M a l w i n a oder merkwürdige Begebenheiten eines interessanten Mädchens. Äem Französischen frei nachgebildek. - Berlin, 1797. Bei Carl Ludwig Hartmann. 2 - , i-- Vorerinnerung. ^^en Gang des Romans, welchen ich hier dem Publikum übergebe, nahm ich zum Theil von einer bekannten französi« schen Schriftstellerin, der Lassan. Ob sie in ihrer Erzählung eine wirkliche Person L IV zum Grunde gelegt habe, oder nicht? kann gleichgültig seyn; dem Leser, der die Steifheit und Unnatürlichkeit der alten französischen Romane kennt, darsich wohl nicht versichern, daß ich nur hie und da wegen der Intrigue ihr Buch zur Hand nehmen konnte. — Es sollte mich freuen, wenn mein Werkchen sich durch seine Simplicitat empföhle. Ich habe sie stets zu erreichen gestrebt; aus diesem Grunde die unnützen Conjunctionen und Verbindungöpartikeln vermieden, und nie der Fantasie zu vie- len Spielraum gegeben. I7ne imaZinarion ekalreä pröcixire leg kemmes äans öss assreux §§aremens , sagt Diderot.— Die Lectüre der Romane giebt dem Geiste -er Weiber vorzüglich dann eine schiefe ^ Richtung, wenn die Fantasie des Schriftstellers sie in eine idealische Welt verseht, und sie völlig dem Kreise entreißt, worin sie leben und wirken sollen. Dies habe ich zu vermeiden gesucht, und wenn nicht immer wahr, doch wahrscheinlich geschrieben. Freilich ist die Liebe gleichsam -ie Achse, um welche sich das Ganze dreht, aber dies ist sie ja im menschlichen Leben. VI 1 Ueberdem gründet sie sich in meinem Bu. che stets auf edlere Empfindung; wer könn» te eine solche Liebe tadeln? — Berlin, im Februar 1797. Th. H—-n. Malwina M a l w L n a oder merkwürdige Begebenheiten eines interessanten Mädchens. A )are eine vornehme Abkunft zu großen Verdiensten hinreichend, so könnte ich mich wegen meiner Ahnen eines nicht unbedeutenden Vorzugs rühmen. Wenig Familien in der Normandie waren so groß und berühmt, als die, von welcher ich entstamme. Mein- Vater war einer der angesehensten Männer in der ganzen Provinz. Aus diesem Grunde wäre es ihm leicht gewesen, eine den Wünsche» seines Vaters gemäße Parthie zu treffen, hätten nicht beide Theile hiebei ganz verschiedene Neigungen gehabt. Der Vater ließ sich allein durch Eigennutz und Ehrgeiz bestimmen, der Sohn wollte hingegen von keiner andern Wahl hören, als welche ihm die Liebe selbst darbot. A- 4 Ersterer hatte wegen seines hohen Akterö schon langst vergessen, was Liebe fty? letzterer war viel zu jung, um die Vortheile des Eigennutzes einsehn zu können. Man mochte ihm daher die bedeutendsten Parthien verschlagen, er blieb gleichgültig; Eleonore La Nivicre hatte ihn zu sehr gefesselt. Dem Leser wird eine kurze Schilderung vou ihr nicht unangenehm seyn. Es ist meine leibliche Mutter, könnte man mir es versenken, wenn ich gern dabei verweile? — Eleonore La Niviere war braun und schön. Mit einer Mittelgröße verband sie den treulichsten Wuchs. Eine wohlgewölbte hohe Stirn, schwarze und große Augen, ein kleiner belebter Mund, eine vollkommne Reihe der feinsten und weißesien Zahne, ein freundliches Lächeln in den Gesichtszägen bestimmten die außer» Vorzüge eines Frauenzimmers, bei der die inner« Vortreflichkeiten bei weiten das Ueberge- wicht hatten. Die lebhafteste Fantasie stand mit der Sanftmuth ihres Characters in der schönsten Vereinigung; alle ihre Handlungen oder Musterungen gaben Gelegenheit, sie zu lieben und zu bewundern. 5 > Dennoch hatte sie von dem Schicksale viel i zu ertragen. Kaum zehn Jahr alt verfolgte ^ ihre Eltern ein schweres Unglück nach dem an- " der», sie kam in die unglücklichste Lage und r mußte zu der Gnade einer Tante ihre Zuflucht e nehmen. Fräulein von Ormond war das Muster eines strengen Frauenzimmers bei Be- urtheilung andrer Menschen, sie selbst folgte gern ihren natürlichen Neigungen, und wußte sich manches zu Gute zu halten. — Bei ihr sah der Graf von Ferval zuerst seine künftige Gattin, er sah und — liebte sie. Was y- war nun nöthiger, als sich einen Zutritt z bei ihrer Erzieherin zu verschaffen? Weit cnt- - fernt, sich von den damit verknüpften Schwü- , rigkeiten abhalten zu lassen, belehrte er sich ge- n nau von dem Character der Ormond. Am , ersten meinte er seinen Zweck zu erreichen, ^ wenn er eine Zuneigung für sie zu haben, sich stellte und hatte sich nicht geirrt. — Seinem ^ guten Aeußern dankte er den freien Zutritt im ^ Hause; nach dem Wunsche der Ormond und ^ ihrer Pflegetochter kam er nie zu oft, und ^ blieb nie zu lange. Endlich wurde der Verliebte den Zwang einer Verstellung überdrüßiz, A z 6 und benutzte die erste Gelegenheit, Eleonoren von seiner Liebe zu überzeugen. Er fand sie schon überwunden, aber die glückliche Ausführung ihrer Wünsche blieb den größten Unannehmlichkeiten unterworfen. War gleich das Fraulein aus einem alten Hause, so hatte sie doch kein Vermögen. Dies bestimmte schon einen Hauptfehler in den Augen seines eigennützigen und ehrgeizigen Vaters, sie sahn daher, um allen fernem Hindernissen zu entweichen, kein andres Mittel, als — sich heimlich verbinden zu lassen. Man machte alle mögliche Anstalten, und das Fraulein La Niviere wurde nuN — eine Frau von Ferval. Der Nus von dieser Verheirathung breitete sich bald so aus, daß er dem alten Vater des jungen Ehemanns zu Ohren kam. So heftig er darüber erschrack, so zornig wurde er. Er ließ sogleich den Sohn zu sich kommen, suchte ihm auf alle nur mögliche Weise Furcht einzujagen und wollte ihn zu dem Entschlüsse bewegen, der geschloßnen Verbindung zu entsagen. Bald bewiest er ihm die größte Zärtlichkeit, bald drohte er ihm das 7 schrecklichste Schicksal, er vergaß nichts, um ,hn zu bestimmen. Aber alles war vergebens. Der Sohn warf sich zu seinen Füßen, benetzte sie mit seinen Tlwanen, und bat ihn tausendmal)! um Verzeihung. Sein Her; war von der zärtlichsten Liebe erfüllt, er machte seinem Vater von seiner jungen Gattin die lebhafteste Schilderung, und suchte durch die tiefsten Erniedrigungen, und durch unablaßiges Bitten dm höchst Erzürnten zu erweichen. Dennoch erreichte er nicht seine Absicht. Der Alte wiederhohlre seine ernsten Bedrohungen, und versicherte ihm, daß er alle Kräfte anwenden würde, die Scheidung zu bewirken. Jezt gerietst Ferval ganz außer sich, und da er sich bis jetzt gedemüthigt hatte, so redete er nun seinen Vater auf eine Art an, die es ihm beweisen konnte, daß er sich vergeblich besire- ' 'ben würde, ihn von seinem Entschlüsse zu entfernen. Nein! mein Vater! Nie werde ich über meine getroffne Verbindung schamroth werden dürfen. V?eine Gattin stammt aus einer Familie, die der unsrigen an Vorzügen nicht weicht. Es ist wahr, das Schicksal versorgte A 4 8 sie nicht mit Gütern, aber macht sie dies weniger schätzbar und liebenswürdig? ist es denn eine Schande, keine Neichthümer zu besitzen? und kann nur eine Gleichheit des Vermögens das eheliche Glück bestimmen? Nein, mein Vater! Sanftmuth und Liebe — dies sind die kostbaren Schatze, welche meine Gattin überflüßig besitzt, sie müssen für mich einen größer» Werth haben, als wenn ich ohne sie Millionen erhielte. Zum Lügner würde ich werden, wenn ich Ihnen verspräche, mein Liebstes auf der Welt auch nur im mindesten zu verletzen, und das eheliche Band, womit mein Glück verknüpft ist, wieder aufzulösen. . ,Wir werden es schon sehn, fiel der erzürnte Alte ein. Du kennst meinen unbeweglichen Sinn, geh aus meinen Augen, ich gebe dir drei Tage Frist. Finde ich dich nach ihrer Derfließung noch abgeneigt, so kannst du die empfindlichste Rache gewärtigen. Du hast dich von blinder Liebe Hinreißen lassen, nimm daher meinen treuen Rath an, bedenke, daß die kürzesten Fehler am leichtesten zu verzeihen sind. — Der junge Ferval kannte zu sehr die über- aus große Härte seines Vaters, als daß er sich, ihn zu besänftigen, hätte Hofnung machen können. Nichts war nöthiger, als der unversöhnlichen Rache-dieses im höchsten Grade erzürnten Mannes in Zeiten vorzubcugen. Die Liebe bot ihm gleichsam die Flügel dar, um geschwinder zu seiner verehrten Gattin zu kommen; aber wie? — er erblickte stein Thra- rien. Traurig hatte sie ihr Haupt auf den Arm gestützt, ihre Blicke wandte sie zur Erde. Mit ihrer atlasweichen Hand trocknete sie sich die Thranen ab, welche in Strömen ihrem schönen Auge entflossen; tiefe Seufzer gaben den innigsten Schmerz ihrer Seele zu erkennen. Grausames Schicksaal! so klagte sie — hörst du noch nicht auf, gegen mich zu wüthen? ist es denn unmöglich, von deinen harten Verfolgungen frei, zu sein? Entreißest du mich nur deshalb einem kleinern Unglücke, um mich in ein größeres zu stürzen? — Schrecklich! Kaum ist der Augenblick vorüber, da ich mich in einer götterahniichen Zufriedenheit befand so bin ich wieder die Unglücklichste auf der Welt. Kann ich ohne Kummer daran denken? O der schrecklichen Trennunginniggeliebter Gemahl! A ? Nein! das Unglück ist nicht zu ertragen, nur. der Tod sott mich von dir, o mein Leben! ent-, fernen. Die zärtlichste, die reinste Liebe verband unsre Herzen, was könnte uns trennen? nur der Tod, der Tod. — Vielleicht hätte sie ihre Leiden noch mehr ausgedrückt, aber der Graf, welcher beinah ganz außer sich war, fiel ihr in die Rede. Was wiederfuhr Dir! meine theure Gattin! woher die Traurigkeit, die Du so stark empfindest? Sprich und erzähle mir dein Unglück; bin ich gleich nicht im Stande, es von Dir zu nehmen, so kann ich es Dir doch kragen helfen. Jetzt schlug sie ihre Auge» auf, sie sah mit zerstörtem Blicke ihren Gatten, wie ihm die Zähren häufig von den Wangen rollten. —> Ohnmächtig fiel sie ihm in die Arme, kalter Todesschweiß umgab ihren Körper, sie wurde bleich, ohne Leben und Bewegung. Erhob sich auch einmal da§ Auge, so schloß sie es sogleich auf eine Art, die befürchten ließ, sie würde es nimmer wieder öfncn. — Welch ein Anblick für einen'Liebenden! Er hatte nun keinen Trost mehr, und befürchtete, die Hälfte seines Lebens zu verlieren. Christine, ihre treue Dienerin, brachte es durch gute Mittel so weit, daß ihre Gebieterin nach zweistündiger Ohnmacht wieder zu sich kam, und zu reden versuchte. — Ach! laß uns fliehn, geliebter Graf! Meine Ruhe, mein Leben, meine Ehre, alles ist in Gefahr. Meine Erzieherin ist gegen mich eine wüthende Furie, die mich vertilgen will. Sie hatte auf Dich verliebte Absichten, und nun hat sie die Schande, sich von Dir getauscht zu sehn. Aus ihrer großen Neigung zu Dir kannst Du die Größe jhrer Wuth bestimmen. Je verliebter Du sie machtest, desto eifersüchtiger und erzürnter ist sie auf mich. Ach! leider nur noch zwei Tage, und eine betrübte Einsamkeit wird mich von Dir auf ewig trennen. Dies, mein Theure- ster! die Ursach meines Kummers, dies das Ungewitrer, welches über meinem Haupte schwebt. Vielleicht befindet sich die Grausame schon bei Deinem Vater, um mit ihm unsre Trennung zu verabreden. Wie mag sie sich freuen, mir bei meinem Unglücke trotzen zu können? Laß uns eilen, bitte ich Dich noch einmal. Nicht die Hofnung, ein beneidens- werthes äusseres Glück zu machen, bestimmte rr mich zu einer Verbindung mit Dir, eine von allem Eigennutz entfernte reine Liebe heiligte unsren Bund. Ich ehre kein Vaterland, als das, worin ich Dich vollkommen frei als zärtliche Gattin umarmen kann. Glaubst Du nicht, theure Eleonore, erwiesene der liebende Graf, daß meine Ehre, meine Betheurungen, mich nicht auf denselben Gedanken führten? Eine Flucht ist um so nö- thiger, da Du nur einen Theil unsres Unglücks kennst. Die Rache meines Vaters droht uns noch mehr Gefahr, als die Wuth der Ormond. Sein Zorn bricht schon in die stärksten Drohungen aus, sie sind aber nur die Vorläufer eines mit Blitz und Schlag bald entbrechenden und tödtenden Ungewitters. Es war mir unmöglich, ihn zu besänftigen. Sein Ansehn, seine Verhältnisse, alles macht ihn sicher, er werde seinen Zweck erreichen. Er setzte mir drei Tage Zeit, mich seinen Befehlen zu unterwerfen, aber — England ist ein Land der Freiheit, hier wollen wir das Glück finden, was unser Vaterland uns nicht gewähren wollte. Es fehlt mir dort nicht an mächtigen Freunden. Ihre Hülfe wird uns zu statten rz kommen, das Ende unster Leiden Mit Gelassenheit zu erwarten. Um inzwischen unsren Plan gehörig auszuführcn, ist Verstellung nothwendig. Allerdings wird es einer edlen Seele schwer, sich so tief zu erniedrigen, inzwischen mußt Du Dich schon durch die Noch bestimmen lassen. Bilde der Ormond ein. Du bereuest Deine Lhorheit, Deinen jugendlichen Leichtsinn, und überlasse Dich ihrer Führung. Die Ucberfahrt, wodurch wir unserm Unglücke «ntfliehn, ist nur kurz; bald werden wir Englands Küste erblicken. Sei auf das erste Zeichen in der folgenden Nacht bereit; Freiheit! oderTod! — Lebewohl, ich verlasse Dich ungern, aber ich muß, um Dich bald nimmer zu verlassen. —> Wie erstaunte nicht die heftig erzürnte Ormond, da sie bei ihrer Zurückkunft ihre verhaßte Nebenbuhlerin nicht mehr so betrübt antraf, als sie sie verlassen hatte? — Woher diese Veränderung?, so fragte sie mit einer Stimme, die ihre Bosheit hinlänglich anzeigte. Wahrscheinlich ließest Du Dir von Deinem jungen Gemahl die Thranen abtrocknen? Schwur erDir etwa von neuem seineLiebe?— Aber warum bemüh n Sie sich, geliebteste Tante, erwiederte die Gräfin, meinen Schmerz zu vermehren? Der Graf wußte sich einen Weg zu meinem Herzen zu bahnen, er bot mir seine Liebe an, und ich — ich war schwach genug, mich durch falsche Versicherungen berücken zu lassen. So eben sprach ich mit ihm, und — warum sollte ich cs Ihnen, die ich als Mutter verehre, laugnen? — ich traute seiner Liebe mehr Beständigkeit zu. Aber ach! die Furcht, einem Vater misfällig zu werden, siegte über seine Neigung zu mir. Der Niedrige sucht mich unverantwortlich zu bereden, ich mögte in die Trennung unsrer Ehe, welche doch mein ganzes Glück bestimmen sollte, einzuwilligen mich geneigt finden lassen. Ich gestehe es, diese strafbare Gleichgültigkeit bewirkt es weit ehr, als alle Ihre harte Drohungen, ihm die Treue nicht zu leisten, welche ich ihm gutmü- thig und unvorsichtig versicherte. — Recht so, meine liebe Tochter, antwortete die Ormond, mi^ einer Mine, die ihre Zufriedenheit bezeichnet?, ein Mädchen muß stets das Beste und Vernünftigste wählen. Du glaubtest, daß man durch Schönheit ganz allein sein Glück in der Welt bestätigen könnte, ohne nöthig zu haben, es durch andre Vortheile zu unterstützen. Bedenke aber, Du hast keine Hofnung, ein Vermögen zu erlangen. Deine vor einigen Jahren gestorbnen Eltern, hinterliessen Dir nichts als Schulden, wie konnte man vermuthen, der Vater des Grafen würde eine solche ungleiche Heirath billigen? Doch genug hievon, dem Himmel sei Dank, daßerDirso viele Vernunft gab, durch Neue deinen Fehler wieder gut zu machen. Wir wollen morgen darauf denken, wie D« am leichtsten die Alleinbesißerin deines Herzens werden und wieder das Glück empfinden kannst, dessen Genuß dich vor deiner Verheirathung erfreute? Ich verlasse Dich jetzt, lebe wohl, ich bin so müde, daß ich mich zur Ruhe begeben muß. Diese Entfernung konnte zu keiner gelegenem Zeit kommen, als eben jetzt. Die junge Gräfin bedurfte einiger Stunden, um sich zu der bevorstehenden Flucht anschicken zu können. — Ihr Gemahl mußte inzwischen eben die Nolle bei seinem Vater spielen, doch mit dem Unterschiede, daß, da der Alte nicht so leicht zu überlisten war, er feiner zu Werke gehn mußte. Er betheuerte unter diesem und jenem Vorwände, daß es ihm unmöglich wäre sein ernstliches Verlangen zu erfüllen, 'stellte ihm seine Liebe mit der größten Lebhaftigkeit vor, und bat ihn instandigst, seinen Gefühlen durch die Zeit einige Ruhe zu verschaffen. Der Alte erhielt hiedurch mehr, als er gehoft hatte. Er trug daher gar kein Bedenken, seinem Sohne dies zu gestatten, und ihm seine väterliche Liebe zu beweisen. Der junge Graf gebrauchte inzwischen zur Ausführung seines wirklichen Vorhabens nicht viele Zeit. Seine Freunde hatten ihm eine Summe Geld vorgestreckt, um einige Jahre, ohne etwas von Hause zu bekommen, davon leben zu können, und der Schiffer wartete nur auf Ordre zum Abfahren. In Begleitung eines Dieners auf dessen Treue er sich verlassen konnte, eilte e > vor die Thür seiner Gattin, die ihn schon angstvoll erwartete. Glücklich hatte sie die Vorsicht gebraucht, die Ormond heimlich einzuschließen, so daß diese, ob sie gleich im Hause ein Gepolter hörte, gezwungen war, in ihrem Zimmer zu bleiben. Die Die Gräfin konnte nun mit ihrer treuen Christine ohne alle Gefahr entflieh«, ihr Geliebter nahm sie in seine Arme, und trug sie auf daS Schiff; es ging sogleich unter Segel. — In einem einzigen Tage landeten sie auf Englands Küste, nun verlohr die Gräfin alle Furcht. Sie fing von neuem an zu leben, und freute sich des reinsten Glücks in den Armen eines tugendhaften Gatten. Unter allen Freuden, welche sie genoß, schaßte sie keine höher, als die Zufriedenheit, welche sie fühlte, die Liebe des Würdigsten zu verdienen. Ach! warum vermochte die Eifersucht das Glück dieser Ehe zu unterbrechen? Schon waren neun Monate verflossen, ohne daß der Horizont ihres Lebens mit trüben Wolken bedeckt gewesen wäre. Mit der Schwangerschaft der Gräfin war es so weit gekommen, daß man alle Stunde ihre Niederkunft erwarten konnte. Und diese Stunde kam endlich herbei — ich erblickte das Licht der Welt. Siehe, mein Leser! hier fangen sich erff meine Begebenheiten an. Ich werde mich nun nicht mehr der Worte Graf und Gräfin bedienen, die süßen Worte Vater B 18 und Mutter gehn mir tiefer zu Herzen. Fragst Du mich, woher ich die Kenntniß von dem erhielt, was ich Dir bis dahin erzählte, — wisse, ich erfuhr es von meiner Mutter. — Meine Geburt wurde für meine Eltern, das unauflöslichste Band. Mein Vater hatte bis dahin jede Freude empfunden, die ans dem Gefühle, glücklich verheirathet zu seyn, entspringen kann; nun war er Vater, dies Gefühl zog er jedem andern vor. Eben so wandte meine Mutter, auf jede mögliche Art, die äußerste Sorgfalt, für mich an; meine Geburt bestätigte ihre eheliche Liebe. Hatten meine Eltern allerdings Ursache, sich über mich zu freuen, so wurde ich ihnen in der Fol- » ge der Grund zu vielem Kummer. — Mein Vater war von Natur zur Freigebigkeit geneigt, und gehörte zu der Elasse von Menschen, die vermöge ihrer Talente und ihres Herzens, sich nicht in die Lage finden können, mit jedem Groschen, wie es seyn muß, räthlich umzngehn. Aus diesem Grunde war er schon ziemlich mit seinem Vermögen fertig, ehe er' daran gedacht hatte; ihn bekümmerte 19 nur die Gegenwart, die Zukunft überließ er sorglos'der waltenden Nothwendigkeck. Wie ich zur Welt kam, wurde er andres Sinnes, und schränkte sich in jeder Rücksicht ein. Er hatte seinen Vater vergessen wollen sein Gefühl l-esi es nicht zu, meine Ankunft schien ihm besonders geschickt, den Erzürnten wieder zu besänftigen. Den Brief, welchen er in dieser Rücksicht nach Frankreich geschrieben hatte, las er meiner Mutter vor, sie konnte ihn ohne Thränen nicht hören. Um noch sichrer den Zweck der Versöhnung zu erreichen, bat er den Alten um die Erlaubniß, mir seinen Nahmen beilegen zu dürfen, und trug außerdem dem Ueberbrin- ger des Briefs die größten Versicherungen kindlicher Ergebenheit auf. Dulin, so hieß der Bote, reiste nun ab, man zweifelte von keiner Seite an der glücklichen Ausrichtung des Geschäfts. — Unterdessen verließ mein Vater die Wöchnerin nie. Seine zärtliche Liebe gegen Mutter und Kind schien täglich mehr znzunshmen, und da man eine Amme höchst nöthig für mich gebrauchte, so war er wegen einer gute» Wahl B 2 nicht wenig unruhig. Die Gräfin von Stamford unterzog sich endlich dieser Bemühung, sie war die beste Freundin meiner Mutter, eine Frau, deren Character eben so liebenswürdig war, als ihr Aeußcres für sie bestimmte. Unvergeßlich sind mir die unbegreiflichen Beweise ihrer mehr als mütterlichen Güte, ich werde den Leser bald davon überzeugen. Schon waren zwei Monate verflossen, ohne daß meine Eltern die geringste Nachricht aus Frankreich erhalten hatten. Dies unerwartete Stillschweigen machte sie schon unruhig, als Dulin, der überschickte Getreue meines Vaters unverhoft zurückkam. Aber ach wer hatte die unglückliche Nachricht, die er überbrachte, vermuthen können? — Alles ist verlohren, gnädiger Herr, so fing er an. Hier ist keine Hülfe, kein Trost, es ist geschehen. — Wie? was? fragte mein erschrockner Vater, — ist mein Vater gestorben? Nein! er lebt zwar noch, aber vielleicht würde sein Absterben Ihnen nicht ein so empfindlicher Verlust sepn, als es der ist, den ich Ihnen nicht ohne Schmerzgefühl berichten muß. Hören Sie: Kaum hatte der alte Graf von Ihrer Flucht Nachricht, so brach er in die abscheulichsten Drohungen gegen Sie aus, und säumte nicht, sich mit dem Fräulein von Ormond zu vereinigen. Anfänglich warf er ihr vor, sie habe vielleicht zu Ihrer Flucht Gelegenheit gegeben, aber bald ließ er sich von dem Ge- gentheile überzeugen, und überlegte nun gemeinschaftlich mit ihr, wie auch in England IhreVerheirathung annullirt werden könnte. So grausam sollte er seyn? Mit dieser Frage umarmte mein betrübter Vater seine weinende Gattin aufs zärtlichste. — Dies war nur der Anfang der unglücklichen Wirkungen seiner Rache gegen Sie — Nicht genug, daß er Sie enterbte, entschloß er sich, ein Sechszigjähriger, noch einmalzu heirathen, und wurde bald Vater eines gesunden Knaben. — Bei der Uebergabe Ihres -Briefs verging mir in der That die Lust, noch einen zu überbringen, ich glaubte gut zu handeln, wenn ich durch Ihre bessern Freunde B z eine Versöhnung bewirkte, aber auch in dieser Rücksicht war alle Bemühung vergeblich.- Welche Nachricht für meine betrübten Eltern! — Sie waren in einem fremden Lande, ohne Schutz, ohne Unterstützung. Wer konnte unglücklicher seyn? Vielleicht war ihre zärtliche Liebe gegen mich schuld daran, daß diese centnerschwere Last sie noch einmal so hart drückte. Meine Mutter schüttete ihr Herz in den Busen der treusten Freundschaft aus, sie erzählte der Gräfin von Stamford ihr ganzes Unglück, und konnte ohne Thränen die Erzählung ihrer Leiden eben so wenig forrsetzen, als die mitleidige Gräfin sie ohne Wehmuth anhören konnte. Ein Glück, daß die Thränen, welche lezrere für ihre Freundin vergoß, nicht aus hülflosem Mitgefühl entsprangen, ihr Vermögen war hinlänglich, meine ver- laßnen Eltern von der schrecklichen Sorge für den Unterhalt zu befreien. — Inzwischen ließ sich ihr wohlthätiges Herz nicht in so enge Schranken einschließen. Sie forderte, meine Eltern sollten sich durchaus nicht genauer einrichten, übernahm alle nvthwcndigen Ausga- 2Z ben, und widmete ihnen gewisse Einkünfte zu den ungewissen und zufälligen. Dies alles richtete sie auf eine Weise ein, daß das feinste Gefühl dadurch nicht beleidigt werden konnte, und wußte sich selbst ihr Wohlthuu zu veredeln. — Nein! meine gnädige Gräfin, sagte mein Vater, Ihre Freigebigkeit erstreckt sich zu weit, ich kann sie nicht annehmen, ja! nrmmer verdienen — Aber Sie kennen mich, lieber Ferval, erwiderte die Gräfin. Sie wissen, daß ich eine abgesagte Feindin von unnützen Höflichkeiten bin, ich bitte, nehmen Sie mich für Ihre Freundin, und bedienen Sie sich meines Vermögens, als wenn es das Ihrige wäre. Unsre beiden Familien sollen nur eine bilden. Sie haben eine liebe Tochter, ich einen lieben Sohn; die Zeit kann es leicht fügen, daß wir sie meinem Wunsche gemäß vereinigt sehen. Eben daher wollen wir mit gemeinschaftlichen Kräften dahin arbeiten, die Kinder glücklich zu machen. Ueberdem ist die Lage meines Vermögens sehr verwirrt und fordert eine beßre Einrichtung und Verwaltung, als ein B 4 -4 Weib zu leisten vermag, wie, wenn Sie die Sorge dafür übernahmen? — Jetzt wollen wir zur Eleonore, und mein Eugen soll die kleine Mqlwma umarmen. Eugen war damals zwei Jahr alt, ich sing erst an zu leben. Ob ihm meine kleine Figur schon damals gefiel, weiß ich nicht, man sagte mir aber in der Folge, daß er viel mit mir gerändelt, und ich viel gekachelt hatte. Man muß es ohne Rücksicht gestehn, fing die Stamford an, es sind zwei liebe Kinder. Sollte man aus den unschuldigen Liebkosungen, welche sie sich erweisen, nicht urtheilen, daß sie eine zärtliche Empfindung gegen einander hegten? O lieber Ferval! wir wollen sie'in Zeiten gewöhnen, daß sie sich lieb, recht lieb haben. — Die Gräfin entfernte sich, es war schon spat, und ließ meine Mutter in trüber Freude zurück. Das Glück, eine so treue Freundin gefunden zu haben, wirkte eben so stark auf sie, als der Gedanke, nicht für sich selbst sub- sisiiren zu können. Fühlenden Seelen ist nichts empfindlicher, als Wohlthaten anzunehmen, mögen sie auch mit dem edelsten Her- zen dargebracht werden. Meine Mutter wurde immer schwermüthiger, finstre Ahnungen drückten sie. Sie suchte alles hervor, die traurigen Gedanken von sich zu entfernen, und Bilder der Freude ihrer Fantasie vorzustellen, —. es -war ihr unmöglich. Unaufhörlich war ihr Blick auf mich gerichtet, sie konnte mich nicht genug ansehn, und Thränen entstürzten ihrem Auge. Mein Vater ersuchte sie, sich nicht so sehr zu beunruhigen, umsonst, sie konnte es nicht über sich gewinnen. Schon brach der Tag an, noch hatte es dex Schlaf vor ihrem Auge nicht dunkel gemacht, aus Mattigkeit legre sie sich nieder. Die schrecklichsten Traumgesialten umringten ihr Lager, sie schienen ihr die Gefahr propbezeihen zu wollen, worin ich auf einer kleinen Spazierfarth mir meinem Eugen gerieth. --- Es kam ihr vor, als ob wir Kinder beide in Gefahr standen, von einem Meerungeheuer zerfleischt zu werden. Vergeblich bemühte sich mein Vater, uns dem Nachen des Unholds zu entreißen. Was sie aber dabei vorzüglich bekümmerte, war, daß auch ihr treuer so zärtlich geliebte Gemahl plötzlich ihrem Auge B 5 entschwand. Ungewiß, ob ihn das grausame Meerchier umgebracht hatte, oder ob er von den Wellen verschlungen wäre? schrie sie um Hülfe. Das mörderische Thier mußte vor unfern Errettern entfiiehn; sie entrissen uns seiner Wuth,. und legten uns in die Arme meiner höchst bekümmerten Mutter. Sie fiel in Ohnmacht, da sie an uns einige Merkmale von scharfen Klauen bemerkte, und auf un- ferm Gesichts eine blasse Todesfarbe sah. — Dies war der Traum, welcher ihren Schlaf fo sehr beunruhigte, und da sie erwachte, in noch größre Angst versetzte. Die Gräfin hatte eine weit sanftere Ruhe genossen, sie kam zu ihr, die Erlaubniß, daß ich mit dem kleinen Eugen eine Spazicrfarth unternehmen mögte, zu erbitten. Meine Mutter ließ sich eben ankleiden, und erzählte der Gräfin den merkwürdigen Traum, sie war noch ganz entkräftet. Aber, liebste Freundin, wie sind Sie vorurtheilsvvll? — Produkte einer erwärmten Fantasie, unzusammenhängende Resultate der Einfalle und Begebenheiten, die man am Tage hatte, sie können Ihr Gemüth beunruhigen? Wer nicht von Natur furcht- -7 samist, den vermögen dergleichen Ausschweifungen nicht unruhig zu machen. — Ich bin gewiß nicht leichtgläubig, erwie- derte meine Mutter, aber ich mache auch kein Geheimniß daraus, daß mich der schreckliche Traum, nebst der Tags vorher befallnen Schwermuth, sehr furchtsam macht. Mir würde es lieb seyn, wenn die Kinder heute zu Hause blieben. Bewahre, meine Liebe! wir würden es uns vorwerfen müssen, so abergläubischen Fantalien geglaubt zu haben. Kleiden Sie sich immer an, gutes Weib! ein zweiter Wagen wird uns führen. Unsre beiden Wärterinnen stiegen nun nebst uns Kindern in den ersten Wagen, mein Vater, die Gräfin und meine Mutter setzten sich in den zweiten; — das Ziel unsrer Farth sollte ein kleines Landgütchen bestimmen, welches der Gräfin cigenthümlich war. Schon hatten wir die Hälfte des Wegs zurückgelegt, horch! ein Getöse von mehrern Instrumenten und das Abfeuern einiger Kanonen. Es machte die Pferde vor dem ersten Wagen so wild, daß sie ansrissen, und nicht wußten, wohin sie lau- 28 fen sollten. Die Gewalt und die Geschicklichkeit des Kutschers war zu unvermögend, etwas auszurichten, die Zügel entschlüpften seinen Händen, und der Wagen bekam durch das ungestüme Nennen der Pferde so gewaltige Stöße, daß der Unglückliche vom Sitze herunter geworfen wurde, und die Näder über ihn wegliefen. Je mehr unsre erschrocknen Wärterinnen schrieen, desto mehr kollerten die Pferde, sie sprangen, ohne sich aufhalken zu lassen, mit uns in einen seitwärts gelegnen Fluß, und wir —^ wären elend ums Leben gekommen, hätten uns nicht einige dreiste Schisser der Wnth der Wellen, die uns so eben mitnehmen wollten, entzogen, und uns glücklich ans Land gebracht. Die Pferde mußten ihre Tollheit mit dem Leben bezahlen. Mein Vater hatte das Durchgehn der Pferde nicht ohne Entsetzen angesehn, er sprang eiligst aus dem Wagen. Die Sorge für unsre Erhaltung machte ihm gleichsam Flügel, aber ach! er setzte sich leider in größere Gefahr, als die war, worin wir uns befanden. Kaum hatte er uns in der Flnth erblickt, so warf er die Kleider von sich, stürzte sich ohne wcitres 29 Besinnen hinein, und schwamm, uns zu retten, dem größten Strome entgegen. Schon hatten ihn die Wellen weggeführt, schon verschwand er dem suchenden Auge, — er wurde noch gerettet, der Himmel schenkte ihn uns wieder. -— Dies war der erste Knoten, welcher zwei Familien zu einer verknüpfte. Man hatte Mühe gehabt, zu errathen, ob die Gräfin ihren Sohn vdermich lieber habe? eben so erwicß uns meine Mutter ihre Zärtlichkeit in gleichem Maße» Eugen mußte mich von nun an stets seine Braut, seine Gebieterin nennen, und mir wurde es ungewohnt, ihm stets zu schmeicheln und ihn zu küssen. Du wirst es bald sehn, mein Leser, was eine von der Wiege an besinn» dig unterhaltene Gewohnheit vermag? — Sowohl aus Erkenntlichkeit als zu Beförderung der guten Absicht, welche die edle Gräfin mit mir hatte, war mein Vater unermü- det, seine ihm aufgetragene Geschäfte gehörig zu verwalten. Er fand in der Thal wegen der verschiedenen Grenzen der Güter nicht unbedeutende Schwürigkeiten, und machte sich viele Feinde. Den gefährlichsten und bösesten fand er bald in einem Grafen, nahmens Richard Bensen, so wenig er es vermuthet hatte. Graf Bcnson war einer der eifrigsten Verehrer der Stamford, da sie sich noch nicht ver- heirathet hatte; seine Liebe war noch nicht erloschen. Bei dem Leben ihres Gemahls wußte er sich — sey es ans edler oder unedler Absicht — ungemein zu mäßigen; jezt da sie Wittwe wurde, erwachten von neuem seine Hofnungen. Er hatte sich geirrt. Eine be- sondre Achtung für den Verstorbnen, so wie manche Erfahrungen hatten den Entschluß, nie zu heirathen sehr fest bei ihr gemacht, sie suchte es ihrem Anbeter stets zu beweisen. — Venson säumte inzwischen nicht, ihr seine beständige Liebe zu versichern. Sie sehn hier, so sprach er, den treusten Liebhaber zu Ihren Füßen. Ohne die Fesseln zu zerbrechen, welche mir Ihre Schönheit anlegten, nenne ich es meine größte Ehre, ewig damit zu prangen. Ich ertrug den hcrzzernagenden Kummer, den Sie mir durch einen unbilligen Vorzug machten, ohne Murren und — bringe Ihnen noch ein Herz, welches von dem unauslöschlichen Feuer einer ewig brennenden l' Zl Liebe entflammt ist. Dürfte ich mich wohl mit der angenehmen Hofnung schmeicheln. Sie würden mein aufrichtiges Geständuiß gütig aufnehmcn ? Freilich können Sie mit Ihrem unschätzbaren Herzen schalten, wieSie wollen, aber, sollte meine Treue so mit Undank belohnt werden? — Was verlangen Sie von mir? lieber Ven- son! unterbrach ihm die Gräfin. Ich kann und will Ihren Verdiensten nichts absprechen, ja! ich will Ihnen sogar eingestehn, daß ich unrecht handelte, Ihnen einen Mitbuhler vor- zuziehn. Sieht man aber in der Liebe nur allein auf Verdienste? Wissen Sie nicht, daß man öfter durch gewisse Harmonien wider Wiöen sich vereinigt fühlt? Sie verlangen Offenherzigkeit, nun, so hören Sie: ich werde Sie stets schätzen, ich kann Sie aber nicht lieben. So denke ich heute, so werde ich denken, bis an das Ende meines Lebens. — Der Verliebte hatte gern Einwendungen gemacht, aber der Nachdruck, mit dem die Gräfin sprach, verbot es ihm, er muste sich mit der Erlaubniß beruhigen, seine Besuche fortsetzen zu dürfen. Mein Vater erwiest ihm Z2 stets die größte Achtung, und freute sich jedesmal)!, wenn er ihn sah; er hatte sein Talent durch Lectüre gehörig gebildet, und sich über die Klasse der gewöhnlichen sogenannten Edekleute sehr emporgeschwungen. — Auch meine Mutter war sehr für ihn eingenommen, sie versprach ihm ohne Bedenken, seine Wunsche durch ihr Zureden so viel als möglich zu unterstützen. Meine Mutter hielt Wort. Bei einer Unterredung, die zufällig auf diese Materie traf, fing sie an, die Vorzüge Bensons nach Verdienst zu würdigen, und segte es der Gräfin als Eigensinn oder Vorurtheil aus, daß sie feinen Wünschen durchaus kein Gehör geben wollte. Sie sehn, liebe Gräfin, fuhr sie fort, daß ich ohne auf meine Malwina Rücksicht zu nehmen, die besten Absichten habe, und Sie gern die Freuden des Lebens aus den Händen der Liebe empfangen, sehn mögte. Meinen Dank für Ihre Grosmuth, liebste Freundin, aber glauben Sie mir, Sie überlegren nicht gehörig ihren Vorschlag, ja! Sie konnten ihn nicht überlegen. Treue Liebe und Gegenliebe rst ein unschätzbares Gut Gut, sie genossen bis jezr nur die Süßigkeiten der Liebe. Eifersucht, Mißtrauen, Wankelmuth, Eigensinn — dies alles sind Dinge, die Ihnen ganz fremd sind, die ich aber —- warum sollte ich nicht mein Her; dem Busen treuer Freundschaft öfnen? — lange Jahre hindurch mit unaussprechlicher Geduld ertragen mußte. Würden Sie besi meinen Erfahrungen eine neue Verbindung eingehn wollen? — Wie? unterbrach meine Mutter, müssen denn alle Männer gleich seyn? Machte, uns auch einer unglücklich, können wir nicht die Hofnung fassen, es werde uns bei einem andern besser ergehn. Ich gebe es zu, wir können hoffen, aber auch fürchten. Bei solcher Ungewißheit ists am sichersten, gar keinen Schritt zu wagen. Ich genieße jezt jede Annehmlichkeit einer erwünschten Freiheit, wie thöricht, wenn ich das gegenwärtige Gewisse dem künftigen Ungewissen aufopfern wollte? — Ich kann dem Grafen meine Hochachtung nicht versagen, seine daurende Liebe, seine Talente, seine Sanftmuth sprechen für ihn. Wenn ich aber E ?4 auf meinen verstorbnen Gemahl zuräcksehe, so war er in meinen Augen gewiß nicht weniger liebenswürdig. Da er mich aber als Gatte umarmte, blieb er so? Nein, meine Freundin! das angenehme Band unsrer Freundschaft dient mir statt jedes andern Vergnügens, wir wollen dahin streben, es noch fester zu knüpfen. Glauben Sie mir, das Glück der Freundschaft ist oft eben so reizend und schön, als das, welches uns die Liebe giebt, und behalt stets den Vorzug, daß es weniger Beschwerde hat, und nicht so großen Veränderungen unterworfen ist. — Nichts gewissers als dies, erwiederte meine Mutter, ich halte aber dafür, man thut am besten, wenn man kann, beide Arten von Vergnügen zu genießen. Nicht immer, liebe Freundin, aber — lassen Sie es, ich bitte Sie, bei dem bewenden, was Sie schon für Benson thaten, er ist Ihnen mehr Dank schuldig, als er sich einbilden kann. Als Freund werde ich ihn stets hochschätzen und seinen Umgang sehr wünschen; aus diesem Grunde habe ich ihn erinnert , uns häufig zu besuchen. z? Und ich werde ihn erinnern, führ meine Mutter lächelnd fort — ohnerachtet Ihrer vielen Einwendungen und Besorgnisse fich standhaft zu beweisen. Vielleicht werden seine Vorstellungen für Sie kräftiger und überzeugender seyn können, als die meinigen. Bedenken Sie doch, theure Gräfin, wie gefährlich ein eifriger Liebhaber werden kann? Das weiß ich sehr gut, und, um Ihnen zu beweisen, wie billig ich Ihren Lehren folge, so will ich in Zukunft fleißiger auf meiner Hut seyn. Aber da kömmt er, von dem wir so viel sprachen. — Wichtige Geschäfte rauben mir das angenehme Vergnügen, Herr Graf! Ihre Gesellschaft zu genießen. Meine Freundin wird Ihnen Gesellschaft leisten, ich hoffe bald zurück zu kommen. — Benson wünschte nichts so sehr, als von meiner Mutter den Ausschlag seines Schicksals zu erfahren. Weit entfernt, Ihnen meine Mühe anzupreisen, sagte meine Mutter, bin ich überzeugt, daß man nie mit größerm Eifer die Parthie eines Liebhabers nehmen kann, als ich die ihrige genommen habe. Kann ich Ihnen heute nicht die erwünschte C - ?6 Antwort bringen, so muß ich doch mit Grund soviel versichern, daß Ihre Sache nicht ganz verloren ist. Freilich ist die Gräfin durch das unglückliche Andenken an ihre vorige Verhei- rathung nicht wenig furchtsam, aber ich bemerkte doch, daß sie Ihrem Verdienste alle Gerechtigkeit wiederfahren ließ, und schöpfe daraus viele Hofnnng. Fahren Sie nur in Ihrem Eifer fort, verdoppeln Sie Ihre Bemühungen, und bald wird die Achtung, welche sie für Sie hegt, sich in Liebe verwandeln. —> Ach, meine theüre Freundin, wie würde ich Ihnen verbunden seyn? So stark und lebhaft meine Erkenntlichkeit sich inzwischen aus- sern würde, so würde Sie doch nie mit der Größe der von Ihnen empfangenen Wohltha- ten verglichen werden können. Sie geben mir einige Hofnung. Ach! dies ist mehr als zu viel, mich in meinem verliebten Eifer zu starken. Aber meine Sorgfalt wird es schwerlich allein ausrichten, ich erwarte den glücklichen Ausgang einzig und allein von Ihrer Güte. Rechnen Sie, lieber Graf, nicht zu viel auf Las in mich gesetzte Vertrauen. Ich verspreche ^bnen meinen Beistand um so williger, da ich ihn nie bereuen zu dürfen befürchte. Lassen Sie uns jetzt die Gräfin besuchen, ich verspreche noch einmal, stets auf Ihrer Seite zu seyn, und ihre Unempfindlichkeit besiegen zu helfen. —? Benfon folgte dem ihm von meiner Mutter gegebenen Rath. Seine Beständigkeit wandte sich von nichts ab, vielmehr schienen seine verliebten Begierden von Tag zu Tag zuzunehmen. Aber es verflossen Monate und Jahre, seine Liebe hatte keinen Fortgang. — Hof- nungsvoll lebte er inzwischen in dem vertrautesten Umgänge mit meinen Eitern, und hatte so stark das Zutrauen meiner Mutter gewonnen, daß sie keine Gelegenheit vorbei ließ, seine Wünsche mit möglichstem Eifer zu unterstützen. Bis dahin hatte er sich als Freund und Liebhaber von der treflichsien Seite gezeigt, aber nun gerieth er wegen der fortdanrendcs Unempfindlichkeit seiner Geliebten in die größte Verzweiflung, und glaubte nur dem, was ihm seine eifersüchtige Rache eingab. Sein Argwohn brachte ihn auf den Gedanken, daß diese unüberwindliche Hartnäckigkeit nothwen- C g ZS d,g von einem andern geheimen Verständnisse herrühren mögte. Er hatte sich dies so fest in den Kopf gefetzt, daß er selbst diese heimliche Liebe zu errakhen sich getraute, und auf meinen unschuldigen Vater Verdacht warf. Inzwischen wollte er doch nicht voreilig scheinen, und wußte durch Freigebigkeit eine Dienerin zu gewinnen. Sie versprach ihm alles, was er nur verlangte, und erbot sich, den Umgang meines Vaters mit der Gräfin genau auszuknndschaftcn, indem sie nicht wenig erbittert war, daß die galanten Avantüren zwischen ihrer Gebieterin und dem Grafen nicht von statten gehn wollten; welchen Vortheil hätte sie nicht davon gehabt? — Saphire, — so hieß das Mädchen — hielt ihr Wort mehr als recht war, sie erzählte ihm weirläuftig, daß sie alle Tage eine heimliche Zusammenkunft in einem kleinen verschloßnen Kabinette hatten, sie zeigte ihm sogar Gedichte, welche an die Gräfin gerichtet waren, und die nach ihrer Meinung von meinem Vater verfertigt seyn mußten. — Die Familienangelegenheiten, welchen mein Vater vorsiand, machten eine Zusam- 39 menkunft mit der Gräfin öftrer nothwendig, die Gedichte waren von meiner Mutter, welche scherzend ihrer Freundin die Härte ihres Herzens vorwarf, aber — wer glaubte sichrer in seiner Vermuthung zu seyn, als Ben- son ? Mein Vater mußte die Schuld allein tragen, und das Ziel seiner giftigen Pfeile wer« den. — Was aber thun? Cs war keine leichte Sache, einen solchen Nebenbuhler zu stürzen; nichts als Betrug und List konnte seinen Zweck befördern. In das Herz meiner glücklichen Mutter einigen Saamen des Verdachts auf ihren ^Gemahl zu streuen — dies war die erste Wirkung der Rache, welcher sich der Schändliche bediente, um seine Wünsche zu erreichen. Traurig und zerstreut besuchte er sie, von der Theilnahme meiner Mutter für ihn konnte er erwarten, sie würde ihn nach der Ursache fragen. Er hatte sich nicht geirrt. Warum scheinen Sie so bekümmert, lieber Freund? entdecken Sie es mir, vielleicht kann ich Sie beruhigen. Ach, Gräfin! erwiederte der Ehrvergeßne, meine Verzweiflung ist gerecht; nun weiß ich, C 4 40 warum die Treulose sich so hart gegen mich bewies, da ich sie innig liebte. Wer hakte aber nicht von ihrer gleisnerischen Tugend getauscht werden sollen? Weh über die Ungetreue! — Reden Sie weiter, Herr Graf! sprach meine bestürzte Mutter, — ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich will es, aber — o Gott! dürfte ich schweigen. Ich habe einen Nebenbuhler, ja! einen recht glücklichen Nebenbuhler. Fragen Sie mich nicht weiter, liebe Gräfin, fordern Sie nichtseinen Nahmen, — Ihre Ruhe ist mir zu viel werth. Nein! nein! ich kann, ich darf nicht. Himmel! was höre ich? Sollte ich in Ihrem Unglücke verwickelt seyn? Nein! ich kann es nicht glauben. Aber, reden Sie weiter, ich bitte, ich beschwöre Sie, reden Sie, und ziehn Sie mich aus dieser unaussprechliche» Angst. Sie sagten mir entweder zu viel, oder noch nicht genug. Könnte mein eigner Gemahl glücklich, mich unglücklich machen? — Sie nannten ihn.' Ja! er that es, ich 4l habe die überzeugendsten Beweise in Händen, er, nur er war es, der meiner Liebe Hindernisse in den Weg legte — er, nur er besitzt das Herz dieser Betrügerin; unser Unglück ist nicht zu übersehn. Es ist leichter, das Erstaunen und den höchst empfindlichen Schmerz meiner Mutter sich zu denken als mit der Feder zu zeichnen;-^ die Feder einer Tochter vermag es nicht. Sie, von untadelhafter Treue, kannte kein andres Glück, als das, von einem angebeteten Gemahl nach Verdienst geliebt zu werden, er sollte treulos geworden seyn, ihre Freundin sie verrathen haben? Schrecklicher Gedanke! Beinah ihrer Sinne beraubt, säumte der Niedrige nicht, ihr durch erdichtete Erzählungen das mörderische Eisen immer tiefer in die Brust zu stoßen. Ach, Gräfin! — er vergoß einige heuchlerische Thranen — wie gern hätte ich durch Aufopferung meines Bluts diesen herzzerna- , genden Kummer von Ihnen abgewandt? allein, wir wollen nicht klagen. Es ist noch ein Mittel übrig, dem Uebel zu steuern. Lassen Sie uns den Schein annehmen, als wenn E Z 4 - wir nichts merkten, und unterdessen mit vereinten Kräften dahin arbeiten, das verliebte Paar zu trennen. Ihre Lage macht freilich das genauste Verhaltniß mit der Gräfin nothwendig, inzwischen —- erlauben Sie mir die Sorge für Ihre Erhaltung. Einige Meilen von hier ist ein angenehmes Lustschloß mein Eigenthum, ich will es Ihrer Sicherheit und Ruhe überlassen. Suchen Sie Ihren Gatten zu vermögen, daß er Sie dahin begleite. Ist er nur von dem Gegenstände Ihres gerechten Unwillens entfernt, und fühlt er das Glück ehelicher Liebe von neuem in Ihren Armen, so — wird Frohsinn wieder Ihre Stirn umkranzen, und vielleicht werde auch ich glücklich seyn. — Warum sollte ich es Ihnen verbergen, theure Freundin! daß ich, bei aller Untreue und Trug, die Verratherin noch immer liebe, und aus ihrer Hand noch immer das Glück meines Lebens erwarte. Urtheilen Sie aber selbst, ob irgend ein Mittel uns leichter zur Ruhe führen kann? Lassen Sie im geringsten Argwohn blicken, so werden Sie Ihren Gemahl in seiner strafbaren Liebe noch erhitzter machen. 4 ; So lange dieser Verrather sprach, konnte meine Mutter für Seufzen und Aechzen kein Wort Hervorbringen, auch ihre Thranen waren gehalten. Nur die Hofnnng, ihren innig geliebten Gemahl ganz wieder zu besitzen, löste das Band ihres Augs, ein Thranenstrom stürzte auf die blassen Wangen. Nun erst versuchte sie seufzend dem Niedrigen zu danken, und seinen Rath ihrer ganzen Lage angemessen zu finden. Aber wie? >— ich sollte diese Treulosen täglich vor Augen haben, mit ihnen reden, zu Beschönigung ihrer Verräthe- rei ihre falschen Liebkosungen annehmen, und doch dabei meinen gerechten Zorn mäßigen? Ja, das ist nothwendig. Versichern Sre sich aber, die Gewalt, welche Sie sich anthuu müssen, wird nicht lange dauren, und von den besten Folgen seyn. Muß ich nicht eben die unangenehme Nolle spielen? — Sie sollen selbst Zeuge seyn, daß ich mit unveränderlicher Gleichheit ihr, der Betrügerin, meine ganze Ergebenheit beweisen, und ihr felsenhartes Herz durch alle ersinnliche Versicherungen zu erweichen suchen werde. Auch nicht mit einem Winke will ich es verrathen, daß ich ihre 44 schändliche Untreue ausforschte. — Wir wollen uns trennen; eine längere Unterhaltung könnte uns verrathen. Der Böse hatte seinen Zweck allzugut erreicht. Kein Pfeil war umsonst verschossen, sie hatten alle ins Herz getroffen, und meine unglückliche Mutter heftig verwundet. Es war ihr unmöglich, die Verwirrung ihres Ge- rnüths zu verbergen, noch unmöglicher, seine wahre Beschaffenheit zu ergründen. Ohne Mühe spürte mein Vater eine Veränderung, aber vergebens forschte er nach der Ursache. Bewegliches Bitten, Liebkosungen, Thra- nen — nichts war vermögend, meine Mutter zu bewegen, ihr Herz in den Schoost des zärtlichsten Gatten auszuschütten. Schmerz- crfüllt ergriff sie seine Hand, benetzte sie mit heißen Thranen, aber — die Worte erstorben ihrer Zunge. — Schwere Seufzer, mitleidende Blicke. — Vielleicht wird sie ihre Leiden in den Busen treuer Freundschaft aus- schütten, so dachte mein Vater, aber ach! konnte er sich einbilden, daß der Anblick einer so edlen, gütigen Frau die Wunden von neuem aufreißen würde? Welch ein Zustand, worin 4 ? ich Sie erblicke? — Dies dir Worte der güten Stamford — warum würdigen Sie mich nicht mehr ihres Zutrauens? — Vielleicht könnte ich Ihrer Schwermuth Linderung verschaffen; saumen Sie nicht, mir die Ursache zu entdecken, es ist Pflicht für Sie, wenn Sie meine Freundin sind. — Den größten Dienst, welchen Sie, liebe Gräfin! mir erweisen können, ist der, nicht in mich zu dringen,, und mich einer glücklichen Einsamkeit zu überlassen, Sie wissen es, man ist nicht immer Herr seiner selbst. Vielleicht begegne ich Ihnen für die vielfache, mir erwiesene Güte nicht höflich genug, verzeihn sie cs mir; in meinen Herzen fühle rch in der Lhat viele Erkenntlichkeit. Mit diesen Worten stand sie auf, lief in ihr Zimmer, und schloß die Thür hinter sich zu. Dies übereilte Verfahren war meinerMut- ler zu wenig ähnlich, als daß es nicht meinen Vater hätte befremden sollen. Er machte der Gräfin tausend Entschuldigungen, und bat sie, ihrem Unmuthe zu verzeihn. Die Stam- ford sah leicht, daß meine Mutter nur auf sie erzürnt wäre, sie mogte sich aber auf jede 4^ Weise prüfen, sie fand nichts kadelhaftes; ihr Herz fühlte innige Freundschaft für sie. Der ehrlose Benson setzte inzwischen seine Besuche bei der Gräfin und meinen Eltern fleißig fort, und schien über die Melancholie meiner Mutter höchst bekümmert. Ohne allen Schein von Trug bot er fein Landhäuschett zum zeitigen Aufenthalte an, es läge in einer guten Gegend, und mögte wegen der Veränderung der Luft wohlthätig auf sie wirken. Wäre ihm seine Bosheit doch nicht fehlgeschlagen! — Die Gesundheit meiner Mutter nahm mit jedem werdenden Tage ab. Sie war in ihrem Argwohn ganz vergraben, und dabei so hartnäckig, sich nicht zu entdecken, daß selbst Christine, ihre treue Dienerin, die sich nach Art alter Hausunken eine nicht kleine Autorität über sie zu erschleichen gewußt hatte, zu ihrem größten Verdrusse auch nicht das geringste von dem erfuhr, was ihre Gebieterin so schwer drückte. Wissen Sie wohl, gnädige Frau, fing sie einst ohne alle Umstände an, daß, wenn diese Lebensweise so fortdanert, Sie im Hause 47 bald unerträglich seyn werden? — Wahrlich/ viel Vergnügen für die, welche Ihnen zuge- than sind, von Ihnen nichts als Aechzen und Seufzen zu hören. Wie? wenn ich nun das Uebel, was Sie beunruhigt, errathe, wollen Sie es mir denn eingestehn? Sie lieben di» Gräfin nicht mehr, nur mit Widerwillen sind Sie in ihrer Gesellschaft. Auch der kleine Eugen ist Ihnen nicht mehr so werth, als er Ihnen sonst war, das ist mir deutlich. Ihren Gemahl, — nun! den lieben Sie noch so und so; das heißt, wenn es anginge, würden Sie ihn auch nicht mehr lieben. — Woher diese Veränderung? Ich finde zwei Personen, die — der Grund Ihrer Melancholie seyn könnten. Ach, liebste Christine, ist wohl jemand unglücklicher, als ich? — Der Untreue, der Undankbare! — Wollte der Himmel, ich konnte zweifeln- oder ihn nicht lieben, aber — O Madame! hören Sie mir einen Augen^ blick zu. Wollte ich Sie fortfahren lassen, Ihre Jeremiade würden bis morgen dauren, Gottlob! daß ich das Ganze glücklch errathen 48 habe. Die leidige Eifersucht quält Sie also? — Sagen Sie mir doch, ist dieser Ihr Verdacht wohl gegründet? — Das hätten Sie ja recht reiflich vorher untersuchen sollen. Aufrichtig gesprochen, Benson hatte sehr klug gehandelt, wenn er ganz für sich geblieben wäre, denn er und kein andrer hat Ihnen diese Possen in den Kopf gesetzt. Ich glaube, ihn plagt ebenfalls die Eifersucht, und dies Gewäsche wird wohl die erste Wirkung davon seyn. — Schweig Christine, erwiederte meine Mutter im Zorn, unglücklicherweise ists hier um keine Grille zu thun. Ich seufze über wirklich geschehene Dinge, und habe die Beweise in Händen. — O wenn dem so ist, gnädige Frau, dann haben Sie vollkommen Recht, und dann müssen Sie freilich zu Ihrer Sicherheit alle mögliche Vorkehrungen treffen. Das will ich, und eben darum verbiete ich Dir, auch nicht das geringste von dem zn plaudern, was Du so eben erfuhrest. Iezt laß mich allein, ich mözte ein Viertelsiünd- chen ruhn. Chri- Christine dachte gegen meine Eltern zu redlich, um nicht, wenn sie könnte, den Irrthum zwischen beiden zu berichtigen. Sie eilte zu meinem Vater und erzählte ihm umständlich das ganze Gespräch, welches sie mit ihrer Gebieterin geführt hatte. Wie war er voll Freude, seine angebetete Gattin nun wieder beruhigen zu können! Eiligst lief er zu ihr, warf sich zu ihren Füßen, — die Augen standen ihm voll Zähren, — er umfaßte ihre Knie; lange konnte er kein Wort Hervorbringen. Wie, mein theures Weib, Du hältst mich für einen Strafbaren, welcher die Pflichten der ehelichen Treue aus den Augen setzen, und sie gewissenlos übertreten könnte? Nein! Du nennst mich entweder den Schändlichen, welcher unser Glück stören konnte, oder — mein Leben steht in Deiner Hand. Wie könnte ich bei dem Hasse der Würdigsten leben mögen? Welchen Beweis hast Du wider mich? sprich, iheure Gattin, die Tugend selbst, reiner wie die Sonne, wird durch einen so schwarze» Verdacht beleidigt. Plage mich nicht, lieber Mann! schone meiner Thränen, ja! schone Deiner selbst. D 5 » Glaube, nichts ist mir empfindlicher, als Deine Unschuld nicht retten zu können, oder—- sollte ich getäuscht seyn? Der Graf. Wie? Benson ist das Ungeheuer, welches sein Vergnügen darin findet, eine glückliche Familie unglücklich zu machen. O meine theu- re Gattin, nichts ist mir leichter, als ihn zu entlarven, den Heuchler, der durch Trennung das zu erhalten glaubt, was er auf eine rechtliche Weise zu erlangen nicht mehr glauben darf. — Mein Vater konnte fich vor Wuth kaum halten, meine Mutter mußte alle Mühe anwenden, ihn zu besänftigen, und es ihm durch Liebkosungen zu beweisen, daß sie von seiner Treue überzeugt wäre. — Aber nun der grosmüthigen Gräfin die verlohrne Zufriedenheit zu geben, und ihr das völlige Vertrauen wieder zu schenken, war um so mehr für meine Mutter Pflicht, als sie von ihr so stark beleidigt war. Können Sie mir wohl vergeben? war die erste Anrede meiner Mutter — ich beleidigte Sie sehr. Nein, erwiederte die würdige Frau, ich kann es nicht, wenn Sie sich mit den Wetten vergeben und verzeihen so tief 5i herablassen. Nur auf den Fall verspreche ich alles gern und Willig zu vergessen, wenn Sie mich versichern, daß das, was jezt unter uns vorfiel, unser altes FreunschaftS-Band desto fester knüpfen soll. Sie wissen, Mis- helligkeiten unter Verliebten haben gewöhnlich diese Wirkungen, lassen Sie unter Freunden ein gleiches geschehn. — Aber vielleicht erinnern Sie sich nicht, daß noch eine Person sich mit Ihnen versöhnen muß. Noch eine Person, wer könnte die seyn? Mein Eugen ist sehr über ihre Schwermuth betrübt, und klagt, daß auch seine Malwina davon angesteckt wäre. Der kleine Mensch will durchaus eine lustige Braut haben, und scheint die Grillen bei seiner künftigen Frau Nicht statuiren zu wollen. — Unterdessen schrieb mein Vater einen Brief an den Störer seines Glücks. Sein Eifer führte ihm die Feder, der Inhalt ist leicht zn denken. — Wie erschrak Benson, da er seinen Betrug entdeckt fand? — Er kannte den Muth meines Vaters, und sah wohl, daß er in einem Zweikampfe nichts über ihn gewinnen würde, dennoch waren alle Pfeile seiner bos- D 2 5 » haften Rache auf ihn gerichtet. Der Böfe- wicht entschloß sich, Meuchelmörder zu erkaufen, und ihr Anführer zu werden. Er wüste bestimmt, zu welcher Stunde des Abends mein Vater durch eine entlegene Gasse von seinen übernommenen Geschäften zurückkehren mußte, und konnte daher um so leichter seinen verhaßten Plan ausführen. Mein Vater wurde von sechs verkappten Menschen angefallen, die mit der größten Wuth auf ihn losgingcn. Eilig setzte sich der Unglückliche zur Gegenwehr, und erreichte es wirklich, den Rücken frei zu bekommen, aber, ob er gleich wie ein Löwe focht, so mußte er doch endlich den Mördern unterliegen, die durch ihres schändlichen Anführers Zurufen noch starker erhitzt wurden. Halb entseelt sank er nieder; sein treuer Diener war schon erblaßt. Zu spat kam Hälfe herbei; kaum konnte er noch athmen, man brachte ihn meiner Mutter; sinnlos fiel sie zu Boden. Das Andenken an diese traurige Begebenheit macht, daß ich diese Zeilen mit meinen Thranen netze. Schon damals fühlte ich tief den erlittenen Verlust, nichts konnte mich be- ruhigen. Eugen war so betrübt, wie ich, er versuchte meine Thränen abzutroknen, aber er bedurfte selbst dazu einer liebreichen Hand. Wir theilten den Schmerz und dies trug in der Folge eben so viel zu unsrer Beruhigung, als im Anfänge zu unsrer größer» Bekümmerniß bei. Er hielt mich fest in seinen Armen, und wollte mich nicht von sich lassen; die heftige Betrübniß bei dem Anblick eines sterbenden Vaters, meinteer, könne die traurigsten Folgen nach sich ziehen. Laß mich gehn, lieber Eugen, so sprach ich klagend zu ihm — ach! vielleicht ist dies der unglückliche Augenblick, da mein verehrter Vater aus der Welt gehn, und mir die lezten Beweise seiner treuen Vaterliebe geben wird, hindre mich nicht, sie anzunehmen. Ach! laß mich dahin gehn, wohin mich mein Gefühl ruft, und begleite mich, damit der Sterbende unsren Kummer und unsre Thränen «sehe, und es fühle, wie werth er uns ist. Wir genossen gleiche Liebe von ihm, komm, wir wollen ihm gleichen Schmerz beweisen. Nein, meine liebe Malwina, schone Deines Vaters, verursache ihm nicht neuen Kum- D z 54 mer. Unsre Seufzer, unsre Thränen würdeir ihm gleichfalls Seufzer und Thränen auspres- ftn. Vielleicht ist nicht alle Hofnung verlvh- ren, in ihm wieder unser Glück zu umarmen. Bleib, liebe Malwina, und beruhige Dich. — Me konnte ich den Schmer; meiner Mutter nach seiner Größe beschreiben? ich mag es auch nicht, der Leser wird ihn selbst fühlen. — Sie glaubte die Ursach dieses Unglücks gewesen zu seyn; schreckliche Verzweiflung bemächtigte sich ihrer. Ihre verweinten und starren Augen erkannten nichts mehr, ihre Rede war ohne Zusammenhang wie das Lallen eines Kindes, ihr Geschrei ein beständiges Geheul. Man wandte alle Mittel an, sie zu sich zu bringen, aber — es war vergebens. Je mehr man sie zu beruhigen suchte, destomehr fühlte sie ihr Unglück, desto wüthen- der wurde sie. —> Auf diesen innerlichen Kampf folgte bald eins gänzliche Erstarrung, sie lag da ohne Kraft, ohne Gefühl. Wenn sie sich etwas erhohlte, so überfiel sie der Schmerz von neuem, zwar nicht mit solchem Ungestüm, aber doch mit gleicher Empfindung. Nein — 4? ^ sprach sie, bei Erblickung des Sterbenden, ^ nein, grausamer Wütrich! Du nahmst nicht ^ meinem treuen Gatten sein mir so theures Le- den, ich war es — meine Eifersucht, mein - Argwohn waren seine Mörder, So muß ich ld also vor meinen Augen das dahin sterben sehn, H was mir'das Liebste ist. Schreckliches aber - gerechtes Schicksal! Taumelnd nahte sie sich - dem Bette des Aechzenden, ihn zu umarmen. > Ihre Lippen hingen fest an seinem Munde, ihre Thränen benetzten feine erblaßte Wange, sie wünschte seinen letzten Athem aufzufangcn. , Lheure Gattin! seufzte mein Vater — suche g Dein Leben zu erhalten, um Dich unsrer Loch- ? ter annehmen zu können. Der Himmel will, daß ich sterben soll, seine Wege sind gut. Schreibe meinem Vater mein trauriges Schicksal, er wird mir vergeben. Ich fühle mein Ende — das Athmen wird mir schwer ^ die Kräfte verlassen nach — ich sterbe — ^ theures Weib — liöbe Malwina — Dein geliebter Eugen — edle Gräfin — Seegen ,, Seegcn Euch allen.-- ^ Man erlaube urir, daß ich hier die Feder niedcrlegen, und meinem Gefühle felgen D 4 ?6 darf. — Nie hatte ich so erhebliche Ursache, meine» häufigen Thränen freien Lauf zu lassen, als in diesem Augenblicke. Ich verlohr den besten, den würdigsten Vater durch einen gewaltsamen Tod in einem Alter, wo seine Unterstützung mir unentbehrlich war, und blieb mir nun beinah selbst überlassen. Meine Mutter fiel sogleich in eine schwere Krankheit, die mich sehr für sie besorgen liest. Die wohlthätige Gräfin that alles für sie, und suchte eben so sehr auf ihren Körper, als auf ihre Seele zu wirken. Sie würde ungeachtet ihrer edlen Bemühungen diesen Zweck weniger erreicht haben, wäre ihr nicht ein Brief von meinem Grosvater, den meine Mutter noch auf dem Krankenbette erhielt, zu Hülfe gekommen. Kaum hatte mein Vater die Augen geschlossen, so war die Gräfin besorgt genug gewesen, im Namen der Hinterbliebenen Wittwe, dem Willen des Verstorbnen gemäß, an meinen Grosvater zu schreiben, und eine Versöhnung zu bewirken. Todesfälle pflegen freilich dergleichen am häufigsten zu bewirken, sie hatte aber doch nicht geglaubt, daß ihr Wunsch so schnell in Erfüllung gehn würde. Mein 57 Grossster bewieß in seiner Antwort den innigsten Antheil, und bat dringend um unsre Ueberkunft, da er sich von seiner treulosen Gattin hatte scheiden lassen, und nach dem Tode seines in dieser zweiten Ehe erzeugten Sohns, in der betrnbtesien Einsamkeit leben müßte. Man urtheile selbst, wie dieses trofivolle Schreiben auf meine Mutter wirken mußte? Ihre Liebe gegen mich war eben so groß, als der Gedanke, von denWohlthaten der Freundschaft abzuhangen, sie in vielen Augenblicken ganz niederdrückte. So erfreulich ibr aber diese Nachricht war, eben so schmerzhaft war sie ihrer treuen Freundin, deren einziger Wunsch eine unauflösliche Verbindung unsrer beiden Familien blieb. Zärtlich hielt sie ihren Sohn für das edelste Kleinod, und glaubte sein Glück nicht sichrer gründen zu können, als wenn sie ihn mit mir zu vereinigen strebte. Sie kannte die Größe und den Werth einer von der Wiege an gefühlten Zuneigung, und sah wohl, daß sie für Eugens Leben zittern müßte, wenn er mich zu verlassen gezwungen würde, D ? Aber was höre ich, liebste Mutter! so fragte Eugen bestürzt die meinige — wir machten in dieser traulichen Benennung keine» Unterschied — Malwina will mich verlassen? Ja, lieber Eugen, sie muß fort von hier, bist Du deshalb bekümmert? Zweifelst Du daran? das sollte mir leid thun. Aber theures Mütterchen! ich reise doch mit? Nein! ich weiche und wanke nicht, und sollte ich Malwinchen bis an das äußerste Ende der Erde begleiten. Sie ist meine liebe Braut, Du hast sie mir versprochen, ich lasse nicht von ihr, so lange ich lebe, und Malwinchen wird es auch nicht wollen. Die Gräfin kam eben herbei, und fand ihren Eugen noch fußfällig vor dem Bette meiner Mutter; er wollte nicht ehr aufsiehn, als bis sie ihm die Versicherung gegeben hatte, er sollte von seiner Geliebten nicht getrennt werden. — Sie wissen vielleicht nicht, liebste Freundin, fing meine Mutter lächelnd an, daß mir Ihr Eugen bei dieser Abreise Hindernisse in den Weg legen, oder Ihnen untreu werden will. Wie? Eugen! D» willst mich verlassen ? Ach nein, Mütterchen, ich will es nicht, über ich kann Malwinchen nicht entbehren, haben Sie doch Mitleiden mit mir. Sie kann ja bei uns bleiben, und soll es reche gut haben. Ich will des Nachts bei ihr wachen, und wenn sie krank wird, ganz allein für sie sorgen. Ich will gern alles, alles thun, aber — Malwinchen bleibt doch hier? Nein, lieber Eugen, das ist in der That nicht möglich, erwiederte die meinige, wir verlieren zu viel dabei. Aber — suche Deine Mutter zu bestimmen, daß sie mit uns reise, sieh! dann wirst Du von Malwinchen nicht getrennt. Wir müssen es gemeinschaftlich thun, liebste Malwine, und — Leser, welche Freude für uns, da unsre Liebkosungen so gute Wirkungen hatten, daß wir die Sache, welche zu unsrem Glucke nothwendig war, erhielten. —- O theure Malwine — sagte Eugen — kann mein Glück wohl größer seyn? was dürfte ich noch wünschen und verlangen? Mein Leben hangt ja von der Freiheit ab, Dich überall wie Dein Schatten zu begleiten, ich habe sie erhalten. 6o Ich küßte ihn zärtlich, denn, ob ich gleich eben so tief fühlte wie er, so konnte ich es doch nicht in Worten äußern. Ich liebte, und wußte nicht, was Lieben wäre. Mich machte nichts, glücklicher, als seinen Umgang zu genießen, mir war nichts unangenehmer, als von ihm entfernt zu seyn. Alles, was ich an andern sah, schien mir mit dem nicht verglichen werden zu können, was ich an ihm zu bewundern hatte. Lobte man ihn, so kam eS mir nicht anders vor, als wenn ich an diesem Lobe Theil hatte; erhielt er einen Verweiß, so bemerkte man an meinen Thranen, daß ich es stark fühlte. Und — sollte man es glauben? auch die Eifersucht quälte mich schon, wiewohl ich fie dem Namen nach nicht kannte. Mir war nichts empfindlicher, als wenn er ein andres Kind küßte oder küssen mußte. Wie oft habe ich nicht darüber geweint? — Unterdessen hatte meine Mutter meinem Grosvater geantwortet, wie wohlthätig die schätzbaren Versichrungen seines Wohlwollens auf ihren kranken Körper gewirkt hätten, und Wie sehr sie streben werde, seine Güte in der Zukunft zu verdienen? Sie machte ihm zu- 6t gleich eine Schilderung von mir, und versicherte ihm, dass er sich über den Verlust seines zweiten Sohnes durch mich leicht beruhigen würde. Auch hatte sie der wohlthärigen Gräfin nicht vergessen und die frohe Nachricht hinzugefügt, daß sie uns begleiten würde. Von dem Verständnisse zwischen Eugen und mir, so wie von dem gemeinschaftlichen Bestreben beider Familien, uns in der Folge zu vereinigen, hatte sie absichtlich geschwiegen. Nach dem Wunsche meines Grosvaters suchte meine Mutter unsre Abreise so viel als möglich zu beschleunigen, auch die Gräfin säumte nicht, und übergab ihre Angelegenheiten einem Nechtsverwalter, von dessen Ehrlichkeit sie überzeugt war. Es wäre besser gewesen, wir hätten nicht so sehr geeilt — es kostete uns viele Thränen. — Die uumenschliche Wuth des treulosen Bensvn war durch den Tod meines Vaters wohl in etwas gestillt, seine niedrige Neigung zu der Gräfin aber auf keine Weise erloschen. Er wollte nun das mit Gewalt durchsetzen, was man seiner Liebe bis dahin abgeschlagen hatte. Auch nach der verübten mörderischen ^ 6r That wußte re das geheime Verständnis mit der Dienerin der Gräfin stets zu unterhalten, und erfuhr nun leider durch sie alle Umstände unsrer Abreise, die am folgenden Tage bestimmt war. Er kam herbei, der unglückliche Tag. Die Gräfin nebst ihrem Sohne, meine Mutter, die treue Christine und ich — wir setzten uns in einen Wagen und nahmen zur Begleitung keinen mit uns, als einen Postknecht und zwei Bedienten. Wir hatten einen dicken Wald zu durchreisen und — sobald wir ein wenig tiefer hineingekommen waren, so weiß ich nicht was uns allen ahnte. Es überfiel uns plötzlich eine Furcht, wir wußten nicht, warum? — Wie hätten wir aber die Gefahr, worin wir schwebten, vermulhen können? Noch eine halbe Meile, wir waren ins Freie gekommen, und schäkerten schon über unsre Furchtsamkeit — horch! ein Pfeiffen und Klatschen mit der Zunge, und hinter dem Gesträuche einige starke Schüsse. —- Mit Angst und Zittern fuhren wir weiter. Wie wurde uns, als wir wenige Schritte weiter den Postknecht und einen Bedienten vorn Wagen fallen, und sie 6z ohne Verstand und Leben in ihrem Blute elend liegen sahn? — Doch! dies war nur ein geringer Anfang von dem Unglücke, welches wir ertragen sollten. Einige Minuten, wir wurden von zehn Bewafneten, die aus dem Gesträuche kamen, umringt, wir harten keine Hülfe als Weinen und Schreien. Einer von ihnen näherte sich uns, er hielt das Pistol in der Hand. Fürchten Sie sich nicht, meine Damen, Ihr Leben und Ihre Ehre leiden keine Gefahr. Das sage ich Ihnen aber zur Warnung, machen Sie nur die geringste Bewegung, uns zu entwischen, so haben Sie die größte Grausamkeit zu erdulden. Nun vertrat der eine die Stelle des unglücklichen Postillions, zwei stellten sich an die Thüren des Wagens und die übrigen folgten nach. Wir fuhren durch lauter Nebenwege, bis in die sinkende Nacht. Ich mag nicht mehr daran denken, was wir auf dieser angstvollen Reife aussianden. Unsre Thranen und Seufzer, die man uus kaum vergönnen wollte, waren unsre einzige Unterhaltung. Eugen rrmarmte mich herzlich, wir schlossen unsre / Händchen in einander, und hatten noch diesen einzigen, obgleich schmerzlichen Trost, daß wir gemeinschaftlich litten. Meine Mutter und die Gräfin lehnten sich auf die treue Christine, nicht selten sprach sie mit leiser Stimme zur Minderung ihres Schreckens ihnen lindernden Trost zu. — Schon brachten wir zehn Stunden auf der Reise zu, nun gelangten wir an den erschrecklichen Ort, welchen man zu unsrem Aufenthalte bestimmt hatte. Es war ein uraltes, auf einer Höhe liegendes, von beiden Seiten mit dicken Waldungen umgebenes Schloß. Man hob uns aus dem Wagen, und führte uns in das für uns eingerichtete Zimmer. Ich weiß es mich sehr gut zu entsinnen, daß, ohn- geachret wir voll Angst und Schrecken waren, wir dennoch alles darin ordentlich und aufge- putzt fanden. Und welch Erstaunen, da wir die Saphire erblickten! —Ohne Schaam trat sie uns unter die Augen, die Gräfin hatte alle Mühe, sich aus der tiefsten Verwirrung heraus zu wickeln. Mich wundert es gar nicht, so sprach sie frech zu ihrer Wohlthaterin, daß Ihnen alles was Sie sehn, Zaubereien scheinen. Sepn Seyn Sie aber nur gutes Muths, gnädige Frau, Sie werden nie so vielen Eifer und ämsiges Vemühn, Ihnen aufzuwarten, an- getroffen haben, als es hier der Fall seyn wird. Doch die Folge wird dies lehren, wir wollen an etwas Wichtigeres denken. Man thut nicht leicht eine weite Reise, ohne hungrig zu werden. Ich werde sogleich Anstalt machen, Sie sämtlich nach Würde zu bedienen. Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer. — Wir waren unbeweglichen Steinen ähnlicher, als lebenden Personen, ja! wir standen noch ganz sprachlos da, als Christine uns das genaue Verhältniß Bensons mit der Saphire entdeckte. Ich bin überzeugt, fuhr sie fort, daß kein andrer als er, der Urheber unsrer Entführung ist. Wie? Benson? — meine Mutter erschrak heftig über den Namen — dieser Unmensch, dieser Verräther? Sollte er noch diesen Streich der Rache an uns üben? und sollte , seine Wuth durch den Tod des edelsten der Männer noch nicht gekühlt seyn? Aber Christine! zeige nur die Ursache Deiner Vermuthungen? E 66 Ich will es, gnädige Frau, beruhigen Sie sich nur. Was hilft der Zorn, wenn kerne Gewalt da ist. Die Anwesenheit Sa- phirens an einem Orte, wo man sie nimmermehr erwarten sollte, ihr Bemühn, uns freundlich zu empfangen, ihr geäußertes Herrschen — dies alles setzt meine Meinung außer Zweifel. Sie war immer seine Vertraute, suchte es aber, um ihren Zweck zu erreichen, stets zu verbergen. Aber es wird nicht mehr lange dauren, die Ungewißheit, worin wir noch stecken, wird bald zur Gewißheit werden. Sie redete noch, als drei Bedienten ins Zimmer traten, den Tisch deckten und eine kostbare Mahlzeit auftrugen. Man kann leichk denken, daß wir zum Essen auch nicht die geringste Neigung haben konnten, wir wollten uns gar nicht zu Tische setzen. Was die Gräfin vorzüglich verdroß, war, daß Saphire von neuem herein trat und die Wik- rhin spielte. Entschuldigen Sie es gütigst, meine Damen, wenn wir Sie nicht so gut bedienen, als wir es wünschen, vielleicht läßt sichs morgen verbessern. Bedenken Sie inzwischen, daß Ihnen eine gute Mahlzeit nach 6? solcher Fatigue höchst nöthig ist und verbannen Sie alle Furcht. Man wird stets Ihren Befehlen zuvorzukommen suchen. — Gut, erwiederte die Gräfin, wenn*ich Dir noch befehlen kann, so packe Dich aus meinen Augen, Du Undankbare, die Du Dir kein Gewissen machtest, uns in die Hände eines Bösewichts zu liefern, und uns unglücklich zu fehn. Fürchte Dich aber vor der Strafe des gerechten Himmels, er wird mich an Dir rächen, und Deine Bosheit offenbaren. — Ich wiederhohte es Ihnen, gnädige Frau, unterbrach sie mit Kekheit, weder Ihr Leben Noch Ihre Ehre sind hier im geringsten in Gefahr, man sucht nur Ihr Herz zu gewinnen, und hoft, Sie werden die feurige Liebe des getreusten Liebhabers nicht ewig verfchmähn. O ich wußte schon vorher, wer dieser getreue Liebhaber wäre! — der schändliche Ver- rärher mag sich nur unterstehn, mir vor Augen zu kommen, und Du! Ungetreue, die Du mir für die viele Dir erwiesene Güte diesen Dank bringst, wage es nicht weiter, in E 2 Gesellschaft ehrlicher und redlicher Menschen zu seyn, wie Du sie hier siehst. — Saphire merkte wohl, ihre fernere Gegenwart würde die Gräfin noch erhitzter machen und gehorchte ihrem Befehle. Unsre.Christine ließ den Muth nicht sinke», und bat unaufhörlich, wir mögten uns doch von dem Kummer nicht gar zu sehr einnehmen lassen. Alles dies — so sprach sie — dauret nur eine Zeit, man wird uns gewiß weiter keine Gewalt anthun. Wir wollen uns mit der Hofnung stärken, eine unverhofte Hülfe werde uns retten, und uns aller Gefahr entziehn; aus diesem Grunde müssen wir unser Leben zu erhalten suchen. Wolan, Malwinchen, Sie- sind die jüngste unter uns, Ihnen ist am mehr- sten daran gelegen, Sie haben am längsten zu leben. Will man seine Gesundheit erhalten, so muß man essen, fangen Sie nur an, und gehn Sie uns mit gutem Beispiele vor. — Christine reichte mir einige Stückchen Zucker- brod. — Ach liebste Christine! nöthige mich nicht, ich bitte Dich sehr. Ei was, Sie müssen thun, was gut ist; 6y Eugen giebt sich freilich keine Mühe, Sie gesund zu erhalten. — Dies war eine starke Aufforderung für Eugen, mir stark zuzusetzem Ich gestehe gern, daß ich mich nur allein durch seine dringende Bitte bestimmen ließ, etwas zu mir zu nehmen, doch that ich es nur unter der Bedingung, wenn er mir Gesellschaft leisten wollte. Nun war es auch nöthig, unsre gute Eltern zu bereden, unsrem Beispiele zu folgen. Dies hielt sehr schwer. Es war die größteGefallig- keit, daß sie endlich unser angelegentliches Bitten statt finden ließen. — Bald darauf brachten unsre Bedienten die abgepackten Sachen, und übergaben unsrer Christine die Schlüssel zu unserm Gemache. Ich war müde, meine Augen schlossen sich all- mählig, ich konnte dem Schlafe nicht widerstehn. Meine Mutter und die Gräfin wollten sich aber gar nicht zur Ruhe begeben, sie befürchteten einen Ueberfall. Die wiedcrhohl- ten Versicherungen der Christine, daß sie gewiß nichts zu befürchten hatten, und auch das Wachen ihnen keine Vortheile bringen würde, konnte sie dazu bestimmen. E z / 7 <- Nichts störte unsre Nutze, als einige fürchterliche Gedanken, welche die Fantaste uns im Schlafe vorstellte. Im Hause war alles ganz ruhig und still, und alles so gut eingerichtet, daß uns nichts unterbrechen konnte. Sobald man frühe glaubte, wir waren angekleidet, hörten wir jemand an unsre Thüre klopfen, aber mit solcher Bescheidenheit, daß Christine kein Bedenken trug, ste zu öfnen. Ein Mann von gutem Aeußern trat hinein, erkundigte sich nach unsrem Befinden, und wünschte im Namen seines Herrn zu wissen, wie wir die Nacht zugebracht hatten? Nicht gut, antwortete meine Mutter. Ich halte dafür, wir befinden uns eben nicht an einem Orte, wo man sicher und ruhig schlafen kann; wenigstens ist aus der gewaltsamen Art, wie man uns hieherführte, nicht das beste zu deuten. Verursachen wir Ihnen, gnädige Dame, in irgend einer Rücksicht Beschwerden, so ist nur der Diensteifer Schuld daran, mit dem wir uns Ihnen gefällig machen wollen. O sagen Sie doch Ihrem Herrn, unterbrach meine Mutter, er mache sich eine ganz 7r unnöthige Mühe. Und kann man nicht erfahren, wie der edle Mann heißt? Nachdem mörderischen und unmenschlichen Verfahren, welches man an uns übte, sollte man ihn für den Anführer einer Räuberbande halten. Wozu so viele Umschweife? — Es wäre mir leicht, gnädige Frau — sagte der Diener — Ihnen die Reinheit seiner Absichten darzuthun, aber — er mag selbst kommen, und Sie davon überzeugen. Er bittet durch mich um die Erlaubniß, Ihnen aufwarten und Sie von seiner Hochachtung versichern zu dürfen. Das heißt, etwas von einem verlangen, was man ihm nicht abzufchlagen im Stande ist, — ich werde ihn erwarten. Christine hatte wahr gesprochen. Alles, was sie uns von der verratherischen Saphire und dem treulosen Benson entdeckt hatte, traf richtig ein. Ihn hatte man bei uns angemeldet, er war der Urheber unsrer Entführung. — Meine Mutter hatte nun den herzzernagenden Schmerz, den schändlichen Mörder ihres guten Gatten sehn zu müssen, E 4 auch ihre Freundin war in der Gewalt dieses Bösewichts. Vielleicht glaubt mancher meiner gefühlvollen Leser, Benson habe die Schändlichkeit seines Verfahrens beim Hereintreten ins Zimmer gefühlt? O nein! Mit einer Gelassenheit, deren nur das redlichste Gewissen fähig ist, wandte er fich an die Gräfin. Ich konnte wohl voraus sehn, daß Ihnen, gnädige Frau, meine Gegenwart nicht angenehm seyn würde. Werfen Sie aber, ich bitte Sie, meine Schuld auf die unbeschreibliche Größe einer Liebe, in Rücksicht welcher es «möglich ist, rein und unschuldig zu bleiben. Denken Sie ferner an Ihre unbillige Kälte, womit Sie meiner feurigen Liebe absichtlich widerstrebten. Hätte ich Sie weniger geliebt, so würden Sie nicht so viel Ungemach haben aussiehn dürfen. Doch — wir wollen das Vergangene vergessen. Sie bleiben die einzige Gebieterin Ihres Herzens und Ihrer Hand. Ich weiß, Gewalt kann hiebei nichts ausrichten, nur die Ueberzeugung von der Redlichkeit der Gesinnungen führt zum Ziele — Sie zu dieser 7 ? Ueberzeugung zu zwingen, dies sey der einzige Zwang, den Sie von mir erleiden. Und Sie glaubten, durch so boshafte Mittel den Weg zu meinem Herzen zu finden? — Sie glaubten, ich würde mein Herz einer elenden Gcwaltthätigkeit opfern, die aus den niedrigsten Absichten an mir und den Mei- nigen verübt wurde? Siehe Unmensch! dies Weib, das sich in Thranen badet, — Du tödtetesi ihren Gatten, raubtest diesem Kinde seinen Vater. Nein, mache Dir keine Hof- nung, Liebe mit Gewalt zu erzwingen, ich schlug sie dir auch zu der Zeit ab, da ich Dich für ehrlich und aufrichtig hielt. Der Verrather ließ sich weder durch die Thranen meiner Mutter, noch durch den Zorn der Gräfin bestimmen. Inzwischen merkte er wohl, daß wenn er langer dabliebe, er Oehl ins Feuer schütten würde, er entfernte sich, und benahm uns zugleich alle Hofnung, bald aus dieser Gefangenschaft befreit zu werden. Die gute Gräfin hatte am mchrsten von der Zukunft zu befürchten. — Es vergingen einige Monate, ohne daß wir uns über etwas anders, als über den Ver- E 5 ,> 74 lusi unsrer Freiheit zu beklagen gehabt hätten; aber dies war auch schon genug. Inzwischen hatten wir doch das Gluck, den Betrüger nicht weiter zu sehn, er war schon zufrieden, uns seine Gedanken entweder schriftlich oder durch Saphiren zu eröfnen. Um sich bei ihrem Herrn beliebt zu machen, schmeichelte sie ihm ohne Aufhören mit der süßen Hofnung, seine Beständigkeit werde gewiß endlich den Sieg davon tragen. Diese Schmeichelei hielt ihn von jeder Gewaltthatigkeit ab, wozu ihm sonst seine Heftigkeit gewiß verleitet haben würde; auch die Schlauheit unsrer Christine trug das ihrige dazu bei. Dies Mädchen hatte Kopf und Herz auf der rechten Stelle. Ihr Aeußeres war noch sehr einnehmend, obgleich schon der Frühling ihres Lebens dahin war. Sie wußte auf den vertrauten Diener Venions einen so lebhaften Eindruck zu machen, daß sie bald alle seine Geheimnisse erfuhr, und den ganzen Plan unsres Tyrannen entdeckte. So eben erzählte mir Eduard — dies sagte sie der Gräfin — daß sein Herr nun anfange, überIhren hartnäckigen Widerstand im 7 ? höchsten Grade unwillig zu werden. Sie müssen sich daher zwingen, gnädige Frau, es koste, was es wolle. Lassen Sie es doch ge- schehn, daß er mit Ihnen spreche, und antworten Sie ihm auf eine Art, die ihn nicht gänzlich verzweifeln läßt; überhaupt, suchen Sie nur Zeit zu gewinnen. Aber, liebe Christine, so fiel meine Mutter ein, was könnten wir uns noch für Hülfe versprechen? Du siehst ja, wie sehr man uns belauscht, würden nicht die unbedeutendsten Anstalten zu einer Flucht nur dazu gereichen, uns völlig einzukerkern? Muth, gnädige Frau, antwortete Christine. Glauben Sie, ich verspreche nichts, was ich nicht zu halten im Stande bin; Sie wissen noch nicht, welche mächtige Bekanntschaft ich mir in diesem feindlichen Lande erworben habe. Eduard ist, wie Ihnen bekannt, der vertrauteste Diener seines Herrn, und ich — bin Eduards vertrauteste Freundin. Sollte ich in dieser Lage, nicht für ihre Freiheit wirken können? Wohlan! lassen Sie uns gemeinschaftlich Hand anlegen. Benfon wünscht 76 Sie zu sprechen, ich will ihm sagen, fein Besuch würde Ihnen angenehm seyn. — So mußte demnach die Gräfin der Noch huldigen. Sie sprach mit ihm auf eine Art, daß er wohl vermuthen konnte, ihr Gemüth sey etwas besänftigt, inzwischen hütete sie sich wohl, ihm mehr als die entfernteste Hofnung blicken zu lassen. Sie haben Recht, theureste Gräfin. Mein Vergehn gegen Sie ist so groß, daß Sie allerdings die Aufrichtigkeit meiner Liebe bezweifeln mußten. Die Länge der Zeit kann allein meine Gesinnung beweisen, vielleicht werden Sie bei Untersuchung meiner Fehler /einfehn, daß ich sie keineswegs aus Vorsatz, sondern aus übergroßer Liebe beging, und mir dann um so williger Ihre Vergebung ange- deihn lassen. Wir wollen an das Vergangene nicht weiter denken, unterbrach die Gräfin, — ihr war diese gezwungene Unterredung sehr unangenehm— lassen Sie mir nur so viel Zeit, als nölhig ist, alles Uebel zu vergessen. Ich will nicht behaupten, daß ich es nicht dahin bringen könnte, wenigstens will ich alles anwen- 77 den, doch unter der Bedingung, daß sich Ihre Neigung zu mir auf die Regeln der Wohl- ansiandigkeit einschranke. Und dann füge ich eine Bitte hinzu. Vermeiden Sie, so viel als möglich, meine Freundin zu sehn. Ihre Gegenwart reißt stets die Wunde von neuem auf, sie wird nimmer völlig heilen. Gern gehorche ich Ihnen, theure Frau, zumal Sie meiner verliebten Sehnsucht nicht alle Hofnung benehmen. Mit dieser Aeuße- rung entfernte er sich in höchster Zufriedenheit. Christine war unterdessen nicht müßig gewesen, und halte ihre Sache so gut einzurichten gewußt, daß die Stunde unsrer Befreiung nah zu ftyn schien. Ihr Geliebter wünschte nichts so sehr, als durch unsre Befreiung ihr Herz zu gewinnen, sie hatte es ihm unter dieser Bedingung zugesagt. Im Grunde war sie verliebt, Eduard war ein schöner brauner Mann. Die Gefahr schreckt mich nicht ab, liebe Christine, sagte Eduard, etwas zu wagen, was Ihrer Herrschaft vvrtheilhaft seyn könnte, aber — mir sind die Hände zu stark gebunden. Könnte ich es mir vorstellen, wem 78 Herr, der keinem etwas Gutes zutraut, werde mich von hier weglassen? — Kömmt es nur darauf an? Eduard! Gut, Sie sollen einen Paß haben, und zwar durch mich. In zweimahl vier und zwanzig Stunden soll Ihr Herr eben so viel Verlangen äußern, Sie fortzuschicken, als Sie jetzt beweisen, uns glücklich zu machen. Die Briefe, welche meine Gebieterin Ihnen, lieber Eduard, an den Grafen von Ferval mitgeben wird, machen ihn mit unsrer ganzen Lage bekannt. Sie müssen daher nicht säumen, sie so schnell als möglich ihm selbst einzuhändigen. Adieu, wir wollen uns trennen, um nicht Aufsehn zu erregen. Die Gräfin erfuhr sogleich alles von Chri- fiinen, was Eduard für uns thun wollte, und dies machte sie so froh, daß man die innere Zufriedenheit auf ihrer Stirn lesen konnte. Der freundliche Empfang, womit sie ihrem Liebhaber, der so eben hineinrrat, begegnete, brachte ihn auf die Gedanken, die Stunde seines Glücks werde nun wohl bald schlagen, wie glücklich fühlte er sich? Lieber Freund! fing die Gräfin an, kann 79 ich mir wohl die Hofnung machen, Sie würden mir zum ersten Beweise unsrer Aussöhnung eine Bitte nicht versagen? Warum vergessen Sie, gnädige Gräfin, daß sie Ihrem Diener zu befehlen haben? Sprechen Sie nicht so. — Ich wünschte einige wichtige Familiennachrichten aus London zu erhalten; erlaubten Sie wohl einem Ihrer Bedienten einige Aufträge dahin? Von Herzen gern, mein Eduard soll das Geschäft übernehmen. Sie können sich völlig auf ihn verlassen, ich will ihn rufen.— Die Sache glückte also auf die Art, wie wir sie uns als möglich gedacht hatten. Die Gräfin bat den Eduard in Gegenwart seines Herrn, einige Geschäfte für sie zu besorgen und schon am Abend reiste er ab, ob er gleich vorher schlau genug wegen dieser Abreise einigen Unwillen geäußert hatte. — Welch eine beseelende Hvfnung für mich, und meinen Eugen?' Unter den angenehmsten Vorstellungen verfloß ein Tag nach dem andern, wir glaubten uns nun bald frei und durch Vereinigung glücklich. Ich bekenne es, daß ich mich öfter über die scharfen 8o Vorschriften der Vernunft beklagte, und es unrecht hielt, in einem Alter, da wir schon die Freuden der Liebe genießen konnten, sie nicht genießen zu dürfen. Ein Glück war es, daß meine Mutter sowohl, als die Gräfin, unsre Leidenschaften stets zu zügeln wußten, und unsre Lage jede Aufwallung der Fantasie verhinderte. Die fortdauernde Abwesenheit Eduards wirkte bei Benson eine nicht kleine Unruhe. Er fing an, Verdacht zu schöpfen, und würde sicher einen andern Boten nachgeschickt haben, hätte er nicht, mistrauisch genug, alle übrigen für verdächtig gehalten. Nur auf die Saphire glaubte er sich verlassen zu können, er konnte sie, wegen einer gefährlichen Krankheit, woran sie auch nachher starb, zu seinem Zwecke nicht benutzen. Ich kann es Ihnen nicht weiter bergen, Frau Gräfin — so trat er eines Morgens ohns Umstände in das Zimmer meiner Gönnerin — mit meiner Beständigkeit hat es nun ein Ende. Zu sehr sehe ich es, wie meine treuherzige Leichtgläubigkeit gemißbraucht wird. Nach drei Tagen werden Sie mir auft - ' rich- 8r richtigere Beweise Ihrer Liebe geben, oder gewärtig seyn, daß ich das mit Gewalt zu erlangen suche, was Sie meiner Liebe aus Hartnäckigkeit versagen. Jeder meiner Leser mag selbst urtheilen, in welches Schrecken und Angst die tugendhafte Gräfin gerathen mußte, als fle diesen ganz unzweideutigen Antrag hörte? So sehr es die Nothwendigkeit erforderte, für diesmahl an sich zu halten, so schwer, ja! so unmöglich fiel es ihr, dem Niedrigen nicht ihren Zorn empfinden zu lassen. Grausamer, fuhr Sie ihn an, Ihre Harte muß mir zuvor das Leben nehmen, ehe Ihre elenden Begierden diesen Zweck erreichen. Wozu der Zorn, wenn keine Gewalt da ist, erwiederte Benson boshaft. Damit Sie die Sache besser überlegen und keine Nachreue befürchten dürfen, werde ich Sie von einer Gesellschaft entfernen, welche Ihnen so schädliche Rathschläge giebt, und Sie in Ihrer Unempfindlichkeit gegen mich noch mehr bestärkt. Unbarmherziger! so weit sollte Ihre Grausamkeit Sie verleiten können? Ach! treue § 82 Freundin, ach! theure Malwina! ich soll von Euch getrennt scyn? — Wir liefen auf das klägliche Gefchrey der Gräfin zu Hülfe, Venson hatte sich entfernt. Sie zitterte wie ein Laub, und warf sich meiner Mutter in die Arme. Ach! liebsie Freundin, es isi mit uns geschehn. Noch drei Tage! — dann soll ich mich den viehischen Begierden dieses Wütrichs überlassen. Aber Sie werden meine Thränen nicht mehr sehen, mein ängstliches Klagen nicht mehr hören, der Grausame — will uns trennen. > Wie, uns trennen? rief Eugen überlaut, das wäre nicht zu ertragen, ich will — Ach! was kann Deine unüberlegte Kekheit gegen diesen Menschen ausrichten, sagte meine Mutter. Sey nicht so unbesonnen, Eugen, unser Unglück noch zu vermehren. Wir haben ja noch drei Tage Frist, vielleicht reißt uns der ge- rechteHimmel vor dieser Zeit aus derGefahr. Noch umarmte ich ihn, meinen Geliebten, als er von drei Männern mit Gewalt in ein ganz entlegenes Gemach geführt wurde, sie verschlossen es. Umsonst war unser Widerstand, unser Bitten und Weinen vergeblich, 8 ? bald nachher mußte meine Mutter, ich und Christine ein ähnliches Schicksaal ertragen. Christine mogte uns noch so gute Hofnung machen, es war ihr unmöglich, die trüben Bilder vor unsrem Blicke zu verscheuchen. Ich dachte stets an Eugen, meine Mutter an ihre Freundin, die nun bald ein Raub des Ueberwinders werden sollte. Die ihr von Benson gemachte Drohungen waren für meine Mutter schrecklicher, als die Leiden, welche sie für ihre Person zu ertragen hatte. Inzwischen hofte sie auf den Schutz der göttlichen Vorfehung, der auch nicht fern war. Eduard eilte gleich nach seiner Abreise zu dem Grafen von Ferval, übergab ihm die Briefe und schilderte ihm mündlich unser Unglück mit den lebhaftesten Farben. Der Alte, ein Sechszigjahriger, säumte keinen Augenblick uns zu befreien, und nahm mehrere seiner benachbarten Freunde und ihre Diener mit sich, um das Schloß zu bestürmen. Die ganze Sache mußte inzwischen so geheim als möglich gehalten werben, damit Benson nicht früher Nachricht erhielte, theils, um sich nicht zur Gegenwehr fetzen, theils um uns kein Böses zufügen zu können. Durch die F 2 84 Hülfe Eduards ließ sich dies leicht bewirken. Nachdem sie angelaudet waren, führte er den Grafen und sein Gefolge durch entfernte und dicke Gebüsche, so daß sie ganz unbemerkt das Schloß erreichen, und ihn überfallen konnten. Benson schäumte vor Schrecken und Wuth, da er sich überrascht sah, und verwundete zwei von Fervals Freunden. Weil ihm inzwischen alle Hülfe abgefchnitten war, und er sich nicht lebendig der gerechten Rache seines Ueberwin- ders ergeben wollte, so stieß er sich den Dolch ins Herz und hauchte sein schändliches Leben aus. — Nun erst konnte unser Befreier an uns denken. Er eröfnete unsre Gefängnisse, umarmte uns auf das zärtlichste, und vergoß Lhränen, welche ihm die Vaterliebe auspreßten. Ich kann es mir nicht verzerhn, lieben Kinder, ich war der Urheber alles dieses Elends, aber vergebt mir, der Himmel erhielt Euch, ich schöpfe daraus die tröstliche Zufriedenheit, Ihr werdet in Zukunft bei den Beweisen meiner Zuneigung alle ausgestandenen Leiden in das Meer der Vergessenheit versenken können. Wir vermogten ihm nicht anders, als mit 85 Thränen zu antworten, auch die Gräfin weinte mit uns. Sie sehn hier, würdigster der Vater, sagte meine Mutter, eine Frau, die von dem Tage, da ich und ihr unglücklicher Sohn Englands Küsten betraten, unsre größte Wohlthaterin war, und ihr einziges Vergnügen darin fand, uns mit unbeschreiblicher Güte zu beglücken. Hören Sie auf, liebe Freundin, jetzt von dem zu reden, was mir Pflicht, süße Pflicht war, Sie kennen ja unsre Freundschaft und unsre gememeinschaftlichen Wünsche. Jetzt lassen Sie uns an wichtigere Angelegenheiten denken. — Mein Großvater bewiest der Gräfin auf alle mögliche Weise seinen Dank, und zeigte seine herzliche Freude bei der Nachricht, daß sie mit uns nach Frankreich gehn wollte. Inzwischen bat er uns, mit ihm einen jungen Edelmann zu besuchen, der mit ihm gekommen, und bei dem Gefechte mit dem schändlichen Benson verwundet worden wäre. Er hieß St. Nicaise; die Absicht meines Grosvaters war, wie ich nachher erfuhr, mich mit ihm in der Folge zu vereinigen. Er war so F Z 86 stark verwundet, daß er nicht ohne Gefahr mit uns die Rückkehr antreten konnte, und doch durften wir nicht säumen, weil wir auf fremden Boden waren, und Benson viele mächtige Freunde hatte. Das Meer war nicht entfernt und der Himmel sehr heiter, mein Grosvater hielt es am sichersten, die Ueberfahrt zu wagen, und, unaussprechliche Freude! wir kamen glücklich in Calais an. — Zu meinem Glücke war meine Mutter gegenwärtig, als mein Grosvater mir zuerst den Antrag machte, Herrn von St. Nicaise zu heirarhen, und seine Lage, so wie seine Vorzüge, sehr vortheilhaft schilderte. Sie bemerkte aus der aufsteigenden Nöthe meine Verwirrung. Ich sehe wohl, antwortete sie statt meiner, daß nicht wenig Vortheile mit dieser Verheirathung für Malwinen verknüpft sepn würden. Fühlten Sie aber je, geliebte- ster Vater, die süßen Freuden der Liebe, so werden Sie aus eigner Erfahrung wissen, daß äußere Vortheile zu Verbindung zweier Herzen lange nicht hinreichend sind. Was sollte ich es Ihnen, die Sie unser Glück so väterlich beabsichtigen, verschweigen! daß Malwina und Eugen, der einzige Sohn unsrer Wohl- thaterin, schon von der Wiege an, Liebe für einander fühlten. Wir billigten ihre gefühlvollen Äußerungen, da sie unfern Wünschen völlig angemessen waren. Urtheilcn Sie nun selbst, welche Qual die Liebenden erdulden würden, wollte man sie von einander trennen. Diese Ursachen waren wichtig genug, doch fanden sie bei meinem Grosvater, welcher immer gern auf seinen Grundsätzen beharrte, wenig Gehör. Er liebte mich, und zugleich den Herrn von St. Nicaise, als den mir zu- gedachten Gatten, und glaubte nicht vortheil- hafter für mich sorgen zn können, als wenn er mich mit ihm verbände. Inzwischen war er liebreich genug, uns in einer so wichtigen Sache nicht sogleich seine Meinung aufzudringen; im Gegentheil versicherte er, daß er mich in meiner Wahl nie zwingen oder übereilen würde, nur bäte er mich, dem Nicaise in seinen Äußerungen nicht sogleich abschlägliche Antwort zu geben, und ihm stets höflich zu begegnen. — So schwer es mir auch wurde, ihm hierin zu gehorchen, so war es doch unmöglich, ihm F 4 seine Bitte abzuschlagen. Zum größten Beweise meines kindlichen Gehorsams, ging ich mit meiner Mutter zu dem Kranken. — Ein hitziges Fieber tobte in seinen Adern. Seine Augen und Wangen brannten wie Feuer, er konnte für Engbrüstigkeit kaum Athem schöpfen, und der Arzt versicherte uns, daß, wenn dieser Anfall nicht bald nachließe, er viel für ihn besorgen müßte. Obgleich St. Nicaise sehr matt da lag, und die heftigsten Schmerzen erduldete, so läugne ich doch nicht, daß mir seine Physiognomie sehr gefiel. Waren gleich seine matten Augen voll flammender Hitze, so las ich doch darin so viel liebreiches, daß, wenn ich ein offenherziges Bekenntniß ablegen soll, ich ihn gewiß geliebt haben würde, wäre mein Her; nicht schon von einem liebenswürdiger»! Gegenstände gefesselt gewesen. Sobald er mich sah, schien es, als wenn er seine Schmerzen nicht so stark fühlte. Welche Ehre wiederfahrt mir, mein Fraulein, — so sprach er zu mir mit schwacher Stimme — nehmen Sie an meiner Krankheit auch Theil? Das ist ja wohl sehr billig — fiel ihm 89 meine Mutter, die meine Schüchternheit bemerkte, in die Rede — Sie leiden ja für uns. Sprechen Sie nicht davon, gnädige Frau, auch mein Leben würde ich gern für Sie und die Ihrigen dahin geben. Die Schwäche hinderte ihn weiter zu reden. Unwillkührlich entgingen meiner Brust einige Seufzer, er bemerkte sie. Ach! mein Fraulein! hatten doch diese Seufzer für mich eine glückliche Bedeutung? Dürfte ich doch hoffen, Sie wären gegen mich Nicht unempfindlich. Der anwesende Arzt gab uns zu verstehn, es wäre ihm höchst schädlich, wenn er viel spräche; wir nahmen daher von ihm Abschied. Er konnte uns nicht ohne Thränen von sich lassen, es fehlte nicht viel, ich hätte auch geweint. — Der Abend kam herbei, man setzte sich zur Tafel. Die Gesellschaft war recht vergnügt, unsre Freude wurde noch durch die frohe Nachricht vermehrt, daß sich das Fieber des Kranken merklich mindre, und er wahrscheinlich außer Gefahr sey. Mir war die Nachricht um so angenehmer, da er mir so F 5 90 viele Beweise seiner Liebe gegeben hatte. Noch nie wurde ein Mädchen darüber ungehalten, Laß man sie für liebenswürdig hielt, oder wirklich liebte. Diese Eitelkeit ist uns angeboren, sie ist das Fleckchen, welches man, um uns zu gewinnen, berühren muß. — Wahrend unsrer Unterhaltung bei Tische bemerkte ich nicht undeutlich, daß mein lieber Eugen Unruhe äußerte. Die Höflichkeit forderte zwar, daß er sich zwingen mußte, ich bemerkte aber leicht (denn was kann dem scharfsichtigen Auge eines liebenden Mädchens entgehn?) daß diese Frölichkeit nur angenommen wäre. Ich gerieth von diesem Augenblicke an in Schwermuth; man würde sie bemerkt haben, wäre nicht nach kurzer Zeit die Tafel aufgehoben worden; ich konnte mich nicht verstellen. Der Graf nahm mich bei der Hand, als wir auseinander gehn wollten, ich befragte ihn leise um die Ursache seines Mißmuths. Er konnte mir nur mit Seufzen antworten, — man beobachtete uns — auch flössen ihist einige Thränen die Wange herab. Er drückte mir die Hand, und entfernte sich. — Wir begaben uns nun sämtlich in diezu unsrer Ruhe eingerichteten Zimmer, der Schlaf drückte mir aber nicht das Auge zu. Ich fragte mein Herz, ob ich wohl heute gegen den guten Eugen gesündigt hatte? aber es sprach mich frei, und ließ mich nicht glauben, daß, weder der väterliche Befehl, noch die Hofnung eines höhcrn Glücks, meinen gefaßten Entschluß andern könnten. Ach! mein geliebter Eugen, rief ich lebhaft aus. Dein Mädchen sollte Deine Liebe vergessen können? Glaubst Du, sie werde sich zur Verletzung der Treue zwingen lassen? Wäre es ihr wohl möglich, den Tag zu überleben, da sie einem andern alsDich, ihren Gemahl nennen mußte? Nein ach nein! mein Geliebter, Du wirst es noch erleben, daß ich meine feurige Liebe zu Dir in mein Grab nehmen werde. — Mein Gott! — rief mir Christine zu — sie hatte diese Worte gehört — wie lebhaft Sie sich äußern? Aber, mein gutes Fräulein! Sie kennen noch nicht die Liebe; alle Verliebten führen solche Sprache. Inzwischen ist alles vergänglich und veränderlich, die Liebe noch mehr, wie jedes andre Ding auf YL der Welt. Sie sahn bis dahin noch keinen andern Liebhaber, als den Grafen. Wer kann aber wissen, ob nicht noch eine Zeit kommen wird, wo Ihnen ein andrer mehr Vergnügen gewahrt? Sie sind noch jung, unerfahren, und wissen nicht, wie angenehm es ist, immer etwas neues zu haben? Man spreche dagegen, was man will, es ist nun einmal so, und — die Mode ist nicht ganz zu verwerfen. Aber, Christine.' hat denn Deine Predigt noch kein Ende? —> so fragte ich verdrüß- lich. — Diese Sprache verstehe ich nicht, und will sie auch nicht verstehn. Ich fühle zu sehr, wie sehr sie der Zärtlichkeit meiner Liebe entgegen ist. Recht gut, erwiederte Christine, wenn Ihnen meine Sittenlehre nicht gefallt. Sie werden dem Ansehn nach eine rechte Heldin in der Liebe werden, ich wünsche Ihnen zum Voraus viel Glück dazu. — Man kann wohl denken, daß ich die ganze Nacht von keinem Schlummer erquickt wurde. Mich dauerte mein betrübter Eugen zu sehr, ich seufzte beständig und suchte ihn in X y; Gedanken zu trösten. Meine einzige Beruht, gung war, daß, ich wenigstens am folgenden Tage ihn von der Nichtigkeit seines Verdrusses überzeugen könnte. Schon war alles wach im Hause, ich Arme hatte noch kein Auge geschlossen. Um inzwischen nicht aufzufallen, verließ ich das Bett, ließ mich schnell ankleiden und besuchte die Gräfin und meine Mutter, ich wollte hören , wie sie geschlafen hätten? Sehr wohl, liebe Malwina, mich dünkt aber, ich hörte Dich lange reden und seufzen ; sollte Dich vielleicht ein böser Traum im Schlafe gestört haben? Es könnte seyn, gute Mutter, inzwischen würde es mir schwer fallen, Ihnen das jetzt zu erzählen, was mir eigentlich träumte. Sie wissen,wohl, man behält gewöhnlich nicht lange das, was einem im Schlafe vorkömmt. Der unverhofte Besuch meines Eugens änderte die Unterhaltung. Er trat mir einer so ruhigen Mine zu uns, daß, wenn man nicht sein Herz so genau kannte als ich, oder, richtiger zu sprechen, nicht so scharfsehende Augen wie ein verliebtes Mädchen harte. 94 man unmöglich bei ihm Verstellung geahnt haben würde. — Nach einer kurzen Unterhaltung bat er mich, ihm die Begleitung in den Garten des Wirthshauses zu erlauben, wahrend die Gräfin und meine Mutter sich ankleiden ließen. Ich merkte leicht, daß es ihm nur darum zu thun wäre, mit mir allein zuseyn, und war zu diesem Vorschläge sehr bereit. Eine kleine Waldung sicherte uns vor dem Ohre niedriger Lauscher; hier machte er seinem Herzen Platz. Deine Liebe o Malwina! ist mein ganzes Glück, ach! darf ich, Unglücklicher, wohl hoffen, fie werde mich stets beseelen? Die Gewalt, welche Deine Eltern über Dich haben, die Vorzüge eines liebenden Mitbuhlers, die offenbaren Beweise seines für Dich fühlenden Herzens, ach! ist dies nicht hinreichend, Dir die Gefahren begreiflich zu machen, welche meine Liebe bestürmen? Wer kann mir Bürge seyn, daß sich Dein in Abwendung solcher Anfalle ganz ungeübtes Herz nach einem harten Widerstande nicht ergebe? — Wozu dieser unbillige Argwohn, lieber Eugen! Solltest Du Deine Liebe gegen ein ungetreues unbeständiges Mädchen verschwendet haben? Nein! mein Geliebter! Du mußt Deine Malwina besser kennen lernen. Wir verbanden unsre Herzen nach den Wünschen unsrer Eltern von der frühstenIugendan; unsre Liebe kann nur im Grabe aufhören. Die Macht meines Grosvaters kann mich nimmer zwingen, mein Herz nach seinem Willen zu verschenken. Soll es Dir nicht gehören, geliebter Eugen, so kann es auch bis an mein Ende keinem andern seyn. Eugen war nun so zufrieden, daß er nicht Worte finden konnte, mir seine Erkenntlichkeit zu bezeigen. Er bat mich wegen des ungegründeten Argwohns, den er auf mich geworfen hatte, wohl tausendmahl um Verzeihung und versicherte mir seine ewig daurende Liebe von neuem. — Unsre Unterredung hatte ziemlich lange gewährt, ohne daß wir es bemerkten; was läuft wohl schneller dahin, als Stunden, welche Verliebte ohne Zeugen mit einander zubringen ? Christine kam uns mit der Erinnerung nach, man erwarte mich. Das Frühstück war aufgetragen, wir ver- 96 weilten aber sämtlich nicht lange dabei, und traten unsre weitere Rückreise an. Obgleich Herr von St. Nicaise sich bei weitem besser befand, so konnte er es dennoch nach der Versicherung des Arztes nicht wagen, sich der freien Luft auszusetzen, er mußte zurückblei- ben. Sehr gern wollte ich es vermeiden, von ihm Abschied zu nehmen, meine Mutter schien mir ins Herz gesehn zu haben. Sie trug mir Geschäfte auf, die mich bis zu unsrer Abreise thatig erhielten, während sie mit den übrigen sich dem Kranken empfahl und ihm eine baldi- ' ge Nachfolge wünschte. — Auf unsrer Reise siel nichts merkwürdiges vor; es war schon spät in die Nacht, als wir in ein Wirthshaus ankamen. Mein Grosva- rer hatte zwar zwei Bedienten vorausgeschickt, uns eine bequeme Aufnahme zu sichern, dennoch fanden wir alles in dem schlechtesten Zustande. Wie leicht konnten wir uns inzwischen mit dem Gedanken beruhigen, daß wir doch jetzt unsre Freiheit hätten und bald zur völligen Ruhe gelangen würden? Ich war so ermüdet, daß ich, wie ich mich niederlegte, sogleich einschlief, und nicht ehr erwachte, bis man man mich frühe zur Fortsetzung unsrer Reise weckte. So bin ich nun wieder in meinem Vaterlande — dies waren meine Morgengedanken. Hier ist es, wo mein treuer Vater, den ich wie meine Seele liebte, den ersten Athem schöpfte. Ach! warum ließ ihn der gütige Himmel nicht am Leben, damit er jetzt ein Zeuge des auf mich wartenden Glücks seyn könnte. Welch ein unbeschreibliches Vergnügen würde er ein- pfinden, wenn er sähe, daß sein erzürnter Vater mir stündlich, ja fast augenblicklich unzählige Merkmale seiner väterlichen Güte gtebt. Noch war ich in diesen Betrachtungen, und trocknete mir die Thränen, welche bei dem traurigen Andenken an die vergangene Zeit meinen Augen entrannen, als wir bei einem prächtigen Pallaste anhielten und daselbst ab- stiegen. Ich glaube, man wußte die Zeit unsrer Ankunft; es hatten sich viele Personen versammlet, uns zu bewillkommen, dies schmeichelte meiner Eitelkeit nicht wenig. Alle uns erwiesene Artigkeiten waren inzwischen unbedeutend gegen die Güte meiner Groslante, dem Fraulein von Ormond, sie siel meiner Mutter G 98 um den Hals und weinte. Konnte ich es je erwarten, beste Nichte, Sie noch einmal wieder zu sehn und zu umarmen? Ach! mögten Sie mir doch den Kummer verzeihn, den ich Ihnen aus ungerechtem Eifer zufügte! — Meine gefühlvolle Mutter konnte sich der Thränen nicht erwehren, und wie hätte ich sie bei einer so rührenden Scene zurückhalten können? Als die Ormond dies sah, verließ sie meine Mutter, und kam auf mich zu. Mal- wina! rief sie lebhaft, schloß mich in ihre Arme und küßte mich. Dies konnte unmöglich Verstellung seyn. — Mehrere Wochen vergingen unter Lustbarkeiten, die man zu unsrem Empfange eingestellt hatte. Mein Grosvater bewiest fortdauernd innige Liebe für mich, es gereichte ihm zum größten Vergnügen, wenn man sich gleichsam um die Wette bemühte, mir gefällig zu werden. Eugen liebte mich aber zu sehr, um dabei gleichgültig bleiben zu können. Ach, meine Malwina! — redete er mich an — ich bitte Dich herzlich, schone meiner und setze mich nicht in Unruhe. Wärst Du weniger liebenswürdig, oder hatte ich mehrere Vorzüge, 99 so würde vielleicht mein Uninuch kleiner, und ich in meiner Liebe unbesorgter seyn. Weg mit dem unbilligen Verdachte, lieber Eugen! beschuldigst Du mich noch immer eines elenden Leichtsinns? Ich, die ich von der Wiege an in dem Glücke Dich zu lieben erzogen wurde, ich sollte meine Verbindung mit Dir ohne den empfindlichsten Schmerz aufheben können? Glaube mir, lieber Graf, alle Bemühungen andrer Männer, mir gefällig zu werden, sind mir höchst beschwerlich und widrig. Was soll ich Dir mehr sagen? — Auf diese gewiß herzlichen und ganz einfachen Versicherungen meiner Liebe muffte der Dämon der Eifersucht zwar seinem Herzen entweichen, aber leider bekam er bald mit neuer Stärke darin Platz, um mich sehr unglücklich zu machen, und unaufhörlich zu peinigen. Philipp von St. Nicaife hatte sich von seiner Krankheit erhohlt. Sobald er im Stande war, die Beschwerden der Reife zu ertragen, begab er sich auf den Weg; die Liebe machte ihm Flügel. — Er wünschte nichts so sehr, als mich bei seiner Ankunft zu sehn und zn sprechen, und mein Grosvater nahm die Mühe E 2 roo auf sich, ihn zu mir zu führen; er hatte seinen Plan nicht aufgegeben. — Hier, liebe Malwina, bringe ich Dir Deinen Erretter, ich zweifle nicht, seine Ankunft werde Dir viele Freude machen. Sie haben Recht, lieber Grosvater. Wenn aber gute Wünsche das Gefühl des Danks bestimmen können, so habe ich mich zum Theil meiner Schuld entledigt. Machen Sie mich nicht schaamroth, mein Fraulein. Die Ehre, Ihnen Dienste geleistet zu haben, ist an sich die größte Belohnung, mithin jeder Dank überfläßig. Wollen Sie mir aber nicht als Verdienst, sondern als Güte, eine Bitte gewahren? Sprechen Sie. — O so erlauben Sie, theures Fraulein, daß meine Blicke, meine Seufzer, Ihnen die Gefühle meines Herzens entdecken dürfen. Sie sprechen eine Sprache, mein Herr, die ich nicht verstehe. Trauen Sie sich es aber zu, sie mir beizubringen, so gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich eine gute Schülerin seyn werde. Diese, letzte absichtlich von mir zweideutig gestellte Aeußerung, schien meinem Liebhaber neue Hofnung zu geben. Man konnte die innige Zufriedenheit ihm aus den Augen lesen, mein Eugen bemerkte es sogleich. Hatte meine Furcht nicht guten Grund, geliebtes Mädchen! so redete er mich an — Die Freude, welche St. Nicaise vor mir nicht verbergen konnte, ist sie nicht ein untrüglicher Beweist seiner gefaßten Hofnung? Jetzt sehe ich leider zu sehr mein unglückliches Schicksal. Ach gewiß! Du kannst, wenn du aufrichtig seyn willst, es nicht laugnen, er gefallt Dir. — Deine Unbilligkeit, lieber Eugen! wird mir nun bald widrig; nichts ist mir unangenehmer, als unaufhörlich Deine Chimären bekämpfen zu müssen. Sage mir doch, worauf beruht Dein Argwohn? Ist St. Nicaise froh, was kann ich dafür? was kümmerts mich, wenn er vielleicht Worten, die ich absichtlich zweydeutig äußerte, eine fremde Deutung giebt? Beste Malwina — er fiel mir weinend zu Füßen — meine Liebe zu Dir ist so groß, daß Du ihr alles verzeih» mußt. Wollte der Himmel, Deine Schönheit hätte mich weni- G z IS2 ger bezaubert, oder die Eroberung Deines Herzens wäre mir nicht über alle Schätze der Welt, vielleicht bliebe dann meine Seele nicht so unruhig und ich Dir nicht mit wiederhohl- ten Klagen beschwerlich. Aber von nun an soll kein Argwohn Dich weiter kränken, das verspreche ich Dir. — Wirst Du auch Wort halten, Eugen! ich küßte ihn. — Gewiß, theureste Malwina, hier hast Di» meine Hand darauf. Gieb ste nicht, Eugen! Du weißt nicht, was Du thust. Heftige Liebe kann nicht ohne Eifersucht sepn, und Eifersucht hat stets Argwohn zum Gefährten. Wolltest Du ihn mir nicht äußern, und in Deinem Busen nähren, so wäre dies mir noch nachtheiliger. Mache Dir aber keine falsche Einbildung, lieber Eugen, ich bitte Dich, und — bleib mir gut. Du kennst mein Verhältniß gegen meinen Grosvater, ich hänge ganz von ihm ab, und muß so handeln, wie er es wünscht. Und St. Ni- caise scheint mir wirklich ein braver Mann zu seyn, der, wenn er unsre genaue Verbindung kennte, gewiß von selbst znrücksiehi, würde. Ivz Aus diesem Grunde würdest Du unrecht Han-: dein, wenn Du ihn kränken wolltest; laß Dich nicht von unzeitiger Hitze übereilen, ich bitte Dich. — Engen hielt meine Vorschläge sehr billig, ich hatte, wie wohl zu denken ist, eine nicht kleine Freude darüber. Was kann wohl der Eitelkeit eines Mädchens schmeichelnder seyn, als die Ueberzeugung, ihren Liebhaber völlig in ihrer Gewalt zu haben, und in seinem Herzen wie eine Monarchin zu herrschen ? Es kann nicht fehlen, daß wir unsre Verdienste wie durch ein Vergrößerungsglas erblicken, und sie theils nach dem eifrigen Bestreben des Liebenden, uns gefällig zu feyn, theils nach der tiefen Ehrfurcht, die er uns beweißt, mit einem Worte, nicht nach einem richtigen Maasstabe beurtheilen.— Nun war nach meiner Meinung aller Argwohn aus feinem Herzen gerissen, ich glaubte, er könne nie darin von neuem Wurzel fassen. Aber der guten Gräfin von Stamford fehlte es seit einiger Zeit an Zufriedenheit. Schon seit mehreren Wochen hatte meine Mutter und ich eine Schwermuth an ihr bemerkt, die uns für sie befürchten ließ. Wir bemühten uns G 4 iv4 täglich, den Trauergeist zu vertreiben, aber alle unsre Mülle, und selbst die sanften Verweise meiner Mutter, ihr Herz der Freundschaft nicht geöfnet zu haben, brachten unS nicht weiter. — Theureste Ferval — redete sie einst meine Mutter an — warum soll ich Ihnen durch stetes Klagen beschwerlich seyn? Das Unglück, welches mich und meinen Sohn bedroht, ist von Ihrer Hand nicht abzuwenden. Ach! wird Eugen es überleben? Freundin! so antwortete meine Mutter, und drückte ihr die zitrerndeHand — nur, um Sie nicht ebne Nutzen zu kränken, verschwieg ich Ihnen die Angelegenheit, welche mich eben so stark beschäftigt. Es ist wahr, mein Schwiegervater unterstützt mit aller Kraft den Herrn von St. Nicaise, aber, rechnen Sie nicht auf meine unwandelbare Freundschaft, und auf meiner Malwina sehnliches Verlangen, ihren Eugen völlig zu besitzen? Ja, meine theure Wohlthäterin! unterbrach ich, — seyn Sie versichert, daß weder die Vorstellungen meines Grosvaters, noch die Bemühungen des St. Nicaise im Stande io; seyn werden, mich von mir selbst, das heißt, von meinem lieben Eugen zu trennen. Diese Worte sprach ich mit solcher Traurigkeit, und suchte sie durch Minen so eindrücklich zu machen, daß die Gräfin beruhigter zu werden schien. Meine theuresie Malwi- na! sagte sie, ich würde mich wirklich ganz auf Dich verlassen, wenn man Dir freie Wahl ließe, aber — mein Eugen hat hier keine Stütze., und St. Nicaise außer seiner Liebenswürdigkeit, die Fürsprache einer Person, welcher Du Gehorsam schuldig bist. — Beruhigen Sie sich, würdige Frau! Mein Grosvater versprach mir heilig, meine Wahl in nichts einzuschränken, und alle Umstande sagen mir, ich kann mich auf sein Wort verlassen. Leider war selbst diese Ueberzeugung nicht hinlänglich, die Krankheit, womit sie sich schon seit mehreren Monaten schleppte, und die vielleicht in körperlicher Schwäche ihren ersten Grund hatte, völlig zu heben. Das Abnehmen ihrer Kräfte machte uns sehr bekümmert und bald bemerkten wir zu unsrer größten Vetrübniß, daß weder unsre Pflege und War- G 5 io6 tung, noch auch der Gebrauch der treulichsten Arzneien ihr Hülfe leisten konnten. Sie fühlte ihre überhandnehmende Schwache sehr, sie fühlte, daß ihr Lebensende nahe sey. Nur vergebens suchten wir ihr die Gefahr, worin sie sich befand, zu verbergen. Lieben Kinder, sprach sie mit matter Stimme, was sucht Ihr mich durch betrügliche Hofnungen zu starken? ich würde gern von der Lebensbühne abtreten, hinterließe ich nicht einen Sohn, dessen Schicksal mich sehr bekümmert. — Aber, meine Freundin — unterbrach sie meine Mutter — geht Ihnen das Wohl Ihres Sohns wirklich so sehr zu Herzen, o! so erweisen Sie ihm Ihre mütterliche Liebe durch die sorgfältige Erhaltung Ihres kostbaren Lebens, und Hintertreiben Sie nicht durch leere Einbildungen alle Genesung. In der That hatte es das Ansehn, als ob dieKrankheit sich wenigstens nicht vermehrte— wir Höften auf den Beistand des Himmels, — aber es war nur Schein. Ein hinzukom- mendes hitziges Fieber schlug unsre Hofnung mit einemmale nieder. Meine Mutter, Eugen, und ich, wir kamen nicht von ihrem Bette. 1O7 Mit welcher Mühe mußten wir nicht unsre Thränen zurückhalten, damit die Kranke Ruhe behielte? — sie bemerkte es. Hörtauf, meine Geliebten, mit Heftigkeit Euren Schmerz zu unterdrücken.' Laßt Euren Thränen freien Lauf undcheforgt nicht, daß Ihr mir dadurch den Tod) den ich schon fühle, ankündigt, ich ver- sichre Euch)^ er erschreckt mich nicht. Mein Leben steht in den Händen meines Schöpfers, ich kann ihm dies Opfer nicht vorenthalten. Aber, mein Eugen! — sie ließ ihn näher .zum Bette treten — Du, mein Liebstes aus der Welt, Du bist es, um den ich mit Zittern an den Augenblick denke, der mich aus dem Lande der Lebendigen nimmt. Wie wird es Dir ergehn? Lebte ich, ich würde Dir bei jeder Gelegenheit treu beistehn, jede Gefahr von Dir abwenden, ach! und manches Böse zu verbessern suchen. — Wie? fragte meine Mutter unter vielen Thränen, Sie wollen einen unsrer Freundschaft so nachtheiligen Zweifel mit sich in die Erde nehmen? Glauben Sie denn, ich würde nach Ihrem Tode aufhören, mich als zweite / Mutter gegen Ihren Eugen zu beweisen? Sollte ich hier vor Ihrem Sterbebette es vergessen, daß ich in-einem fremden Lande, von allen Menschen verlassen, nur allein bei Ihnen Trost und Hülfe fand? — Nicht Zweifel an Ihrer Freundschaft, er- tviederte die sterbende Gräfin, die übergroße Schwürigkeiten, welche ich erblicke, find es, die mich beunruhigen. Wollen Sie aber die letzte Stunde meines Lebens zu der glücklichsten machen, o! so geben Sie Ihre Einwilligung, daß unsre Kinder sich vor unsre» Augen verloben und einander schwören, daß nichts als der Tod sie trennen sott. Könnten Sie etwas fordern, erwiederte meine Mutter, was mehr meinen Wünschen gerriäß wäre? —> Komm naher, liebe Mal- ivina! Ich gestehe aufrichtig, daß ich sowohl aus inniger Liebe gegen meinen Eugen, als vorzüglich, um der würdigen Frau den letzten Be- weiß meiner völligen Ergebenheit zu geben, mit innigem Vergnügen meinem Eugen die Hand reichte und das öffentlich wiederhohlte, was ich ihm ohne Zeugen so oft und so gern gesagt hatte. Ivy Obgleich die Kranke ihr Lebensende immer mehr fühlte, und das Gesicht schon mit Todesfarbe bedeckt war, so gab sie doch ihre Beruhigung recht lebhaft zu erkennen, sie hielt unsre Hände in einander verschlungen. Lebt, meine Kinder, sprach sie, aber lebt so glücklich wie ich es Euch wünsche. Nie entkeime Eurem Herzen die schädliche Wurzel unedler Sinnlichkeit, nur die Tugend müsse darin grünen. Gewöhnt Euch in Zeiten an den rechten Gebrauch irrdischer Güter, Ihr erhieltet sie aus der seegensvollen Hand Eures Schöpfers, und gebt gern dem Dürftigen. Vorzüglich wünsche ich, daß Ihr von Eurem Ueberflusse unbemerkt denen mittheiltet, welche Armuth leiden, aber ohne Verachtung es nicht klagen dürfen, mithin doppelt elend sind. Ehre und Rang mache Euch nicht stolz. Je mehr Ihr über andre erhoben seyd, destomehr demüthigt Euch vor der Hand der waltenden Vorsehung. Denkt in traulichen Gesprächen bisweilen an mich, Eure Mutter, deren größtes Glück es war, Euch ewig verbunden zu sehn, und seyd stets dankbar gegen diese Frau, deren Freundschaft mir den Hintritt aus dieser Welt nicht US wenig schwer macht. — Gott sei) mit Ihnen, meine Theure, Er, dessen Vaterhand ich meinen Geist empfehle. Der Leser wird es mir erlauben, von einer Scene so schnell als möglich fort zu eilen, die überhaupt nur zu fühlen ist. Die Dankbarkeit, welche ich der Verblichenen schuldig war, bestimmte mich ganz, und stellte mich jedes ihrer Verdienste in ein noch treflicheres Licht. Mein Eugen hatte Verstand und Sprache verloren, man brachte ihn zu Bette; nach einigen Stunden fing er an, sich zu erhöhten. Es war mir und den Weinigen bei meinem reizbaren Körper unbegreiflich, daß ich ohne Krankheit eine so traurige Begebenheit ertragen hatte; die Sorge für meinen Eugen schien mich erhalten zu haben. Jetzt aber band mich der Dämon der Krankheit mit verdoppelter Wuth und warf mich auf das Krankenlager. Ein Glück für mich, daß ich meinen Zustand nicht fühlte, ein hitziges Fieber hatte mir den Gebrauch der Sinne und des Verstandes genommen, ich wußte von meiner Existenz nichts. Gott! mit welcher Rührung erzähle ich es Dir, mein Leser, daß gerade in dieser Zeit auch meine inniggeliebte Mutter mir von der Seite gerissen wurde. Krampfhafte Zufalle hatten ihr schon früher unglückliche Tage gemacht, jetzt tödteten sie mir die würdigste Mutter und jedem, der sie zu kennen so glücklich war, die theilnehmendste Freundin. — Keiner meiner Verwandten wagte es, mir diese unglückliche Nachricht zu sagen. Es mußte aber doch geschehn, Eugen that es zehn Tage spater, um meine Gesundheit fest zu wissen, und erreichte am ersten seinen Zweck. Was konnte wohl ehr die bethränte Wange eines liebenden Mädchens trocknen, als die Hand eines treuen Geliebten? — St. Nicaise lebte inzwischen mit meinem Eugen in vertrauter Freundschaft, ob er gleich sein Mitbuhler war. Lieber Graf, sprach er zu ihm, lassen Sie uns der Welt ein Beispiel wahren Edelsinns geben und als Rivalen Freunde seyn. Sie haben altere Ansprüche auf Malwinen, aber ich habe die Wünsche ihres Grosvaters für mich; überhaupt wissen Sie, hört Liebe nicht gern Gründe. Jetzt einen Vorschlag. Lassen sie uns Heide noch ein Jahr um das gute Mädchen unS Il2 bemühen, wem sie dann ihre Hand reicht, dem überlasse der Besiegle ohne Lücke sein Recht. Eugen konnte an der Aufrichtigkeit seines Mitbuhlers eben so wenig, als an der Beständigkeit seiner Geliebten zweifeln. Er nahm de» gerechten Vorschlag willig an, und wie- derhohlte ihm die vorigen Versicherungen ewiger Freundschaft. Einem frei erzogenen Mädchen würde ein solcher Liebesstreit angenehm gewesen seyn. In jedem Augenblicke die süße Sprache zweier Verliebten zu hören, deren Herzen von gleicher Flamme glnhn, und zu bemerken, wie sie sich in das Herz der Geliebten «inzuschleichen suchen, im Fall sie es nicht mit Sturm, ich meine, mit feurigen Blicken und verliebten Minen einnehmen können, — das sind wohl Gegenstände, die mn so mehr einem Mädchen Vergnügen gewähren können, als ihre Eitelkeit dabei beschäftigtest. Aber die Vorsicht gab mir nicht rin zu verwickelten Verhältnissen geneigtes Herz. Mich dauerte Eugen, wenn er mir seine Liebe mit Feuerflammen schilderte, und doch HZ doch hätte ich weinen können, wenn Nicaise verzweifeln zu müssen, mir versicherte. St. Nicaise hatte eine Schwester. Sie war in dem Frühlinge ihres Lebens und eins vorzügliche Schönheit. Verursachte sie mir gleich in der Folge — der Leser wird wohl merken, weshalb? — viele Quaal und Unruhe, so muß ich doch gestehn, daß ich noch nie'ein vollkommneres Frauenzimmer kennen lernte, noch nie Geist und Körper in solcher Harmonie sah. — Amalie — dies ihr Nähme — hielt sich auf einem ihrer Familie zugehörigen Lustschlosse auf, und wurde im Nahmen des Grafen von Ferval von ihrem Bruder ersucht, einige Monate bei uns zuzubringen. Daß es nicht meinetwegen geschähe, wußte ich sehr gut, ob man es gleich vorgab; wahrscheinlich sollte sie mit ihren feurigen schwarzen Augen Eugens Liebe auf einen andren Puncr concenrriren. Dem sei) wie ihm wolle, ich brachte keine Stunden glücklicher zu, als die ich "in ihrem Umgänge verlebte. Meine Leser werden es aus dem Anfänge meiner Begebenheiten wissen, daß in meinem H Herzen das Pflänzchen Eifersucht keimte. ES bedurfte nur der Sonne der Gelegenheit, um ein starker Baum zu werden, und mit seinem Schatten meine Ruhe zu tödten. Amalie sah meinen Eugen, mein Eugen sah Amalien, und so oft sie sich vielleicht ohne alle Bedeutung anblickten, so bildete ich mir ein, sie redeten zusammen die zwar stumme, aber doch sehr zärtliche Sprache der Verliebten. Ein Vorfall 'raubte mir alle Ruhe und Zufriedenheit. Um meinem Geliebten einen guten Morgen zu wünschen und zu einem Spatziergange einzuladen, — das Wetter war so schön ging ich früher wie gewöhnlich auf sein Zimmer, fand es aber leer. Eine unschuldige Neugierde bestimmte mich, die auf seinem Schreibtische liegenden Bücher und Brochüren in die Hände zu nehmen, ich fand: Amors Besuch auf dem Lande, in den merkwürdigen Begebenheiten eines Land- madchens. Nach dem Französischen des Marivaux. Der Titel lockte mich, einige Blätter durchzufliegen, ich fand das Buch sehr interessant, aber Leser! wie wurde mir? als ich im Buche ein Bittet fand. Ich Dill nicht erwarten, daß Ihr den Inhalt von mir verlangt, ich will ihn Euch treuherzig erzählen, so weit ich ihn behalten habe. Geliebter Graf. Lange genug unterdrückte ich die Empfindung meines Herzens, jetzt verpflichtet mich die heftigste Neigung, es nicht langer zu thun. Meine Hand ist nicht so furchtsam, wie meine Zunge, sie tragt weniger Bedenken, Ihnen das zu wiederhohlen, was Sie schon oft in meinen Augen lasen, oder — lesen konnten. Auch in Ihren Blicken fand ich eine meinem Wunsche gemäße Antwort. Warum wollen Sie mir nicht mündlich eine unzweideutige Versicherung meines Glücks geben? Amalie. Man urtheile, wie mir zu Muthe war?— Ich las und überlas das verwünschte Bittet, ich mußte den Grafen für schuldig halten, und doch wollte ich es nicht. Nein, Eugen! so dachte ich, als die erste Hitze der Eifersucht verraucht war. Du kannst nie aufhören, H 2 n6 Deine Malwina zu lieben, sie besitzt gewiß «och Dein ganzes Herz. Umsonst ists, mir es rauben und Deine Beständigkeit überwinden zu wollen. Was konntest Du dafür, wenn Deine Liebenswürdigkeit andre Mädchen magnetisch an stch zog, und ihre Herzen besiegte. Nein, nein! Du bist unschuldig. Du wirst von vielen geliebt, liebst aber nur eine; diese glückliche bin ich, bin ich — Mit diesen Gedanken ging ich fröhlich in den Garten, wie erschrak ich, meine Nebenbuhlerin in der Thür zu treffen! — Du kömmst zu spät, Malwina, die beste Zeit zum Spazierengehn ist dahin. — Verschone mich, Amalie, ich bin so schwermüthig. Drum will ich Dich nicht einsam lassen. Komm, komm, wir wollen die Allee einigemal auf und ab gehn, es wird sich vielleicht ändern. Plage mich nicht weiter, Amalie! und laß mich. Ueberdem — ich fügte es absichtlich hinzu — mögte der Graf wohl nicht so schnell zurückkommen. Du sprichst wahr — eineNöthe umzog ihr H7 Gesicht — die Gesellschaft des Grafen hat viel angenehmes für mich; inzwischen glaube ich doch nicht, daß man sie bei Dir vermissen kann. O Amalie, scherze nicht. O Malrvina, tausche Dich nicht. Ich sollte mich tauschen? — Amalie! Amalie! meine Vermuthungen sind auf gutem Grunde gebaut, Du bist schuldig. — Sprich, was Du willst, ich finde mich vollkommen unschuldig und begreife es nicht, wie Du gegen mich einen so bösen Argwohn hegen kannst. Wirklich? — Aber Amalie, warum nimmst Du es Mir übel, wenn ich mit Dir von einem schönen Manne rede, denn schön ist Eugen gewiß. Wer könnte dies laugnen? Du wirst es freilich am wenigsten. Malwina! warum ängstigst Du mich unaufhörlich mit beleidigenden Reden, zu welchen Dich eine blinde Eifersucht verleitet. Sei) versichert, daß meine Gefühle für de» Grafen nie die der Freundschaft überschreiten. H Z » Sollten sie sich nicht bisweilen in zärtlichere verwandeln? Wie Du sprichst — wer könnte so keck seyn, Dir Deine Eroberung streitig machen zu wollen? O! dergleichen Personen giebts wohl, nnd — soll ich sie Dir zeigen? ließ Deinen Brief, Amalie! Wie änderte sich die Scene? Beschämt ließ ich meine Nebenbuhlerin eine ganze Zeit, endlich hielt ich es für Pflicht, die Ueberwunde- ne nicht weiter zu kränken und ihr zu entdecken, wie ich zu dem Billette gekommen wäre? Sie bat mich tausendmahl um Verzeihung und versicherte mir, daß sie in Zukunft durch ihr Betragen allen Argwohn aus meinem Herzen reißen würde. Wir trennten uns, dem Scheine nach, sehr freundschaftlich — Aufrichtig gesagt, triumphirte ich nicht wenig über diese glücklich ausgeführte Rache, und überlegte noch, wie ich mich in der Zukunft verhalten wollte, als Eugen in mein Zimmer trat. Jetzt mußte ich noch einen Streich wagen. Du scheinst so unruhig, liebes Mädchen! Hy Ich bin es auch. Stelle Dir vor, Eugen ! jetzt eben hatte ich eine Unterredung mit einem Mädchen, die Du entweder schon liebst, oder doch in der Folge lieben wirst. Was ist das? Erkläre Dich deutlicher, Malwina! ich weiß nicht, ob ich meinen Ohren trauen soll? Traue ihnen nur, lieber Eugen! denn — ich könnte Dir meine Nebenbuhlerin nennen. Malwina! höre auf, mich mit dem kränkendsten Argwohne zu ängstigen. Glaube, auch der mindeste Verdacht einer Untreue, den Du fassen kannst, verdient Strafe. Da hast Du Deinen verlohrnen Brief wieder, Eugen! lies ihn nur noch einmal durch und urtheile selbst, ob ein Mädchen, in der festen Versicherung geliebt zu seyn, hierin nicht die größte Ursache der Betrübtheit finden muß. Wie wurde er verwirrt! Sein Benehmen zeigte es deutlich, daß Amalie seinen feurigen Augen nur Liebe für sich angedichtet hatte, und daß er mich noch eben so liebte, wie vorher. Beruhige Dich, Eugen! ich bin gar nicht mehr böse. Amalie bemühte sich, Deine H 4 120 kiebe zu gewinnen, und frohlockte zu früh. Mir ists nicht lieb, daß die Sache entdeckt ist, wer weiß, ob nicht in der Folge? — Komm Eugen! gieb mir zur Versicherung einen Kuß, und noch einen. — So sollten es alle Mädchen machen, das ist die süßeste Rache. Recht lange habe ich meinen Lesern nichts von der Christine erzählt, und doch spielte sie bis dahin eine Hauptrolle in meinen Begebenheiten. Sie war Landwirthin geworden und genoß mit ihrem Eduard alle Freuden einer glücklichen Ehe. Sie waren aber leider von kurzer Dauer. Nach Verlauf einiger Monate starb ihr guter Mann, der mein Befreier gewesen war, sie wurde Wittwe, und kam nun verlassen zu mir. Willig nahm ich sie auf, ich war ihr zu sehr verpflichtet, und setzte sie in ihren vorigen Platz. — Amalie war nicht mehr meine Herzens- freundin. Unsre Vertraulichkeit war durch das letzte Gespräch sehr unterbrochen, wir kamen seltner zusammen, und sprachen stets versteckt und gezwungen. In welcher unangenehmen Lage sich Eugen dabei befand? kann «an sich wohl denken; er suchte sich stets.so I2l ju wenden und zu drehen, daß ich keinen Argwohn schöpfen sollte, und doch konnte er bei den ihm von Amalien erwiesenen Verehrungen nicht gleichgültig bleiben. Sie fuhr auch un- ermüdet fort, ohne daß ich es wußte, allerhand Gefälligkeiten auszufinnen, welche sie bei Engen beliebt machen sollten, und ließ nicht ab, ihm — Liebe zu beweisen. Zufällig hatte ich mich in ein grün belaubtes Sommerhäuschen gesetzt, um die Lecrüre von Amors Besuch aufdem Lande weiter fortzusetzen, als ich ermüdet das Buch zur Seite legte, und an mein Schicksal dachte. War es möglich? — ich sah Eugen mit Amalien die Allee Herabkommen, und sich in ein zweites Behältniß nicht weit von mir niedersetzen. Mich konnten sie gar nicht sehn, ich aber hatte sie völlig im Gesichte; die Entfernung hinderte mich, ihre Unterredung zu hören. Meine Augen thaten nun alles, was sie konnten, und verrichteten leider mehr, als zu meiner Unruhe nöthig war. Lange Zeit gab ich auf ihre Minen und Stellungen acht; aus Vorwitz wollte ich immer mehr sehn, !22 und bildete mir aus ihren stummen Blicken eine völlige Sprache, ja! ich glaubte, die zärtlichsten Liebesversicherungen erschallten meinen Ohren. — Nun entfernten sie sich. — Was bedurfte es weiter, um mich mit der grausamsten Eifersucht zu quälen? — Der Schmerz durchdrang alle Glieder, das erhitzte Blut kochte in den Adern, ich vermog- te es nicht durch Thränen abzukühlen. Unglückliche Malwina! Deine Augen sahen zn viel, kann Dir nun noch ein Zweifel übrig bleiben, daß Eugen gegen Dich treulos und undankbar handelt? Welche Liebe blickte nicht aus Amaliens feurigem Auge? O über den Triumph! Deine Nebenbuhlerin hat nun sein Herz völlig in ihrer Gewalt, und Du — bist betrogen. Könntest Du Dich doch auch gegen ihn verändern, aber, aber — Du kannst es nicht, kannst die Fesseln nicht ehr zerbrechen, als bis der Verräther, den Du so innig liebst, Dir seine geschworne Treue gänzlich entzieht. — Noch quälte ich mich mit diesen Gedanken, als ich den, Herrn von St. Nicaise auf mich zukommen sah. Welche Theilnahme bewiest er, da er mich in dieser Unruhe erblickte? I2Z Schwrrmüthig lag ich, den Kopf mit der Hand unterstützt; das Buch war von den häufigen Thranen überschwemmt. L) theures Mädchen! welches unglückliche Verhängniß preßt Ihnen diese Thranen aus? — Entdecken Sie mir Ihren Kummer, vielleicht kann meine Sorgfalt ihn lindern. Hätte ich doch meinen Schmerz unterdrücken können? Ich mogte es versuchen, umsonst, in einem Nun waren meine Augen von neuem an« gefeuchtet, es war mir unmöglich, meine Seufzer zurückzuhalten; wider Willen entfuhren sie der gepreßten Brust. — Ach, rheure Malwina, Ihr unbarmherziges Stillschweigen stürzt mich in Verzweiflung. Ich bitte, was ich bitten kann, geben Sie mir diesen Beweiß Ihres Zutrauens, ich verdiene ihn. Vielleicht kann ich das Nebel, was Sie drückt, Ihnen abnehmen; wie glücklich würde ich seyn? — Lieber St. Nicaise! dringen Sie nicht weiter in mich. Wie kann ich mich entschließen. Ihnen eine Sache zu offenbahren, die ich vor mir selbst verhehlen mögte, wenn es möglich wäre? Ja! ich muß Sie angelegentlichst bit- 124 ten, keinem etwas von der Lage, worin Sie mich eben antreffen, zu entdecken. Aber, theures Fraulein! ist es nicht ein bittrer Schmerz für mich, daß das Glück, Ihre Augen zu trocknen, nur meinem Nebenbuhler Vorbehalten ist? Diese Frage machte mich verwirrt. Ich läugne es nicht, eine längere Unterhaltung mußte für mich nicht vortheilhaft ausfallen; aus diesem Grunde suchte ich sie unter scheinbaren Gründen abzubrechen, und entfernte mich, um auf dem Zimmer meinem Schicksale weiter nachzudenken. Es wahrte nicht lange, so trat Eugen herein. Ich will nicht sagen — sprach er, mir sanft die Hand drückend — daß Du, liebe Malwina! absichtlich meine Person fliehst, inzwischen sucht man Dich doch öfter, ohne Dich zu finden. Da höre ich in Wahrheit etwas, lieber Graf, was ich nimmer geglaubt hatte. Ich mögte aber doch wohl wissen, wo Du mich so recht ämsig gesucht hättest? Vielleicht in der grünen Sommerlaube, das ist ein Oert- chen, so ganz für die Liebe bestimmt. — 12 ; Du hast Recht, Malwina, ich begleitete heute Morgen Amalien dahin. Wie? Amalien? Sieh, das hatte ich nimmer von Dir erwartet. Doch, im Ernste, Eugen! suche Dir künftig einen beßren Platz zu Deinen Liebesavantüren, denn nicht weit von diesem Häuschen ist noch ein zweites, worin — Du vielleicht warst, Malwina! das schadet nichts. Was ich thue, kann mein Mädchen immer sehn und hören. Bist Du aber von meiner Treue überzeugt, so wollen wir nicht weiter streiten. Verlangst Du es aber, so will ich gar nicht mehr mit Amalien sprechen. Wäre sie nur nicht so kränklich, das arme Mädchen dauert mich, täglich finde ich sie mehr ermattet, es kann ein trauriges Ende mit ihr nehmen. — Die unbefangene Art, wie er sich äußerte, konnte nicht Verstellung seyn; mein Herz vergab ihm sogleich. O mein geliebter Eugen! vergieb meiner Thorheit, so sprach ich, ihn zärtlich küssend. — Amalie fühlte seit einiger Zeit eine schwer-- vlüihige Traurigkeit, vielleicht lag in ihrer 126 unglücklichen Liebe der erste Gruttd. Sie wünschte nichts so sehr als die Einsamkeit, hielt sich beständig in ihrem Zimmer, und brachte den größten Theil des Tags im Bette zu. Mehr als einmal entschloß ich mich, zu ihr zu gehn, aber meine Gegenwart, meinte ich, würde ihren Schmerz vermehren. Ich bat inzwischen meinen Eugen, sie doch häufig zu besuchen; ihre Krankheit wurde immer bedenklicher, der Arzt war für ihr Leben besorgt. Schon einigemahl hatte Sie mich zu sprechen verlangt, heute war ihr Wunsch lebhafter, ich säumte nicht, mit meinem Eugen sie zu besuchen. Todtenbleich lag sie auf dem Gerte, in ihren Augen zeigten sich Spuren einer baldigen Auflösung. Liebreich reichte sie mir die matte Hand, und drückte sie zärtlich. Theure Freundin, sprach sie, nicht Du, ich sollte Thränen vergießen, ich war Deiner Ruhe sehr hinderlich, denn ich wollte Dir das rauben, was Dir auf der Welt das Liebste ist. Könntest Du mir mein Dir angethanes Unrecht wohl verzeih«? — Laß mich, o Mal- wina! laß mich dies zu meinem letzten Tröste glauben, und vergönne es mir, daß ich daS Glück, Deine Freundin gewesen zu seyn, in mein Grab nehmen kann. Rein, meine Theure! —- ich weinte —- Du wirst nicht sterben, der Himmel wird Dich noch am Leben erhalten und mir die Süßigkeiten der Freundschaft aus Deiner Hand nehmen lassen. — Aber ach! es war leere Hofnung, daß der Tod sie verschonen würde. Ihre Kräfte verlohren sich auffallend, ihre Stimme wurde so schwach, daß man sie kaum verstehn konnte, sie vermogte die Umstehenden schwer zu unterscheiden. Meinen Eugen sah sie nicht selten schmerzerfüllt an, dann konnte sie die Seufzer und Thranen nicht unterdrücken. Liebster Graf, fing sie mit kaum verständlicher und gebrochner Stimme an, ich bitte Sie herzlich, denken Sie nicht mehr an die Schwachheit, da ich Sie von. dem Gegenstände Ihrer Liebe entfernen wollte; oft kämpfte ich mit mir, aber — ich konnte mein Gefühl nicht unterdrücken. Und Du, mein geliebter Bruder, höre die letzte Bitte Deiner sterbenden Schwester. Bei allem, was Dir auf der Welt das Liebste ist, beschwöre ich Dich, die? 728 ftn irr ihrer Liebe Glücklichen, welche die Vorsicht deS Himmels schon von der Wiege an verband, nicht weiter hinderlich zu seyn, und willig De-.nen Ansprüchen zu entsagen. Erhalte diesen Sieg über Dich, mein Bruder, und gieb ein Beispiel wahren Edelsinns, wenn Du selbst sie zum Ziele ihres Glücks bringst. — Kaum hatte sic zu reden ausgehört, so fiel sie in eine Ohnmacht, aus der sie nie wieder erwachte. — Ist gleich kein Schmerz so groß, den nicht die beglückende Zeit aufhebcn oder leichter machen sollte, so gestehe ich doch gern, daß mir dieser Tod nimmer aus der Seele kommen wird. Kein Tag geht ohne das traurige Andenken an das unglückliche Mädchen vorüber, welches ihre letzten Momente mit Wohlthun so veredelte. — Länger als eine» Monat war St. Nicaise wegen des Todes seiner Schwester ganz tiefsinnig und trostlos. Er schleppte stch unaufhörlich mit den betrübten und schwermükhigen Gedanken, führte ihren Namen stets im Munde, und konnte nie ohne Seufzer an sie denken. Er vergaß sogar seine Liebe zu mir; dies war mir um so angenehmer, da mir viele Bestandigkeie an ge- I2Y angeboren war, mithin jeder Versuch/ den Eugen aus meinem Herzen zu reißen, doch fruchtlos bleiben mußte. Nun befürchtete ich auch von ihm, nach dem Wunsche seiner Schwester, keinen erneuerten Angrif. Ich hatte mich geirrt; es war seinen Gefühlen zu hart, mich in den Armen eines andern zu sehn. Er kam daher, um mich von meinem Eugen zu trennen, auf den Gedanken, seinen Gönner zu bestimmen, mich eine Zeit in ein Kloster zu schicken. So könnte ich frei über mein Herz schalten, sprach er zu ihm, und würde nicht stets von Eugens Schmeicheleien zu seinem Nachtheile eingenommen. Daß mein Grosvater seinem Wunsche sogleich Genüge leistete, darf ich wohl kaum hinzufügen. — Christine sollte mir diese unangenehme Nachricht hinterbringen; man wußte, wie vertraut ich mit ihr war. Mein Grosvater eröfnete ihr unter scheinbarem Vorwände sei» Vorhaben, und suchte sie durch Versprechungen für St. Nicaise zu gewinnen. Dies schlaue Weib versprach alles, und fügte die Versicherung hinzu, sie werde dafür sorgen, daß Eugen in kurzem seinen Abschied auf ewig erhalte. — Ä Der Graf war eben bei mir, als Christine ins Zimmer trat, und uns diese traurige Nachricht hinterbrachte. Sie erzählte uns das ganze Gespräch, und fügte hinzu, daß sie, um für uns wohlthätig wirken zu können, gegen uns gesprochen hätte. Da siehst Du, theure Malwina, wie treu St. Nicaise seinem Versprechen und dem Wunsche seiner verstorbenen Schwester nachkömmt? Ha, Treuloser? heißt das Dein Ansehn zu unsrem Glücke benutzen? Ich schwöre, Du — Lieber Eugen, besänftige Dich, wir wollen ihn hören; vielleicht hat er an diesem Plane gar keinen Theil. Noch ist der festgesetzte Zahrestermin nicht verlaufen, wir können ihm keiner Unehrlichkeit beschuldigen. Auch muß man seiner übergroßen Leidenschaft etwas zu gut halten, sie reißt ihn wie ei» gewaltiger Strom dahin; überdem gebührt es mir, und nicht Dir, ihn deshalb zur Rede zu stellen. Sei ruhig, Eugen, und übereile Dich nicht. Wie? angebetetes Mädchen! bildest Du Dir ein, ich könnte, wie ein lebloses Holz, unempfindlich bleiben, wenn man Dich mir rauben will? r;r Das wünschte ich nicht, Eugen, aber — Klugheit sei Deine Führerin. Geh zu meinem Grosvater und erinnere ihn, was er Dir und mir so heilig versprach. Suche ihn durch dringendes Bitten zu erweichen und für unser Wohl zu bestimmen. Mein lieber Eugen folgte bei jeder Gelegenheit zu sehr meinem Rath, als daß er nicht sogleich meinen Grosvater ausgesucht und stch ihm zu Füßen geworfen hätte. Ich ließ unterdessen Herrn von St. Nicaise zu mir einla- den ; die Liebe gab ihm Flügel, meinem Wunsche gemäß sogleich zu erscheinen. Sie vermutheten wohl nicht, lieber Freund, daß ich bei Ihnen Schutz und Hülfe suchen müßte? Wie? Lei mir? ich sollte Sie in Schutz nehmen können? O! sprechen Sie bestimmter» Sie haben eine Verwandte, welche Aeb- tißin eines benachbarten Klosters ist, worin man mich aus Gründen, die ich nicht weiß, verbergen will. Ich ersuche Sie, mir die Gewogenheit dieser Dame zu verschaffen. Sie verwirren mich. Meine Tante wird die Ehre — I 2 n- O lassen Sie die Schmeicheleien, es kömmt bei mir auf Handlungen an. Sagen Sie mir doch, ließ mein Grosvater sich von diesem Vorsätze nichts gegen Sie merken? ' Es ist möglich, aber — Es thut mir wirklich leid, Herr von St: Nicaise, daß Sie absichtlich allen Verdacht einer unedlen Handlung auf sich werfen. Sprechen Sie ohne Rückhalt. So geben Sie m i r also die Schuld? Die Zeit wird es lehren, ob meine Ver- muthung falsch war? ich wünsche von Herzen daß ich Sie um Vergebung bitten muß. Jetzt ersuche ich Sie, meinem Grosvater zu versichern, daß ich voll kindlicher Verehrung seinem Befehle mitschuldigen Gehorsam folgen, und mich seiner Führung überlassen würde. — Wie war mir daran gelegen, bald zu erfahren, was mein Eugen bewirkt hatte? Ich erwartete ihn mit Schmerzen, aber leider! hatte ich nicht nöthig, mir die Antwort von ihm zu erbitten; seine Minen verriethen die unglücklichste Botschaft. Bange Traurigkeit umwölkte seine Stirn, die aufgeschwollnen Augen waren noch nicht trocken, die mat- , iz; ten von den heißen Zähren geschwächten Blicke gaben mir, ach! zu erkennen, daß sich mein Grosvater nicht erbitten lassen wollte. Es ist um uns geschehn, theure Malwina! Mein flehentlichstes Bitten, meine häufige» Thranen — alles, alles ist umsonst; auf morgen ist der Tag Deiner Abreise festgesetzt. Sein Wort hindre ihn,so sprächet unerbittlich,unser Bündniß zu bestätigen. Ach, geliebtes Mädchen, welche Prüfungen werden wir noch erdulden müssen, ehe wir zum Ziele unsres Glücks gelangen? Doch — sollte die Einwilligung Deines Grosvaters zu Erlangung unsrer höchsten Zufriedenheit so unentbehrlich seyn? Sind wir nicht überzeugt, in meinem Vaterlande die Freuden ehelicher Liebe ungestört genießen zu können? Malwina! was denkst Du? — Sprich weiter nicht davon, theurer Eugen! und laß mich die Pflichten der Tugend nie aus den Augen setzen. Man muß doch endlich einmal aufhören, wider unsre Liebe zu streiten, laß uns unser jetziges Schicksal ohne Murren ertragen, und uns mit Geduld und Hofnung wafnen. ^ Das Kloster, wohin man mich führen I z wollte, gefiel mir gar nicht; ich äußerte es meinem Grosvater, der zu mir kam, mir meine am folgenden Tage bestimmte Abreise anzukündigen. Er, zeigte Bedauren, daß er meinen Wünschen wegen der schon gemachten Einrichtungen nicht Genüge leisten könnte, und erklärte fich, daß er bei diesem Schritte gar nicht die Absicht habe, mir die Liebe zu dem Grafen zu verbieten. Um die große Hitze am Tage zu vermeiden, brauchte man die Vorsicht, mit mir vor Aufgang der Sonne abzureisen. Ich und meine Christine setzten uns in den Wagen, St. Nicaife und mein Graf begleiteten uns zu Pferde. Siehe da, — sprach ich zu meiner Reisegefährtin, bei Erblickung des Klosters, — das öde Gemäuer, was mich vielleicht auf ewig verschließen wird. Wie ist mir? höre ich nicht schon das heisre Geschrei zanksüchtiger Nonnen, oder des elenden Aberglaubens Morgengebet? Der Kutscher hielt an, man hob Miesaus dem Wagen. Mein stummes Seufzen und einige Blicke waren beredt genug, dem Grafen meinen Kummer deutlich bemerken r;? zu lassen, und es ihm zu beweisen, wie schmerzhaft mir die Trennung von ihm würde? — Die Aebtißin stand am Eingänge, empfing mich sehr freundlich, und führte mich selbst in das für mich bestimmte Zimmer, dessen gute Einrichtung mir vieles Vergnügen machte. Meine Augen konnten inzwischen die Thranen nicht zurückhalten, ich dachte an meinen lieben Eugen, von dem ich nun getrennt werden sollte. Zwingen Sie fich nicht, mein Kind, sprach die Aebtißin sanft zu mir, lassen Sie vielmehr Ihren Thränen freien Lauf. Seyn Sie versichert, daß ich mir alle Mühe geben werde, Ihre Thranen abzutrocknen, und Ihnen den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Diese freundschaftliche Aufnahme hatte ich nicht erwartet. Ich dankte ihr verbindlichst, und bat sie, sich eines Mädchens an- zunehmen, die fern von jeder niedrigen Leidenschaft, ihre Gewogenheit zu verdienen suchen würde. Um die Gesellschaft zahlreicher zu machen, hatte die Aebtißin die beiden Vorsteherinnen deS Klosters eingeladen, zwei alte Nonnen, deren ?;6 Mund wie eine Klappermühle sich unaufhörlich bewegte. Hatte ich nicht den Grafen um mich gehabt, mir würden dicft Plaudereien höchst unangenehm geworden ftyn. Wir konnten uns freilich nur sehn, aber — unsre feurigen Augen redeten so deutlich als der Mund, und zwar in einer so fremden Sprache, daß wir allein uns nur verstanden. Weil mir die Gebrauche noch nicht bekannt waren, so glaubte ich nicht, daß ich so glücklich seyn, und den Grafen an der Tafel sehn würde. Wie wunderte ich mich, da ich die Tafel im Sprachzimmer serviren sah? Obgleich alles gut zubereitet war, so bat uns die Aebtißin doch wiederhohlt wegen der fehlerhaften Einrichtung um Verzeihung; ich saß neben Eugen. — Hatte man es vielleicht von der Christine, oder sonst von jemand erfahren, daß ich eine große Liebhaberin von der Musik und vorzüglich vom Gesänge wäre? Eine junge recht schöne Nonne trat ins Zimmer und vergnügte uns durch ihren vortreflichen Gesang, sie selbst begleitete ihn schwärmerisch mit der Laute. Das Mädchen jammerte mich, ich meinte, sie V IZ7 wäre ein' unglückliches Opfer des Geld - oder Ehrgeizes, und hielt es unmöglich, sich freiwillig bei so jungen Jahren in einem bangen Kivsier begraben zu lassen. — Nach Tische schlug die Aebtissin einen Spatziergang vor; welcher Gedanke konnte mich mehr beglücken? — Ich suchte bald Gelegenheit, mich von der Gesellschaft zu entfernen, und meinem Eugen durch einen sanften Händedruck meinen Wunsch zu verstehn zu geben. Ach! meine Theure, so fing er an, die Stunde des Abschieds rückt immer näher. O wie werden diese Augen, welche an das über- irrdische Vergnügen, Dich täglich zu sehn, gewöhnt sind, wie angstvoll werden sie Dich vergeblich suchen? — , Lieber Graf, antwortete ich ihm, wir wollen uns bemühn, in unsrem Leiden ewigen Trost zu finden. Du wirst beständig an mich denken, ich werde Dich nimmer aus meiner Seele kommen lassen. Laß uns das Beste hoffen, vielleicht ist der glückliche Augenblick unsrer Vereinigung näher, als wir erwar- sey. —. Die Wünsche des St. Nicaise, mich I 5 !Z8 hiedurch mehr zu bestimmen, müssen gerade das Gegentheil bewirken. Sey versichere, daß, wenn er mir noch so viel zusetzte, oder Lurch meinen Grosvater zusetzen ließe, er nie seinen Zweck erreichen wird. Jetzt verbanden wir uns wieder mit der Gesellschaft. — Absichtlich suchte ich es zu Hintertreiben, daß ich nicht mit St.Nicaise ohne Zeugen sprechen durfte, so sehr ich den Wunsch in seinen Augen laß. Der Spatziergang war geendigt; Eugen fuhr nach dem zärtlichsten Abschiede zu meinem Grosvater zurück, St. Nicaise schlug einen andern Weg ein; er wollte zu seinen Besitzungen gelangen. Nicht wahr, meine liebe Malwina, redete mich die Aebtissin an, das war für Sie ein trauriger Abschied. Beruhigen Sie sich aber, und halten Sie diese Einsamkeit nicht fürchterlich; wir haben auch unsre Freuden. Der Pater Direktor ist ein artiger und lustiger Mann, ihm will ich Sie empfehlen, wahrlich! Sie müßten sehr schwermüthig seyn, wenn er Ihre finstre Laune nicht bald vertriebe. — Unter diesem Zuspruche begleitete si; mich bis in mein Zimmer und verließ mich. Aber wie konnte ich Ruhe finden? ein alter schmutziger Mönch sollte die Stelle meines Eugens vertreten können? — der Gedanke war mir unerträglich. Ich weiß nicht, welche geheime Neigung mich zu der jungen Nonne zog, die uns neulich mit ihrer Stimme vergnügt hatte, und die jetzt eben zu mir hereintrat, mich zu besuchen. Sie hieß Cäcilie und wußte sich so offen und vertraulich gegen mich zu benehmen, daß sie bald Theil an meinem Herzen hatte. Liebe Schwester! hattest Du so viele Leiden und Kränkungen erduldet wie ich, so würdest Du mir Recht geben, daß ich jetzt in dem unglücklichsten Zustande bin. Und kann ich nach dieser harten Prüfung nicht noch Vorfälle für die Zukunft befürchten? — Du glaubst gewiß, so antwortete sie mir, daß mein junges Her; noch nicht weiß, wie schwer und empfindlich es sey, sich alle Augenblicke von tausend neuen Gefahren bedroht zu sehn? Da ich in dieser betrübten Einsamkeit den Rest meiner Jahre verleben muß, ach! warum kann ich denn nicht die Martern ver- 142 gessen, welche ich wegen einer unglücklichen Liebe ertragen mußte? Die gute Cäcilie äußerte dies mit solcher Rührung, daß ich nicht zweifelte, ihr Zustand sey noch beklagenswerther, als der meinige. Das herzliche Mitleiden, welches ich mit ihr hatte, erweckte in mir ein sehnliches Verlangen, ihre Begebenheiten zu erfahren, aber fie entschuldigte sich, theils mit der Kürze der Zeit, theils mit den häufigen Thränen, deren sie sich bei Erzählung ihrer Unglücksfälle nicht würde enthalten können. Ich ließ sie daher unter Versicherung meiner aufrichtigen Freund, fchast von mir, und blieb nun mit Christinen allein auf meinem Zimmer. Wäre es mir erlaubt mein Fräulein, so fieng sie an, ich würdeIhnen die Ermahnung geben, künftig mehr an sich zu halten, und sich nicht so frei heraus zu lassen. Wer kann wissen, ob diese Cäcilie nicht eine vertraute Freundin der Aebtissin ist? Wir sind hier in einem feindlichen Lande, und müssen uns durchaus hüten, daß man durch falsche Vertraulichkeit nicht unsre Plane entdecke. Unsre Aebtissin ist, wie ich bereits erfahren habe. eine falsche, eigensinnige und wunderliche Frau, um so mehr müssen wir uns in Acht nehmen, sie nicht zu beleidigen; von ihr hangt unser ganzes Wohl ab. Christine sprach noch, als die Aebtissin hereintrat. Wie erschrak ich? sie brachte die Nachricht, Herr von St. Nicaise werde uns morgen den Tag recht angenehm zubringen helfen. Mir that es weh, nicht dreist meine Meinung sagen zu dürfen, inzwischen äußerte ich mich doch so, daß sie wohl merken konnte, mir wäre an seinem Besuch auch nicht das geringste gelegen. — Die Nacht brachte ich nicht ruhig zu, der folgende Tag beschäftigte mich zu sehr. Ich stand spat auf, und wäre vielleicht noch länger im Bette geblieben, hätte mir nicht Cäci- lie die Nachricht gebracht, ein fremder Herr erwarte mich sehnlich im Sprachzimmer. Ich bekenne es aufrichtig, daß diese Nachricht mich nicht zum schnellern Ankleiden bestimmte; erst nach zweistündiger. Verweilung gieng ich aus meinem Zimmer. Sie lassen mich lange warten, theure 142 Malwina, beinah sollte ich glauben, meine Besuche wären Ihnen unangenehm. — Nein, Herr von St. Nicaise, sie würden mir nicht unangenehm seyn, hatte ich nicht einen Grund, der mich bestimmte, sie einzu- schränken. Haben Sie die Güte, ihn mir mitzu- theilen. Ich säumte nicht. — Wahrscheinlich erinnern Sie sich noch der zärtlichen Liebe, die mich und den Grafen Eugen gleich stark fesselt. In Ansehung der Treue, die wir uns schwuren, ist er mehr mein Gemahl, als mein Liebhaber. Unsre Eltern befestigten von Jugend auf dies unauflösliche Band, und doch — schrecklich ists zu sagen! — doch will man mich zwingen, meiner Liebe Gewalt anzu- khun. Wie schlecht kannte man meine Beständigkeit, wenn man glaubte, die Abwesenheit von dem Gegenstände meiner Liebe würde mich zu einer Kälte verleiten? O nein! die Fantasie giebt entfernten Gegenständen stets ein weit stärkeres Colorit, ich fühle jetzt gegen meinen Eugen so heftige Liebe, daß mir der Umgang mit jedem andern Manne beschwerlich wird. Wollen Sie daher, daß mir Ihr Besuch erfreulich seyn soll, so bringe» Sie meinen Eugen mit sich; geschieht dies nicht, so sehn Sie mich nicht weiter. Noch heute werde ich es der Frau Aebtissin eröfneu, und werde auf diesem Vorsatze beharren. St. Nicaise wollte Einwendungen machen, ich entfernte mich aber von ihm, ohne weiter ein Wort zu reden, und gieng auf mein Zimmer zurück, um mit Christinen ein Mittel zu ersinnen, wie ich dem Grafen von meinem Schicksale Nachricht gäbe? Sie machte mir den Vorschlag, mich sogleich zu der Aebtissin zu begeben, und sie wegen des ihrem Neveu geäußerten Unwillens um Verzeihung zu bitten. Ich fand diesen Rath so gut, daß ich nicht säumte, ihn auszuführen; wie wurde ich ausgenommen? — Es ist mir angenehm. Ihnen, mein Fräulein! sogleich mein höchstes Mißfallen über Ihr unanständiges Berragen bezeigen zu können. Ich wüßte nicht, daß Schweigen Sie. Ihren Hochmuth und Eigensinn übersehe ich nur allein meines Ver- 144 wandten wegen, sonst würde ich Sie gleich lehren, künftig bescheidener zu seyn, und mir Gehorsam zu beweisen. Wie? Gehorsam? Allerdings. Es ist der ernste Befehl Ihres Herrn Grosvaters, daß Sie mit dem Grafen durchaus alle Verbindung abbrechen, und den braven St. Nicaise, der Ihnen das Leben rettete, lieben sollen. Lieben sollen? Dergleichen Befehle setzen mich in Verwunderung, doch wozu viele Worte? Ist mir der Umgang mit dem Grafen untersagt, so soll mir auch Herr von St. Nicaise nie beschwerlich fallen. Ich ver- sichreIhnen dies, ohne dabei den Ihnen schuldigen Respekt aus den Augen zu setzen. — Wie freute ich mich, auf meinem Zimmer Cacilien zu finden, die gern das Ende meiner Unterhaltung mit der Aebtisfin wissen wollte? Das Blut wallte noch in meinen Adern, man konnte die innere Bewegung sogleich an den gefärbten Wangen bemerken, es war mir vor- theilhast, meinen Zorn ausdampfen zu können. Ach, theure Cäcilie, wie besonders lieb ist es mir, Dich hier zu-finden, Du entdeckst viel- vielleicht aus meiner Gesichtsfarbe das Ende des Gesprächs mit der Aebkissin. Sie betrug sich sebr ungefällig gegen mich, ich bewiest ihr aber eine gewisse Standhaftigkeit; dies schien zu wirken. — ° Du handeltest recht, Malwina! Es giebt Menschen, die Nachgiebigkeit für Schwäche Hallen, zu diesen gehört auch unsre Aebtissin, aber — was nun anfangen? wie nun eine Verbindung mit Deinem Eugen bewirken? Ja! das ist eben der Knoten, den ich nicht aufzulösen vermag. Nun, so will ich Dir damit den ersten Beweist meiner Freundschaft geben. Du? — Freundin! meinem Herzen würdest Du für Deine Güte unvergeßbar bleiben, sprich! wie könnte ich von Eugen Nachricht erhalten? Einer der Pachter meines Vaters wohnt nicht weit von hier, er ist ein guter mir verpflichteter Mann, ich kann ihm völlig trauen. Er wird einen Brief an Eugen sicher einhändigen, und sich gern dazu verstehn, ihn eine Nacht zu verbergen, damit er Dich inDeinem Zimmer besuchen könne — K r§6 Wie ist das möglich? Cacilie! ich erstaune — Ja, in Person will ich ihn zu Dir führen, das verspreche ich Dir. Um Dich aber aus d§m Traume zu helfen, wisse, in diesem Kloster ist eine verborgene Thüre, zu welcher ich den Schlüssel habe. Säume nun nicht den Brief zu schreiben, ich entferne mich — Man machte mir Hofnung, das entzückende Vergnügen zu haben, meinen Geliebten zu sehn, der Brief war bald geschrieben. Ich meldete ihm, daß er dem Ueberbringer sicher folgen, und an dem Orte, wo man ihn hinführen würde, sein Schicksal ruhig erwarten könnte. Wie langsam vergeht die Zeit, wenn man einen Geliebten erwartet? die flüchtigen Stunden scheinen zurück zu gehn, statt, daß sie forteilen sollten. Mein Herz hatte schon die Vorempfindungen der Wonne, die es bald in der Umarmung meines Theuren haben mußte, wie glücklich, wie unglücklich war ich? — Wer stört mich in meinen Fantasien? —. »47 Eine Nonne meldete mir, daß man imSprach- zimmer mich sehnlich erwarte. Ist's etwa ein Cavalier, der mich zu sprechen wünscht? Nein, liebe Schwester! es ist eine Person von größer» Verdiensten. Und wer ist sie? Sr. Ehrwürden, der Herr Pater Direktor — sie neigte sich — Komm doch bald herunter, damit Sr. Ehrwürden nicht warten dürfen. Ach! wir sind recht glücklich, einen solchen Herrn Direktor zu haben, aber — wir lieben Sr. Ehrwürden auch eben so sehr, alS ihn unsre Frau Aebtrssin hochschätzt. Ich durfte nicht säumen. — Ob dem guten Pater mein Aeußeres wirklich auffallend war? er sagte mir die größesien Schmeicheleien. Sie verdienen es, mein Fraulein, daß man Ihr Herz mit aller Kraft zu erobern, oder, wenn man der Besitzer ist, zu erhalten sucht. Die Anrede befremdete mich; mir war damals noch nicht bekannt, daß man unter den geistlichen eben so wie unter den weltlichen Standen, verliebte Ritter anträfe. Ichsüchte durch Schweigen ihm mein Misfallen z» er- K s 148 kennen zu geben. Die Frau Aebtisstn erzählt' mir, so fuhr er fort, Sie hätten mit ihr einen Streit gehabt, und sich darin sehr hartnäckig gegen Sie bewiesen. Sie ließ mich rufen, mir den Vorfall anzuzeigen, ich hoffe, daß ich sie leicht werde vereinigen können. Recht verbindlich danke ich Ihnen, Herr Pater! für Ihren guten Willen. Glauben Sie aber, daß Sie sich vergebens bemüh» würden, meinen Gefühlen eine andre Richtung zu geben. Hören Sie, mein Fräulein! unsre Wünsche. Sie lieben — Nichts ist gewisser als dies, nichts aber auch gewöhnlicher und — verzeihlicher. Man wünscht, Sie mögten Ihre Liebe einem andern geben, und dieser Wunsch ist nicht unbillig, da er mit dem Plane Ihres Herrn Grosvaters übereinkömmt. Ueberdem ist diese Veränderung in Ihrer Neigung das einzige Mittel, Ihre Vorgesetzte zu. besänftigen. Was wollen Sie säumen? Schon vorher äußerte ich, daß Ihre Bemühungen, Herr Pater! in dieser Rücksicht fruchtlos seyn würden. Ich habe ihm, meinem Eugen geschworen, und that es gern. 149 So lange das Blut in meinen Adern wallt, wallt es nur für ihn. Sie sprechen mit Warme, mein Fräulein! aus diesem Grunde würde es hart seyn, Sie sogleich von dem Gegenstände Ihrer Liebe zu entfernen, und Sie Ihren trüben Vorstellungen überlassen zu wollen. Ich selbst werde mich bemühn, Ihnen bisweilen eine erlaubte Unterhaltung mit Ihrem Geliebten zu verschaffen, und habe dabei keine andre Absicht, als Ihnen zu beweisen, wie stark Sie auf mich wirkten. — Ja, mein Fraulein ! die Strahlen Ihrer schwarzen Augen, der bezaubernde Anblick so seltner Schönheiten machen auf mein Herz den lebhaftesten Eindruck — Eine artige Erklärung, Herr Pater, sie klingt aus Ihrem Munde vortreflich — Spotten Sie meiner nicht, Fräulein Mal- wina! dies Herz — verschmäh» Sie eS nicht — soll von reinen Flammen lodern, nnd als ein Opfer Ihnen allein gewidmet sepn. Ich laugne es meinen Lesern nicht, ich mußte meine Gelassenheit ganz zusammen nehmen, um gegen einen solchen Unverschämten mich nicht überstark zu äußern. Er war mein Kz i;s Vorgesetzte?, und konnte mir sehr nachtheikig werden, ich machte daher aus de? Unterredung Scherz, und suchte sie so geschwind als möglich abzubrechen. Wie ich auf mein Zimmer kam, erzählte mir Christine, daß Cacilie die angenehmsten Nachrichten für mich hatte, und mich bitten ließ, sie eiligst zu besuchen. O theure Mal- wina! wie vergnügt bin ich, unser Plan glückte völlig. Der Graf ist nicht mehr weit von uns entfernt, und hier — übergebe ich Dir einen Beweist seiner Liebe. Mit welcher Freude entfaltete ich folgenden Brief: — „Wie bin ich Dir, mein theures Mädchen! für die Nachricht verbunden, welche Du mir so eben mittheiltest. Wie?— ich soll das übenrrdische Vergnügen genießen , Dich wieder zu sehn? Ach Mal- wina! wie ist mir bei dem Gedanken? — Solltest Du auf dem Altäre meines Herzens das unauslöschliche Feuer erblicken, dann würdest Du einsehn, mit welcher Sehnsucht, mit welchem Verlangen ich den erwünschten Augenblick erwarte, wo ich Dir die süßen Regungen eines nur für Dich fühlenden Herzens entdecken kann. Stumme Seufzer, flammenreiche Blicke, süße Thränen werden das z» ersetzen suchen/ was mein unberedter Mund nicht sagen kann, aber alle ihre Beredsamkeit wird nicht hinreichend seyn. Dir die Gefühle Deines Dich ewig Liebenden lebhaft darzulegen. Eugen von Stamford." Bist Du aber auch Deiner Sache gewiß, geliebte Cäcilie! so daß mein Glück weiter kein Hinderniß zu befürchten hat? fragte ich. Furchtsame! aber — das ist ein Fehler aller liebenden Mädchen. Die Stunde zu Eurer Zusammenkunft ist bereits bestimmt, Dein Eugen mögte in den Armen eines andren Mädchens? — doch, ohne Scherz. Um Mitternacht führe ich ihn mit Hülfe Christinens zu Dir, die Vorsicht macht es nothwendig, daß Du ihn eine gute Zeit vor anbrechendem Tage zurückschickst; das wirst Du nicht versäumen. Lebe wohl, Malwina, wir wollen uns trennen, um nicht aufzufallen; auch die Wände K 4 I?2 haben, nach dem Sprüchworte, bisweilen Ohren. - Es war noch eine Stunde bis zum Abendessen, ich ging, um mich zu zerstreuen, mit meiner getreuen Christine in den Garten, und sprach mit ihr von dem Vergnügen, welches ich nun bald genießen würde. Auch die Aeb- tisstn machte sich mit den übrigen Klosterschwe- siern eine Bewegung, sie schienen mich nicht zu bemerken. Seitdem ich mit der Aebtissin den Streit gehabt hatte, hielt es eine jede für Pflicht, mir verächtlich zu begegnen. Die armen Geschöpfe dauerten mich — Langsamer entschleicht dem Kettensclave» nicht die Zeit, wie mir dieser Abend entwich, die Sonne schien mir, wie weiland dem Io- sua ganz still zu stehn, die bejahrten Buchen warfen mir gar keinen verlängerten Schatten. Aber man erlebt ja alles, und ich — hörte auch die Klosteruhr eilf brummen. Christine durfte sich nun keine Minute länger auf- halten; nach meinem Wunsche sollte sie schon um neun Uhr auf ihrem Posten. — Bald hörte ich an dem leisen Geräusche der verborgenen Thüre, daß meine sehnlichen Wünsche er- fällt wären. Die erfreute Christine führte ihn, meinen Eugen, den Kreuzgang bis zu meinem Zimmer, man denke, wie mir zu Muthe seyn mußte, da ich ihn fest in den Armen hielt; ich kann es nicht schildern. Ach mein Eugen, mein geliebter Eugen, List Du es wirklich? Angebetetes Mädchen! — meine Wünsche sind erreicht, gern will ich nun sterben. O Malwina, meine Malwina! ich verdiene diese zärtliche, diese unüberwindliche Liebe nicht. Deine Beständigkeit wird Dir täglich neues Unglück, neue Verfolgungen bereiten, und doch — ich kann Dich nicht verlieren, nein! bis in mein Grab Dich nicht entbehren, Wollen wir heute mit trübem Auge in die Zukunft blicken, lieber Eugen, um darin die möglichen Unglücksfälle auszusuchen? Laß uns die gute Hofnung fassen, mein Grosvater werde endlich erweicht unfern Bund bestätigen, und mich nicht einem Manne bestimmen wollen, dem mein Herz nie angehören kann. Was hindert uns aber, theures Mädchen, nicht ein mehr sichres und bequemes Mittel zu K 5 r?4 unsrem Glücke zu ergreifen, und alle Besorgnisse von uns zu entfernen? O mein Eugen. Die Liebe zu Dir dringt mir tief in die Seele, ich mögte sie um keinen Preis verlieren, aber meine Ehre ist mir auch theuer. Die erwünschte Stunde, wo wir ungehindert beides verknüpfen können, ist vielleicht nicht mehr weit. Unsre ewige Beständigkeit mag uns inzwischen dazu dienen, dies Gut, durch deren Erlangung wir den höchsten Gipfel unsres irrdischen Glücks erreichen, in tugendhafter Gelassenheit zu erwarten. — Mein Geliebter kannte mich zu genau, um noch weiter in mich zu dringen. Aber ein Umstand machte ihn sehr unruhig; er glaubte, seine nächtlichen Besuche nicht häufig fortsetzen zu können, ohne meinen Grosvater aufmerksam zu machen, und die ganze Sache zu' verrathen. Nach vielem Hin und Hersinnen hielten wir es am besten, er mögte eine Reise vorschützen, und sich bei dem Pächter so lange verborgen halten, bis meine Lage auf diese oder jene Weise eine andere Wendung bekäme.— Nun entfernte er sich von mir, und hatten wir uns gleich in der folgenden Nacht wieder zu sehn verabredet, so gierig doch der Abschied nicht ohne Thronen ab. Ohne die Zurückkunft meiner Christine, welche den Grafen begleitete, abzuwarten, warf ich mich ins Bette, und schlief so sanft, so fest ein, daß ich nicht ehr erwachte, als bis sie am folgenden Morgen mich aufrnttelte. So kann man allenfalls zu seinem Schaden kommen, Fraulein Malwina! Ihr Geliebter raubte Ihnen etwa drei oder vier Stunden von der Nacht, nun nehmen Sie gleich von dem Tage sieben oder acht Stunden zu Hülfe. Aber, im Ernst, stehn Sie ja eilig auf, es ist schon über neun Uhr, man fragte nach Ihnen, ich schützte eine böse Kopfkrankheit vor. Cacilie mögte überdem bald kommen, Sie zu einem Spatziergange einzuladen. Das Wetter ist schön. —- Christine hatte wahr geredet. Kaum war ich aus dem Bette, so trat auch schon meine geliebte Cacilie hinein, mir einen freundlichen Morgen zu bieten, und mich zu einem Spaziergange aufzufordern; ich war sehr bereit dazu. Welche vergnügte Unterhaltung? — Die Geschicklichkeit, mit der wir die schlaue 1^6 und wachsame Aebtissin hinter das Licht geführt hatten, die Streiche, die wir ihr in der Zukunft noch spielen wollten, und die Verliebtheit des Pater Direktors gaben zu allerhand lustigen Einfallen und Scherzen Anlaß genug. Auch verschwieg ich ihr nicht meine Unterhaltung mit Eugen. Frauenzimmer hören gern Liebesverstcherungen; ich theilte sie ihr aus Dankbarkeit mit, sonst thut man eS nicht gern. — Liebe Cacilie, sagte ich zu ihr, da unser Spatziergang geendigt war, und wir unsre Zellen erreicht hatten, schon längst versprachst Du mir eine Erzählung Deiner Begebenheiten; wie? wenn Du heute Dein Versprechen erfülltest? Die Aebtissin ist, wie Du weißt, abwesend; nichts kann uns hindern, den ganzen Tag angenehm zu verplaudern. — Malwina! Deine Aufforderung ist billig, aber nicht wohlthätig für mich, wir waren heute so vergnügt. Du hast inzwischen gerechte Ansprüche auf meine Vertraulichkeit, ich kann Dir Deine Bitte nicht von neuem ab- schlagen. Das Bekenntniß meiner Schwach- IZ7 Heiken wird nicht ohne Thronen seyn, aber — Du kennst ja die Gewalt der Liebe. Höre ! Meine Geburt war der Anfang meiner Leiden, ich verlohr dabei eine würdige Mutter, die in der Folge manches Unglück von mir hätte abwenden können. Mein Vater tröstete sich inzwischen bald über den Verlust, und wählte ein Fräulein vonBeauchaine zu meiner Stiefmutter, die zu meinem größten Nachtheile nach Verlaufeines Jahrs von einem Sohne entbunden wurde, auf den sie alle Sorgfalt und mütterliche Neigung richtete. Selbst mein Vater bewieß mir nicht mehr seine Liebe in dem Grade, wie vorher, er war ein Sklave seiner herrschsüchtigen Gattin, und mußte, um Ruhe zu haben, ihrem Eigensinne nachgeben. Urtheile daher selbst, meine Theure, welche Tage sich meine Kindheit von dieser neidischen und wunderlichen Stiefmutter versprechen konnte? Alle meine Aeußerungen gefielen ihr nicht; sie suchte mich bei jeder Gelegenheit zu unterdrücken. Bis dahin hatte ich meinen unglücklichen Zustand nicht gefühlt, jetzt aber, da ich heran- wuchs, fühlte ich ihn doppelt, ich gab meiner i->z Stiefmutter auch nicht den geringsten Grund, mir abgeneigt zu seyn. Nun war ich zehn Jahre; ich entscheide nicht, ob man mir schmeichelte, oder ob ich wirklich äußre Vorzüge besaß? Das mir mitgetheilte Lob wirkte inzwischen sehr zu meinem Nachtheile, meine Mutter wurde wider mich noch mehr aufgebracht, und begegnete mir um so harter, als sie es tief fühlte, wie ihr Sohn mir nachstän- de, und wie er zu allem, was Untugend genannt werden kann, Neigung äußerte. — Die Verfolgungen schienen indessen etwas nachzulassen, als man meinen Bruder von Hause fortschickte, er sollte in Paris zu einem geschickten und vorzüglichen Menschen gebildet werden. Allein, diese Zeit der Ruhe sollte bald ein Ende nehmen. — Meine Mutter hatte bei zunehmenden Zähren ihre großen Einbildungen noch nicht abgelegt und sich den narrischen Wahn in den Kopf gesetzt, durch ihr Aeußeres auf einen jeden wirken zu müssen. Sie war auch wirklich noch ziemlich angenehm, inzwischen konnte es nicht fehlen, daß ich, ein fünfzehnjähriges Mädchen, ohne allen Willen leicht über sie den 159 Sieg davon trug. Was war nun natürlicher, daß sie auf mich eifersüchtig wurde und den Entschluß faßte, mich in keiner Gesellschaft weiter vorzusiellen. Ohne Zweifel würde ich daher mein Leben in banger Einsamkeit zugebracht haben, hatten sich nicht einige brave Menschen meiner angenommen. Frau von Berincourt vergaß mich am wenigsten, sie besuchte mich häufig mit ihrer Familie, und mir war dies um so lieber, da ihr Sohn sehr auf mich gewirkt hatte. Ich will seine Vorzüge nicht auseinander setzen; jede seiner Eigenschaften war meiner Liebe würdig, und vermögend genug , mein Herz in Flamme zu setzen. — Wie natürlich hielt ich meine Neigung zu ihm lange verborgen, bemerkte aber mit Vergnügen den starken Eindruck, welchen ich auf sein Herz gemacht hatte. Die feurigen Blicke, das ängstliche Seufzen, seine genaue Aufmerksamkeit auf alles, was mir lieb seyn konnte, die besondre Dienstfertigkeit, womit er mir in jeder Kleinigkeit zuvorkam, verrie- then mir seine Leidenschaft viel früher, als die furchtsamen Lippen das Bekenntniß abzulegen sich unterstanden... Eine kleine Lustfahrt, wel- l6cr che meine Stiefmutter auf ein der Frau von Verincourt gehöriges Landhaus anstellte, gab meinem Geliebten — warum sollte ich ihn nicht schon so nennen? — Gelegenheit, die unter der Asche verborgene Flamme Hervorbrechen zu lassen. — Wir machten vor dem Abendessen auf einer schönen Wiese, die e.n Graben mit klarem Wasser umschloß, einen Spatziergang. Eine Freundin von Blumen, weilte ich länger am Ufer, um einen Strauß zu pflücken; die Gesellschaft gieng weiter. Wie erwünscht für Verincourt! Bis dahin — so redete er mich an — wagte mein schüchternder Mund nicht, Ihnen, mein Fraulein! das zu entdecken, was Ihnen meine stummen Seufzer, meine feurigen Blicke längst zu verstehn gaben. Ach! theures Mädchen! ist es ein Verbrechen, Sie anzubeten, so gestehe ich gern, daß ich seiner von dem Augenblicke an, da ich Sie zuerst sah, schuldig bin. — Dürfte ich hoffen, Sie würden meine tadellose und reine Liebe nicht verschmähn? — welch ein Glück für mich! Die Flammen, welche Ihr schönes Auge in mir entzündete, iverden nicht ehr als i6i als mit dem Lichte meines Lebens verlöschen. — Was soll ich es läugnen? Die tiefen Seufzer, die feurigen Blicke, welche mir seine Leidenschaft so ganz bewiesen, wirkten mehr auf mein Herz, als die Aeußerungen, welche ich Dir, meine Freundin! so eben mittheilte. Inzwischen hatte ich den Sieg über mein Herz, welches er gleichsam in Sturm erobert hatte, gern vor ihm verhehlt, aber ein zärtliches Ach! war mein Verrather, ich konnte ihm nun weiter keine Geheimnisse machen. — Wir eilten wieder zu unsrer Gesellschaft, sie war eine große Strecke voraus. Unsre Herzen schienen mir von ganz verschiedener Beschaffenheit. Mein Begleiter konnte die Freude, über meine Neigung triumphirt zu haben, nicht bergen, und ich — war beschämt, schlug die Augen nieder, und kränkte mich, ihm die Gefühle meines Herzens sogleich verrathen zu haben. Zwei oder drei Monate eilten in diesem Verhältnisse sehr vergnügt dahin, Frau von Berincourt kannte dre Neigung ihres Carls zu mir, und wußte stets solche Einrichtungen L 162 t zu treffen, daß unsre Liebe durchaus unterhalten werden konnte. O Ihr glücklichen Stunden, Euch vergesseich nicht, so lange ich lebe! Wie beredt zeigte sich mir nicht die Liebe? wie lebhaft äußerte sie nicht ihre Zärtlichkeit? was versprach sie nicht alles? wie verspottete Sie nicht die Kränkungen, welche von Seiten meiner Stiefmutter auf mich warteten? — Vielleicht hatte meine Mutter von dem Verständnisse etwas gemerkt, in welchem ich mit Carl von Berincourt stand. Ohne es sich bestimmt zu äußern, schränkte sie ihre Besuche ein, und affectirte häufig Unpäßlichkeit, wenn die würdige Familie sich bei ihr ansagen ließ. Ich konnte es daher wirklich ein Glück nennen, als meines Geliebten Schwester Gelegenheit fand, mit mir ohne Zeugen zu sprechen; sie hatte das unumschränkte Vertrauen ihres Bruders. Bald, theure Nanette, hoffe ich, wird das Ende Ihres Kummers da seyn. Morgen wird mein Bruder in Gegenwart meiner Mutter bei Ihren Eltern feierlich um Sie anhal- ten, und befürchtet kein Hinderniß. Wie k 16z freue ich mich, theures Mädchen, in Ihnen eine so nahe Verwandte zu sehn; wir wetten recht glücklich leben. — Gewiß würde ich glauben, ich wäre meinem Glücke ganz nahe, wäre mein gutherziger Vater nicht ein blinder Verehrer seiner eigensinnigen Gattin. Die Einwilligung hangt nur allein von meiner Stiefmutter ab, und daß diese mein Glück mehr zu verhindern, als zu befördern suchen wird — das darf ich Ihnen, geliebte Eleonore! wohl nicht sagen. Zweifeln Sie nicht an Ihrem Glücke, liebe Nanette, sondern hoffen Sie; auch ein Tygerherz wird durch Güte erweicht. Ich wünsche mehr mein Glück, als ich es hoffen kann, theure Eleonore! Da Sie aber in das Geheimniß meines Herzens eingeweiht sind, so versichern Sie Ihrem theuren Bruder, daß mich keine menschliche Gewalt von ihm abwendig machen, und Herz und Hand ihm ewig angehoren würde. — Das gute Mädchen hatte für ihren Bruder unbegränzte Anhänglichkeit. Sie war bei dieser Aeußerung für Freude ganz ausser sich, und wußte nicht, L 2 r64 wie sie sich mir verbindlich zeigen und mich zu ewiger Freundschaft verpflichten sollte. — Der getrofnen Abrede gemäß wurde am folgenden Tage meinen Eltern der Wunsch Be- rincourts vorgetragen, die Sache schlug so aus, wie ich es prophezeiht hatte. Mein Vater würde gewiß keine Schwürigkeiten gemacht und die erwünschte Einwilligung gegeben haben, hatte er über sich zu gebieten gehabt; so aber überließ er die Entscheidung seiner herrsch- süchtigcn Gattin, die mir von neuem ihren Haß durch eine ganz kurze abschlagliche Antwort bezeigte. — Leider ließ sie es aber nicht dabei bewenden. Sie sah wohl, daß die Verwandten meines Geliebten von neuem in sie dringen, und alles versuchen würden, ihren gerechten Zweck zn erreichen, auch die Sache so weit treiben könnten, daß sie nicht im Stande wäre, etwas erhebliches dagegen einzuwenden. Aus diesem Grunde hatte sie es sich nicht nur selbst, sondern auch meinem Vater in den Kopf gesetzt, man müsse mich in ein Kloster sperren. Ein erheblicher Nebengrund war wohl, daß ich von meiner leiblichen Mutter Seite eine reiche Erbschaft zu erwarten hatte, die durch meine Verheirathung ihrem Sohne entzogen wurde. Seit einigen Wochen redete sie kein Wort mit mir; zur Ausführung ihres neuen Plans mußte sie nun andre Masregeln ergreifen, sie mußte mich zur Erwählung des Klosterlebens durch Güte zu bestimmen suchen. Mein Vater war bei aller seiner Schwache zu ehrlich, um sich ungerechter Mittel und Anmaßungen bedienen zu können. — Nicht wenig wunderte es mich, daß meine Stiefmutter mich zu einem Spatziergange ein- laden ließ, noch höher stieg meine Verwunderung, da sie mich in ihrem Zimmer freundlich empfieng, und sich so weit überwand, einige , Zärtlichkeiten gegen mich zu äußern. Geliebte Nanette, fing sie an, Du weißt wohl nicht- warum ich Dich rufen ließ? — Nein, meine Mutter! es muß aber etwas wichtiges seyn, da ich so ganz unerwartet das Glück genieße, in Ihrer Gesellschaft seyn zu dürfen. Du hast Recht, meine Tochter, ich will Dir zeigen, daß Dein Wohl mir lieber ist, als Du glauben magst. Höre mir nur auf- L z i66 merksam zu, und laß alle Blödigkeit fahren, überhaupt, ich bitte Dich, geh mit mir anders um, als bisher geschah. Rede mit mir, wie mit einer Freundin, und nicht wie mir Deiner Stiefmutter, der Du unbedingten Gehorsam schuldig bist. Ich gestehe es Dir, Malwina, bei dem Gedanken der Schuldigkeit eines blinden Gehorsams drang mir die Hitze an die Stirne. Um aber das Ende zu erfahren, und meiner Neugierde Genugthuung zu geben, unterdrückte ich meinen Unwillen. Sey aufrichtig, mein Töchterchen, und vertraue mir Dein Herz — so fuhr sie boshaft fort — Wie stehst Du mit Carl von Be- rincourt, und wie ist er gegen Dich gefinnt?— Hast Du eine aufrichtige Liebe zu ihm, und er umgekehrt zu Dir? Ich weiß es wohl, daß er mehrere gute Eigenschaften hat, aber leider auch viele Fehler. — Doch, was ist daran gelegen, sage mir nur, ob Du ihn wirklich liebst? Warum, geliebte Mutter! verlangen Sie von mit etwas zu hören, was Ihnen doch längst bekannt ist. Ohne Zweifel erinnern Sie sich seiner vor einigen Wochen gewagten Bitte um meine Hand eben so sehr, als meiner geäußerten Neigung zu ihm. Freilich genoß ich nur selten seines Umgangs, aber nie bemerkte ich auch nur einen Fehler an ihm, seine Handlungen zeichneten sich vielmehr durch Redlichkeit und Offenheit aus. Um Ihnen also, Ihrem Befehle gemäß, nichts zu verhehlen, gestehe ich aufrichtig, daß ich ihm meine ganze Liebe nicht versagen kann. Dies Bekenntniß ist deutlich genug und vergrößert meinen Unwillen gegen Deinen Vater. Gegen meinen Vater? — Allerdings, Du weißt vielleicht noch nicht, daß man ihn von neuem um Einwilligung zu dieser Verbindug ersuchte, aber so sehr ich ihn bat — er war nicht zu bewegen. Das ist aber noch nicht der wahre Grund meines Unwillens, er beruht auf eine unangenehme Nachricht, die ich Dir mitzutheilen habe, ein Geschäft, das ich höchst ungern auf mich nahm. Ohne Zweifel hast Du wenig Lust zum Klosterleben, und doch — Dein Vater will L 4 i68 es, es ist das einzige, was man Dir wählen laßt. Dies Man bedarf einer weitern Erklärung; von meinem Vater kann es nicht herrühren. Nein! seine Vaterliebe ist gegen mich nicht erloschen. Gab er fie mir gleich bis dahin wenig zu erkennen, so weiß ich doch, daß er mein Unglück, wie das seini- ge, betrachten würde. Wozu der unnütze Zorn, und die nichts sagenden Empfindlichkeiten gegen mich? Du willst Dich vielleicht widersetzen, Nanette! und nimmst auf deine eingebildeten Vorzüge Rücksicht? — Lassen wir dergleichen dahin gestellt seyn. Aeußere Vorzüge dienen zu nichts, als unS verächtlich zu machen, wenn wir uns zu viel darauf einbilden. Gewiß würde ich mehrere Stunden in meinem Leben vergnügter zugebracht haben, hatte mir nicht meine gute Bildung den Haß einiger Personen zugezogen, die mich nur darum feindlich behandelten, weil meine Jugend ihnen manches Herz entführte, welches ihren zum Untergange sich neigenden Schönheitsstrahlen opfern sollte. i69 Du sichst wohl, liebe Malwina, daß meine Hitze mich übereilte, aber, gestehe auch ein, daß ich zu entschuldigen war. Zu genau wußte ich, daß der Erfolg ihrer harten Drohungen ganz nahe wäre, für mich war weiter kein Rath, als zu der Güte eines mitfühlenden Vaters Zuflucht zu nehmen. Gesetzt aber auch, meine Thranen hatten ihn erweicht, ein einziges Wort von meiner ungnädigst regierenden Stiefmutter war sogleich vermögend, mich unglücklich zu machen. Ich ließ inzwischen nicht allen Muth sinken, und hatte die beruhigende Hofnung, er, ein gütiger Vater würde nicht mit der äußersten Strenge gegen mich verfahren und meinen Gründen Gehör geben. Ich hatte mich nicht geirrt. Der betrübte Blick, den mein Vater, er kam auf mein Zimmer, mir zuwarf, gab mir seine Verlegenheit deutlich zu erkennen. Ich weiß nicht, liebe Tochter, fing er an, womit Du Deine Stiefmutter beleidigtest, sie ist sehr erbittert auf Dich. Leicht hätte ich mich ihrer Neigung würdig machen können, geliebter Vater! hätte ich L 5 I/Q mich ihrem Eigensinne freiwillig unterworfen. Ich durfte mich nur zeitlebens in ein Kloster sperren lassen, und ihrem Sohne mein Vermögen zuwenden, nie würde ich ihren Haß zu erdulden gehabt haben. Wozu aber diese Mittel? Ich kenne die Güte und Gerechtigkeit meines zärtlichen Vaters, und weiß bei ihm sichren Schutz zu finden; er wird mir nie seine Neigung entzieh». — Aber liebe Tochter, zwinge Dich mir zu Liebe, und um des Friedens willen, den ich so gern in mein Haus zurückrufen mögte, thue etwas, was sonst Deinen Wünschen zuwider ist. Du siehst, daß Dich meine Gattin aus natürlichem Widerwillen, den ich nicht billigen will, ungern im Hause sieht. Entferne Dich daher nur auf einige Monate, damit ich, ein alter Mann, des Zankens und Klagens einmal loswerde, womit man täglich meine Ohren beleidigt. Die Abwesenheit — ich glaube es — wird alles gut machen, und eine merkliche Veränderung in dem Herzen meiner Frau gegen Dich zuwege bringen. O gewiß nicht, lieber Vater! Schon von der Wiege an, war ich ihr ein Dorn im Auge, mit diesem unbilligen Hasse wird sie mich bi- in ihren Tod verfolgen. Ihr Wille ist aber mein Befehl, ich befolge ihn in kindlicher Ehrfurcht. Die Entfernung wird mir schwer werden, ich gestehe es, aber — die Erfüllung kindlicher Pflichten ist mir fuß. O meine liebe Tochter! dieser Gehorsam und die Gewalt, welche Du Dir anthusi —> ich werde sie nicht unvergolten lassen. Du kannst Dein Herz frei verschenken, und mit Deinem geliebten Berincourt auch im Kloster Umgang haben, es ist nur eine Stunde von hier entfernt. Du bist als Kostgängerin gar nicht eingeschränkt. — Meine Abreise war auf den folgenden Tag festgesetzt, ich hielt mich bereit. Meine Stiefmutter vermied es absichtlich, nicht von mir Abschied zu nehmen, es kümmerte mich nicht; mein Vater begleitete mich weinend bis an den Wagen. Es schmerzte ihn sehr, mich von sich zu lassen, und doch war kein ander Mittel für seine Ruhe zu ersinnen. — Kaum war ich im Kloster etwas eingerichtet, so schrieb ich an die Schwester meines Geliebten, mich bald mit ihrem Besuche zu er- 172 freuen. Sie konnte nicht mehr eilen, als cs wirklich geschah, denn kaum war ich noch zwei Stunden in meinem Zimmer mir selbst überlassen, als eine junge Geistliche zu mir hineintrat, und mich freundlich grüßte. Man wird Dir wahrscheinlich hier die Zeit nicht lang werden lassen, gute Schwester, kaum bist Du hier, so will eine angenehme Gesellschaft Dich schon unterhalten. Eile nur ins Sprachzim- mer. Du wirst mehrere Personen treffen. Ich erwartete nur allein meine Freundin Eleonore, und bildete mir nicht ein, daß sie von ihrem Bruder begleitet wäre; mein verliebtes Herz hatte keine Ahnung davon. Ich lief eilends herunter, und war ganz außer Athem, da ich ins Zimmer trat. Wie freute ich mich, auch ihn zu finden? Ach meine Freundin, sprach Eleonore — wie treflich! daß Sie mir sogleich den Ort Ihres Aufenthalts entdeckten! Wer konnte glauben, Sie hier zu sehn? Wahrscheinlich keiner, geliebte Eleonore! aber — ich war meiner Mutter zu sehr verhaßt. Um meinen Schmerz zu vergessen. I7Z denke ich nur an das, was mir mein Vater versprach — O theures Mädchen, säumen Sie nicht, es mir nmzutheilen, unterbrach Berincourt.— Kömmt es vielleicht unsrer Neigung zu statten? Welche Frage? — Das ist ja wohl natürlich. Außerdem, daß mich mein Vater versicherte, er wolle mich in meiner Wahl nicht binden, gab er mir nicht undeutlich zu verstehn, daß wir beide — glücklich werden sollten. Aber ach! theure Nanette — er sah mich mit Augen der Sehnsucht an — wie viele Jahre werden noch vorbei schleichen, ehe unsre heißen Wünsche in Erfüllung gehn werden? Nicht zu viel gefordert, lieber Bruder, unterbrach Eleonore, diese Versicherungen, so wie die Erlaubniß, Deine Geliebte sehn zu dürfen, muß Dich beruhigen. Leider befürchte ich aber, man werde Euch diese erwünschte Freiheit, einander zu sehn, nicht lange uneingeschränkt lassen. — Welch ein Gedanke? theure Schwester! Wäre es mir möglich, zu leben, ohne meiner Geliebten wenigstens durch Seufzer, durch 174 > S Thränen im Auge die Leidenschaft meiner Seele zu erkennen zu geben? — ich würde sehr unglücklich seyn — Das sollst Du nicht, mein lieber Bruder. Noch heute werde ich unsre Eltern um die Er- laubniß bitten, meiner Freundin hier einige Zeit Gesellschaft leisten zu können. Du kannst uns dann ungestört besuchen, so oft Du willst, ich bin zwar freilich immer nur der Vorwand, was thut man aber nicht einem guten Bruder und einer aufrichtigen Freundin? — Wie bin ich im Stande, liebe Malwina! den herzlichen Dank und die zärtliche Freundschaft, welche mein Geliebter mit Recht seiner braven Schwester erwiest. Dir zu schildern. Auch ich — ich ergrif ihre Hand, sie hatte sie mir durch das kalte Gitter zugereicht, küßte sie unzählich, und benetzte sie mit heißen Thranen. — Geliebte Freundin— fuhr Eleonore fort— vielleicht wäre es Pflicht, für mich, aus mitfühlendem Herzen auch zu weinen, aber ich könnte nur Freudenthränen vergießen, denn mein Vergnügen wird, nach erhaltener Einwilligung meiner Eltern, unbeschreiblich sepn. Erlau- , 175 ben Sie mir daher, Sie auf eine kurze Zeit verlassen zu dürfen, ich werde desto ehr das Vergnügen haben, bald wieder bei Ihnen zu seyn. Frau von Berincourt war mir zu gewogen, als daß sie nicht sogleich der Bitte ihrer Tochter nachgegeben haben sollte. Ich wußte mich bey dieser angenehmen Nachricht für Freude nicht zu lassen; nichts fehlte mir zu meiner Zufriedenheit. Ohne Aufhören unter- , hielt ich mich mit dem süßen Gedanken, und blieb so lange im Bette liegen, bis Eleonore früh zu mir hineintrat, und mich wegen meiner Schläfrigkeit schalt. — So laßt es sich wohl ertragen, liebe Na- nette. Sie liegen hier in guter Ruhe bis an Len Hellen Morgen, und erwarten Ihre Freundin mit stiller Gelassenheit, wahrend sie die ganze Nacht munter war, und sich herzlich freute, sie bald wieder zu küssen. Ist das wohl erlaubt? Ich verließ mich zu sehr auf Ihre Güte, theure Freundin, und sah vorher, daß Sie mich entschuldigen würden. Aber lassen wir die Umstände, wir sind jetzt Schwestern, mit- 176 hin gelten die Ceremonien nicht. Sprich, was bringst Du für Neues von meinem Ger liebten, geht's ihm wohl? — Wieder stark gefehlt, liebes Mädchen! — Kannst Du denn nicht ein paar Minuten Deinen Liebhaber vergessen und sie mir, Deiner Vertrauten, widmen. Doch — ich besinne mich — Dein Geliebter rst mein Bruder, ihm zu Liebe sei) Dir dieser Fehler vergeben. Allons! aus dem Bette, Faule! — meinBru- der ist schon seit vier Stunden im Sprach- zimmer. Denke Dir, Malwina! mit welcher Schnelligkeit ich aufsprang, mich ankleidete, und mein Zimmer verließ? — Alles was die sinnreiche Liebe zu erdenken und auszusprechen vermag, war auf den bezaubernden Lippen meines Geliebten. O der glücklichen Stunden, die wir zusammen verlebten! wir suchten uns täglich um so fester zu verbinden, da meine unerbittliche Stiefmutter den Fortgang, unsrer Liebe mit aller Kraft zu verhindern suchte. —> Mein Bruder — er war eine Zeit in Paris gewesen —> kam nun wieder nach Hause. Ich l77 Ich weiß nicht, hatte er seine Fehler wirklich verbessert, er wußte sich wenigstens so zu ver- siellen, daß jederman in ihm den reinsten und unschuldigsten Menschen zu sehn glauben mußte. Gleich nach seiner Ankunft besuchte er mich in meiner Einsamkeit — das Kloster war nur eine Stunde entfernt — ich kannte ihn nicht, auch körperlich war er veredelt. Eleonore war beständig um mich, sie sah meinen Bruder, und — sah ihn nicht mit gleichgültigen Blicken. Auch bei meinem Bruder fing die Liebe an hervorzubrechen. Heftig wie er war, ließ er es nicht bei der verliebten Augensprache bewenden, er erklärte sich sogleich gegen sie auf das zärtlichste und bewiest ihr seine Neigung in den stärksten Aeußerungen. ^ Die Rörhe ihrer Wangen, die beschämte ' Verwirrung, weshalb sie nur unvollkommen, nur halbe Antworten ertheilen konnte, liest mich vermuthen, sie wäre von den Vor- ^ zögen des jungen Mannes völlig eingenommen. Meine Vermuthungen wurden aber bei dem Abschiede zur Gewißheit, sie ließ ihn nicht gern fort, es wäre ihr lieb gewesen, von seiner Gesellschaft länger genießen zu können. M 178 Weißt Du, meine Werthe, redete sir mich an, daß Du für mich einen sehr gefährlichen Bruder hast? Ach! seine Eigenschaften scheinen mir mit Deiner Schilderung von ihm gar nicht übereinzustimmen. — Wie angenehm würde es mir seyn, Eleonore, wenn er mich durch sein verbessertes Betragen zur Lügnerin und sich so glücklich gemacht hatte, einem so liebenswürdigen Mädchen zu gefallen. Wirklich bemerkte auch ich mit dem innigsten Vergnügen an ihm eine sehr merkwürdige Veränderung. Mögte ich doch meinen Bruder und meinen Geliebten sich als Freunde umarmen sehnl Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Mein Bruder fand den Berincourt so interessant, daß sie bald eine genaue Freundschaft stifteten, und sich verbanden, ihre Angelegenheiten nach allen Kräften befördern zu helfen; ich konnte keine Verstellung ahnden. — Eleonore gab um so lieber meinem Bruder Gehör, weil er sich erboten hatte, für Eugens Liebe zu mir bei seiner Mutter alles anzuwenden. Ich weiß nicht, ob er sein Versprechen erfüllte, es ist möglich — aber. wie konnte er auf meine Stiefmutter wirken? Ihr Herz war viel zu hart, als daß sie nicht ohne Empfindung mich ferner unglücklich zu machen hatte suchen sollen, wenn auch der Nutzen ihrer eignen Familie dabei verlöre. — - -- Inzwischen war Eleonore von meines Bruders aufrichtiger Neigung durch nähern Unft gang ganz überzeugt, sie liebte ihn mit ebeit der Treue, mit welcher ich ihren Bruder liebe te. Unsrem höchsten Glücke stand daher nichts- als der abgeschmakte Eigensinn einer tückischeri Frau im Wege, die alles unumschränkt beherrschen, und keinen fremden Vorstellusigen Gehör geben wollte. Nur allein der Töd, der alles zu andern vermag, konnte hier in chre Mitte treten. Wir durften dies um so mehr hoffen, da sie durch Ausschweifungen jeder Art ihren Körper sehr geschwächt hatte, mithin auch nicht den geringsten Anfall würde ertragen können. Ein hitziges Nervenfieber legte sie nach einigen Monaten aufs Krankenbette, die größte Sorgfalt der Aerzte war nicht im Stande, ihr die verlohrnen Kräfte wieder zu M 2 geben, ein Schlagfluß nahm sie aus dem Lande der Lebendigen. — Hatte ich mich gleich über sie zeitlebens zu beschweren gehabt, so ging mir dennoch ihr Tod nahe. Ich glaubte ihr zu viel schlechtes aufgebürdet zu haben, und erinnerte mich an jedes ihrer Scheinverdienste, indem ich es zu wirklichen erhob. Mein Vater nahm mich spgleich aus dem Klosier, ihn wegen des Todes zu beruhigen; er hatte seine Ketten für Rosenbande gehalten. Meine Freundin verließ mit mir das Kloster, wir konnten uns ohne Zwang besuchen, und zweifelten nicht, daß unsre Leiden Familien nun bald durch doppelte Vereinigung zu einer einzigen glücklichen gebildet werden würde. — Wer hätte denken sollen, daß mein Bruder, der sich bis dahin durch gute Eigenschaften so liebenswürdig ausgezeichnet hatte, sich nur, um den niedrigsten Zweck zu erreichen, verstellt hätte, und Gift in seinem Herzen nähre? Nun konnte er sich nicht länger zurückhalten: seine bösen Regungen brachen hervor, jeden Tag besteckte er mit neuen Ausschweifungen I8l und Bosheiten. Die erste Probe seines Hasses gegen mich nnd Berincourt gab er sehr deutlich, da er meinem Vater, dessen ganzes Herz er besaß, durch Ränke allerhand Art dahin zu bestimmen wußte, daß er eine Verbindung zwischen mir und Berincourt für uns beide sehr nachtheilig fand, und mitunter den größten Drohungen allen Umgang mit ihm versagte. So unbillig, so grausam dieses Verbot war, ich mußte mich seiner um so mehr unterwerfen, da mein schändlicher Bruder auf aüe Weise mein Betragen auszukundschaften suchte, und nichts so sehr wünschte, als mich ertappen zu können. Eleonore hielt sich für verloren, einem Menschen, den sie hassen mußte, ihre ganze Neigung gegeben zu haben, sie wollte ihn so gern aus ihrem Herzen reißen; es war ihr aber unmöglich. — Ich weiß nicht, wie der gute Berincourt unglücklich erfahren hatte, daß mein Bruder eine Reise unternehmen, und mehrere Tage abwesend seyn würde. Ich erhielt von ihm ein Biller, worin er mich ersuchte, ihm zu erlauben-, daß er von der Entfernung seines M z 182 Feindes Nutzen ziehn und mich besuchen dürfte. In meiner Seele war die Ahndung eines bevorstehenden Unglücks, ich schlug es ihm unter gutem Vorwände ab; ach! hatte mich doch sein wiederhohltes inständiges Bitten nicht bestimmt, endlich seinen Wünschen nachzugeben ! —> O meine theure Malwina, unterbrach sich die seufzende Cäcilie, erlaube mir, hier ein wenig zu ruhn, und überhebe mich der heftigen Angst, das schmerzhafte Andenken der unglücklichsten Begebenheiten nicht bei mir erneuern zu dürfen, ja! ich bitte — schone Deiner Thränen. Die betrübte Cäcilie weinte heftig; ich konnte sie nicht ehr zur Fortsetzung ihrer interessanten Lebensgeschichte bestimmen, bis ich ihr durch tröstliche Vorstellungen die Thränen abgetrocknct hatte. — Wir hatten zu unsrer Entrevue alle möglichen Vorkehrungen gemacht, es mußte alles gut ausfallen. Gewöhnlich speißte mein Vater Abends außer dem Hause und blieb spät; wir wollten diese Zeit benutzen. Ich gab einem Mädchen, die meinem Bruder vielleicht i3; aus unerlaubten Absichten sehr treu anhing, mehrere Geschäfte, damit sie einige Stunden nicht in mein Zimmer kommen durfte. Mein Geliebter kam in fremden Kleidern zu mir, niemand von unfern Leuten hatte ihn gesehn oder erkannt. Bei dem ersten Anblicke konnte er keine Worte finden, wir sahn einander an, und seufzten. Ich -weiß nicht, weinten wir für Freude, oder waren diese häufigen Thränen ein ängstlicher Vorbote, daß wir nun auf ewig von einander Abschied nehmen sollten. Theurestes Mädchen, redete er mich an, sind wir von einem grausamen Verhängnisse dazu ersehn, in solcher Verfolgung leben zu müssen? Soll das Feuer meiner Liebe immer mehr gedämpft, und endlich gar erstickt werden? Wer unter den Sterblichen ist unglücklicher als ich bin? Nicht so, lieber Berincourt, sollten meine so oft als gern wiederhohlten Betheurun- gen Sie nicht beruhigen? So gewiß es ist, daß unsre Augen das Licht der Sonne erblicken können, eben so gewiß ist es, daß ich in unsrer Liebe mein ganzes Glück finden werde. M 4 O r84 Aber, geliebte Nanette, in welche Entfernung steht das Auge der Vernunft die zukünftigen beßren Zeiten. Erwarten wir fie nur in ruhiger Gelassenheit, wer weiß, ob sich nicht ein hartfchei- nender Vater bald durch meine kindlichen Thrä- nen und durch mein unablässiges Bitten erweichen läßt. Ach, theure Geliebte! wie können Sie sich wohl mit solcher Hofnung schmeicheln? Vergessen Sie denn, daß Ihr Vater von einer übermäßigen Liebe zu seinem verzärtelten Sohne so stark verblendet ist, daß er, statt seine närrischen Einbildungen als unordentliche Begierde zu bestrafen, sie für die Richtschnur seines eignen Willens erkennt. Ist es wohl denkbar, einen halsstarrigen und nichtswürdigeir Bruder auf edlere Gedanken zu bringen? — Ich glaube es. — Hören Sie, lieber- Berincourt, eine Bitte für unser gemeinschaftliches Beste. So viele Ursache Sie hätten, meinem Bruder hart zu begegnen, thun Sie es nicht, entschließen Sie fich vielmehr, noch einmal mit ihm zu sprechen, und suchen Sie ihn zu gewinnen. Freilich wird Ih- i8; nen die Ausführung dieses Vorschlags Ueber« Windung kosten, aber rechnen Sie auf dew glücklichsten Erfolg, und bedenken Sie, wie schmerzhaft es mir ist, nicht aus Ihrer Hand die Freude der Liebe empfangen zu dürfen. Diese Aussichten, angebetetes Mädchen! sind der größte Lohn für alle Leiden. Es ist uns beiden daran gelegen, daß ich mit Ihrem Bruder spreche, ich will es. Sollte ich mich auch wre ein Sclave vor ihm demüthigerr müssen, ich bin dazu bereit, will meine Thrä- nen zu Hülfe nehmen. O glücklicher Berin- cvurt! würdest Du — Noch lag mein Geliebter zu meinen Füßen, und benetzte meine Hand mit Thranen der Liebe, siehe! mein Bruder im Zimmer. Wie ein Rasender sprang er auf ihn zu, seine verwirrten Augen gaben hinreichend zu erkennen, was er beabsichtige, und wie sehr er es wünsche, meinen unschuldigen Geliebten seiner Wuth aufzuopfern. Halt, Elender! schrie er ihm zu. Du sollst Deinen Frevel mit Deinem Blute bezahlen. M 5 Schon hatte er den Degen gezogen, ehe inein Geliebter sich zur Gegenwehr setzen konnte, ich war ganz außer mir, und schrie um Hülfe. Nichtswürdige und nicht meine Schwester, — unter diesen Ausdrücken stieß er mit den Degen nach mir, — empfange hier den Lohn Deiner Ausschweifung. Ohne Zweifel hätte er seinen Zweck mich zu ermorden erreicht, wen» Verincourt nicht den mörderischen Stoß von mir abwandte; er wurde nicht tödtlich. Du Unmensch! sieh! dies Eisen soll meine Nache in Deinem Blute kühlen, —. so gien- gen sie auf einander los, kein Wunder, daß das Gefecht nicht lange dauerte. Stromweise lief das Blut aus ihren Wunden, auch ich lag blutend da, die größere Gefahr zweier Personen, die mir so nah waren, gab mir Stärke, von der Erde aufzusiehn und es zu versuchen, ihr Leben zu erhalten. Aber ohnmächtige Hülfe! vergeblicher Beistand! mein Bruder streckte sich todt zur Erde, und erstickte in seinem Blute. Die Scene war mir zn stark. Ich vergaß, daß der Mörder mein Geliebter und der Tod meines Bruders ein Glück für die Menschheit wäre, ich dachte nur daran. wie der Entleibte und ich einen Vater hätten. Elender! konntest Du des Bluts nicht schonen und auf keine andre Weise als durch den Tod meines unglücklichen Bruders Dir Dein Leben erhalten? Eine weit gräßlichere Scene sollte nun er- öfnet werden, ich mögte sie mit blutigen Thrä- nen beweinen. Berincourt, mein Getreuer, wurde auf einmal ganz kraftlos. Seine Füße wankten, seine Kniee wurden schwach, er sank ohnmächtig nieder. Kläglich und mit halbgebrochnem Auge sah er mich an, reichte Mir liebreich die schwache erstarrte Hand, er rührte die bebende Lippe, ohneZweifel, um von mir ewigen Abschied zu nehmen, es glückte ihm nicht. — Ach theurester Geliebter! — ich drückte meinen Mund an seine erblaßten Lippen — so sollen wir also nur in dem finstren Grabe mit einander vereint werden? Ja! ich will mit Dir sterben, und den Nahmen einer würdigen Geliebten in die Gruft nehmen. O Geliebtester, wenn Du meine Stimme noch kennst, ach! so bemühe Dich, mir zu antworten, gieb 188 nur ein Zeichen des Lebens von Dir, blicke mich an, oder sage nur durch Seufzen, ob Deine Liebe gegen mich noch vollkommen sey? — Mvgte doch der letzte Athem unsres Lebens die Nachwelt lehren, daß wir viel ehr zu leben als zuliebe» aufhörten! Jetzt fiel ich in eine solche Schwachheit, daß ich wie todt da lag. — Warum war ich nur eine kurze Zeit meiner Sinne beraubt? warum nahm mich nicht ein tödtlicher Schlag auf ewig hinweg? — Mein Vater hatte von dem in meinem Zimmer vorgefallnen Streite gehört, und säumte nicht, zur Entscheidung dahin zn kommen. Stelle Dir, theure Malwina, im Geiste den Zustand des Unglücklichen bei Eröf- nung der Thüre vor, er sah seinen einzigen Sohn, seine Stütze und Hofnung zu meinen Füßen in seinen. Blute. Ich wußte von mir nichts, und lag aus den erblaßten Lippen meines Geliebten, als ob ich seinen letzten Athem- zug auffangen wollte. Mein Sohn, mein Sohn! — sagte mein zitternder Vater — Du lebst nicht mehr? ein ruchloser Verrather ermordete Dich, eine um 189 würdige Schwester opferte Dich ihrer unkeuschen Liebe auf? Gott! ist nichts vorhanden, was meine gerechte Rache dämpfen könnte? — Zu meinem größten Unglücke hatte mich diese verzweifelte Klage von der tiefen Ohnmacht zu mir gebracht. Ich erwachte, meine matten Augen wurden lebhafter, ich gab Zeichen des Lebens. Mein Vater bemerkte es, und riß mich aus den Armen meines getreuen Berincourt, der in dem Augenblicke seinen Geist aufgab — Du lebst? nichtswürdige Tochter! fragte mein erzürnter Vater, und setzte mir einen Dolch auf die Brust — Ja! Deine zügellose Neigung entriß mir ihn, meinen geliebten Sohn. Nur Dein Tod kann meine Rache auslöschen, und — er soll es. Aber, o gerechter Himmel! warum übte der Grausame nicht die unmenschliche That an mir? was war Ursache, daß er säumte, seine mörderischen Hände in meinem Blute abzuwaschen? Mir schien es, als ob der Tobte mich anblickte, um zu bemerken, ob mir Leides wiederführe? — lyo Mein Vater — er wußte für Raserei nicht, was er rhat — drückte mir mit aller Macht den bloßen Degen in die Hand, ich konnte es nicht hindern. Nun schleppte er mich hin zu dem Leichname meines Geliebten — ich glaubte, er bewege sich, — und zerfleischte, o unmenschliche That! mit meiner Lewafneten Hand, die er festhielt, unbarmherzig den Körper. — Gott! meine Hand, Die er so oft auf das zärtlichste geküßt hatte — ich mußte sie mit so kostbarem und unschuldigem Blute besudeln. — Hier endigte Cäcilie, und ich sah nun zur Genüge, daß ich sehr unrecht gehandelt hatte, meine unglückliche Freundin bei ihrer heitren Stimmung durch mein Zureden zu der Erzählung ihrer Begebenheiten bestimmt zu haben. Ein schmerzliches und wiederhohltes Ach! unterbrach ihre Rede, die Augen standen voll Thränen. Endlich wurde sie so schwach, daß sie in Ohnmacht fiel, und sich erst nach meh- rern Stärkungen erhohlte — Ich glaube, meine Leser und Leserinnen haben diese Episode mit Thellnahme gelesen, ryr und darf daher wegen Unterbrechung meiner eignen Geschichte nicht so sehr um Entschuldigung bitten. Ueberhaupt wünschte ich wohl, daß man dies ganz auf Wahrheit gegründete Buch nicht nach der gewöhnlichen Weise durchflöge, sondern hie und da über die darin vorkommenden Begebenheiten zu seinem eignen Vortheile nachdachte. Ich komme auf mich zurück. — Mein geliebter Eugen unterließ nicht, unsrer Abrede gemäß, meinen Grosvater um Erlaubniß zu einer Reise nach Paris zu bitten. Er beförderte seinen Wunsch auf alle Weise, weil er hiedurch für St. Nicaise zu gewinnen Höfte, und versah ihn mit Empfehlungen, die ihn seinen Zweck sichrer erreichen lassen könnten. Eugen hatte die ganze Sache so wahrscheinlich eingerichtet, daß gar kein Betrug zu ahnden war, er nahm von meinem Grosvater rührenden Abschied, und — eilte sogleich zu dem meinen Lesern schon bekannten Pachter, der für ihn ein kleines Zimmer bereitet hatte; es sicherte ihn vor jeder Entdeckung. — Ich harte meinen Geliebten in zwei Tagen nicht gesehn, mir war es, als wenn es IYL in zwei Monaten nicht gescheht! wäre. Christine führte ihn die folgende Nacht zn mir, er mußte mir sein ganzes Benehmen gegen meinen Grosvater erzählen; mit innigem Vergnügen bemerkte ich, daß die jetzt nvthwendige Verstellung ihm hart und unerträglich fiel. Drei Wochen wurden unsre nächtlichen Zusammentünfte durch nichts unterbrochen, wir lebten in höchster Zufriedenheit. Aber diese glücklichen Stunden nahmen bald ein Ende. Sehr wichtige Angelegenheiten und vorzüglich eine große Erbschaft nöthigten ihn, schleunig nach England überzugehn. Umsonst war sein Bemühn, von dieser Reise sich frei zu machen, seine Verwandten drangen zu stark in ihn. Meine Freundin Cäcilie wußte mich auf diese mir schreckliche Nachricht vorzubereiten, sie erreichte ihren Zweck; ich konnte ohne Verzweiflung meinem Geliebten ein Lebewohl sagen. Meine theure Malwina! ich muß Dich jetzt verlassen — mehr konnte er nicht — Ach, ich wußte wohl, was er weiter sagen wollte; aber wußte ich auch, was ich i9; ich ihm antworten sollte? wie vermogte ich Lurch tröstliche Zusprache seine Thranen abzu- trocknen, da ich selbst mit nassem Auge hülf- und trostlos stand? O lieber Graf, fing ich an, so müssen wir uns trennen. — Ja, theures Mädchen, ich verlasse Dich, um Dich nie wieder zu verlassen. Die Vortheile, welche mir das Glück zuwirft, kann ich um so weniger verschmähen, da Dein Grosvater gewiß noch größre Schwürigkeiten gegen unsre Verbindung machen würde, hatte ich Dir nichts, als mein Herz darzubieten. — Ich bin mir selbst feind, Eugen.' daß ich mich mit den fürchterlichsten Vorstellungen quäle, die nur in meinem Gehirn erzeugt wurden, und mich nicht treffen können. Hast Du, oder habe ich ehr Ursache, wegen der Zukunft bange zu seyn? geliebte Mal- wina! Wer ist mir Bürge, daß meine lange Entfernung Deiner Liebe nicht schaden, und mich aus Deinem Herzen nicht vertreiben würde? Solltest Du nicht, der beständigen Verfolgung müde, durch List zu bereden seyn? —> Himmel! Du bist mein Zeuge, mit welcher Starke und Aufrichtigkeit ich ihm, dem N IY4 Geliebten, meine Treue noch einmal zuschwör. Können dergleichen Versicherungen einen in der Entfernung schmachtenden Liebhaber stärken und vor aller Furcht bewahren, so konnte mein Geliebter mit der schönsten Hofnung ab- reisen. Ich begleitete ihn mit den heißesten Wünschen und war viele Tage nicht zu trösten. Schon einigemal hatte mich die Aebtissttt zu sich einladen lassen; heute konnte ich es ihrer verdoppelten Bitte nicht abschlagen. Wie wunderte es mich, von ihr auf das freundlichste empfangen zu werden? Sie fiel mir um den Hals, entschuldigte sich wegen der letzthin mir gemachten Vorwürfe, und bat mich dringend, den Umgang mit ihrem Neveu nicht so ganz abzubrechen; seine Gesundheit litte zu viel dabei. Ich hielt diesen Antrag zwar für ein Mittel, wodurch sie mich wieder von neuem mit ihm in Verbindung bringen wollte, inzwischen versprach ich ihr, seinen Besuch anzunehmen, wenn man meiner Neigung keine Gewalt an- thun wollte. Aber nimmer hätte ich geglaubt, daß Kummer und Verdruß im Stande wären, eine so große Veränderung bei einem Menschen hervorzubringen. Seine matten und ringe- 19 ? falknen Augen hatten alles Feuer und alle Lebhaftigkeit verlohren. Er war ganz mager und abgezehrt, seine Wangen deckte eine gelbe eingeschrumpfte Haut. Die Gesichtszüge schienen ganz unordentlich und verzogen, da war keine Farbe, keine Kraft; man glaubte den Tod zu sehn. — Leicht konnte man nach diesem Aeußern auf die Beschaffenheit seines Innern schließen. Sein finstres zerstörtes Gesicht gab deutlich zn erkennen, es müsse von der Munterkeit, welche seinen Umgang so beliebt und angenehm machte, wenig oder gar nichts mehr übrig seyn. War es also möglich, ihn in einem so traurigen Zustande ohne Mitleiden anzusehn? mußte ich nicht vielmehr den billigen Vorwürfen meines Herzens Gehör geben, ich hätte zu hart gegen ihn verfahren, und ihn durch meine Unempfindlichkeit vorsätzlich so tief gekränkt? Was fehlt Ihnen, Lieber! Sie sind sehr verändert, fast nicht mehr zu kennen. Ach meine Theure! sollte Ihnen die Quelle meines Kummers unbekannt seyn? — Nicht genug, daß meine unermüdete Aufmerksamkeit Ihr felsenhartes Herz für mich nicht er- N 2 iy6 weichen kann, ich muß — Himmel! Du bist Zeuge, ob ich es verdiene? — Ihren größten Haß ertragen. Konnte ich einen solchen Lohn für meine Liebe, welche die reinste Zärtlichkeit und tiefste Ehrfurcht zum Grunde hat, konnte ich ihn erwarten? — Sie handeln unrecht, lieber St. Nicaise, wenn Sie mir ein gewissenloses Verhalten aufbürden ; nie entzog ich Ihnen meine Achtung und Freundschaft. , Nie? — wozu denn das grausame Verbot, mich nicht mehr vor Ihren Augen zu zeigen ? — Sie warfen auf mich den Verdacht, ich hätte Ihnen des Vergnügens, Ihren Eugen zu sehn und zu sprechen, beraubt, und dieser Verdacht machte mich in Ihren Augen abscheulich, aber — Sie irrten sich. Lieber! wir wollen dies vergessen; ich will glauben, Sie könnten sich vielleicht rechtfertigen , und hätten an meinen Verfolgungen keinen Thcil. — Eine Bitte, meine Theure! Verschaffen Sie mir das Vergnügen, den Grafen bald wieder zu sehn, und versichren Sie ihm, er sollte künftig in seinen Besuchen Nicht gestört. 197 sein, ich würde gewiß bei der Aebtisstn die Sache einrichten. Ach! ihr habe ich es zu verdanken, daß Sie, Malwina! mich verachten; durch ihr unverantwortliches Verfahren bließ sie den Funken zu dem bei Ihnen hervorbrechenden Hasse immer mehr an. ? Mein Gott, liebsier St.Nicaise, sprechen Sie nicht so oft von dem Hasse, den ich nie gegen Sie hegte. Um Sie noch mehr zu überzeugen, daß ich Sie stets werth hielt, bitte ich Sie dringend, die Wiedererlangung Ihrer Gesundheit Ihre vornehmste und einzige Sorge seyn zu lassen. Zu dieser Aufforderung verbindet mich die Erkenntlichkeit, womit ich Ihnen lebenslänglich verbunden bin. Glauben Sie, daß meine Ruhe durch nichts empfindlicher gestört werden könnte, als wenn Sie Ihren schwermüthigen Gedanken nachhangen wollten, und ich am Ende befürchten müßte, mit Aufopferung Ihres eignen Lebens das meinige erkauft zu sehn. Zu viel, ach! zu viel, meine Theureste! — ich verdiene nicht die herzliche Theilnahme an meinem Schicksale. Ich weiß ein Mittel zu meiner Genesung, schönstes Mädchen! Sie N z !yS kennen es wohl, leider habe ich aber keine Hof- nung dazu; doch, was kann ich weiter ver» langen? Sollte der Schmerz, den ich über meine unglückliche Liebe empfinde, nicht durch das mir bezeigte schmerzliche Mitgefühl gemildert und versüßt werden können? — Die wiederhohlten Seufzer erstickten ihm die Worte auf der Zunge und eröfneten der bittren Thranen Quellen. Er bar mich nach einiger Erhohlung, ihm alle Widrigkeiten, welche seine heftige Liebe mir verursacht hatten, zu verzeih«, und ihm'zu erlauben, mich ferner besuchen zu dürfen. — Diese mit St. Nicaise gehabte Unterredung gab meiner Lage eine glückliche-Veränderung. Er hatte fie der Aebtissin mitgetheilt, die aus einer gewissen Dankbarkeit mir die Er- laubniß gab, Cacilien zu meiner steten Gesellschafterin wählen zu dürfen. Sie überbrachte mir diese angenehme Nachricht mit großer Freude, und hielt sich für die glücklichste Person auf der Welt. — Noch sprachen wir von dem Benehmen deS St. Nicaise gegen mich, als man mich ins Sprachzimmer rief; ich erhielt einen ganz un« IYY verhoften Besuch. Mein Grosvater hatte einen Bruder, der in spanischen Diensten als Hauptmann sich bei jeder Gelegenheit durch seine Tapferkeit hervorgethan und in den gefährlichsten Lagen Heldenmuts) hatte blicken lassen. Schon lange hatte er gewünscht, nach einer zwanzigjährigen Abwesenheit sein Vaterland und seinen geliebten Bruder wieder zu sehn; bis dahin war es ihm unmöglich gewesen, jetzt hatte er durch die Gnade des Königs seinen Wunsch erreicht. Er war erst vor zwei Tagen angekommen, das sehnliche Verlangen, mich zu sehn, ließ ihn von seiner beschwerlichen Reise nicht lange ruhn. Mein Grosvater hatte ihm mein und meiner unglücklichen Eltern Leben erzählt, dies beförderte wahrscheinlich feine Neugiede, mich kennen zu lernen. —^ Es braucht keiner Hexerei, man kann eS den Menschen leicht ansehn, ob man ihnen gefällt? Das ist aber eine Sache, die man gern wissen mag, ein Frauenzimmer will nicht lange darüber in Verlegenheit seyn. Mein Oncle sah mich mit besondrem Wohlgefallen, und äußerte sich — ich hörte es — gegen N 4 2«c> meinen Großvater, er fände mich weit schöner, als er erwartet hätte. — Liebe Malwina, fing mein Grosvater an, einen solchen Besuch hättest Du wohl nie erwartet, wisse, dieser Mann ist Dein Oncle—- Nicht alles besieht in der Einbildung. Die Natur hat eine heimliche Stimme, welche oft in dem Innersten unsres Herzens spricht; ich erfuhr es in diesem Augenblicke. Das Gegitter war mir im Wege, ich wurde ungeduldig, daß ich nicht zu ihm laufen, und ihm meine Gefühle durch Umarmung bezeugen konnte. Ich reichte ihm inzwischen meine Hand, er nahm sie, und gab mir durch ein sanftes Drücken seine Liebe zu erkennen. Gute Malwina, sprach er zu mir, wenn ich die Züge Deines Gesichts genau betrachte, so finde ich darin die größte Aehnlichkeit mit Deinem verstorbnen Vater, und dies macht Dich mir sehr werth. O wie vergnügt wollte ich feyn, hätte ihn der Himmel noch erhalten, und könnte ich ihm meine Zuneigung beweisen, doch — Du Malwina bist ihrer völlig werth. Ich wünsche es, geliebter Oncle, und werde mich stets bestreben, sie zu verdienen. 20l Hiezu, meine theure Malwina, bietet sich soeben eine Gelegenheit dar. Würdest Du, mit Genehmigung Deines Grosvaters — Was mich betrift, lieber Bruder! Du kennst meine Neigung zu Dir — Ich fürchte aber. Deine Vaterliebe würde viel darunter leiden — inzwischen habe ich Dein Wort. Malwina! sey aufrichtig. Ich habe weder Weib noch Kind, und bin ein aller Mann. Das Glück hat mich mit großen Gütern verfehn, gern wünschte ich sie noch vor meinem Tode in guten Händen. Malwina! würdest Du wohl Dein Vaterland mit Spanien vertauschen? — Lieber Oncle, die Sache ist ernsthaft, sie verdient Ueberlegung. Ich hange von meinem Grosvater ab, und kann mich mit Recht schmeicheln, von ihm väterlich geliebt zu seyn. Schon in dieser Rücksicht glaube ich nicht, er werde mich, sein einziges Kind, bei so hohen Jahren von sich lassen. Freilich sehr ungern, liebe Tochter, Deine Wohlsarth ist mir aber zu lieb, um nicht sogleich bei diesem Vorschläge meine Einwilligung zu geben. Doch jetzt wollen wir an das N 5 Gegenwärtige denken. Wie sieht es um Dein Herz, Malwina! ist keine Hofnung für den guten St. Nicaise? Du weißt, ich gab ihm mein Wort. — Ich weiß es, lieber Vater, aber — Sie versprachen mir auch, mich in meiner Wahl nicht zu zwingen. Aus dem Grunde hielt ich es stets für Pflicht, Ihnen die innersten Gedanken meines Herzens aufzudecken. — Mein Grosvater sah vielleicht, er würde mir heute vergebens zusetzen, er brach davon ab, versicherte mir von neuem sein Wohlwollen, und versprach mir, mich bald nach Hause hohlen zu lassen. Mein Oncle wünschte mich gleich mit sich nehmen zu dürfen. — Die Erfüllung des Versprechens verspätete sich inzwischen langer als drei Wochen, es erfolgte weder eins, noch das andre. Daß aber St. Nicaise mich unterdessen nicht besuchte, befremdete mich am mehrsten. Die Unmöglichkeit verbot es ihm leider! der Arme lag an einem heftigen Fieber in der größten Hitze und den schwersten Fantasien. Die Aerzte waren wegen seiner Erhaltung nicht wenig besorgt. — Von meinem Eugen hatte ich schon glück- so; liche Nachricht. Er schrieb mir, dass er nicht lange bleiben, und bald das Vergnügen haben würde, mich mit Freuden zu umarmen. Seine Geschäfte wären beinah geendigt, er hätte einen ansehnlichen Zuwachs an Vermögen erhalten. Aus diesem Grunde, fügte er hinzu,"mögte der Aufenthalt in England für uns bei weitem vvrtheilhafter seyn; er zweifle auch nicht, daß ich seinen dringenden Vorstellungen und seiner Liebe zu mir nachgeben würde. Unglücklicher Brief! er war die Quelle des schrecklichen Unglücks, welches uns in der Folge zu verschlingen drohte. — Hier, meine Leser, mache ich einen Nuhepunct, Du kannst nun auch das Buch an die Seite legen, und einen Freund besuchen. — Der unverschämte Geistliche hatte sich vou seinen regellosen Begierden zu sehr beherrschen lassen, und mit inniger Kränkung bemerkt, wie tief ich ihn verachtete. Er wurde aber zum äußersten Hasse gegen mich bestimmt, als ich seinem oft wiederhohltem Wunsche, mich besuchen und allein sprechen zu dürfen, stets eine abschlägliche Antwort entgegen setzen ließ, und suchte dieft gerechte Verachtung an mir auf das empfindlichste zu rächen. Was ist wohl schrecklicher und unvermeidlicher, als die giftige Rache eines bösen Geistlichen ? Durch allerhand List brachte er es dahin, daß er von den nächtlichen Besuchen des Grafen Nachricht bekam, und zugleich erfuhr. Laß er nur eine Reise nach Paris vorgeschützt hatte. — Daß aber der böse Mensch meinen mit dem Grafen unterhaltenen Briefwechsel ausgekundschaftet hatte, war mir am mehrsten schädlich. Er säumte nicht, es sogleich der Aebtisfln zu hinterbringen, die sich nicht wenig kränkte, durch meine List getäuscht zu seyn, und nicht zweifelte, durch das Auffangen eines Briefs ganz bestimmt hinter die Sache zu kommen. Wie aber? — Der Geistliche gab ihr den Rath, sie sollte binnen der Zeit, daß ich nicht in meiner Zelle seyn würde, alles genau durchsuchen lassen, es würden sich ohnfehlbar hier Beweise meines schlechten Lebens auffinden. Die Aebtifsin verband mit ihrer Bosheit zu viele Neugierde, um nicht diesen schändlichen Rath mit beiden Händen zu ergreifen. so«; In Gesellschaft des Paters eilte sie auf mein Zimmer, wahrend Cäcilie und Christine mit mir spatzieren gierigen und brauchte nicht lange Zeit, ihr Vorhaben auszuführen. So wichtig die Briefe waren, so hatte ich sie doch unbedächtig in meinem Schreibtische liegen, und durfte überhaupt nicht mißtrauisch seyn, weil ich nicht befürchten konnte, ein Fremder würde in mein Zimmer kommen. Wie frohlockte die Aebtisstn, da sie die Briefe meines Geliebten in den Händen hielt? Nun sah sie augenscheinlich, daß, wenn man aucks alle nur mögliche Vorsicht anwenden wollte, die Liebe des Grafen zu feurig wäre, um nicht alles zu wagen, und mich nicht durch eine Flucht dem öden Gemäuer entstehn zu können. Sie schrieb daher an meinen Grosvater, schloß Eugens Briefe bei, und berichtete ihm alles umständlich, was sie nur von mir hatte in Erfahrung bringen können. Sie fügte noch hinzu, daß sie wegen der Zu- rückkunft des Grafen in nicht geringen Sorgen wäre, und, im Fall sich ein Unglück ereignen sollte, sich gern außer aller Verantwortung setzen nrögte» 2VÜ Inzwischen wußte ich von dem, was wider mich qngesponnen war, nicht das geringste. Ich kam frohen Sinnes zurück in mein Zimmer, aber wie erschrak ich, da ich in meinem Schreibtische die Briefe nicht fand. Anfänglich vermuthete ich, die schlaue Christine hatte fie mit Absicht versteckt, um mich zu ihrer mehr svrgfaltigern Verwahrung aufmerksam machen zu wollen, aber — sie wußte nichts davon; wir erschraken heftig. Ich war in der That zu bestürzt, um auf irgend jemand Verdacht werfen zu können. Glaubemir, fing Cacilie an, nur die Aebtif- stn konnte Dir einen solchen Streich spielen, ich kenne ihre Neigung zur Schadenfreude. Aber es ist leicht, hinter die Sache zu kommen; sie mag'sich noch so stark verstellen wollen, es wird ihr nicht gelingen — ' Du hast recht, Cacilie, erwiederte ich —- ich kann für Ungeduld nicht athmen, und muß durchaus wissen, woran ich bin; ich eile, mich davon zu belehren. Cacilie hatte wahr gesprochen. So wie sie mich erblickte, redete sie mich sogleich an. 207 Ich weiß schon, mein Fraulein, was Sie mir bringen. Sie wollen nach Briefen fragen, woran Ihnen viel liegt. Billig muß ich über die Frechheit erstaunen, womit man mir meine Briefe stahl; ich komme hieher, mir von Ihnen Schutz zu erbitten. Ha ha ha! ich war der Dieb, mir allein ist diese Frechheit zuzuschreiben. Ja, es freut mich sehr, Ihre Geheimnisse zufällig zum guten Theile entdeckt zu haben, und Ihren würdigen Grosvater darauf aufmerksam machen zu können. Und nun bedenken Sie, Fräulein, wie wenig Ehre Ihnen diese Entdeckung bringt. Ich sehe auch nicht, gnädige Frau, daß fie mir bei Vernünftigen Schande bringen kann ; ich liebte meinen Eugen schon von In- gend an. ^ Freilich werden in unferm aufgeklärten Zeitalter dergleichen Jntriguen für Kleinigkeiten gehalten, durch welche man sein feines Gefühl, Geistesgegenwart, und Gott weiß! welche Dinge mehr, beweisen will.— Nicht wahr, die vorgeschützte Reise, die heimliche» Zusammenkünfte bei der Nacht, und die veranstaltete Entführung — das alles sind Kleinigkeiten? — Nun merkte ich deutlich, daß ich verrathen wäre, und daß die Aebtissin weit mehr wußte, als die Briefe enthielten. Ich sah das heimliche Vergnügen, welches sie bei diesen Vorwürfen empfand; meine unruhige Mine gab ihr die Verwirrung meiner Seele deutlich zu erkennen, dies verursachte ihr eine noch größere Freude. Ich rührte die Lippen, ihr eine Antwort zu geben, ob ich gleich immer noch unschlüssig war, was ich eigentlich sagest sollte; sie ließ es gar nicht dazu kommen. Es schmerzt mich sehr, fuhr sie fort, daß es mir die Unmöglichkeit verbietet. Ihnen Ihre Briefe zurückgeben zu können, sie sind schou in Ihres Grosvaters Händen. Es war ihm sehr daran gelegen, Ihre Geheimnisse zu erfahren, um so lieber nahm ich diese Mühe auf mich. Sie werden in kurzem von ihm Nachricht erhalten, gehn Sie nur jetzt zurück in ihr Zimmer, meine Geschäfte erlauben keine längere Unterhaltung, und erwarten Sie Ihr Schick- 2VY Schicksal mit Gelassenheit. Der Gedanke an Eugen wird Sie wohl beruhigen. Ha ha ha! Es kümmerte mich, wie natürlich, der Aebtisstn Zorn nicht so sehr, als ich von Seiten meines Grosvaters die härtesten Ahndungen befürchtete, und nicht wußte, wie er sie gegen mich auslassen würde? Ach, seufzte ich, vielleicht rechnet er dies meinem Eugen für die größte Beleidigung an, vielleicht setzt ihn das entdeckte Vorhaben einer Flucht in die größte Unruhe, er wird nun der Sache zuvorkommen, und mich zwingen wollen, dem St. Nicaise meine Hand zu geben. Ja, mein über alles geliebter Eugen, ich bin an allem Schuld; meine Unvorsichtigkeit ist nicht zu verzeihn, sie bringt Dir das größte Unglück, Deine treue Malwina wird Dir auf ewig entrissen werden. Vielleicht hast Du auch den Trost nicht, sie ehr wieder zu sehn, als bis Du sie in centnerschweren Banden zu ihrer innigsten Betrübniß schmachten siehst. — Mit so trüben Gedanken kam ich in mein Zimmer zurück. Die mitleidende Cacilie wünschte dringend den Grund meines ängstlichen Seufzens, meiner häufig herabrottenden O Slo Thränen; ich konnte kein Wort hervvrbrin- gen; sie ließ meinen Thränen freien Lauf, und geduldete sich so lange, bis die erste Wehmuch vorüber war. Ach, mein Unglück ist zu gewiß! — rief ich weinend, die Entdeckung der Briefe ist es nicht allein, die mich betrübt. Alles, was zwischen meinem Geliebten und mir bis dahin vorfiel, weiß man umständlich, und baut unser Unglück darauf. Ach, Cacilie, auch wir werden nun bald getrennt werden, das sehe ich voraus. Dein ungeheucheltes Mitleiden — Du gabst es mir bei jeder Gelegenheit zu erkennen — wird Dir als Schuld angerechnrt werden, man wird Dir Deinen liebreichen Beistand übel deuten. O gewiß! auch Du wirst meinetwegen dulden, und dieser Gedanke ist mir noch erschrecklicher, als der an die Leiden, welche ich zu ertragen haben werde. Vertiefe Dich nicht zu sehr in diese zerstörende Vorstellungen, geliebte Malwina! was habe ich zu befürchten? Die Aebtissin wird mir vielleicht trotzig begegnen. Kann ich diesem ohnmächtigen Hasse nicht durch die 2H Erfüllung meiner Pflichten ausweichen, nun, so leide ich Deinetwegen, und der Gedanke, an Dir eine treue Freundin zu haben, wird mich stets beruhigen können. O meine Cacilie, Deine Freundschaft für mich geht zu weit. Möchte ich doch Gelegenheit finden, Dir meine Erkenntlichkeit zu beweisen, und Deine Zuneigung zu verdienen. Genug davon, laß uns lieber untersuchen, ob Du wirklich bestimmte Gründe hast. Dich unglücklich zu glauben. Deinem Grosvater ist nun Dein ganzes Verhältnis mit Eugen bekannt. Was wird nun geschehn? — Weil matt Dich hier nicht ganz sicher glaubt, wird matt Dich aus dem Kloster nehmen. Und wenn Du nun den Kummer, mich verlohren zu haben, an die Seite setzest, sprich, was hattest Du dänn weiter zu befürchten? ich bin noch immer der Meinung, Dein Grosvater werde Dich jetzt um so weniger in Deiner Liebe einschränken. Er ist ein Mann aus der alten redlichen Welt, ein großer Sklave seiner Worte und wird Dich nicht unglücklich machen. Nur Geduld, Du wirst sicher von ihm bald Nachricht erhalten. O r 212 Es geschah auch wirklich; ich erschrak nicht wenig, als man mich am folgenden Morgen sehr früh weckte, und mir sagte, es wäre eine Kutsche vor der Thüre, die mich abhohlen- wollte. Meine zärtliche Neigung für Cäcilien war zu groß, um nicht seelengern ihr dru-ch einen Abschiedskuß alles sagen zu wollen, was mein Herz für sie fühlte; ich konnte meinen Zweck nicht erreichen: die rachgierige Aebtissin Hane es ihr untersagt, und sie zu zwei wöchentlicher Gefängnißstrafe verurtheilt. Ich siieg nun mit meiner Chrisiine in den Wagen, ohne vorher von der Aebtissin Abschied zu nehmen. Nun sind wir also aus dem Kloster, fing . Chrisiine treuherzig an, wir wollen nimmer wieder hinein. Ich weiß zwar nicht, obJhnen, meinFraulein, der Aufenthalt gefallt; ich gestehe es aufrichtig, mir war die Lebensart im höchsten Grade zuwider. Inzwischen habe ich den Vortheil, von den Freuden der Welt eine weit kräftigere Ueberzeugnng erhalten zu haben, und sie mehr schätzen zu können. Freuden? liebe Christine, ich habe sie nicht mehr auf dieser Welt zu hoffen, und. 2IZ machte schon zu früh die Erfahrung, daß, giebt mir ja der Himmel etwas zu schmecken, im Augenblicke tausend Bitterkeiten alles verderben. Wissen Sie aber auch, mein Fräulein, daß ein Vergnügen weit besser schmeckt, wenn es uns vorher verbittert wurde? Die mehrsien Menschen stellen sich das Leben als eine Kette von Freuden vor, und wollen nicht, daß sie unterbrochen werde; solches Wohlleben ist ein Hirngespinst. Jeder Mensch hat seine Leiden; je mehr aber jemand die Kunst lernte, sie durch Vernunft abzulehnen, oder durch Gelassenheit zu mildern, desto höher ist sein Vergnügen, desto größer sein Glück. Ich ersuchte meine Christine, es bei dieser Vorlesung aus der Sittenlehre bewenden zu lassen, indem ich angenehmere und in der Thar wichtigere Ueberlegungen zu machen hatte. Wer könnte zweifeln, daß mein Eugen es war, der mich beschäftigte? Ich leugne es nicht, ich war in meiner Liebe zu ihm ganz vertieft, und diese reizenden Vorstellungen verließen mich auch nicht ehr, als bis wir an Ort und Stelle O z 214 angelangt tvchren. Der Kutscher hielt still, man hob mich aus dem Wagen. Nun sollte ich mich meinem Grosvater verstellen; ich überlegte schon, welche Predigt er mir halten würde. Aber wie wenig hatte ich bis dahin sein von zärtlicher Liebe gegen mich erfülltes Vaterherz gekannt? Siehe, meine liebe Tochter, sprach er zu mir — ich war im Begriffe, ihm in kindlicher Ehrfurcht die Hand zu küssen — stehe, daß ich mein Dir gegebnes Wort halte. Es war mir und meinem Bruder nach Dir recht bange, ich hoffe daher, es werde Dir bei uns mehr gefallen, als bei der mürrischen Aebtissin. — Hier fuhr mir die Nöthe wie ein Feuer über das ganze Gesicht, ich weiß nicht, war das verhaßte Wort daran schuld, genug, mein Vater bemerkte es. Gestehe mir, mein Töch- terchen, diese Frau hat gar keine Eigenschaften, die Dir gefallen können, sie ist auffahrend und schadenfroh. Ich erwiest ihr stets das, was ich ihr schuldig war um so lieber, da sie von Ihnen, gütiger Vater, völlige Macht über mich erhalten hatte. 2i; O, erwiederte mein GroSvater — er glaubte vielleicht, ich wollte auf mein Verhältnis; mit dem Grafen, welches man mir so eingeschränkt hatte, zielen — wir wollen von diesen vermeintlichen Befehlen, die man vielleicht zu genau befolgte, nicht sprechen, und gegenwärtig an das Vergnügen denken, welches ich nebst meinem Bruder bei Deinem Wiedersehn empfinde. Ja, liebste Malwina! fing mein Oncle an, ich bestimmte meinen Bruder, Dich aus dem Kloster zu nehmen, damit wir Deines Umgangs nicht beraubt seyn dürsten und mit Dir gewisse Absichten erreichen könnten. Er- ' innerst Du Dich wohl des mir vor einiger Zeit gethanen Versprechens? Ich konnte es nicht errathen. Endlich fiel mir ein, daß von einer Reise nach Spanien die Rede gewesen war, inzwischen konnte ich nicht glauben, daß eine solche Entfernung mit der ausnehmenden Zuneigung meines Grosvaters zu mir bestehn würde. Ich betrog mich, die Reise war nicht so entfernt als ich vermuthete. Man hatte, ohne mein Wissen sehr schnell alle Vorkehrungen O 4 2l6 gemacht; den Grund will ich meinen Lesern ins Gedächtniß zurückrufen. Aus Eugens letzterm Briese erhellte deutlich, daß er auf keine Weise von mir «blassen würde, und meine Leidenschaft für ihn war zu groß, als daß man nicht besorgen mußte, ich würde mich davon Hinreißen lassen, und zu einer Entführung das Meinige beitragen. Meine Abreise schien nun das beste Mittel zn seyn, die Flucht zu verhindern; man zweifelte nicht, eine solche Entfernung würde den Grafen auf andre Gedanken bringen, erwürbe auf den Besitz meines Herzens völlig Verzicht thun, und auch ich würde ihn vergessen können. Christine mußte von neuem die Mühe über sich nehmen, mir den Plan meines Grosvaters mitzutheilen; man sah voraus, daß ich mich schwer zu dieser Reise bequemen würde. In Wahrheit, mein Fraulein! fing sie an, Sie wurden von dem Schicksale zu wunderbaren Begebenheiten ausersehn, denn jetzt wünscht man, Sie mögten in Spanien Ihr Glück versuchen. Ich, in Spanien? höre ich recht? 217 Allerdings, aber — ist das eine so schreckliche Sache? Wie? mein Grosvater sollte einwilli- gen, daß — Warum nicht? Sie werden durch diese Reise die Erbin eines sehr großen Vermögens, Ihr Oncle liebt sie leidenschaftlich, und machte eben darum Ihrem Großvater diese Bedingung. Ist Ihr Schicksal nun noch beklagens- iverth? O wie viele Menschen würden, so glücklich, zeitlebens reisen wollen. Was denkstDu von mir? Christine! Sein Her; allein an äußere Dinge hangen, ist das Wesen niedriger Seelen, und nichts für mich — Verzeihung, mein Fräulein! so meinte ich das nicht; vielleicht sehe ich aber in dieser Sache weiter, wie Sie. Sie glauben, Ihrer Liebe werde durch diese fürchterliche Reise etwas abgehn, ich behaupte das Gegentheil, und glaube ganz gewiß, Sie werden in Spanien in Ihrer Liebe glücklicher seyn können, als in dem verhaßten Kloster. Schreiben Sie nur ohne Zeitverlust an den Grafen, er wird nicht säumen, Ihnen auf dem Fuße nachzufolgen. Ueberdem läßt sich Ihr Grosvater Oz 218 sehr billig finden. Nur noch ein, höchstens zwei Jahr, so ist er bereit, in alles zu willigen. — O Christine! suche mich nicht durch falsche Zuredungen zu täuschen. Ist dies nicht eine betrügliche Hofnung, die man mir vorhält, oder soll ich wirklich Eugen ewig besitzen? Nicht so mistrauisch und verzagt, mein werthes Fräulein! verlassen Sie sich auf mein Wort, und auf Ihres Grosvaters Versprechen. Hoffentlich wird er Sie auch nicht abreisen lassen, ohne Ihnen vorher seine Gedanken zu eröfnen, und dann werden Sie finden, daß alles mit meinen gegenwärtigen Aeußerungen übereinkömmt. — Mit diesen süßen Vorstellungen wurde mein in ängstlicher Ungewißheit schmachtendes Herz wieder von neuem erfrischt, die angenehmen Bilder einer baldigen Vereinigung schwebten mir beständig vor Augen, ich wurde durch die tröstenden Hofnungen, welche mir Christine gab, wie aus einem Labyrinth herausgerissen. Jetzt erblickte ich das Ziel näher, wohin meine feurigen Wünsche einzig und allein gerichtet waren, und wahre Zufriedenheit er- 219 freute mein Herz; ich hatte die frohe Aussicht, es werde die Sonne des Vergnügens sich mit verklärten Strahlen bald über uns ausbreiten, und ich dem würdigsten der Männer zur Belohnung der neusten Liebe geschenkt werden. Ich liebte ihn so rein, so zärtlich, und in dem Grade der Vollkommenheit, nach welchem er mein Herz verehrte ; alle meine Empfindungen waren nur auf einen Punct gerichtet, auf ihn, den Geliebten. Wonnige Augenblicke meiner Existenz! — Nun dachte ich nicht mehr mit Zittern an meinen Abschiedstag, ganz andre Vorstellungen erfüllten meine Seele, ich schickte mick- munter und froh zu meiner bevorstehenden Reise an, und sprach selbst mit meinem Oncle davon, um ihm eine Verlegenheit zu ersparen. Mit inniger Verbindlichkeit nehme ich Ihre gütigen Absichten an, würdiger Oncle! so sprach ich zu ihm. Sie werden mir ein Sporn seyn, Ihre beispiellose Zuneigung mehr zu verdienen. Er wurde bestürzt, und wußte nicht, wie er meine Anrede beantworten sollte, ja, ich vermuthete, er hielt meine Dankäußerung 220 nicht für aufrichtig. Sie Ware es auch nicht gewesen, hatte ich sie ihm bei kaltem Blute abgestattet. Ich liebe Dich von Herzen, Mal« wina! antwortete er, so wie ich Deinen verstorbenen Vater innig liebte. Nicht allein die Verwandtschaft ist es, warum ich Dir mein ganzes Herz gebe. Deine Eigenschaften —- Nur eine Eigenschaft mache ich mir zum Ruhme, geliebter Oncle! die des Dankge- fähls. Ich werde es mir stets angelegen seyn lassen, Ihren Wünschen ehrfurchtsvoll nachzukommen. — Das heißt mehr versprechen, als man hal- len kann. Sollte ich Dich, mein Kind! auf eine Probe stellen, ich meine, sie würde Dir unangenehm und beschwerlich werden. Doch, laß es gut seyn, ich weiß, wohin Deine Wünsche gehn, und habe auch von meinem Bruder das Wort, Dich mit dem Grafen Eugen in der Folge unter gewissen Bedingungen ver- heirathen zu dürfen. Mit meinem Grosvater mußte ich in einem ganz andern Tone reden, wie mit meinen Oncle; diesem folgte ich mit der größten Bereitwilligkeit, jenen sollte ich mit äußerstem 22 ! Mißvergnügen verlassen. Ohnerachtet er ein ernster unter dem Geräusche der Waffen abgehärteter Mann war, den das Alter schon drückte, so konnte er mich doch ohne nasse Augen nicht von sich lassen. Lebe wohl, meine theure Tochter, so sprach er, und schloß mich liebreich in seine Arme, der Himmel sey Dein und meines Bruders Begleiter! Meine brüderliche Neigung hat mich dazu bestimmt, seinen angelegentlichen Bitten, Dich einige Zeit bei sich zu haben) Gehör zu geben. Ich versichre Dir aber, als ein treuer Vater, daß ich aus keiner andern Absicht, als allein zu Deinem Besten, und in der Hofnung, Dich wieder freudevoll bei mir zu sehn, dazu veranlaßt wurde. Dn erinnerst Dich, meine theure Malwina, daß St. Nicaise mein Wort hat, Dich zu besitzen; laß daher, ich bitte Dich, noch einige Zeit vorübergehn, überwinde Dich, und erlaube, daß er Dir auf jede schickliche Weise seine Liebe zu erkennen gebe. Ist es Deinem Herzen dann keine Möglichkeit, ihn glücklich zu machen, wohl! so bin ich meines Versprechens los, und Habe weiter keine Vorwürfe zu befürchten. 222 - Was konnte ich mehr wünschen? Nur noch einige trübe Tage, dann sollte meine und des Grafen Treue und Beständigkeit belohnt werden. Ich stattete meinem Grosvater den wärmsten Dank ab, er konnte mich nicht aus seinen Armen lassen. Meinte ich wohl, daß dies der letzte Abschied seyn würde? — Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die Reise werde zu Beförderung meiner Liebe gereichen; was brauchte es weiter, um mir mein Vaterland widrig zu machen, und meine Abreise mit schmerzlicher Ungeduld zu erwarten? Noch war inzwischen das wichtigste übrig, es mußte vorher in Richtigkeit gebracht werden. Der Leser kann wohl errathen, daß ich auf meinen geliebten Eugen ziele; ich hatte ihm von allem umständlich Bericht abzustatten, und die erfreuliche Hofnung von dem glücklichen Fortgänge unsrer Liebe zu machen. Die Liebe führte mir die Feder, ich hatte schwören wollen, mein Geliebter würde sich nach erhaltenem Briefe augenblicklich auf den Weg machen, und mich nicht nur einhohlen, sondern wohl gar eher in Spanien anlangen, als ich. Dies erfolgte aber nicht, und ob ich gleich spater erfuhr, daß die stärksten Hindernisse sich seinem Wunsche entgegen gesetzt hatten, so verfiel ich doch sogleich auf Argwohn, und beschuldigte ihn einer treulosen Unbeständigkeit. Ich ging nun mit meinem Oncle und meiner treuen Christine zu Schiffe. Unsre Fahrt war die ersten. Tage hindurch glücklich; wir reisten mit gutem Winde, und Höften ohne Sturm unsren Zweck zu erreichen; das Meer schien ganz ruhig. Aber es war eine verführerische Sille; die Luft wurde in einem Nun schwarz, der Himmel verhüllte sich in finstre Wolken, wir sahn nichts Helles, außer daß die mit den stärksten Schlagen abwechselnden Blitze uns auf eine schreckliche Art beleuchteten. Das Getöse der Winde, das Sausen der mit gewaltigem Krachen gegen einander tobenden Wellen nahm uns allen Muth; die sonst unerschrocknen Matrosen wurden ganz verzagt. Der Himmel war durch das unablässige Blitzen immer in Feuer, wir dachten alle Augenblicke in den Abgrund zu versinken. Das Meer wü- thete mit dem heftigsten Ungestüm, bald trir- 224 Len uns die schaumenden Wellen hoch hinauf zu den Wolken, bald warfen sie uns wieder herab und drohten uns zu verschlingen. Zu Vieser augenscheinlichen Lebensgefahr kam noch eine andre, die uns zugleich den Untergang befürchten ließ; in der Gegend, wo unser Schiff hin und her geworfen wurde, waren schreckliche Klippen, wir konnten leicht daran scheitern. Dies schreckliche Wetter schien gar nicht anfzuhören, wir wurden alle kleinmüthig; neun Tage hindurch schwebte uns die schrecklichste Todesgefahr vor Augen. Der Steuermann vermogte nichts dabei zu thun, er wußte selbst nicht, wo er war, die Wolken verfinsterten alles. Endlich zerbrach die Gewalt des Windes den Mast; jetzt war ein Schiffbruch unvermeidlich. — Der Leser wird schon, ohne daß ich es besonders bemerke, das Weinen und Schreien auf dem Schisse sich leicht denken können. Und wie war mir zu Muthe? Trostlos hielt mich Christine in ihren Armen, unsre Augen wurden nicht trocken. Mein Oncle suchte mir nicht selten Trost zuzusprechen und seine Angst gegen mich zu verbergen; aber wenn ein neuer Stoß Stoß kam, so konnte er doch nicht an sich halten, und sing heftig an zu klagen. — Plötzlich hörte es auf zu toben, der Himmel klarte sich wieder auf, wir fühlten Hof- nung und Freude. Geliebte Malwina —- mit diesen Worten fiel mir mein Oheim um den Hals — wie sehnlich flehte ich den Himmel um Deine Erhaltung an? Er erhörte meine Bitte, Du bist mir von neuem geschenkt.—> Zn diesem Tone fuhr er fort, sein Herz schwebte ihm auf Mund und Lippe, er fühlte innige Freude; sie wurde aber durch einen unglücklichen Vorfall unterbrochen. Ein junger wohlgekleideter Mann, dessen gutes Aeußere mich schon am ersten Tage unsrer Abfahrt für rhn bestimmt hatte, wollte eben auf das Verdeck steigen, um die Veränderung des Windes genauer zu bemerken, wurde aber aus Unvorsichtigkeit gestoßen, so daß er herab- stürzte, und ins Wasser fiel. Jeder bemühte sich, ihm zu helfen, und mein Oncle säumte nicht, eine gute Summe zur Belohnung auszusetzen; das Geld schien stärker und wohlthätiger für seine Netrung zu sprechen, als das Gefühl der Matrosen. Man war so glücklich, ihn zu er- P 226 greifen, und brachte ihn auf das Schiff; er hatte aber keine Kraft, kein Leben, und war einem Todten ganz ähnlich. Mein Oheim suchte ihn mit wirkenden Mitteln zu unterstützen, ließ ihn in ein Bett legen, und mit andrcrKleidung versorgen. Wie erstaunte er, als er einen schönen Hals und eine schneeweiße Brust erblickte? er theilte mir und Christinen die Entdeckung, es sey ein Frauenzimmer, sogleich mit; es wunderte uns nicht wenig. — Wir mußten fortwährend alle dienlichen Stärkungsmitel anwenden, ehe sie wieder zn sich kam und Zeichen des Lebens von sich gab. Nun erhob sie das matte Auge, ach! ich Unglückliche! sprach sie mit Seufzen, warum entriß man mich den Wellen, worin ich schon begraben war? Es war noch nicht Zeit, sie zu weitrer Erzählung ihrer Schicksale zu veranlassen; wir baten sie vielmehr inständigst, sich zu beruhigen, und, wenn es möglich wäre, nur ein paar Stunden sich still zu verhalten. Die gute Pflege brachte sie endlich dahin, daß sie einschlief, und dadurch recht sanft erquickt wurde. — Wir blieben stets Lei ihr, bis sie erwachte. 227 freundlich sah sie uns an. O meine Theure! sprach sie zu mir, womit verdiente ich die Sorgfalt, welche Sie für mich äußern? Schreckliches Schicksal, ich muß das entdecken, was ich lieber vor mir selbst verborgen hätte, aber es ist geschehn. Ich unterstehe mich nun nicht mehr, in der Kleidung zu erscheinen, unter welcher ich mein Geschlecht verbarg; von nun an werde ich wieder Weib seyn. Sobald sie aufgestanden und angekleidet war, bat ich sie in mein Zimmer, und ver- sichre meinen Lesern, daß ich nie etwas schöneres sah. Sie sehn hier, so fing sie an, ein sehr unglückliches Mädchen, völlig Ihres mir bereits bewiesenen Mitleidens würdig. In meinem jetzigen traurigen Zustande bin ich gezwungen, zu Ahnen meine Zuflucht zu nehmen; vielleicht werden Ahnen die Meinigen bald die Last abnehmen; sie lieben mich zärtlich. Ich wünschte sehr, meine Theure, erwie- derte ich, Ahnen meinen treuen Beistand stets beweisen und Ahnen gefällig werden zu können. Nun umarmte ich sie; in ihrer Mine P 2 22g und ihrem Neustem fand ich viel, was einer allgemeinen Hochachtung würdig war. Es ist natürlich, redete sie weiter, daß meine Verkleidung Ihre Neugierde erregte. Muß ich gleich meine Schwache verrathen, so halte ich mich doch wegen der mir bewiesenen Freundschaft für verpflichtet, mich nicht durch Schaam und Verwirrung von der Erzählung meiner Begebenheiten abhalten zu lassen. Spanien ist mein Vaterland, Sevilla meine Geburrssiadt; meine Vorfahren lebten lange dann, ihrem Adel und großem Vermögen gemäß. GrafLuisillo, meinVater, hatte nur zwey Kinder, mich und meinen Bruder, er wurde leider! freilich ohne seine Schuld, der Urheber meiner unglücklichen Schicksale.—> Ich will nicht weitläufig seyn, und nur kurz anführen, wie man sich möglichst bemühte, uns eine unsrem Stande angemeßne Erziehung zu geben. Eben so wenig will ich meines Bruders Lobrednerin werden, nur sey es mir zu bemerken erlaubt, daß er in seinem achtzehnten Jahre ein vollkommen schöner Mann war, und nicht wenig Talent besaß; ich war dreh Jahre jünger wie er. — 229 Ob meine Eltern eine blinde Neigung ge» gen mich hegten, oder wirklich manche gute Eigenschaft an mir bemerkten, weiß ich Nicht? — sie äußerten bei jeder Gelegenheit ihre herzliche Liebe für mich auf das deutlich- sie; vielleicht and'erten sich auch seil dieser Zeit meine Gesichtszüge. Mein Bruder hatte, gegen die Sitte seiner Landsleute, eine unüberwindliche Neigung, Frankreich zu besuchen. Unsre Eltern waren nicht dagegen, sie glaubten hiedurch wohltha- §ig für ihn zu wirken. Mein Vater vergoß beim Abschiede keine Thrane, er hofte ihn glücklich wieder zu sehn, und hatte sich nicht getauscht. In Verlauf zweier Jahre hatte er das Vergnügen, seinen geliebten Sohn wieder zu umarmen. Ach! seufzte die arme Constanze, dies war ihr Nähme — ach! warum kam er nicht allein? Mein bis dahin unerfahrnes und von der Gewalt der Liebe noch nicht durchdrungenes Herz würde nicht die erste und unglücklichste Probe haben machen dürfen. —' - Mein Bruder hatte in Frankreich mit Guido von Bernac eine dämonische Freundschaft P Z 2ZL> errichtet, so daß sie ohne einander nicht leben konnten. Er redete ihm daher auf alle Weise zu, mit ihm die Reise zu unternehmen, und mogte vielleicht unbehutsam von mir eine Schilderung hinzugefügt haben, die Guido noch mehr bestimmen konnte, seinen Herzensfreund zu begleiten. Sie kamen glücklich in Sevilla an. Die Erkenntlichkeit für die Güte, welche mein Bruder in dem elterlichen Haufe seines Freundes genossen hatte, machte es allerdings nothwendig, daß ihn meine Eltern mit gleicher Höflichkeit in ihrem Hause aufnahmen, und bei der großrn Freude über die glückliche Zurückkunft ihres Sohnes diesem angenehmen Gaste alle ersinnliche Bewü'thung und Bequemlichkeit verfchaften. — Wie er mich zum erstenmale sah, hatte meinAeußeres, wie ich später von ihm erfuhr, einen großen Eindruck in sein Herz gemacht, so wenig ich laugnen kann, daß er mir ebenfalls sogleich gefiel. Er war ein aufgeräumter schöner Mann, aber seine äußern Vorzüge bestimmten mich am wenigsten. Liebenswürdige Constanze! so redete er mich einst an, da er wegen Abwesenheit mei- ner Mutter mehr Freiheit hatte, mit mir allein zu sprechen, deuten Sir es mir nicht übel, wenn mein Mund Ihnen das wiederhohlt, was meine Blicke sich nicht scheuten, Ihnen tausendmahl zu gestehn. Oder war es Ihnen nichr möglich, die reine Flamme meiner volk- kommnen Liebe, welche Ihre Schönheit in meinem Herzen anzündete, darin zu lesen ? Die Höflichkeit will es, lieber Guido, daß man Frauenzimmern öfter Dinge vorredet, woran das Herz wenig Antheil hat. Aber wir wollen dies unterbrechen, ich, liebe nicht die Schmeicheleien. Wie verstehe ich das, meine schöne Constanze! antwortete er, bin ich denn so unglücklich, Sie nicht überzeugen zu können, daß Herz und Mund bei nur übereinflimmt? Freilich wird ein jeder, welcher das Vergnügen, Sre zu sehn, genießt, eben die Sprache führen, und Sie anbeten. — Nicht so, mein Herr! ich bitte Sie, sich zu versichern, daß ich das Ganze für einen höflichen Scherz, nie aber für Wahrheit aufnehmen werde. Ob ich gleich dem Guido wegen seiner auf- P 4 SZ2 richtigen Meinung manchen Scrupel machte, so mumphirte ich doch in mir selbst über die geschwinde Eroberung seines Herzens; die Klugheit erinnerte mich nur, ihm meine Neigung verborgen zu halten, und an mich selbst ;u denken. Inzwischen wurde mir diese Verstellung bald zur Last, seine Seufzer undThrä- nen erweichten mich bald, er drang in mich, ihm doch eine Antwort zu ertheilen, es war mir aber unmöglich. Ich seufzre für Unruhe, aber eben dieses Ach! war mein Verrather. Was soll ich Umschweife machen? ich liebte ihn, und was laßt sich auf der Welt wohl schwerer verbergen, als die Liebe? Ja! ich ließ es meinem Guido zu viel merken, daß ich ihn liebte, und auch er gab mir von diesem Tage an die überzeugendsten Beweise seiner Liebe. Schade, daß sie zu meiner innigsten Zufriedenheit nicht beständig war. Sechs Monate enteilten; ohne Neue genoß ich in dieser Zeit alles Vergnügen, was in meiner Lage nur denkbar ist. Meine Eltern gaben uns wirklich absichtlich Gelegenheit, uns ohne Zeugen zu sehn, sie kannten Guidos edlen Charakter. Er säumte auch nicht/ sei-- nen Vater um Erlaubniß zu einer nähern Verbindung mit mir zu bitten, und auch bei meinen Eltern um mich anzuhalten; sie gaben die Einwilligung gern. Mit Sehnsucht erwarteten wir die Antwort, endlich erbrach er sie zu unsrer größten Bestürzung. Seine Eltern befahlen ihm, nach Frankreich zurückzukommen, und gaben ihm Hofnung, die verlangte Einwilligung vielleicht «ach Jahresfrist zu erhalten. Unglückliche Veränderung.' Guido konnte sich nicht dazu entschließen. Er schrieb wieder- hohlt an seinen Vater, aber es lief dieselbe Antwort ein; um ihn nicht zu erzürnen war kein Mittel, als seinen Befehl zu erfüllen. Meine Eltern riechen es ihm wohlmeinend, seine Abreise zu beschleunigen; auch ich mußte hierin den Forderungen meines Verstandes folgen, so hart es mir auch fiel. Der betrübte Ab- schiedstag wurde festgesetzt; er kam leider geschwind genug herbei. Wie viele Thranen wurden nicht vergossen? Geliebtes Mädchen! sprach er mit unterbrochenem Seufzen, ich werde nicht länger leben, mein unbeweglicher Vater fordert etwas P 5 > 2Z4 Unmögliches von mir. Bald, sehr bald, wirst Du von meinem Tode hören, und eben dadurch erkennen, wie ich Dir von Herzen treu bin, und ohne Dich nicht leben kann. Ich soll Dich nicht lieben und ein verhaßtes Vaterland erblicken, wohin mich ein fühlloser Vater ruft. Schreckliches Schicksal, vielleicht wird der Tod — O liebster Guido, unterbrach ich ihn, verlasse mich doch nicht in solchem Kummer; Dein Leben ist mir tausendmahl mehr werth, als das ineinige mir ist. Ich beschwöre Dich bei der zärtlichen Liebe, die unsre Herzen vereint, schone Deines kostbaren Lebens; oder meinst Du, ich empfände durch diese Trennung weniger Qual und Angst als Du? — Deine Abwesenheit ist meiner Seele schrecklicher, als wenn man mir jetzt den Tod ankündigte. Suche daher vielmehr, wie ich es thue, diese herbe Bitterkeit durch die angenehme Hofnung eines erfreulichen Wiedersehens zu versüßen, und verlaß Drch auf die unumstößlichen Versicherungen einer bis zum letzten Athem meines Lebens Dir gewidmeten Beständigkeit. Gerechter Himmel! seufzte die unglückliche s;; Constanze, hätte ich bei meinen wahren Tröstungen mir wohl einfallen lassen können, dieser Treulose würde ihrer nicht bedürfen und mich bald aus seinem Herzen vertilgen? Die übergroße Traurigkeit, das stete Seufzen und Klagen, der Thranen Menge, welche sonst unverwerfliche Zeugen der größten Aufrichtigkeit sind, seine Kleinmüthigkeit, wie er sich mit äußerster Gewalt aus meinen Armen reißen mußte, sollte mich dieses alles, — ich frage Sie, meine theure Freundin! — nicht haben sicher machen, und mir für eine unwandelbare Liebe Bürgschaft leisten können? — Ach! Entfernung von dem geliebten Gegenstände ist eine Klippe, woran die Liebe stets zu scheitern pflegt. — So war denn mein Geliebter auf seiner Rückreise nach Frankreich. Meine Schwer- muth dauerte mehrere Monate, und wurde nur durch angenehme Briefe gemindert; die wiederhohlten Versicherungen von seiner aufrichtigen Liebe konnten nicht zärtlicher seyn. Bald hieß es: ich bringe meine Zeit mit Klagen zu, bald, mein Herz schwimmt in Thranen, Du schwebst mir stets vor Augen, ich kann Dich nicht aus meinem Gedächtnisse lassen, eilt Ihr Küsse! folgt meiner Geliebten nach, eilt ihr Seufzer! dahin, wo mein Mädchen weilt. Euch ihr Gestirne! verehre ich, Ihr leuchtet der Einzigen; und was dergleichen Aeußerungen mehr waren. Aber diese Hitze ließ bald nach; die Schreibart änderte stch mit jedem Posttage merklich, ich mußte billig befürchten, es möchte vielleicht auch einige Veränderung bei dem Verfasser vorgegangen seyn. Ach! ich durfte nicht weiter zweifeln; es vergingen drei Monate, ich erhielt keine Zeile von ihm. Was Wunder, daß ich in eine Krankheit verfiel, die mir das Leben zu rauben drohte. Mein Bruder, dem die Ursache meiner Schwermut!) nicht unbemerkt seyn konnte, tröstete mich aus herzlichem Mitleiden, er bat mich, nicht weiter an Guido zu schreiben, und ihm Gleichgültigkeit zu zeigen. Inzwischen steckte er sich himer'einige gute Freunde in Paris, und erfuhr, eine junge Wittwe beschäftigte ihn so stark, daß er meiner ganz vergessen hätte. Unglücklicherweise kam mir dieser Brief in 2Z7 die Hände. O! wäre ich doch im Stande gewesen, diesem Treulosen nur in etwas nachzuahmen, wollte der Himmel! ich hätte mir seine boshafte Unbeständigkeit zu einem überzeugenden Grunde, mein Herz einem andern zu geben, gereichen lassen. Aber ach! ich war zu ehrlich und zu treu, noch immer liebte ich, warum sollte'ich es läugnen? — den Verräther; das Ende meines Lebens sollte auch das Ende meiner Liebe sepn. Vielleicht ist die gewaltsame Entfernung von mir von dieser Veränderung die Ursache — so entschuldigte ich ihn; er mag nicht vorsetzlich sündigen und vielleicht nur in kindlicher Rücksicht die Treue gegen mich zu brechen scheinen. Wie leicht würde meine Gegenwart den lodernden Funken wieder anblasen? — Auf diesem schlüpfrigen Grunde beruhte der Entschluß, den ich verwegen genug faßte. Wenn ich auch nicht durch meine persönliche Gegenwart das Herz des Undankbaren gewinnen könnte — meinte ich — so übte ich doch wenigstens eine, wenn gleich fruchtlose Rache. Weine Absicht war, ihm seine Treulosigkeit recht unter die Augen zu stellen, und durch 2Z8 Ueberführung seines Verbrechens ihn scham- roth zu machen. Aber welche Schwierigkeiten standen meinem Vorsatze entgegen? ich konnte es mir nicht beifallen lassen, die Wachsamkeit meiner Eltern zu betrügen, und doch war es nicht das einzige, was mich beunruhigte, ich mußte auf dieser beschwerlichen Reise Mannskleider anlegen, wollte ich nicht noch größre Gefahr laufen. Das Glück fügte es; ich konnte mich aus meiner Eltern Hause entfernen, ohne daß man mir nachsetzte, und zu meiner größten Freude ging eben ein Schiff nach Frankreich unter Segel. Ich hatte mich in Sevilla mit einer guten Summe Geldes versorgt, und auch einen treuen Diener mir ganz zuzueignen gewußt. Es ist unnöthig, alle Kleinigkeiten, und was mir auf dieser Fahrt, die in sechs Wochen zu Ende war, begegnete, hier anzufüh- ren. Auf Vieles gab ich gar nicht Acht, ich war in meinen Gedanken immer in Frankreich, und die Treulosigkeit meines ehrvergeßnen Liebhabers, so wie die Rache, welche ich nachdrücklich an ihm ausüben wollte, schwebte mir stets vor Augen. 2Z9 Wir kamen in Nochelles an, ich nahm sogleich eine Postkutsche, um nach Paris zu gehn. Mein Louis war so glücklich, bald das Quartier von Guidos neuer Geliebten aufzufinden; ich nahm nicht weit davon meine Wohnung, und war selbst Zeuge, daß er ste häufig besuchte. Wie fing das Blut an, in meinen Adern zu wallen? Rache, Rache! rief ich zu meiner Besänftigung. Ich war in meinem gerechten Eifer so entbrannt, daß ich unzähligemahl Len Entschluß faßte, dem Verräthcr den Dolch in den Leib zu stoßen, und meine Rache in seinem Blute zu kühlen. Aber bald schlich sich eine sanftere Neigung in das bebende Herz, ich wollte durchaus wieder die Liebe des Undankbaren besitzen, es war, als wenn mir jemand die Versicherung gäbe, ich würde zum Zwecke kommen. Guido hatte einen Nebenbuhler, das erfuhr ich; es frischte meine Hofnung um so mehr an, da er sehr wohl gebildet war. Ich wurde mit Theodor Pinaut bald so vertraut, daß er mir seine Liebe zu der Madame Aude- xin entdeckte, und wegen Guido gar keine Be- 242 sorgniß äußerte. Dies schlaue Weib spielte ihre Rolle so fein, daß beide im Besitz des höchsten Glücks zu seyn schienen; inzwischen sollte nach der Versicherung einiger Hausgenossen mein Treuloser gewisse Vorrechte haben. Diese verhaßten Nachrichten brachten mich zu der äußersten Verzweiflung. Wollte der Himmel, ich hatte der Eifersucht dazumal nicht zu viel Raum gegeben, unzählige Fluchen von Thränen würde ich haben ersparen können, und dürfte meine Handlungen nicht mit schmerzlicher Nachreue beseufzen. — Ich bildete mir ein, es bald dahin zrr bringen, daß diese zwei Verliebten aus Eifersucht an einander geriethen, Guido würde dann genöthigt seyn, dem andern Platz zu machen, und dies würde die beste Gelegenheit zur neuen Eroberung seines Herzens für mich seyn. Lieber Freund, redete ich Theodor Pi- naut an, ich müßte es nicht gut mit Ihnen meinen, sollte ich Sie langer in einem Irrthu- me lassen; wissen Sie wohl, daß Ihre junge Wittwe nichts weniger als unempfindlich gegen Guido ist? Wie? können SiedaS beweisen? Ich 2§r Ich kann es — Nun erzählte ich dem Erzürnten alle Nachrichten, die ich zu sammeln mir die Mühe gegeben hakte. Es ist genug, ja mehr als zu viel, antwortete er, und ließ mich nicht weiter reden, meine Ansprüche auf das Herz dieser undankbaren Person sind weit alter, als die meines verhaßten Nebenbuhlers. — Ich sollte so gleichgültig seyn, und mir das durch lange Zeit und große Mühe eroberte Herz ohne alle Anstrengung nehmen lassen? Nein, entweder ich, oder er muß sterben, sehn Sie, dieser hier —> er wieß auf seinen Degen — soll es in kurzem entscheiden, wer von uns beiden das Feld behalten wird. Ich wollte ihn wieder umwenden, allein leider war die Sache schon zu weit gekommen; die Eifersucht hatte mir bei meinem Erzählen alles Nachdenkens beraubt. Nun half kein Vorstellen, kein Bitten, er blieb bei seinem ersten Entschlüsse; Guidos Leben stand in der äußersten Gefahr. — Was nun zu thun? — Mein Herz befahl es mir augenblicklich, auf Mittel bedacht zu seyn, die Gefahr von ihm abzuwenden, und Q 242 dies war nur durch einen anonymischen Brief möglich. Ich war also kaum zu Hause, s» - verschloß ich mich auf mein Zimmer und schrieb folgendes: , „Aus meinem Verhallen kannst Du, Ungetreuer! die Größe meiner Liebe be- urtheilen. Ich trug keiss Bedenken, mich dem Schooße meiner Eltern zu entreißen, und fie durch meine Flucht in die äußerste Betrübmß zu setzen. Die mir unaufhörlich vor Augen schwebende Gefahr auf einer langen Reise zu Wasser hat mich keineswegs abgeschreckt, ich wollte selbst von Deinem Wankelmuthe und von meinem Unglücke ein betrübter Zeuge seyn. Ja leider, undankbarer Mensch! ich sah schon feit einem Monate zu meiner größten Kränkung, wie Du Deine Liebe, welche Du mir wohl mit tausend Schwüren verpfändetest, an eine verhaßte Nebenbuhlerin verschwendest. Grausamer Vcrräther! denkst Du noch an die Treue, welche Du Deiner angebeteten Constanze versichertest, oder glaubst Du, fie würde Deinem Beispiele folgen und treulos - 4 , werden können? Nein, ach nein! diese meine zärtliche Liebe will ich mit mir ins Grab nehmen. Ach! wenn Dein fel- senhartes Herz noch einiger Empfindung fähig ifi, so habe wenigstens Mitleiden mit meiner Schwachheit. Komm, immer noch Geliebter! sieh den traurigen Zustand eines unglücklichen treuen Mädchens, komm, ach komm! mir entweder die Thränen abzutrocknen, oder aber — soll mein Herz Dich auf ewig verlieren? mir das Leben zu rauben. Verachte die Gefahr nicht, worin Dich Deine Unbeständigkeit stürzte, nächstens hast Du die gerechte Ahndung davon zu erwarten. Wisse, Pinaut ist Dein großer Feind, Dein Umgang mit seiner Geliebten, auf welche er gerechte Ansprüche hat, macht ihn rasend. Dein Leben steht in äußersterGefahr. Erkenne übrigens, Du Undankbarer, durch diese Warnung meine herzliche Neigung zu Dir. — > Mit Liesem.Billette fertigte ich sogleich ei- Q 2 -44 nen Diener ab, er mögte es ihm selbst einhändigen; ich erhielt folgende Antwort: Liebenswürdige Constanze. „Du beweißt einem Undankbaren, der nichts als Deinen Haß verdiente, zu viele Güte. Meine Treulosigkeit ist leider offenbar, dennoch machte sie mich Deiner unschätzbaren Zuneigung nicht verlustig. Dein in den zärtlichsten Ausdrücken abgefaßtes Schreiben straft meinen Undank, und überführt mich meines Verbrechens; aber, ich hoffe es. Du wirst durch die aufrichtigsten Thra- nen der Neue, welche je stoffen, zu erweichen seyn. Eine unglücklich vorfallende Angelegenheit, die ich ohne Verletzung meiner Ehre nicht aussetzen kann, hält mich wider Willen zurück, nicht den Augenblick zu Deinen Füßen zu eilen und zu versuchen, ob ich nicht völlige Vergebung meines Verbrechens erlangen kann? GuidovonBernac. Bei Durchlesung dieser Zeilen hatte ich vor Schmerz vergehn mögen. Wie wachte 245 mein Gewissen auf? ich konnte meinen geliebten Guido zu einer Zeit verlieren, wo er mir sein ganzes Herz wieder schenken wollte. Meine hitzige Eifersucht war allein daran schuld, sie hatte seinen Nebenbuhler so in Harnisch gebracht, daß er ihm von dem Augenblicke an den Tod schwur. Ohne mir so viele Zeit zu nehmen, als nöthig war, die Antwort nochmals zu überlesen, befahl ich meinem Diener, mich zn meinem Geliebten hinzuweisen. Der Gang ist vergebens, crwiederte er mir, der Herr ging , mit mir zugleich aus dem Hause. Wie ich aus seiner ernsten Mine vermuthe, unternahm er so eben die Angelegenheit, wovon er rm Briefe spricht. Meine Vermuthung ward dadurch noch mehr bestärkt, daß ich ihm aus dem Thore gehn, und seinen Bedienten ihn mit mehrern Hicbern folgen sah. Unglücklicher Guido! rief ich schmerzerfüllt, vielleicht wirst Du mir entrissen, ich mnß, ich muß Dir zu Hülfe eilen. Den Augenblick befahl ich meinem Diener ohne weitre -seherlegung, mich nach dem Thore zu begleiten, aus welchem er ihn hatte herausgehn sehn. O. z 246 Meine Füße schienen zwar Flügel bekam, men zu haben, aber doch war es zu spät. Nachdem ich eine lange Dorstadt durchlaufen war, gerietst ich auf einen Fußsteig, und erblickte sogleich beide, wie sie in äußerster Wuth aufeinander losgingen, so, daß es unmöglich gut ablaufen konnte. Ich verdoppelte meine Schritte, und kam in unglaublicher Geschwindigkeit an den Ort; aber, ach! ohneKraft sah ich ihn zu Boden sinken. — Athemlos stürzte ich auf ihn, und suchte ihn, soviel es meine Schwachheit zuließ, zn unterstützen. Geliebtesier, rief ich schmerzerfüllt, ich, ich bin Deine Mörderin; aus blinder Eifersucht gab ich Deinem Gegner den Degen in die Hand. Verzeih, verzeihe mir! Nein! Du kannst es nicht, ich bin Deines Hasses werth. Sprich nicht vom Hasse, theure Constanze; durch meine Untreue verdiente ich denDei- nigen. Jetzt, da das Gewissen bei mir erwacht, und mich hart anklagt, ach! muß dies MerkmalDeiner ewigen Beständigkeit mir «reue Foltern hereilen? '47 Du stirbst von der unbarmherzigen Hand Deiner angebeteten Constanze. Ich Elende! — " Bedaure meinen Tod nicht, geliebtes Mädchenwenn ich zu meinem letzten Tröste ^ die Versicherung Deiner Liebe in mein Grad ' nehmen kann. War meine Untreue nicht ver- mögend, mich aus Deinem Herzen zu reißen- so wird, ich hoffe es, meine herzliche Reue ^ mich nie aus Deinem Gedächtnisse kommen lassen. Mein früher Tod äst mir nur darum z schmerzlich, weil er mich unfähig macht, Dir ^ überzeugend meine unwandelbare Treue zu be- ^ weisen. ^ Dies waren die letzten Worte meines ster- ^ benden Geliebten, ich rief ihm zu, aber ach! , Verstand und Sprache waren dahin. Er hat- § te zwar die Augen noch geöfnet und auf mich gerichtet, er schloß sie aber sogleich, leider! auf ewig zu. Sie können leicht denken, theu- O re Freundin, wie sich mein Schmerz vergrößernd te. Eine todtliche Ohnmacht übersiel mich «- und nahm mir zum Glücke das Bewußtseyn; B leider gab man sich mehr Mühe, als gut war, x! mir mein unglückliches Leben wieder zu geben. Kaum hatte ich mich erhohlt, so säumte ich Q 4 -48 nicht, mich einzufchiffen und in mein Vaterland zurückzukehren. Hier will ich den Rest meines unglücklichen Lebens fern vom Geräusche Der Welt in einem einsamen Kloster verleben, und es unter Thranen und Seufzen theilen. — Ich suchte die beklagenswürdige Constanze nach Endigung ihrer Begebenheiten aufs beste zu trösten, aber das traurige Andenken au ihren geliebten Guido machte, daß jeder Trost Lei ihr ohne Folgen blieb. Auch mein Oncle rhat alles für sie, und brachte sie durch vieles Bitten dahin, daß sie sich von uns bediene« ließ. Wir durften aber nicht mehr lange auf ihre angenehme Gesellschaft Rechnung machen; schon sahen wir Spaniens Küsten, und landeten auch nach mehrern übcrstandenen Gefahren glücklich an. Mein Oncle machte so gute Anstalten, daß wir in einigen Tagen, ohne viele Beschwerde, Madrit erreichten. — Seine Gattin hatte schon aus Frankreich von mir Nachricht erhalten; und erwartete ruhig die Zeit unsrer Ankunft. Da wir aber über die gefetzte Zeit blieben, fing sie an, sehr besorgt zu werden; ihre Freude bei unsrer Ankunft war daher sehr groß. Es konnte aber -49 leicht seytt, daß sie in Rücksicht ihres Vermögens ihr Hauptaugenmerk auf ihre Familie gerichtet hatte, und nun durch mich das Gebäude ihrer Hofnung Umstürzen sah. Welchen Empfang konnte ich erwarten? Zu meinem größten Glücke hatte ich falsch genrtheilt. Meine Tante nahm mich nicht nur mit mütterlicher Güte auf, sondern begegnete mir auch mit so vieler Aufrichtigkeit, daß ich ihr von dem Augenblicke an meine ganze Neigung schenkte, und ein vollkommnes Vertrauen in ihren Charakter setzte. Welche Freude für meinen Oncle? er liebte mich in der That noch mehr, da er sah, daß ich seiner Gattin so werth wurde. Das Ansehn, worin mein Oheim stand, machte, daß unsre Ankunft durch mehrere Lustbarkeiten gefeiert wurde; er freute sich, mich allenthalben als seine Nichte vorstellen zu können, und setzte darin einen gewissen Stolz. Ach! hätte man mich doch einsam gelassen, und meine geringen Reize dem Auge der Welt entzogen, gewiß! keine unreine Flamme würde in dem Herzen eines verruchten Bösewichts entzündet worden seyn; ich würde wegen der Q 5 , SY0 Erhaltung dessen, was mir auf der Welt daS Liebste war, nicht in so ängstlicher Furcht haben ftyn dürfen. Es schien alles für mich recht glücklich; man gab sich Mühe, mir Gefälligkeiten jeder Art zu erweisen, und suchte täglich für mich neue Freuden zu schaffen. Aber mein Heb; nahm nicht ganzen Antheil daran, die Abwesenheit meines geliebten Eugen, der Kummer über das lange Außenbleiben der Briefe, gaben mir zur Unruhe Anlaß genug. Ach! sprach ich oft zur Christine, — ihr allein konnte ich mein Herz ausschütten — unser lieber Graf, wo ist er wohl? wie mag es ihm gehn? sollte seine Liebe kälter geworden seyn? vielleicht hat der Ungetreue seine Malwina nicht mehr lieb, vielleicht- hat er sie ganz vergessen und ist von einem andern Mädchen gefesselt. Nein, das ist unmöglich, ich, nur ich besitze sein Herz, es kann darin keine andre Flamme brennen, als die ich anzündete. O Eugen! entschuldige einen Dir so nachthei- ligen Vorwurf, Deine Geliebte ist schüchtern und furchtsam, der heftige Schmerz über Deine Entfernung läßt sie ungerecht handeln. — Dergleichen Tröstungen beruhigten inzwischen nicht mein von Unruhe ganz zerrüttetes Herz; ich suchte mir selbst neue Arten von Martern auf, die mich Tag und Nacht quälten. Ja! fuhr ich fort, ihm, meinem Geliebten, ist ohne Zweifel ein hartes Unglück begegnet. Vielleicht liegt er schon in den ungestümen Wellen begraben, oder ist den Seeräubern in die Hände gerakhen, so daß er jetzt, ein Sclave, unter den schwersten Fesseln schmachten muß. Weg mit den schwarzen Vorstellungen, er- wiederte Christine, seyn Sie gutes Muths, mein Fräulein! und hoffen Sie, Ihren Eugen bald freudevoll zu umarmen. Sie scheinen wahrlich jetzt ein Vergnügen daran zu finden, stch mit den schrecklichsten Vorstellungen zu ängstigen und ihr eigner Mörder zu werden. Wichtige Verrichtungen mögen ihn abhalten; ohne Zweifel hält er jede Minute für verlohren, die er wider Willen von seiner schönen Gebieterin entfernt worden ist. Es gelang ihr wirklich, den Trauergeist wenigstens eine Zeitlang zu verbannen; der liebreiche Umgang meiner Verwandten wirkte 2Z2 auch wohl mir. Sie ließen es mir an nichts fehlen, was ich nur wünschen konnte, und erfreuten mich fast täglich mit der angenehmsten Gesellschaft. Meine Tante hatte eine junge Verwandte, Clara von Rocheforr, welche außer einer be- sondren Schönheit die treflichsten Eigenschaften der Seele und des Geistes besaß. In ihrem strahlenden Auge glanzte eine schöne Mischung von Frohsinn und Ernst. Der kleine belebte Mund, die frische Purpurlippe, die Rosen und Lilien auf Wange und Brust, die Grübchen im Kinn, bildeten sie bei ihren so regelmäßigen Gesichtszügen zu einer vollkommnen Schönheit, und machten sie jedem werth. Wir hatten uns kaum gesehn, so waren unsre Herzen schon verbunden; bald wurden wir nur durch uns glücklich. Clara hatte einen ^Bruder, Alvaro war sein Nähme, er begleitete sie häufig, wenn sie mich zu besuchen kam. Sie liebte ihn sehr, und dies bestimmte mich hinreichend, ihm vorzügliche Aufmerksamkeit zu beweisen, und seinen Umgang zu wählen. Seine Blicke, seine Seufzer, ja! alle seine Musterungen bewiesen 25Z mir bald seine Zuneigung; noch hatte er es nicht gewagt, mir seine Leidenschaft zu entdecken» Geliebte Malwina, redete mich die gute Clara auf einem Spatziergange an, werde ich wohl Gefahr laufen, unsre vertraute Freundschaft zu verletzen, wenn ich für meinen Bruder, den Deine Schönheit bezaubert hat, ein gutes Wort einlege? Sey versichert, thcure Clara! erwiederte ich, daß ich die Vorzüge Deines Bruders gewiß erkenne und schätze. Aber liebes Mädchen, erinnerst Du Dich nicht, daß ein Liebhaber noch etwas anders als Hochachtung fordert, wenn er glücklich seyn soll? Mehr kann ich ihm nicht geben, meine Theure! die Liebe thront bereits in meinem Herzen. — Dank Äir, theure Freundin! für Dein Zutrauen. — Könntest Du aber nicht unbeschadet Deiner Liebe meinen Bruder hören? Dies wünscht er sehnlich, und da ich glaube, es mögte seine Leidenschaft schwächen und ihn -54 beruhigen, so hoffe ich, Du wirst mir diese Bitte nicht versagen. Ware es aber nicht besser, gute Klara! man unterließe dergleichen Erklärungen; ich kann sie doch nicht gehörig beantworten. Nein, meine Theure! Du kennst die Leidenschaft meines Bruders nicht. Ueberwinde Dich aus Liebe für mich — sie fiel mir um den Hals — gieb ihm Dem Misvergnügen zu erkennen, da es die Umstande verböten, ihn mit Gegenliebe zu erfreuen. Dein geäußertes Mitleiden wird ihn dahin bringen, sein Unglück zwar zu beseufzen, ihn aber doch beruhigen. Alvaro hatte eine zu starke Fürsprecherin auf seiner Seite, als daß ich die Gefahr, welcher ich mich geradezu aussetzen mußte, hatte abwenden können; überdem schien es mir, als ob meine Verwandten ebenfalls ihre geheimen Absichten mit ihm hatten. Ich hatte mich nicht geirrt. Wir waren in einer grünen Sommerlaube, den Abend zu genießen; meine Tante schlich sich mit Manier davon, um ihrem jungen Vetter Gelegenheit zu verschaffen, mit mir -55 ohne Zeugen zu seyn. Ich sehe es vorher, fing er nach einigem Seufzen an, das Ve- kenntniß von der wahren Beschaffenheit meines jHerzens, welches Ihre Blicke in Flamme setzte, wird Sie beleidigen, doch erwarteich mit Gelassenheit, welche Strafe sie meiner Verwegenheit auflegen werden? Wahrlich! sollte es auch die härteste seyn, sie wird doch nie mit der verglichen werden können, welche ich durch mein Stillschweigen bis dahin ertrug. Ich danke Ihnen, lieber Alvaro! für Ihre gute Aeußerungen und erkenne ihren Werth; leider steht mir die Unmöglichkeit im Wege, sie erwiedern zu können. Schon fühlt mein Herz Liebe, und diese — ich sage es frei — ist.dauernd, und meine Treue unwandelbar. Meine Aufrichtigkeit zeigt es Ihnen, daß ich Sie als den Bruder meiner werthen Freundin behandle, und in dieser Rücksicht füge ich die Bitte hinzu, die Flamme, ehe sie ausbre- chen kann, sogleich zu ersticken. Aber werde ich diesen Rath auch befolgen, ganz meine Neigung unterdrücken können? Nein! theure Malwina, sehn Sie mich viel- 2^6 mehr als Sklaven unter den angenehmen Banden, die Sie mir anlegten, verschmachten, vielmehr durch Unglück glücklich seyn. Er fuhr fort, mir so starke Versicherungen seiner heftigen Liebe zu geben, daß ich in- nigst gerührt wurde, inzwischen blieb mein Affect in den Schranken des Mitleidens. Vielleicht that es mir im Ernste leid, daß ich ihn nicht lieben konnte; denn, was gescheht, wäre, wenn ich nicht schon mein Herz verschenkt hatte, weiß ich das nicht? — ja! ich weiß es wohl, ich bin ja ein Mädchen.-Vorrheil- haft war es für mich, daß meine Tante und Clara die Allee hinaufkamen, er mußte nun diese für mich so ängstliche Unterredung abbrcchen.—- Ich glaubte nun wirklich, nichts würde weiter meine Ruhe stören; aber weit gefehlt: mein Oncle selbst erklärte sich, es würde ihm nichts mehr erfreulich seyn, als wenn ich Al- varos Antrag annahme. Man setzte mir von allen Seiten zu, Christine war die einzige, die sich nichts anfechten ließ, und mir treu blieb. Trauen Sie meinen Worten, Fräulein Malwina! es ist wider Sie etwas im Werke, so 257 so sprach sie bedächtig. Ich zittre, wenn ich an Sie nnd den Grafen Eugen denke, ohne Zweifel wissen Sie noch mehr, wie die Flamme der Liebe in dem Herzen eines Spaniers brennt, sie ist nicht so leicht zu loschen. Was sprichst Du? Christine.' sollten meiner Liebe von neuem so starke Anfalle drohen? Es sei)! ich will lieber meiner Verwandten und Freunde unversöhnlichen Haß auf mich laden, als Meinem Engen untreu werden. Ach! warum setzte ich mich diesen gefährlichen Folgen aus? warum gab ich Claras Vorstellungen Gehör? Sie müssen »ur vorsichtig seyn, mein Fräulein, und bis zu Eugens Ankunft ganz behutsam verfahren. Müssen Sie den Alvaro sehn und sprechen, so beweisen Sie ihm zwar Neigung, hüten Sie sich aber, ihm auch nur die entfernteste Hofnung zu geben. In einem so harten Zwange hatte ich nun schon über zehn Monate gelebt. Unaufhörlich versuchte man mich aufs Neue, und bemühte sich, meine Beständigkeit wankend zu machen; meine Freunde, Verwandte und mein Liebhaber, alle suchten mit ver- R -;8 einten Kräften den Grafen in meinem Herzen zu vertilgen. Leider bemerkte ich auch, daß Alvaros Neigung täglich zunahm, ich mußte befürchten, er würde nicht mehr lange die Schranken der Bescheidenheit respectiren; schon fing er an, von der Gewalt, die mein Oncle über mich hatte, mir etwas vorzuschwatzen. Meine liebe Malwina, sprach mein Oncle einst zu mir, ich laugne es Dir nicht, die Furcht, Dich zu verlieren, ist der Hauptgrund, weshalb ich Alvaros Angelegenheit so gern befördern möchte. Nehmen Sie meinen Dank für diesen Beweist Ihrer Anhänglichkeit, mein geliebter Oncle! Sie wissen aber, mein Herz gehört schon von der ersten Kindheit an dem Grafen von Stamford; sollte ich nun mit gewissenloser Frechheit meiner ihm versicherten Treue entgegen handeln? Glaubst Du, Malwina! Dein glücklicher Liebhaber erinnere sich so oft seines Versprechens, als Du es thust? Fühlte er eben diese Neigung für Dich, er würde Dir entweder folgen, oder Dich wenigstens durch einige Zeilen von seiner unverbrüchlichen Treue versichern. Wan 2?9 wäre blind, wenn man aus einem so langen Stillschweigen seinen Wankelmuth nicht erkennen wollte. Nein, ach nein, geliebter Oncle! ein so strafbarer Argwohn wird nie in meiner Seele Raum haben, Eugen liebt mich gewiß noch eben so zärtlich, wie er es mir bei unsrer Trennung versicherte. Vielleicht gerieth er in eine Lage, die ihn wider Willen abhält, mich durch seine Gegenwart zu beglücken. Nein! an seiner Treue kann und werde ich nie zweifeln, und auch Sie würden es nicht, kennten Sie ihn so genau, wie ich. Aber geliebter Oncle, mein Grosvater erlaubte mir, nach Verlauf eines Jahrs meine Hand ohne Einschränkung verschenken zu können; dies Jahr ist bald dahin; Sie erinnern sich doch seiner Güte? Allerdings, liebe Malwina, und wäre mein Bruder anwesend, ich würde kein Wort verlieren; aber bedenke nur, daß es Eugen sich selbst zuzuschreiben hätte, wenn Du nach seinem langen Weilen, den Nest Deiner Jugend nicht in trüber Einsamkeit verleben willst. Ich bitte Sie herzlich, liebsterOncle, nicht weiter in mich zu dringen, Ihre Güte wirkt N - 260 -stark auf mein Herz, aber noch stärker Eugens Liebe. Sollte er sich auch wirklich gegen mick- andern, so könnte mich dies doch nicht bestimmen, gegen ihn unbeständig zu werden. — Deutlicher konnte ich nicht sprechen, mein Oncle fühlte es, und brach das Gespräch ab. Weit anders handelte Alvaro, er drang mit jedem werdenden Tage in mich, es war auch keine Möglichkeit, ihm aus dem Wege zu gehn. Zu meinem größten Kummer bemerkte ich, daß seine Bescheidenheit sich ebenfalls verlohr, und Daß er sich nicht selten einige Freiheiten erlaubte, die mir nichts Gutes weißagten. Ich suchte es so viel wie möglich zu vermeiden, nicht mit ihm ohne Zeugen zu sprechen, es gelang mir aber nicht immer, da er von Seiten meiner Verwandten zu sehr unterstützt wurde. Meine treue Christine war die einzige, in deren Schooß ich meine Klagen ausschütten, und die mich trösten konnte, aber ach! ich mußte sie bald verlieren. Zu meinem Unglücke siel sie in eine hitzige Krankheit, die so gefährlich wurde, daß sie nur selten ihrer Sinne mächtig war. Die Krankheit war zwar ansteckend, inzwischen konnte ich doch nicht von 261 ihrem Bette weichen; meine Neigung für sie machte mich beherzt, ich scheute keine Gefahr. Theures Fräulein, sprach die Kranke zu. mir, schonen Sie doch Ihres Lebens; verdienteich es wohl, daß Sie mich mit so vieler Güte überhäufen? Allerdings, meine liebe Christine! es würde mir ein steter Vorwurf seyn, wenn ich Dich jetzt verlassen wollte. Mögte der Himmel nur meinen Wunsch erhören, und Dich mir von neuem schenken! Nicht die Furcht vor dem Tode beunruhigt mich, erwiederte sie mit matter Stimme, nur die Gefahr, worin Sie, würdiges Fräulein! ohne Ihre Schuld noch gerathen können, — ich hatte sie vielleicht von Ihnen abgewandt. Mögte ich Sie noch vor meinem Ende auf dem Gipfel Ihres Glücks sehn, aber ach! ich werde es nicht, die Kräfte schwinden mir. — Sie redete wahr, die Stunde ihres Scheidens näherte sich. Es war mir unmöglich, die Thränen zurückzuhalten; meine Wehmuth vergrößerte sich, je mehr ich sie ermatten sah. Ihre Augen waren stets auf mich gerichtet, sie gaben mir die Ursache ihrer Betrübniß zu er- R z s6r kennen. Enger hob sich nun ihre Brust, nur mit Mühe arhmete sie, noch einen Augenblick, und — sie war entschlummert. Ihr Tod schmerzte mich sehr; noch harter würde ich aber den Verlust empfunden haben, hatte ich die Gefahren voraus sehn können, die über meinem Haupte schwebten. Ach! ich wäre ihnen vielleicht entgangen, hatte ich mich desNaths der guten Christine bedienen können. Man gab mir eine neue Dienerin, deren Charakter dem der aufrichtigen Christine völlig entgegen war, sie hieß Albina. Anfänglich bezeigte sie nicht wenig Lust, mir Gesetze Lorzuschreiben; da ich sie aber auf ihre Schuldigkeit aufmerksam machte, so ließ sie bald die Herrschsucht fahren, und suchte meinen Wünschen stets Genüge zu leisten. Erst nach einigen Wochen erfuhr ich, daß sie von Alvaro bestochen wäre, und nur aus diesem Grunde zu seinem Vortheile spräche. — Bis dahin hatte Alvaro die gröbsten Fehler unter dem Scheine der Tugend verborgen. Nun konnte er aber nicht länger sein angenommenes Betragen behaupten, und wurde meiner fortdauernden Kälte so überdrüssig, daß r6z er mir öffentlich die härteste Rache schwur. Ich klagte die mir zugefügte Beleidigung meinem Oncle, so wie seiner Gattin; es freute mich, daß nicht nur sie, sondern auch seine eigne Schwester meinen Zorn auf alle Weise billigten. Wir lebten in der vorigen Vertrau» lichkeit. Alvaro hatte sich bei meinen Verwandten so verhaßt gemacht, daß er sich in unserm Hause gar nicht mehr zeigen durfte. Wie glücklich ich mich fühlte, darf ich nicht Hinzufetzen. Auch meine tückische Albina erwähnt» seiner nicht mehr, und stahl mir nach und nach mein Zutrauen. Ich war gänzlich der Meinung, ihr geäußerter Unwille sey keine Verstellung, und konnte es mir nicht als möglich denken, daß sie boshaft ein heimliches Verständnis; mit ihm unterhalten, und gemeinschaftlich mit ihm mich ganz unglücklich machen wollte. — Clara war seit einigen Wochen auf einem Landgütchen, ohnweit Madrit, und hatte mich wiederhohlt bitten lassen, sie doch zu besuchen. Der Wunsch sie zu sehn, war sehr lebhaft hei mir und da mir mein Oncle gern R 4 2§4 seine Einwilligung gab, so reiste ich mit meiner Albina sehr vergnügt ab, und stellte mir schon im Geiste die Freuden vor, welche meiner warteten. Auffallend war es mir, dag Albina dem Kutscher einigemahl etwas zuzischelte, und mich, da ich naher hinzutrat, und nach der Ursache fragte, mit der Antwort befriedigte, sie habe ihm nur einen bessern und angeneh- mern Weg als die Landstraße wäre, vorgezeichnet. Ich gab inzwischen auf die Minen meiner Begleiterin genauer Acht, und bemerkte an ihr einige Unruhe; dies brachte mich auf die Gedanken, ob nicht das langsame Fahren von ihr befohlen wäre, und einen bösen Grund hatte? Unaufhörlich machte sie einen langen Hals, und wandte ihre Augen nicht von dem Busche, wohin wir auf unsrer Schneckenpost gelangten. — Plötzlich zeigte sich in ihrem Gesichte eine außerordentliche Veränderung; ohne Zweifel rührte sie von einem Geräusche her, welches ich eben so gut, wie sie hörte. Vier verkappte Reiter eilten auf uns zu, umringten den Wagen, und zwangen uns auszusteigen. Ich s6<; fing heftig an zu schreien, und warf mich der Betrügerin in die Arme, sie zeigte nicht die geringste Widersetzung, sondern ermunterte mich, ruhig zu seyn. Nun giengen mir erst die Augen auf, ich befand mich in der größten Gefahr. Wie geschah mir, als ich zwei von diesen rasenden Verfolgern mir mit Gewalt den Mund zuhal- - ten und mein Gesicht mit einer Larve bedecken sah? Der eine führte mich nach einem Wagen. Ich hatte keine Kraft, kein Leben mehr, ohnmächtig lag ich in seinen Armen, die starke Bewegung brachte mich wieder zu mir. Noch hatte der Bösewicht kein Wort gesprochen, endlich hielten wir bei einem schlechten Wirths- hanse an, stiegen ab und ich — erkannte dis Stimme des verrätherischen Alvaro. — Ich wurde in ein öderes Zimmer geführt; meine boshafte Dienerin begleitete mich, und war so unverschämt, mir mit aller Bedienung an die Hand gehn zu wollen. Packe Dich, schändliche Betrügerin, fuhr ich sie an, Du List in meinen Augen abscheulicher, als alle Furien der Hölle, zittre vor der Gerechtigkeit des erzürnten Himmels. Packe Dich aus mei- N 5 s66 lien Augen, befehle ich Dir, oder ich muß mich an Dir vergreifen. Die Boshafte verlohr nichts von ihrer Kekheit, und gab mir mit höhnischer Mine zu verstehn, daß ein Zorn ohne Macht nur aus- lachens werth ftp. In dem Augenblicke trat der grausame Al- varo hinein. Weit entfernt, auch nur aus Zwang bescheiden zu ftpn, schien er vielmehr einem Rasenden gleich, der seiner Wuth alles aufopfern will. Sehn Sie, mein Fräulein, fing er an, wie redlich ich mein Wort halte? Nun wissen Sie, was es heißt, seinen Liebhaber durch schnöde Verachtung, wie mir leider wiederfahren ist, auf verzweifelnde Gedanken zu bringen? War es keine Möglichkeit, weder durch die verbindlichsten Aeußerungerr noch durch alle nur ersinnliche Gefälligkeiten Ihr hartes Herz zu überwinden, nun, so war ich gezwungen, auf diese Weise mit Ihnen umzugehn. Was schiebst Du Bösewicht! Dein Verbrechen auf mich? sage vielmehr, Deine an- gebohrne und wilde Grausamkeit habe Dn' kein andres Mittel an die Hand gegeben. Und welche Vorkheile denkst Du Verrather! hiervon zu genießen? — Es ist Dir nicht um ein treues aufrichtiges Herz zu thun, nein, Deine niedrige Leidenschaft will mir nur meine Ehre nehmen. Lerne mich aber besser kennen, und sei) verfichert, daß ich vielmehr Dir das Herz «us dem Leibe reißen oder mich selbst umbringen Wils, ehe ich Deine unedle Neigung befriedige. Das heißt in die Luft geredet, und ein Zorn ohne Macht, den ich gütig nur so ertrage — antwortete er kalt. Hier ist inzwischen noch nicht der Ort, wo wir miteinander frei sprechen können, Ihre Hitze mag unterdessen verrauchen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, liebe Malwina! langer als zwei Stunden kann ich Ihnen aber zur Ruhe nicht bewilligen, wir müssen uns bei ausgehendem Monde auf den Weg machen. Es war wirklich so beschlossen. Nach zwei Stunden weckte man mich, ob ich gleich kein Auge geschlossen und keinen Bissen zu mir genommen, vielmehr die Zeit mit weinen und seufzen zugebracht hatte; man weckte mich, s68 und ich mußte aus meinem Gefängnisse die Treppe wieder herunter gehn, und mich auf rin Pferd setzen. — Wir waren schon sechs Stunden auf der Reife, ich gab keinen Laut von mir. Furchtsam, wie meine schändlichen Begleiter waren, sahn sie häufig umher, um nicht als Nauber ertappt zu werden; sie bemerkten von weitem einige Personen, die gerade auf uns zu kamen. Alvaro befahl ihnen sogleich, still zu halten, und munterte sie auf, sich tapfer zu wehren, im Fall sie angegriffen würden. Auch zu mir wandte sich der Bösewicht, setzte mir das Pistol auf die Brust, und drohte mir das Lebenslicht auszublasen, wenn ich es wagen wollte, mich auch nur durch einen Laut zu erkennen zu geben. Ließ ich mich wohl bestimmen? mein Leser! Nein, ich würde lieber tausendmal)! das Leben dahin gegeben, als diesem Unmenschen Folge geleistet haben. Wir reisten uun weiter, und waren den Männern, die uns entgegen kamen, schon ganz nahe, als zu meinem größten Erstaunen eine mir sehr bekannte und auf mich wirkende Stimme in meine Ohren tönte. Meine Augen entschieden s6y den Zweifel bald, und erkannten ihren geliebten Gegenstand. Zum Glücke hatte man mir die Larve hinter dem Kopfe nicht fest gebunden, es brauchte nicht viele Mühe, sie loszureißen. Alvaro ritt trotzig voraus. Ich weiß Nicht, soll ich es dem traurigen Aechzen zuschreiben, woran mich mein Eugen erkannte, oder einer Ahndung, die ihn von meiner Gefahr benachrichtigte; er hielt mit einem male an, und verwehrte mit seinen drei Begleiter» den Verrathern den Weg. Aber von neuem ein Auftritt zu einer entzückenden Freude! — einer von Eugens Begleitern war St. Nicaise. Nun konnte ich nicht langer halten, ich rief mit vieler Lebhaftigkeit: Eugen! mein geliebter Eugen, mehr konnte ich nicht — man hielt mir mit Gewalt den Mund zu. Aber auf diesen ersten Laut war Eugen schon hinzu-^ geeilt, mein Erretter zu werden, da unterdessen St. Nicaise sich gegen den Alvaro zur Wehr setzte, und so glücklich war, ihm mit besondrer Wendung einen Stoß beizubringen; er erhielt aber leider auch eine bedeutende Wunde. — /> Ohngeachtet Alvaro wie ein Löwe focht, 270 so half ihm alles nichts; der Stoß war zwar nicht tödlich, inzwischen machte er ihn doch unbrauchbar; er wäre verlohren gewesen, hätte er nicht ein andres Mittel zu seiner Rettung ergriffen. Er eilte wie ein Pferl davon, man verlohr ihn bald aus dem Gesichte, vergebens war die Bemühung, ihn einzuhohlen. Der gute St. Nicaise hatte in dem hitzigen Gefechte die Verblutung nicht empfunden; nun entgiengen ihm die Kräfte, er sank aus Schwachheit von dem Pferde, eben da der Feind den Kampfplatz verließ. Ich setzte mich zu ihm, und hielt fein Haupt auf meinem Schooß. Eine heiße Thränenffuth ergoß sich über meine erblaßten Wangen, und vermischte sich mit seinem Blute. Ich zitterte für Schrecken wie ein Laub, da ich ihm weiter keine Hülfe als mein ohnmächtiges Mitleid geben konnte, und für sein Leben so innig besorgt war. Eugen fiel seinem todtkranken Freunde in die Arme, benetzte seine Wangen mit Thränen des Mitgefühls, und konnte für Betrübniß ihn nicht beruhigen. Aber mit dem Weinen und Klagen war 27 r nichts ausgerichtet. Die Schwachheit nahm bei dem Kranken zu, die Gefahr vergrößerte sich augenscheinlich, man durfte nicht zögern, ihm thätig zur Hülfe zn kommen. Eugen trocknete, so gut er konnte, die Wunden, verband sie mit Tüchern, und hatte zum Glücke einige stärkende Essenzen bei sich, die den St. Nicaise vor Ohnmächten sichern konnten. Wir trugen ihn nun in den Wagen, um nach Madrit zu eilen, und reisten unter den angenehmsten Hofnungen; aber ach.' gleich nach unsrer Ankunft erfuhren wir von den herbeigerufenen Wundärzten, daß unser treue und gütige Freund dem Tode schon ganz nahe wäre. Man kann sich leicht vorsiellen, daß wir bei meinem Oncle abstiegen; seine Gattin kam uns mit Thranen entgegen, und konnte sich nicht denken- das zu sehn, was sie wirklich sah. Ach! meine theureste Malwina! sprach sie mit Seufzen, welchen Gram verursachte mir Dein unglücklicher Zustand, ich wußte nicht, wie es Dir ergehn würde. Welche Freude wird Dein Oncle empfinden? O sage mir doch schnell alle Umstande Deines wundervollen Schicksals. .. 2/2 Ich erzählte ihr mit wenigen Worten den Zusammenhang; so oft ich aber, wie es billig seyn mußte, den Alvaro als die Hauptperson in diesem Trauerspiele nannte, so rief sie voll Grimm: O über den verdammten Verräthcr! Erzbösewicht, Betrüger! ich könnte ihn mit eigner Hand ermorden, und meiner Rache opfern. Aber — mein Gemahl wird ihn früh genug erwischen. Nun erzählte sie mir, wie mein Oncle nach erhaltener Nachricht von meiner Entfernung so außer sich gekommen wäre, daß er sich sogleich mit einigen Bedienten auf den Weg gemacht hatte, in dem festen Entschlüsse, nicht eher zurückzukommen, als bis er mich aus Len Händen der Räuber errettet, und ihnen den verdienten Lohn ertheilt hatte. Mit welcher unbeschreiblichen Freude empfing mich mein Oncle, da er nach zwei Tagen zurückkam? Er hatte meine gottlose Dienerin erwischt, und sie sogleich in einen Kerker setzen lassen. Auch meinen Eugen umarmte er auf das zärtlichste und wußte nicht Worte genug zu finden, ihm seine Freundschaft zu beweisen. Bis 27 ? Bis dahin hatten wir ihm den unglücklichen Zustand des St. Nicaise verschwiegen. Nun war es nicht mehr möglich, er lag ohne alle Hofnung. Diese betrübte Nachricht machte ihn höchst bestürzt, er lief zu ihm, und bewiest ihm seine Theilnahme. Wie konnte ich ihre wechselseitigen rührenden Aeußerungen ohne Thranen hören? In meiner Seele zog sich gleichsam ein Vorhang auf, der mir auf einem weiten Schauplatze alles Gute zeigte, was ich von dem würdigen Kranken empfangen batte. Er bemerkte, daß meine Augen sich in Thranen badeten. O mitleidige, gute Malwtna, redete er mich mit schwacher Stimme an, und drückte mir die Hand, erinnern Sie sich, wenn Sie durch die Ehe mit Ihrem Eugen verbunden sind, oft eines Mannes, der bis an den letzten Augenblick seines Lebens, Freundschaft und Liebe — Liebe für Sie, fühlte. Nun wurde er unruhiger, seine Sinne schwanden, er endigte seine irrdische Laufbahn. Ich bin nicht im Stande, meine und Eugens Gefühle bei diesem Verluste zu schildern. Das Bild unsres verblichenen Freundes war «nsrem Herzen so lebhaft, daß seine Verdienst« S 274 unsre ganze Unterhaltung ausmachten. Vorzüglich hatten einige mir unverständliche Aeuße- rungen kurz vor seinem Tode mich ganz besonders gerührt; ich wünschte davon Me Erklärung, und bat meinen Eugen, fie mir zu geben. Du erinnerst Dich, geliebte Malwina, er- wiederte Eugen, daß ich in meinem letzten Schreiben aus England die Bemerkung machte, meine Angelegenheiten würden es mir nun bald erlauben, Dich wieder zu umarmen. Wie erschrak ich, da man mir meldete, man hatte Dich nach Spanien geführt? Dein Grosvater empfing mich nicht nur sehr artig, sondern versicherte mir auch von neuem, unsrer Verbindung weiter keine Hindernisse in den Weg zu legen. Er billigte meinen Vorsatz, nach Spanien zu gehn, und nun stand meinem feurigen Wunsche, Dich bald wieder zu sehn, nichts mehr entgegen. Ich gieng mit einem englischen Schiffe ab. — Aber wie entfernt war mein Glück? Auf einmal erhob sich ein Sturm, der zwei Tage hindurch wüthete, wir mußten alle Stunden unsres Untergangs gewärtig seyn. Im Schisse hörte man nichts als Klagen und Schreien; unsre Angst vermehrte sich noch dadurch, daß wir überall Gerüche von zerschmetterten Schiffen erblickten. Wer hatte unter diesen Umständen denken können, daß wir in kurzem eine längere Dauer des Sturms für ein Glück angesehn haben würden? Die dicken Wolken theilten sich, die Wellen wurden beruhigt, wir segelten mit dem besten Winde fort, und erblickten schon die spanischen Küsten. Plötzlich fingen einige Matrosen an, im Schiffe Lerm zu machen und heftig zu schreien. Wir fragten nach der Ursache — man erblickte einige Meilen in die See hinein einen Korsar, der mit vollen Segeln auf uns zukam. Sieg oder Tod! sprach der Schtffskapitain Jerson zu mir. Wir wollen tapfer fechten Herr Graf, und zuvor Blut genug versprühen lassen, ehe man uns auch nur einen Tropfen abzapfen soll. OhneZweifel hatte der sich so brav äußernde Mann das auf uns zukommende Schiff nicht genau betrachtet. Es führte 40 Kanonen, und war an Mannschaft und Matrosen weit stärker als das unsrige. Die Feinde S 2 276 gierigen erhitzt auf uns los, und brannten ihr re Kanonen ab; dies that uns aber um so weniger Schaden, als es mit gar zu großer Ueber- eilung gescheht, war. Wir begrüßten sie nun mit dem kleinen Feuer; zwanzig sielen todt hin, und ein großer Theil wurde verwundet. Nun näherte man sich von beiden Seiten, man warf die Haken aus, und das Metzeln und Blutvergießen nahm seinen Anfang. Der herzhafte Ierson war wie ein Löwe, auch die Verzagtesten wurden durch fern Beispiel mu- thig. Unsre Feinde, die sich eines so harten Widerstandes nicht »ersehn hatten, fingen schon an zu weichen, auch viele hinter die Schiffdecken sich zu verbergen, wir hatten sie wahrlich zurückgejagr; leider bekam aber unser braver Anführer einen gefährlichen Schuß, nun mußten wir uns ergeben. Welche Grausamkeiten übte man nun aus? ich mußte davon ein betrübter Zeuge seyn. Offiziere, Soldaten, Matrosen, Paffagiere, alles wurde ohne Barmherzigkeit in Ketten gelegt, und in die unterste Tiefe des Schiffs gesteckt. Ich konnte mir mein Schicksal leicht vorstellen, aber meine Furcht war vergebens. Der Capitain befahl, man sollte mich von den andern Sclaven absondern, und bewieß sich so gütig gegen mich, daß ich in der That nicht wußte, weshalb ich diese Auszeichnung verdient hatte? Freund! redere er mich an, Da magst aus DeinerBehandlung beurtheilen, wie ich Tapferkeit ehre? Du kannst Dir auch in der Folge alles Gute von mir versprechen. Schon bis in mein fünfzigstes Jahr treibe ich dies Geschäft, es hat mir großen Neichthunr erworben, ich wünschte daher wohl, daß meine einzige Tochter nach meinem Tode ungestört den Genuß davon haben könnte. Es kömmt nur auf Dich an, ob Du diese Vortheile genießen willst? Was sollte ich ihm antworten? Nein, tapfrer Ponak, antwortete ich ihm, ich verdiene dies angebotene Glück nicht, und mag es auf die Art nicht annehmen. Habe ich aber Deine Gewogenheit erlangt, nun, so gieb mir durch meine Freiheit den größten Be- weiß davon, fordre aber, so viel Du willst, zu meiner Nanzion. Nein, nein, entgegnete er, ich mag Dich nicht übereilen. Du mußt vorher die inTn- S z 278 Nls sehn, welche ich Dir bestimmte. Nun verließ er mich. So gern ich Dir, geliebte Malwina! meine Verwirrung schildern wollte, so wenig vermag ich es. Grausamer Ponak! rief ich un- muthig aus, behalte eine Gunst, die mir schrecklicher ist, als der Tod; hasse und verachte mich. Mit dergleichen schwermüthigen Gedanken brachte ich mehrere Tage zu. Der Unbarmherzige Hörle wohl mein Aechzen, sah auch meine Augen in Thranen schwimmen, aber — er ließ sich nicht erweichen. Vielleicht glaubte er, die besondern Reize seiner Mulm-würden mich reizen. — Wir kamen in Tunis an, man brachte mich in seine Behausung. Er selbst kam bald zu mir, und gab mir mehrere Sclaven, theils mich zu bedienen, theils mich zu bewachen; auch dem Jerson erlaubte er nicht nur, so lange er krank war, in meiner Gesellschaft sich zu befinden, sondern gab ihm auch nachher die Freiheit in sein Vaterland zurückkehren zu können. Dies war eine erwünschte Gelegenheit, mir vielleicht meine eigene Freiheit zu bewirken. 279 Ich verpflichtete den Ierson, sogleich zu meinem Freunde St. Nicaise, den ich krank hinterlassen hatte, zu eilen, und ihn von meinem unglücklichen Schicksale zu unterrichten; vielleicht könnte er ein geschicktes Mittel zu Beförderung meiner Freiheit aussinnen. Sagen Sie ihm, fuhr ich fort, ich würde meinen Gebieter auf seinen Fahrten überall zu begleiten ftlchen. Er versprach mir, alles ganz treu auszurichten; ich ließ ihn unter dem Geleite des Himmels fortreisen. Noch immer versah ich mich einer langwierigen Verfolgung, allein, ich betrog mich sehr. Ponak kam in Begleitung seiner Tochter in mein Zimmer, ihre Schönheit, meinte er, würde mein Herz in Flammen setzen. Hier ist Deine Braut, sprach er zu mir, betrachte sie genau, und sprich, ob Du Dich über Deinen Zustand beklagen darfst? Ich kann nicht läugnen, Mulny war ein liebenswürdiges Mädchen, ich würde sie gewiß nicht ohne Empfindung angesehn haben, wäre mein Herz nicht bereits von Dir, o Malwina! gefesselt gewesen. Mulny liebte einen spanischen Cavalier so S 4 s8o heftig, daß sie sehr leicht in seinen Antrag willigte, sich von ihm entführen zu lassen. Freilich war dies ein Werk von großer Wichtigkeit, was ist aber wohl der Liebe unmöglich? Sie versorgte ihren Geliebten mit Gelbe, und benutzte die Zeit, wo ihr Vater abwesend seyn mußte, sich ihm in die Arme zu werfen. Das Glück schien den verliebten Flüchtlingen recht günstig zu seyn, sie waren schon außer aller Gefahr, ehe der unglückliche Vater Nachricht erhielt. Tapfrer Bender (diesen Nahmen hatte er mir gegeben) redete er mich an, ich setze bei diesem traurigen Vorfälle mein ganzes Vertrauen auf Dich, hier kannst Dn Deinen Muth und Deine Treue gegen mich beweisen. Sollten wir auch alle Meere durchschiffen, so wollen wir doch nicht ehr ruhn, als bis wir sie, die Ungerathene, dem Nauber entrissen, und ihn unsrer Wuth geopfert haben. Sollten wir sie aber nirgends antreffen, so wirst Du mit mir zurückkehren, und mein ganzes Vermögen ruhig genießen. Wir bemühten uns zwei Monate hindurch vergeblich, und standen die größten Unbequemlichkeiten aus. Ponak sah sich weit und breit L8r um, ob er nicht ein Schiff bemerken könnte? endlich entdeckte er eins; weit entfernt uns auszuweichen, kam es mit vollen Segeln auf uns zu. Werther Bender! redete er mich an, da er mich in meinem Behältnisse ganz traurig > sah, rüsteDich zum Kampfe und fechte tapfer, dann wird der Sieg gewlß in unfern Händen > seyn. Bald kamen die Schisse so nahe, daß fle l sich einander mit den Kanonen erreichen konnten. Es geschah» von beiden Seiten einige Salven, die keinen großen Schaden thaten, j aber nun warf man die Haken aus, und gieng » mit solcher Wuth auf einander los, daß viel l Blut vergossen wurde. Wie erschrak ich, als - ich nach einem halbstündigen Gefechte eine bekannte Stimme rufen hörte: Eugen, lieber Eugen! — Was zaudre ich? es war mein Freund St. Nicaise. Ohne Besinnung sprang ich aus meinem Schiffe, fiel ihm in die Arme, ^ und bat ihn, dem Würgen ein Ende zu ma- A chen, da der tapfre Ponak sich doch nicht ergeben würde. St. Nicaise willigte sogleich ein- H man schloß eine Capitulation, Ponak mußte ^ es sich gefallen lassen, ohne mich seine Reise ^ fortzusetzen, ich war frei. — S 5 282 Aber wie ergieng es dem guten St. Nieaise auf seiner Reise? lieber Eugen.' befriedige auch hierin meine Neugierde. Die Frage konnte ich um so leichter voraus sehn, geliebte Malwina, da Du mit Recht vermuthen mußt, er habe, so wie immer, auch diesmal mit den seltensten Begebenheiten zu kämpfen gehabt. Ich batte den Capitain Ierson, der durch mich seine Freiheit erhielt, verpflichtet, zu dem kranken St. Nicaife zu eilen, und ihm, in Hofnung mich befreien zu können, meine Gefangenschaft zu entdecken. Ierson, säumte nicht, ihn aufzuftrchen, und wußte meine Lage so traurig zu schildern, daß unser Freund nicht säumte, mit einem Schiffe mir zu Hülfe zu eilen. < Bald am vierten Tage seiner Fahrt glaubte er Schiffbruch leiden zu müssen, er sah mit jedem Augenblicke den Tod in veränderter Gewalt, und befürchtete, von den tobenden Wellen verschlungen zu werden. Ach! ohne Zweifel wäre er ihm froh entgegen gegangen, hätte er die Folge seines Unglücks schon damals übersehn können. 28; Das Schiff, es war lange vom Winde und Wetter umher geworfen, scheiterte endlich an einem Felsen. Alles war zerschmettert; die Maste, Thaue und die übrigen Geräthe wurden von den erzürnten Wellen fortgetrie- Len. St. Nicaise war so glücklich, ein Brett zu fassen und auf diese Art den Fuß eines Felsens zu erreichen. Kaum einer großen Gefahr entgangen, fiel er in eine noch größere, er mußte den Gipfel des Felsens zu erklimmen streben , aber wie? der Fels war überall steil und abschüssig, mit jedem wankenden Tritte Gefahr, in den Schlund herabzustürzen. Unter der erschrecklichsten Angst erreichte er ihn endlich, aber welch Gefühl? da er von der Höhe nichts als rauhes unbewohntes Land erblickte. Vielleicht, so meinte er, würde er tiefer hinein Fußstapfen von Menschen auffinden; aber, brachte er gleich den ganzen Tag mit Suchen zu, so sah er doch nirgends, weder Menschen noch Thiere. Er ward hungrig und durstig, aber die stock- finstre Nacht ließ ihn nicht weiter gehn; er mußte bleiben wo er war, und auf der bloßen Erde sein Lager aufschlagen. -34 Du wirst vermuthen, geliebte Malwina! der gute St. Nicaise habe hier wenig Ruhe geflossen. Nicht so, er versicherte mir, daß er nicht eher erwacht sey, als bis die brennenden Strahlen der Sonne ihn ermuntert hätten. Die Noch trieb ihn an, seine Nahrung zu suchen, er lief tiefer in das Land hinein, und fühlte, daß die Erde frischer und angenehmer wurde. Kaum gieng er noch hundert Schritte weiter, so bemerkte er, nicht weit von einem schattigten Baume, einen frischen Quell. Sern Gefühl bei dieser Entdeckung konnte er mir nicht schildern. — Der Quell war von einigen Sträuchen umwachsen, an welchem wilde Beeren hingen, die er so begierig verzehrte, als wenn cs die kostbarsten Speisen gewesen waren. Hierin bestand fünfzehn Tage hindurch meine Kost, sprach er zu mir. Ich trug einige Aeste und Gesträuche zusammen und baute mir neben diesem Quell eine kleine Hütte, um mich des Tags vor den heißen Sonnenstrahlen zu verwahren, und des Nachts ruhig schlafen zu können. Schon drei Wochen hindurch sah ich von der Höhe nach Menschen vergebens; heute - 8 ; rasselte etwas in dem Gesträuche; es floh vor mir. Ach lief nach, suchte weiter, aber der Tag neigte sich, und mahnte mich, zu meiner Herberge zurückzukchren; ich be- zeichnete mir inzwischen den Orr, um am folgenden Tage mein Nachsuchen fortsetzen zu können. Denke Dir mein Glück, geliebter Eugen ! — so fuhr mein würdiger Freund fort, ich fand am Morgen ein junges Mädchen unter einem dicken Baume, sie hatte sich in Gedanken ganz vertieft und vergosi Lhranen. Kaum hatte sie mich erblickt, so wollte sie davon eilen, lch bat sie aber flehentlich, die Furcht fahren zu lassen; ich müßte hier mein Leben in trüber Einsamkeit zubringen. Freund ! erwiederte sie mir zutraulich, Du fühlst immer nur für Dich, mich quält aber zugleich das Elend meines geliebten Vaters. Lebt auch er in dieser Einöde? gutes Mädchen! fragte ich, o! so weise mir seine Wohnung an. Gern, recht gern, folge mir nur nach unsrer kleinen Hütte; wir erbauten sie selbst. Ach folgte ganz ruhig dem angenehmen 286 Mädchen; je mehr ich sie betrachtete, desto mehr mußte ich sie bewundern. Wir waren nicht hundert Schritte gegangen, so sprang der Alte — ihn hatte das Geräusch und die Stimme eines Fremden aufmerksam gemacht — aus seiner Hütte uns mit einem dicken Knüttel entgegen. Ich erschrak; bis auf die Brust hing der weißgraue Bart, mit Lumpen war der Mann bedeckt. Die Tochter winkte ihm, nun grüßte er mich freundlich; seit sechs Jahren sah ich keinen Menschen, sprach er weinend zu mir, und drückte mir zitternd die Hand. Jetzt bat er mich, in seine Wohnung zu treten, sie war von Aesten, Laub und Gesträuchen erbaut, und so gut verbunden, daß weder Hitze noch Regen durchdringen konnte. Du siehst hier trocknes Holz, sprach der Alte zu mir, ich reibe es an einander, und bin im Stande, Feuer hervorzulocken. Von den Fäden dieser zarten Baumrinde mache ich Schlingen für wilde Vögel, die unsre Nahrung sind, und mit diesem Hammer belausche ich die furchtsamen Ziegen, deren Fleisch wir essen, und. auf deren Fell wir ruhn. Unsre Hütte ist groß 28? genug- einen lieben Gast noch zu beherbergen. Bleibe bei uns, wir wollen gemeinschaftlich das Abendessen bereiten, und uns trösten.— Daß St. Nicaise keine Einwendungen machte, darf ich meiner lieben Malwina nicht sagen, er bat den Alten, ihn als Mitglied der Familie zu betrachten, und ihn durch seine gemachten Erfahrungen zu sichern. Die Mahlzeit bedurfte keiner großen Zubereitung, sie bestand in frischem klaren Wasser, in einigen an der Sonne getrockneten Früchten, und in einem auf dem Roste gebratenem Stücke Ziegenfleisch. Unser Freund wußte nicht Worte genug zu finden, seinem Wohl- thäter zu danken, und bat ihn am Ende der Mahlzeit, ihm kürzlich seine Schicksale mitzu- theilen. Clayton ist mein Nähme, sing der Alte an, Anverneß meine Vaterstadt. Hier lebte ich mit meinem Weibe mehrere Jahre hindurch nicht unglücklich, bald entstanden aber Unruhen, die mich zwangen, meine Freiheit in Frankreich zu suchen. Der Anfang unsrer Reise war glücklich, wir kamen mit jeder Stunde dem Orte naher, wo wir vergnügt zu S88 leben dachten, aber bald stießen wir auf einen Korsar, der sich unsres Schiffs bemächtigte und uns in Algier öffentlich verkaufte. Mein Elend drückte mich nicht so sehr, als das Unglück meines geliebten Weibes, die in kurzem von diesem Kinde hier entbunden werden sollte. Ich schrieb an nieinen Brnder, ihn zu einer Auslösung zu bestimmen; aber mehrere Jahre mußte ich vergeblich nach Hülfe schmachten, nur eine rödtlicke Krankheit, woran er auch nachher starb, konnte ihn erweichen. Die Unruhen m Schottland waren gedämpft, ich konnte nach einer so schweren Gefangenschaft mein Vaterland wieder sehn, und schiffte mich nun unter den angenehmsten Hof- nungen ein. Ach! wie betrog ich mich? Am dritten Tage unsrer Fahrt verhüllte sich der Himmel in Wolken, ein schweres Ungewitter drohte uns den elendesten Untergang. Seine Gewalt zerbrach Mast und Segel, und trieb uns an den Fels, der Dir leider eben so bekannt ist, wie mir. Du hattest aber doch nur für Dich allein zu sorgen, ich zugleich für der Mcinigen Leben. Ach! mein geliebtes Weib, mein einziges Kind! s8y Kind! beide sollte ich retten oder mit ihnen untergehn. — In dem größten Sturme hatte ich vorsichtig einen starken Gürtel, woran zwei lange Stricke hiengen, um den Leib gebunden, den einen sollte mein Werk, den andern meine Tochter ergreifen, wenn wir in die See geworfen würden. Dies gelang, ich brachte sie glücklich an den Fuß des Steinfelsens. — Gott! was ich mit so vieler Mühe und Schweiß dem Schiffbruche entrissen hatte, das mußte ich leider! doch verlieren. Mein geliebtes Weib, — sie war mein größtes Glück auf der Welt — stürzte aus Schwäche, da sie beinah den Gipfel erreicht hatte, zurück, die tobenden Wellen nahmen sie dem suchenden Auge. Ich habe ihr ein Grabmahl nicht weit von hier errichtet, Fanny zierte es mit Mu- schelschaalen und Blumen, wir bringen ihr täglich ein Opfer und benetzen mit Thränen das Grab der Würdigsten. St. Nicaise konnte ihm um so weniger fein Mitleiden versagen, da er aus dem Auge der schönen Fanny eine dicke Zähre sich hervordrängen sah. Er bat den Clayton, das Andenken an sein Unglück nicht zu oft zu wieder- T Holen, und nicht zu befürchten, daß sie ewig vhnc Hülfe bleiben würden. Er hatte wahr geredet. Nach einigen Monaten sahen sie ein Schiff nicht weit von dem Felsen vorüber eilen, sie schwenkten eine Fahne, und waren so glücklich, an Bord genommen zu werden. Die besondren Kenntnisse unsres Freundes im Seewesen zeigten sich bei mehrern Gefährlichkeiten so sehr, daß Vaublgnac, der Capital» des Schiffs, welcher so eben krank war, kein Bedenken trug, ihm seinen Platz bis zu seiner Genesung zu überlassen. Noch hatte St. Nicaise das Kommando, als er den Ponak im offnen Meere fand, , mit dem er nachher eine Capitulation schloß. — Hier endigte mein Eugen seine Erzählung; der Gedanke an die mir von St. Ni- raise zuletzt erwiesene Grosmuth, welche er, gleichsam mit seinem Tode versiegelt hatte, machte mich wehmüthig, und preßte mir Thrä-' nen aus. Aber ach! es folgte in meinen Schicksalen Schlag auf Schlag, meine Augen sollten nie trocken werden. Mein Oncle erhielt aus Frankreich Briefe, welche von dem Befinden meines Grosvaters 291 nicht die günstigsten Nachrichten enthielten. Er kannte meine Weichherzigkeit, und hielt es deswegen für gut, mir von dieser üblen Nachricht kein Wort zu sagen; der Kranke, hofte er, möchte wieder zu Kräften kommen. Aber ach! die nächsten Briefe machten seinen Zustand so gefährlich, daß man den Tod befürchten mußte, wie ihn denn auch leider die folgende Nachricht bestätigte. — Meine theure Malwina, redete mich mein Oncle an, Du konntest es Dir wohl denken, daß der Tod Dir Deinen würdigen Grosvater bald nehmen würde. Klage daher nicht weiter, sondern danke dem Himmel für die viele Gnade, womit er den Pfad des Verstorbenen be- zeichnete. Er war schon vor mehreren Jahren reif genug, die Schuld der Natur zu bezahlen. Ach lieber Oncle! antwortete ich, soll uns ein Uebel deshalb weniger schmerzlich sepn, weil es unvermeidlich ist? wahrlich! ein schlechtes Heilmittel für tiefe Wunden. — < Liebe Malwina! Ich tadle Deine Thränen nicht, sie sind gerecht, nur wünsche ich, daß L s 29 » Du -er Traurigkeit Schranken setzen und Deiner Gesundheit nicht schaden wögst. — Ich versprach ihm, seinen vernünftigen Tröstungen Gehör zu geben, und die Schwermuth, so viel als möglich, zu überwinden. — Eugen sah das mir zugefallne Vermögen gleichgültig an; ihn freute es unbegrenzt, daß mein Grosvater auf seinem Sterbebette unsre Verbindung unter der Bedingung bestätigt hatte, daß mein Geliebter den Nahmen Ferval annahme. Der Verstorbene war auf seinen Geschlechtsnahmen sehr erpicht, er sollte nicht mit ihm sterben. — Mein Oncle wünschte auch unsre Vereinigung, und versprach mir, nun nach geendigtem Trauerjahre die Sache zu beschleunigen. Wer konnte glücklicher seyn, als wir? nach Untergang der Sonne waren wir immer naher zum Ziele. Eugen hatte stündlich Gelegenheit, mich zu sehn und zu sprechen, er konnte mir die Versicherungen seiner Liebe stets wiederhohlen, und alle Gegenliebe ungehindert von mir annehmen. — Theure Mlwina, sprach, er oft zu mir« - 9 ? unsre Liebe hat nun alle Anfechtungen glücklich überwunden, niemand kann unser Glück uns rauben. Aber — o unversöhnliches Schicksal! der mit schmerzlichem Ach! erseufzte und von unsren feurigen Lippen erbetne Tag kam noch nicht; ein trauriger Vorfall hielt ihn unvermuthet zurück. Der gute Leser wird daran Theil nehmen. Ich hatte bis jetzt eine recht dauerhafte Gesundheit genossen, und von der tödtliche» Krankheit, die mich plötzlich überfiel, nicht die urindeste Anzeige. Kaum war ich eine halbe Stunde in meinem Schlafgemache, so sank ich in so große Schwachheit, daß Elise, die mich statt der schändlichen Albina bediente, heftig um Hülfe schreien mußte; ohnmächtig lag ich in ihren Armen. Eugen wußte nicht, wie ihm zu Muthe war, er meinte, ich würde in dieser Schwachheit den Geist aufgcben; alle in der größten Schnelligkeit angewandten Stärkungen halfen nichts. Schon war mein Gesicht mit blasser Todrenfarbe bedeckt, kalter Schweiß benetzte den Körper,' ich konnte für Mattigkeit nicht T z -94 die Augen öfnen, nur ein schwacher Athen» verrieth es, daß ich noch lebte. Endlich brachte man mich aus diesem To- desschlafe; leider zog es schlimmere Folge» nach sich. Ich weiß nicht, hatte man mich mit den starken Arzeneien noch mehr verdorben, genug, es schlug ein hitziges Fieber hinzu, ich fieng an stark zu phantasiren, und war in der größten Lebensgefahr. — Bestürzt stand Engen vor meinem Bette, alle Glieder zitterten ihm für Angst, er wollte mir seinen Schmerz verbergen, ach! er ver- mogte es nicht; man mußte ihn mit Gewalt entfernen, und in das Nebenzimmer bringen. Kaum hatte er sich von seiner Schwache erhohlt, so sah er die Umstehenden mit den fürchterlichsten Blicken an, und gebehrdete sich wie ein Rasender. Mehr als einmahl mußte man ihm den Dolch, womit er sich durchbohren wollte, aus den Händen reißen ; nur die Versicherung, daß es sich mit mir zur Besserung anließe, konnte ihn beruhigen. Man hatte ihn nicht getäuscht; der tiefe Schlummer, welchen man für tödtlich gehalten hatte, endigte sich mit einer treflrchen Wir- 2y; kung der Natur. Wegen der heftigen Kopf« schmerzen, und des darauf folgenden starken Niesens platzte ein Geschwür, welches ich im Kopfe hatte; ich war außer Gefahr. — Mit der Wiedererlangung meiner Kraft« ging es inzwischen sehr langsam, ich mußte noch langer als vier Wochen das Bette hüten. Die Aerzte verlangten, ich sollte zu völliger Herstellung meiner Gesundheit die Luft verändern ; sie hatten Recht. Kaum war ich einige Wochen auf einem Landhause, so wurde ich bei weitem muntrer und kraftvoller, und fühlte bald gar keineKrankheit mehr. — Nun kam ich nach Madrit zurück, der Tag meiner Ver- heirathung wurde von meinem Oncle festgesetzt, ich erreichte das Ziel meines Glücks in den Armen eines tugendhaften Gatten. — Mein lieber Eugen hielt es nothwendig, mit mir nach England überzugehn, aber ertrug gleich mir Bedenken, meinem würdigen Oheim seine Absicht zu entdecken, und doch mußte es gescheht,. Ich benutzte einen Spaziergang, das Gespräch nach und nach auf unsre Trennung zu lenken. Wie, meine geliebte Nichte! sprach mein T 4 LyS Oncle, Du willst mich verlassen? Nein, Deine Gesellschaft ist mein einziges Glück auf der Welt, Deine Entfernung würde mich sehr betrübt machen. — Auch meine Tante bat mich inständigst, den Plan aufzugeben, und in ihrer Familie das Glück des Lebens zu finden. Ich mußte meine ganze Beredsamkeit anwenden, um beide zu überzeugen, daß es mir schmerzlich wäre, sie verlassen zu müssen; nur die Hofnung, mich bald wieder vergnügt iu Spanien zu sehn, konnte sie bestimmen, der dringenden Nothwendigkeit nichts weiter entgegen zu setzen. Wir dachten nun mit Ernst auf unsre Abreise; mein Eugen wollte vorher nach Portugal! gehn, er hatte hier mehrere Freunde und Verwandten, und glaubte mir viel Freude schaffen zu können. Wie häkle ich, da ich mich den Armen meiner betrübten Verwandten entriß, denken können, daß ich mich ihnen nach einer kurzen Zeit mit Thränen im Auge wieder in die Arme werfen würde? — Eugens Vorsicht für mich auf der Reift war sehr groß; wir kamen glück- -97 kich in Lissabon an, und wurden auf das freundlichste empfangen. — Ich weiß nicht, weshalb ich so glücklich war, der Herzogin von Visko ganz vorzüglich zu gefallen. Sie ließ es mir deutlich merken, und legte mir die freundschaftliche Verpflichtung auf, in der Zeit meines Aufenthalts alle Tage mit ihr zu seyn. Ach! hatte fle den starken Eindruck, welchen ich bald auf das Herz ihres Gemahls machte, voraus sehn können, welches Unglücks wären wir beide überhoben gewesen? — Die Herzogin bewohnte nicht weit von Lissabon ein Lustschloß in der angenehmsten Gegend, Eugen und ich wurden dahin eingeladen und ganz nach unsrem Wunsche ausgenommen. Da sie nach aufgehobner Tafel wegen der wenigen Aufmerksamkeit, die ich dem Kartenspiele gab, vermuthete, daß es mir kein Vergnügen mache, so führte sie mich in den Garten, und erfreute mich mit der angenehmsten Unterhaltung. Sie entdeckte mir mehrere geheime Liebesverstandnisse ihres Gatten, und wollte mich — wahrscheinlich warnen, als wir ihn erblickten. T L S48 Wie kömnits, mein Gemahl, redete ihn die Herzogin an, daß Sie das Spiel sobald endigten? Es ist nicht geendigt, antwortete er, aber das Glück war mir so wenig günstig, daß ich es nicht langer ertragen konnte, und unmu- thig den Tisch verließ. Erweisen Sie mir den Gefallen, meinen Platz zu nehmen, vielleicht sind Sie glücklicher, als ich war. — Ich wollte die Herzogin begleiten, aber ihr Gemahl ersuchte mich, mit ihm den Garten auf und abzugehn; ich konnte es ihm nicht ab» schlagen. Nichts in der Welt läßt sich weniger verbergen, als die Liebe. Ein einziger Blick, eine lachende Mine, eine unschuldige Aeuße- rung, ja! ein bloßes Nichts ist oft ihr Ver- räther. Der Herzog hatte es sich schon zu stark merken lassen, daß er von meinen wenigen Reizen bezaubert worden wäre, seine feurigen Augen ließen mich nicht weiter zweifeln; ich sah leicht, daß der Einfall, das Spiel sei- «er Gemahlin zu übergeben, nur dem sehnlichen Verlangen, nach welchem er mir seine Liebe entdecken wollte, zuzuschreiben war. -Vy Ich betrog mich nicht. Man kann sich nicht leicht eine größere Verliebtheit denken, als er schon bei dieser ersten Unterredung äußerte. Ach, meine theure Gräfin, fing er an, wenn ich keine Hofnung habe, dieses seinem Gebieter ganz ergebene Herz auch nur zu der mindesten Zärtlichkeit zu bewegen, v! so bitte ich Sie, haben Sie doch Mitleiden mit einem Unglücklichen, und erlauben Sie mir, Ihnen ein freies Bekenntniß von dem ablegen zu dürfen, was meine Qual bestimmt. Schrecklich! warum mußte ich Sie, holdes Weib! nicht früher kennen lernen? Nicht die Hohheit meines Standes, nur allein die Größe meiner Liebe würde jeden andern Nebenbuhler unterdrückt haben, ich, nur ich wäre glücklich gewesen. Zu meinem Glücke endigte sich diese Unterredung viel früher, als ich hoffen konnte; das, Spiel war geendigt, man verfammlete sich in dem Garten, mein Eugen führte die Herzogin bei der Hand. Wie? meine Gemahlin! fragte der Herzog, behandelte das Glück Sie auch ungünstig? Nicht so, ich erlangte einige Vortheile. Zoo Es wäre auch nicht recht, — sie warf mir einen Blick zu, den ich wohl fühlte — wenn ich auf allen Seiten verlieren sollte. Der Herzog verstand die Deutung dieser Worte vollkommen, stellte flch aber, als ob er nicht Acht darauf gäbe. Bald verband er sich, um nicht Aufsehn zu machen, mit der Gesellschaft, und ich hatte nun Gelegenheit genug, dem Winke seiner Gemahlin zu folgen. Sie führte mich in eine Netirade des Gartens, wo wir vor dem Ohre niedriger Lauscher gesichert waren. Wir sind hier ganz allein, sagte die Herzogin, wollen Sie mir das Vergnügen machen, liebe Freundin, mir etwas Neues von meinem Gemahle zu erzählen? Von Ihrem Gemahle? gnädige Herzogin! Allerdings von ihm, er wird Ihnen die Gefühle seines Herzens nicht verschwiegen haben. Gestehn Sie es mir nur, er schwatzte Ihnen viel von Liebe vor? Ich besitze einen würdigen Gatten, den ich wie meine Seele liebe; nichts kann mich von ihm trennen. Hosten Sie, meinen Gemahl dadurch auf zo: andre Gedanken zu bringen? nein, liebe Freundin! das geschieht nicht. Seyn Sie inzwischen unbesorgt. Mein Gemahl liebt Sie Ihrer vorzüglichen Eigenschaften wegen, und wird, um Sie zu gewinnen, sich auf keine Weise unwürdiger Mittel bedienen. Ich bin Herzlich zufrieden, fuhr sie fort, daß seine Liebe diese Richtung bekömmt, sie wird ihn die niedrige Wollust verachten lehren, durch welche er mich bis dahin beleidigte. — Nun machte sie mir eine Schilderung aller der Liebeshändel, die er von Anfang ihrer Verheirathung an gepflogen, und wodurch sie völlig seine Neigung verlohren hatte. Ich hörte der unglücklichen Frau mitleidsvoll zu, die beständige Untreue und schlechte Behandlung ihres Gemahls hatte ihre Liebe nicht auslöschen können, ja! sie würde, wäre es möglich gewesen, tausendmahl für ihn das Leben gegeben haben. Die Thränen, welche während des Erzählens ihre erhitzten Wange» herabrollten, rührten mich ungemein, ich machte ihr, um sie von aller Furcht zu befreien, den Vorschlag, daß ich von nun a» -en Herzog nicht weiter sehn wollte. -- Nein Z02 theure Freundin! erwiederte sie, dieser Vorsatz würde meine ganze Hofnung zerstören; durch Sie hoffe ich das untreue Herz meines veränderlichen Gemahls wieder zu gewinnen. Ich versprach, alles mögliche hiezu beizutragen, und nun giengen wir. zu der Gesellschaft. Der Herzog war schon über meine lange Abwesenheit unruhig geworden, und machte seiner Gemahlin, die ihm mit jedem Augenblicke unerträglicher zu werden schien, die bittersten Vorwürfe. Er ließ es sich angelegen seyn,mich zu vergnügen, und wußte es stets so einzurichten, daß er einige Augenblicke mit mir ohne Zeugen seyn, und mir seine Liebe entdecken konnte. Ich säumte nicht, hie und da eine kleine Erinnerung wegen seiner Gattin hinzuzufügen, und ihre Vorzüge zu bewundern. Aber was vermag nicht eine heftige Leidenschaft? Sein Herz rüste ihn vielleicht von seinen Ausschweifungen ab, und nach seiner Gemahlin zurück, ober der Wille war zu schwach; seine wilde Begierde übertäubte den Verstand, und erhielt ihn beständig bei der alten Gewohnheit. — Am folgenden Tage war eine große Jagd «ngesieltt, die Damen erschienen in ölmazo« tftlikleidern. Man stellte mich an einen Ort, wohin der Herzog einen Hirsch treiben und fangen wollte. Ich versah mir nichts böses und hatte meinem Pferde den Zügel auf den Hals gelegt, als es nur einemmale vor einem wilden Schweine, das vorüber lief, scheu wurde, und mich abwarf; ich war mehr todl als lebendig. Welche unbeschreibliche Mühe gab sich mein Liebhaber, mir gehörig zu Hülfe zu kommen? Er fieng an heftig zu schreien, alle, auch mein geliebter Eugen liefen herbei. Die Liebe gab ihm mehrere Mittel, mich von der Ohnmacht zu befreien; seine feurigen Liebkosungen bewirkten eS am meisten. Ich erwachte, wie aus einem tiefen Schlafe und konnte mich weder auf den Fall, noch auf dessen Ursache besinnen; ich sah, daß mein Eugen mich bei der Hand hielt, und sie mit Thranen benetzte. Liebes Weib, sprach er zu mir, verzeihe meiner unerhörten Nachlässigkeit, meine Liebe hätte mich billig aufmerksamer machen und nicht von Deiner Seite weglassen sollen. — Lieber Engen, erwiederte ich, mache Dir Zo» nicht unnöthige Skrupel in einer Sache, woran Du nicht Schuld hast. Da ich ganz glücklich davon gekommen bin, so wollen wir alles andre vergessen, und nur den Himmel für seinen Beistand danken. — Indem ich dem erschrocknen Manne noch Trost zusprach, fing ich an heftig zu schreien. Die starke Ohnmacht, darin ich sogleich gefallen war, hatte mich bis dahin aller Empfindung beraubt; nun fühlte ich erst einen heftigen Schmerz. Ich hatte mir den Fuß verrenkt, und merkte es nicht ehr, als bis ich damit auftreten wollte. — Man kam mir bald mit den nöthigsten Mitteln zu Hülfe, brachte einige Decken, legte mich darauf, und trug mich in den Wagen. Geschickte Wundärzte renkten mir zwar den Fuß glücklich ein, aber die wiederhohlte Anstrengung hatte so stark auf meinen Körper gewirkt, daß ich fieberkrank wurde. — War gleich mit dieser Krankheit keine Gefahr verknüpft, so war dennoch mein Eugen sehr bekümmert, und von meinem Bette nicht wegzubringen. Ich redete ihm zu, sich doch zu zerstreuen, aber seine heftige Liebe zu mir, per» »erstattete es ihm nicht. Kummer und Angst würden mir überall folgen, sprach er zu mir, wollte ich Dich, geliebte Malwina! verlassen. Laß es daher unsre gemeinschaftliche Sorge seyn, Dir die vollkommenste Gesundheit wieder zu verschaffen. — > Es befremdete mich nicht wenig, daß die Herzogin wahrend meiner Krankheit sich gar nicht nach mir erkundigen ließ. Mein Eugen wußte es, wie sehr ich sie schätzte, und wie viele Achtung ich umgekehrt von ihr genösse; er that es aber mit gutem Vorbedachte, nichts von ihr zu erwähnen, um mich nicht in meiner Krankheit von neuem zu betrüben. — Unglückliche Nachricht! — Die würdige Frau hatte sich mit ihrem Gemahl heftig Überwerfen; sie war unzeitig entbunden worden, und hatte darüber ihren Geist aufgeben müssen. Wie aufrichtig waren meine über ihren Tod vergoßne Thränen? aber ach! das waren nur Tropfen gegen die Fluchen, die sich bald über meine Wangen ergießen sollten. Wer hätte mir prophezeiht, daß dieser Tod zu dem schrecklichsten Unteruehmen der Hölle Gelegenheit gell go6 ben, und ich davon ein unglückliches Opfer werden würde? Sobald die wieder erlangten Kräfte mir einen Ausgang verstatteten, eilte ich in Gesellschaft meines Eugens zu dem Herzoge, ihm für seine Theilnahme an meiner Krankheit Dank zu sagen, und wegen des unglücklichen Todes seiner Gemahlin meine Theilnahme zn beweisen. Der Wohlstand erforderte allerdings, daß er uns Traurigkeit äußerte; man konnte aber leicht bemerken, daß sie nur erzwungen war. Eine meiner Vertrauten hatte mich schon darauf vorbereitet. Als der Tod auf dem Gesichte der würdigen Herzogin so deutlich war, erzählte sie mir, daß man weiter keine Hvfnung zü ihrem Leben schöpfen konnte, verlangte sie ihren.Gemahl zu sehn, und bat so insiändigst, ihn zn einem Besuche zu vermögen, daß jeder sich bestrebte, ihr zu gehorchen, ^stan bat ihn mit Thränen, ihr diesen letzten Trost nicht zn versagen, aber der Grausame schlug es ihr mit unbegreiflicher Härle ab. Sie schrieb daher einen ziemlich langen Brief, versiegelte und überreichte ihn einer ihrer Freundinnen, Zs? um ihn nach ihrem Tode ihrem Gemähte zuzustellen. Nun ertheilte sie allen, die ihr werth waren, mit so rührender Anmuth Wohlthaten, daß keiner sich der Thranen enthalten konnte, widmete ihre letzten Augenblicke dem Gedanken an Gott und Ewigkeit, und starb mit frommer Gelassenheit und allgemein bedauert. — Ich gestehe, daß der Tod dieser würdigen Frau mich nun noch mehr rührte und es war mir unangenehm, daß der Herzog uns an der Mittagstafel bebielt. Wie wir aufgestanden waren machte er sich immer allerhand Gelegenheit mit mir zir sprechen. Ich vermuthete, er würde nun die verliebten Gedanken haben fahren lassen, und mich wenigstens auf eine kurze Zeit mit seinen Zumuthungen verschonen, aber — ich hatte mich geirrt. Seine heftigeLeidenschaft schlug alle Ueberlegung ans, und ließ sich durch nichts abschrecken; ich mußte die zärtlichsten Versicherur^en der Liebe anhören, sie wurden mir aber, aufrichtig gesprochen, in Rücksicht Eugens mit jedem Augenblicke unangenehmer. Ach! meine Theure! sagte der Herzog — er wollte sich zu meinen Füßen werfen, welches ich aber durch ein weiteres Fortgehn ver- zoz hinderte — habe ich gleich keine Hofnung Ihr Herz zu gewinnen, so vergönnen Sie mir doch die Freiheit, Sie von meiner unaussprechlichen Liebe unterhalten zu dürfen. Aber, gnädiger Herr! wozu würde Ihnen dies nützen? Sie können keinen Dortheil davon haben, und nähren im Gegentheil eine Neigung im Herzen, die Ihrer Ehre und meiner Ruhe höchst nachtheilig ist. Nein, gnädiger Herr, wollen Sie mir die Ehre Ihrer Gesellschaft ferner erlauben, so geruhn Sie, mich mit dergleichen Anträgen zu verschonen. — So schwer es ihm wurde, eine so strenge, seine Liebe ganz niederschlagende Bedingung einzugehn, so versprach er doch alles, und gab nur sein Wort, sich zu überwinden. Es ist Ihr Befehl, Grausame! ich werde ihm Folge leisten. Nicht genug, daß Sie mir alle Hofnung abschneiden, mich in Zukunft auch nur der geringsten Gegenliebe zu würdigen, verdammen Sie mich noch zu ewigem Stillschweigen. Ja! meine Lippen werden schweigen, -aber meine Seufzer, meine Blicke desto bestimmter reden. Doch — Sie öfter zu sehn, darf ich das hoffen? Ich versicherte ihm, die Güte, nach welcher er mich öfter zu sehn wünsche, auf jede Weise zu benutzen, und muß es gestehn, daß er mir langer als einen Monat mit keinem Worte beschwerlich fiel. Desto mehr entdeckte er sich seinen Vertrauten. Er gestand ihnen aufrichtig, wegen des ihm von mir auferlegten Stillschweigens vor Gram vergehn zu müssen, wäre ich zu keiner Empfindung zu bewegen. Aber wie kann ich in meiner Liebe glücklich seyn? sprach er zu ihnen — beneidenswürdi- ger Eugen, wer ist glücklicher als Du? — Der Herzog, welcher meinen Eugen mit Güte überhäufte, bat ihn, bis zu seiner Abreise täglich sein Gesellschafter zu seyn. Er willigte um so lieber ein, da ich ihm von der letzten Unterredung mit dem Herzoge nichts entdeckt hatte, denn warum hatte ich dies thun sollen? Ich war dieser Liebe wegen unbekümmert, hatte die Versicherung erhalten, nicht weiter davon beunruhigt zu werden, und wollte in dem Herzen meines theuren Eugen das Pflänzchen Eifersucht ganz ausgerottet wissen. U z zio Die mit nächster Post eingelaufenen Briefe bestimmten uns, mit möglichster Eil auf unsre Abreife bedacht zu feyn. Der Herzog hörte diese Nachricht mit innigem Bedauren, und ließ es an allerhand Vorstellungen nicht fehlen, um uns zu bestimmen, unsren Vorsatz noch einige Wochen anfzuschieben. Unsre Gründe waren aber so wichtig, daß er uns entschuldigen mußte, wenn wir seiner Bitte nicht nach« gaben, und auf unsren Vorsatz beharrten. Wir schoben also unsre Reise nicht einen Tag auf, würden aber noch besser gehandelt haben, halten wir uns auf die mir von meiner Dienerin hinterbrachte Nachricht, früher auf den Weg gemacht. Sie kam eilend zu mir: gnädige Frau, fing sie zitternd an, es betrübt mich, Ihnen eine unangenehme Nachricht sagen zu müssen, aber mein Eifer für Ihr Wohl versiattet mir nicht zu schweigen. — Nun? — Ich sah den verdammten Bösewicht, der Ihnen so viele Thranen auspreßte, ich sah den schändlichen Alvaro. — Gewiß! gnädige Frau, Sie haben viel von seiner Grausamkeit und Bosheit zu befürchten, o! eilen ?n Sie von hiev, der Niedrige mögte Ihnen von neuem schädlich werden. Vielleicht betrog sich das gute Weib, dachte ich, aber die nähere Beschreibung, welche sie nur machte, ließ mich kaum zweifeln. Mein Eugen war nicht zu Hause, ich mußte seine Zurückkunft erwarten, aber — er war ungläubig, er lachte meiner Aengstlich- keit. Nein, liebe Malwina! glaube es nimmer, der Bösewicht kann nicht so verwegen seyn. Wenn ihn auch sein böses Gewissen wegen seiner schändlichen That nicht unaufhörlich quält, so muß er doch die Strafe des Richters scheuen, welcher ich ihn sogleich aussetzen kann. Noch weit mehr Ursachen, die ich der Kürze wegen nicht anführe, wußte mein geliebter Eugen mir darzulegen, um mich außer aller Furcht zu setzen. Mein Bitten half nichts, meine Vorstellungen und Zweifel waren umsonst, er hätte es für Schande gehalten, in dieser Rücksicht Furcht zu äußern. Meine Freunde wissen bereits den Tag unsrer Abreise, sprach er zu mir, wir können daher keine Stunde früher oder später von hier abgehn und müssen ihnen nicht die Ueberraschungen verderben, womit U 4 sie uns noch ihre Freundschaft beweisen wollen. So war ich also überstimmt und gleichsam gezwungen, meiner Furchtsamkeit den Abschied zu geben; ich dachte nun an die Lustbarkeiten, womit man uns Freude zu machen, sich angelegen seyn ließ. Inzwischen rückte der Tag unsrer Abreise näher; ich mußte dazu allerhand Anstalten machen; mein Eugen nahm unterdessen von seinen Freunden Abschied, davon er die mehrflen vielleicht zeitlebens nicht wieder zu sehn glaubte. Aus diesem Grunde hielt man ihn lange auf, so daß er erst spat zurückkehren konnte, aber ach! es kam nicht dazu. Die Feder fällt mir aus der Hand, der Leser erlaube mir, meinen Thränen freien Lauf zu lassen. Alle vorhergehende Unglücksfälle waren, so zu reden, nur ein Schatten von der schmerzlichen Begebenheit, worauf mich jetzt meine Erzählung führt. Geliebter Eugen! so ist es denn beschlossen, daß ich Dich nie, nie Wiedersehn soll? Du sollst mich nicht wieder in Deine Arme schließen? Gott! mit blutige» Thränen mögt ich ihn beweinen, den Tag, da er, der Geliebte, mir auf ewig entrisse« wurde. — ' Den ganzen Tag fühlte ich eine gewisse Ahnung. Es überfiel mich unaufhörlich eine schreckliche Angst, ich fing an, mich zu fürchten, als wenn ich Böses gethan hätte. Gerechtet Himmel! war es möglich, mir vorzustellen, ich würde meinen ewig geliebten Gatten, wie er mich unter feurigen Küssen verließ, nicht anders als in seinem Blute Wiedersehn? Betrübte Erinnerung! ewig schwebt er mir vor Augen, ich kann nicht ohne Thränen an ihn denken. Mein Eugen hatte nur noch eine Nebengasse bis zu unsrer Wohnung, als er unver- muthet von zwei Mördern angegriffen wurde. Bald erkannte er den schändlichen Atvaro an der Stimme, er gieng mit äußerster Wuth auf ihn los. Bösewicht, schrie er ihm zu, der gerechte Himmel liefert Dich in meine Hände. Nun lehnte er sich an eine Mauer, um den Rücken frei zu bekommen, aber zum Unglück zerbrach ihm die Klinge, und dies setzte die Mörder in den Stand, dem Wehrlosen mehrere tödtliche Stiche beizubringen. Dennoch wehrte er sich mit dem Ueberreste, so gut er konnte. — Welch ein Schicksal? Eben kam der Herzog durch die Straße und U 5 ?l4 sah meinen Eugen von Mördern umringt; wie heftig erschrak er, als er die Thäter erkannte? wüthend durchbohrte er das Herz des verdammten Alvaro, aber den Don Lopez tödte- te er nicht, er wollte ihn zu einer peinlichem Strafe aufsparen. — Mein unglücklicher Eugen versuchte cs, seinem grosmäthigen Erretter zu danken, aber es war ihm unmöglich. Er hatte sich so stark verblutet, und war so entkräftet, daß man fast kein Leben mehr spürte. — Ach! nur einen Augenblick früher, rief ihm der Herzog zu, ich würde die Mörder ihrer Bosheit aufgeopfert, und Sie, lieber Freund, erhalten haben. Nun ließ er, um mir den Schmerz zu erleichtern, den tödtlich Verwundeten auf sein Schloß tragen, und auch den Lopez dahin bringen. — Wahrend dies Trauerspiel vorging, war ich in größter Unruhe, und erwartete sehnlich die Rückkunft meines liebenswürdigen Eugens; endlich fing ich an zu weinen, und in ängstliche Klagen auszubrechen. Meine treue ohne Zweifel von gleicher Unruhe geängstigke Dienerin hinderte mich, ihm nachzulaufen, ich 3l; mußte zufrieden seyn, daß man die Bedienten überall ausschickte, ach! sie kamen an Len Ort, wo ihr Herr den Bösewichtern hatte unterliegen müssen. Die ängstlichen Mienen, die thränenden Augen bei ihrer Zurückkunft, waren gewisse Merkmale einer traurigen Nachricht. Nur vergebens suchten sie mir die Ursache davon zu verbergen, ich erfuhr ja doch mein Unglück. — Noch einmal bitte ich den Leser, mich der Mühe zu überheben, von meinem damaligen jammervollen Zustande eine treue Schilderung zu machen. Der Schmerz, der meine Seele rührte, vertrocknete auf einmal die Quelle meiner Augen, und unterdrückte auf den Lippen die Seufzer. Verwirrt warf ich die Augen hin und her, ich sah und hörte nichts, und riß mich mit Gewalt aus den Armen meiner Freunde, um das ganze Haus mit wildem Geschrei zu erfüllen: Eugen! wo bist Du? was entziehst Du Dich meinen Augen, warum antwortest Du nicht den Klagen Deiner treuen Gattin? Ich verlangte instandigst, ihn, meinen Theuren zu sehn. Laßt mich, o! laßt mich auf zi6 seinen Lippen sterben, so schrie ich, damit ein Grabhügel uns decke, und er es sehe, daß ich aus Liebe für ihn starb. — Man befürchtete, diese Scene würde mich lödten, und suchte mich davon abzuhalten, ich ließ mich aber nicht überwinden, ich sah ihn und — bin nicht gestorben. Dies überzeugt mich, daß auch der empfindlichste Schmerz uns nicht das Leben nehmen kann. — Angebeteter Eugen — rief ich ihm entgegen, da ich ihn in äußerster Schwachheit fand.— Mehr konnte ich nicht>hervorbringen, meine Brijsi war beklemmt, und die Angst erstickte alle Worte im Munde. Ich fiel ihm um den Hals, hielt ihn fest in meinen Armen, und drückte meinen Mund an seine erstarrten Lippen. Er seufzte und reichte mir liebevoll seine sterbende Hand. Geliebteste Malwina, sprach er mit schwacher Stimme, der Tod zerreißt nun ein Band, welches Liebe und Beständigkeit knüpfte, beruhige Dich aber, Gott wird Dich nicht verlassen. Hier schlummerte er kraftlos ein, ich befürchtete, er würde niin- rner erwachen. — Der Herzog bat mich,, mit ihm in das Ne- kenzimmer zu gehn, wo sich der mörderische Lopez befand. Ich wollre ihn, zwar folgen, noch lieber aber bei meinem Eugen bleiben, dessen Ende mir nahe zu seyn schien. Aber es war Gottlob! noch weiter entfernt, als ich damals glaubte, ja! der Wundarzt gab einige Hofnung zur Genesung, und erinnerte mich, dem Kranken Ruhe zu lassen und die Wirkungen der Natur nicht zu stören. Es war die höchste Zeit, den schändlichen Lopez zu hören, er hatte nur noch eine Stunde zu leben. Du Unmensch! redete ihn der Herzog an, sprich, wie kamst Du auf den teuflischen Gedanken, den Unschuldigen zu tödten? Gnädiger Herr! antwortete der Mörder, es sei fern von mir, in der letzten Stunde meiner Existenz diese strafbare Handlung beschönigen zu wollen; ehe aber vor die traurige Schaubühne meines Lebens der Vorhang gezogen wird, erlauben Sie mir, Ihnen kürzlich folgendes zu sagen. Alvaro suchte und fand in meinem Hause Sicherheit vor den Nachforschungen der Justiz, ich gab sie ihm, einem armen Vertriebenen, Zi8 aus Mitleide». Zufällig erzählte ich ihm einst die Ankunft des Grafen und der Gräfin von Ferval. Wie wurde ihm? Mit unglaublicher Wuth faßte er von dieser Minute an den Vorsatz/ seine Rache auszuüben, und, suchte ich gleich auf alle Weise ihn zu besänftigen, so war es keine Möglichkeit, ihm das mörderische Vorhaben aus dem Kopfe zu bringen. Wie hätte ich damals glauben sollen, ich würde ihm in kurzem selbst das Nachfchwerd in die Hände geben? Theils Eifersucht über die vielen Gnadensbezeigungen, theils der Wunsch, Ihre niir bekannte Liebe für die Gräfin zu krönen, machte mir den Grafen so verhaßt, daß ich den Entschluß faßte, ihn meinem Glücke aufzuopfern. Ich wußte bestimmt den Tag, welcher zu seiner Abreise festgesetzt war, und konnte nicht mehr zurück, obgleich das Gewissen mir wiederhohlt erwachte. Al- varo nannte meine Angst kindisch, und wußte mein Herz für den Mord zu entflammen; er erreichte seine Absicht. Ach! meine theure Gräfin — mit diesen Worten wandte sich der Herzog zu mir, die Miene verrieth mir seinen Seelenzusiand Zly nun erst erkenne ich meinen Fehler. Wer hätte denken können, daß meine Neigung für Sie Ihnen so unzählbare Thränen auspressen und eine mörderische Hand wider das Leben des würdigsten Mannes wafnen sollte. Aber noch ist nicht alle Hvfnung verloren, der gürige Himmel wird Ihre gerechten Seufzer und meine heißen Wünsche für die Erhaltung eines so kostbaren Lebens vielleicht erhören. Bei allen diesen Tröstungen sehnte ich mich doch bald wieder nach meinem kranken Gemahl. Ohnerachket man mich erinnert hatte, meine Gegenwart könne ihm an der Ruhe hinderlich sein, so ließ ich mich nicht ferner abweisen, sondern bat inständigst, man mögte Mich zu ihm lassen. Man willigte in meinen Wunsch, doch unter der Bedingung, nicht an sein Bett zu treten. Im Fall ich auch das Vergnügen, mit ihm zu sprechen nicht hatte, so tröstete ich mich doch damit, daß ich alle Augenblicke nach ihm sehn, und genau wissen konnte, ob ich etwas Gutes zu hoffen oder etwas Böses zu befürchten hätte? Ich gieng leise zu ihm ins Zimmer; man sagte mir, er habe schon tanger Z22 als zwei Stunden geschlafen. Das ist ein gutes Zeichen, fuhren die Aerzre fort, wenn nichts weiter zuschlägt, so haben wir gute Hofnung. — Weil ich beständig bei ihm war, so genoß ich das Vergnügen, wenigstens einige Worte dann mit ihm zu wechseln, wenn er vollkoni- me» ausgeruht hatte. Nein, geliebte Mal- wina, so redete mich der Kranke an, nein, die Gefahr, darin ich vor kurzem mich befand, erschreckte mich im geringsten nicht; mein Leben ist mir nur Deinetwegen lieb. Ich fange jetzt an, gute Hofnung zu schöpfen, die Kräfte finden fich, wie mich dünkt, alkmählig wieder. Ach, mein Geliebter! sprich ohne Rückhalt, glaubst Du wirklich, diesmahl mir erhalten zu werden? — O gewiß! nicht eine Stunde könnte ich Dich überleben, und o! wie glücklich wäre ich, wenn mich der Tod mit Dir zugleich Wegnahme. Stürbe ich nicht für Schmerz, ach! wie elend müßte ich mein Leben unter Aechzen und Thränen zubringen, diese herzzernagende Betrübniß, diese drückende Schwermuth, dieser Ueberdruß eines jam- irm- Z2I mervollen Lebens würde mir ärger als der Tod seyn. — Ich redete mit der größten Wehmuth, mein Eugen wurde dadurch empfindlich gerührt, er seufzte und die Augen standen ihm voll Thränen. Inzwischen befürchtete ich, der Kranke würde in Bewegung gerathen, lenkte daher die Unterredung auf den mörderischen Lopez, und erzählte ihm, wie erbittert der Herzog auf ihn wäre? —> O liebe Malwina! suche ihn zu besänftigen, sprach der Kranke zu mir, ich wünschte nicht, daß dieser elende Mensch, der sich selbst unglücklich machte, und von seinem Gewissen genug gequält werden wird, öffentlich den Lohn seiner Bosheit empfinge. Ich eilte zu dem Herzoge, ihm die Wünsche meines Geliebten vorzutragen, aber der Mörder konnte an dieser Wohlthat nicht mehr Theil nehmen, er hatte wenige Minuten vorher seinen Geist aufgegeben. Mit meinem kranken Eugen schien es sich von Tage zu Tage zu bessern. Unsre Hof- nung, ihn wieder hergestellt zu sehn, vermehrte sich daher mit Recht; der siebente Tag war X Z22 schon glücklich überstanden, und man versicherte mir, daß wenn bis auf den neunten das WUndfieber nicht stärker würde, oder sonst kein schlimmer Zufall einträte, er außer aller Gefahr wäre. Diese trostvolle Versicherung linderte nicht wenig meine Angst, aber ach! — Ich wagte es, den Kranken zu verlassen, und mich bei seiner anscheinenden Besserung durch den Schlaf zu erquicken. Kaum waren zwei Stunden verflossen, so sing er heftig an zu schreien; voll Schrecken lief ich zu ihm. Gott! wie geschah mir, da ich ihn iu flammender Hitze ohne Sprache und Verstand da liegen sah? er hatte nicht die geringste Empfindung mehr. Ich weinte, schrie, bat ihn, mir nur noch einen Beweiß seiner Liebe zu geben, umsonst, er hörte mich nicht. — Es fiel mir in der Angst bei, diese aufsteigende Hitze würde das Blut bei ihm in heftige Bewegung bringen, die Wunden aufreißen, und die Gefahr noch größer machen, denn wir hatten alle unsre Kräfte anzuwenden, ihn im Bette zu erhalten. Ich zitterte für Schrecken wie ein Laub, die matten Knie fingen an zu sinken, ich fiel meiner Dienerin in die Arme. Sie wollte mich von dem Bette weg und in ein andres Zimmer führen, umsonst war ihre Bemühung. Nein, theurer Eugen, rief ich, Du sollst nicht allein aus der Welt gehn, ich. Deine treue Malwina, will mit Dir sterben. Wir wollen unsre Liebe unge- theilt in die Gruft nehmen, und der Tod soll nicht vermögend seyn, das durch Treue und Liebe festgewirkre Band unsrer Ehe zu zerreißen. Noch bejammerte ich unter Thranen und Aechzen mein Unglück, als die von dem schaumenden Blute verursachte Unruhe bei dem Patienten auf einmal nachließ; ihn überfiel eine tödtltche Entkräftung. Er erhohlte fich zwar, aber es dauerte kaum einige Augenblicke; bald fühlte er, daß er an der Pforte des Todes stände. Zärtlich geliebte Malwina! redete er mich mit schwacher und fast unverständlicher Stimme an, ich habe nur noch einige Minuten zu leben, der Tod wird uns trennen, fasse Dich. Nein, angebeteter Eugen! der Tod soll uns nicht trennen. Du mußt entweder beim Leben erhalten werden, oder ich sterbe in dem X 2 ?24 Augenblicke, da sich Dein Auge schließt- in Deinen,Armen mit Dir. O meine Theureste, laß es das letzte Zeichen Deiner beispiellosen Liebe seyn, daß Du nicht durch übermäßigen Gram Dein Leben verkürzest, denke an das kostbare Pfand,, welches Du unter Deinem Herzen trägst. Du handeltest gegen mich als treue und zärtlich liebende Gattin, beobachte auch die Pflichten einer treuen und zärtlich liebenden Mutter. Ich werde m uüserm Kinde von neuem leben, verdopple daher Deine mütterliche Sorgfalt, und ersetze ihm das, was ich ihm, Gott! nicht zu geben vermag. — Nun hob er seine Augen auf gen Himmel, sah mich dann mit starrem Blicke an, und reichte mir, so schwach er war, zum letzten- male die Hand. Seine ganz ermattete Stimme war nicht mehr vermögend, noch einige Worte des Trostes hervorzulallen, so sehr er sich auch bemühte; er seufzte noch einmal, und — starb. Ich vergaß nun völlig meiner, und wollte mich selbst umbringen; bald fiel ich in eine schwere Ohnmacht, aus welcher mich die be- / wahrtesten Mittel kaum zu retten vermogten. Sobald ich mich erhohlt hatte, sah ich mit Verwirrung überall nach dem geliebten Verstorbenen. Das schmerzensvolle Bild seines Todes war meiner Seele fest eingedrückt, und preßte mir einen Strom von Thranen aus, womit ich mein Bette überschwemmte. Ach! er lebt nicht mehr, so klagte ich unter wteder- hohltem Seufzen, und ich Unempfindliche! —- ich lebe noch? Was soll ich in dieser Materie fortfahren und meine Leser betrüben ? Es gieng beinah ein Monat vorüber, ehe ich mich fassen, und meinen Freunden, die um mein Leben besorgt waren, Hofnung geben konnte. Der Herzog ließ keinen Tag vorüber stehn, an welchem er mir nicht seine aufrichtige Theilnahme bewieß, und mich zu beruhigen suchte. Er ließ ein geschmackvolles Todtengerüste errichten und den Verstorbenen mit vieler Pracht zur Ruhestadte bringen. Meine gute Elise hatte das sicherste Mittel erwählt, mich zu beruhigen. Sie schrieb an meinen Oncle und meldete ihm mein Unglück; zugleich fügte sie die Bitte hinzu, mir sobald als möglich die Wittwenthranen abzu- X z zr6 trocknen. Leider traf diese traurige Nachricht meinen Oncle bettlägrig an, er mußte zuvor seine Gesundheit abwarten, ehe er mir zu Hülfe eilen durfte. — Aber wie viele Thrä- nen weinte er, ehe er mir durch seine Gegenwart Trost zusprechen konnte? Unglückliche Malwina! dies war seine Anrede, da er mich in meinem Elende besuchte, ach! wer hätte es geglaubt, daß mein Herzklopfen, mein Seufzen und Klagen bei dem Abschiede des Edlen eine so betrübte Vorbedeutung haben sollte! Hätte ich wohl damals geglaubt, wir würden auf ewig von einander Abschied nehmen? — Diese theilnehmenden Aeußerungen rissen die Wunden meines Herzens völlig wieder auf, ich vergoß von neuem heiße Thränen, aber die Vernunft hatte dennoch schon den Affect übcr- meistert. Man sah an mir eine gemäßigte Traurigkeit, die ihre schwärmerische Freude hat, und sehr häufig zu beneiden ist. Diesen meinen verbesserten Gemüthszu- stand benutzte mein erfahrner Oncle, um mich völlig zu beruhigen und zu bestimmen, nach Spanien zurückzukehren. Ich suchte die Ab» reise eifrigst zu beschleunigen; wohin hätte ich mich glücklicher wenden können? Wir reisten ab, und hatten auf dem Wege weder Gefahr, «och Unbequemlichkeiten zu ertragen. — Merne Tante erwartete unsre Ankunft mit schmerzlicher Ungeduld. War es mir möglich, mich des Weinens zu enthalten, da sie mir mit thränenden Augen entgegen kam? Geliebte Malwina! mit diesen Worten fiel sie mir um den Hals, welchen Kummer mußte ich seit Deiner Entfernung erdulden? Jetzt bin ich zwar so glücklich, Dich wieder zu sehn, aber — welchen Verlust, welchen unersetzlichen Verlust haben wir erlitten? Man durfte mir freilich das traurige Andenken an meinen geliebten Eugen nicht so bewegend erneuern, wenn man mir nicht höchst schädlich werden wollte, indessen geschah es von meiner Tante in redlicher Absicht. Die sorgfältige Frau ließ mich nie allein, sie blieb entweder selbst bei mir, oder brachte mich in gute Gesellschaft, wodurch ich abgehalten wurde, meinen schwermüthigen Gedanken nachzuhangen. Bezeigte ich gleich nicht besondere Lebhaftigkeit, so gab ich doch den Tröstungen - X 4 ?28 gern Raum, die sich ohne Absicht in das Herz einschleichen konnten. Dies, meine Leser, ist überhaupt der Prüfstein des wahren Trostes. Meine treue Pflegemutter erwartete meine Niederkunft unter Furcht und Hvfnung; ich wurde glücklich entbunden. Wie groß war meine Freude, da ich meinen geliebten Eugen in einem gesunden Knaben wiederfand, und in seinen zarten Zügen Aehnlichkeit bemerkte? Mein Kind war nun mein einziger Trost; die Liebe und Pflege, welche ich ihm gab, mein bester Zeitvertreib. Nein, ich kann es meinen Lesern nicht schildern, welches Glück der süße Mutternahme in meiner Lage mit sich führt! —- Hatte gleich mein liebes Kind noch nicht den Gebrauch seiner Sinne, so nannte ich ihm doch öfters den Nahmen seines unglücklichen Vaters, um sein zartes Gehör früh daran zu gewöhnen. Von ihm zu reden war mein größtes Vergnügen, und wenn ich mein Kind küßte, so bildete ich mir ein, ich küßte den, mit welchem es so viele Aehnlichkeit hatte. Was soll ich meine Leser aufhalten? — ich war eine höchst glückliche Mutter; v! wie oft ?29 sttz l >»«« kiiiz ! I ,Ä ! M ^ i» iiln ^ in ich > Ä uiiiil M Mi» >! M >nD ßl!>ü, ., ist -ich > r»ik lag ich auf meinen Knieen, den Erhalter unsres Lebens um die Fortdauer seiner Tage zu bitten. Aber es war leider! über mich beschlossen, im Elende zu schmachten, und unglückliche Tage zu zählen. Mein Leben gleicht dem Horizonte, der sich in dicke Wolken verhüllt, und nur selten einen Sonnenstrahl hervorblicke» laßt, um stets die Erde mit Finsterniß zu bedecken, und sie mit Schrecken zu bedrohen. Nie glaubte ich sicherer seyn zu können, als zu der Zeit, wo ich der Gefahr am nächsten war. Mein Sohn befand sich vollkommen wohl; alles was man für ein gutes Zeichen zu einem langen Leben hält, bemerkte man an ihm. Bezügliches Urtheil! ein einziger unglücklicher Tag schlug meine ganze Hofnung zu Boden. -— Kaum ließ mir der Tod so viele Zeit, die Krankheit an meinem Kinde zu beobachten, es lebte nur noch eine Stunde, als ich zum er- sienmale eine bedenkliche Veränderung in seinem Gesichte erblickte. Ich rief meine Pflegeeltern, sie hielten zwar die kleinen rothen Fleckchen am Körper nicht für gefährlich, ließen aber zu meiner Beruhigung einen Arzt Holm, X S der nach einiger Untersuchung mein Kind für verloren hielt. Einige Tropfen von einem Getränke, welche man ihm einflößte, machten es unruhig und bald äußerten sich krampfhafte Zufälle, die in dem ganzen Körper wütheten. Welch ein Anblick für ein zärtlich liebendes Mutterherz? Gerechter Himmel, rief ich, bin ich denn dazu ersehn, mein Angesicht in Thrä- nen zu baden? Nur, um seine Wuth gegen mich zu verdoppeln, verschont mich der Tod. Ja! so oft er mir mein Liebstes auf der Welt raubt, eben so oft tödtet er mich, mich. — Ich ließ das zitternde Kind nicht aus meinen Armen, drückte es fest an meine Brust, und küßte es unter Thranen; mit der einen Hand suchte ich dem heftigen Zufall Einhalt zu thun, mit der andern trocknete ich mir die Wangen. Aber meine Seufzer, mein Ve- mühn, alles, alles war vergebens; die reine unschuldige Seele eilte aus ihrer zerbrechlichen Hülle, ob ich es gleich für unmöglich hielt. — Man riß mir das todte Kind mit Gewalt auS öen Armen. Nun war ich meiner nicht mehr mächtig. Ich lief mit dem Kopfe wider die Wand, zer» raufte mir das Haar, rang die Hände, betete und lachte. Welche Mühe gaben sich nicht meine Pflegeeltern, den Assect in mir zu dampfen, und mich auf mich selbst zurückzuführen, sie ließen mich nicht aus ihren Händen. Geliebte Malwina! sprach mein Oncle, denkst Du nicht mehr an die Worte Deines sterbenden Gatten? Er beschwur Dich bei der Liebe, die er für Dich fühlte, Deines Lebens und Deiner Gesundheit zu schonen, und mit den Schickungen des Himmels, die immer gut, immer weife sind, zufrieden zu seyn. Beruhige Dich, meine Theure! Du verlierst zwar Viel, sehr viel, aber — Gott lebt noch. Ich konnte für Thranen nicht antworten, aber doch schien der Geist des Friedens und der Ruhe in meinem Herzen Platz genommen zu haben. Meine Klagen wurden bei weitem gemäßigter; gute Vorstellungen konnten sie, wenn nicht aufheben, doch sehr lindern. Meine würdigen Pflegeeltcrn tha- ten alles für mich, und lehrten mich nach und nach durch edle Zerstreuungen in dem guten Genüsse des Lebens wieder ein Glück fühlen, zzs was ich feit anderthalb Jahren nicht empfunden hatte. — Bis jetzt hatte man mir nichts von dem Inhalte der von dem Herzoge cinlaufenden Briefe entdeckt; vielleicht hielt es mein Oncle noch nicht für rathsam. Er schüttete sein Herz gegen ihn vollkommen aus, und gestand ihm aufrichtig, wie innig er mich liebe, und wie sehnlich er mich zu besitzen wünsche. Mein Oncle antwortete ihm mit der Klugheit, die mit seinem Verstände übereinkam, versprach ihm inzwischen, wenn es die Umstande erlaubten, für seinen Vortheil zu sprechen. In der That schätzte mein Oncle den Herzog zu sehr, als daß er nicht die nächste Gelegenheit ergriffen haben sollte, mir seinen Wunsch vorzutragen, und außer den besonder« Vortheilen, / die eine Verbindung zwischen uns Hervorbringen mußte, mich auf seine mir von jeher bewiesene Liebe aufmerksam zu machen. Ich fühlte dies zwar tief, aber die Neigung für meinen verstorbenen Eugen war zu groß und mir zu werrh, als daß ich sie einem andern hatte opfern können; die unwandelbare Standhaftigkeit meines Herzens sollte, wie ein unbe- weglicher Fels mitten in den wilden Fluchen, allen Anfallen der Liebe Trotz bieten. Aber — was gelten Vorsätze dieser Art bei einem jungen Weibe? — Ich hätte nicht geglaubt, daß der Herzog meinetwegen eine Reise nach Spanien unternehmen würde, und doch geschah es; die von ihm vorgeschützten Geschäfte waren zu unbedeutend, um nicht bald den wahren Zweck einzusehn. Er stattete meinem Oncle sogleich einen Besuch ab, und wußte sich ihm so zu verbinden, daß er es sich mit ihm gemeinschaftlich angelegen seyn ließ, mich zu besiegen. Wenn gleich mein Liebhaber es nicht wagte, von seiner Liebe mit mir zu sprechen, so wußten doch seine Blicke mich davon hinreichend zu unterrichten. — Vielleicht werden meine strengen Leserinnen auf mich zürnen, daß ich nach mehreren wiederhohlten Versuchen, den Wünschen des Herzogs Gehör gab, und doch wette ich, daß, wenn ein schöner brauner Mann von edlem Geiste und Herzen in dem Besitze ihrer Person sein ganzes Glück fände, sie — ihm auch die Hand drücken würden, War das Herz ein- Z?4 mal für zärtliche Empfindungen geschaffen, so kann der Schmerz fie nur auf eine Zeit unterdrücken, bald erwachen fie wieder; unglückli- liches Schicksal! wenn kein Umtausch möglich ist. Doch ich muß jetzt die Neugierde dieser Leserinnen befriedigen, damit sie nicht mein Buch aus der Hand legen, und wohl gar ihre Freunde abrathen, es zu lesen. — Bei dem letzten Anträge meines Liebhabers fühlte ich mich so getroffen, daß ich mich für überwunden erklärte. Man kann sich leicht denken, was dies Geständniß bei ihm für eine Wirkung that, da er jung, feurig war, und für Liebe brannte. Alles meines Widerstrebens ungeachtet warf er sich zu meinen Füßen, und äußerte sich so heftig, so liebevoll, daß ich an meinem Glücke nicht zweifeln konnte. — Aber jetzt war seine Entfernung nothwen- dig; der Gedanke, mich verlieren zu können, fiel ihm um so mehr unerträglich, da seine Liebe sich mit jedem werdenden Tage vergrößerte. Er beschwur meinen Oncle, sein Glück vollkommen zu machen, und in eine Vermahlung vor seiner Abreise einzuwilligen, dann könne fein Vater, fuhr er fort, fich nicht weiter widersetzen. Mein Oncle, der ihn so innig liebte, wie mich, und diese Verbindung sehnlich wünschte, fand seinerseits wenig Bedenken, wenn ich mich dazu entschließen könnte; aber dies wurde mir schwer. — Fern von Vorurtheil würde mir nichts daran liegen, geliebter Eugen — ich hatte ihn gebeten, diesen Vornahmen anzunehmen — mein Glück der Welt jetzt unbekannt zu lassen, wenn es nur dauerhaft bliebe, aber das, was mich abhält, Ihrem Verlangen Genüge zu leisten, ist der Zweifel an Ihrer Beständigkeit. Was kann mich wider die Wirkungen eines erzürnten Vaters decken? — Man kann Ihr nen eine heimliche Verbindung für einen Fehler auslegen, Sie schamroth machen, und dann würde Schande und Verzweiflung der Lohn meiner Liebe seyn. — Der Herzog wurde durch diese Zweifel so gerührt, daß, so gern er mich auch unterbrochen hätte, er es nicht vermogte; die Beklemmung seines Herzens äußerte sich an seinem ganzen Körper, es kam ihm schwer an, mir zu antworten. Malwinal sprach er zu mir, rch bin sehr ZZ6 unglücklich/ daß Sie mein Herz der schändlichsten Unbeständigkeit fähig halten. O gewiß! wenn man mir die ganze Welt antrüge, um meine Verbindung mit Ihnen zu brechen, man würde mich nicht dazu bestimmen. Wählen Sie mich zu Ihrem Gemähte, und ich werde es treu bis an den letzten Augenblick meines Lebens seyn; entreißen Sie mir nicht die Wonne, Ihnen die Größe meiner Liebe zeigen zu können, und bedenken Sie, daß, wenn Sie stch meinem Glücke widersetzen, Sie mein Gefühl beleidigen, und meine Ehre kränken. — Mein Geliebter hatte nicht nöthig, das, was sich aus seiner Miene mehr als zu deutlich zeigte, stärker zu bekräftigen; eine blasse Farbe überzog sein Gesicht, die thränenden Augen verrtethen seine Empfindung. Welches Weib kann bei einer solchen Scene Widerstand leisten? ich drückte seine Hand mit Zärtlichkeit: geliebter Eugen, sprach ich, vergieb meinen Zweifeln; ein heißer Kuß, es war der erste, sollte mir völlige Verzeihung bewirken. —> Ob er mir gleich seine Freude zu äußern versuchte, so gelang es ihm doch nicht; man sah deutlich, wie sehr ihn meine Zweifel belei-. digt Z?7 digt hakten. Nach tausend wiederholten Der, sicherungen einer ewigen Treue beschlossen wir, daß einer von den Geistlichen in der Schloßkapelle uns heimlich trauen, und meine Pflegeeltern nur die einzigen Zeugen bei dieser Cere- monie seyn sollten. Die längere Abwesenheit meines Gemahls wurde seinem Darer verdächtig. Da er aber nicht begreifen konnte, was ihn abhielke, so schickte er einen Vertrauten ab, der listig genug war, ihn so genau zu beobachten, daß ihm seine Liebe zu mir nicht »»entdeckt bleiben konnte. Er gab dem alten Herzoge sogleich Nachricht davon, der in dem Augenblicke seinem Sohne den Befehl zur schleunigen Znrückkunft schickte. — Mein Geliebter zweifelte nicht, daß er verraten worden wäre, aber dies bekümmert« ihn weniger, als der Gedanke, sich von mir trenn.-n zu müssen. Inzwischen wollte er durch unnützes Verweilen den Zorn seines Vaters nicht mehr reizen, er beschleunigte also feine Abreise. Doll Betrübniß und Ungewißheit, wie er P SZ8 empfangen werden würde, kam er in Lissabon an; da aber die Heftigkeit seiner Liebe alle Furcht bei ihm überwog, so erschien er vor seinem Vater mit aller Gelassenheit. Wenn Sie die Reize kennen sollten, gnädiger Vater! sprach er zu ihm, welche mich überwanden. Sie würden mich mehr loben, als strafen. Ja, fuhr er heftig fort, ich bete meine Mal- wina an, und werde zärtlich von ihr geliebt; aus diesem Grunde will ich lieber mein Leben verlieren, als einer Verbindung entsagen, die heilig und frei seyn muß. — Mein Gemahl sprach diese letzte Aeußerung so bestimmt, daß sein Vater nicht wenig erzürnt wurde, und im Begriffe war, ihn in Verhaft nehmen zu lassen, als eben seine Mutier ins Zimmer trat. Sie winkte ihm, sich zu entfernen, und wandte nun alles an, ihren Gemahl zu einer Einwilligung zu bestimmen. Aber ihre Bitten waren verschwendet, der Alte drang auf eine Trennung. — Die Herzogin erzählte lhrem Sohne alles ausführlich, was sie für ihn gethan hatte, und bedauerte ihn wegen des Verdrusses, wel- chein er, wie sie voraussähe, ausgesetzt seyn würde. Beruhige Dich, mein lieber Sohn, sprach sie zu ihm, und versichre Dich, daß ich zur Linderung Deines Kummers alles beitragen werde, was nur in meinen Kräften ist. Er säumte nicht, ihr dankbarlich das Verhalt- niß, worin er mit mir wäre, völlig zu entdecken, und sie zu bitten, die Besorgung eines Schreibens an mich zu »übernehmen. Die gute Frau verstand sich sogleich dazu, und war gewiß froher, ihrem Sohne einen Dienst geleistet zu haben, als ich seyn konnte, da ich folgendes las: Wenn das Unglück, welches uns begegnet, nicht zugleich einen Beweiß meiner Liebe und Beständigkeit mit sich führte, so würde ich nicht eilen, es Dir zu melden. Ja, meine theure Malwina! ich suche der Erste zu seyn, Dich von unsrer Widerwärtigkeit zu benachrichtigen, um Dich zugleich zu beruhigen. Man verdammt uns, nie einander wieder zu sehn, und will uns hiezu durch Strafe zwingen. Ich wiederhole Dir Y 2 ?42 aber die Versicherung, dass ich Dich bis an das Grab lieben, und mich durch nichts von Dir trennen lassen werde. Dies wird hinreichend seyn, jeden Zweifel aus Deinem Herzen zu verbannen. Lebe wohl und vergiß mich nicht. Ich konnte diesen Brief nicht ohne Thronen lesen; der Schimpf, welcher mir dadurch angethan war, wirkte eben so stark auf mich, als die treue Liebe meines Gemahls. Mein Oncle suchte es mir zu beweisen, daß, so lange der Herzog mir treu bliebe, meine Ehre nicht im mindesten befleckt würde, und wafnete Mich gegen die Unannehmlichkeiten, denen ich noch ausgesetzr seyn könnte. Ich befahl meine Sache der Gerechtigkeit des Himmels, und schien durch nichts betrübt zu seyn, als durch die Sorge, den guten Mann sobald nicht wieder zu sehn. Die Herzogin suchte inzwischen auf alle Weise für ihren Sohn wohlthatig zu werden, und es ihrem Gemahl vorzustellen, ihr Sohn sey viel zu leidenschaftlich, um mich, die er mit vieler Heftigkeit liebe, verlassen zu können. Sie wußte sein Vaterherz so zu erweichen, daß er, um ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebe, seinen Sohn rufen ließ. Mein Gemahl, welcher seit der letzten Unterredung mit seinem Vater wie ein Vertriebener gelebt hatte, wunderte sich nicht wenig über diese Einladung. Er mußte sich in der That überwinden ihr Folge zu leisten, und begab sich nicht wenig unruhig zu ihm. Die Gegenwart seiner Mutter vertrieb inzwischen bald einen Theil der Furcht, und sein Vater sah ihn nicht sobald hineintreten, als er chm schon die Hand reichte. Mein Sohn, sprach er zu ihm, mit dieser Umarmung verzeih ich Dir Deinen Fehler, und verspreche Dir, Deine Verbindung mit Malwina nicht weiter zu hindern. Freilich hat sie meine Hosi- «nngen zerstört, aber Deine Mutter hat wohl »echt, daß es für einen Mann unanständig sey, die Treue zu brechen. Ihre Vorstellungen dampften meinen, ich glaube, gerechten Zorn, und geben Dir Deinen Vater wieder; ich wünsche nun nichts sy sehr, als.Deine Y Z 44 - Gattin zu sehn, um Deine Wahl noch mehr billigen zu können. — Mein Geliebter empfing diesen gan; unerwarteten Beweist von väterlicher Güte mit innigster Freude, er fiel seiner Mutter in die Arme, und sagte ihr alles, was heiße Dankbarkeit und kindliches Gefühl ihm eingaben. Bald reiste er ab, und eilte mit der innigsten Liebe zu mir. — Was man sich auch für Vergnügen bei der Verschwiegenheit denken mag; die Tugend ist stets dabei beunruhigt. Nichts scheint einer reinen Seele so hart, als unschuldige Handlungen gleich Verbrechen verbergen zu müssen, fie hält jede, auch die erlaubteste Freiheit für Flecken, womit fie ihre Tugend verunreinigt. — Mag dieser Grundsatz wahr oder falsch seyn, ich halte ihn für wahr, und äußerte ihn deshalb, damit meine Leser sich von der Freude bei meines Geliebten Ankunft, und bei der Nachricht von der erhaltenen Erlaubnist seinesVarers mich zu heirathen, einen gehörigen Begrif machen können. Ich wollte anfänglich seinen Worten nicht Glauben beimes- sen, indem ich mich so ein unerwartetes Glück gar nicht denken konnte, aber er erzählte mir alles so ausführlich, daß ich bald überzeugt werden mußte. Die Thränen liefen mir aus den Augen. Zu eben der Zeit, da mein Mund dem Himmel Dank brachte, umarmte ich meinen geliebten Herzog; bald fiel ich meinem braven Oncle in die Arme, und gab ihm meinen Dank mehr durch Stillschweigen, als durch Worte zu erkennen. — Wir reisten nun ab, und wurden von " dem alten Herzoge mit aller Achtung empfangen. Er ließ die Trauungsceremonien öffentlich wiederholen; die dabei angestellten Lustbarkeiten dauerten mehrere Wochen. Ich schmeichelte mich nun, mein Leben in Ruhe genießen zu können, auch die Freude meines Gemahls schien vollkommen zu feyn; sie wurde aber zu einer Zeit unterbrochen, da er es am wenigsten vermuthete. — Als er einst in einem Kabinette beschäftigt war, unter seinen Bijouterien zum Armbande für mich zu wählen, fiel ihm ein noch un- entsiegeltes Biller in die Augen. Eine Em- Y 4 ?44 pfindung, deren er nicht mächtig werden konnte, bewog ihn, es unter Seufzen zu erbrechen; cs war von seiner verstorbenen Gemahlin. Kaum hatte er einige Zeilen gelesen, so nahm zärtliches Mitleiden sein Herz ein, er küßte das unglückliche Papier; nur erst nach einer Pause vermogte er es ohne Unterbrechung zu lesen. —? Geliebter Gemahl. Der Zustand, worin ich mich befinde, entschuldigt mein Schreiben, ich muß Ihnen zum letztenmale sagen, daß ich Sie liebte, ungeachtet alles dessen, was Sie mich leiden ließen. Ich ergreife nicht die Feder, um Ihnen Vorwürfe zu machen, ich verehre Sie sogar bis auf Ihre Untreue, und messe fie weit weniger Ihrem Herzen als meinem unglücklichen Schicksale bei, welches mich nicht mit Eigenschaften versah, die es mir erhalten konnten. Meine Abstchr ist nur, Sie zu erinnern, daß ich alles, was in meinen Kräften war, anwandte, die Achtung, womit Sie mich anfänglich beehrten, mit der lebhaftesten Zärtlichkeit zu erwiedern. O, mein Gemahl! möchte Ihnen das Andenken an mich auch nicht dann gehässig seyn, wenn ein schöneres Band Sie bindet. Gebe Gott, es werde fester geknüpft, als das unsrige war! — Wenn Sie, mein Geliebter! mit Beständigkeit das Frauenzimmer lieben, die meine Nachfolgerin seyn wird, dann muß ihr Glück vollkommen seyn. Aber ach! kann man Sie so heftig lieben, wie sch? Ich lebte blys für Sie, Sie verließen mich, und dies war die Ursache meines frühen Todes. Leben Sie wohl, meine Kräfte schwinden, aber meine Liebe nicht; Sie werden mich nicht mehr sehn und ich sterbe ohne die Hofnung, daß Sie sich je meiner erinnern werden. —* Dies Billet äußerte in dem Herzen meines Gemahls eine heftige Wirkung. Alle Reize der Verstorbenen stellten sich seiner Fantasie Y 5 Z46 dar, und der Schmerz, daß er sie so unwürdig behandelt und wohl gar ihren Tod verursacht hatte, nahm ihn so ein, daß er viele Thranen weinte, von welchen das Schreiben, welches er noch immer in der Hand hielt, benetzt wurde. — In diesem Augenblicke trat ich in das Zimmer. Er sah mich nicht, denn alle seine Gedanken waren auf das Billet gerichtet, Überbein saß er mit dem Nucken gegen die Thür. Ich schlich mich leise heran, lehnte mich unbemerkt auf den Rücken des Stuhls, und las den Brief ganz durch. Bald wurde ich so gerührt, daß einige Thranen meinem Auge entfielen, und ich mich selbst vergaß. Er wandte sich um, und da er mich in diesem Zustande sah: geliebtes Weib, sprach er, was machst Du? — Beunruhige Dich nicht über die Thränen, welche ich vergieße, erwiederte ich, eine unwürdige Eifersucht ist nicht davon die Ursache; ich weine sie dem Andenken der liebenswürdigsten Frau, und würde nicht glauben, des Platzes, welchen sie mir ließ, würdig zu sepn, Z47 wenn ich den tadelte, welchen sie in Deinem Herzen zu haben verdient. Ach, meine theure Malwina, ich kann das Unrecht, welches ich der Guten anthat, nur dadurch verbessern, daß ich mich Dir unumschränkt weihe. Ja! Du sollst das einzige Ziel der Zärtlichkeit und Treue seyn, die ich ihr schuldig blieb, ich will sie verehren durch die Beständigkeit meiner Liebe gegen Dich. — Mein Gemahl hielt redlich Wort, und schien meinen verstorbenen Eugen an Zärtlichkeit übertreffen zu wollen, aber nur einige Monate enteilten mir unter den süßesten Freuden; er erhielt den Auftrag, mit einem ansehnlichen Truppenkorps Portugals Grenzen vor feindlichen Einfällen zu sichern. So schmerzhaft mir die Trennung wurde, so willig unterwarf ich mich ihr, da es seine Ehre und das Beste des Staats erforderte. Er war so glücklich, die ihm gemachten Aufträge vortheilhaft auszuführen, und kam mit Lorbeer» bedeckt zurück, um in meinen Armen das Glück einer guten Ehe zu genießen. Es wäre bis dahin nicht unterbrochen worden. ?48 hätte Nicht die Nachricht von dem Tode meiner würdigen Pflegeeltern mich eine nicht kurze Zeit für das Leben unempfindlich gemacht. Ich bin jetzt fünf und zwanzig Jahre alt, und Mutter eines gesunden Kindes. Wer weist, zu welchen Schicksalen ich noch ausersehn bin, ehe der Tod mich zu meinem ewig geliebten Eugen führt?