, in den Vorzügen aber, womit ein reiferes Urtheil und ein genauer Fleiß die Schönheiten der Natur erhöhen können, stc noch übertreffen. Vielleicht scheint in diesem Urtheile die Spracht der Freundschaft und Hochachtung zu reden. Allein von Werken des Geistes, die im Ganzen schön und so sichtbar bestimmt sind, die Menschen zugleich zu ergötzen und zu verbessern, kann kein billiger Richter in einer andern Sprache reden, wenn es auch Werke seines Feindes wären. In einer andern Sprache davon zu sprechen, sie ihres Ruhmes berauben zu wollen, und sich ein Verdienst daraus zu machen, oder eine kritische Größe darinnen zu finden, dazu scheint ein Charakter zu gehören, vor dem jeder Rechtschaffene in die Seele deß, der ihn hat, crröthcn muß; vor dem aber niemand mehr erröthcn sollte, als wer sich dessen schuldig weis. Die besten Werke haben ihre schwachen Seiten, haben Flecken; vor diesen muß man warnen; diese zu bewundern wäre eine Vergötterung, die jeden freyen Geist erniedrigt. Die Fehler, auch der größten 67 größten Geister, verdienen keine Hochachtung; aber ihre Gaben verdienen sie, und vornehmlich verdient sie der gute Gebrauch derselben. Wenn man diese aus den Augen setzt/ so vergißt man die Ehrerbietung, welche man dem menschlichen Geschlechte selbst schuldig ist, dessen F.cnnd niemand mehr seyn konnte/ als es Gellen war» Ungefähr sieben Jahre lang lebte er mit seinen vertrauten Freunden, den Verfassern der Bcyr träge in einer Verbindung, die sowohl wegen der Achnlichkcit ihrer G stimmigen / Gabe»/ Absichten und Arbeiten nur einander/ als auch wegen der unveränderliche» Zärtlichkeit ihrer gemeinschaftlichen Freundschaft nur selten möglich ist. Nunmehr waren sie fast alle von einander getrennt. Zachariä/ Gtesecke und Rlopstock hatten Lcivzig verlassen; Conrad Arnold Schmidt wurde nach Lüneburg/ Gärtner und Ebert nach Braun schweig, Lramer nach Cröllwitz, und Johann Adolf Schlegel nach Pforta gerufen. Rabener allein blieb noch einige Jahre in seines Freundes Gesellschaft. Diese allgemeine Zerstreuung stiner Geliebten war ihm um so viel empfindlicher, je mehr er sich unter dem Gefühle seines immer anhaltenden Uebels in ihrem Umgänge aufzuheitern gewöhnt hatte. Die Anfälle desselben wurden häufiger und heftiger, ohne seinen Eifer in dem Unterrichte der Stürmenden zu schwächen, indem er denselben weht aussetzte, wenn auch seine Tage noch so traurig waren. Die glücklichern Stunden, die ihm übrigblieben, wen- E a Lite 68 dcte er, von seinem Freunde Rabener duzn bewogen, theils auf eine Sammlung seiner Briefe, theils auf die Ausarbeitung seiner Lehrgedichte, unter denen ^ der Stolz das älteste zu seyn scheint. Rabener hatte schon lange gewünscht, daß die Deutschen zu einer freyern und ungezwungnem z Schreibart in ihren Briefen gewöhnt werden möch- I' tcn. Er, der in so mancherley Arten von Gc- j. schäfftcn und Verbindungen so viele Briefe ein- - pfieng, und so viele schreibe» mußte, empfand vor 1^ andern die Nothwendigkeit davon, und urtheilte ^ nicht ohne Grund, daß niemand fähiger wäre, etwas zu einer allgemeinen Verbesserung und zur Verbannung des ihm so verhaßten weitschweifigen Canzelcystils auszurichten, als ein von der Na- ^ tion eben so geliebter, als bewunderter Autor, wie Gcllert war. Weil er aber die Abneigung ^ desselben vor neuen gelehrten Arbeiten kannte, s» - suchte er ihn durch eine freundschaftliche List zu i diesem Unternehmen mehr zu verleiten, als ^ zu überreden. *) Er that Gelierten den Antrag, > in seiner Gesellschaft Briefe ohne Namen heraus- * zugeben, und dazu auch Beyträge von andern Freunden zu verlangen. Unter dieser Bedingung ließ sich sein erst ganz unentschlossener Freund bewegen, aus den Briefen, von denen er einer ! Freundinn auf ihr Verlangen Abschriften gegeben 8 hatte, diejenigen auszusuchen, die ihm zu dieser H Absicht ^ ') »»vollst, Nachrichten» _ . 6y Absicht bequem zu seyn schienen. Rabener, sehr zufrieden mit seinem deutschen Plinius, bezeichnete diejenigen, die nach seinem Urtheile nicht gedruckt werden müßten, und fieng nun an, ihn zu einer Abhandlung von, guten Geschmacke in Briefen, und von den Fehlern, welche darinnen vermieden werden sollten, aufzufodern. Geliert, unfähig seinen Freunden zu versagen, was sie ernstlich wünschten, ließ sich auch zu dieser Arbeit überreden, und nun drang Rabener so lange in ihn, bis er denselben zur Bekanntmachung sowohl seiner Abhandlung, als seiner von ihm gebilligten Briefe vermocht hatte. Um von ihrem Werthe ein richtiges Urtheil zu fällen, muß erwogen werden , was er selbst davon in seiner Vorrede sagt. Es wäre eine sehr kritische Unbilligkeit, von einem Geliert in der Lage, worinn er sich befand, solche Briefe zu verlangen, als Cicero, plinius oder eine Scvigne geschrieben haben. Briefe von einem römischen Consul, von einem Statthalter in Bithynicn, von einer Dame, die mit einem Hofe, wie Ludwigs des Vierzehnten Hof war, in engen Verbindungen steht, müssen von ein m anziehendem Jnnhalte seyn, als die Briefe eines akademischen Gelehrten. Freylich bestimmen nicht sowohl die Größe, die Wichtigkeit, und der innre Werth des Stoffes, als vielmehr der Geist und die Bceirbcitung das Verdienst des Künstlers und das Anziehende für die Kenner; aber doch ist es für die Güte feiner Werke nicht gleichgültig, was E ; er ?o §v für einen Stoss zu bearbeiten hat. Giebt es also gleich schönere Briefe, als GeUerts Briefe sind, so folget doch daraus nicht/ daß sich ihr Verfasser / oder Deutschland derselben zu schämen ha, be. Eben so wenig folgt auch / daß andre Briefe blos darum besser als die seinigcn sind / weil ihre Verfasser mehr Mühe anwende»/ als er that, sinnreich zu schreiben / und den Leser durch unerwartete, durch höfische oder launische Einfalle zu überraschen. Er machte seine Briefe bekannt, einem Freunde zu gefallen, in der Absicht, andern die Nothwendigkeit eines natürlichen und gefälligen Ausdrucks zu empfehlen, nicht aber mit dem Vorsätze, ein allgemeines Muster aller Briefe zu werden. Von dieser Seite betrachtet, werden sie stets schätzbar bleiben; schätzbarer aber sind sie für diejenigen, die in den Arbeiten des Gelehrten nicht allein den witzigen und scharfsinnigen, sondern auch den guten Mann zu sehen wünschen; denn diesen finden sie auch in den Briefen, von welchen selbst strengere Richter unter seinen Freunden wünschen möchten, daß er sie zurückbehalten hätte, da die Welt doch gemeiniglich mehr zum Tadel als zum Lobe geneigt ist. Er selbst war weit davon entfernt, das Fehlerhafte seiner Briefe zu verkennen. Er hatte sie auch gern verbessert , wenn ihm der Zustand seiner Gesundheit solches zugelassen hätte. Als 1768. seine Werke zusammengedruckt wurden, schrieb er an Schlegeln: An wirkliche Verbesserungen des Textes, lieb- 7 ' liebster Schlegel, ist nicht zu denken, und doch möchte ich insonderheit in den Lustspielen und in den Briefen vieles geändert wissen. Ich habe noch nicht das Herz gehabt, diese anzusehen. Aber ich versichere Sie, ich bin völlig ungeschickt, auch kleine Verbesserungen vorzunehmen, und ich wünschte herzlich, daß bey meinem Leben keine Ausgabe meiner sämmtlichen Schriften veranstaltet würde, sondern daß einer meiner Freunde nach meinem Tode sie zusammen herausgeben, vcrbcs. fern und einen großen Theil derselben wegwerfen wollte. Wer billrgcr Empfindungen fähig ist, kann nun urtheilen, ob es für erlaubt gehalten werden könne, gegen einen Mann von solchen Gesinnungen die Crlrik über seine Arbeiten nicht blos bis zur Unfreundlichkeit und Härte, sondern bis zur Beschimpfung zu übertreiben. Auf die Ausgabe seiner Briefe folgten 1754. seine Lehrgedichte und einige Erzählungen, die er schon vor einigen Jahren ausgearbeitet hatte. Die Deutschen hatten seit einiger Zeit angefangen, fast in allen Arten der Gedichte mehr Feuer der Empfindung und Begeisterung und eine höhere, stärkere, und farbenreichere Sprache zu fodcrn, als in Gellertö Lehrgedichten herrscht. Man darf sich also nicht wundern, daß sie nicht mit dem lebhaften Beyfalle aufgenommen wurden, womit die Welt ihn bey der Erscheinung seiner Fabeln und Erzählungen belohnt hatte. Er wußte es, und wurde darum nicht unzufriedner mit ihp.cn, E 4 als 7 - als er mit seinen jugendlichem Gedichten war, nicht aus der Neigung, womit Dichter zuweilen die verunglückten Arbeiten ihres Geistes zärtlicher lieben, als ihre besten Werke, um nicht zugleich von der Well und auch von sich gcdemüthiget zu werden, sondern blos aus einer gewissen, obgleich von aller Eitelkeit entfernten Erwartung ihres Nutzens bey denjenigen, welche auch blos unterweisende Gedichte gern lesen. Wenn man kein Geständniß gefedert hatte, so würde er gestanden haben, daß er nun weder die blühende Phantasie, noch die Hitze des Geistes mehr hätte, von der man vielleicht alle Gedichte gern entzündet sehen möchte; hätte er sie aber auch gehabt, so würde er nach seiner Absicht sich weder der einen »och der andern überlassen haben, wenn dieselben auch ohne seinen Vorsatz eine höhere Farbe davon angenommen hätten. Er wollte den darinnen empfohlenen Lehren nicht mehr Reiz noch Schmuck geben; er wollte sie nur deutlich, nur mit Empfindung sagen, weil er wünschte, daß das Herz des Lesers aufmerksamer auf die Wahrheiten, die er sagen wollte, als auf Schmuck seines Ausdruckes seyn möchte; überzeugt, daß sie auch in einem leichtern Gewände der Dichtkunst gefallen müßten, wenn sie gleich in einem kostbaren und blendendem Kleide den Geschmack mehr vergnügen könnten. Diese Wirkungen werden sie allezeit haben. Es ist unmöglich, seinen Christen zu lesen, ohne sich in dem Wunsche und Entschlüsse, ein ein Christ zu seyn, gestärkt zu fühle«. Der Ma- lcrcy darinnen fehlt es freylich an starken und schimmernden Farben; fie hat aber bey ihrer sanften Farbenmischung eine stille Schönheit, die immer mehr gefallt, je langer mau sie ansieht. Die Empfindung erhebt sich nicht bis zur Begeisterung, nicht bis zur Leidenschaft der Frömmigkeit, und hat mehr die Wärme eines Lcnzmorgcns als die Hitze eines Sommertagcs. Diese kann einen feurigem Umlauf des Blurcs wirken ; bis auf einen gewissen Grad kann sie sehr angenehm seyn; sie kann aber auch sehr leicht ganz unerträglich werden. Aus diesem Gesichtspunkte muß man feine Lehrgedichte betrachten. Ein wahres, obgleich nur sanftes und ruhiges Gefühl der Tugend wird jedermann darinnen wahrnehmen. Er schrieb besonders den Christen mit vieler Empfindung der großen Wohlthaten des Christenthums, und vollendete ihn bey seinen akademischen Bcfchäfftigungcn in cilf Tagen. „Möchte ich dieses Gedichte doch, wünschte er, »bey der Vollendung desselben, zu meiner eignen „Ruhe verfertiget haben! Möchte mich der Gedanke „davon in traurigen Stunden aufrichten! O Gott, „laß es nur meiner Seele zum Vortheile dicken!« *) Mit gleich edlen und frommen Wünschen arbeitete er schon seit einiger Zeit an geistlichen Liedern. Diese Arbeit war seinem Herzen noch die E; scyer- fcyerlichste und wichtigste, welche er in seinem Leben unternommen hatte. Niemals bcschässtigte er sich mir derselben, ohne sich sorgfältig darauf vorzubereiten, und ohne mit allem Ernste seiner Seele sich zu bestreben, die Wahrheit der Emvsin- dungcn, welche darinnen sprechen sollten, an seinem eignen Herzen zu erfahren. Er wählte seine heitersten Augenblicke dazu, machte auch zuweilen einen Stillstand in dieser Arbeit, in der Absicht und Erwartung, die Gesinnungen, die er durch seine Lieder in seinem Mitchristcn erwecken wollte, in seiner Seele stärker werden zu lassen. Nun will ich, schreibt er in seinem Tagebuchc, einige Zeit aufhören; vielleicht läßt mich Gott zu noch bessern Empfindungen kommen. Glaubte er dieselben in einer größcrn Lebhaftigkeit zu haben, so bestrebte er steh, sie auch so auszudrücken, als nach seiner Kenntniß des menschlichen Herzens die meisten Christen dergleichen Gesinnungen haben können. Er richtete sich, um den Nutzen seiner Lieder allgemeiner zu machen, mehr nach dem gewöhnlichen Maaße ihrer Einsichten und der Kräfte ihres Verstandes, wie auch ihres Gefühls, als nach denjenigen, welche einem ungewöhnlichem und höhcrn Schwünge des Lobes Gottes und der Andacht im Gebete ohne Mühe folgen können, und mit Vergnügen folgen, ohne deswegen gegen diejenigen Gesänge unempfindlich zu seyn, welche höhcrn Fähigkeiten angemessen sind. Er wendete zwar viel Fleiß und Sorgfalt auf seine Lieder; gleich- gleichwohl wollte er dieselben nicht bekannt machen , ohne vorher das Urtheil seiner Freunde darüber zu Rathe gezogen, und sie nach ihren Anmerkung w aufs neue durchgesehen und verbessert zu haben. Seine Freunde in Lcivzig, Zerbst, Kopenhagen , Berlin und Braunschweig, denen er sie zusendete, theilten ihm verschiedene Erinnerungen mit, nach welchen er viele Stellen veränderte, ehe er sie dem Drucke überließ. Er sprach von den ihm mitgetheilten Anmerkungen mit einer Erkenntlichkeit, welche beweist, wie sehr er gewünscht hat, seinen Liedern alle ihm mögliche Vollkommenheit zu geben. Unter meinen Freunden, schreibt er in einem Briefe , haben sich Professor Schlegel in Zcrbst und mein lieber Hey-w besonders verdient gemacht. Jener hat sie mc»-: als dreymal lesen, kritisircn und wieder lesen müssen, und er hat sein Amt mit einer unerbittlichen Strenge und mit besondrer Scharfsichtigkeit gethan, Wenn kann ich ihm genug dafür danken! Dieser hat mich aufgemuntert, wenn ich bey den Verbesserungen derselben den Muth sinken lassen wollte. Der treffliche Mann! Bald ist er mein Censor, bald mein Abschreiber gewesen, Gott gebe, daß diese Lieder ihre Absicht erfüllen mögen, wenn ich auch nicht mehr da seyn werde, Es ist ««nöthig, über ihren vorzüglichen Werth wcitläuftig zu seyn, oder sie wider den ungerechten Vorwurf, dgß auch sie Beweise seines Mangels an Genie wären^ zu rekle». Die allgemeine Erbauung, die sie gestiftet haben haben und stiften werden, ist für einen solchen Vorwarf Beschämung und Widerlegung genug. Sie drücken feinen ganzen Charakter aus. Man sieht darinnen feine Empfindung des Praktischen in der Religion, welches er auch in ihren Geheimnissen so leicht fand, feinen redlichen Willen, so gut zu seyn, als diese himmlische Lehrerinn die Menschen machen soll, feine.nngchcnchcltc Demuth, feine Mäs- signng in seinen Wünschen, feine zärtliche Menschenliebe und seine eben so ernstliche Begierde, alle feine Brüdcr unter der wohlthätigen Herrschaft der Gottseligkeit und Tugend glücklich zu sehen. Ucbcrall reden sie die Sprache der Schrift; aber diejenige vornehmlich, welche, ohne ein tiefes Nachdenken zu fodcrn, verständlich ist, die Phantasie nicht mit vielen reizenden Bildern unterhält, und doch gerade zu auf das Herz wirkt. Diese Beschaffenheit haben selbst seine Lchrlicdcr, wcl, ehe entweder ernstliche Monologen und Ermahnungen an sich selbst sind, oder mehr den Ton einer väterlichen und freundschaftlichen Unterweisung haben, als den rührender» Ausdruck der Empfindung. Die gelehrten Anzeigen von Göt, tingen ertheilten eine Nachricht davon, deren Verfasser sich seine Art zu denken und zu empfinden gar nicht vorgestellt, oder ein Ideal von geistlichen Liedern vor Augen gehabt hatte, nach welchem sich kein Dichter richten wird, dem es um die Beförderung der allgemeinen Erbauung zu thun ist. Der ausgebreitete Nutzen von GeUerts Liedern 77 ^ Liedern beweiset die Unrichtigkeit dieses Urtheils. 1 Indessen hat es der Dichter nicht verborgen, daß l ihn dieses Urtheil gekränkt habe. Er fürchtete, ; daß es die wohlthätigen Eindrücke, die er ihnen '! wünschte, hindern oder schwächen möchte. Diese- - Furcht aber mußte selbst bey ihm verschwinden, I weil es das einzige Urtheil in seiner Art blieb, i Sie machten allen wahren Freunden der Religion i Freude, und di.ese mußte ihn beruhigen. Man kann dieselbe nicht stärker empfinden und ausdrü- -- ckcn, als sein Freund Nabener that, und zwar j in einem Bricsc an ihn, welcher ganz eingerückt zu ^ werden verdient, weil derselbe dem Charakter sei» ^ ncs Herzens eben so sehr zur Ehre gereicht, als j den Liedern seines Freundes- »Wie bescheiden § find Sie, mein liebster Gellert, schreibt er, daß ' Sie meinen Beyfall als einen Theil der Beloh- ! nung für Ihre frommen Gedichte ansehen wollen. ! Sie haben ihn ganz, diesen Beyfall, den Ihnen 1 keiner von Ihren Lesern versagen wird, welcher nicht so unglücklich ist, ein Feind von Religion und Witze zu seyn. Bisher habe ich Sie, als meinen besten Freund, aufrichtig und zärtlich geliebt ; ich habe nicht geglaubt, daß meine Achtung für Sie noch höher steigen könnte, als sie war; aber sie ist in der That noch um einen ziemlichen Grad höher gestiegen. Liebenswürdig sind Sie mir allezeit gewesen, aber nun sind Sie mir auch ehrwürdig. Ich nehme dieses Wort in seinem weiten und prächtigen Umfange, den es hatte, ehe /6 ehe man cs noch au viele Thoren verschwendete, die keine Vorzüge vor dem Pöbel haben, als die Kleidung. So dürfen keinen Augenblick zweifeln, daß Sie mit diesen Ihren frommen Gedichten erbauen werden. Die Erbauung wird dov- pclt seyn, da die Welt Sie bereits auf einer so vorthcilhaftcn Seite kennt. Durch Ihren Witz haben Sie die gerechten Vorurthcile des Publici gewonnen, welches nichts anders, als etwas lehrreiches, tugendhaftes und vollkommenes erwartet, so bald cs Ihren Namen erblickt. Wie Vortheil- haft wird nunmehr dieses Zutrauen der Welt für unsre heilige Religion seyn! Ihre Fabel» und Lehrgedichte haben die Leser zu denen erhabenen Gedanken vorbereitet, die sie nunmehr in Ihren geistlichen Liedern finden. Verehrer der Religion werden mit diesen Gedichten den Leichtsinn derer, jcn'gcn beschämen, welche glaubten, daß der Witz nur zu einer eitlen Belustigung gut sey. Und die Leichtsinnigen müssen die Religion lieb gewinnen , da sie ihnen in einer so angenehmen und reizenden Kleidung vorgestellt wird. So glücklich find die Folgen, mein redlicher Geliert, bey denen, die Ihre Schriften lesen, ohne Sie genauer zu kennen; was werden sie nicht erst bey bcncn- jenigcn wirken, die Ihr gutes Herz kennen. Diesen find Ihre Wahrheiten doppelt überzeugend, da sie wissen, aus was für einer reinen Quelle, aus was für einem guten Herzen alle diese Wahrheiten hcrfließen. Ich habe es Ihnen so oft gestanden, 79 den, daß mir Ihr rechtschaffenes Herz noch schätzbarer ist, als Ihr Witz: und hätte ich es Ihnen noch niemals gestanden, so würden Sie mir durch Ihre Lieder dieses Bekenntniß nunmehr gewiß entreißen. Unmöglich hätten Sie so gut und lehrreich schreiben können, wenn Sie nicht diese heiligen Wahrheiten aus einer innern Ueberzeugung geschrieben hätten. Ich glaube, scharfsichtige Augen entdecken den feinsten Heuchler allemal unter der frommen Maske, hinter welcher er verborgen zu seyn wünscht. Voltäre kann uns goldnc Sittcnsprüche predigen, Tugend und Menschenliebe in seinen Versen vergöttern, und die Religion in tragischem Pompe aufführen. Er wird gefallen, aber niemals wird der Voltäre erbauen, dessen ungöttlicher Leichtsinn, dessen schmutziger Witz, dessen liebloser Eigennutz uns seine Sitten, spräche, seine Reime von Tugend und Menschenliebe , und seine Religion verdächtig machen. Man muß ihn hassen, so bald man liest, wie edel er schreibt, und dennoch weis, wie niedrig er denkt. Wie ernsthaft haben Sie mich gemacht, mein lieber Geliert, und doch empfinde ich bey aller dieser Ernsthaftigkeit eine Art des Vergnügens, das ich kaum empfunden habe, wenn ich scherzhaft und spottend an Sie schrieb. Welch ein vortrefflicher Freund sind Sie! Ich fühle itzt den ganzen Werth Ihrer Freundschaft. Ihnen darf ich Sachen, vorsagen , die ich keinem andern vorsagen würde, da sie so viel Aehnliches von einer Schmeichele») haben; Ls> ben: Aber Sie, guter Geliert, Sie kennen Ihren Nabener, der nicht gern beleidigt/ aber noch weniger schmeichelt. Und wenn ich Ihnen läge/ daß Sie meinen Beyfall haben , daß Sie die Welt gewiß erbauen werden/ und daß Sie alle Leser von Ihrem guten Herzen überzeugen; so sage ich Ih, neu eine Wahrheit/ die Ihnen meine Freundschaft und mein Geschmack schuldig sind. Ob ich Ihre Entschließung / nichts mehr zu schreiben, billige? darüber will ich mich itzt noch nicht erklären: aber das will ich Ihnen gestehen / daß ich hoffe / es sey nur ein flüchtiger Einfall gewesen, wenn Sie mir melden/ daß Sie nunmehr wünschen , den Rest Ihres Lebens auf dem Lande in einer guten Familie zubringen zu könne». Verlassen Sie Ihr Amt nicht/ so lange Sie noch Kräfte haben, den Geschmack und das Herz der Jugend zu bilden. An Ihrem »othdürftigcn Unterhalte wird es Ihnen niemals fehlen; und schenkt Gott unserm Vaterrande die Ruhe wieder, so werden sich beyder Universität gewiß solche Umstände äußern, die Ihnen ein bequemer Auskommen verschaffen. Tausendmal habe ich Schlegeln in Gedanken umarmt, daß er Sie bey Ausarbeitung Ihrer Lieder mit seiner Kritik so freundschaftlich gckcrkcrt hat. Wie großmüthig urtheilen Sie von diesen Gefälligkeiten ; aber Sie haben auch gewiß dabey gewonnen! Damit ich meinen Brief mit eben dem Vergnügen und der Gcmüthoruhc schließe, mit welcher ich ihn angefangen habe; so will ich von unsern hiesigen Umstän- 8l Umständen nichts melden. Wann werden wir uns wieder sehn ? Wann werden wir uns in Ruhe sprechen können ? Leben Sie wohl, mein witziger, mein menschenfreundlicher, mein frommer Kellert! Ich umarme Sie, und danke Gott, daß er mir Sie zum Freunde gegeben hat." Dieß waren die Eindrücke, welche Kellerts Lieder auf seinen Freund gemacht hatten. Sie erregten gleiche Empfindungen bey allen Verehrern der Religion, und zwar in beiden protestantischen Kirchen. Gleich nach ihrer Erscheinung wurden sie in die neuen Liedcrsammlungen aufgenommen, welche damals in Zelle, Hannover und Kopenhagen für den öffentlichen Gottesdienst besorgt wurden. Die refonnirtcn Gemeinen in Leipzig und Bremen thaten eben dieses, und diesen Beyspielen sind seit der Zeit mehr Gemeinden beider Kirchen gefolgt. Auch unter der römischkatholischen Geistlichkeit haben viele sie nach ihrem Werthe zu schätzen gewußt. Tief in Böhmen, wo man keine Leser der bessern deutschen Schriftsteller erwarten sollte, war ein frommer Landgcistlichcr so davon ge- rühret worden, daß er dieses nicht allein dem Verfasser schriftlich bezeugte, sondern ihn auch sehr ernstlich zum Ucbergange zur römischen Kirche zu bewegen suchte; in der Meynung, daß derselbe von der Nothwendigkeit der guten Werke besser denken müßte, als Luther, dessen Lehre er bloß aus seinem Lellarmin oder andern ähnlichen Controvcrsistcn zu kennen schien. Dieses gab Gell. Schr, X. Th. F unserm 8r unserm frommen Dichter Gelegenheit, einem redlichen Manne zn richtigern Vorstellungen von unserm Lchrbegriffe bchülfiich zn seyn, ohne einen Bckchrer abgeben zn wollen. Selbst aus einem großen und mächtigen Hanse in Maylaud erhielt er durch einen Geistlichen, der von Vorurthcilcn freyer war, als der Böhmische, sehr rührende Versicherungen von der Erbauung, die seine Lieder daselbst stifteten, und von dem dankbaren Wohlwollen, das man ihm für alle seine Schriften , vornehmlich aber auch für feine geistlichen Lieder gewidmet hatte. Weil wahre Frömmigkeit und Tugend in keinem Staate gefährlich seyn können, was auch die öffentliche und herrschende Religion für äußerliche Verfassungen und Gesetze veranlaßt haben mag; So waren auch feine Schriften in katholischen Ländern von dem Verbote ausgenommen, welches unkaiholifche Schriftsteller zu lesen untersagt. In Wien, wo damals noch mit besondrer Strenge über die Beobachtung dieses Verbotes gehalten wurde, fand man GeUerts geistliche Lieder bey einem jungen Herrn, der auf feinen Reisen sich aus denselben erbaute. Dieser befürchtete, daß man ihm nicht erlauben würde, sie zn behalten. Allein der Freyherr van Swieteir, den man in diesem Stücke keiner übertriebnen Nachsicht und Gelindigkeir beschuldigen wird, beruhigte den Reisenden, der ihm seine Verlegenheit entdeckte, über seine Furcht, und antwortete ihm: Diese Schriften gehet unser 8Z ftr Verbot nicht an; wir alle bewundern Gellerts Werke. Um eben die Zeit, da Geliert vornehmlich an seinen geistlichen Liedern arbeitete, bcschässtigte ihn zugleich 1756 die Sammlung seiner vermischten Schriften. Diese wurden ihm von der Unbil- ligkcit und Gewinnsucht eines Buchhändlers abge- drnngcn, der seine von ihm selbst längst vcrwor. fcnen Fabeln und Erzählungen in den Belustigungen mit einigen darinnen befindlichen prosaischen Abhandlungen unter seinem Namen zusammen drucken lassen wollte, und auch sem Vorhaben nicht aufgab; unbeweglich gegen die dringenden Bitten und Vorstellungen, wodurch Geliert schon einige billigere Buchhändler von einem gleichen Vorhaben abgehalten hatte. Um nun die nach- thciligcn Wirkungen zu hindern, welche fehlerhafte Arbeiten seiner Jugend auf den Geschmack haben könnten, wenn er sie zu bllligcn schiene, entschloß er sich, auf den Rath eines seiner Freunde , diejenigen, welche er einer Verbesserung werth zu seyn erachtete, unter die Feile zu nehmen, an einigen, die ganz verworfen zu werden verdienten, durch eine strenge Critik das Urtheil ihrer Verwerfung zu rechtfertigen, ihre Stelle aber mit einigen neuen Fabeln und Erzählungen, und die verworfenen prosaischen Stücke mit bessern Ausarbeitungen zu ersetzen. Er wendete viel Fleiß darauf, um seine Leser auf eine angenehme und nützliche Weise zu unterhalten, aber nicht ohne F r Unwil- 84 Unwillen. Seine Empfindlichkeit über die Znnö- i thigung, welche ihn zn dieser Arbeit zwang", war gerecht, und er hatte Ursache, sich über eine solche Gewaltthätigkeit der Gewinnsucht zn beklagen. Man müßte indeß mit diesem oft unvermeidlichen Uebel zufrieden seyn, wenn eine so kühne Unbiilig- kcit immer so glückliche und angenehme Folgen haben könnte. Unter diesen Arbeiten waren, seitdem er sich dem Unterrichte der akademischen Jugend gewidmet hatte, ungefähr zwölf Jahre seines so rühmlich beschäfftigtcn Lebens verflossen. So nützlich auch seine Schriften den Deutschen wurden, so waren sie doch nur Beschäfftigungcn seiner Neben, stunde»; denn den größten Theil seiner Zeit wendete er auf die Unterweisung und Bildung der Studircndcn. Er führte sie zu den schönen Wissenschaften an, erklärte ihnen die Gesetze der Dicht- - knnst und Bcrcdtsamkcit, übte sie in Ausarbeite»;- s gen nach ihren Regeln, und gewöhnte sie zu einem ^ ; gesunden und richtigen Geschmacke in ihren Auf- i sätzcn, zur Liebe des Natürlichen und zur Deut. , H lichkcit und Leichtigkeit in der Schreibart. Seine Z Vorlesungen fanden besonders unter dem Adel, j der aus verschiedenen Ländern nach Leipzig kam Z und daselbst studirte, einen so großen Beyfall, daß H derselbe mit den Jünglingen aus andern Ständen ^ um den Ruhm der Aufmerksamkeit bey seinen Un- -s terwcisungcn wetteiferte. Gcllert hatte kein öf- k fentlichcö Amt suchen wollen. Theils mcyntc er' ? seiner ? 85 seiner schwächlichen Gesundheit wegen zur Verwaltung desselben nicht Kraft und Munterkeit des Geistes genug zu haben; theils glaubte er auch aus Bescheidenheit, der Hof habe nicht Ursache, vor Andern an ihn zu denken. Allein obgleich die öffentlichen Belohnungen dem Verdienste selten entgegen kommen, und dasselbe noch seltner auszusuchen pflegen, weil die Eitelkeit Clienten, und der Eigennutz Creaturcn haben will, Gellert aber jenes nicht seyn wollte, und dieses nicht werden konnte: So mußte doch der Hof durch seinen ausgebreitete» Ruhm aufmerksam auf seine Verdienste um die Akademie werden. Die Regierung verlangte selbst, daß er um das Amt eines außerordentlichen Lehrers der Philosophie ansuchen sollte, und er ließ sich auch besonders durch seine vertrautere Freunde, Rabenern und Wagnern, dazu überreden. Er erhielt dasselbe 1751 mit einem Gehalte, und hielt nunmehr auch öffentliche Vorlesungen über die Dichtkunst und die Beredt- , samkcit vor sehr zahlreichen Versammlungen von s Zuhörern. Diese Arbeiten schienen zwar beson- ' dcrs nur die Aufklärung und Verschönerung ihres j Verstandes zum Endzwecke zu haben: allein er wußte sie und seinen Umgang mit den Studircn- dcn so einzurichten, daß er dadurch zu Besserung . ihres Herzens und zur Bildung ihrer Sitten eben so viel, als zur Beförderung nützlicher Kenntnisse, bey ihnen beytrug. Alle Jünglinge, die ihn hörten und kannten; denn sie hatten alle ci- F ; nen 86 nen immer offenen Zutritt zu ihm, liebten ihn wegen seines sichtbaren und standhaften Eifers, sie nicht allein weiser, sondern auch liebenswürdiger zu machen. Sie wünschten seine Achtung zu gewinnen, und schon dieser Wunsch konnte sie von Ausschweifungen und Unordnungen zurückhalten. Ihre Herzen empfanden es, daß er ihr eben so aufrichtiger Freund und treuer Rathgcbcr, als ihr sorgfältiger und gewissenhafter Lehrer zu seyn suchte. Ein solcher Lehrer mußte viel über sie vermögen, da er sich bemühte, wenn er ihnen mit einem sanften und liebreichen Ernste Frömmigkeit und Rcchtschaffcnhcit als die sichersten Wege zur Glückseligkeit anpries, seinen Ermahnungen ihren angenehmsten Reiz und den stärksten Nachdruck durch die Vortrcfflichkcit und Strenge seines eignen Beyspiels zu geben. Gellert hielt keine seiner Vorlesungen, wie geläufig ihm auch ihrInn- halt war, ohne sich darauf vorzubereiten: denn niemand kann ein edleres Mißtrauen zu seinem Gedächtnisse und zu seinen Gcschicklichkeitcn ha- i den, als er hatte. Alles, was er zu sagen gedachte, entwarf er nicht allein der Materie, sondern auch dem Ausdrucke nach; uncrmüdct in seinem Fleiße, beides immer sowohl durch ein erneuertes Nachdenken darüber, als durch seine Aufmerksamkeit auf dasjenige, was seinen eignen Einsichten mehr Licht, mehr Richtigkeit und einen größern Umfang geben konnte, zum Nutzen seiner Zuhörer zu erweitern und zu verschönern. Dennoch noch las er wenig von seinem Papiere, und sprach mit einem eben so freyen als angenehmen Anstaube. Deutlichkeit, Ordnung und Anmuth, vcrci, lügt mit einer ungewöhnlichen Sorgfalt, ungekünstelt und natürlich zu seyn, waren die herrschenden Vorzüge seines Vertrages. Unnöthige Ausschweifungen erlaubte er sich eben so wenig, als ruhmredige Empfehlungen seines Unterrichts oder Verunglimpfungen andrer Lehrer, gleichwie er alle die niedrigen Künste haßte, wodurch zuweilen akademische Ohrcr Aufmerksamkeit und Beyfall zu erhalten suchen. Dadurch wurden seine Vorlesungen eine Schule nicht allein der Weisheit, welche zu erleuchten sucht, sondern auch der Tugend, welche bessern will, und derjenigen Bescheidenheit, welche Weisheit und Tugend verschönert und angenehm macht. Er wußte die Studircndcn, die sich unter seiner Anleitung im Schreiben übten, unter einer solchen wcisn Mäßigung des Lobes und des Tadels zu führen, daß er weder schwächere Köpfe durch eine allzugroßc Strenge von der nöthigen Mühe, vollkommner zu werden, abschreckte, noch durch ein unvorsichtiges und übertriebenes Lob glücklichere Geister zu einem eiteln Mißtrauen und zur Vernachläßigung ihrer grösser» Gaben verleitete. Je mehr sie Kenntnisse und Gcschicklichkcitcn erlangten, desto mehr wußte er von ihnen zu fodcrn, und er suchte sie dabey immer in einem nützlichen Zweifel an ihrer Gc- schicklichkcit zu erhalten. Deswegen gestand er F 4 oft oft von seinen eignen Arbeiten, daß ihm darinnen manches mißßcle, womit er vordem sehr zufrieden gewesen wäre. Er bewies auch wlcbcs durch genaue Beurtheilungen dessen, was er für fehlerhaft erkannte, um leine Schüler durch diese Härte gegen sich selbst vor aller eitlen Zufriedenheit mit ihren Arbeiten zu bewahren. Daß in dieser Beschreibung feiner akademischen Bemühungen nicht das Vorurtheil der Freundschaft, sondern die Wahrheit rede; daß dieselben das waren, was sie nach ihrer Bestimmung seyn sollten, das wissen diejenigen, die Gelierten gehört haben, und die Absichten seiner Vorlesungen beweisen die Entwürfe von den Anreden an feine Zuhörer, mit dcn:n er feinen Unterricht anzufangen oder zu beschließen pflegte. So nöthig auch die Regeln der Beredtsamkcit und Poesie sind, sagte er in einer solchen Vorrede zu feinen Unterweisungen in beyden Künsten, so ist es doch gewiß, daß sie uns die Kraft gut zu denken und gut z» schreiben nicht ertheilen. Sie sind Gesetze, zum allgemeinen Besten der Schreibart gegeben; Gesetze,.die man wissen muß, aber auch Gesetze, die eine kluge und vorsichtige Anwendung crfodcrn, und die gleich den bürgerlichen Gesetzen eingeschränkt, erweitert, und i» vielen Fällen aufgehoben werden müssen, wenn der Staat des Schönen und des Guten nicht zuweilen darunter leiden soll. Man kann die Regeln der prosaischen und poetischen Bcredtsamkeit nicht allein mit dem Gedächtnisse? xy nissc, sondern auch mit dem Verstände gefaßt haben, sich im Schreiben nach ihnen richten, und doch trotz aller guten Regeln schlecht schreiben; auch oft um so viel schlechter, je genauer man der Regel zu folgen mcynt. Es bleibt nämlich bey aller Anwendung der Regel immer die Frage übrig, ob die Absicht des Werkes, das Schone und das Gute, das Nützliche und das Angenehme, das Nachdrückliche und das Rührende erreicht worden ist. Die Entscheidung dieser Frage gehört vor den Richicrstuhl nicht der Regel, sondern der Beurtheilung und Empfindung, und eben dieser Geist der Beurtheilung und Empfindung muß in unsern Werken denken und reden, wenn sie beredt seyn sollen. Die Uebung darinnen ist insonderheit eine Pflicht unsrer ersten Jahre, wenn wir wollen glücklich schreiben lernen; meine Pflicht ist, Sie, meine Herren, zu dieser Uebung zu ermuntern und zu leiten. Ich biete Ihnen deswegen in diesen öffentlichen Stunden meine Critik an, und verspreche Ihnen, daß ich die Arbeiten, welche Sie mir übergeben werden, mit Sorgfalt, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit beurtheilen will. Wenn Sie mich zum Vertrauten und Richter Ihrer Arbeiten machen wollen, es mögen nun poetische oder prosaische seyn, Briefe, Charaktere, Abhandlungen, kleine oder größrc Rcten, kleine oder größer Gedichte, und ich finde es für gut, so werde ich sie öffentlich vorlesen, und das Schöne oder Fehlerhafte der Einrichtung und Ausführung mit An- F; mer- yo mcrkungen begleiten, aber niemals den Namen des V rfasscrs ohne seine Einwilligung nennen. Ist die Arbeit zum Vorlesen nicht glücklich genug gerathen, so will ich dem Verfasser seine Meynung in geheim sagen; denn es ist nicht meine Absicht zu beschämen, sondern zu rathen. Muntre und scherzhafte Aufsätze werde ich dulden; denn ich hoffe keine allzufrcyen und ungesitteten zu erhalten. — Dann und wann gedenke ich auch ein schönes Stück eines Alten oder eines neuern Scri- bcntui mit Ihnen durchzugehen; denn die Bemerkung des meisterhaften Schönen ist die beste Uebung des Verstandes und des Geschmackes; auch werde ich den Eckcl am Schlechte» zu erwecken zuweilen eine schlechte Schrift beurtheilen. Denken Sie ja nicbt, meine Herren, daß ich Sie, Scribenten zu werden, verführen will. Der Autor muß Genie, einen reifen Verstand und gelehrte Kenntnisse haben; wer diese Eigenschaften besitzt, braucht keinen Anführer, und wer diese nicht besitzt, wird nie ein großer Autor werden. Die Krankheit der Poesie ist eine sehr gemeine Krankheit unsrer ersten Jahre; um mittelmäßige Genies davon zu heilen, will ich Ihnen sagen, was Aristoteles, Horaz, vida und Boileau zu einem vortrefflichen Gedichte fodern. Wenn Sie dieses kennen und empfinden, so werden Sie keine Lust haben können, nur mittelmäßige Dichter zu werden. Eine andre Anrede, womit er seine Vorlesungen über die Regeln der Dichtkunst beschloß, machet machet der Einsicht und dem Hermen des Lehens eben so viel Ehre. Wie glücklich, sagte er, -mr- de ich mich schätzen, wenn meinc Bcmülmng ir nicht ganz ohne Nutzen gewesen sind, und ich Innen wenigstens bewiesen habe, wie gern ich mich um Sie, meine Herren, und um den nuten Geschmack in der Poesie verdient haben möchte. Ich habe Ihnen zeigen wollen, was tue Poche ,cy; ich habe Ihnen die Bestimmung n und Grundrisse, die Farben und den Ton der vcrschiedn.n Arten von Gedichten zu zeigen gesucht kurz, ich habe Ihnen die Poesie der Sachen und die Poesie der Schreibart durch Regeln und Exempel vorkragen wollen. Es ist wahr, diese Regeln werden Sie nicht zu Poeten machen; aber vorauSgcsstzt daß Ihnen die Natur Genie dazu gegeben bat, so werden Ihnen diese Regeln nicht unnützUch seyn; die Regeln der Kunst werden dasscbe seilen, und die Beyspiele werden es noch mehr begeistern. Diejenigen, welchen, soll ich sagen, das Glück oder das Unglück Poeten zu seyn nicht bestimmt ist, können unsern Unterricht auf eine andre Art nützen. Sie werden Kenner, Richter, glücklichere Leser der Dichter werden, ohne selbst dichten zu können. Es ist falsch, daß man nicht urtheilen oder tadeln dürfe, wenn man eine Sache selbst nicht besser machen kann. Unsre Regeln oder die Kenntniß der Poesie wird Ihnen einen gewissen Nutzen in der Beredsamkeit zuwege bringen. Die Verwandtschaft beider Künste ist nur gar zu groß. Ich yr Ich habe Ihnen insbesondere die löbliche und große Begierde, sich beurtheilen und tadeln zu lassen, eigen zu machen gesucht. Ich habe selbst diese Uebung angestellt und oft auf meine Kosten. Lesen Sie die besten alten und neuern Dichter mit Sorgfalt und Gefühl. Ucbercilcn Sie sich nicht mit eignen Ausarbeitungen. Wägen Sie Ihre Kräfte genau ab. Regieren Sie Ihr Genie, Ihre feurige Einbildungskraft durch einen strengen Ernst der Vernunft. Lassen Sie Ihre Arbeiten von Kennern lesen, prüfen, und bessern sie sorgfältig. Vergeben Sie sich nichts und denken Sie stets, sich in dieser Arbeit zu stärken, an den Preis des Dichters, an die Hochachtung mehr als eines Jahrhunderts; ein Preis, der zu groß ist, als daß er durch nachläßige Versuche errungen werden kann. Wir gefallen der Welt, wenn wir die Begriffe der Menschen bessern und erweitern; wenn wir Gegenstände wählen, die das Herz rühren, an denen man durch feine Neigungen Theil nimmt; wenn man mit ihnen sich freuet und betrübt, mit ihnen hofft und fürchtet; wenn man ihnen nützliche Wahrheiten zu sichtbaren Dingen, zu Handlungen macht, welche wichtig sind ; kurz, wir gefallen , wenn wir mit dem Verstände zugleich das Herz bcschäfftigen. Der Poet muß sich also selbst in feinem Verstände aufklären, und fein Herz zum Guten erhitzen. Der Geschmack der Natur, der Vernünftigen und der Gesitteten, das ist fein Ziel. Er muß stets das Nützliche mit dem Angenehmen vcrbin- verbinden, so wird er gefallen, so lange Menschen Menschen sind. Singen Sie, meine Herren, der Vernunft, der Tugend und der Religion zur Ehre, so werden Sie mit Beyfall singen, wofern Sie zugleich schön singen. Ich verspreche Ihnen im Namen der Zukunft Ehre und Unsterblichkeit. Scherzen Sie in Ihren Liedern, so sey Ihr Scher; selbst noch lehrreich, oder noch unschuldig und die Heiterkeit Ihres Witzes müsse sich stets mit dem Ernste der guten Sitten und des Wohlstandes vertragen. Spotten Sie, so treffe Ihr Spott nur die Thorheit und das Lächerliche; nie die Ehre des Menschen, noch tausendmal weniger die Ehre der Wahrheit, welche die Menschen weise und glücklich machen soll; nie die Wahrheit, die wir aus der Hand des Schöpfers und des Erlösers erhalten haben; ich meyne die Religion. Wie viele Dichter hat es nicht gegeben, die ihren Witz zur Schande und Enthciligung der Tugend angewandt haben! Unseliger Gedanke, als müßte man zügellos, als müßte man ein sinnreicher Bö- scwicht seyn, und seinen Schöpfer, seinen Erlöser vergessen, um ein Dichter zu seyn. Ein Dichter, der sich den Vorwurf machen muß, daß er durch den Reiz seiner Poesie ein unschuldiges Her; verführt hat; ein Dichter, der diesen Schaden alle Tage und nach ganzen Jahrhunderten nach seinem Tode anrichtet, ist dieser nicht ein unendlich größ- rer Verbrecher, als ein Straßenräuber oder Giftmischer ? Ehren Sie Gott durch Ihre Poesie; ich bitte bitte Sie, als meine Freunde und meine Bruder, . eben, Sie Ihn dadurch, daß Sie Weisheit und gute Neigungen unter den Menschen ausbreiten. V> encrrlichcn Sie seine Majestät selbst durch Ihre Gesänge und erheben Sie Ihr Herz durch dio Vorstellungen von ihm zu Gedanken und Empfindungen, die alles andre übertreffen. Helfen Sie, wenn Sie sich der Gottcügelahrhcit widmen, gute geistliche Lieder dichten und einführen, und bedenken Sie, wie viele Millionen Herzen durch einen feurigen frommen Gesang zur Empfindung der Religion gebracht, und durch ihre Empfindung zur Ausübung derselben entflammt werden können. Unter so edlen gemeinnützigen Bemühungen war Gellerrs Leben schon lange durch das schrcck- . liehe Uebel der Hypochondrie ein beständiges Lei, den. Dieses Uebel hakte bereits seit dem Jahre 1752 besonders im Sommer angefangen, seine Seele mehr als sonst zu verwunden. Er hielt zwar immer eine strenge Diät, vorsichtig in seiner Nahrung und regelmäßig in der ihm nöthigen Bewegung; und dennoch waren seine Tage ängstlich und trübe, seine Nächte aber unruhig und voll schreckender Träume. Gemeiniglich entkräftete ihn der Schlaf mehr, als er ihn erquickte. Seine Brust litt durch häufige Beklemmungen, und die Kräfte seines Geistes wurden von der beschwerlichsten körperlichen Verdrossenheit zu allen seinen Verrichtungen niedergedrückt. Er empfand selten ! selten die Munterkeit, welche einen gesunden und s freyen Umlauf des Blutes und aller Säfte des Leibes zu begleiten pflegt. . Eine außerordentliche ? Traurigkeit und eine unüberwindliche Niederge- ^ fchlagenheit breitete siÄ) aus der verborgenen Quelle seines siechen Lebens über fein ganzes Gemüth aus. Sein Gedächtniß schien ihm oft bloß die Kraft zu haben, ihm allein dasjenige, was die vergangene Zeit Unangenehmes gehabt hatte, gegenwärtig zu machen. Wie sehr er auch feine Phantasie durch Vernunft und Religion zu beherrschen wußte, so erfüllte doch dieselbe feine Seele mit lauter traurigen und schwarzen Bildern und erregte Vorstellungen, die er haßte. Alle Wahrheiten feiner vorzüglichen Wahl und Liebe schienen vor feinem bekümmerten Gemüthe ihre Schönheit und ihre Anmuth zu verlieren. Wer gelassen ist, kämpft mit feinen Leiden und sucht sie standhaft zu ertragen. Er hütete sich deswegen sorgfältig vor ^ aller Ungeduld, war aber oft betrübt, daß ihn feine ^ Schwachheit hinderte, feine Gedanken in den Bc- 1 trachtungcn der Religion und in den nie vernachläf- sigtcn Uebungen der Gottseligkeit und Andacht, nach j seinem Wunsche zusammen zu halten, sie vor Zcr- k strcuungcn zu bewahren, und diese Pflichten mit vol- E lcr Lust und Freudigkeit zu erfüllen. ^ Die Kunst und Hülfe der Aerzte linderte fein - Uebel nur selten ; der Gebrauch sowohl des Lauch- 1 städtcr Bades, als des Carlsbades, welches er . ^ stwcy -i l zwey Jahre nach einander als 17;; und 17;» besuchte, verschaffte ihm zwar einige Erleichterung , that aber dvch nicht die wohlthätige Wirkung , die er sich davon versprochen halte. *) Mein Aufenthalt im Bade, wohin mich der rechtschaffene D. Tilling in Annabcrg begleitete, schreibt er von scmcr zweyten Reise, war nicht angenehm^ Gleich nach den ersten Tagen kam der Wunsch in mein Herz, wieder wegzureisen und verließ mich nicht. Tilling hat mir viel Freundschaft erwiesen, die ihm Gott vergelten wolle! Indeß sey Ihm, der mir Leben und Kräfte zu dieser Reise verliehen, und mich doch bey einer leidlicher! Gesundheit erhalten hat, Ihm, der alles Gute thut, sey Ehre und Herrlichkeit I Er nannte, weil er nicht bettlägerig war, seine Gesundheit leidlich, wenn er gleich die schwermüthigen Acngstlichkeitcn, die ihm allen Genuß des Lebens verbitterten, dulden mußte, und durch keine Mittel der Kunst überwinden konnte. Weder die Veränderung der Gegend noch die sonst so heilsame Bewegung kleiner Reisen, wodurch er sich aufzuheitern suchte, noch die Ruhe von den gewöhnlichen Geschässten, noch die Zerstreuung des Gemüths durch vcrschiedne neue Bekanntschaften mir großen und liebenswürdigen Männern, noch die für ihn so sorgfältige Achtung und Liebe seiner wahren Freunde konnte bey aller Erkenntlichkeit seines gegen sie so cm- pfind- ') Lageb- V. 1754. 97 pfinbfamen Herzens die unwillkührliche Traurigkeit, worein seine Seele versank, vertreiben oder so sehr schwächen, daß sein Geist einen Theil seiner vorma, ligen Munterkeit und Kraft wieder erhalten hätte. Er war schon zufrieden, wenn sein Nebel zuweilen zu ruhen schien; wenn nur von Zeit zu Zeit eruige heitre Stunden die finstern Tage ganzer Wochen und Monate erleuchteten. Je schmerzhafter ihm diese nur selten unter» brochcne Leiden, besonders deswegen seyn mußten , weil ihm so gar die Religion die Tröstungen und Aufheiterungen zu verweigern schien, die er in einem beständigen und vertrauten Umgänge mit ihr durch tägliche Betrachtungen ihrer Wahrhei. ten und oft erneuerte Uebungen des Gebets suchte; desto eifriger war er, und beynahe bis zur Ängstlichkeit sorgfältig, alle nachthciligcn Ein, flösse davon auf die Frömmigkeit und Begierde seiner Seele nach der Rcchtschaffcnhcit seiner Gesinnungen und Handlungen, auf seine Geduld und Ergebung in den Willen Gottes, auf feine Treue in seinen Geschäften zu verhüten. Deswegen befliß er sich einer sorgfältigen Strenge in der Prüfung feiner Gedanken und aller Bc» wcgungcn seines Herzens; aufmerksam auf alles was er that und sprach, um sich keinen Fehler zu übersehen; immer auf seiner Hut wider die Empfindlichkeit, welche ein sieches Leben zu begleiten pflegt, damit sein Umgang weder seinen Freunden noch den Jünglingen, die er zu unterrichten und GeU>Schr.X.TH. G zu 48 zu bessern unabläßig bemüht war, beschwerlich würde; damit auch unter seiner uuwillkührlichen blos körperlichen Verdrießlichkeit, welche seine Seele wider seinen Willen verdunkelte, niemand als er allein leiden möchte. Ein liebreiches Wesen war ihm so eigen, daß solches sich in seiner ganzen Physiognomie ausdrückte, auf seiner Stirn, in seinem trauernden Auge, in seinem ganzen Gesichte, in seiner ganzen Stellung. Man durste ihn nur sehen, um ihn zu lieben, und man verlangte, wenn man ihn gesehen hatte, keinen andern Beweis, daß er geliebt zu werden verdiente. Man mußte die Tugend bewundern, die so schnell einnahm, und noch mehr freute man sich, daß sein liebreiches Herz und seine Begierde, seinen Ncbcu- mcnschcn angenehm zu seyn, selbst durch alle Wolken, womit die Empfindung seiner Leiden sein Acusscrliches verdunkelte, hindurchschimmerte und dieselben aufhellte. Doch nichts war sichtbarer, als seine Dankbarkeit gegen seine Freunde, die ihn aufzurichten und ihn unter seinen Bckümmcr- l nisscn zu trösten suchten. Seine Aufmerksamkeit, ihre Namen in seinem Tagcbuchc mit Dank gegen Gott und mit Gebet für sie anzuzeichnen, ist , ein rührender Beweis davon. Hatte er eine gute Stunde, so suchte er ganz Empfindung der Religion zu werden, und wurde es dann bis zur lebhaftesten Freude über die Güte Gottes, und vornehmlich über die Wohlthaten der Erlösung. Schien ihm gleich sein Gefühl ihrer Wahrheiten ! und und seine Andacht nicht feurig genug zu seyn, wo. von er die Ursache lieber in der natürlichen Gleichgültigkeit des menschlichen Herzens gegen sie, als in einer bloß körperlichen Trägheit dazu suchte; so bestrebte er sich doch immer den Wunsch stärkere Empfindungen der Frömmigkeit zu haben und sie in aller möglichen Lebhaftigkeit zu erhalten. Auch ließ er sich feiste hvpochondrischc Unlustigkeit nie weder von dem öffentlichen und häuslichen Gottesdienste, noch von den ordentlichen Arbeiten seines Berufes abhalten. Keine Anstrengung sei« ner Kräfte war ernstlicher als die Mühe/ die er anwendete, über die Zerstreuungen seiner Gedanke» zu siegen, die ihn unter der Erfüllung dieser Pflichten unv.rschuldctcr Weise überfielen; immer besorgt, daß sie verschuldet werden möchten, wenn er nicht mit seinem ganzen Vermögen wider sie kämpfte. In der Sorge für seine Gesundheit be, obachtete er eine sich immer gleiche Ordnung und Regelmäßigkeit, und erlaubte sich nicht die geringste Abweichung davon, um nicht durch die Nachlässigkeit darinnen die Vergrößerung seiner Leiden selbst zu verursachen. Er hatte sich gewöhnt, sein Studiren bis an die Stunde der Mitternacht fortzusetzen; als er aber bemerkte, daß ihm dieses nachthcilig wäre, enthielt er sich dessen wider seine Gewohnheit und Neigung dazu, um seine Phantasie nicht allzurege zu machen, und von unordentlichen Träumen weniger beunruhiget zu werden. Nichts kann ernstlicher und gewissenhafter seyn, G r ats als seine Sorgfalt/ immer demüthiger zu werden. Er gestand seine Neigung zur Eitelkeit mit eurem ernstlichen Mißvergnügen daran, und bcnüchlc sich eifrig, alle Regungen derselben in ihrem ersten Ursprünge zu ersticken. Das Gute, was er il", -, wünschte er blos aus Ueberzeugung, daß es gut wäre, und in der besten Absicht zu thun, und er fürchtete nichts ängstlicher, als daß er den Vorwarf verdienen könnte, daß er seiner Pflicht mehr aus Verlange» nach dem Scheine, ihr genug gethan zu haben, als aus einer innern überwiegenden Empstnduug seiner Schuldigkeit genug zu thun, sich bestrebt habe. So gewissenhaft er unter seinen Leiden immer oollkommncr in seinen Gesinnungen zu werden suchte, so redlich waren seine Bemühungen, Andre zu bessern, und nie empfand er mehr Freude, als wenn sie ihm nicht vergeblich zu seyn schienen; immer eben so geschäfftig als begierig , unordentliche junge Leute zu gewinnen, und sie von den Ausschweifungen, die sie bcgicngcn oder zu begehen in Gefahr waren, abzuziehen. Wie nichts aufrichtiger seyn konnte, als die Ve- kümmcrniß, die er über ihre unregelmäßige Aufführung empfand, so konnte auch nichts aufrichtiger und inniger seyn, als das Vergnügen, das ihm ihre Besserung verursachte. Dieses Vergnügen, die Liebe so vieler Freunde , die er in den höher» und niedrigern Ständen hatte/ das auf eine vorzügliche Achtung seines Herzens gegründete Vertrauen so vieler Aeltern, welche 101 welche nicht besser für ihre Söhne sorgen zu können glaubten, als wenn sie ihm die Bildung ihrer Herzen und die Aufsicht über ihre Sitten auftrügen, die dankbaren Gesinnungen derjenigen, die er unterwiesen und gebessert hatte, und die stärksten Versicherungen aus vielen Gegenden von dem Segen feiner Schriften und Arbeiten wurden Belohnungen und Tröstungen für ihn, die ihn ermunterten, mit einem stillen Herzen und in gelassener Ergebenheit zu leiden und in seinen eifrigen Bestrebungen nützlich z» werden durch seine Leiden nicht zu ermüden. Die Vorsehung, die er mit so ernstlicher Gewissenhaftigkeit stets vor Augen zu haben suchte, ließ es ihm auch nicht an außerordentlichen und unerwarteten Erguickungen und Aufmunterungen fehlen. Wie fromme und rechtschaffene Gelehrte oft Andern »üblich werde», oh, ne es selbst zu wissen, oder auch vermuthen zu können : So machen auch zuweilen ihre Verdienste auf edelgesinnte Herzen so wirksame Eindrücke, daß sie dadurch zu den schönsten Handlungen der Dankbarkeit und Wohlthätigkeit gereizt werden. Geliert hat davon verschiedene ihm sehr angenehme Erfahrungen gehabt. So schrieb ein cdcl- müthigcr Freyherr in Schlesien, der Herr von Ergüssen, an ihn, und versprach ihm aus Achtung und Liebe einen ansehnlichen Jahrgchalt, welcher der Freygebigkeit eines Fürsten Ehre machen würde, und als Geliert solches mit eben so viel Dank. barkcit als Bescheidenheit von sich ablehnte, so G ; ertheil- IS2 ertheilte sein großmüthiger Freund denselben seiner alte» ehrwürdigen Mutter bis an ihren Tod; eine Wohlthat, die ein so zärtlicher Sohn unter die vornehmsten Glückseligkeiten seines Lebens rechnete. Wenn er davon sprach, so geschah es oft mit Thränen der Dankbarkeit und Freude in, den Augen, weil diese Wohlthat bloß ein Zeugniß von der reinen Hochachtung und Liebe dieses großmüthigen Mannes gegen seine Tugend war. So selten eine solche Güte des Herzens ist, so selten ist auch die Dankbarkeit, womit ein junger preußischer Officier Gelierten auf die angenehmste Weise überraschte. *) Das Herz dieses edlen Mannes war durch seine Schriften gebessert, und zur Liebe der Religion und Tugend angefeuert worden , und er hatte schon lange gewünscht, ihm seine Erkenntlichkeit dafür bezeugen zu können. Von dieser Dankbarkeit durchdrungen suchte er ihm bey seinem Aufenthalte in Leipzig, wo er eine Erbschaft von fünf bis sechs tausend Thalern gethan hatte, bekannt zu werden. Geliert sprach ihn zwcymal bey einem vertrauten Freunde. Bey der dritten Zusammenkunft war er einige Augenblicke mit ihm allein. Der Fremde nahm diese Gelegenheit wahr. Ach! fieng er auf einmal mit einer schamhaften Offenherzigkeit an: Sie wissen es nicht; ich bin Ihr Schuldner, Ihr großer Schuldner, und ich bitte Sie inständig, nehmen Sie eine Erkenntlichkeit von mir an, und danken Sie *) 3mJahri7;4. S.GellertSBriefanden Gr. M. v. B roz Sie mir picht dafür. Zu gleicher Zeit, sagt Gel« lert, der diese Begebenheit seinem Freunde dem Grafen von B. meldet, druckte er mir ein Papier mit Geld in die Hand. „Sie, mein Schuldner, mein Herr, der ich Sie in meinem Leben nicht gesehen, und Ihnen nie den geringsten Dienst erwiesen habe?" — Nun ich ruhe nicht; Sie müssen es annehmen. Sie haben mein Herz durch Ihre Schriften gebessert und gegen dieses Glück vertauschte ich die ^anzc Welt nicht. Itzt kommt Ihr Freund; lastn: Sie mich nicht vergebens bitten. Er soll kein Zeuge meiner Schuldigkeit seyn. Ich, fährt Geliert in seiner Erzählung fort, ich nahm back Geschenke, und wußte vor freudiger Bestürzung nichts zu antworten. Als ich zu Hause das Papier öffnete, fand ich zwanzig Louisdorc. Nun crschrack ich zum zweptenmale. Dieses frohe Schrecken that eine mächtige Wirkung auf mein Herz. Nicht das Geld; (nein das Geld konnte es nicht seyn; dieß dringt nie in daS Innerste der Seelen,) bloßes Geld kann diese Freude nickst erregen, die ich fühlte. Nein, lieber Graf, ein Gedanke, ein dunkler Gedanke, den ich mich scheute, ganz zu denken, weil ich ihn vor Gott gedachte; ein Gedanke, daß ich nicht unnütze wäre; eine nicht ganz unvcrnchmliche Einbräche, daß ich getrost seyn; daß ich aus diesem Vorfalle Muth schöpfen und nicht immer in Kummer versinken sollte; ein solcher Gedanke war es. Also hist du noch empfindlich, sagte ich bey mir selber? G 4 . Also Also rührt dich doch noch etwas? Das Geld wolltest du gern wieder einem ehrlichen Manne geben, wenn du nur den Eindruck dieser Begebenheit immer behalten könntest. Nichts, dachte ich zit. ternd , nichts ist so klein, das nicht unter der göttlichen Regierung steht. Sollst du nicht glauben, daß er diese Begebenheit zu deiner Freude zugelassen hat? Zu deiner Freude? O wer wärest du! Wie glücklich! Ein Herz gebessert! Ich trat näher zum Fenster und sah gen Himmel — Allein gewisse Empfindungen kann und darf man auch seinen besten Freunden nicht sagen. So bald man sie ausdrückt, so giebt vielleicht der Ehrgeiz heimlich die Farben dazu her. Genug, mein lieber Graf, es war ein glücklicher Abend für mich, für den ich Gott nicht genug danken kann. Mein gütiger Freund bat mich, seine Freundschaft zu verschweigen. Niemand soll fie auch wissen, als Sie und meine Schwester. Er hat steh blos durch das Lesen guter Bücher aus den Vorurtheilcn wider die Religion, womit ihn sein Stand angesteckt hatte, herausgerissen. Er ist ein gclaßner, bescheidener und wirklich weiser Soldat; doch hat seine Miene noch einen Rest von einer vormaligen Traurigkeit, worunter sie aber nicht leidet; er will als ein Soldat sterben, weil er einmal gelernt hat, was zu diesem Stande gehört. Geliert hatte um eben diese Zeit mehr als sonst Ursache gehabt, über seine Unfähigkeit lebhaft zu denken, über seinen Mangel an heitern Stun- Stunden, über die Düsterheit nnd Schwere seines Hauptes und über beschwerliche Anfälle sei. ncs Uebels zu klagen. Allein dieser angenehme Verfall breitete durch die dadurch erweckten stärker» Empfindungen der Dankbarkeit gegen Gelt, nael denen er sich lange gcsthnt halte, eine Hci- tcrkctt über seine Seele aus, die selbst seinem leidende» Körper auf einige Zeit heilsam wurde. Seine Leiten erneuerten sich freylich bald in ihrer alten Starke wieder; indeß erhielten Erfahrungen dieser Art seinen Muth aufrecht und stärkten ihn, in seinem Bestreben geduldig zu bleiben und auf die Güte Gottes zu hoffen. Eben deswegen bcschäfftigc er sein Gemüth oft mit den fcycrlich. stcn Betrachtungen der Ewigkeit. *) Seine einsamen Spaziergängc bald ins freye Feld , bald zu den Gräbern halten die Absicht ihm durch ein beständig erneuertes Andenken an die Kürze und Vergänglichkeit seines mit vieler Angst beschwerten Lebens und die Nähe des Todes, welcher die Tugend endlich von allen ihren Kämpfen bc- frcyt, gelassener und williger zu einer freudigen Standhaftigkcit unter dem Gefühle seiner Schwcr- tnulh zu werden. Er bestrebte sich, durch dergleichen Betrachtungen und durch öftere Uebungen in allen edlen und gottgefälligen Gesinnungen sein eignes Herz immer vollkommner zumachen, und immer aus den besten nnd vortrefflichsten Absich- G; ten ') Unvollständige Nachrichten. ftn und Gründen zu handeln, indem er überzeugt war/ daß diese allein ein sicherer Grund von der Beständigkeit in der Rcchtschaffcnhcit und Tugend sind. Darum bemühte er sich vornehmlich / den Gedanken, daß es Pflicbt scy, zu thun, was recht und gut ist, immer in seiner ganzen Stärke zu fühlen , damit dieser Antrieb bey allen guten Handlungen noch mehr Gewalt über ihn haben möchte, als die Begierde, nach Beyfall und Lob. Diese Art zu denken suchte er nicht allein selbst zu haben, sondern auch andern mitzutheilen. Lassen Sie, schreibt er an einen seiner edlen Freunde, das Geräusch des Hofes die Stimme der Wahrheit und Tugend nicht betäuben. Ich weis, wie viel dazu gehört, unter tausend Verführungen dem Ehrgeize und der Wollust zu widerstehen; aber ich weis auch, welch ein edles Herz ich ermuntere. Bedenken Sie den Sieg, geliebter Graf: In seinen lebhaftesten Jahren, im Angestellte des Hofes hat er über den falschen Reiz der Wollust und der bc- trüglichcn Ehre durch Weisheit und durch den Zuruf eines empfindlichen Gewissens triumphirt! Wenn Sie diesen Sieg erkämpfen, dann werden Sie zufrieden mit sich und mit der Welt in der Stunde der Betrachtung Ihren Freund segnen, der Ihnen nichts schöncrs zu sagen wußte; als Ihre Pflicht. Sie werden den Beyfall zu verdienen suchen und in denselben ein gerechtes Mißtrauen setzen. Es giebt elende Geschöpfe, die unsre Schmeichler werden, um uns unglücklich zu machen; io7 machen; es giebt elende Geschöpfe, die es nicht leiden können, daß wir durch wahre Verdienste weit über sie erhaben sind, und die uns durch tausend Künste bis zu sich,' bis zu ihren Ausschweifungen zu erniedrigen suchen. Aber was sage ich Ihnen? Vergeben Sie der Liebe, die mich zu diesen Siktensprüchcn begeistert. Ohne Liebe zu Ihnen würden es Beleidigungen seyn; aber so sind sie Ausflüsse eines Herzens, das sie hochachtet und liebet; das sie gern ewig lieben und bewundern will. Nach dieser würdigen Art zu denken, die er in andern zu erwecken suchte, strebte er selbst zu handeln, und da er von Natur gegen Lob und Tadel empfindlicher war, als er zu seyn wünschte, so fehlte es ihm auch nicht an Gelegenheit dazu, und er klagte gegen feine Freunde nur darüber, daß ihm dieses eben wegen feiner Empfindlichkeit gegen den Beyfall seiner Ncbcnmcnschcu nicht leichter wurde. Kein Schriftsteller, wenn er auch noch so viel Fleiß auf seine Arbeiten wendet, auch noch so reine und vortreffliche Absichten hat, kann erwarten, daß er vor den Anfällen einer tadelsüch- tigcn Critik sicher seyn werde. Es finden sich immer Feinde ihres Verdienstes, die nicht allein den innern Werth ihrer Schriften, sondern auch selbst den moralischen Charakter des Verfassers verdächtig zu machen suchen. Dieses Schicksal traf Gelierten nicht allein nach seinem Tode, sondern auch bey seinem Leben. Er wurde, ich weis nicht, sn welcher Schrift, sowohl über feine Ansätze selbst, als Io8 als über die Redlichkeit seiner Gesinnungen und Absichten angegriffen. Eine Beleidigung dieser Art konnte ihm nicht anders als sehr empfindlich seyn; er suchte sie aber mit Gelassenheit zu ertragen, ob er gleich gestand, daß ihm dieses Ueberwindung kostete. Ich will, schreibt er in seinem Tagcbuche, die Schrift ansehen, als ob sie nicht in der Welt wäre; man kann schmähen und spotten; es wird mir weh thun; aber ich will nie antworten. Die Welt mag entscheiden, zu welcher Classe von Schriftstellern ich gehöre. In einem Briefe 17;? sagt er von diesem Angriffe: Der Barott von **soll der Verfasser der Schrift seyn, worinnen ich so gemißhandelt bin. Womit kann ich doch diesen Mann beleidigt haben? Er muß mich nicht kennen; es ist unmöglich; sonst würde er mir nicht mit der Art begegnen, auf welche ich dem Elendesten der Menschen nicht gern begegnen wollte. Eine Welt und die Nachwelt bereden wol, lcn, als ob der Andre kein ehrlicher Mann wäre ! O das ist schrecklich! Mein Herz blutet, wenn ich daran gedenke. Warum bin ich nicht unbekannt geblieben? Aber die Gelassenheit! die Geduld ! doch was wären sie, wenn sie nicht so viel kosteten? In dem Augenblicke; wenn ich aus den Psalmen wünsche, daß ich nicht der Spott meiner Feinde werden möge, so bemühe ich mich zu denken, daß selbst unser Feind uns weise machen soll. Mancher auf gleiche Weife beleidigter Schriftsteller schweigt, weil er seinen Tadlcr verachtet. GeUert I0Y GeUert schwieg, ohne gegen einen solchen Angriff gleichgültig zu seyn, weil er dadurch aufgelodert zu werden glaubte, sichln der Gelassenheit und Demüthigung seiner selbst z» üben. Die Unruhen des letzten großen Krieges, der seit einiger Zeit 17?? den größten Theil von Deutschland und andre benachbarte Reiche seine Plagen und Schrecken fühlen ließ, und die Nothwendigkeit eines Versuches, ob er sich durch einen Aufenthalt von einiger Dauer auf dem Lande seine körperlichen Leiden erleichtern könnte, wenn er sinne Arbeiten, die zcithcr feine Seele in einer beständigen Anstrengung erhalten hatten, auf einige Zeit unterbräche, bewogen ihn, nach Bonau zu dem Herrn Cammerhcrrn von Zettwitz zu gehen, um sowohl des Umganges dieses Herrn und seiner Gemahlinn, als des Herrn Grafen von Vitzthum, seiner Gemahlinn und seiner Familie zu genießen/ d-wcn ihnen so rühmliche und so beständige Freund, schaft er unter die vorzüglichsten und schätzbarsten Wohlthaten der göttlichen Vorsehung rechnete. Nach einem kurzen Aufenthalte bey ihnen, näherten sich die Armeen dieser Gegend, und er mußte sie auf einige Tage nach Eisinberg begleiten. Als er in ihrer Gesellschaft nach Bonau zurück gekommen war, erkältete er sich bey einem späten Spa- zicrgangc zu Mcineweh, einem benachbarten Gute des Herrn von Schönberg, der auch zu seinen geliebtem Freunden gehörte. Die Folge der Erkäl. tnng war ein heftiges Seitenstechen, welches von einem no einem so starken Fieber begleitet wurde, daß nicht allein er selbst, sondern auch seine Freunde Ursache hatten, seinen Tod zu befürchten. Allein er sollte der Welt noch länger dienen und die Krankheit wurde glücklich überwunden. Die Vorsehung half, als ihre Hülfe kaum mehr erwartet werden konnte. Ihr Verstand, die sorafältigc Pflege der großmüthigen Familie, in deren Schooßc er von dieser Krankheit angegriffen wurde, die Treue und Gcfchicklichkcit feines Arztes, des Herrn D- Springsfcld aus Weißcnscls, die Aufmerksamkeit des preußischen Befehlshabers in dieser Stadt, die Voten, welche, dieses geliebten Kranken wegen, dahin geschickt wurden, auf keine Weise "aufhalten zu lassen, die zärtliche Beforgniß seiner Freunde, die ihn von Leipzig aus besuchten, waren Wohlthaten, die fein Herz mit brünstiger Dankbarkeit erfüllten. Er sprach von wenig Begebenheiten seines Lebens mit mehr Bewegung, als von dieser Errettung. O mein Liebster, schrieb er an einen Freund, was ist der Schritt in die Ewigkeit für ein steuerlicher bebender Schritt! Welch ein Unterschied zwischen den Vorstellungen des Todes bey gesunden Tage» und am Rande des Grabes! Welcher Held muß da nicht zittern, wenn ihn nicht die Religion gleich einem Engel vorn Himmel stärkt! Ich dachte zu sterben, und stehe, ich lebe noch durch die Güte Gottes! Wie werde ich dieses ncugcschenkte Leben recht nützlich und dankbar anwenden? Wie lange oder kurz wird I l l wird es noch dauern, und wenn es noch so lange dauerte, wie bald wird es gleich den vorigen Tagen verschwunden seyn! Mit dergleichen Gesinnungen nahm er das Leben zurück, das er schon dem Willen Gottes aufgeopfert hatte. Doch ein Körper, gleich dem seinigcn, welcher schon seit so vielen Jahren gelitten hatte, konnte sich von ei, nein solchen Angriffe nur langsam wieder erholen, und völlig crholcte er sich nie davon. Mit seiner zurückkehrenden Gesundheit erneuerte sich auch sein gewöhnliches Leiden der Hypochondrie. Da er nun von einem noch langen, Aufenthalte auf dem Lande keine größre Erleichterung dieses Uebels vorher sah, entschloß er sich, wieder nach Leipzig zu gehen und sich feinen gewohnten Arbeiten aufs neue zu überlassen. Einige Monate nach seiner Zurückkunft erhielt er 1758. die Nachricht von dem Tode eines seiner geliebten jünger» Freunde des Barons von Cronegk, dessen Verlust ihm so viel empfindlicher war, je mehr er nicht allein von seinen vorzüglichen Gaben, sondern auch von seinem edlen und frommen Charakter für die Welt gehofft hatte. Cronegk, schreibt er aus Bonau, wohin er auf einige Tage gereist war, an den Grafen M. v. Br., unser Cronegk ist uns den ersten Tag in diesem Jahre entzogen worden; mir wahrscheinlich nicht auf lange Zeit, und doch hat mich sein Verlust tief gebeugt! Ich warf mich bey der ersten Zeitung von seinem Tode auf das Lager, wo ich vor nicht langer langer Zeit meinen Tod erwartete und weinte; Der selige Jüngling! Die Blattern find sein Tod gewesen, haben ihn an einem fremden Orte überfallen, und den neunten Tag gctödtet. Er hat sein Ende vorausgesehen und seinen Tod stand, haft erwartet. Wenige Tage vor seinem Ende hat er auf seinem Todbcttc noch an vcrschicdne seiner Freunde in Ansprach geschrieben und zugleich .selbst eine Verordnung aufgesetzt, in welcher ich seinen Geist mehr bewundre als in seinen besten Gedichten. Nach dieser Verordnung wird seine Bibliothek verkauft, und die Summe in drey Theile getheilt. Einen erhält fein erster Hofmeister, der Hofcaplan Rabe, den andern Utz, der Dichter, und der dritte soll einige Hausarme erquicken. Der Bediente empfängt einige hundert Thaler sein Glück zu machen. Mir hat er sein Porträt und seinen Ring zum Andenken hinterlaf, fcn. Dieses Bild eines geistreichen und frommen Freundes hängt itzt vor meinen Augen und soll die Stelle eines liebreichen und anmuthsvollen Freundes vertreten. Seine letzten Worte waren: Tod, wo ist dein Stachel; Hölle, wo ist dein Sieg? Gott sey Dank, der uns den Sieg gegeben hat, durch unsern Herrn Jesum Christ! Nunmehr freut er sich der Unsterblichkeit, der Liede und der Anbetung seines Gottes. Wir, theuerster Graf, sehen ihm in den Himmel nach, und folgen ihm auf der Bahn, auf welche er so rühmliche Fußtapfcn ein» gedrückt hat. Geliert, welcher sehr empfand, wie wie wichtig und wohlthätig Frömmigkeit und Tugend kür die Welt werden könn, wenn sie die Hähern Stände der menschlichen Gest!!sehnst erhebt und schmückt, redete allezeit mit Rührung von seinem Lvoneyk; auch in seinen Vorlesungen, wor- innen er seinen Charakter den jungen Herrn von Adel zur Nachahmung anpries, damit sie durch Beyspiele aus ihrem eignen Stande desto mehr gereizt werden möchten, dem Vorzüge der Geburt durch Weisheit und Rechtschaffenhcit denjenigen Werth zn geben, der ihn allein zu einem wahren und dauerhaften Vorzüge macht. Auf diese Weise suchte cd alles zu nutzen, was die sittlichen Wirkungen seines Unterrichts bey dem zahlreichen Adel vermehrn konnte, welcher, obgleich der Krieg noch immer mit gleicher Heftigkeit anhielt, aus verschiedenen europäischen Ländern, besonders aber aus den nordischen Reichen, nach Leipzig kam, um sich seine Unterweisungen zu Nutze zu machen. Zeithcr hatte er vornehmlich über die schönen Wissenschaften gelesen. Ver.>- schicdne in seinen Werken befindliche Reden air seine Zuhörer bezeugen, wie sorgfältig er alle Gelegenheiten wahrgenommen hatte, auch die.'ft Unterweisungen so moralisch einzurichten, a',s sie es ihrer Natur nach werden können. Auch hakte er schon einigemal Fordyccns Moral erklärt, die ihm vorzüglich gefiel, weil dieser Schriftsteller die Sit- tenlchre nach Hutchcsons Grundsätzen aus der Empfindung des Guten und Schönen in der Tu- Gell. Schr. X. Th. H gcnd Ll4 gend herleitete. Dieß aber that seinem VerlaN- gen, die akademische Jugend durch seine Bemühungen zur Rcchtschaffcnheit und zu edlen Sitten anzuführen, noch keine Genüge. Er entschloß sich deswegen, selbst besondre Vorlesungen über die Sittcnlchre auszuarbeiten. Man wünschte zwar noch immer Gedichte von ihm zu lesen; man machte ihm so gar freundschaftliche Vorwürfe darüber, daß er die Poesie ganz aufgegeben zu haben schien. Allein er glaubte dazu weder Neigung noch Geist genug mehr bey sich wahrzunehmen. Ich empfinde, schreibt er an feinen geliebten Grafen Moritz von Brühl, daß mich der Witz verläßt; zur Vorbedeutung, daß ich keine Gedichte mehr schreiben soll. Sag«n Sie es also, daß man mir über meine Pausen in meiner poetischen Autorschaft keine Vorwürfe machen müsse; daß niemand verbunden seyn könne, mehr zu dichten, wenn er nicht mehr dichten kann; daß es auch ein Verdienst sey, zu rechter Zeit aufzuhören, und nicht, wie Pope sagt, die letzten hccfichten Tropfen feines Genies auszupressen. Ich, mein lieber Graf, werde alle Tage kälter und unfähiger, etwas zu thun, und kränke mich heimlich, daß ich zu wenig für meine Existenz gethan habe. Was mir angenehm war, wird mir gleichgültig, und was leicht ist, Arbeit. Doch ich will nicht klagen! Gott ist der Herr von unfern Schicksalen, und unser ist die Pflicht, uns in Demuth auch da zu untcrwcr-, fen, wo es uns schwer ankömmt, unsre Unistände zu zü ertragen. Sie ßnd allezeit besser/ üls wir sie verdienen, Und oft verliert nur unsre Eigenliebe, unser Stolz, und nicht unser Glück tab>yi Dieß waren seine herrschenden und täglichen Gesinnungen , als er seine eigne Vorlsungen über die Sit- tcnlehrc zu verfertigen anfleng. Der Beyfall, mit dem sie angehört wurde, und die Zahl derer, welche sich von diesem liebenswürdigen Mentor in den Lehren der praktischen Weisheit unterrichten ließen, übertraf seine Erwartungen so weit, daß auch deswegen diese Beschäftigung seines Lehramtes eine seiner gclicbtcstcn Arbeiten wurde» Ihr Werth ist durch den Nutzen, welcher dadurch gestiftet worden ist, so bestätigt, daß derjenige, welcher sich wider ihn erklären wollte, sich dem unwiderruflichen Urtheile eines allgemeinen Unwil, lcns Preis geben würde. Akademische Unterweisungen in der Moral müssen freylich nicht in Hornisten ausarten; allein sie können methodisch seyn, ohne die Miene der Methode zu haben. Die Wissenschaft des Lebens läßt sich gründlich vortragen, ohne sich ein tiefsinniges Ansehen zu geben. Wenn man sich gleich auf keine gelehrte Anatomie des Herzens einläßt, welche die Neigungen und Triebe desselben bis auf ihre kleinsten Fasen zergliedert, so kann man doch den Menschen so sehr mit sich selbst, mit seinen Verhält? Nissen und Pflichten bekannt machen, als er seines Glückes wegen werden muß, um über seine Schul-, digkeit richtig denken und die Vorschriften der H s Weis- Weisheit, denen er folgen soll, zulänglich kennen zu lernen. Moralische Unterweisungen müssen den Schmuck nicht suchen, noch viel weniger da- mit überladen seyn. Aber doch werden sie durch Zierlichkeit und Anmuth, den Tugenden, die sie lehren, so wenig nachthcilig seyn, daß dieselben vielmehr dem Herzen dadurch mehr gefallen werden. Und welche Wissenschaft sollte wohl verlieren, wenn der Vertrag des Lehrers eine gewisse Begeisterung seiner Seele für sie verräth, oder wenn sie mehr in der vollern Sprache eines Cicc. ro, als in den abgebrochenen einsylbigten Orakel- sprüchen eines Chrysippus redet? Man hat freylich bey diesem mehr zu rathen; aber ob man auch deswegen mehr lernt, weil man weniger zu empfinden und mehr zu rathen hat, das läßt sich leicht entscheiden. Geliert war, besonders für die vornehmere akademische Jugend, ein vortrefflicher Sit, tenlchrcr, weil er in seinem Vortrage mehr auf das Nützliche, und auf das , was allen Menschen bekannt und immer gegenwärtig seyn sollte, als auf das Neue und Außerordentliche sah; weil er dem, was in der Moral zwar leicht zu verstehen, aber schwer auszuüben ist, den Reiz gab, wodurch es die Menschen in der Aufmerksamkeit darauf erhalten kann, weil er zwar nur die Moral der Philosophie lehrte, aber einer Philosophie, die in der Schule des Christenthums unterrichtet, mehr Licht, und zugleich mehr Kraft zu bessern hat; weil er endlich ihnen die Religion der Offenbarung mit einer rührenden rendcn Erkenntlichkeit gegen sie, als eine Führcrinn anpries, die dem Wanderer die sichersten Wege zeigt, und ihm zugleich die nöthige Stärke zum Wandel auf diesem Wege mittheilt. Diese neuen Verdienste um die studirende Jugend erhöhten seinen Ruhm und breiteten denselben immer weiter aus. Das wahrhaftig christliche Genie des Schriftstellers hatte ihn gegründet; der Eifer, die Treue und das Beyspiel des öffentlichen Lehrers erhielt und erweiterte ihn. Wenig akademische Gelehrte werden sich rühmen können, in ihren Vorlesungen so viele Zuhörer gehabt zu haben, als er hatte. Ihre Anzahl stieg oft auf vierhundert und darüber. Er nützte aber nicht allein auf dem Cathedcr. Sein persönlicher Umgang , (und jedermann hatte einen so freyen Zutritt zu ihm, als wenn er sein einziger Umgang gewesen wäre,) seine Miene, seine zwar kurzen aber immer überlegten Gespräche und selbst sein bedeutendes Stillschweigen waren, ohne daß er jemals die Rolle des Pädagogen spielte, gewissermaßen so lehrreich, als seine Vorlesungen. Er vermochte über-die akademische Jugend so viel, daß man das Laster auch darum scheute, weil man dadurch aus seiner Gesellschaft ausgeschlossen oder zu seiner Beschämung nicht von ihm bemerkt und unterschieden zu werden fürchtete. In der Nähe und in der Ferne glaubten die Leser und Leserinnen seiner Schriften, daß sie ihn zum Freun- H; de, ritz de, zum Rathgeber, zum Kunstrichter, zum Lehrer Haben müßten, und dieß Vertrauen zu ihm verwickelte ihn in einen weitläufigen Briefwechsel, der ihm wegen der Schwachheit feines Körpers zuweilen beschwerlich wurde, dem er sich aber nicht entziehen wollte, weil er denen lieb und nützlich war, mit denen er geführt wurde. Wer einen rechtschaffenen Hofmeister für seine Familie wünschte, verlangte ihn von Gelierten, Er war in der Wahl derjenigen, die er zu diesem Amte vorschlug, um so viel vorsichtiger, je leichter man sich aus guter Meynung in dergleichen Empfehlungen irren kann, und richtete dabey sein Augenmerk vorzüglich auf den sittlichen Charakter derjenigen, welche er vorschlug. Er gab sich auch viele Mühe, gute Hofmeister zu bilden. Deswegen hielt er nicht nur in besondern Stunden öffentliche Vorlesungen über die Pflichten derselben, sondern machte es sich auch zum Geschäfte, ihnen sowohl auf seinem Zimmer, als in seiner Corrcspondcnz mit ihnen dazu mit guten Rathschlägen und Erinnerungen beförderlich und nützlich zu seyn» Je williger er nun zu allen Arten angenehmer Dienste war, desto mehr Dienste forderte man von ihm. In Leipzig war seit dem Anfange des Kriegs wegen der verschiedenen Armeen, welche Sachsen durchzogen oder bchauptctcn, eine immerwährende Ebbe und Flut von Fremden, unter denen er durch seine Schriften so bekannt und hochgeachtet War, M bey der Akademie, Obgleich unter dem Geräu- Geräusche der Waffen Vorzüge, wie die seinigen, wenig Aufmerksamkeit zu erregen pflegen, so wur» de er dennoch von allen denen besucht, die Religion und Geschmack ehrten, oder cS doch für rühmlich hielten, sagen zu können, daß sie den Mann, der vor andern der Liebling seiner Nation war, gese. hcn, gesprochen und gehört hätten. Nicht selten fanden sich bey feinen Vorlesungen so viele Offi- cicrc in seinem Hörsale ein, als wenn derselbe das Vorzimmer eines Generals gewesen wäre. Die königlichen Prinzen des preußischen Hauses, Carl und Heinrich, erwiesen ihm die Ehre sich mit ihm zu unterreden. Er sprach von diesen Prinzen wegen der Menschenfreundlichkeit und Gnade, womit sie Sachsen vor allen unnöthigen Plagen des Krieges zu beschützen und ihnen die nothwendigen Beschwerden desselben auf alle Weise erträglich zu machen suchten, mit der größten Ehrerbietung und Bewunderung. Ich bin, schreibt er an eine seine Freundinnen, gestern auf Verlange» bey dem Prinzen Heinrich gewesen. In der That bin ich gern zu ihm gegangen, und ungern wieder von ihm. — Ich habe ihm mit vieler Empfindung im Namen meines Vaterlandes für die Gnade gedankt, womit er uns die Last des Krieges erleichtert hatt Dieses gefiel ihm — Haben sie nichts für sich zu wünschen? sprach er, ich möchte ihnen gern dienen — Nein, gnädigster Prinz, ich bitte um nichts, als um die Fortsetzung Ihrer unverdienten Gnade — Kann ich H 4 nicht irv nicht ihren Freunden/ oder denen/ die ihnen lieb find/ dienen? —> Sie haben mir und meinen Freunden den ganzen Krieg über beständig Wohlthaten erwiesen. Der Prinz hatte viel Achtung gegen ihn/ und gab ihm nach dem Kriege noch einen Beweis davon/ als er ihm das Pferd, welches er in der Schlacht bey Frcybcrg geritten batik/ durch den Herrn von Aalkremer zum Geschenke machte. Alle Welt weis Friedrichs Unterredung mit ihm/ worinncn der Dichter von dem Glänze des Helden nicht verdunkelt wird/ und sehr zu seinem Vortheile als ein zugleich bescheidner und freyer vaterländischer Mann erscheint / der das rühmliche Urtheil verdiente/ welches dieser Monarch von ihm gefällt hat. Diese Ehre/ die oft nicht nur witzigen Köpfen, sondern auch wohl denen / die Philosophen seyn sollten/ gefährlich geworden ist/ bewies/ wie ausgebreitet der Ruf seines Namens und seiner Verdienste war. Die Achtung für diese war es auch / welche den General Hülsen bewog/ seinen Geburtsort die wohlthätigen Wirkungen derselben erfahren zu lassen. Unser Städtchen / schrieb seine Schwester an ihn/ ist mit einer sehr leichten Einquartierung belegt worden/ und der General hat dem Rathe ausdrücklich sagen lassen / dieses geschähe aus Wohlwollen gegen den Professor Geliert und seine Schriften. Solche außerordentliche Zeugnisse von dem Beyfalls dc> er verdiente/ vermehrte'die Hochachtung gegen ihn bey denen / welche weniger auf irr auf den Mann, als auf den Schatten, fehcn, der ihm nachfolgt. Diesen konnte er eben deswegen um so viel nützlicher werden, je größer ihre Hochachtung gegen ihn war. So verdient er sich indeß um die Universität gemacht hatte, so war er doch immer noch bloß ein außerordentlicher Lehrer an derselben; nicht weil die Regierung seiner halte vergessen können, sondern bloß deswegen, weil in der Facullät, bey der cr lehrte, noch kein ordentliches Lehramt erledigt worden war. Selbst Ausländer von großem Ansehen bemühten sich um die Erhöhung seines Gehaltes. Der englische Gesandte Mitchel that solches ohne sein Vorwisscn mit vielem Eifer. GeUert verehrte ihn zwar mit lebhafter Erkenntlichkeit für dasjenige, was er für ihn gethan hatte; cr suchte aber auch die Wirkung seines Vcr- spruchcs von sich abzulehnen. Ich kann versichern, schreibt cr an den Grafen M. v. Br., daß ich ihn nicht darum gebeten habe. Ich suche kein Amt; ich bin krank, und kann auf kein langes Leben hoffen; ich leide keinen Mangel, und Gott giebt mir mehr, als vielen andern ; wie könnte ich mehr begehren? Ich habe es dem Gesandten selbst gesagt, allein umsonst. Bitten Sie Ihren Onkel, daß cr sich nicht durch diese ausländischen Fürbitten bewegen läßt, zu einer Zeit an eine Pension für mich zu denken, da unser Vaterland so unendlich leidet. H; Unter? Unterdessen wurde durch das Absterben D. Müllers, eines zu seiner Zeit nicht unbcrühmtcn Philosophen, ein ordentliches philosophisches Lehr, amt erledigt. Sogleich schrieb ein angesehener Beförderer der Wissenschaften aus Dresden an ihn, daß die Regierung entschlossen wäre, seine Verdienste nun mit diesem Amte auf eine anstän. dige Weise zu belohnen, damit er Zeit zur Überlegung haben möchte, ob er dasselbe annehmen wollte oder nicht. Alle seine Freunde, Ernesti, Wagner und besonders Aabener drangen mit großem Ernste in ihn, eine der Absicht der Regierung gemäße Entschließung zu fassen. Da er alles, was er zu den eingeschränkten Bedürfnissen seines Lebens brauchte, größtentheils bloß seinem Fleiße zu danken hakte, so konnte ein sicheres und gewisses Einkommen bey seinen immer fortdauernden körperlichen Leiden, und bey ihren besorglichcn Folgen, sehr angenehm seyn. Allein diese Betrachtung vermochte so wenig über ihn, daß er das Amt, das ihn erwartete, allen dringenden Vorstellungen und Bitten seiner Freunde ungeachtet, von sich ablehnte. Denn wie groß und uncrmüdct auch sein Eifer war, der Universität zu nützen, so hatte er doch von den Pflichten eines ordentlichen Lehramts so hohe und strenge Begriffe, daß er seiner Kränklichkeit wegen dieselben nicht in ihrem ganzen Umfange erfüllen zu können fürchtete, und es darum für eine Pflicht des Gewissens hielt, sich Dieser Gefahr nicht auszusetzen. Was können Sie Sie mir, schrieb er an den Grafen M. v. Br., durch Ihre Vermittelung ein Amt auswirken wollen, das ich nicht wünsche? Ich habe es gegen Sie und gegen andre Freunde nicht aus einer übertriebenen Bescheidenheit ausgcschlagen; nichts weniger, gütiger Graf, sondern aus Krankheit, Alter, »und Mangel der Kräfte, aus Ucberlegung, und Gewissen. Warum sollte ich mich weigern, wenn das nicht meine Ursachen wären ? Ich müßte ja fürchten, wider meine Pflicht zu thun; ich müßte wider meine eignen Vortheile handeln, und bloß aus Eigensinn den Rath und die gütige Fürsorge meiner Freunde und Gönner verwerfen» Das weis ich, werden Sie mir nicht zutrau n. Wären Sie nur um mich und sähen meine Beschwerungen, die ich insonderheit seit zwey Jahren dulde, die kranke Brust, an der ich leide, einen nagenden heimlichen Schmerz in meinem Kopfe, die Abnahme meines Gedächtnisses, die mix die geringsten Arbeiten zur Last macht; ich weis gewiß, Sie würden mir nicht rathen, ein neues Amt anzunehmen. Die Akademie leidet nicht da, bey; ich kann, was ich thun kann, als außcror> dcntlichcrLehrer thun, wenn auch das, was ich thue, wenigen in die Augen fällt, Wenn ich im Jahre 17; i die Profession hätte suchen sollen, so würde ich geglaubt haben, es wäre Pflicht. Im Jahre 1761 halte ich es für Pflicht, sie zu verbitten, Meine Freunde denken als Gesunde; da haben sie recht. Ich denke und leide als ein Kranker; da IL4 da habe ich auch recht. Mein Entschluß ist nichd Flucht vor der Arbeit; das beweist mein zeithcri- ges Schreiben und Lesen. Daß ich die Kräfte richt mehr habe, die ich vor zehn Jahren hatte, das kränkt mich; aber wie müßte ich mich nicht schämen, wenn ich glaubte, ich hätte sie und setzte mich selber in Unruhen und Umstände, die ich hätte vermeiden können. Diese dringenden Vorstellungen hatten die Wirkung, die er wünschte, und er war dafür so dankbar, als man es für eine große Wohlthat seyn kann. Indeß ließ er von seinem Fleiße in seinem Unterrichte so wenig nach, daß er sich vielmehr, besonders auch in seinen öffentlichen Vorlesungen, welche manche Lehrer ohne Bedenken ver- nachläßigcn, fast über sein Vermögen anstrengte, damit er selbst den geringsten Schatten des Argwohns, daß er feine Bequemlichkeit oder Freyheit dem allgemeinen Nutzen vorzöge, von sich entfernt halten möchte. Er bedurfte wenig, weil er für seine Bedürfnisse, für feine Bequemlichkeit und sein Vergnügen wenig verlangte. Er verließ sich mit völliger Zuversicht auf die Vorsehung, ohne etwas Außerordentliches zu erwarten, weil er überzeugt war, daß einem zufriednen Gemüthe nur selten an dem Nöthigen gebrechen könne. Zu diesem Vertrauen hatte er auch in vielen rührenden Beweisen ihrer Güte sehr starke Ermunterungen. Einer feiner geliebtesten Schüler, der Herr Graf Moritz von Brüht, gab ihm schon feit einigen Wen Jahren (1762) ein jährliches Gehalt von anderthalbhundcrt Thalern, ohne daß GellertS erkenntliches Herz den Wohlthäter entdecken könn» te, der auch, so viel ich weis, erst nach seinem Tode bekannt wurde. Es vergicng fast kein Jahr, wo ihm nicht auf der Post ansehnliche Geschenke von hundert, und zweihundert Thalern zugesendet wurden. Diejenigen, die sie erhielten, erhöhten den Werth ihrer Wohlthaten durch die Sorgfalt, womit ihre Großmuth dieselben bloß zur Schonung feiner zärtlichen Dankbarkeit vor ihm verbarg. Allein auch die öffentliche Freygebigkeit hielt es für Pflicht, die bescheidene Uneigcn- uützigkcit zu belohnen, womit er zweymal ein ordentliches Lehramt abgelehnt hatte. Das Gehalt, welches er als ein außerordentlicher Lehrer hatte, wurde erhöht, und als Deutschland einen seiner ersten und besten Geschichtschreiber, Leipzig aber eine seiner vornehmsten Zierden der Akademie in seinem Mafcov verlohr, erhielt Geliert den, jcnigcn Gnadcugchalt, welchen dieser große Mann gehabt hatte. Dieses war eine neue Gelegenheit für Gelierten, zu beweisen, wie uneigennützig und bescheiden seine Art zu denken war. Die Pension, die mir bestimmt wird, schrieb er an seinen geliebten Grafen M. v. Br., so bald er von dem Entschlüsse des Hofes benachrichtigt worden war, ist groß, und ich muß Ihnen bezeugen, daß 'ich nicht eher gewußt habe, wie groß sie ist, als gestern, da mirs mein Bruder gesagt hat. Sie beträgt ILV beträgt vierhundert und füiff und achtzig Thales. So viel, liebster Graf, wünsche ich nicht, und ich getrane mich nicht es anzunehmen. Dettn Sie müssen sich erinnern, daß ich auf Befehl des Hofes schon feit zehn Jahren eine Pension von hundert Thalern genieße. Wenn ich diese beiden Pensionen zusammen genösse, so hätte ich jährlich 58? Thaler. Nein, das ist zu viel; mehr als ich wünsche. Von dieser Summe kann noch ein rechtschaffener Mann einen Antheil ziehen, ohne daß ich darbe. Ich dächte also, liebster Graf/ man setzte die Pension anf vierhundert Thaler; auf Liese Weise bekäme ich jährlich dreyhundcrt Thaler mehr, als ich gehabt habe, und wenn mich Gott nicht zu aller Arbeit unfähig werden läßt, so habe ich genug, und auch noch für Acrmcre, als ich bin, übrig. Dieser Vorschlag wurde nicht angenommen, so wenig als derjenige, in welchem er einige verdiente Männer nannte, denen cr das Ucbrige wünschte. Er erhielt die ihm bestimmte Belohnung, welche ihm die angenehme Verpflichtung auflegte, der akademischen Jugend besonders durch seine Gesellschaft und seine Unterhaltungen mit ihr angenehm und nützlich zu werden. Als nach dem Tode des Königs Augusts, Friedrich Christian die Regierung antrat, ein Fürst, von dessen großen und einnehmenden Eigenschaften Sachsen die Wiederherstellung seiner vormaligen Glückseligkeit sich mit so vielem Rechte versprach, weil er mehr als der Herr, weil er der Vater, Vater, der Wohlthäter und der Tröster seines sö viele Jahre nach einander unglücklichen Volkes werden wollte, so richtete er eine seiner ersten Sorgen auf die Wissenschaften, deren Flor in seinem Lande dasselbe zu allen Zeiten von andern deutschen Ländern unterschieden hat. Er suchte den Glanz, den sie noch immkd hatten, durch die Belohnungen zu vermehren, welche er Gelehrten von vorzüglichen Talenten und Verdiensten bestimmte« Dieser liebenswürdige Fürst gab von diesen Gesinnungen in einer nur abzukürzen Regierung mehr Beweise, als viele Könige, welche sich gern den Trojanen und Antonincn an die Seite gesetzt sähen , in dem längsten Leben gegeben haben. Er bemerkte auch Gellerts Werth und Verdienst zu einer Zeit, wo seine väterlichen Sorgen, die tiefen Wunden der allgemeinen Wohlfahrt zu heilen, so eifrig waren, als wettn sie seine einzigen Sorgen gewesen wären. Er ehrte ihn nicbt allein durch die stärksten Versicherungen seiner gnädigen Achtung , sondern auch durch ein ansehnliches Geschenk, um seinen Unterthanen und zugleich der Welt zu bezeugen, was Talente, Gcschicklichkeit, Rechtschaffcnhcit und gemeinnützige Unverdrossen- heit für ihre Bcmühungest, die Wissenschaften und die Tugend zu befördern, von seinem gütigen Herzen zu erwarten hätten. Ein so väterlich gesinnter Fürst war eines langen Lebens so würdig, als die allgemeinen Thränen der Sachsen, womit sein früher Verlust beweinet wurde. Gellert trauerte mit wit ihnen, und beklagte sich bey feinem Tode zum erstenmale, daß ihn dir Lebhaftigkeit verlassen hätte , welche ein Dichter zur Verewigung eines so guten Fürsten haben muß. Sein Sohn und Nachfolger in der Chur hatte die Gesinnungen seines Vaters gegen ihn. Die Churfürstinn, eine eifrige Gönnerinn der Wissenschaften, wußte feine Verdienste nach ihrem Werthe zu schätzen. Die Prinzen Albrecht und Clemens und die Prinzessinn Christin« versicherten ihn in ihren Unterredungen einer Achtung und Gnade, weiche der Güte ihres Herzens eben so viel Ehre machen, als ihrem Geiste und Geschmacke. So sehr er in feinem Va- tcrlandc geachtet und geliebt wurde, so viel Liebe fand er auch außer demselben. Aus dem Reiche, aus Liefland, aus Dänncmark, aus Ungarn erhielt er noch immer von unbckunntcn Freunden, die entweder seine Schüler gewesen waren, oder ihn seiner Schriften wegen hochschätzten, ansehnliche Geschenke. Der Herr von Noch au, auf Reckha», den er im Kriege kennen gelernt hatte, unterhielt nicht allein einen beständigen Briefwechsel mit ihm, sondern gab ihm auch jährlich, aller seiner Weigerung ungeachtet, Beweise einer Freygebigkeit, welche Wohlthäter aus einem noch hohem Stande unvergeßlich machen könnten. In diesen Umständen hätte Gellest, dessen Wünsche allezeit mäßig und bescheiden waren, sehr zufrieden und glücklich seyn können, wenn es nur der der Verschling gefallen hätte, ihm seine körperlichen Leiden zn erleichtern. Allein diese Leiden liest sen ihn in eben den Jahren, worinnen er alles zu haben schie'n, was ein so bescheidner Gelehrter von den Wohlthaten des Lebens erwarten oder begeh, reu möchte, zu keiner anhaltenden Freudigkeit kommen. Er wünschte eine höhere und cdlere Glückseligkeit und empfand unter der Finsterniß, welche seine Seele überschattete, nur zu sehr, wie leer alles Irdische ist, wenn das Herz diejenige Heiterkeit nicht empfinden kann, welche einen höhcrn Ursprung, als das Glück des Lebens hat. Sein körperliches Uebel machte ihn schwermüthig, und in dieser Traurigkeit fürchtete fein gottseliges Herz, daß die Ursache derselben nicht bloß in den Leiden seines Körpers liegen möchte. Er verlangte nachdem Glücke der Zufriedenheit, welche aus einem starken und anhaltenden Gefühle der Religion und » der von ihr den M-nschen versicherten Wohltha, 8 tcn entspringt. Je stärker aber dieses Verlangen ! war, desto weniger getraute er sich, zu glauben, k daß zum ruhigen und völligen Genusse dieses Glückes auch eine gewisse Art von Gesundheit, die ihm fehlte, erfordert würde. Zwar pries er schon seit langer Zeit am Schlüsse eines jeden Jahres unter > den Wohlthaten Gottes gegen ihn auch dieses als eine der vornehmsten, daß er durch seine Kraft vor vorschlichen Unordnungen des Herzens und des Lebens bewahrt worden war. Gleichwohl schien ihm auch dieß zur völligen Beruhigung seiner selbst GeU.Schr.X.TH. I über 1Z0 über seinen geistlichen Zustand nicht genug zu seyn, weil er seinem Gebete, seinen Uebungen der Gottseligkeit/ seinen Gedanken au die Ewigkeit/ seinem Glauben und seinem Bestreben nach der innern Un- sträflichkeit seiner Seele mehr Eifer und Starke wünschte / als er bey seiner Kränklichkeit haben konnte. Er zum wenigsten erlaubte sich ein solches Urtheil niemals/ sondern hielt eine gewisse Dürre/ Trägheit und Unfähigkeit des Herzens zu bloß geistlichen Empfindungen mehr für Unvoll- kommenhcitcn seiner Seele/ als für Wirkungen seines körperlichen Leidens/ oder er befürchtete vielmehr / daß ein gelinderes Urtheil von der moralischen Beschaffenheit dieses Mangels von Lebhaftigkeit in seinen Empfindungen ihn zu einer Nachsicht gegen sich selbst verleiten möchte, welche seinen Bestrebungen nach einer größer,, Vollkommenheit darinnen nachthcilig werden könnte. Darum hielt er es für Pflicht, sich in einer beständigen Mißbilligung der Unvollkommenhcit, die er an sich selbst zu bemerken glaubte, zu erhalten. Diese Bemühung aber, die ein beständiges und oft schmerzhaftes Gefühl seiner Kränklichkeit begleitete , konnte die Schwermut!) seiner Seele eher vergrößern als vermindern. Seine Unruhen über die Mäugcl, welche er an sich wahrzunehmen glaubte, vermehrten sich mit seiner Aufmerksamkeit auf seine Gedanken; und so gar auf alle auch un- willkührllchcn Bewegungen seines Herzens. Er sah in der Vcrgleichung derselben mit den Forderungen rungcn der Religion , wehe auf diese, als auf feine leibliche Schwachheit, und blieb deswegen immer mit sich selbst unzufrieden. Er hatte zwar, wenn sein Körper weniger litt, beirre Stunden und in diesen auch stärkere und äugen-, hmcre Empfindungen der Frömmigkeit. Seine Frcuitte bezeugen, dasi, wenn er auch die Last stin-r Leiden noch so sehr empfand, dennoch Gesicht und Summe sich gleich veränderten, stark und heiter wurden, so bald man das Gespräch auf Wahrheit, Religion, Tugend und Frömmigkeit lenkte. Dennoch wagte er sich nicht, solche Veränderungen als ein günstiges Vornrtheil für seine moralische Rccht- schaffcnhcit anzusehen, wenn ihm in seinen dunk- lcrn Stunden Zweifel darüber einfielen. Diese Härte wider sich selbst war vielleicht übertrieben; sie war aber wegen der Quelle, woraus sie entsprang, ehrwürdig. Da er indeß bey dieser Strenge seine Hoffnung, immer besser zu werden, nicht auf seine Stärke, sondern auf die göttliche Gnade gründete, so sicherte ihn dieselbe vor der Gefahr, sich für vollkomnmer zu halten, als er sonst wohl hätte glauben können. Sie bewahrte ihn auch vor der Traurigkeit, die aus einer zu nachtheiligen Meynung von sich entspringen, und seine Schwermüthigkeit vermehren konnte. Sein Eifer in der Beschäfftigung mit dem, was dem Menschen allezeit das wichtigste seyn sollte, wurde dadurch gestärkt, und er ward um so viel vorsichtiger bey allem, was er sich zu denken, zu reden rzr und zu thun vornahm. Die heilige Schrift war, was sie einem jeden seyn sollte, sein liebstes Buch. Was er in diesem göttlichen Buche, was er in andern geistlichen Schriften las, das betrachtete er alles mit einer sorgfältigen Anwendung auf sich selbst und suchte dadurch seine Gesinnungen und Neigungen vollkommen zu machen. Ob er gleich sein Gebet nicht mit derjenigen Heiterkeit verrichten konnte, welche er sich wünschte, so unterließ er dasselbe doch niemals darum, daß er dazu nicht Freudigkeit genug bey sich wahrnahm. Als er auch bemerkte, daß sein Geist nicht Stärke genug hätte, seine Gedanken damit so lange zu unterhalten, als cr gern gewollt hätte: So machte er sichs zur Re, gcl, öfter zu beten, wodurch seine Fertigkeit zu diesem der christlichen Recht chaffenhcit so heilsamen Geschäfte eine neue Stärke erhielt. Alle diese Bemühungen siegten freylich nicht über alle Bekümmernisse, zu dem ein beständiger Anlaß und Reiz in seiner Hypochondrie war; sie vermehrten aber doch die Kraft seiner Seele zur unverdrossensten Ausübung seiner Pflichten. Vielleicht haben wenig Menschen mehr traurige Tage gelebt, als er; gleichwohl wurden alle diese traurigen Tage nützlich angewendet, und gewiß werden sich wenig Menschen rühmen dürfen, ihre fröhlichern Tage nützlicher ge. braucht zu haben. Geliert wurde also ein neues Beyspiel, daß anhaltende Leiden, mit einer frommen Gelassenheit und Ctandhaftigkcit erduldet, immer wohlthätig thätig sind, wenn sie auch den Genuß der Glückseligkeit verzögern, welche einer wahren Frömmigkeit bestimmt ist. Sie läutern die menschliche Tugend, damit sie ein lehrreiches Beyspiel für diejenigen seyn könne, die mit ähnlichen Nebeln zu kämpfen haben. Eine Seele, welche bey der Er- duldung derselben immer auf Gott und auf feine gütigen Absichten dabey sieht, lriumphirt endlich über die Schmerzen ihrer Empfindung, und wird ruhig, wenn sie auch nicht mit Beständigkeit freudig seyn kann. Dieses erfuhr auch Geliert, der ungeachtet seiner sich immer gleichen Kränklichkeit in den fünf letzten Jahren feines Lebens zu einer Stille des Herzens kam, die nahe an die Glückseligkeit und Freude grenzt, nach welcher er so lange geschmachtet hatte. Diese Veränderung zeiget sich, ob er gleich selbst mcht darauf geachtet zu haben scheint, in feinen Tagebüchern sehr deutlich; denn sie werden kürzer, als die vorhergehenden find, weil sie weniger Klagen über die Unruhen und Beängstigungen feiner Seele enthalten, als die vorhergehenden, ob es gleich nicht an häufigen Bemerkungen seiner leiblichen Leiden fehlt. Er beklagt sich zwar darinnen fast bis an das Ende feines Lebens über seinen schwachen Glau. bcn, überfeinen Unmuth, über die Dunkelheit feines Geistes, über die Trstorbenheit feines Herzens zu freudigen Empfindungen. Allein er macht sich nicht mehr, oder doch viel seltner solche schwcrmüthige Vorwürfe, als er sich vordem so I; vttt 134 oft gemacht hatte. In den darinnen geäußerten Gesinnungen herrschet immer eine gleiche Demuth des Herzens. Gott erhält für das Gute, das er thut, allein die Ehre, und er selbst thut sich nie. mals genug. Allein er eignet sich ben der Empfindung seiner Schwachheit die Verheißungen der göttlichen Gnade mit mehr Zuversicht zu; er betrachtet seine Bekümmernisse, als Leiden, die er mit Geduld tragen soll; er sagt sich selbst zum Troste, daß sein Glaube wohl schwach, aber doch aufrichtig sey, und ermuntert sich dadurch zum Kampfe wider alle aufsteigende Furcht, weil Gott auch einen schwachen Glauben annehme, und mehr auf die Redlichkeit als auf die Größe desselben sehe. Ucbcrdieß bemerkt er ausdrücklich bey sich mehr frohe Empfindungen der Gnade Gottes und seiner Wohlthaten, als sonst, und fodert sich auf, getrosten Muths zu seyn, wenn er nicht immer merkliche Gefühle des Friedens mit Gott und der Freude des Glaubens habe, weil sein Erlöser ein treuer und mitleidiger Hohcrpricster sey, welcher das Verwundete heilen und das Schwache warten wolle. Besonders wurde» die fcycrlichen Tage, an welchen er an dem Gcdächtnißmale der Erlösung Theil nahm, viel heitrer und erfreulicher für sein Herz. Ich preise sagt er selbst, *) die Barmherzigkeit Gottes, die heute groß an mir gewesen ist. So schwach auch meine Vorbereitung zu dieser ') Lageb. v. 176;. ser ehrwürdigen Handlung gewesen ist , und ob ich gleich wünsche, daß mein Her; bey derselben em- psinklicher gewesen wäre, so habe ich doch keine Zerstreuungen oder Zweifel und keine Gedanken er« duldet, die mich beunruhiget hätten; ich habe mit Ernst beten, und die Predigt mit Aufmerksamkeit hören können, und ich tröste mich bey allem meinem geistlichen und leiblichen Elende des Wortes seiner Gnade, und bin gewiß, daß ich die Vergebung aller meiner Sünden, Gnade bey Gott durch Jesum Christum und seines Geistes Kraft zur Stärkung meines Glaubens und zur Reinigung von aller Untugend und die Hoffnung des ewigen Lebens habe. Diese angenehme Veränderung war keiner Verminderung seiner körperlichen Leiden, welche immer dieselben blieben, zuzuschreiben. Das geheime Uebel, welches ihn täglich verfolgte, wich keinen Arzeneyen. Seine Freunde riethen ihm, den Gebrauch des Carlsbades noch einmal zu versuchen , weil doch seine Gesundheit dadurch nicht verschlimmert worden war, und die Bewegung sowohl , als die Zerstreuung für zuträglich gehalten wurde. Geliert folgte 176; dem freundschaftlichen Rathe seiner Aerzte. Die Brunneneur war ihm auch diesmal nicht nachtheilig, ob er sich gleich keiner sehr wohlthätigen Wirkungen derselben rühmen konnte. Der Aufenthalt selbst im Bade hatte viele Annehmlichkeiten für ihn. Er genoß das Vergnügen, Personen von dem erhabensten Range I 4 kennen rz6 kennen zu lernen, denen es eben so angenehm war, mit einem Manne bekannt zu werden, für dessen Schriften sie schon lange eine vorzügliche Hochach, tung hatten. Die Nachricht, die er selbst davon an eine seiner vertrauten Freundinnen gegeben hat, ist besonders wegen der Schilderungen, die er darinnen von den Charakteren seiner neuen Bekanntschaften macht, so unterhaltend, daß mauzn viel verlieren würde, wenn man ihn nicht selbst reden hörte. »Freuen Sie sich, schreibt er, freuen Sie sich mit mir, liebste Freundinn! Ich bin nach sieben Wochen glücklich aus dem Carlsbade an dem Orte, den ich mit Kummer verließ, ruhiger obgleich nicht gesünder, angelangt. Genug, ich habe eine Pflicht erfüllt, die ich, nach dem Ausspruche der Aerzte, meiner Gesundheit schuldig war, und also mein Gewissen befriedigt; und das ist Glück genug. Gefällt es Gott, den Gebrauch dieser Cur, oder andrer Mittel, zu meiner Erleichterung zu segnen; so ist es unendliche Wohlthat. Gefallt es ihm nicht, mich von meinem Uebel ganz, oder wenigstens zum Theile, zu bcfrcycn: so wird er mir Kraft geben, es gelassen zu tragen und zu meinem Besten es anzuwenden; und auch dieses ist unendliche Wohlthat, wenn gleich nicht die erfreulichste für das menschliche Herz, das lieber frey vom Elende wäre. Aber unser Herz versteht es nicht, oder ist zu begehrlich. — — Eine der ersten Vergnügungen, die bey meiner Ankunft auf mich wartete, war Ihr lieber Brief, für den ich Ihnen, Ihnen, meine Freundinn, herzlichst danke. In, ich weis es sicher, daß Idee Wunsche und Gebete fü meine Wohlfahrt mich überall begleitet ha. den; und dieß verstärket meine Wicht, Sie ;» lieben, mich über Ihr Glück, das Sie vor Andern genießen, zu erfreuen und Ihnen Beweise meiner Freundschaft und Dankbarkeit Zeitlebens zu geben. Ader, werden Sie sagen, könnten Sie mir nicht gleich einen neuen Beweis Ihrer Gewogenheit und Dankbarkeit, oder, wie Sie es nennen wollen, dadurch geben, daß Sie mir eine umständliche Erzählung von Ihren Schicksalen im Carlsbade machten? — Eine umständliche Erzählung? Das wird schwer halten. Und was würden Sie merkwürdiges wissen, wenn ich Ihnen sagte, daß ich täglich früh um fünf Uhr an die O.ueUe gegangen wäre; acht, zehn, auch fünfzehn ZZecher warmes Wasser im Freyen getrunken; bald mit diesem, bald mit jenem, am meisten aber mit nur selbst geredet hatte; nach dem Verlaufe von an- dcrthalbcr Stunde mit meinem Reitknechte fva, zieren geritten wäre, ein Morgcnlicd gesungen, und fleißig nach der Uhr gesehen hätte, ob die Plage des Reitens bald überstanden wäre; daß mich da der General Laudon mit feinem Schimmel, den er in der Schlacht bc» Hochkirchen geritten, zuweilen begleitet hätte; daß ich nachher zu Hause eine Viertelstunde in einem von meinen zwey Bü, ehern gelesen, alsdann Chocoladc getrunken, mich kraftlos angekleidet, darauf der öffentlichen Pro- I 5 mcnadc izF menade geliähert, und denen mich Preis gegeben, die aus Langerweile, oder aus Sympathie der Krankheit, oder aus Neubcgierdc, oder auch aus Liebe mich anfielen. Was würden Sie also wissen, meine liebe Correfvondentinn, wenn ich Ihnen alles dieses erzählte? Und gleichwohl würden Sie nicht viel merkwürdigeres in meinem Journale des Carlsbades lesen; denn der Nachmittag, (das Trinken des Brmmens ausgenommen,) war immer wie der Vormittag, beschwerlicher Müßiggang, Unterredung von gute» und bösen Wirkungen des Bades, Compliment und Gegencompli- ment, Lobsprüchc, die ich nicht verdiente, Fragen, die ich nicht beantworten mochte, Einladungen zur Tafel, die ich abschlagen mußte, Reiten, wobey ich bald erfrieren, bald wieder vor Hitze schmachten mußte. Die Nacht, (welche Wohlthat!) war noch der beste Theil meines Tages und Lebens in dem mir traurigen Carlsbadc, in welchen, ich schon vor zehcn Jahren viel tausend Thränen auf den höchsten Bergen, von allen Menschen ungesehen, vcrweinct habe. Aber Ihre neuen Bekanntschaften könnten Sie mir doch wohl erzählen? — Erzählen wohl, gute Madcmoifcll, aber nicht genau schildern. Denn zu Schilderungen gehöret eine aufmerksame Beobachtung ; und Sie wissen wohl, daß bey Brunnen- euren scharfes Denken verboten ist. Eine meiner ersten und liebsten Bekanntschaften war der Mann den ich schon genannt habe, der General Laudon, ein ein Mann von einem besondern Charakter; crnst- ' Host, bescheiden, halb traurig, fast wie ich; der wenig redte, fast wie ich, aber richtig und wahr ' redte, nichts von seinen Thaten, wenig vom Kriege sprach, der aufmerksam zuhörte und in seinem ganzen Betragen, in seiner Art sich zu kleiden eben die gefällige Einfalt und Anständigkeit zeigte, die > in seinen Reden herrschte. Er ist nicht groß von Person, aber wohl gewachsen; hager, aber weniger als ich; und hat nachsinnende, tief im Kopfe eingeschloßne lichtgraue Augen, oder auch wohl bläuliche, fast wie ich. Er wurde nur nach und nach. vertraulich gegen mich, und vielleicht war meine traurige Miene schuld daran. O, sagte er einmal zu mir, als er mich in der Allee fand: Ich käme oft gern zu Ihnen; aber ich fürchte mich, ich weis nicht, ob Sie mich haben wollen. Ein andermal fieng er an: Sagen Sie mir nur Herr- Professor, wie es möglich ist, daß Sie so viel Bücher haben schreiben können, und so viel Muntres und Scherzhaftes? Ich kanns gar nicht begreifen, wenn ich Sie so ansehe. — Das will ich Ihnen wohl sagen, antwortete ich, aber jagen Sie mir erst, Herr General, wie es möglich ist, daß Sie die Schlacht bey — — die Schlacht bey Rumiersdorf haben gewinnen und Schweidniy in einer Nacht einnehmen können? Ich kannS garnicht begreifen, wenn ich Sie so ansehe. — Damals habe ich ihn das erstemal lachen sehen, sonst lächelte er nur. Er hatte sich genau nach meinem nein Geschmacke erkundigt. Er bat mich nicht cher zu Tische, als wenn er allein war; ließ meistens weiche Speisen zubereiten; ließ meinen cig. neu Wein kommen; ließ mich vom Herzen herausreden , und redte selbst so; ließ mich bald nach der Tafel gehe»; kurz, er nahm meinen Willen fast ganz an. Ich habe aus seinem Munde nichts als Gutes gehört, und immer gemcrkct, daß er religiös war. Ich mußte ihm eine kleine Bibliothek aufsetzen; denn das war seine Klage, daß er nicht studirt hätte. Aber in der That ersetzte sein natürlich scharfer Verstand und feine große Aufmerksamkeit aufs alles, bey ihm den Mangel der Wissenschaften. Ueber dieses liest er auch gern. Was geb ich Ihnen denn, fieng er einmal an, das Ihnen lieb ist; ich möchte es wohl gern wissen. — Herr General, und wenn Sie mir die ganze Welt geben, das ist mir in meinen jetzigen Umständen gleichgültig. Sein Neveu, der unter dem Laudonischen Regiment Lieutenant ist, bat mich, ich möchte seinen Onkel bewegen, daß er ihn ein Jahr in Leipzig stndircn ließ. Er möchte gern noch stndircn. Gern, sagte der General, wofern Sie sich ihm wollen lassen empfohlen seyn. Wenn er im Vertrauen mit mir reden wollte: so führte er mich von der Gesellschaft in eine entfernte leere Allee; und niemand störte uns alsdann. — Unser Abschied war sehr kurz. — Was ich Ihnen itzt gesagt habe, sprach er, das behalten Sie auf Ihrem Gewissen — — Leben Sie Sie wohl, ich werde an Sie schreiben. — — Leben Sie auch wohl, liebster Herr General, Gott beschütze Sie und segne Ihr Leben. Wen ich noch mehr habe kennen lernen? den Grafen tt---, einen einsichtsvollen, erfahrnen und bey hohen Jahren noch sehr belebten Mann, der mir viel Ehre erwiesen und mich durch nichts beleidiget hat, als daß er schwer hörte, und ich sehr schreyen mußte, wenn er mit mir sprach. Der Graf TH -, sein Schwiegersohn, ein jun. ger gutherziger und ganz für mich eingenommener Mann. Er cröfnctc die Bekanntschaft mit mir durch ein Compliment, das er mir von dem Herrn von S - - - aus Wien brachte; den andern Tag fragte ich ihn, wie der Hcrr von S -. - hätte wis sen können, daß ich ins Bad kommen würde? Ack> sagte er: Ich wollte geschwind mit Ihnen bekannt werden, und da lief ich auf Sie zu und sagte Ihnen das, um einen Anlaß zu einem Gespräche mit Ihnen zu haben. — Niemand hat mich so oft besucht als dieser Graf Th -, niemand mir täglich so viele Gefälligkeiten erwiesen und andre so sehr für mich eingenommen, als er. Ich werde es, sagte er, immer Rag'sermn sagen, daß ich Ihre Bekanntschaft gemacht habe, und ich werde dabey gewinnen. Er bat mich, daß ich ihm meine Schriften aus Leipzig schicken sollte. Aber, wozu Hcrr Graf? Sie haben sie ja alle, oder kön neu sie doch, wie Sie mir selbst gesagt haben, alle in wim bekommen. Das ist wahr, Herr Professor : 14 » fcssor; aber ich will sie von Ihnen haben, damit ich sie von Ihnen habe; und damit ich Ihnen dan, kcn und an Sie schreiben kann. Als er von mir Abschied in meinem Hanse nahm, fieng es heftig an zu regnen. Nun, sprach er, das ist mir sehr lieb, daß es regnet: so kann ich doch mit Ehren noch einige Augenblicke langer bleiben. Er war munter, wahr und von einem sehr guten Herzen. Wenn ich nur in Leipzig studirt hätte! Das war sein Wunsch. Er hatte gehört, daß ich Chocolade und keinen Caffce trinken sollte; und sogleich kam er in mein Haus, und brachte mir zwey Pfund von seiner Wiener Chocolade. Seine Gemahlinn war eine angenehme Frau; und die Mutter war es eben so sehr. Der General Z -ein ehrlicher, alter, frommer Soldat, mit dem ich gern sprach. Wegen Schwache und Wunden des Kopfes nahm er seinen Hut auch bey der Tafel nicht ab. Ich riech ihm, seine Stelle niederzulegen und bloß für seinen Tod zu leben. Es gefiel mir außerordentlich, daß er seine Tochter, ein Fräulein von etlichen zwanzig Jahren , so sehr liebte, daß sie fast ganz seine Gesellschaft war. Gieng er: so gieng sie mit ihm; fuhr er: so saß sie bey ihm. Der Herr von Z aus Schlesien, der kränkste und doch gelassenste Mann im ganzen Bade. Sech ganzer Leib war Gicht: und sein Gesicht, so bald ihn die Schmerzen einige Augenblicke verlies, sen, »43 sen, war dennsch fromme Zufriedenheit. Er kam vierzig Meilen und darüber, in der Sänfte vön seinen Unterthanen getragen, mit geschwollenen Füßen an, trank den Brunnen und schwoll bis in den Unterleib. Er aß seit vielen Monaten kein Fleisch; zuletzt keinen Bissen Brodt mehr; und Suppe und Wasser und Hofmanntscher Balsam war seine Nahrung. Ich besuchte ihn oft und zuletzt wohl des Tages zwey und dreymal, schenkte ihm ein bequemes Buch zu seiner Andacht, dafür er mich sehr segnete, und war einer von denen, die ihm nach zwölf oder vierzehn Tagen den. Rückweg anriechen. Wäre es nach dem Rathe des Bademcdici gegangen: so hätte er bleiben und forttrinkcn müssen, ob er gleich keine Nacht schlief, große Schmerzen, insonderheit in der Brust litt, und ohne drey und mehr Bedienten nicht aufrecht erhalten werden konnte. Er war bis in die letzten Jahre des Kriegs gesund gewesen, und das Schrecken über die Rroaten mochte ihm wohl in seinem drey und sechzigsten Jahre zur Gicht geworden seyn. Was geben Sie mir denn für ein Trostwort mit auf den Weg? sagte er bey seinem Abschiede zu mir. Denken Sie oft, kranker und theuerster Mann, sprach ich, an die Worte: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir! Weiche nicht, ich bin dein Gott! Ich stärke dich, ich helfe dir, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gcrcch, tigkeit. Er faltete seine zitternden Hände und sah gcn Himmel und weinte bitterlich. Bis Ztt- ?au 144 k»u hat ihn seine Sänsrc glücklich gebracht; weiter geht.meine Nachricht von ihm nicht. Und weiter sollen auch meine Nachrichten in diesem Briefe überhaupt nicht gehen, als bis aus diese» Kranken. Sehr viele, die ich da gesprochen, (gütiger Gott! wie verdiene ich Unwürdiger dos!) haben mir, wo sie mich sahen, Gutes über Gutes gewünscht und mir für meine Schriften, insonderheit für meine Lieder, oft und viel gedan. kct. So leicht ist es, die Liebe der Mcnschcn zu «-langen, wenn man kein unnützlichcr Autor zu seyn , sich bemühet hat, und in dieser Absicht nicht unglücklich gcwcscn ist! Leben Sie wohl, liebste Freundinn, und grüs- scn Sie Ihre theuersten Acttcrn, Ihre gute Schwester, Ihren Bruder und Hcrr Z--, dem ich bald schreiben will, auf das verbindlichste und beste. Leipzig, den 2; August 176z.« Gelierte Gesundheit war zwar durch den Gebrauch des Brunnens 1764 nicht besser geworden ; sie hatte aber auch nicht gelitten. Weil uun sein Körper noch Kräfte genug zu haben schien, die Wirkungen desselben auszuhalten, so urtheilten die Aerzte, daß der wiederholte Gebrauch nützlich werden könnte, da sein Uebel seinen Sitz vornehmlich im Unterlcibc zu haben schien. Er ließ sich also zu einer neuen Reise ins Carlsbad überreden ; allein auch dicse Reise war für seine Gesund, heil vergeblich, wiewohl dieselbe gleich der vorigen gen ihrer Annehmlichkeiten hatte, indem er theils die Bekanntschaften des vorigen Jahres erneuerte, theils auch einige neue wackre, die ihm nicht anders als angenehm seyn konnten. „Endlich, schreibt er an die Freundinn , der er seine vorjährige Reise beschrieben hatte, bin ich, Gott sey Dank, auch das zwcytcmal, und, wie ich hoffe, und wünsche, das lctztcmal aus dem Carlsbade, ohne Gefahr und Unglück, wieder zurück gekommen. Diese Nachricht ertheile ich Ihnen ebcr, als meinen übrigen Freunden, weil ich weis, daß Sie dieselbe mit Verlangen erwarten, sich darüber freuen, und Gott mit mir für diefe Wohlthat preisen werden. Die Geschichte dieses wiederholten Gebrauchs des Carlsbadcs, ist beynahe die Geschichte des vorigen Jahres. Ich habe den Brunnen vier und dreyßig Tage getrunken, ohne kränker oder gesünder zu seyn, als ich außer dem Carlsbade war. Ich bin, ohne Ausnahme, der Erste bey dem Brunnen, der Erste zu Pferde, und der Erste in der Allee gewesen, den gute und böse Menschen gesucht, betrachtet, ausgefragt, und bald mit Mitleiden beehret, bald mit Lobsprüchett beschau ct, auch wohl gemartert haben. Ich habe welc Bekanntschaften des vorigen Jahres wieder angetroffen, als , den fEmeu U - - - und seine Gemahlinn, die mir nickt allein viel Ehre, sondern ein besondres Vertrauen erzeigten, (die letzte beschenkte mich bey dem Abichicte mit einem Buche von der unlängst verstorbenen Erzherzoginn GeUGchr.X.Eh. K Isabeüe, 146 Jsabclle, worein sie ihren Namen schrieb,) ferner den General Z - der mich bey dem ersten Anblicke brüderlich umarmte, und mir sagte, daß er in seinem fünf und sechzigsten Jahre ein Bräutigam wäre. Den General Laudon fand ich nicht; aber dafür den preußischen General S--, einen belesenen und gewissenhaften Soldaten, den ich vor etlichen Jahren in Leipzig kennenlernte, und der mir schon damals bey einem vertrauten Gespräche gestund, die größten Glückseligkeiten fei, nes Lebens, für die er Gott nie genug danken könnte, wären folgende gewesen: ein frommer Vater, dessen Beyspiel ihn früh gerührt; ein .rechtschaffener Hofmeister, der ihn ein Jahr lang sorgfältig unterwiesen, und gegen die Religion empfindlich gemacht; und endlich eine Gemahlinn, die ihn durch Liebe und Klugheit von vielen Fehlern abgezogen, auf sich selbst aufmerksamer, und täglich weiser und zufriedner gemacht hätte, und an deren Verlust er nie ohne Thränen und phne Angst seiner ganzen Seele denken könnte. Ich, ricth ihm damals zu einer zweyten Heyrath, und er präsentirte mich im Carlsbade seiner zweyten Gemahlen mit diesen Worten: Dieses ist der Freund, der mich ermuntert hat, mein Glück in der Ehe noch einmal zu suchen, und dem ich in ihrem Beyseyn sagen muß, daß ichs gefunden habe. Eigentlich hat er die Schwester seiner verstorbenen Frau zur zweyten Gemahlinn gewünschct. Aber diese stirbt »»vermuthet, und empfiehlt ihm seine -47 seine itzige Gemahlinn, mit der er nach seinem Wunsche und Verdienste lebt. V rmuthlieb in Rücksicht auf das verbindliche Compliment, welches mir ihr Gemahl gemacht, da er mich ihr vorgcstel- lct, war sie darauf gefallen, mich durch eine Gefälligkeit zu überraschen. Sie hatte, ich weis nicht wie, erfahren, daß ich ein Liebhaber von Blumen wäre, und schickte mir den Tag nachher ein sehr schönes Blumcubouquct. Ich freute mich nicht wenig darüber; aber meine Freude war nur kurz. Ich erhielt es des Morgens, als ich noch am Brunnen war. Die anwesenden Damen sammelten sich um mein Bouquct, wie die Bienen, und zn meinem nicht geringen Vcrdrusse sah ich mich genöthigt, es unter sie zu vertheilen. Kaum war ich im Carlsbade angekommen, als die Fräulein Sch -» - nebst der Mademoiscll P - - - mich auf meinem Zimmer bcwillkommte. Dieses war nach drey verdrießlichen und schweren Tagen der Reise der erste frohe Augenblick- Sie können leicht vermuthen, liebste Mademoiscll, daß ich mich zu der Gräfinn am meisten gehalten, und da die Fräulein wegen ihrer Unpäßlichkeiten beständig zu Hause speiste, am öftersten und liebsten bey ihr gespeiset habe. An der Gräfinn und ihrer Tochter habe ich, wenn ichs auch sonst nicht gewußt hätte, mit Augen gesehen, daß wahre Verdienste , wenn sie mit Bcschcidtahcit erscheinen, an allen Orten und bey allen Arten von Menschen Beyfall, Liebe und Ehrerbietung erhalten. Auch K 2 die 148 die Personen, die sonst aus Nationalstolz Fremde nicht gern bemerken mögen, und an unsrer Tugend zweifeln, weil wir uns nicht zu ihrer Religion bekennen, haben bey der Gräfinn und ihrer Tochter eine Ausnahme gemache. Die Gräfinn V - das habe ich mehr als einmal aus böhmischem und österreichischem Munde gehört, ist eine Frau, die alle Welt hochachten muß. Ihre Tochter durfte sich nur zeigen; so gefiel sie durch ihren gclaßncn und leutseligen Charakter. Die Comtessen U - - - und T - - - liefen ihr auf allen Schritten nach, und begleiteten sie früh um sieben Uhr, nebst mir, den größten Theil der Stadt hindurch in ihrem Rciscwagen, und sahen ihr so la», ge mit nassen Augen nach, daß ich mich der Thränen kaum enthalten konnte. — Auch die Frau von Z - - und die Frau Präsidentinn L - - -, die das gute Herz bald zu Freundinnen machte, gefielen überall. Doch ich soll Sie wohl mit meinen neuen Bekanntschaften unterhalten? Gut, meine beste Cor- rcspoudcnlinn, hier sind einige. Der Graf H - --, einer von den wienerischen Großen, nebst seiner Gemahlinn. Die Gräfinn V - - - hatte mir beide vorzüglich gelobt, und ich fand an beiden, was sie mir gesagt hatte; zwo merkwürdige und schätzbare Personen. Da er die Wissenschaften liebte, und kränklich war, fand er sich bald zu mir, und machte mir seine Bekanntschaft sogleich leicht und angenehm. Er unterschied sich durch sein Gesicht eben eben so sehr von andern Menschen, als durch sein gutes und gewissenhaftes Herz. Eine sehr hohe Stirne voll Ernst und Verstand; große blaue Augen, die gleichsam aus ihren Ufern zu treten schienen , und vor der Stirne herum flössen; eine aus- scrordcntlich große Habichtsnase; dieses war das Sonderbare seines länglicht hagern Gesichts, und doch gefiel dieses sonderbare Gesicht, so bald man es einigemal gesehen hatte, .veil es Verstand und Redlichkeit versprach. Er hatte, wie seine Gemahlinn, die meisten europäischen Länder gesehen, und schien nur das Gute von fremden Nationen an sich genommen zu haben. Ich, sagte er unter andern zu mir, als wir von den Sitten der Höfe redten, gehe selten nach Hofe, und suche keine andre Ehre, als die genaue und gewissenhafte Beobachtung meines Amtes; aber so oft ich nach Hofe komme, habe ich das Vergnügen, daß mich die Herrschaft öfter kommen heißt, und die Günstlinge mich freundlich empfangen, weil sie wissen, daß ich nicht zu meinem Vortheile und auch nicht zu ihrem Schaden komme. Seine Gemahlinn hatte viel Verstand, ohne daß sie damit zu schimmern suchte; viel Lebensart, ohne daß man im Umgänge sich von ihr beschämt fühlte; viel große Welt, aber gute große Welt, so daß sie sich mit Verstand herabließ, und mit einer natürlichen Gutheit und Heiterkeit einnahm. Sie war schon in dem Herbste ihres Lebens, und noch immer ihres Mannes Freude und Leben, und er, dem Al- K; tev ter nahe, was ihr eben das. Ich kann es mit Wahrheit sagen, daß ich in der großen Welt kaum ein zärtlicheres, ein mit Anstaube zärtlicheres Ehepaar gesehen habe. Sie folgte ihm, der viel und gern gicng, über die höchsten Berge zu ganzen Stunden, ohne alle andre Gesellschaft. Sie begleitete ihn auf einer Wiese, wo sie keine Zuschauer hatte, zu Pferde. Sie bcfrcyte ihn, so bald sie merkte, daß ihm das Spiel zur Last ward, vom Spiele, und nahm seine Last auf sich. Sie soll stets, wie mir die Gräfinn V - - - gesagt, einen sehr kostbaren Schmuck getragen haben. Ich kann Sie versichern, und Sie werden mir leicht glauben, daß ich das nicht wahrgenommen; aber das Portrait ihres Mannes, das sie auf einem Arme trug, und das bis zum Erstaunen ähnlich war; dieses fiel mir an einer Dame, die schon sechszchn bis zwanzig Jahr vermahlet war, oft in die Augen. Schen Sie, sagte der Graf H - - - einst zu mir, als er seine Dofe öffnete, (er schnupfte beständig,) das ist meine Tochter von sechs Jahren, mein einziger Wunsch und meine einzige Sorge auf Erten. Das gute Kind hat die Pocken noch N'cht gehabt. — — Niemand hielt sich so sehr zur Gräfinn V - - - als die Gräfinn H --, und niemand war der Gräsinn V -- lieber, als ihre G äfinn H -- -. Kaum waren sie fort, so kam ein Bedienter, und brachte mir im Namen des Grafen H - -» sechs Bouteillcn To- ckaycr Wein. Ich eedte mit diesem Menschen, und und konnte mich nicht enthalten, ihm meine Verwunderung über die Liebe und Beredtsamkeit zu erkennen zu geben, mit der er von seiner Herrschaft sprach. „O, sagte er, so sind mir im Hausse alle, so viel cS unsrer giebt, gesinnt, und wer „nicht so ist; den dulden wir nicht. Es sind Leu- „tc zu zwanzig Jahren bey dem Grafen, die noch „kein ungütigcs Wort gehört haben. Wir werden wie die Kinder gehalten, und müssen wohl „gut seyn. Wir dienen auch alle mit Freuden und „sehen und wissen nichts als Gutes und Ordnung „im Hause. —"So machen gute Herrschaften gute Bediente. Die Gräfinn T - - auch aus Wien. Sie hatte nicht den einnehmenden Geist der Gräfinn H nicht ihr edel gebildetes Gesicht, nickt ihre angenehmen und alles überredenden Manieren; nein, sie hatte mehr eine traurige, aber doch leutselige Miene, versprach nach ihrem Gesichte nichts, als Gutherzigkeit, und hatte doch, wenn man mit ihr redte, eben so viel Verstand, als Bescheidenheit; keinen Originalverstand, aber einen Verstand, der durch das Lesen guter Schriften urd durch Achtsamkeit, Erfahrung und Anwendung gebildet, und durch ein gutes Herz inspirirct war. Sie blieb länger im Carlsbade, als die Gräfinn H - - -, und daher wurden unsre Gespräche auch vertraulicher und bestimmter. Gnädige Frau, sagte ich einmal zu ihr, als wir lange von der Erziehung der Kinder geredet hatten: nach dem, K 4 was was ich von Ihnen iyt gehöret, wünschte ich wohl, daß Ihre Rayscrinn Ihnen eine von Ihren Prinzessinnen zur Erziehung anvertrauen mochte. »Sie irren sich aus guter Mcy- „nunq von mir, vmctztc sie. Ich habe es er, «fahren, daß es ganz etwas anders ist, gut von «der Erstehung urtheilen, und sie selbst bey den «tausendfachen Hindernissen, die sie zumal bey „Hofe findet, gut und glücklich besorgen. Ich „habe dieses Amt sechs Monate gcführct, und, „unzufrieden mit mir, und krank am Gemüthe „und Leibe, wieder aufgegeben. Aus großem „Eifer, alles auszurichten, richtete ich sehr wenig „aus. Mein größter Fehler war, daß ich mich „nicht verbergen, nicht meine Zufri deichest noch „meinen Unwillen zur rechten Zeit verdecken konn- „te. Auch wenn ich schwieg, verkündigte doch „mein Gesicht wider meinen Willen die Meynung „meines Herzens; und so gab ich denen, die ich „regieren sollte, die Anleitung, sich meiner zu be- „mächkigen. Es ist schwer, seine eignen Kinder „zu ziehen; aber unendlich schwerer ist die fremde „Erziehung, wenn man keine Naturgnbcn dazu „besitzet, und sich nur auf Eifer und Regeln des „Verstandes verläßt. Ich kenne nur Eine Frau, „die alle Gaben, Kinder fremder Eltern zu bilden, besitzet, und das ist die Beaumont. Mci- „ne Tochter, fuhr sie fort, die Sie kennen, ist „mehr durch mein Beyspiel, weil ich sie nie von „meiner Hand gelassen, als durch meinen Unterricht, „richt, mehr durch meinen Umgang und durch ihre »große Liebe zu mir, mehr durch den göttlichen Se- „gcn, um den ich täglich gebetet, als durch meine „Weisheit und Klugheit gebildet worden." In der That war die Tochter, die schon erwachsen war, ein gutes gesittetes Kind, die viel ähnliches mit der Fräulein S - - hatte. Die Comtcßinn H - - aus Schlesien, kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen. Sie war eine Canonißin, und war ihrem Bruder, dem Fürsten , zu Gefallen ins Carlsbad gegangen, eine verständige, ernsthafte und belesene Dame, die sehr gütig von mir dachte. Sie war weder die H - noch die T - und doch war sie eine der besten Personen im ganzen Bade, von der Gräfinn V - - und von allen hochgeachtet. Ich habe ihr meine Schriften versprechen müssen, weil sie ins Reich, in ihr Stift geht. Ihr Bruder war auch ein würdiger aber kränklicher Herr, voll Bescheidenheit und guter Kenntnisse. Hier fällt mir der Prinz von Z - - - ein, von dem ich Ihnen, wenn Sie mir es nicht als eine Eitelkeit auslegen wollen, sagen will, was er mir Angenehmes gesagt hat. Er gicng durch Carlsbad und speifete Mittags bey der Gräfinn U - - -. Er hatte von mir gehört und wollte mich gern sprechen. Die Gräfinn U - - - weis nicht, wie sie es anfangen soll, weil ich ihre Tafel auf immer wegen meiner Kränklichkeit verbeten^ hatte. Sie schickt also zur Gräfinn W - - und läßt sie bitten, mich zu übcr- K ; reden, l54 reden, daß ich die Gräfinn U-- -- nach der Tafel besuchen möchte; sie hätte etwas mit mir zu rcdcn, das keinen Verzug litte. Ich gicng also hin, und fand den Prinzen von Z - - Herr Professor , ficng er an, mein jüngster Sohn, Ihr großer Freund, würde mirs nicht vergeben , wenn er hörte, daß Sie im Carlsbade gewesen wären und ich Sie nicht gesprochen hätte. Wenn er des Tages über fleißig und folgsam gewesen ist, so darf er zur Belohnung eine Stunde in Ihren Schriften lesen. Er wird sich sehr freuen, wenn Sie ihn grüßen und Ihrer Freundschaft versichern lasse,,. _ Darum bitte ich Ihre Durchlaucht ehrerbietigst und zugleich, daß Sie dem Prinzen versichern wollen, wie ich noch weit bessere Belohnungen für seinen Fleiß wüßte, als meine Schriften. — Er sagte mir darauf viel Schmeichelhaftes, das ich ohne roth zu werden, ziemlich stillschweigend anhörte. Bey dem Abschiede dankte ich ihm noch für den Schutz, den er meinem Vaterlands geleistet hätte. — Er ist, Halter, nicht sonderlich gewesen, Herr Professor, sondern nur gut gemeynt. Ich hätte wohl mehr thun mögen, auch sollen. Dieß sind denn ungefähr die kleinen Anekdoten meines abermaligen Aufenthalts im Carlsbade. Sie sind sehr unvollkommen und trocken; aber Sie werden es auch an der Schrift sehen, liebe Freundinn, daß sie mit kranker Hand aufgesetzet sind, und nur für Sie. Den zweyten die, scs 155 scs Monats sind wir aus dem Carlsbade gegangen. Heule ist der fünfte, und ich habe seit dieser Zeit auf der Reife, und hier in 8onau, wo ich dieses schreibe, mehr erduldet und verloren, als die ganzen fünf Wochen im Bade. So demüthiget mich Gott, damit der Bcvfall der Menschen mein Herz nicht mit Stolz und Vertrauen zu mir aufblähe, und damit ich, wenn andre nichts als Gutes an mir bemerken, ich desto mehr mich an meine Fehler und Gebrechen erinnern möge, die sie nicht wissen, noch wissen können. Der Beyfall der Menschen, ist wie der Reichthum, eine wichtige Wohlthat, dafür wir Gott danken sollen; aber wie leicht überlassen wir ihm unser Herz! — Ich will den Brief mit etlichen Anmerkungen beschließen. Ich habe dicßmal mehr merkwürdige und gute Frauenzimmer, als Mannspersonen , im Bade kennen lernen. — Viele Mcn, sehen mögen im Bade besser zum Umgänge seyn, als außer dem Bade, und sich, ohne daß sie es wissen, in etwas verwandeln, das sie nicht sind. Die sich von ihren Geschäften, oder von den Sorgen des Hauses los gerissen haben, fühlen ihre Freyheit, und werden biegsamer, gefälliger. Die Stolzen, weil sie ohne Herablassung keinen Um, gang hätten, werden bescheidener. Die Meisten, weil der Auftritt in dieser llüchtigcn Welt nur drey oder vier Wochen währet, thun sich Gewalt an, um ihre Rolle mit Beyfall zu spielen, und leben wie gute Menschen. Viele schränken ihre Leiden izö dcnschaftcn ein, weil es die Cur befiehlt, und die Furcht der Krankheit, die immer am kräftigsten überredet. Die Kränklichen verbergen ihr ängstliches und verdrießliches Wesen, um die Gesunden nicht von sich hinweg zu seufzen. — Und so macht das Bad auf einige Wochen gesellige, nachgebende, bescheidene, gesprächige, mitleidige, freundschaftliche Mensche», und läßt unter Hunderten kaum etliche schlechte Seelen übrig. Ich habe also immer nach dem Leben außer und vordem Bade gesorschct. — Noch ein Wort von dem Pr. L - -. Ich habe diesen Mann, den ich herzlich liebe und ehre, wenig genießen können. Ich bin ein cinzigmal mit ihm ausgelitten, u^d nur zweymal, da ich doch alle Tage kommen konnte, habe ich mit ihn, gegessen. Zu Hause war er immer mit Aufwartungen umgeben, und in der Allee war ich nicht mein. Ich habe dabey nicht wenig verlohrcn. Ihnen ists bekannt, was für ein verdienstvoller Mann er ist; und auch an seiner Frau habe ich eine ungcmein schätzbare Frau gefunden. In ihrem Charakter herrscht Unschuld und Freundschaft, so wie in den» Charakter ihrer Schwester, der Seh - - -, Munterkeit und Bcredtsamkcit. Der Madame R - und ihrem Manne und dem kleinen Legakionsrath L - - - (alles Eine Gesellschaft) bin ich auch sehr gut gewesen. Mit Sch - - und L - - - habe ich noch in Meißen studirt. — 24 15 ? ! Ich muß Ihnen doch noch ein kleines Unglück erzählen, das mir im Carlsbade begegnet ist, mich sehr beunruhiget hat und Zeitlebens mich beunruhigen wird. Ich litt bald Anfangs durch das brennende Wasser, das man zu ganzen Stunden trinkt, an meinen ohnehin kranken Zähnen. Endlich kam es so weit, daß ich (lieber hätte ich alle meine Bücher verloren, die mir doch gewiß -acht gleichgültig sind,) den zum Sprechen nothwendigsten obern Vördcrzahn einbüßte, dessen beide Nachbarn schon lange verloren gegangen waren. Ich glaube, ich mag über diesen Verlust wohl gcwcinct haben. Das grausamste war, daß mir der Doctor anmuthcte, selbst Hand an den Zahn zu legen; aber ich konnte es nicht so weit bringen, bis endlich der Doctor mein Peiniger ward. Seyn Sie ruhig, sagte er, es ist ein geschickter Zahnarzt aus Prag hier, der Zähne glücklich einsetzet, und Sie sind wegen Ihres Amtes verbunden, seine Hülfe zu gebrauchen.. Ich schickte traurig nach ihm. Er versprach mir alles, und kam den andern Morgen, marterte mich mit Instrumenten, die der Scharfrichter nicht ärger hat, mit Feilen und Lanzetten, und zwang mir eine Reihe von drey Zähnen mörderisch ein. Ich duldete alles, gieng unter vielen Schmerzen zur Gräfinn V - - zu Tische, und konnte mit den neuen Zähnen weder reden, noch essen, noch schlafen. Nachmittags ließ ich meinen Zahnarzt wieder rufen, bat ihn, daß er mich von meiner Mar. ler 158 ter befrcycn, und mir kein Wort weiter von künstlichen Zähnen sagen sollte. Hier haben Sie die drey Dukaten für Ihre Mühe / — und/ Sauer/ nehme er diese Zähne zu steh / bis ich sie ihm wieder abfordern werde. Also hatte ich einen unentbehrlichen Zahn, und drey Dukaten und einen ganzen Tag verloren, Vormittags, (der Doctor und Zahnarzt hatten alles ausgebreitet) Glück- wünschnngcn und gegen Abend Condolenzcn angenommen. Indem ich über diesen meinen Verlust noch niedergeschlagen am Fenster stand, sahe ich einen alten ehrwürdigen Juden, einen Mann, den der Schlag vor vielen Jahren gerührt, und der vierzig Meilen hinter Warschau hcrbcygckom- mcn war, von seiner Frau und zwey Kindern geleitet, vorbey schleichen, und dachte: Bist du nicht viel glücklicher, als dieser Mann? Du kannst noch gehen und reden; das kann er nicht. Sey nicht undankbar! Eben zu der Stunde, da wir im Carlsbade ankamen, begrub man unter einem großen Gewitter den Grafen Esterhast, einen Badegast und ehemaligen Gesandten an unserm Hofe, der krank aus Wien abgereiset war; seine Genesung sicher im Carlsbade erwartet, noch den Abend, da er angekommen, sechs Becher Brudel begierig getrunken , darauf wohl geschlafen, den andern Tag wieder getrunken, und den dritten sein Leben gccndi- gct hatte. Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen; mit diesem Gedanken weihte ich meine meine Stube ein. — Aber nun auch kein Wort mehr vom Carlsbade; kein Wort mehr/ als: Gott sey Dank und Preis! Und Sie, liebe Mademoisell; es sind scbon acht Wochen, daß ich keine Nachrichten von Ihnen habe. Sie haben doch binnen dieser Zeit mit Ihrem ganzen Hause gesund und zufrieden gelebt? Doch hoffe ich, und erwarte, es bald von Ihnen zu hören. Die Gräfinn V - - und der Pr. L - - beyde versuchten mich mit dem Antrage, mit ihnen nach Dresden zu reisen. Aber ich war nicht gesund genug; einer solchen Versuchung nachzugeben, und beschloß, lieber meinen fclsichtcn Weg, über Annaberg und Chemnitz nach B--, und Leipzig zu nehmen. — Ich dächte, Mademoisell, Sie besuchten die Frau Gcheimdckammerrälhinn, W und überbrächten ihr und ihrem Gemahle in meinem Namen die herzlichsten Versicherungen meiner Hochachtung und Freundschaft. Endlich bitte ich eben dieses gegen Ihren Herrn Vater, Ihre Frau Mutter, Ihre Demoisell Schwester, Ihren Herrn Bruder, auch Herrn Z-- und seine Frau Liebste zu thun. Und nun leben Sie wohl. B - den 7 und 8 August 1764. Noch eine kleine Begebenheit, damit der Bogen voll wird. Als ich in den ersten Tagen einmal früh bey dem Ncubrunncn vorbey ritt, kam ein Herr auf mich zugelaufen und hielt mein Pferd sehr freundlich an. »Vergeben Sie mir eine un. »bescheid- ibs „bescheidne Frage, Herr Professor, ich bin der „Baron St - - aus Sch-lesicn; Ihre Schecke kömmt „mir so bekannt vor, und ich möchte wohl gern „wissen, ob Sie das Pferd schon lange hätten?" rvie länge ichs habe Herr Baron, das kann ich Ihnen nicht so genau sag>n, — schon übers Jahr. — vielleicht wollen Sie lieber wissen, wo ichs her habe? Aus dem Stalle des Prinzen Heinrichs von Preußen. — „O nun weis ich alles. Sein Gcneraladiutant ,-Ralkreuter hat es von mir für den Prinzen gc- ,-kauft. Er hat es immer auf dem Marsche gelitten. O wie freut michs, daß die Schecke in „Ihren Händen ist! Ich habe Sie, Herr Professor, so lieb, und es ist ein sehr gutes Pferd, das „ich selbst zugeritten habe. Nun, das ist ein uner- „wartctcs Vergnügen für mich."-Ich dankte ihm herzlich, und bat, daß er ja sein erstes Recht auf das Pferd nicht erneuern möchte. Geliert, der gern that, was er nicht allein selbst für Pflicht hielt, sondern auch Andre für feine Pflicht erklärten, hatte diese Reife mehr aus Gehorsam gethan, als in der Hoffnung, einige Linderung feiner Leiden zu erhalten. Er versprach sich keine Befreiung davon, als durch den Tod, den er sonst gefürchtet hatte, an den er aber mit immer mehr Neigung denken lernte. Er glaubte z» empfinden, daß sich feine Kräfte täglich wehr verlören. Selbst die Arbeiten, deren er feit so so vielen Fähren gewohnt war, kostete ihm eine besondere Anstrengung, weil er sincr immer fort- dauernden Bese!;wcnmgcn wegen mit keinem freyen Nnd heitern Geiste zu seinen Geschafften kommen konnte. Um nun mit den ihm noch übrigen Kräften zum gemeinen Besten so sparsam umzugehen, als ihm möglich war, schränkte er sich auf den Umfang von Kenntnissen ein, die er scbon seit vcr- schiednen Jahren in seiner Sphäre erlangt hatte, suchte sie aber seinen Zuhörern so nützlich zu machen, als nur von einem so treuen nnd gewissenhaften Lehrer erwartet werden konnte. Sein Beyfall verminderte sich gar nicht: denn sein Unterricht, theils in den schönen Wissenschaften, theils in der Sittcnlehre blieb nicht allein immer so lehrreich und unterhaltend, als er allezeit gc, Wesen war, sondern erhielt auch selbst durch sein kränkliches Ansehen, und die sanfte Mattigkeit seiner Augen und seiner Stimme etwas sehr Rührendes. Ohne ein Greis zu seyn, hatte er das Väterliche und Ehrwürdige eines Greises, dem feint jüngere Nachwelt mit Ehrfurcht und Lust zuhört^ weil selbst sein Ernst lauter Freundlichkeit und Güte ist. Die Lehren aus seinem Munde hatten die Anmuth eines stillen Sommcrabcnds kurz vor. dem Untergänge der Sonne, mit deren Enlfen, mnig die von ihr verschönerte Natur nicht ih're Schönheit, aber die Lebhaftigkeit und den Man; des Tages verliert. Sein Vaterland weis, mit welch einem Bcysaüc und Eindruck er in den letz- GeU. Scbr. X. Th> L tei, iör tcn Jahren seines Lebens mit andern öffentlichen Lehrern in Leipzig vor dem Churfürsten, vor seinem hohen Hause und seinem Hofe verschiedene öffentliche Vorlesungen 176; bis 1769 gehalten hat. Die Thränen, welche sie seinen Zuhörern ablockten, bezeugten, wie sehr nicht allein der Inn- halt und der sanfte Reiz seines Aüsdruckcs, sondern auch der persönliche Werth des Mannes, der sie hielt, rührten. Der Churfürst und die Chur- fürsiinn, seine Frau Mutter, versicherten ihn ihrer Achtung mit den stärksten Ausdrücken sind mit besondern Gnadcnbezcugungcn. Er hatte 1767 so sehr gefallen, daß der Churfürst eine Abschrift seiner moralischen Vorlesungen für die akademische Jugck'.d verlangte', um sich, wie er ihm sagen ließ, aus denselben zu belehren, welches einem Herzen, chic das Scinigc war, erfreulich seyn mußte, so sehr auch sein Gefühl für alle bloß irdischen Freuden geschwächt war. Seine 1768 immer mehr erlöschenden Kräfte erregten einmal den Gedanken bey ihm, ob er nicht alle akademischen Arbeiten aufgeben, und sich auf dem Lande bey einigen Freunden bloß mit der Vorbereitung zu seinem Ende bcschäfftigcn sollte. Allein er verwarf diesen Gedanken, weil er die Wicht noch stärker fühlte, den Studircndcn mit seinen Lehren, mit fernem Rathe Und mit seinem Beyspiele so lange zt! dienen, als ihn seine Kräfte nicht ganz verließen , und dieß war auch gewiß die schönste Vorbereitung zu seinem Ende, das ihm immer näycr ^ kam. i6z kam. So eifrig er das wahre Beste derselben wünschte, und suchte, so betrübt war er, w.un er sie auf Abwege gerathen sah , vor denen er sie mit allem Ernste und zugleich mit aller Zärtlichkeit eines Freundes und eines Vaters warnte. Die Studirendcn empfanden es auch und Hatten eine außerordentliche Ehrerbietung und Liebe gegm ihn. Einen sehr merklichen Beweis davon erfuhr er besonders ch68, ungefähr ein Jahr vor seinem Tode, als sich auf einmal ein eben so ungewöhnlicher als unglücklicher Geist der Unruhe der in Leipzig studirendcn Jugend bemächtigte. Geliert, Voll BckümMerNiß darüber, daß darüber eine Universität'vcrunchrct werden sollte, die seit mehr als einem halben Jahrhunderte den Rubin einer gesitteten und wohlanständigen Aufführung ibrcr Stu- dircndcn behauptete, ermähnte sie aus eigner Bewegung beym Schlüsse einer seiner moralischen Vorlesungen in einer so zärtlichen als ernsthaften Anrede zu einem friedlichen Und sittsamen Verhalten. Sie hatte auch bey seinen Zuhörern, deren Anzahl, besonders in seinen morali'cücn Vorlesungen, sich oft über einige hundert bclicf, die Wirkung, daß einer den andern, aus L ebe zu ihrem Lehrer, zu besänftigen suchte. Obgl ich dadurch die Ruhe nur auf einige Tage hergestellt wurde, so bewies doch auch dieses schon das Amchcn, worinne er bey ibncn stand, kleinerer Züge ihrer Hochachtung auch unter den bald wieder erneuerten Unruhen nicht zu gedenken. Er wiederholte L » also r64 ülso, selbst von der akademischen Obrigkeit dcW veranlaßt, seine Ermahnungen in einer andern An, rede/ zu deren Ausarbeitung cr weder Zeit, noch Gesundheit und Heiterkeit hatte, die aber bey aller ihrer Kürze auf einen jeden Jüngling, der Gefühl hatte, Eindruck machen mußte. »Der Fremde und der Einheimische, meine Herren, der Hohe und der Niedere hat unsrer Akademie seit Jahrhunderten den Ruhm der Wohl- anständigkeit und der guten Sitten ertheilet. Las. sen Sie uns wachen, ich bitte Sie, diese Ehre nicht durch Ausgelassenheit zu verlieren, sondern durch Stille und Eingczogenheit täglich mehr zu bchau» ptcn. Wie nöthig ist diese Erinnerung, diese Bitt tc in unsern Tagen geworden! Und von wem wollten Sie eben diese Erinnerung, eben diese Bitte williger anhören, als von mir, von dem Sie wohl wissen, wie sehr ich Ihre Ehre, Ihr Vergnügen und Ihr Glück suche und liebe? Von mir, den Sie gewiß wieder lieben und achten? So hören Sie mich denn an, Theuerste Commilitoncn ! Doch ich bins nicht allein, der redet; nein, im Namen und auf Befehl meiner Obrigkeit, die zugleich die Ihrige ist, der ichs, als ein Lehrer zu gehorchen, für meine Ehre halte, wenn eS auch Lernende nicht für ihre Ehre halten wollten; im Namen dieser unsrer Obrigkeit soll ich Ihnen öffentlich sagen doch nicht Euch, Edelmüthige, Lchrbcgierige Jung, linge — sondern jenen wenigen Unruhigen, Leichtsinnigen soll ich öffentlich sagen, was sie wohl nie mögen mögen erwogen haben; — daß es in einer wohl- eingerichtctcn Republik ein Verbrechen sey/ seine wahren oder vermcynten Vorzüge/ Rechte und Freyheiten aus eigner Macht / ohne den Arm der Obrigkeit/ mit angemaßter Gewalt zu behaupten: denen soll ich sagen/ was sie wohl nie mögen erwogen haben: — daß nächtliche Auflaufe und Tumulte anzurichten/ eine sichtbare Umstürzung der Gesetze/ die äußerste Störung der öffentlichen Ruhe/ die höchste Beleidigung eines ganzen ehrwürdigen Pnblici sey: denen soll ich sagen / was sie wohl nie mögen erwogen haben: — daß nächtliche Auflaufe und Tumulte anzurichten / der nächste Weg/ auch wider unsern Willen/ zum Verbrechen des Mordes sey — schrecklicher Gedanke: denen soll ich endlich sagen, was sie wohl nicht müssen erwogen haben: — daß der, welcher seiner Obrigkeit und ihren Anordnungen widerstrebet, der Ordnung Gottes widerstrebe. Und wer bist du, Iüng- jig, der du mit kaltem Blute und geflissentlich diy Ordnung Gottes widerstreben kannst? Wie? meine geliebten akademischen Mitbürger, in der stillen Stunde der Nacht, wo schon manch frommes Herz zu seinem Gott betet und ihn dankbar preiset; wo mancher elende Kranke auf seinem Lager nach Ruhe und Trost jammert: in dieser Stunde der Nacht durch Geschrey, und Tumult, und tödtlichc Gewaltthätigkeit das fromme Gebet des Christen unterbrechen, den Iam- L; mex r66 mer des Kranken vermehren, den Fleiß des für uns noch arbeitsamen Gelehrten, für unsre Bequemlichkeit noch arbeitsamen Künstlers und Handwerkers, hindern? —- Und diesen Verfall der Sitten sollte unsre Akademie, deren Ehre die Sittsamkcit war, gelassen ansehen? O so wollte ich selbst eilen und mich zu den Füßen meines Fürsten werfen, der Zucht und Ehrbarkeit und Weisheit liebt, und durch sein Beyspiel lehret, und wollte ihn nicht um eine Gnade, die er mir zu bitten befohlen hat, sondern um seine Ungnade und Strenge gegen die Unruhigen und Ungesitteten, um die Wicdcrh.rst.'llung unsrer guten Sitten anflehn; oder ihn um die Gnade anflehn, daß «r mir erlauben mochte, meine letzten kranken Tage an einem ruhigern Orte, als in dem mir sonst so liebenswürdigen, so stillen Leipzig zu beschließen, wo ich die guten Sitten nicht mehr mit Erfolg lehren könnte; Ach! Mitbürger, Freunde, Söhne dieser Akademie und theurer, würdiger Acltcrn, in deren Namen ich S>e zugleich anrede, nein, nicht also, liebe Jünglinge; nicht also! sondern was ehrbar, was gerecht, was züchtig, was gesittet, was liebreich, was wohl lautet; ist etwan eine Tugend, ist etwan ein Lob, dem denket nach! Das ist deine Ehre, studtrender Jüngling, deine wahre Ehre vor Gott und den Menschen; und du wolltest sie lieber in dem betrügerischen Urtheile einiger deiner leichtsinnigen Commilitynen suchen , die weder sich, sich, noch dich, noch die Ehre kennen; die dich in wenig Jahren gar nicht mehr kennen? und nicht vielmehr in dem Beyfalle und der Liebe verstau, diger Männer, deiner Gönner, Freunde und Lehrer, der Beförderer deines künftigen Glücks? Würdest du nicht errathen,, das, was du, verborgen in der Dunkelheit der Nacht, stürmisch zu erlangen fachest, am hellen Tage, im Angestellte der Stadt, eben fo kühn zu suchen? O, meine Brüder, wo ist für Studircnde mehr wahre Ehre, mehr Ruhe, mehr unschuldiges Vergnügen , mehr Freyheit und Nutzbarkeit von je her gcwcfcn, als auf unsrer Akademie? Haben wir nicht Schauspiele, Concerte, Gärten, Spazicr- gängc, Landhäuser, öffentliche Cabinetter, Büchersäle , Unterstützungen durch Stipendien und Frcy- tifche ? Haben nur nicht Künste und Wissenschaften aller Arten zu unserm Dienste und zum Vergnügen? Haben wir nicht eine gelinde akademi, sehe Obrigkcjt — einen für unsre Ruhe sorgenden Stadtmagistrat — einen gütigen und väterlich gesinnten Gouverneur? Und wir wollten nicht unsre Ehre und Dankbarkeit darinne fetzen, unter ihnen ein geruhiges und stilles Leben zu führen, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit? Das sey ferne von uns. In dieser Hoffnung verlasse ich diese Stelle, die ich lieber nie wieder betreten möchte, wenn meine Hoffnung, meine väterliche Bitte unerfüllt bleiben sollte." L 4 Man Lbz Man weis, daß diese Ermahnung das Ihrige zur Herstellung der öffentlichen Ruhe beygetragen hat. Indessen wurde seine Gesundheit immer schwächer, und er konnte bis an seinen Tod nie wieder zu dem Grade von Erholung kommen, die er doch in den vorigen Jahren bisweilen gesichtet hatte. Man empfand deswegen fast durchgängig eine zärtliche Bekümmcrniß. Der Churfürst selbst nahm Theil daran, und seine Sorge dafür war so aufmerksam, daß er ihm aus feinem Ställe, damit es seinem kranken Körper nicht an einer ihm bequemen und heilsamen Bewegung fehlen möchte, ein sichres, und in seinem Gange ru, higes und sanftes Pferd nach Leipzig führen ließ. Man kann nicht dankbarer seyn, als Geliert für dieses Merkmal der vorzüglichsten Achtung und Gnade feines Fürsten war. Er machte auch einigen Freunden von diesem Churfürstlichcn Gc, schenke, von der Ncugierigkcit, mit welcher Pferd, Zügel und Sattel betrachtet wurde, von den dadurch veranlaßten Gesprächen und Gerüchten davon eine Beschreibung, worinncn man eine gc, wisse angenehme Munt rkcit bemerkte, die man nicht mehr von ihm gnvohnt war. Doch sein Körper war durch beständige Leiden schon so entkräftet, daß er auch die leichteste und sanfteste Bewegung nicht mehr ertragen konnte. Diese Ent- kräftung' hinderte ihn, da 1768 eine neue Ausgabe seiner Werke veranstaltet wurde, ihnen die Verbesserungen zu geben, die er gern darinnen gemacht r6y macht hätte. Ich würde, sagt er in der Vorrede , da dcr Mangel der Gesundheit mir Verbesserungen verbietet, einen guten Theil meiner Schriften lieber ganz zurück genommen haben, wenn mir dieses Recht darüber zustünde. Ich muß sie also dem Publico so überlassen, wie es sie zeithcr mit seinem Bcyfallc ausg nommcn hat, und Hof- fen, daß sowohl seine Mangel überhaupt, als auch einige jugendliche Sl.lUn meiner ersten Aufsätze, wenn das klebrige nützlich ist, leicht seine Nachsteht erhalten werden. Nur in den Lustspielen, die bey der Vorstellung am ersten unglückliche Wirkungen auf das Herz thun können, habe ich einige Veränderungen vorgenommen, und kein Autor kann in Absteht auf die Ehre dcr guten Sitten und des Geschmacks zu vorsichtig und strenge seyn. Er eignete diese Ausgabe 1769 dem Churfürsten zu, und die Zueignung wurde sehr gnädig aufgenommen. Wie liebreich, schreibt er in seinem Tagcbuchc, nahm mich dieser theure Fürst, dcr allein war, nicht auf! Welch eine gütige Antwort gab er mir nicht auf meine Anrede, ,n dcr ich ihm sagte, daß ich ihm nicht sowohl meine Dankbarkeit hätte zu erkennen geben wollen , die ich durch keine Worte ausdrücken könnte, sondern daß ich mehr das Publicum hätte erinnern wollen, wie viel ich meinem Fürsten schuldig wäre, und was die Sachsen für einen großmüthigen Regenten verehrten. O, sprach er, dafüy danke ich ihnen; das wird mir viel Ansehen ge- L; benz den; ihr Name ist überall bekannt. Da ich gicng, sagte er: Werden sie mir nicht diese Messe wieder eine moralische Vorlesung halten? Diese hielt ich auch bald darauf über die Selbstbeherrschung; vielleicht, Gott sey Preis! nicht ohne Nutzen. Ich darf es kaum sagen, wie liebreich mir der Fürst und seine Gemahlinn dankten. Also hat mich Gott diese Messe glücklich überstehen nnd überall Gnade nnd Liebe finden lassen. Bald darauf that er eine Reise über Meißen nach Oberem und endlich nach Haynichen. Ich habe, sagt er, völlig von meiner Vaterstadt Abschied genommen. Gott segne sie und die Minigen, nnd erbarme sich meincrl Nach seiner Zurückkunft 1769 entschloß er sich, die letzte Hand an seine Vorlesungen über die Moral zu legen. Es waren öftere und dringende Forderungen an ihn gethan worden, daß er sie aus Licht stellen möchte. Auch hatten ihm verschiedene Freunde dazu gerathen. Er trug Bedenken, ihrem Rathe Gehör zu geben. Selbst der Beyfall, mit dem sie angehört worden waren, konnte seine Zweifel nicht ganz überwinden, ob sie auch Werth genug hätten, der Nachwelt überliefert zu werden, besorgt und nut Grunde besorgt, daß man im Lesen mehr fodere, als im Hö. ren. Zwar konnte ihm selbst, bey aller seiner Bescheidenheit, der Nutzen, den sie auf der Akademie schafften, nicht verborgen bleiben. Dieser Mr zu sichtbar, und um so viel größer, da sein bekann- bekannter ungefärbter Eifer für Gottesfurcht und Tugend seinem mündlichen Vortrage keinen geringen Nachdruck gab. Eines so gewisser,, Vortheils wollte er sich nicht gern gegen den ungewisser,, Nutzen begebender etwa pon dem Drucke seiner Moral zu erwarten stünde. Indeß gewann er doch aus den günstigen, Urtheile» seiner Freunde melMZuversicht zu diesem Werke, und sie bewogen ihn endlich, nicht lange vor seinem Tode, zum Entschlüsse, seine Moral, so viel in seinem Vermögen war, durch eine sorgfältigere Durchsicht in den Stand zu setzen, daß sie nach seinem Tode den, Drucke überlassen werden könnte. Sein Tod verhinderte die Ausführung seines Vorsatzes, und er überließ die Ausgabe seines Werkes seinen Freunden, einen, Schlegel und einem Heyer, denen sie die Wclt zu danken hat. Wie bescheiden er selbst davon urtheilte, ist aus seinem Aufsätze bekannt, den er zum Vorbericht vor seine Moral bestimmt harte. Sie sollte sich, wie die Vorrede seiner würdigen Freunde bemerkt, dem Verstände nicht von der Seite zeigen, pon der sie seine Kräfte zu schärfen und seine Wißbegierde zu befriedigen, am sichersten ist. Man sollte darinnen kein neues bequemeres Lehrgebäude, keine neuen Entdeckungen in dieser Wissenschaft, keine Beantwortung spitzsindiger Zweifel, keine glücklich ausgebuchten Hypothesen, keine Auslösungen problcnrq- tischcr Fragen, keine strenge Demonstrationen suche» ; si? sollte sich vornehmlich dem Herzen empfehle» pfchlen. Ihr vorzüglichstes Verdienst sollte in der Wahl des Brauchbaren, in der steten Rücksicht des Verfassers auf die christliche Religion, und in der Methode bestehen. Gleichwohl haben einige sie nicht aus diesem Gesichtspunkte betrachten mögen. Um nur zu tadeln, (denn was Männer von gewissen Verdiensten thun, muß allezeit getadelt werden;) haben sie bemerken wollen, daß sie nicht tief genug wäre. Allein obgleich Geliert diese Tiefe nie zur Absicht gehabt hatte, so fodcrt doch die Gerechtigkeit, die man diesem vortrefflichen Werke schuldig ist , die Anmerkung, daß es Gelehrte gckbt, denen auch wohl ein seichtes Wasser, weil es trübe ist, tief, und hingegen ein Strom bey aller seiner Tiefe seicht zu seyn scheint, weil das Wasser desselben so klar ist, daß auch sie bis auf den Grund sehen können. Geliert erlebte die Ausgabe eines seiner schätzbarsten Werke nicht. Seine Kräfte waren erschöpft. Er wurde schon lange mit schmerzlichen Verstopfungen beschwert; immer mußte die Kunst der Schwachheit seines Körpers zu Hülfe kommen; aber diese Hülfe vermehrt, je nöthiger sie wird, die Schwachheit durch die augenblickliche Stärke, welche sie der entkräfteten Natur mittheilt. Im Anfange des Decembers 1769 äußerte sich eine völlige Unfähigkeit zu den gewöhnlichen Absonde, rungcn mit den schlimmen Folgen, welche sie zu hsgleitcn pflegen. Heyne und Hebmstrett, beide seine feine eiftigen Freunde, beyde erfahrne Aerzte eilen zu ihm; versäume» nichts, was die Kunst vermag, den geliebten Kranken zu retten. Ludwig, ihr verdienstvoller Lehrer, der, auß^r seinen tiefen Einsichten in alle Theile ihrer Wissenschaft, selbst feiner Jahre wegen, eine noch ausgcbrcitctcre Erfahrung hatte, vereinigt feine Bemühungen mit den Ihrigen, Mittel zu entdecken und anzuwenden, welche der erstochenen Natur ihres Freundes ein neues Leben mittheilen könnten. Die Stadt und die Akademie zittern vor dem Verluste, mit dem sie bedroht werden. Allein die Zeit feiner Belohnung war gekommen, und Gellen, welcher gleich alle Hoffnung des Lebens aufgegeben hatte, freute sich vielleicht zum erstenmale mit einer Freude, die von keiner Traurigkeit umwölkt wurde. Er hatte in seinem Leben oft an den Tod gedacht; aber, nach seinem eignen Geständnisse gegen seine Freunde, gemeiniglich mit Furcht und nicht ohne Sorgen, daß es ihm schwer werden möchte, die Schrecken desselben zu überwinden. Allein je dcmüthiger der wahre Christ von sich denkt, desto weniger vermuthet er die verborgne Stärke, die er in der Religion hat. Seine Furcht war vielleicht bloß ein körperlicher Schauer gewesen, und seine Seele hatte nur die Zeit erwartet, wo allein der Christ den Tod mit einer wahren Unerschrockenheit und Freudigkeit betrachten kann. Er schien nun durch sein eben so zuversichtliches als dcmüthigcs Vertrauen auf die ewige Erbarmung Gottes durch Ehrt. ,^4 Christum über sich selbst erhaben Zu seyn. Die Schwcrmuth, diese beständige Gefährtinn seines Lebens, durfte ihm Nicht bis zum Eintritte in die Ewigkeit folgen. Er hatte keine Bekümmernisse mehr, lind dach dachte er von seiner eignen UN- vollkoinmcnhtit und Unwürdigkcit vor Gott noch immer eben so, als er allezeit davon gedacht hatte» Seine Seele sah auf die Herrlichkeit, der sie entgegen eiltet Damit tröstete er auch seine Freunde , welche vüll Betrübniß Waben, daß die Kunst der Aerzte ihre Wünsche für die Verlängerung seines Lebens nicht begünstigen konnte. Vier Tage vor seinem Todt hielt er mit der Würdigen Frau seines Bruders, des Obcrpostcom- imssarius, die durch ihren edlen Charakter sich seine ganze Hochachtung erworben hatte, die ihn auch in seiner Krankheit init der treuestm lind schwesterlichsten Sorgfalt pflegte, nnd mit D» Hennen, seinem ältesten Freunde in Leipzig, in dessen Redlichkeit er stets ein großes Vertrauen setzte, eine besondere Unterredung über die Herausgabe seiner Noch übrigen Schriften, die er seinen abwesenden Freunden, Schlegeln nnd Heuern, auftrug, und zugleich über vcrschitdne Verfügungen in Familienangelegenheiten« Sein Bruder selbst war von seiner Krankheit zu sehr bewegt, als daß er einen Zeugen dabey hätte abgeben können. Nachdem GeUrrt seine Aufträge gccndigct harte, ermannte er sich gleichsam bey seiner schon damals großen Entkrästung, richtete sich auf seinem -75 ncm Bette auf, entblößte fein -um Theil Don graues Haupt, und betete mit einer solchen Erhebung des Herzens, mit einer so feurigen Andacht, mit so vieler Empfindung der Demuth, des Dankes und der Liebe gegen Gott, und mit einem ganz an den Himmel gehefteten so heitern und freudigen Auge, daß seine Freunde ein wahres Bild von einem betenden Erzvater, und von einem sterbenden Jacob, der seine Kinder segnete, in ihm zu sehen glaubten. Er bemühte sich alle die besondern Wohlthaten, die er in seinem Leben von der göttlichen Güte empfangen hatte, in sein Gedächtniß zurück zu rufen; besonders erinnerte er sich der Namen aller seiner noch lebenden Freunde und vieler von seinen abwesenden Schülern, Und empfahl sie in seinem Gebete der Regierung und gnädigen Vorsorge Gottes. Doch gedachte er nicht allein an diese besondern Wohlthaten, sondern auch an seine Vergebungen und Schwachheiten , und zwar mit einer Selbsterniedrigung und Demuth, die auf das Herz seiner gegenwärtigen Freunde einen unauslöschlichen Eindruck machte. Dieses Gebet verrichtete er Mit einer zwar schwachen, aber lauten Stimme, und mit einer solchen Inbrunst, welche ihre Augen Mit Thränen, und ihr Herz mit einer Ehrfurcht gegen seine Frömmigkeit erfüllte, die sie nie so stark empfunden hatten. Nachdem er langer als eine Stunde mit diesen beiden Freunden gesprochen und gebetet hatte, sank er auf sein Kissen zurück, in der Stille seine Betrach- Betrachtungen fortzusetzen/ und sich zur Unterredung mit dem Lehrer/ den er zu stincr besondern Privaterbauung erwählt hatte/ mit seinem würdigen Thalemann/ vorzubereiten/ weil er noch einmal aus seinen Händen das Abcndmal empfangen wollte. Mit diesem Freunde unterhielt er sich sogleich von seinem Tode, und sprach davon mit einer Gelassenheit, die von einer ganz ungestörten Gemüthsruhe zeugte. Er war für alles, was ihm dieser fromme Lehrer sagte, lauter Aufmerksamkeit ; aber keine Betrachtungen rührten und erfreuten ihn mehr, als diejenigen, welche ihm die Liebe des Erlösers und ihre Größe vorhielten. Die Empfindung derselben begleiteten ohne Unterlaß die Empfindungen der ticfesten Ehrerbietung und Demüthigung. Als unter andern seinem Zustande angemessenen Vorstellungen die Worte in der Geschichte Lazari, des Freundes Je, su: Herr, den du lieb hast, der liegt krank, auf ihn angewendet wurden; rief er von ihrem Gefühle besonders durchdrungen aus: Ach! wenn ich das doch wäre! Sein Freund und Lehrer zeigte ihm, der Gläubige, der sein Heil in keinem andern , als in der Gnade seines Erlösers suche, dürfe seiner besondern Liebe versichert seyn. Sogleich eignete er sich diese Versicherung zu und sagte freudig: Nun ich hoffe es zu deiner Gnade, mein Heiland, daß du auch mich, als den Deinigen lieb hast! Diese Empfindungen überwogen seine Schmerzen so sehr, daß er unter dem stärksten Gefühle '77 Gefühle derselben nicht klagte, sondern seine Freun« de nur ersuchte, für ihn zu beten. Einer von ihnen fragte ihn, od er auch viele Schmerzen litte? Ach ja, antwortete der theure Kranke; doch sind meine Leiden erträglich. Als darauf sein Freund zu seinem Troste hinzusetzte: Sie haben schon viele Leiden geduldig und standhaft ausgestanden; Sie werden auch itzt als ein Christ leiden; die Religion hat Sie im Leben gestärkt; sie wird Sie auch im Tode unterstützen, antwortete Er : Ach! mein lieber Freund; ich bin ein schwaeber Mensch; ein armer Sünder; beten Sie für mich, daß ich nicht in Versuchung falle. So aufrichtig dieses Geständniß, und so ernstlich seine Bitte war, so gewiß war er doch auch seiner Begnadigung durch Christum. Zu seinem geliebten Heyer, den ihn zu besuchen eilte, so bald er seine Gefahr vernommen hatte , sagte er: Das ist je gewißlich wahr und ein theuer werthes Wort, daß Jesus Christus kommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen. Dieß, lieber Freund, ist mftu Bekenntniß auf meinem Todbcttc. Aber, fuhr er mit einer sichtbaren Freudigkeit fort: Mir ist Barmherzigkeit wiederfahrcn — Barmherzigkeit wie- Verfahren! Dieß ist auch mein Glaubensbekenntniß, auf das ich itzt lebe und sterbe, worauf er in ein lautes und rührendes Lob dieser Barmherzigkeit ausbrach. Alle diese Gesinnungen, welche das lebendigste Gefühl waren, zeigten sich in der größten Starke bey seiner letzten Communion. Gell. Gchr.X.Tb. M Ob- N8 Obgleich an dem feierlichen Tage derselben sein körperlicher Zustand schon äußerst kläglich war: So sammelte er doch alle seine übrigen Kräfte zum Bekenntnisse seiner Buße und seines Glaubens mit einem Eifer, dem alle Empfindungen seiner Schmerzen weichen mußten. Er eignete sich die Versicherungen der Gnade GMcs', welche ihm sein gerührter Lehrer aus dem Evangclio ertheilte, mit der lebhaftesten Juubrunst zu, lind fodcrtc seine Ama- nucnfts, welche Zeugen dieser fcycrlichcn Handlung waren, mit der fccudtgstcmStimme auf- sich mit ihm zu erbauen, und mit ihm die Herrlichkeit der göttlichen Barmherzigkeit zu preisen. Zugleich versichert er seinen Lehrer zu wiedcrholtcnmalcn, daß er die alles überwiegende Kraft und Süßigkeit der evangelischen Verheißungen zu keiner Zeit mehr empfunden hätte, als er sie nun empfände, und daß ihm itzt erst diejenigen recht millcidenswürdig vorkämen, die ihren Trost nicht in dem Verdienste ihres göttlichen Erlösers suchten» Sein Lager war ihm zu einer wahren Folter geworden; dennoch blieb die Stärke und Freudigkeit seines Geistes sich immer gleich; auch ließ er nicht die geringste Kleinmüthigkeit von sich blicken, da sich doch dieselbe bey guten Christen -in ähnlichen Umständen nur gar zu oft zeigt. Die Aerzte versuchen indeß alle Mittel, die ihnen ihre Wissenschaft anrieth, sein Leben zn retten. Die Nachricht von der Gefahr desselben hatte sich in großer Gcschwin^ Geschwindigkeit überall verbreitet/ und war auch vor den Churfürsten gekommen. Gerührt von dieser Gefahr eines Lehrers, d n er selbst mehr als einmal mit Benfall und Empfindung gehört hatte, befahl er einem seiner geschicktesten Leibärzte, Demtani, nach Leipzig zu eilen, in genauer Verbindung mit den erfahrensten Aerzten dieser Universität, gegen welche er sein Vertrauen ausdrücklich bezeugte, alles, was noch etwa zu seiner Erhaltung angewendet werden könnte, zu versuchen, und ihm den Erfolg ihrer gemeinschaftlichen Bemühungen täglich zu berichten. GeUert überließ sich allen Bestrebungen der Kunst, die seine Schmerzen nicht lindern konnten, mit einer bewundernswürdigen Gelassenheit und Stand- hafcigkcit, ohne zu klagen, ob er gleich immer von vier und zwanzig Stunden scchszchn unter den fänden dcS Wundarztes zubringen mußte. Doch alles war vergebens. Weder die Natur, noch die Wissenschaft und der Fleiß der Aerzte, noch der Eifer der Freundschaft, der sie begeisterte, noch die Fürsorge seines Fürsten konnten das Leben, dessen Verlängerung jedermann so aufrichtig und so sehnlich wünschte, auf seiner Flucht aufhalten. Unter den empfindlichsten Schmerzen, welche die Entzündung aller innern Theile im Un- tcrlcibe begleiteten, befchäfftigte er feine Gedanken mit den Schmerzen seines Erlösers, der, wie er sagte, um feiner Begnadigung willen unendlich mehr gelitten hätte, und unterhielt seine Seele so M » sehr sehr mit den Wohlthaten seines versöhnenden Ts- des, daß er sein Leiden beynahe nicht zu empfinden schien. So mächtig ist die Kraft, welche die Religion dem sterbenden Christen giebt! Die Nachricht von der Fürsorge seines Fürsten und der Ankunft seines Leibarztes-erquickte ihn, nnd er dankte Gott mit lauter Stimme dafür. Aber, fetzte «r yinzu, als ob er fürchtete, daß ihn seine Freu, de darüber zu weit führen möchte: Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie können nicht helfen, wenn sie auch noch fv gütig sind, und noch so gern helfen wollen; meine Hülfe kömmt vom Herr»! D>e Versicherungen, die ihm Demiani von der Gnade des Fürsten und von der Bckümmcrniß des Hofes über seine Krankheit gab, lockten dankbare Thränen aus feinen Augen. Er betete mit der erkenntlichsten Jnnbrunst für die Glückseligkeit ei, lies so gütigen Regenten und für sein Haus. Wie er aber gewohnt war, unter seinen Leiden immer an die Leiden des Erlösers zu denken, und darinnen seine Beruhigung und Erholung fand, so wiederholte er auch itzt bey dieser Gnadcnbezcugung seines Fürsten die Betrachtung, die er schon bey andern Merkmalen feiner Güte angestellt hatte, daß er als ein Unterthan von seinem Herrn so viel Mitleid genösse, da doch fein Heiland von den Menschen nicht einmal hatte Gerechtigkeit erlangen können. Einmal, als seine Schmerzen aufs höchste zu steigen schienen, seufzte er: Ach, welche Schmerzen! fetzte aber gleich hinzu: Doch was sind sind sie gegen diejenigen, welche mein Erlöser erduldet hat! Er wurde unter den seinigen ver- speyct, und mich Unwürdigen, mich ehret mein Fürst! So wechselte immer das Lob der Versöhnung mit dem freudigsten Danke gegen Gott und mit einem immerwährenden Gebete um seine Gnade und um die Vollendung seiner Seligkeit ab. Seine vertrauten Freunde, besonders seine» geliebten Wagner, der aus Dresden zu ihm geeilt war, tröstete er mit der liebreichsten Zärtlichkeit, und verlangte zugleich keine andre Hülfe von ihnen, als ihr Gebet und ihren Zuruf, wenn ftine Schmerzen fo heftig wurden, daß er selbst nicht immer mft gleicher Jnnbrunst beten konnte. Ich kann nicht viel mehr fassen, sagte er in seinen letzten Stunden; aber rufen Sie mir nur den Namen meines Erlösers zu; wenn ich den nenne oder höre, so fühle ich eine neue Kraft und Freu, digkcit in mir. Voll von diesen Empfindungen näherte er sich seiner Auflösung. Sein ganz erschöpfter Körper starb langsam ; seine Seele aber erhielt sich in einer beständigen Freudigkeit des Glaubens. Den Tag vor seinem Tode hatte er einige Stunden Schlaf, wodurch er so erquickt wurde, daß er seine Gebete für seinen Fürsten, für seine gegenwärtige und abwesende Verwandte und Freunde, und für die Jünglinge, die feiner Aufsicht anvertraut gewesen waren, wiederholen, und sie noch einmal mit Namen segnen konnte. Diese Wünsche waren die einzigen Gedanken an die M; Welt, 18» Welt, die er verließ. Endlich glaubte er die Nähr seines Todes zu empfinden,, und wünschte von seinen Freunden zu hören, wie lange noch der letz. te Streit des Lebens mit demselben dauern könnte. Auf die Antwort: Vielleicht noch eine Stunde, erhob er mit einem fröhlichen Antlitze seine Hände und antwortete: Nun, Gottlob! nur noch Eine Stunde! wendete steh mit einem noch mehr erhci- terten Antlitze auf die Scirc, betete in der Stille unter der Einsegnung Thalcmanns und unter dem Gebete seiner »m sein Bette herum stehenden Freunde und entschlummerte. — (Den iz Dcc. 1769.) Dieses stille Entschlummern in der Stunde der Mitternacht sagte, was Addison noch mit Worten sagen konnte: So stirbt der Christ, und sein Wunsch in einem Briefe an eine Freundin, welcher er Addisons Ende erzählte, wurde erfüllt: O Gott, möchte dieses mein Ende seyn; wie über glückselig wäre ich l Die Betrübniß, welche sich mit dem anbrechenden Tage durch die Nachricht von seinem Tode in der ganzen Stadt verbreitete, war so allgemein und so groß, daß fic kaum mit Worten beschrieben werden kann. Sie war es unter seiner ganzen Nation, und auch unter andern Völkern, für welche er so manche Jünglinge zum Dienste der gemeinen Glückseligkeit, zu nüklichcn Erkenntnissen , und was einem jeden Volk^ noch wichtiger seyn muß, zur Frömmigkeit, zur Rccbtschaffcn- heit, und zu guten edlen Sitten angeführt und gcvil- gebildet hatte. Mehr und aufrichligcrtz Thränen sind vielleicht auf kein Grab geflossen, als guf das seinige. Er wurde gleich nach seinem Tode mit einer Begeisterung erhoben, welche selbst die Grenzen überschritt, die das Lob auch des besten Sterblichen haben sollte, weil durch ein übertriebenes Lob die Menschen leicht versucht werden, dem Verdienste auch den Ruhm, in welchem es allezeit zu leben verdienet, streitig zu machen. Sein würdiger Bruder, der Obcrpostcommissair, ein Gelehrter , der in der zärtlichsten Verbindung mit ihm gelebt und sich durch seine besondre Aufsicht über die Sitten vieler edle» Jünglinge verdient gemacht hatte, überlebte den Schmerz seiner Trennung von ihm kaum einen Monat. Wer den frommen Dichter ganz gekannt hat, der wird sich seiner allezeit mit einer Empfindung erinnern, in welcher Wehmuth und Freude vermischt ,md; so schätzbar ist das Glück, ihn zum Freunde gehabt zu haben! Mahr? Verdienste sind überall und zu allen Zeiten selten; aber unter edlen gemeinnützigen Männern sind besonders diejenigen sehr selten, die es zu ihrem ersten Geschäffle machen, durch die Religion gut zu seyn, aus Religion Gutes zu thun und die vorzüglichen Gaben ihres Geistes und Herzens zu den besten und wohlthätigsten Absichten anzuwenden. Gellere verdiente den Ruhm, der nicht bloß Beyfall, sondern Liebe war, den ihm der Tugendhafte nicht bloß aus Pflicht, sondern anö Vergnügen widmete, den ihm selbst M 4 der 184 der Lasterhafte nicht verweigern konnte; ein Ruhm, den ilmi noch mehr sein frommer, guter und gemeinnütziger Charakter, als die Achtung für sein Genie erwarb. Gelle« war von einer mittlern Leibcsgröße, und wenn er sein immer sinkendes Haupt empor trug, mehr lang als kurz, ansehnlich von Gestalt, aber sehr hager. Er hatte eine nngemcin edle Bildung, eine hohe freye Stirn, sehr beseelte blaue Augen, eine hohe und zugleich gebogne Nase und einen wohlgebildctcn Mund. Seine immer kränklichen Umstände, durch welche sein Körper ganz ausgetrocknet war, gaben ihm eine ernsthafte Miene, die ins Traurige fiel, durch welche aber seine menschenfreundliche, wohlwollende, treuherzige und fromme Seele immer hindurchschimmerte. Jeder Augenblick, in welchem er weniger als gewöhnlich litt, ein willkommncr Besuch eines Freundes, eine gelungene gute Absicht verbrecht«: eine angenehme Heiterkeit und ein gefälliges Lattu,In üb«r sein ganzes Gesicht. Seine Sprache war deutlich, biegsam, aber etwas hohl, und näherte sich in ihrem Tone einer gewissen Wehmuth, wodurch sie so rührend, eindringend und schmelzend wurde, daß niemand dem Beweglichen, was sie hatte, widerstehen konnte. Was er vortrug oder las, gewann durch den Ton feiner Stimme außerordentlich, und es wird nicht leicht jemand unter feinen Zuhörern seyn, der sich nicht sollte zu erinnern wissen, daß bey Vorlesung selbst !3Z selbst feiner bekannten Gedichte, besonders seiner geistlichen Lieder, oder bey den ermahnenden Steh lcn seiner Moral oft alle seine Zuhörer reichliche Thränen vergossen haben. Man hat v.rschicdme Bildnisse von ihm, die alle etwas Aehnlicheo von ihm haben. Baussns und Geysers Bildnisse, des erstem in Kupfer gegraben, des andern radirt, sind itzt die besten; man verspricht sich aber von dem Grabstichel des erstem noch ein ähnlichcrs nach einem höchstgerrcucn und schönen Grafischen Gemälde. Die Schaumünze auf ihn von einem Stie« ker in Dresden, die Came.n mit seinem Kopfe von einem Raugsdorf geschnitten, v rschlcdcne Arbeiten der m ißmschcn Porcellan Fabrik, welche mit seinem Bildnisse geschmückt find, sein Kopf in Wachs von Spechten, und der Medaillon in Porcellan von der berlinischen Fabrik, zeichnen sich unter den Versuchen die Gestalt eines Mannes zu verewigen, welche durch seine Seele so viel Einnehmendes hatte, am rühmlichsten aus. Die Vorzüge und Mängel seines Temperaments hielten einander in ihrer Mischung so das Gleichgewichte, daß jene leicht verschönert und erhöht, diese leicht vermindert oder gebessert werden konnten. Sein Herz war sanft und zärtlich, empfindsam gegen alles Rühmliche, aufrichtig, offen, unfähig zur Verstellung und Zurückhaltung, In seiner Jugend hatte er sehr aufgeweckt und munter seyn können, ohne sich in seiner Fröhlich- M 5 kett r36 kcit bis an die Grenzen der Ausschweifung zu wagen; in seinen männlichen Jahren wurde er selten bis zur Munterkeit bciter; auch wechselte seine Schwcrmuth niemals, wie bey vielen geschieht, welche zur Hypo» chondrie geneigt sind, mit einer übertriebenen Lustigkeit ab; denn er war immer so Mcistcx über dieselbe, daß er seinen Nebenmenschen dadurch nicht beschwerlich wurde, Unter den menschlichen Neigungen und Leidenschaften hatte bey Gelierten keine eine ungewöhnliche Stärke und Lebhaftigkeit. In feinem Temperamente äußerte sich eine Anlage zu einer Heftigkeit, wodurch er zuweilen zu einer auf Augenblicke aufwallenden Empfindlichkeit gereizt wurde; doch konnte er nie bis zum Uebermaaße unwillig werden; die kleine Flamme feines Unwillens verlöschte geschwind, und wurde nie zu einem völligen und anhaltenden Zorne, der in Feindschaft oder Rache übergegangen wäre. Er hatte keinen Hang, über den er mehr als über andre natürliche Triebe hätte wachsam seyn müßen; nur die Empfindlichkeit gegen Ehre und Lob hätte, wie er allzeit frwmüthig gestanden hat, seinem moralischen Charakter gefährlich werden können, wofern sie durch ein ihm natürliches Mißtrauen gegen sich selbst nicht eingeschränkt, noch durch die Hülfe der Religion, welche sein ganzes Temperament verschönerte, völlig unter feine Herrschaft gebracht worden wäre. Geliert 18? Geliert war von seiner Jugend an zu einer wahren und ernstlichen Hochachtung der Religion angeführt worden; er hat auch in allen Zeiten seines Lebens, obgleich nicht immer in gleichem Maaße/ ihre wohltbätigc Kraft an sich erfahren. Seine gottseligen Gesinnungen entsprangen nicht aus bloßen Vcrnunftschluffcn, nicht aus philosophischen Untersuchungen über die Natur der Dinge/ über ihre wesentlichen Verhältnisse gegen einander/ und über ihre nolhwmdigen Würkungcn; denn zu Nachforschungen/ welche so tief dringen/ gehört ein Ucbcrqewicht gewisser Kräfte des menschlichen Geistes / welches er nicht hatte. Seine Frömmigkeit gründete sich hauptmchlich auf denjenigen Glauben an die Offenbarung/ den jeder zum ernstlichen Nachdenken fähige Verstand erhalten kann / wenn er sich von einer aufrichtigen Begierde nach Wahrheit und Licht regieren läßt. Sorgfältige und oft wiederholte Betrachtungen über die Lehren des göttlichen Wortes unterhielten/ nährten und stärkten seine Gottseligkeit. Ihre Gesinnungen herrschten über seine ganze Seele/ erhöhten und veredelten alle ihre Eigenschaften und regierten den Gebrauch aller seiner Gaben. Er bekannte sich aufrichtig und aus eigner Ueber, zcugung zu dem Lchrbcgriffc unsrer Kirche. Zwar sah er es ungern, und verbarg es auch nicht/ wenn besonders unter denen, die er mit einer vorzüglichen Freundschaft ehrte, einige sich einer Abweichung davon schuldig zu machen schienen, deren Quelle -88 Quelle ihm verdächtig vorkam. Darum aber erlaubte er sich keine Härte uud Lieblosigkeit gegen diejenigen, welche sich für verpflichtet hielten, ei, nein andern Lchrbegriffe zu folgen; vielmehr erbaute er sich gern aus ihren Schriften, wenn sie die Beförderung des thätigen Christenthums zur Absicht hatten. Man weis, wie hoch er die Werke eines Gaurins, eines Lernard, eines Dod- dridge und andrer Engclländcr hielt; wie gern cr sie las; mit welcher Achtung er sie auch andern zum Lesen anpries. Niemand kann das Gewicht, welches die Wahrheiten der Offenbarung von dem Zeugnisse und dem Ansehen Gottes haben, mehr fühlen, als cr. Eben deswegen las cr diejenigen Schriften fleißig, welche in der Absicht geschrieben sind, den menschlichen Verstand zu einer feste» und sichern Ueberzeugung von der Göttlichkeit der christlichen Religion zu bringen. Er strich darinnen alle Stellen an, welche ihm die wichtigsten Beweike zu enthalten schienen, um sich ihrer leichter erinnern zu können. Diese Aufmerksamkeit verließ ihn nicht, wenn er auch andre Schriften las, und man hat häufige Merkmale dieser Art in der Fortsetzung der Bossuctifchcn Einlei, tung in die Geschichte der Religion bemerkt. Seine Ueberzeugung von dem göttlichen Ursprünge der Schrift bewog ihn, alle ihre Lehren mit glei? cher Ehrfurcht anzunehmen, und er machte in feiner Hochachtung zwischen denen/die ganz praktisch find, und zwischen deycn, die nur einen mittelbaren xcn Einfluß in die Tugend haben, keinen Unterschied. Dadurch wurde er in dem Gebrauche seiner Vernunft so bescheiden und vorsichtig, daß er sieb nicht erlaubte, seine Nachforschungen bis dahin fortzusetzen, wo sich Schwierigkeiten finden, weiche unserm Verstände unauflöslich zu seun schie, neu. Er haßte alle Zweifel, welche die Religion betrafen, weil er sie wegen ihres unstreitigen Werthes für die menschliche Glückseligkeit so lieb gewonnen hatte, daß er jeden als eine Beleidigung derselben betrachtete, ungeachtet vielleicht in einigen trübern Stunden die Heiterkeit seiner Seele dabey gewonnen haben könnte, wenn er sie mit einem kühnern Auge betrachtet hätte: denn er würde leichter entdeckt haben, wie wenig sie gefährlich sind. Unter allen Zweifeln aber verabscheute er keine mehr, als diejenigen, von denen er besorgte, daß sie den Eifer, Gott vorzüglich zu gefallen, schwächen, die dem Menschen so nöthige Demuth vermindern und dem Verlangen nach einer, über alle bloß irdischen Absichten erhabnen Tugend nachthcilig werden könnten. Seine Betrachtungen in der Einsamkeit, seine Gespräche in jeder Gesellschaft, wenn sie nicht bis zu derjenigen Munterkeit fröhlich war, welche keine ernsthaften Unterredungen erlaubt, sein Unterricht in seinen Lchrstunden, seine Schriften, seine Briefe, seine Arbeiten und feine Erholungen, alles was er redete und that, wurde mit dem Geiste der Religion belebt; alles hatte die Absicht, ihre Kraft bett ihm zu verstärken und ihre Wirkungen bey andern z» befördern und auszubreiten. Er las, um cü noch einmal zu sagen, kein Buch öfter und lieber, als die Bibel. Unter andern geistlichen Büchern liebte er die Schriften von der rührenden Art; denn von diesen glaubte er, daß dieselben ihn nicht allein für die Liebe gegen Gott empfindsamer, sondern auch vornehmlich den Abscheu vor allen innern Unvollkoinmenhcitcn der Seele und vor allen Fehlern von moralischer Beschaffenheit vermehren könnten. Doch würde es vielleicht der Ruhe und Freudigkeit seines Geistes zuträglich gewesen seyn, wenn er einige Schriften weniger geliebt hätte, worinncn besonders eine Frömmigkeit vorgezogen und empsoblen wird, welche steh an einer Art geistlicher Sehwermuth ergctzt, die doch von der Offenbarung so wenig gelodert wird, als fic mit der heitern Zufriedenheit bestehen kann, die das Christenthum wirken soll. In den äußerlichen Bezeugungen seiner gottseligen Gesinnungen entfernte er sich von dem Gepränge derjenigen Frömmigkeit, die mehr Verstellung als Ernst, oder doch nicht demüthig und lauter genug ist. Er konnte zwar durch ein äus- scrlichcs frommes Betragen leicht eingenommen werden, und zu viel Vertrauen in Leute fetzen, die sich dadurch seiner Gewogenheit zu versichern such, ten, und es mußten sehr deutliche Erfahrungen seyn, wenn er von seinem ihnen günstigen Irrthu- lyr nie zurück komme» sollte. Dem ungeachtet hinderte ihn dieses nicht, ein wahres Mißfallen an denen zu haben, die in stolzer Enthaltung von gleichgültigen Dingen und erlaubten Ergctzlichkeitcn ihre Frömmigkeit durch äußerliche Mienen, durch besondre Ausdrücke und durch eine ihnen eigne Sprache zu erkennen gaben, dabey andre verachteten , oder sich doch einen besondern Vorzug vor ihnen beylegten. Sein Eifer in der Abwartung des öffentlichen Gottesdienstes war außerordentlich, und er blieb sich darinnen bis an das Ende seiner Tage immer gleich. Er besuchte nicht allein den sonntäglichen, sondern auch den wöchentlichen Gottesdienst so regelmäßig und unausgesttzt, daß ihn, seines schwächlichen Zustandes ungeachtet, keine noch so rauhe Witterung davon abhielt. Man konnte, wenn er nicht zugegen war, sicher fchlies- sen, er müsse durch eine Unpäßlichkeit oder durch das ausdrückliche Verbot dch Arztes zurück gehalten werden. Er war immer einer der Ersten und der Letzten in den öffentlichen Versammlungen der Christen. Die Prediger fanden an ihm einen eben so bescheidnen Nichter, als aufmerksamen Zuhörer. - Dieser vorzügliche und geübte Kenner guter Predigten verachtete keinen Vortrag, weil derselbe die Forderungen feines feinen Geschmackes nicht befriedigte. Man mußte ihn ausdrücklich fragen, wenn man feine Gedanken darüber wissen wollte, mid dann urtheilte er mit einer liebreichen Nach- ryr Nachsicht, welche die Fehler mehr verbirgt oder entschuldigt, alles entdecken und tadeln will. Nur wenn er junge Candidatcn predigen hörte, so bat er sie zu sich, rühmte, was in ihren Vortrügen zu loben war, zeigte ihnen aber auch auf die freund, fchaftlichsi-e Weife nicht allein ihre Fehler, sondern auch die Art, wie sie dieselben verbessern könnten. So wichtig ihm der öffentliche gottcsdicnstliche Unterricht war, mit so ernstlicher Andacht nahm er an der steuerlichen äußerlichen Handlung der Religion, an dem Abcndmahle, Theil. Seit vic, lcn Jahren hakte er dasselbe in der Lazareihkirche empfangen. Nachdem aber mit dem dasigcn Prediger eine Veränderung vorgegangen war, wendete er sich zu der Nikolaikirche in der Stadt. Ich will mich nun, sagte er zu seinem Thalemann, mit einer großen Gemeine vereinigen; denn ich fürchte beynahe, unrecht zu haben, daß ich zeit- her in diesem Theile des öffentlichen Gottesdienstes nicht sichtbar genug gewesen bin. Als ein össentli. eher Lehrer der Jugend bin ich verbunden, sie auch hierinnen durch mein Beyspiel zu erbauen. Diese Erbauung stiftete er wirklich, und man hat viele die mit ihm an diesem heiligen Orte zusammen gekommen sind, sagen hören, daß sie durch den Anblick dieses Mannes und durch seine ungchcucheltc Andacht allezeit sehr gerührt worden wären. Eben so eifrig und gewissenhaft war Geliert auch in seinem häuslichen und geheimen Gottesdienste, r dienstc, bey welchem er sich besonders im Gebete übte , und täglich brünstiger darinnen zu werden suchte, weil er von dem Sergen und Einflüsse desselben in die Frömmigkeit und Tugend diejenigen hohen Begriffe hatte, welche wahre Verehrer Gottes zu allen Zeiten k avon gehabt haben. Ich, sagt er von sich »elbst, >, n mit keiner Zeit meiner jüugcrn Jahre mehr unzusrieden, als mit derjenigen, in welcher ich die Pfl cht des Gebetes ver- nachläßigct habe, und ich erinnere mich sihr wohl, daß, wie mein Eifer am Gebete abnahm, unerlaubte Neigungen zunahmen. Es ist deswegen seit vielen Jahren mein Gebrauch gewesen, mir des Morgens, wenn ich die Schrift las, eine oder die andre Stelle ansein Papier, das ich bey mir liegen hatte, aufzuzeichnen, und dieses Papier bey mir zu tragen, um mich ihrer des Tages im Stillen zu erinnern. Gemeiniglich wählte ich eine Stelle, die mein Herz am nöthigsten hatte, je nachdem eS Hoffnung oder Schrecken, Freude, Demuth, Zufriedenheit und dergleichen Regungen bedurfte. Denn solche Stellen begeistern in stillen Augenblicken zu einem Gebete, das sich für unsre Umstände vorzüglich schickt, und erhalten uns zugleich in der uns nöthigen Wachsamkeit. Zur Erleichterung der Uebung in der Gottseligkeit und in seinen andern Pflichten hielt er seit dem Jahre 1752 Tagebücher über sich selbst, weil er ein Journal, wor- irincn man seine Tugenden mit ihren Abwechslun- Gell. Schr.X.Th. N gen gen und seine Fchlerf^wie er sich ausdrückte , mit Aufrichtigkeit und als vor den Augen Gottes bc» merkt, für ein vortreffliches Mittel hielt, zur Er, kcnntniß seiner selbst zu gelangen, und den Eifer, besser zu werden, immer mehr zu stärken. Diese Tagebücher sind so flüchtig geschrieben, als ein Mann dieselben schreiben kann, der sie nicht für fremde Augen , sondern bloß zu seinem eignen Gebrauche anfleht, und den Geschäften seines Berufes dadurch keine Zeit entziehen will, die er für diefelben nützlicher anwenden könnte. Außer kurzen Anzeigen von seinen täglichen und nächtlichen körverlichen Leiden, und andern unangenehmen Vorfällen, von seinen Geschäften, von der Verdrossenheit oder Leichtigkeit, womit er sie verrichtete, von den Briefen, die er erhielt oder schrieb, von seinen kleinen Reisen, von den Besuchen, die er gab oder annahm, und von seinem Verhalten dabey, wenn er nicht damit zufrieden war, von den Todesfällen oder Beförderungen feiner Freunde, Schüler Und Bekannten, von den Geschenken, die ihm gegeben oder zugesendet wurden, enthalten diese Tagebücher vornehmlich viele kurze Anmerkungen über seinen geistlichen Zustand. Einige dieser Anmerkungen bestehen in Klagen über seine unruhigen und ängstlichen Gedanken, über die Versuchungen feindlicher Neigungen, über seine Trägheit zum Gebete, über die Zerstreuungen, die ihn darinnen störten, in Beobachtungen der Un- empfinb. ry5 emvsindlichkcit, die er gegen die Weisheiten der Religion zu haben glaubte, der Unruhe, die er dabey empfand, des Widerstandes, den er derselben that, und zugleich in ernstlichen Bezeugungen seines Mißfallens an feiner eignen Unvollkommcn- hcit. Andre bestehen in Ermunterungen feiner selbst zu einem getrosten Muthe, zum Vertrauen auf Gott, und zur Zufriedenheit mit ihm, oder in Betrachtungen, wie er seine Tage angewendet habe. Zuweilen sind sie Erinnerungen feiner guten Entschließungen, eifrig in der Religion, treu in feinem Amte, demüthig bey dem Lobe der Menschen, empfindsam und mitleidig g gen d e Leiden andrer Menschen, liebreich und wohlthätig gegen die Dürftigen zu seyn; zuweilen sind es dankbare Erinnerungen an die gött- . lichcn Wohlthaten, an die freudigen Empfindun, gen, die er von den Lehren der Religion hatte, an die heitern und aufgeklärten Stunden, wor- inne er mehr Lust zu gottcsdienstlichcn Uebungen oder zu feinen Arbeiten empfand, oder ernstliche Bestrafungen feiner Fehler, seiner Ungeduld, seiner Hitze in Gesprächen, und seiner Neigung zur Eitelkeit, oder einiger bald längern, bald abge- brochcnern Gebete und Wünsche um Gnade, um Hülfe, um Trost und um größere Freudigkeit. So frey diese Anmerkungen von der eitlen Selbstgefälligkeit sind, von welcher sich die Eigenliebe des Menschen in dergleichen geheimen Ge. N s schich. schichten seiner selbst leicht übersebleichen lassen kann / so deutlich sieht man einen Ma m dämmen, dem es mit der Gottseligkeit so sehe ein Ernst ist, als mit dem Heile seiner Seele und mit ihrer wahren Glückseligkeit. Aus dieser Gottseligkeit, worinncn Gellevt täglich vollkommner zu werden suchte, last sich seine so eifrige Li-be gegen die Tugend bearcifcu; nicht gegen diejenige, welche ihre Starke in sich selbst zu finden mevnl, sondern gegen diejenige, welche die Kraft zu allen Pflichten bey Gott sucht und seiner Gnade alles zu danken haben will; welche, so lange sie noch höhere Stufen vor sich sieht, nimmer müßig seyn will, und doch bey den Bestrebungen nach ihrem Ziele so bescheiden ist, daß sie Gott alle Ehre davon zueignet; niemals unverdrossener und standhafter, als wenn sie fürchten muß, daß ihr die Welt aus Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit, die Gerechtigkeit nicht wiederfahrcn lassen werde, welcher sie werth zu seyn sucht. Nach einer solchen Tugend strebte Geliert, und war in seinen Bestrebungen so eifrig, daß er auch den Schein aller Abweichung von ihr mit der äußersten Sorgfalt zu vermeiden suchte. Nichts war ihm heiliger, als was er für Pflicht hielt. Es ist Pflicht, war seine gewöhnliche Antwort, wenn man ihn von gewißen ermüdenden verdienst« dienstlichen Geschafften abhalten, oder ihn überreden wollte, in gewissen Dingen mehr seinem Vergnügen oder seinem Geschmacke zu folgen, oder mehr anf seine Bequemlichkeit zu sehen. So geneigt war c dem Guten, was er für Pflicht hielt, Neigung, Freude, und alles was ihm sonst lieb war, aufzuopfern. Er hatte ein liebreiches, menschenfreundliches, djenstbegicriges Herz gegen alle Menschen. Dieses machte ihn eifrig in albm, was er zu ihrem Nn. tze» und V ranügen beytragen.-konnte. Vornehmlich brauchte er alle seine Einsichten und Kräfte,, diejenige Glückseligkeit zu befördern, welche die. herrliche Frucht der Frömmigkeit und Tugend ist. So strenge er über alle Laster und Fehler urtheilte, so mitleidig war er dennoch gegen diejenigen, welche der Versuchung ihrer Leidenschaften unterlegen hatten, und so begierig, sie durch seine Dienste und Wohlthaten von dem Untergänge selbst ihrer irdischen Wohlfahrt zu erretten. Bey aller seiner Schwermüthigkeit war er doch freundlich und leutselig gegen jedermann; unfähig einen Menschen zu hassen oder zu verachten, immer geneigt, denjenigen, von welchem er nichts Böses wußte, für gut, denjenigen hingegen, an welchem er einige Vorzüge entdeckte, für vortrefflich zu halten, ob er gleich die Güte und Tugend des Herzens stets der Größe des Verstandes und allen noch so schim- N r mern- IY8 mcrnden Tarnten desselben vorzog. Er nabnr nilt iinl-m crulilieben und gckchäfftigen Mitleiden Theil an den Bekümmernissen seiner Ncbenmcn- schcn, und freute sich gemeiniglich über ihr Glück lebhafter, als über das scinigc. In feinen Tagebüchern pflegte er am Schlüsse des Jahres den Namen derjenigen anzuzeichnen, die in demselben gestorben waren, es mochten Einheimische oder Auswärtige seyn, wcnn er irgend eine Kenntniß von ihnen hatte, ohne jemanden seines niedrigen Standes wegen zu übersehen. Er bemerkte dabey mit wenig Worten die Arten ihres Todes, ob er schnell oder langsam, sanft oder schmerzlich gewesen war. Gewisse kleine Anmerkungen, die eo hinzu fügte, bezeugen, wie liebreich er daran Theil nahm. Bey einigen heißt es: Ein guter Mann! Der liebe Mann! Der rechtschaffene Mann! Der fromme Jüngling! Eine vortreffliche und christliche Dame! Die fromme Frau, die schmerchch, aber doch christlich froh starb! Ein vortrefflicher Christ! Plötzlich aber doch selig! Bey Ander» beschließt er die kurzen Anzeige» , durch welche er ihr Andenken bey sich zu erhalten suchte, mit Wünschen voll zärtlicher Pekümmerniß über ihren künftigen Zustand, Niemand lernte ihn kennen ; niemand konnte seine Schriften lesen, ohne gleich sein liebreiches und mitleidiges Herz ge, gen alle Menschen hochzuschätzen. Er hatte säst immer nur mittelmäßige Einkünfte, aber auch bey dem dem mäßigsten Antheile an den Gütern des Glücks, war er doch allezeit ;um Wohlthun nicht allein ge, ncigtcr, sonder» auch wohlthätiger, als die mci« sten zu seyn pflegen, die es mit Bequemlichkeit von ihrem Ucbcrflusse scpn könnten. Er erlaubte sich wenig Bequemlichkeiten und Vergnügungen, damit er im Staude sey» möchte, desto leichter und öfter zu helfen; feine Mäßigkeit war fein Reichthum. Darum reimten seine Einkünfte nicht allein für ihn zu, sondern er hatte auch stets für die Dürftigen übrig. Er half mit Freuden, wenn er auch zuweilen das Nothwendige mit den Armen theilen mußte. Die Studircudc» hatten in ihrem Mangel eine 'sichere Zuflucht zu ihm. Er hielt sich ein Vcrzcichniß von denen, welche seiner Unterstützung bedurften. Man weis, daß er hülf- lofe Kranke aufsuchte und ihnen Erquickungcn und Geld schickte. Besonders sorgte er jn harten Wintern dafür, daß es ihnen nicht an Wärme fehlte, ohne sie wissen zu lassen, wer ihr Wohlthäter wä, re; er ließ sich ungern von einem Beobachter überraschen und verbarg seine Hülfe mit einer eben so liebreichen Bescheidenheit. Kein Elender gieng von ihm hinweg ohne Hülfe oder ungctröstct; denn er hatte auch eine ihm eigne und immer geschäftige Gabe zu trösten. Wenn fein eignes Vermögen nicht zureichte, das Elend der Dürftigen zu erleichtern: So machte er sich eine Pflicht daraus, andre, die vermögender waren, um ihre Hülfe N 4 ' und 200 und um Gaben für sie zu ersuchen. Die Nothlei- dcndcn hatten Theil an allen Geschenken , die er für sich erhielt. Was soll das bedenken? schrieb er in einem Briefe an eine Freundinn: Heute vor acht Tagen erhielt ich mit der Preußischen Post hundert Thaler, und eben itzt erhalte ich wieder hundert Thaler unter eben dem Siegel und von eben der Hand. Ich bin erschrocken, und ich erschrecke noch mehr, daß mein Herz bcn diesem Geschenke weder so freudig noch so dankbar seyn kann, als ich sollte. Wer will mich wider meinen Willen reich machen? Wie werde ich die Wohlthaten anwenden, die mich Gott so unverdient durch unbekannte Hände erhalten läßt? Ick> seuftc um Gesundheit und Geduld, und ich bekomme einmal über das andre Geld. Ich gäbe alles was ich habe darum, wenn ich das Uebel, das mich diesen Frühling wieder so heftig überfallen hat, von mir entfernen könnte. Soll ich lerncn, daß alles in der Welt ohne Gesundheit keinen Werth für das Herz des Menschen hat, und daß Gelassenheit und Geduld unendlich größere Güter sind, als Reichthum und Ehre? Ach ja, die erhaltenen Wohlthaten sind Prüfungen für mich; aber auch, wenn sie dieses sind, muß ich sie mir Dank annehmen und nicht klagen. Ich will denn gegen Andre gutthätig zu seyn suchen, wie es Andre gegen mich sind, ohne Geräusche, und wo es nöthig ist, unerkannt, aus Religion und Dankbarkeit gegen Gott unsern höchsten Wohlthäter. Dieses LVI scs will ich thun, und nicht weiter forschen, woher und worum ich soviel habe. So uneigennützig er war, so zufrieden war er auch mit seinen Umstanden , und diese Zufriedenheit machte es ihm leicht, selbst die billigen Vortheile, die er von seinen Werken haben konnte, nicht zu suchen, und viele Wohlthaten eben so großmüthig zu verbitten, als ihm dieselben angeboten wurden. Ein auswärtiger ihm unbekannter Freund schrieb in den ersten Jahren des Krieges an einen Banquier, sich nach ihm zu erkundigen, und, ohne z» sagen, von wem, ihm eine anschislichc Summe Geldes auszuzahlen. Allein der fromme Geliert antwortete hier, was er einer Dame vom höchsten Range um eben diese Zeit in einem ähnlichen Falle geantwortet hatte: Ich leide keine Noth, und viele würdigere und vornehmere Personen leben in Mangel und Dürftigkeit ; lassen Sie diesen die mir bestimmten Wohlthaten zufließen. Diese Antwort war mit eben dem Charakter des Herzens bezeichnet, als diejenige, die er an den damaligen preußischen Commandanten in Leipzig, den Herrn von Aellcr, gab, welcher ihn ersuchen ließ, sich nach eignem Gefallen ein Haus zu seiner Wohnung zu wählen, mit Erbieten, solches von aller Einquartierung zu bcfrcyen. Nein, sagte er, diese Last, die mir abgenommen werden soll, würde vielleicht einen Armen treffen, und wäre das eine Wohlthat für mich? N ; Seine ro» Seme Dienstfertigkeit war so bekannt, daß man ihn von allen Orten her zum Vertrauten in den Angelegenheiten seines Herzens wählte. Vä- ter wollten von ihm wissen, wie sie ihre Söhne erziehen , Mütter, wie sie ihre Töchter bilden, iun. ge Frauenzimmer, was sie über diese und jene Anträge zur Verhcirathung für Entschließungen fassen, Jünglinge, wie sie studiren, Zweifler, wie sie ihren Unglauben bekämpfen, und viele aus der großen Welt, wie sie den Gefahren und Versuchungen derselben entgehen oder widerstehen sollten, und Gellert stand einem jeden, nach seinem Vermögen, mit Unterricht, Rath, Beruhigung, Ermunterung, Belehrung, Trost und Fürbittebcy. Die Dienste aber, welche er seinen Freunden lei, stete, erwies er auch allezeit auf die angenehmste Weise. Als einige Zeit vor seinem Tode ein Freund in einer Unterredung ohne einige weitere Absicht sagte, baß ihm gewisse Gelder ausgeblieben wären, die ihn in Verlegenheit setzten, stand Geliert mit der heitern lächelnden Miene auf, die man nur bey besondern fröhlichen Gelegenheiten an ihm bemerkte, gicng zu feinem Pulte, brachte in einem Papiere dreyßig Louisdor zurück, und bot sie demselben mit den Worten an: Ich bin selten so reich; aber zum Glücke bin ich es itzt, um einem rechtschaffenen Manne bcystchcn zu kön, ncn; nehmen Sie dieses Geld; denn ich brauche es nicht. Die F Die groflrc irdische Glückseligkeit seines Lebens war die Freundschaft. Hierum war er, ohne zu heftigen Ergicßtingen derselben aufgelegt zu seyn, so standhaft und so treu, daß auch die weiteste und längste Entfernung seine Liebe nicht vermindern konnte. Er schien alte Menschen, und besonders die guten und die vortrefflichen mit einem gleichen Eifer zu liebe»; indessen wußten seine Vertrauten sehr wohl, daß sie mit demjenigen Vorzüge geliebt wurden, den die Freundschaft fodcrn kann. Sie fanden bey ihm die anmuthigc Vertraulichkeit, durch welche die Freundschaft so sehr ein Glück des Lebens wird, ohne das eifersüchtige und gebieterische Wesen zu haben, welches allezeit die Freude derselben verbittert, sobald die Liebe eines Freundet! gegen den Andern in eine Art von zärtlicher Schwärmcrey ausartet. GeUcrt wählte von Zelt zu Zeit aus den Studircndm einige zu seiner beständigen Gesellschaft, unter denen besonders ein geschickter und rechtschaffener Landvrcdigcr Gödike sich seines pieljährigen, liebreichen und zärtlichen Umganges mit eben dem feurigen Danke rühmt, mit welchem er die treue Gefälligkeit desselben und seine in allen ihm angenehmen Diensten nncrmü- dcte Aufmerksamkeit und Freundschaft zu erheben pflegte. Selbstsüchtige und eitle Seelen sind begierig nach Wohlthaten, können sie kriechend suchen, oder 204 oder wenn sie ihnen entgegen kommen, sie mit einem geheimen Stolze, als einen ihnen schuldigen Tribut annehmen; nur danken können sie nicht, oberste thun es auf eine Art, die vorn Unbanke kaum zu unterscheiden ist. Wahrhaftig edle Seelen zählen das Vergnügen einer herzlichen Dankbarkeit unter die vorzüglichen Freuden, und dieser Vorzug eines guten Herzens war Gelierten in einem hohen Grade eigen. Die Empfindungen dieser Tugend gehörten zu den feurigsten Regungen seiner Seele. Er sprach gemeiniglich von den Wohlthaten, die er aus bekannten und unbekannten Händen cmpfieng, mit einer Begeisterung, in welcher kaum der eitelste Wohlthäter von der Größe seiner Wohlthaten hätte reden können. Gleichwohl verlangte und suchte er sie niemals; er lehnte sie vielmehr oft mit lebhafter Erkenntlichkeit von sich ab, und schätzte sich glücklich, wenn er Andre dadurch glücklich machen konnte. Er selbst hatte bey seinen Wohlthaten keine Absicht auf die Dankbarkeit derjenigen, die er erfreuen wollte, sondern ließ ihnen die Freyheit, undankbar zu seyn. Gab es einige unedle Seelen , die es wurden; so fanden sie die Sicherheit, von der Welt nicht dafür gehalten zu werden, in seiner Verschwiegenheit und in seiner Gewohnheit, sich der Wohlthaten, so bald er sie erwiesen hatte, auch nicht, mehr zu erinnern. Bescher 20Z Bescheidenheit und Demuth waren unterschei- dendc Vorzüge gcincs liebenswürdigen Charakters, und darum besonders schätzbar, weil sie allein aus der Religion, aus dem Gefühle ihrer Wicht, aus einer strengen Beobachtung seiner 'Unvollkommenbeiten und Fehler cntsvrangen. Ein guter Nahme war ihm ein großes Gut. Im seinen Tagebüchern bemerkte er unter den göttlichen Wohlthat » eines jeden Jahres mit der ihm eignen frommen Dankbarkeit, besonders dieses als eine der vorzüglichsten, daß ihn Gott vor Spott, und seinen Namen vor Kränkungen und Schande bewahret hatte. Er gestand freymüthig, daß er keine Leidenschaft mehr zu fürchten hätte, als die Eitelkeit, und eben-so freymüthig, daß er vor den Uebcrraschungen derselben nicht immer auf seiner Hut gewesen wäre. - Freylich gehört schon viel Muth der Seele dazu, diese der wahren Voll, kommcnhcit des Menschen so gefährliche Neigung bey sich wahrzunehmen, sie zu gestehen, und sie zu mißbilligen; aber es ist das Meisterstück der D muth, sie mit einem aufrichtigen Ernste zu bestreiken und zu überwinden. Angenehm und wichtig war ihm der Beyfall seiner Ncbcnmenschen; dennoch bestrebte er sich nur, seiner werth zu seyn, ohne ihn zu fordern, oder zu erschmeicheln. Er liebte das Lob der Kenner und des Rechtschaffenen; aber mit derjenigen jungfräulichen Scbam- haftigkcit, die vor einem jeden, auch wahren Lobe der der Schönheit crröthet. Die Ihn persönlich ge. kannt haben, wissen, daß er dieses Erröthcn nie zurückhalten konnte. Er hatte, oder er verdiente vielmehr das Glück, wegen seiner Schriften von Kennern gerühmt zu werden, an den Höfen und in der großen Welt viel Beyfall zu finden. Allein das ungekünstelte Lob, das bloß Gefühl eines guten und gerührten Herzens war, erfreute ihn nicht weniger, als dieser Beyfall, dessen Ursachen zuwci, Icn zwcydcmig fcvn können. Die Frage , die bey seiner dritten Reise nach dem Carlsbade, in 'dem Hanse des Postmeisters eine geringe, alte, aber treuherzige Magd an ihn that, als fic ihren Herrn mit ihm von seinen Schriften reden hörte: Aeb! ist er der Herr chit dem großen Ruhme, der so schöne Bücher geschrieben hat? Der ungestüme freudige Eifer der Dankbarkeit, womit sie seine aus Bescheidenheit widerstrebende Hand ergriff und rußte, und die Wiederholung der Frage: ober die schönen Bücher geschrieben hätte? hat gewiß so viel Reizendes, als ein noch so schöner ästhetischer Beweis von der Vortrcfflichkcit seiner Werke ha, den kann. Eden so viel Ursache hatte er, über ein ähnliches Lob eines preußischen Feldwebels vergnüge zu seyn, der nach Leipzig zu ihm kam, und zu ihm sagte: Verzeihen sie, daß ich zu ihnen komme. Ich bin ein preußischer Feldwebel, ich habe wider meine Neigung drey und dreyßig Jahre ge, dunt, habe endlich meinen Abschied bekommen, bin bin auf dem Wege, nach Licssand in mein Vaterland zurückzukcbren lind bin fünfMeilen umgegangen, ihnen mein dankbares Herz zu zeigen. Denn sie haben mich durch ihre Schriften und besonders durch die letzten oft vom Bösen abgehalten und zum Guten crmmncrt. Mit diesem Lobe ist nur der rührende Wunsch zu vergleichen: Gott segne sie dafür und gebe Ihnen Gesundheit, ein langes Leben und das ewige Leben. Wenn sie nur wüß» tcn, wie gut ichs meyne, und wie ich mich er, freue, siezn scheu! Dieses ist ein Beyfall, den kci! Crebiilon, er sey es unter den Deutschen, oder unter den Franzosen, erhalten, das nur ein gutes Herz geben, und nur das Herz eines Schriftstellers verdienen kann, welcher durch die Taknle seines Genies den Menschen nur die Religion und Tugend werth und angenehm machen, oder sie vielmehr dadurch zum stärkeren Gefühle der Schönheit und des Werths von beiden bringen will. Jedoch Gelierten war nicht allein ein verdientes Lob eine angenehme Vergeltung. Ein freundschaftlicher Tadel, der auf feine Besserung abzielte, hatte für ihn eben so viel Anmuth, als das Lob, das er verdiente; so ernstlich bemühte er sich um die Achtung und das Wohlgefallen seiner Ne» benmcnschen. Indeß war niemand williger, am, drcr Gaben und Verdienste zu erkennen und höher zu schätzen, als die sinnigen. Kein Gelehrter, kein soL kein Schriftsteller ist je geneigter gewesen, Andern einen Vorzug vor sich selbst zuzugestehen, als er, und immer schätzte er diejenigen Vollkommenheiten am meisten j die er nicht besaß. Man weis; aber man hat es erst nach seinem Tode erfahret!, mit welcher Begeisterung der Ehrerbietung für die Gelehrsamkeit und die Verdienste eines Ernesti er an einen Großen geschrieben hat, damit Sachsen diesen großen Mann, als man ihn nach Göttingen rief, durch anständige Belohnungen bey seiner geliebten Akademie zu erhalten juchen möchte. Lieber, schrieb er, mich nach Neuschottland geschickt, als einen Ernesti fortgelassen. Wie sein Unterricht , sein Rath, seine Freundschaft manchen jun, gen Verehrer der Gelehrsamkeit erweckt und mu- thig gcmächt haben: So hat auch seine Vorsor, ge und seine ernstliche Empfehlung das Glück vieler jungen würdigen Männer in allen Ständen gegründet oder befördert. Als Herr Fiedler, der itzt als ein öffentlicher Lehrer der Theologie in Bützow steht, nach seinem Ucbcrgange zu unsrer Kirche auch ihn um seinen Rath ersuchte, wie er künftig sich und Andern nützlich werden könnte: so unterstützte Geliert ihn nicht allein, so gut es ihm seine damaligen Umstände erlaubten, sondern unterrichtete ihn auch in der deutschen Sprache und Schreibart, in der Hoffnung, daß eine größre Fertigkeit darinnen, als er hatte, etwas zu seinem Glücke beytragen könnte. Er haßte den ^ Neid, 2OH Neid, und empfand nichts vsn der Eifersucht, die auf einer Laufbahne so leicht entsteht, wo viclc um einen gemeinschaftlichen Preis streiten, unbesorgt, daß andre günstiger von ihm urthei- len möchten, als er verdiente. Er redete zuweilen von den Werken scluc. ^ istcs, nickt mit dem Kaltsinne g'aen ihre S -- Zeiten, den eine verstellte Bescheidenheit anniw ", desto, mehr erhoben zn werden; a-"r poch mehr von ihren Fehlern, und dieses that e e einer Aufrichtigkeit, w lcke seinen ernstlichen Wunsch bewies , daß niemand durch seine Zuneigung zu ihm verleitet werden möchte, sie für besser zu halten, als sie nach dem Ausspruche einer unparthcyischen und strengen Kritik waren. Gleichwohl war er in der Ausbesserung seiner Schriften, besonders auch in den letzten Jahren bis zur Ängstlichkeit sorgfältig. Der einzige Satz in seinen moralischen Vorlesungen: Das geringste Dorf weis in unsern Tagen mehr von dem Einigen Gott und den Pflichten des Menschen, als Athen und Rom wußten, machte ihm etliche unruhige Tage, weil er weder zu viel, noch zu wenig sagen wollte. Er gierig von einem seiner Freunde zum andern, bat sie den Satz zu überlegen und nach ihren Einsich, len auszudrücken. Selbst orthographische Zweifel konnten ihn oft beunruhigen. So viel Hochachtung hatte er für das Publicum und so wenig that er sich selbst Genüge. Gell. Schr. X. Th> O Die SIS Die Zufriedenheit des schönen Geschlechts mit seinen Schriften war ihm vorzüglich angenehm; denn er hatte von dem Verstände wohlerzogner Frauenzimmer die Meynung, daß ihre Empfindung des Schönen sichrer wäre, als die Empfindung seines Geschlechts, weil sie mehr Natur ist, und weniger von den oft wilttührlichc» Regeln der Kunst abhängt. Von ihrem Herzen hatte er eine eben so vorthcilhaste Meynung. Doddridge heißt es in einem seiner Briefe, der englische Gor- tesgeichrtc, sagt an einem gewissen Orte zur Ehre des Frauenzimmers, daß sie vielleicht die beste und frömirste Hälfte des menschlichen Geschlechtes wären, und in der That, mein liebster Graf, ich kenne mehr sehr gute Frauenzimmer, als sehr gut. Mannspersonen. Er verehrte an ihnen auch die Unschuld des Herzens weit mehr, als den, ihnen selbst oft schädlichen Vorzug eines außerordentlichen und schimmernden Verstandes. Immer wünschte er, daß ihre Siltsamkcit ihren Witz übertreffen möchte; ja er glaubte, daß sie das Wohlanständige einer gewissen Art von Unwissenheit, die man ihnen aus vernünftigen Gründen wünschen muß, nicht beleidigen und sich hüten möchten, das Ansehen gelehrter Frauenzimmer haben zu wollen. Darum suchte er durch seine Schriften ihnen die Unschuld und Sittsamkcit des Herzens werth zu machen, und ihre gesellschaftlichen Sitten zu verfeinern, wofür er so belohnt wur- wurde, daß sie ihn als ihren sichersten Rathgeber und Freund betrachteten. In seinem Umgänge herrschte die edle Unschuld und Einfalt der Sitten, die man zu haben pflegt/ wenn man mehr mit G lehrten umgeht, als mit der großen Welt, ohne doch ihrer Gesellschaft ganz zu entbehren. Er hatte in seinem Aeußcrli- chcn nicht das Rauhe der Tugend, das denen anhängt , die sich bloß mit der Gelehrsamkeit und den Wissenschaften bcschäfftigcn. Seine Gesellschaft wurde schon durch seine sanfte und zugleich ehrwürdige Gcsichtsbildung einnehmend. Selten re, dctc er von sich selbst, und allezeit mit der ehrlichen Bescheidenheit, welche fürchtet, zu viel von sich zu sagen, ob es ihm gleich nicht an demjenigen Gefühle fehlte, das auch ein bescheidner Mann von seinem Werthe haben darf. In den letzten Jahren feines Lebens war er nicht sehr gesprächig; wenn er aber gleich nicht viel sprach, fo sprach er doch edel, mit Kenntniß und mit Leichtigkeit, und dabey hatte er das seltne Verdienst, niemanden durch seine Reden zu beleidigen. Er liebte besonders erbauliche Gespräche, und nie wurde er beredter, als wenn der Gegenstand der Unterredung die Religion, die Tugend, oder das Verdienst seiner Ncbenmcnschcn war. So dachte, redte und lebte Geliert bis an fein Ende, ohne die Hoffnung seiner Seligkeit auf feine O 2 Fröm- Frömmigkeit und Rechtschaffcnheit zu gründen. Ich hoffe, sogt er in einem, noch bey seinem Leben aufgesetzten Bekenntnisse, zu Gott und meinem Erlöser, als ein bußscrtiger und begnadigt r Gündcr zu sterben, der oft gefallen und Lurch die Gnade Gottes wieder aufgestanden ist. Es würde die Welt nicht erbauen, wenn ich ihr ein Bekenntniß meiner Fehler und Sünden aufftzen wollte. Gott hat mich mit vielen Kümmernissen heimgesucht; dieses sind Leiden, die ich nicht beschreiben kann. Ein geheimer Unmuth des Geistes hat mich ve>- folgt und mich oft zu meinem eignen Feinde gemacht. Trägheit zum Guten und zum Gebete war sein Gefährte. Aber doch hat mich Gott nie ganz ohne Trost gelassen, und ich weis, daß er mich auch in der Todesangst mit feiner Hülfe trösten werde. Gott läßt uns unsre Ohnmacht fühlen, damit wir lernen und erfahren, daß wir seine Gnade nur durch den Glauben an den Heiland der Menschen erlangen können. Gott bewahre alle Menschen vor meinen Leiden und lasse sie alle ihre Weisheit, ihren Trost, ihre Stärke und ihre Selig, kcit allein in der Erkenntniß des Kreuzes Jesu Christi und ihren Glauben von dem heiligen Geiste suchen. Insonderheit bitte ich die Mcinigcn, die bey meinem Tode nicht zugegen seyn werden, daß sie Gott ihr Lebelang fürchten und die Religion als den einzigen Weg zur Ruhe des Lebens und zum freudigen und seligen Tode betrachten mögen. Ein / 2lZ Ein so fcommcr liebenswürdiger Mann war cs so werth, als Menschen cs seyn können, mit einem freudigen Gefühle der Hoffnungen, deren Erfüllung immer sein sehnlichster Wunsch gewesen war, in die Ewigkeit zu gehen, da er in einem lcidcnvollcn Leben beständig zum Vergnügen und Segen für die Welt gelebt hatte; ein seltnes und kostbares Geschenk für seine Nation, deren Geschmack, Sitten und Tugend in seiner Nachwelt ihm so viel schuldig ist. Ein Denkmal haben ihm bereits einige seiner Zuhörer und Freunde mit einem ihrer Dankbarkeit und Freundschaft anständigen Aufwande in der Iohanniskirche, auf deren Begräbnißplatze er seinem eignen Verlangen gemäß begraben worden ist, aufrichten lassen. Dieses Denkmal stellet die Religion vor, welche sein in Metall gegoßnes und mit einem Lorbeer gekrönte Bildnis der Tugend überzieht. Beyde Bildsäulen sind aus weißem Alabaster gearbeitet. Unmittelbar unter dem Fußgc- stclle von. schwarzem Alabaster ist der Name: Christian Fürchtcgott Geliert, auf einer an dcm F'ußgcstellc ruhenden Platte aber, die von seinem Freunde Heyne verfertigte Inschrift: Diesem. Lehrer und Beyspiele der Tugend und Religion widmete dieses Denkmal eine Gesellschaft seiner Freunde und Zeitgenossen, welche von seinen Verdiensten Augenzeugen waren. Geb. den 4 Inl. 171;. gcstorb. den 18 Dec. 1769. Auch hat der Herr Professor Oeftr ein schönes O ; Monu- si4 Monument von weißem sächsischen Marmor ihm zu Ehre» verfertiget, daß den Wcndlerischen Garten zieret *). Das ausg mauerte Grab, wo er und sebu, vier Wochen nach seinem Tode verstorbener Bruder, der churfürstl. sächs. Obcrpostcsmmissar, versenkt liegen, ist mit einem Leichcnstcine bedeckt, auf welchem die kurze Aufschrift eingchauen ist: Hier ruhen Chrlftian Fütchicgvtt Geliert, Professor der Philosophie, geb. den 4 Iul. 171;. gestorben den 18 Dec. 1769, und dessen Bruder Friedrich Leberecht Geliert, Oberpostcommissa, vius, geb. den u Nov. 1711. gest. den 8 Jan. 1770. So suchten GeUertS Freunde und Schüler das Andenken ihres Freundes und Lehrers zu ehren. Ungewiß ist die Bewunderung und Unsterblichkeit, welche die Werke des Genies erwarten können, durch die Veränderlichkeit und Abwechslung, denen der Geschmack der Nationen unterworfen ist; allein die Ehre seines moralischen Charakters ist so unvergänglich als die Religion und Tugend, die keine andre Dauer haben kann, als die Ewigkeit! *) S. die davon gedruckte Beschreibung. Einige Einige Gedichte auf GellertS Tod. O 4 ,^L2n -QLL-, Auf das Absterben seines Freundes .Christ. Fürchrg. Gellert, von Johann Andreas Cramer. (^ier ist sein Grab, mein Sohn, besucht, be- thränt von allen, Die gut find; dessen, dem dein Herz Einst gleichen müsse! Hier laß deine Thräne fallen; Ich kanns nicht. Mich betäubt der Schmerz. Mich übermannt er noch! Ich weinte gern, und Thränen, Wie sie die Bruderliebe weint, Die treuste Freundschaft; gern, o David, deine Thränen Im Ionathan, für meinen Freund! O; Gern 1 ri8 Gern ließ ich auf dieß Grab sie strömen, meine Zähren Zu Liedcrn werden, und den Mann, Der lieblich war und fromm, wie sein Gefang war, ehren, Den edlen himmelvollen Mann: Damit sein Name dir, o Nachwelt, werden möchte Ein Seegen, wie fein Leben war; Und sein Gedächtniß euch, ihr kommenden Geschlechte, Auch noch ein Leitstern in Gefahr! Er wars! Ein mildes Licht entfloß aus seinem Leben Für mehr als Eine Nation. Melodisch wars; so sanft, wie Salems Saiten beben, Dein Hymnus, o Religion! Klagt, Jünglinge, den Frommen! Trauert! Keiner, keiner, Wen er in einer Irre fand, Verschwieg es, wie er ihn ergriff, als wär Er einer, Der Engel, ihm von Gott gesandt! Klagt, Lltz Klagt, Jünglinge, den Mann, und trauert! Eurer Jugend War Er es! Eurer Seele Freund, Sprach euch ins Herz Gefühl der Unschuld und der Tugend; Er ist nicht mehr auf Erden! Weint! Nicht mehr werd ich Ihn sehen, der mich zum hohen Bunde, Die Freuden der Religion Mit ihm zu singen, lud! O süßer Traum der Stunde Des Wiederschns, du bist cntflohn! Entflohn! Vielleicht werd ich in meinem Pil- gerlcben Noch meine Thränen auf sein Grab Hinweinen; seinen Staub noch segnen, Gott erheben , Daß er mir Ihn zum Freunde gab! Er wars! Hier ruht Er! Ach wie viel hat Er gelitten! Doch immer himmlisch blieb sein Herz, Sein Leben, sein Gesang, das Beyspiel seiner Sitten, Fromm seine Schwermuth und sein Schmerz. Du rrs Du hast, Tcutonia, mehr Barden! Viele Lieder Sind Flammen! Flammen sie cmvor Zu Gott? Ach ihr Gesang hallt nicht im Himmel wieder; Ein Greuel für der Frommen Ohr! Wenn Er die Harfe nahm, zu stiegen von dem Sohne, Von dir, o Liebe Gottes, dir, O Tugend, feine Lust, von deinem hohen Lohne, Wie sang sein Herz! Was fühlten wir! Still ward die Seele, flog nicht auf im Sturme, fühlte Nur sanfte Wonne, wurde hell, Und , fromm zu seyn, wie Er, entschloß sich , wie Er schelte, Die Seele, ruhig, und doch schnell! Wer nimmt die Harfe? Kann, wie Er, die Herzen rühren, Wie Er, holdselig im Gesang? Wer euch, ihr'Jünglinge', wie Er, zur Tugend führe», Durch einen gleich geliebten Zwang? So 22L So lockt der frühe Strahl des Lenztags am der Erde Des Berges Sprößling / und belebt In allen Adern ihn, daß er zur Ceder werde/ Die bald sich wolkcnan crh.bt: Wie Er sich bildete! Voll milder Wärme waren Des Frommen Lehre«/ und voll Licht. Wie sorgsam warnt Er sie vor schmeichelnden Ge« fahren! Wie zärtlich rief Er sie zur Pflicht! Am rauher« Wege stand der Jüngling unentschlossen : Da bat Er: Jüngling/ nimm den Lauf Auf diesem Männcrpfad! Sieh! Ehr und Freude sprossen Hier unter deinen Tritten auf! Wo ist der Morgenstrahl nunmehr? Im To- desschattcn Verschimmert! Ach! in jene Welt/ Wo viele schon/ die sich -church Ihn veredelt hatten / Der Soh«/ die Sonne selbst/ erhellt! Sir Sie sehn Ihn / fliegen Ihm entgegen, und umgeben Die Seel', und jeder jauchzt ihr zu: Heil/ Wonne dir/ und Lohn von Gott! Du hast das Leben / Die Seelen/ uns errettet! du! Erhört ist dein Gebet/ die Seligkeit zu fühlen/ Der Retter Einer Seele seyn! Erhört! die Wonn ist mehr/ ein Retter seyn von vielen! Nun ist die hohe Wonne dein! Kommt mit uns an den Thron, wo Gott des Lichtes Söhnen Sein Antlitz völlig offenbart / Und nimm nun diese Harf' / in unsern Dank zu tönen / Dem Lamme/ das erwürget ward! Dem hohen Namen / der im letzten Hauch vom Leben Von dir zu uns herauf erklang! Heb an; denn dort schon wars dir Wonn' / ihn ^ zu erheben/ Des Himmels seligern Gesang! Elegie srz Elegie bcy dem Grabe G e l l e r t s von Christian Feist Weiße. Virtrttem. — — — — — Ludlatam ex ocuiis ^uaerimus inuläi. ^ier, wo so viele schon in tiefem Todcsschlum- mer Das mütterliche Erdreich deckt; Wo man kein Glück verschläft, wohl aber vielen Kummer, Nicht Furcht und Hoffnung täuscht noch schreckt: Wo man Jahrhunderte die grosse Aussaat säte, Die immer mehr zur Erndte reift, Und jeglicher von uns, der früh und jener späte, Die Zahl bemooster Hügel häuft: Wo Freund und Feind vermengt in Ruh beysammen liegen, Der Hohe nicht den Niedern drückt; Das Grab des Thoren oft ein Marmor vollcrLügen, Der Weisheit Grab ein Veilchen schmückt: Hier tt 0 L ä. LLch Hier liegt nunmehr auch der/ an dessen frommer Seite Ich diese Stätt' einst oft betrat, *) Indem er sich im Geist des großen Sabbaths freute, Den er vom Himmel sich erbat; Und mich vertraut mit den hier schlummernden Gebeinen, Zu dem und jenem Grabe rief, Und meine Zärtlichkeit oft weinend lehrte weinen. Wo einer seiner Edlen schlief. Hier liegt auch Gellen', hier in diesem leichten Sande, Von Silberweißem Schnee umhüllt, Wo freundschaftlich dabey von dem noch frischem Lande Die brüderliche Grabstatt schwillt. **) Hier liegt er, und ich schau mit tiefgebeugtem Blicke, Aus dem die stumme Wchmuth fließt, Auf ") Ein sehr gewöhnlicher Spaziergangbes seligen Man« neS war der Gottesacker , wo er seine dort ruhenden Freunde unter erbaulichen und rührenden Betrachtungen besuchte, und seine lebenden Begleiter von ihren Grabstellcn unterrichtete. ") Sein Bruder, Hcrr ff. L. Geliert, Oberpostcommis« sariuS allhier, starb in der vierten Woche nach ihm, und hatte sich bey seines Bruders, des Dichters Beerdigung , gleich sein Grab neben ihm zurechte machen lassen. «25 Auf diese fromme Gruft/ und denke dann zurücke/ Wer dieser war/ den sie umschließt. — Ach Gellern o wer kann gnug einen Geliert preisen? Nennt/ was nur gut ist; es ist hier; Den Dichter, Menschenfreund, den Christen und den Weisen, Des Himmels Lust, der Erde Zier! — Wagt' ichs nach Zähren selbst die Tugenden zu zählen, Die mit ihm unsrer Erd' entflohn; So würd' es immer mir noch an der Summe fehlen. Und doch weint eine Nation. Sie weint! Ganz Deutschland weint! Denn Geliert war ihr Dichter. So klang ihr noch kein Saitcnspiel: — Kein Tadel und Ein Lob l Ein Leser und kein Richter! Ein allgemein, Ein gleich Gefühl! — In jener Dichter Zeit hätt' einst auf seinen Lippen Sich Hyblens Biene früh geletzt: Von Grazien gewiegt, hätt ihm aus Aganippen Das Musenchor den Mund genetzt: Doch uns, uns ward von Gott der edle Mann gegeben, Sein Herz, wie sein Geschmack so rein: Er sollte durch sein Lied, er sollte durch sein Leben Uns Lehrer und Exempel seyn. — Die Wahrheit, die man stets in schmutzigem Gewände, Oft auch in ihrer Blöße flieht, Grll.Schr.X.TH. P Verlor 226 Verlor oft unter uns die Macht der sanften Bande, Womit sie Hcrzcn an sich zieht. Dort sahn wir sie geschmückt von Gay und La Fontaine», Und neideten ihr Vaterland: Da gab die Menschlichkeit ihm die Gewalt der Thränen, Die Fabel ihm ihr leicht Gewand. Er warst der Wahrheit um. — Nun prangte sie mit Zügen Des Reizes und der Harmonie, Und jedes öffnete das Herz ihr mit Vergnügen, Und drang heran und küßte sie. Und ganz Germanien, vom Thron' bis zu den Hütten, Das seinen Orpheus lieb gewann, Nahm Beßrung im Geschmack, mit ihm auch beßre Sitten — Vielleicht auch beßre Herzen an. Der Mütter erst Geschenk an ihre zarten Kleinen War Gellerts weises Fabclbuch: Sie lallten Gellerten, und lernten ohne Weinen, Und merkten seinen Sittcnspruch. — Du Knabe, wein' um ihn! — von Lieb' und Dank beseelet, Wein' deinen Freund, mein Mädchen, du! Wann du ihm stammelnd sonst aus ihm was vor- erzählet, Wie segnend lächelt' er dir zu l -— Dich, Dich, deutsches Lustspiel, sah mit Abscheu obre Gähnen Noch damals oft manch flttsam Herz: Dich lehrt er lächeln, dich die Freude sanfter Thränen, Dich Tugend und bescheidnen Scherz. Nun borgt es weiter nicht von Franzen oder Bütten Den Körper zu der deutschen Tracht:. Auf deutschen Bühnen sah man auch itzt deutsche Sitten, Und hatt' auf eigne Fehler Acht. —, Doch für ein solches Herz.warst du, o Welt, zu enge, Du, Menschenweisheit, viel zu klein! Nicht nützlich wollt' er bloß: durch heilige Gesänge Wollt er auch andern heilig seyn. Da warf er sich in Staub vor Gottes Throne nieder, Und flehte still um Geist und Kraft: *) Und der Allmächtige vcrnahms und hörte nieder, Und gab dem Frommen Geist und Kraft. Er fang. — So wurdest du von wenig Menschen- zungen, Gott, Mittler, und Religion, So geistreich, mächtig, schön, empfindungsvoll gesungen! Es sprach das Herz aus jedem Ton. P 2 So *) Er sagte selbst, daß er vor Verfertigung seiner geistlichen Lieder Gott inbrünstig um seinen Segen nngeru- fen habe. sr8 So hub cd durch Gesang viel tausend schwache Seelen Mit sich zum Sternenzelt' empor; Der Spötter selbst horcht auf, und gönnet den Befehlen Des Heils schon ein geneigter Ohr. Er wird gerührt, er glaubt an einen Gott der Götter, Erniedrigt sich in Staub, bereut, Und betet an und dankt, dankt Gellerten, dem Retter Durch eine ganze Ewigkeit. — Heil dir, o Gellertl Heil! Steigt von den Dank. altären Das Morgenopfer, dein Gesang Bis zu den Sphären auf, so dringt auch zu den Sphären Für dich des frommen Beters Dank. Ost schläft er mit dir ein. In deinem sanften Liede Zieht er der Engel Schutz herab, Und ruhet sanft und wünscht im Traume dem noch Friede, Der ibm die süße Stärkung gab. Ja du, du tröstest ihn in seiner letzten Stunde: Da stammelt er von dir im Tod' Roch einen Seufzer, stirbt mit Gellerten im Munde, Und so entfleucht sein Geist zu Gott. — Triumph, Triumph, o Geliert, dir! wie viele tausend Segen Flohn deiner eignen Seele nach! Wie viele flogen ihr vom Himmel schon entgegen, Als sie ihr morsches Haus zerbrach! Ja, o! wer sagt es mir, was töneten für Lieder Dann unter deiner Freunde Schaar, Den Engeln, Seligen, im ganzen Himmel wieder , Als deine Stunde nahe war? Und welche Lieder dann, als mit dir nun dein Engel Zur himmlischen Versammlung kam, Sie deiner Tugend Lob, die deiner Menschheit Mängel So mächtig überwog, vernahm; Und dann die Stimm' erklang von tausend frommen Zeugen: Dieß ist, - - doch, wo gerath ich hin? Mich schlägt ein blendend Licht zurück in tiefes Schweigen; Noch fühl' ich, daß ich Erde bin. Ich fühls! ich harre noch allein' bey Gellerts Grabe. Die Traurigkeit streckt über mir Die schwarzen Flügel aus, was ich verloren habe, Was alle Welt, seh ich nur hier? Ich seh des Jünglings Fuß zu jenem Lehrstuhl' eilen, Den vormals eine Welt umschloß, P r Und 2Z0 Und wo er/.Frömmigkeit und Tugend mitzutheilen, Den Balsam seiner Lehr' ergoß: Wo Helden oft im Krieg' den Greis und Jüngling saßen, Und — (für den Lehrer, welch ein Lohn!) Die Lorbccrcrndtc gern voll Friedenswunsch ver« gaßcn, Und menschlicher ins Lager flohn. Ich seh an deiner Thür' den lchrbegicrgcn Armen, Dem sie zur Zuflucht offen stand, Wenn er für Liebe Haß, Verweist für Erbarmen An eines Reichen Thüre fand. Ich höre Vater dich für ihre Söhne flehen, Ihr Vater und ihr Freund zu seyn: Und wer hat ungchört dich einen bitten sehen? Und welcher wagts, es zu bereun? Wer wagts, seit deinen Werth Germanien erkennet , Wann ihn die Muse hier genährt, Daß er sich nicht von dir noch einen Schüler nennet, Auch selbst, wenn dich sein Herz entehrt? — Ach! taub ist nun dein Ohr, die Thüren sind verschlossen , Der Lchrstuhl einsam und vermagst! Der Jüngling steht von fern, indem er überflössen Von heißen Thränen dorthin weist: „Ach dort! dort war der Mann./ der mich zur Tugend weckte, »Der mich der Thorheit Pfad' entriß, »Der LZl «Der liebreich seine Hand nach mir Verlaßnen streckte , «Und mieden Weg zum Himmel wies.« — Ja, Jüngling, er ist hin! Von vielem Jammer müde Ruht hier sein heiliges Gebein: — Der Fromme schlummre sanft! mit ihm sey Gottes Friede! Wie er, so schlummre jeder ein! Der Saamc, den er hier durch Lehren und durch Leben So hundertfältig ausgestreut, Wird sich auf Kindcskind zur schönsten Frucht Erheben, ^ Die noch in jeder Welt gcdeyt!- Ihr kleinen Zeugen, Ihr, der väterlichen Schmerzen, Welch Glück, daß Ihr ihn noch gekannt! Gekannt? Ach! nur gekannt! O säh' ich Eure Herzen Gebildet auch von seiner Hand! Sehr oft werd ich mit Euch auf diesen Hügel steigen, Und, wenn voll kindlichftohcm Muth Ihr junge Blumen pflückt, Euch unter Thränen zeigen, Welch heil'ge Asche drunter ruht: Die Asche Gellerm ists! Gott wohnt' in seinem Herzen, »Und Menschcnlieb' in seiner Brust; P4 „Gefällig rzr »Gefällig noch im Ernst und heilig noch im Scher« zm, War Wohlthun seine größte Lust. »Gefürchtet und geliebt vom Alter, von der In. grnd, »Galt ihm Religion und Pflicht »Weit mehr als eine Welt; und fand er keine Tugend, »So lobt' er selbst die Fürsten nicht." — Dann sollt Ihr beide mir auf diesem Grabe schwören, Der wahren Weisheit Euch zu weihn; In Gelierten nicht nur den Dichter zu verehren, Nein, auch so fromm, wie er, zu seyn. Auf 2Z3 Auf Gellerts Tod. Gesungen von Michael Denis, aus der Gcs. Jesu, Lehrer am kaiserl. königl. Kollegia Theresia«». So zogst dn die dürstenden Völker an dich. — Die Bicnenköniginn sammelt ihr zahllos Heer, Und führt es anf Wiesen voll Frühling Und jede vom Heere Kömmt honigträchtig zurück: So fetzest du den Söhnen Tcuts Die Süße deines Herzens in Bardenlchrcn vor! — Und dieses Herz durchgrub des Todes Stachel! Trauert, ihr Völker! trauert, ihr Söhne ' Teuts! Der Quell ist versiegt! der Frühling erstor- ben! Ein Jüngling war ich, und jeglicher Trieb Zur vaterländischen Bardcnkunst Lag noch in meiner Brust in zweifelndem Schlummer. Ich höre dein Lied, und jeglicher Trieb Entriß sich dem zweifelnden Schlummer. *) . Und horchet mir jctzo mein Vaterland, Und ihnen nur ältere Barden Ihr freundliches Herz auf, Und ) Das erste, was dem Barden aus der Hallerschen Epoche ;n Gesichte kam, waren Gkllcrts §abeln. LAS Und schändet meine Scheitel Den heiligen Eichenzwcig nicht, Dir bin ich es schuldig. O nimm, was ich vermag, Ein Lied, und Thränen! — Aber hinauf, Saiten! hinauf Zur hellen, himmelhohen Zukunft! Mein Auge durchstralet das Wintcrgewölk, Erblicket ihn, den satten Lcbcnsgast Unter den Barden der Vorwclt. Ein großes Erftehn Von allen Wolkensitzcn Dem Lehrer der Tugend, Dem Sltrenvcrbcßrcr, Dem Fcßlcr der Herzen, Dem holden, menschenfreundlichen Weisen. Wie dünnere Frühlingsnebel Von der gebührenden Flur, So schwindet die zärtliche Schwermuth Von dem Gesichte des Barden. Aus den Umarmungen ewiger Sänger (Ach nicht ewig für uns! Die neidigc Zeit Entriß uns ihre Sitten, ihr Lied. Ihr Lied in freyen Eichenhayncn, Ihr Lied im Mahle tapfrer Fürsten, Ihr Lied im lauten Schlachtgetümmel Unter bcmalctcn Schilden Hcrvorgcbraustl *) Au« ") S. den Lacittts von den Sitten der Deutschen. 37 Aus den Umarmungen dieser Sänger Blicket er lächlend herab Auf sein geliebtes, crdcwallcndcs Geschlecht, Und sieht sich von Enkel zu Enkel In seinen Gesängen hinwieder geliebt, verewigt; Und höret die Kinder der Fremden Am Rhein und am Po In ihren Zungen *) seine Lehren wiederholen, Und Deutschland segnen, dem der Himmel Einen Gellert gab. Also mein Lied zur traurigen Wintcrgegend. Aber du, Lüftchen! bist du noch hier Im blätterlosen Ahorngangc, So nimm dir die besten Töne daraus, Und decket der kehrende Lenz Den Hügel des Barden mit Blumen, Dann seufze sie nach in jenen Blumen, Derer Haupt am Hügel Schwerer und gesenkter ist. *) In französischen und italiänischen Uebersezunge«. Auf LZ8 Auf. Gellerts Tod von Carl Mastalier. Der Dichter und die Muse. Der Dichter. A7^as soll der Trauerflor an deinem Saytcn- spiel, Und im göttlichen Auge der Schmerz? Weh Deutschland dir! dieß gilt Einem Dichter der ersten Größe. Dle Muse. Ach sich das Sautenspicl des Dichters der Natur! Er entzückte durch seinen Gesang Den Istcr und die Spree; Selbst die stolzere Seine singt ihn. - Der Dichter. Wie? Geliert! — denn wer sonst kann dieser Dichter seyn — Ach! nur Gcllert — und dieser ist todt? Weh uns! O konntest du Die Unsterblichkeit ihm nicht geben? Die -39 Die Muse. - Unsterblichen Gesang lehrt' ich den Edlen zwar; Dich mir konnt' ich: unsterblich und schön Wie seine Sc le, bleibt Sein Gesang: doch der Leib ist ^ Asche. Der Dichter. O sammle fle, damit sie kein unheilger Fuß Einst entweihe, kein Nord sie verweh'! Und unter Blumen laß Sie so sanft, wie er lebte, ruhen. Die Muse. Des Dichters Nam' allein, der von der Urne stralt, Ganz durchflochten mit Lorbecrn des Ruhms, Gewährt ihm diese Ruh. Ost - und Nordwind muß ihn verehren. Der Dichter. Wem wird die Cyther jetzt, die unnachahmlich klang? O lind, Muse, Tcnts Söhne dir werth, Gieb keinem Nachbar sie! Er sah stolzer herab auf Deutsche. Die Muse. Sey ruhig! ohn' ein Herz so voll von Redlichkeit Weisheit, Tugend und Menschcngcfühl Wird ihre Saptcn nie Jemand, wär er auch Orpheus, spannen. Der 240 Der Dichter/ So glänze sie denn dort, wo Orpheus Leyer glänzt ! Heller, prächtiger glänze sie dort! In dem gestirnten Raum Blitzet leider! noch keine Deutsche. Die Muse. Im Tempel der Natur ist ihr der Platz bestimmt; Denn nur dieser gehört sie allein. Dort singt er künftig sie Ganz enthüllt in erhabener» Tönen. Der Dichter. Sanft war der Ton, den die Natur ihn treffen ließ. Seinen Wiedcrhall hörten wir kaum, Und dichteten ihm schon Deutsche Lieder nach, dir zur Ehre. Die Muse. Genug! mich ruft der Schmerz zu meines Lieblings Grab; Lange werd' ich dort weinen um ihn. Ihn ehret unser Lied Mehr dann fühllose Mausoläen. Der Der Greis bey Gel l eri Grabhügel. GeU. Schr. X. Th. Q -occickrt, occr'ck't o/iinr'5 et/o^ku/ra no/?^ I/omrrir5 — > — — mit Freuden stirbt der Wrift, Der, durch Religion und Lugend unterstützt, Wann schon auf seiner Stirn des Lobes Blässe sitzt, Nicht mit des Pöbels Furcht den Augenblick entweihet, Den grossen Augenblick, der unsern Geist befreyet, Der über Tugenden und wahren Heldenmuth, Und über ewig Glück gerechten Ausspruch thut» Lr geht voll Zuversicht aus diesem kurzen Leben, Obgleich noch Schatten sind, die seinen Pfad umgeben. Er weis, wohin er geht, sein Ziel ist Ewigkeit, Und ein versöhnter Gott ist seine Sicherheit. ?ey mir gesegnet, melancholische Stille, des tiefen Nachdenkens einsame Gebährerinn! empfang ihn noch einmal, den müden Wanderer, der bald, reif zu der grossen Erndtc der Ewigkeit, in die traurigen Gefilde des Todes hinabwanken, und der Verwesung entgegen schlummern wird — Schon nähert' ich mich dem Ende meiner Laufbahn; ein einziger Schritt war zwischen mir und dem Grabe; und ruhig glaubt' ich den entscheidenden Tritt zu thun — aber noch einmal muß Q 2 mein 244 mein mattes Herz unter den Streichen des Schicksals bluten; noch einmal treffen mich seine Pfeile, tödtlich treffen sie mich. — Hier in diesem einsa, mcn Haync, der Schwcrmuth und des Schreckens schauderndem Aufenthalte, hier, in der unent- wcihtcn Wohnung schon langst vermoderter Barden, deren ehrwürdiges Saitcnspicl der Tugend und der Unsterblichkeit erklang, hier will ich weinen. Hingelchnt an das traurige Grabmaal meiner glücklichern Gattinn, will ich klagen und weinen, bis sich mein Herz, zu schwach für die Genesung, verblutet — Sie sind alle dahin, die Freuden meines Lebens; in ihrer schönsten Blüthe verwelken sie mir. Nur eine hub noch am zitternden Stengel ihr unschuldiges Hauvt empor; sie war die schönste. Bey jedem Morgen lächelte sie Ruhe in meine bebende Seele hinab; oft eilt' ich zu ihr, wann die Schwcrmuth ihre schwarzen Flügel über mich ausbreitete, und schon der eine Fuß am schwindelnden Abgrunde der Verzweiflung stand und zitterte; und ihr Anblick vertrieb die Wolken von meiner Stirne, und goß jugendliches Feuer in die erstarrten Adern. Aber auch diese ist verblüht; ein Sturmwind zernickt' ihren Stengel. O könnte mein Blut sie beleben! Freudig wollt' ich es auf ihre Wurzeln hcrabtröpfcln; und mein Tod sollte sie beleben.— Aber umsonst, Er ist dahin, der beste Mann, der Freund des menschlichen Geschlechts , Er ist nicht mehr; Er ist zu seinen Vatern gcsammlet, der wär' Unsterblichkeit der Tugend Bc'vh- »45 Belohnung auf Erden, unsterblich leben würde — Dornen, blutbcsvitzte Dornen keimen mir itzt da, wo sonst Roscir lächelten. — Trüb und dunkel ist der Olymp, wann die Mitternacht in schwarzer Majestät ihren bleycrncn Zepter empor hebt, und der Mond sein silberfarbnes Antlitz in Schlcyer verhüllt; aber trüber und dunkler ist meine Seele. Schrecklich wütet der Sturm auf dem Meere, wenn ein Todcscngel auf ihm zum Verderben einer sandigen Küste cinhcrzicht; aber schrecklicher wütet er in meinem Busen. Noch einmal will ich den fürchterlichen Gedanken denken, in seinem ganzen Umfange denken, ehe mein Geist vom kraftlosen Körper zur Unsterblichkeit sich loswindct; klagen will ich den Liebenswürdigsten der Sterblichen, bis meine Lippen erstarren. — Ausgesendet vom strahlenden Throne der Gottheit, führt' ihn sein Schutzengel zu uns; früh fühlt' Er Seine große Bestimmung, das Glück Seiner Mitbürger, der Wunsch der Well zu werden; und früh glänzte Seine Seele in ungeschminkter Schönheit, schön wie die Tugend und Unschuld. Umsonst winkten Ihm Verführung und Laster; umsonst thürmten sich Gcbürge des Unglücks wider Ihn empor; umsonst durchwühlten Krankheit und Schmerzen sein letztes Gefühl; fest stand Er da, wie der Fels in den Stürmen des Oceans. Weit strahlten Seine Tugenden umher, wie die Stirne des heiligen Moria, wann die Opfer der Versöhnung entbrannten; und unbemerkt wirkten sie auf die Sitten Seiner glücklichen Q ; Zuhö- Zuhörer. So liegt die kleine Mole unter den Blumen des Feldes verborgen; aber sanfte Gerüche entströmen ihrem Kelch, und stärken den arbeitsamen Landmann. Von seinem Fürsten geliebt, vom Vatcrlande verehrt, von fremden Nationen bewundert, wandelt' er auf der rühmlichen Bahn des Dichters, des Lehrers, des Christen zu der Unsterblichkeit. Pflicht war die Triebfeder Seiner Handlungen; der Stolz Seines Herzens Religion. Sanft, wie ein Bach, der unter dem Schatten dankbarer Bäume, deren Wurzel er nähret, zwischen lachenden Wiesen melodisch dahinriesclt, flössen Seine Lippen von Beredsamkeit über, wann Er den flüchtigen Jüngling in dem Schoosse des Lasters erblickte; unwiderstehlich, wie Moshcim und Spalding, riß Er die tauschende Binde vom bczauberten Aug' hinweg, entlarvte das Laster, und führte den irrenden Jüngling zur Tugend zurück, die unter Seinen Händen in neuer Schönheit hcrvorgicng. Nickt die mürrische Miene des finstern Pedanten trübt' ihr göttliches Antlitz, wann Sein Pinsel sie zeichnete; nein, liebreiche Majestät, mit Sanftmuth vermischt, lächelt'aus dem gefälligen Auge. Gewiß war dann ihr Sieg. Sanftes Feuer ergoß sich in das Herz des folgsamen Jünglings, wann er in diesem Glänze sie sah; und entbrannt hicng sein Blick an ihrem Blicke. 5?a, Lugend, wann du dich den aufgeklärten Blicken In diesem Reite zeigst, wer liebt nicht mit Entzücken? Ganz Gaur rein, ganz himmlisch ist die Schönheit, die du zeigst, Die auch durch Schatten bricht, und redet, wann du schweigst. Das Laster selbst erkennt in glänzend schönen Zügen Dich auf des Weisen Stirn. Dich sehen, ist Wer» gnügen: Der Vater der Natur steht mit Zufriedenheit Auf eine Seele hin, die sich dir ganz geweiht. Voll Eintracht unter sich, sind ihre stärksten Triebe Der Ordnung Unterthan; und ihr Gesetz ist Liebe. Gemeine Seelen sind ein Chaos r aber sie, Den Engeln Gottes gleich, ist Licht und Harmonie. Zum grossen Ganzen stimmt ihr reingestimmter Mills. Nur außer ihr ist Sturm; in ihr ist holde Still«: Kann ihrer Freude Quell in dürrem Sand verfliegen? Auf jede gute That folgt göttliches Vergnügen, Das über unser Herz mit reiner Klarheit strahlt, Und sein entzückend Bild auch auf die Stirne mahlt *). Hoch *) Man wird mir diese au- den Gedichten des Herrn Utz entlehnte Beschreibung vergeben, da sie so viel Aehnliches mit dem Charakter unsers Herrn Prvf. Sellerts hat. Hoch ragt' Er über seine Mitbürger empor, wie die Ccdcr auf Libanon. Aber sie ist gefallen/ sie ist gefallen, die mächtige Ccdcr; thränend sahen die Völker ihren Fall, und trauerten. So klagt' Adrast, der tugendhaften Sterblichen einer. Dem städtischen Getümmel entrissen, durchlebt' er den Rest feiner Tage in unbekannter Einsamkeit. Eine Höhle des Waldes, von der Natur in einen Fel, fen gegraben, an dessen Seite die Urne der besten, der zärtlichsten Gattinn ruhte, war feine Wohnung. Schmachtend sah er hier dem Wunsche feiner See, lc, dem nahen Tod', entgegen. Düstrer als die Nacht war seine Stirne, als in dunkler Entfcr- nung der Fußtritt eines Wandrers ertönte. „Bist du es, seufzt' er laut, bist du es, gütiger Weg, weiser zu der Unsterblichkeit? Bist du der Verbothe des Grabes? O säume nicht länger! komm, eile, leite mein rudcrloscs Schiff in den längst gewünschten Hafen. Deine Schrecknisse rühren mich nicht. Ich sehe die furchtbaren Spuren der Verwesung in deiner Miene; aber ich zittre nicht. Nennet ihn nicht grausam, betrogne Sterbliche: er ist ein wohlthätiger Sämann; er legt das stcrb- iiche Korn in die mütterliche Erde, daß es zur Unsterblichkeit aufwachse. Nennet ihn nicht Tod; er ist der Anfang eines seligen Lebens?' Aber er war es nicht, der Böthe der Natur; es war der Schutzengel Adrasts. Er hatte feine Thränen gesehen ; sie hatten sein Herz gerührt. Eingehüllt in die Gemalt eines reisenden Jünglings kam er, (ihm (ihm hatt' es der Ewige erlaubt,) lindernden Balsam des Trostes in die aufgerißnen Wunden zu tröpfeln. „Wer bist du, Wanderer? ruft' ihm Adrast entgegen: Was führet dich in diesen heiligen Hayn; er ist der Schwermuth geheiligt; und noch nie hat ihn ein Sterblicher betreten." Dort, von jenem Grabe, antwortete der Jüngling, bey dem die Tugend und ihre Verehrer aus vielen Ländern weinen, von Gellerts Gruft eil' ich zurück." — „O! hast du Ihn sterben gesehen, den besten der Sterblichen? Schon längst fliesten Ihm meine Zähren; nie, nie sollen sie vertrocknen" — „Ja, ich habe Seinen Tod gesehen, den Tod des Gerechten. So wie Er, sterben nur wenige Sterbliche; so heldcnmüthig trank kein Sokrates den Tod aus dem Giftbecher. Ruhig sah Er der Verwesung entgegen; Er, dessen ganzer Werth nur Wenigen bekannt war. Freudig, wie der Seraphim einer, sah Er auf seine Freunde; sie weinten an Seinem Lager. Weinet nicht, sprach -Er mit halbcrstorbncr Stimme; weinet nicht, wann ihr mich liebet. Ich habe genug gelebt; die Welt hat ihren Theil, bald wird die Erde den Ihrigen auch empfangen; und meine Seele, meine unsterbliche Seele — Gott, wer kann die Wonne fassen , wer kann sie würdig genug aussprechen, die Seligkeit, die deinen Knechten vor dem Anfange der Zeiten bereitet ward, die mir itzt winket? Dort, senscits der Gräber, eröffnen sich lachende Scenen, Scenen einer seligen Ewigkeit. Dank sey dir, Q; allgü- SZo allgütiges Wesen, daß meine Wallfahrt vollendet,, das Grab mir offen ist, ehe dann die Sonne und das Licht, Mond und Sterne finster werden, und Wolken wiederkommen nach dem Regen; ehe die Hüler im Hause zittern, und sich krümmen die Starken, und müßig stehen die Müller, daß ihrer so wenig worden ist, und finster werden die Gesichte durch die Fenster; ehe die Thür' auf der Gassen geschlossen wird, daß die Stimme der Müllerinn leise wird, und erwachet, wenn der Vogel singet, und sich bücken alle Töchter des Gesanges , daß sich auch die Hohen furchten und scheuen auf dem Wege; ehe der Mandclbaum blühet, und die Heuschrecke beladen wird, und alle Lust vergehet; (denn der Mensch fähret hin, da er ewig bleibet, und die Klägcx«^chen umher auf der Gassen.) Ehe denn der silberne Strick wegkomme, und die göldcne Quelle verlaufe, und der Eymer zerlechze am Born, und das Rad zerbreche am Born. Denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist: und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. *) Ein Gott regiert die Welt! Wir wissen dieß aus Gründen; Was die Vernunft errieth, hieß Gott gewiß ver. künden. Er *) Man wird diese unnachahmliche Schilderung des ho- hcn Alters aus der Schrift, in dem Munde eines GellertS nicht als ungewöhnlich ansehen, wenn ma» ihn von der Heile -«§ Christen gekannt hat. - 5 ! Er führt uns bey der Hand die angewiesne Bahn: In Demuth betet ihn und seine Führung an." So sprach der Jüngling, und verschwand. Ein Heller Strahl, und süße Gerüche verriethen ihn. Ehrfurcht und heiliger Schauer faßten itzt den redlichen Greis; aber bald giengcn sie in sanfte Empfindungen der Ruhe und Freude über. Ss verlohr sich einst der große Vater der Gläubigen in süsser Entzückung, als die drey Männer des Himmels im Hayne zu Mamre ihr göttliches Antlitz enthüllten. Hingerissen von ungewohnter Empfindung, ergrif er die verwaiste Leyer, und sang: Er ist dahin, und alles ist Todt, öde, leer umher; Der Dichter, Menschenfreund und Christ, Und Lehrer ist nicht mehr. Er ist nicht mehr, der Nation, Der Völker Wollust — Er —- . Hört die Natur, mit mächt'gem Ton Ruft sie„Er ist nicht mehrt » Hier ruht Sein Staub, hier liegt Er, hier, Entstellt, blaß wie der Tod; Der Jugend Führer, Freund, und mir Ein Schutzgeist und ein Gott. Kommt, Völker, mit zerstreutem Haar, Kommt, tretet an Sein Grab; Kommt, weinet, von der Schwermuth starr, Auf Seine Gruft hinab! Fühkt Fühlt ihr den Schmerz, den mächtgen Schmerzr Zermalmt, zerfleischt er klick? Er ist es werth; Sein edleS Herz War Engtln Gottes gleich. ^ > ' So groß, wie Er, ist nicht der Held, Der fest wie Felsen steht, Mit Muth im Vordcrtrcffe» fällt, Dock erst auf Feinden geht. Harmonisch, wie der Schöpfung Plan, War^.S>ineS Lebens Lauf; Ihn sühne Pflicht die steile Bahn Der Ewigkeit hinauf. Groß war Sein Ende, groß wie Er, Groß, wie dcS Christen Pflicht; Froh sah Er noch einmal umher, Und sagte: »Weinet nicht." So starb einst SocrctteS, so schön Von edlem Muth entflammt Sah ihn Alben zum Lode gehn, Athen, das ihn verdammt. Auf, Dichter, euer schönstes Lied Sey Seinem Ruhm geweiht l Dock nein, weiht ihm nicht euer Lied: Ihn singt die Ewigkeit. VeMickniL 6er Ugmen von 6enen Soennern unä k'reunäen cles ülerrn Professor Oellerts, äurek xvelelrs Ikm äieles Nonument In äer 8t. ^okrmiNL-Lnrclie 2u I_eip2i§ eri'Iclitet xvuräe. L-Trrrrrierr rr?r7 r/F,^r7i§er vorr Tr'ie^r'ic/r Larrrrre/ Lrr/r/^§e/rr. 7! 7ra» 6i"ä'7?r Ermatt vorr Tlia/rLrr. Tr'arr 6r ä/?rrvorr 7ÄLi/rrrr?r, V.77o7^arr. Mrc/eL. TT^ir/marrrr, irr 7er^Li§. 77er'r' DoK'or- ^ie/, irr 7kr/?Lr>. rrorr ^ai'orro/, «irr/ O^/i/arr^. irr 71eyrLi§. rrorr 7o^r, am 7r7/arr7. ^rvrrrr, /T^r-'^tirr irr /Tä^/rarr. Frrrv/rai'ri, irr /TarMarr. ^är'Ae?', irr TTar^/a/rarr. Orör'iF, irr 777??/i/rr?rr. D,'o//, 7l7rr'rrL-7err7arrk irr 77arTc/rarr. Orrrrrrrr??' - 7?at/r rirr 7io/c, irr 7er^L?Z. rirr 7o«i', irr 71ei/-Li§. TleMtiorrr'-T^ai/r T^r'rr/?, irr 71orr7orr. 7rrr7r?i/Lrr, irr 7iki^Li§. Tr/^/re-', irr 7.orr7orr. OnmMi'-^at/r Trv/o-F, irr 71er^Li§. 6?'Nk/e, irr 71kr^Li§. 6. 6w^Lr', irr 7e?/7L7§. rrorr 77?/r?r, am Lrrr7arrri. 77arr/e?r, irr 7ei^Li§. rrorr 77^/rrrer^rr, arri rrorr 77o/re?ri/ra/, irr 7ici/)Li§. T/o/iL/rarr/er', irr ^är^/rarr. Oöer'-TTr/i/ecr'eiair^arr/Trn, irr /7rr?)7/r.^, rrorr 77o/r/, aa/ /.r'eMrrr/. si!. /LÄ/iL, irr 7er^si§. 77»^/, irr ^ar^/c/rarr. Oöer'-7o/?-t7o?rrr,ri/7 76r7r?r, irr /7« , 6. 77 7amt/r, m 7^Li§. . Ttä/rrrer' rrrr^ Loärr, irr 7,er^rLi§. Tlck/rr', irr 7-Fi^Li§. Tiai'orr rrorr 7öiaerr/?5r'?r, am 71ie/iair7. 7oere'k, La^/xr' irr A^rr^/c/rarr. 6err^r'a/ - 7o^-7)ir^K'or' Mrr/c7a// von 7ieöer^/?mr, irr /Trrr'/i/rarr. 77/r/io-, La^v irr 777rrMarr. ^ar'orr vorr Msrr§7k?r, am 7is/?arr^. T'arr/ö/r, am 77a»rörr?'§. ^eio/r, irr 7,ei/iLi§. t?r^rr 7?rverr^/arr, am 7)arr?rer?rar7. ^r/o/^/r 7ic/r^v, 1 La/^rar' 7ic/rtk?^, L7r?'i/?o/r/r7ic/rter', 7?'ierir'ic/r 7io/rter, < ^ T^ter 7ic/rt5r', ^ 77rornar- 7ic/r^?' ^ e/-. L-c/r>. l?am. K. Far'orr vorr 7?i/c/r, arn ^>-r. rrorr 7oc/rorr7, vorr 7'e^/rarrL. t5att/L?', irr /7rr?)^/rarr. tV/rririr^, arr/ DarrLi§. (7/rr'. 77. Lc/?mi7i, ^ irr 7ei^Lr§. 7c/r?rri7i, 7 irr 77^rr'i§. vorr Tc/rrrrri'öeirr, irr Loi/r^rr. MmL-Mr/er' A/rEer-, irr /T^rrMW. irr /.K^Lix N'kit/c/r^, /7a/7/rrrie?', DoKor' /7^>?r7/er', ^ 77oKor' 77k?r7i, irr Oä'rrMmar-H. (rot^ie^ 77^i-r^/ei', irr 7tt^Li§. 07s?' - 7o/? - Lorrir-o/krrr- xÄrr/rrrkrvrrrrM, irr /77r?^/rarr. 77o/-^arrr?rci/ie,' ^rr§/r, irr /TarMar!.