Johann Georg Zimmermano 0. Johann Gottfried Herder nach bisher ungedruckten Briefen Von Prof. D. BONIN Grossherzogl. Oberlehrer /■ m* Bl •* JnQg Worms im Jahre 1910 / Buchdr. KrarufcOhler. Qebr. Cnyrlm Worms « ,stoU$l n) I enn die Meisterwerke grosser Männer auf Mit- und Nachweit einen bestimmenden Einfiuss haben, so ist dieser auf die schöpferische Kraft des Künstlers und auf die Erhabenheit der künstlerischen Ausführung zurückzuführen. Als vollendetes Ganzes, als Kunstwerk, wirkt diese Schöpfung auf uns, und mit dankbarem Blick sehen wir zu den lichten Höhen auf, wo diese führenden Geister der Völker wandeln. — In die Werkstätte des künstlerischen Schaffens aber, auf das Ringen und Streben, auf die Kämpfe und Enttäuschungen, denen solche erhabene Menschen unterworfen sind, blickt nur das Auge des Geistesverwandten, des treuen Freundes, des aufrichtigen Beraters und Mahners. Der Briefwechsel bedeutender Männer mit ihren vertrauten Freunden ist deshalb von hohem Werte für das Verständnis jener Meisterwerke und deren Schöpfer selbst. Frohe Schaffensfreudigkeit und mutloses Verzagen, vertrauende Liebe und entrüstetes Aufwallen, häufige Versicherung ewiger Freundschaft und längeres kühles Schweigen eben diesem Freunde gegenüber treten uns in solchem Briefwechsel vor die Augen. In ihren Werken zeigen sich diese grossen Männer im Feiertagsgewande und sie versetzen uns in Feiertagsstimmung; ihre Briefe verraten oft das Werktagskleid, das zur Arbeit dient, die nicht immer ohne Splitter, ohne Verletzungen vor sich gehen kann. Dem vertrauten Freunde gegenüber wagt sich manches kräftige Wort über andere in die Feder, manche menschliche Schwäche, wie auch wir sie haben, wird uns dadurch kund. Doch diese Erkenntnis schmälert nur in den seltensten Fällen das hohe Verdienst dieser Männer, deren Werke uns begeistern, deren Briefe aber uns ihnen menschlich näher bringen. Zu den grossen Männern, die durch ihre erhabenen Werke auf ihre Zeitgenossen einen bedeutenden Einfiuss gehabt haben, gehört unstreitig J. G.Herder. Sein ausserordentlich reichhaltiger Briefwechsel lässt uns ganz besonders erkennen, wie befruchtend die Tätigkeit und der Feuergeist dieses Mannes auf das Denken, Fühlen und Ringen seiner Zeit gewesen ist. — 4 — Schon gleich nach dem Tode des Dichters wollte seine Familie den Briefwechsel Herders veröffentlichen. Die stürmischen, kriegerischen Zeiten im Anfange des 19. Jahrhunderts waren jedoch diesem Vorhaben nicht günstig. Aus den gesammelten Schriften und Briefen wurde vieles von Herders Gattin verwendet, die im Jahre 1820 die „Erinnerungen an J. G. von Herder" herausgab. Auch die Briefwechsel anderer bedeutender Männer jener Zeit enthalten zahlreiche Briefe Herders. Dessen Sohn, Emil Gottfried, gedachte später ein Lebensbild Gottfried von Herders herauszugeben, von dem aber nur einige Bände 1846 erschienen sind. Das allzu umfangreich angelegte Werk fand in jener Zeit nicht die erhoffte Aufnahme bei dem deutschen Volke, dessen Sinn damals auf andere Dinge gerichtet war. Was dem Sohne des grossen Dichters nicht vergönnt war, brachte der Enkel zu stände. Ferdinand Gottfried von Herder und Heinrich Düntzer gaben im Jahre 1856 den 1. Band von Herders Briefwechsel heraus, dem dann zunächst noch zwei andere folgten. Diese drei Bände führen den Titel „Aus Herders Nachlass". Später folgten noch 3 weitere Bände, die unter der Bezeichnuug „Von und an Herder" veröffentlicht wurden. Beide Werke sollten nur bis dahin ungedruckte Briefe enthalten, sodass die Gefahr eines allzu grossen Umfanges vermieden würde. Düntzer sagt in der Vorrede: „Manches schied sich von selbst als unwichtig aus oder schien nur für den künftigen Lebens- beschreiber Herders oder seiner Briefsteller von Bedeutung, in anderen Briefen war nur einzelnes zur Herausgabe geeignet; dagegen trat eine Anzahl von Briefwechseln oder Brieffolgen als höchst werthvoll hervor, sodass ihre selbständige, fast ganz unverkürzte oder nur Unwesentliches wegschneidende, den Faden des brieflichen Verkehrs festhaltende Veröffentlichung sich als höchst wünschenswerth ergab." Seit dem Erscheinen dieses Werkes waren die Originalbriefe aus Herders Nachlass nicht mehr zugänglich; ihre Vergleichung mit den von Düntzer gedruckten Briefen war dadurch ausgeschlossen und damit auch ein Urteil darüber, was von den Herausgebern als wesentlich betrachtet oder unwesentlich ausgeschieden worden war. Alle späteren Veröffentlichungen dieser Briefe aus Herders Nachlass gehen deshalb auf die Ausgabe Düntzers zurück und gründen sich auf dessen Urteil über ihren Wert. Während eines Studienaufenthaltes in Genf ist dem Unterzeichneten nun das grosse Glück beschieden gewesen, die bis «dahin von den Nachkommen Herders streng gehüteten Original- Briefe aus dessen Nachlass wieder aufzufinden. Die jetzige Besitzerin dieser Briefsammlung ist Frau Billon-Haller in Genf. Ihre Mutter, Frau Pfarrer Haller, geborne von Greyerz, eine Stiefcousine von Frau Dr. Kuby, der Enkelin Herders, lebt in Bern und zählt jetzt 90 Jahre. Die näheren Beziehungen dieser Verwandtschaft, die sich auf die Familien Herder, Huber, Heyne, Forster erstrecken, werde ich an anderer Stelle geben; für diese Arbeit mag die vorstehende Angabe genügen. In dankenswerter Weise ist mir gestattet worden, die erwähnte Briefsammlung mit Düntzers Ausgabe zu vergleichen. Eine Reise nach Genf war zu diesem Zwecke nötig, die ich um so lieber unternahm, als ich meine Arbeit in dem Landhause der Familie Billon selbst vornehmen durfte. Die Ergebnisse meiner Untersuchungen waren überraschend. Fast sämtliche von Düntzer im 1. und 2. Bande des Werkes „Aus Herders Nachlass" veröffentlichten Briefe liegen noch vor; ausserdem sind abt.r noch viele Briefe erhalten, die von Düntzer überhaupt nicht oder nur auszugsweise gedruckt worden sind. Die Sammlung umfasst nahezu 300 Original - Briefe, wovon 34 von Goethe an Herder geschrieben worden sind; von Herder oder dessen Gattin stammen 73, von J. G. Zimmermann 40, von Lavater 27, von M. Claudius 51, von G. Forster 5, von Richter 45, von Lenz 15. Daneben liegen eine Reihe von Briefen einzelner Persönlichkeiten vor, die in jener grossen Zeit ebenfalls mit Herder in Verbindung standen. In den von Düntzer veröffentlichten Briefen sind zahlreiche, zum Teil recht umfangreiche Stellen überhaupt nicht aufgenommen worden, was insofern zu bedauern ist, als gerade sie zur Beurteilung Herders und seiner Freunde oft sehr wichtig sind; 13 Briefe Zimmermanns an Herder, 15 von M.Claudius, 16 von Richter fanden überhaupt keine Berücksichtigung. Und da, wo die Briefe ihrem gesamten Wortlaute nach gegeben sind, ist der Abdruck doch sehr ungenau, die ursprüngliche Schreibart wird nicht gewahrt, Satzzeichen werden oft willkürlich gesetzt, einzelne Worte sogar falsch gelesen und danach gedruckt. Dies betrifft besonders auch die Goethe-Briefe. Düntzer gibt im ganzen 100 Briefe Goethes an Herder; 35 haben ihm noch im Originale vorgelegen, die übrigen sind nach Abschriften aufgenommen worden. Die noch vorhandenen Goethe-Originale sind umso wichtiger, als sie bestimmte Gruppen abgeben, von denen die Briefe aus - 6 — Italien im Besitze des Schwagers der Frau Billon, des Herausgebers der „Semaine religieuse", des Herrn D. theol. h. c. Chaponniere in Genf sich befinden. Eine andere Gruppe, die von Düntzer unter den Nummern 1—6 veröffentlichten Briefe, die den Jahren 1771 und 1772 entstammen, sind durch meine Vermittlung in den Besitz des Freien Deutschen Hochstifts zu Frankfurt gekommen. Bei den im Auftrage der Besitzerin der Briefe mit dem Direktor dieses Stifts, Herrn Prof. Dr. Heuer, gepflogenen Verhandlungen habe ich darauf hingewiesen, dass dem von Düntzer unter Nr. 4 gegebenen Briefe eine Uebersetzung Goethes aus Ossian voraufgehe, die bis dahin noch nicht gedruckt war. Darüber hat Herr Prof. Dr. Heuer eine sehr interessante, umfangreiche Abhandlung im Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1908, S. 260 ff. veröffentlicht. S. 268 heisst es: „Wir sind nun in der Lage, den wichtigen Brief, der kürzlich in den Besitz des Frankfurter Goethemuseums gelangte, in Faksimile wiederzugeben. Es zeigt sich, dass die Arbeit Goethes eine umfassendere war. Sie enthält im ganzen 38 Zeilen des Urtextes." Und vorher auf derselben Seite steht zu lesen: „Goethes Brief war seit dem nur den zweiten Teil enthaltenden Abdruck Düntzers verschollen. Auch für die Weimarer Ausgabe war er nicht erreichbar." Nach diesem kurzen Hinweis auf den Bestand der Briefsammlung kommen wir auf die Briefe des hannoverischen Leibarztes Zimmermann zu sprechen, die dieser an seinen Freund Herder gerichtet hat. Düntzer gibt Band II, S. 325—380, deren 29, die bis auf 3 Briefe im Originale noch vorliegen; einer von diesen letzteren, der Brief vom 14. Oktober 1774, ist nach einem der Sammlung beiliegenden Zettel „an Herrn Düntzer geschickt" worden. Die noch vorhandenen 40 Zimmermann-Briefe tragen alle eine mit Blei geschriebene Reihennummer, aus der sich ergibt, dass mindestens 63 Briefe vorgelegen haben. Legen wir diese Zählung zu Grunde, dann hat Düntzer die folgenden Nummern drucken lassen : 1, 4, 8, 15, 16, 18, 20, 28, 29, 41, 43, 44, 45, 47, 48, 50, 51, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59, 61, 62, 63. Im Originale liegen weiter noch vor: 9, 10, 11, 12, 19, 21, 32, 33, 34, 38, 46,49,60. Nicht mehr vorhanden oder noch nicht wieder aufgefunden sind: 2, 3, 5, 6, 7, 13, 16, 17, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 30, 31, 35, 36, 37, 39, 40, 42, 52. Der Briefwechsel zwischen Zimmermann und Herder erstreckt sich auf die Zeit vom 17. Juni 1773 bis zum 30. Mai 1779. Die meisten Briefe entfallen jedoch auf die Jahre 1774—1776. Im Jahre 1878 hat E. Bodemann, Königl. Bibliothekar zu Hannover, ein Buch herausgegeben, das „Johann Georgs Zimmermanns Leben und bisher ungedruckte Briefe an denselben" enthält. Diese Briefe entstammen dem handschriftlichen Nachlasse Zimmermanns und sind in der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Hannover verwahrt, wie Bodemann in dem Vorwort zu dem erwähnten Buche sagt. Unter den Briefen sind 14 von J. J. Bodmer, 5 von J. J. Breitinger, 7 von S. Gessner, 5 von der Karschin, 10 von Herder an Zimmermann. Der Briefwechsel Nicolais mit Zimmermann umfasst 13, der zwischen diesem und seinem Freunde J. G. Sulzer zählt 62 Briefe. Die geringe Zahl von 10 Briefen Herders an seinen Freund befremdet; sie ist ohne Zweifel viel grösser gewesen. Bei der grossen Gewissenhaftigkeit Zimmermanns in bezug auf seinen Briefwechsel ist kaum anzunehmen, dass von ihm Briefe seines Freundes Herder vernichtet worden sind. Bodemann sagt in seinem Vorwort: „Gern hätte ich auch zu dieser Arbeit den im Besitz der Familien von Berger und von Alten befindlichen Nachlass Zimmermanns benutzt; — solche erbetene Benutzung wurde mir aber leider verweigert." — (Zimmermanns zweite Gattin war eine ge- borne von Berger.) Wir glauben annehmen zu dürfen, dass in diesem Nachlasse noch Briefe Herders sind; sicher wohl auch Briefe der Kinder Zimmermanns an ihren Vater, die zur Beurteilung des Verhältnisses zwischen ihnen von grosser Bedeutung sein müssen, und dies umso mehr, als bis jetzt meines Wissens noch kein Brief der Kinder Zimmermanns an ihren Vater veröffentlicht worden ist. Die von Bodemann abgedruckten 10 Briefe Herders entfallen in die Zeit vom 2. Februar 1774 bis zum 26. März 1776, d. h. in die Zeit, in der die Verhandlungen mit Herder geführt wurden, die eine Berufung dieses bedeutenden Mannes auf einen Lehrstuhl der Göttinger theologischen Fakultät zum Ziele hatten. Auch hierüber hat E. Bodemann eine umfangreiche Abhandlung veröffentlicht, die im Jahre 1879 im 8. Bande des Archivs für Litteratur- geschichte, herausgegeben von Schnorr von Carolsfeld, erschienen ist. Die hochinteressante Arbeit trägt den Titel: „Herders Berufung nach Göttingen. Mit bisher ungedruckten Aktenstücken und Briefen von Herder." Diese sind den Akten der theologischen Fakultät zu Göttingen entnommen; sie erweitern und vertiefen die Kenntnis der treibenden Kräfte, die eine Be- rufung Herders nach Göttingen erstrebten, sie geben aber auch wesentliche Gründe dafür, dass dieser Plan scheitern musste. Herders Gattin hat zwar in den „Erinnerungen aus dem Leben Johann Gottfrieds von Herder" (1820) gerade diese Zeit eingehend behandelt, und die von Düntzer 1857 veröffentlichten Briefe Zimmermanns an Herder bieten eine Fülle von Stoff zur Beurteilung jener Verhandlungen. Doch auch Bodemann konnte der vollständige Inhalt der unten folgenden Briefe nicht bekannt sein, und deshalb gibt auch sein Buch über Zimmermann nur eine unvollkommene Schilderung der grossen Verdienste, die sich dieser in unermüdlicher Tätigkeit um seinen Freund Herder erworben hat. Johann Georg Zimmermann ist am 8. Dezember 1728 zu Brugg im Kanton Aargau geboren. 1741 kam er auf die Akademie zu Bern. Nach dem Tode seiner Eltern begab er sich zum Studium der Medizin nach Göttingen, wo damals sein berühmter Landsmann Albrecht von Haller wirkte. Bezeichnend für das Streben des jungen Studenten sind die Worte, die er an eine Verwandte nach der Heimat geschrieben hat: „Ich führe in diesem Lande das Leben eines Menschen, der den Wunsch hat, nach seinem Tode noch zu leben." Seine wissenschaftlichen Arbeiten hatten Erfolg und brachten ihm die Anerkennung bedeutender Männer. Von einer Reise nach Holland und Frankreich, die seine Kenntnisse erweitern sollte, kehrte er auf Hallers Wunsch bald zurück, um auf dessen Empfehlung hin Erzieher eines jungen Adligen zu werden. Nach einem Jahre gab Zimmermann diese Stellung wieder auf und ging nach Bern, wo er sich als Arzt niederliess. Dort verheiratete er sich mit einer feingebildeten Dame, die er im Hause Hallers, der inzwischen wieder nach der Heimat zurückgekehrt war, kennen gelernt hatte. Bald darauf sehen wir den jungen Arzt in seiner Vaterstadt Brugg, wo er sein väterliches Haus bezogen hatte. Ein reger Briefwechsel mit Haller, Bodmer, Breitinger, Wieland, der sich damals in Zürich aufhielt, entschädigte den tatkräftigen Geist dieses Mannes für die gezwungene Einsamkeit in dem kleinbürgerlichen schweizerischen Landstädtchen. Zimmermann ist auch Mitbegründer der „H e 1- vetischen Gesellschaft", der Männer wie Hirzel, Iselin, Gessner angehörten. Seine drei berühmten Werke: „Versuch über die Einsamkeit", „Vom N a t i o n a 1 s t o 1 z", „Von der Erfahrung in der Arzneikunst" sind in jener Zeit entstanden. In dem zweiten Werke, das 1758 erschien, sieht er — 9 — mit scharfblickendem Verstände die grosse Revolution voraus; wir müssen es uns leider versagen, auf die kraftvolle Darstellung einzugehen, mit der Zimmermann zu seinen Lesern spricht. Schon damals litt er an einem Bruchleiden, das den kräftig gebauten Mann später fast zur Verzweiflung brachte. Einen Ruf als Professor der Medizin nach Göttingen schlug er aus. Die Stelle eines königlichen Leibarztes Georg III. von England in Hannover nahm er dagegen an und traf am 29. Juli 1768 dort ein. Zwei Jahre darauf starb dem rasch berühmt gewordenen und vielgesuchten Arzte die treue Gattin. Häufige Reisen nach Hamburg, Lübeck und an die Höfe der kleineren Fürstentümer, wo man überall seine ärztliche Kunst zu würdigen wusste, erlaubten dem durch sein Leiden immer mehr heimgesuchten Manne nicht, seinen Kindern die zur Erziehung erforderliche Zeit zu widmen. Der 15jährige Sohn kam in eine Pension zu Hannover, die zwei Jahre jüngere Tochter fand freundliche Aufnahme bei Frau von Ompteda. Durch übermässige berufliche Tätigkeit, durch die Beantwortung zahlreicher Anfragen derer, die den berühmten Arzt schriftlich um seinen Rat und seine Hilfe anriefen, durch regen Briefwechsel mit seinen vertrauten Freunden verschlimmerte sich das Leiden, das ein längeres Sitzen am Schreibtische unmöglich machte, derart, dass Zimmermann bei dem berühmten Chirurgen Professor Meckel in Berlin Heilung suchte. Lange Wochen verbrachte er in dessen Hause, wo viele bedeutende Männer den Kranken besuchten und Freundschaft mit ihm schlössen. Auch Friedrich der Grosse hat den hannoverischen Arzt im Schlosse Sanssouci kurz vor dessen Rückkehr empfangen. Die Beschäftigung mit den Werken der Litteratur war dem kenntnisreichen Manne ein stetes Bedürfnis. Besonders Herders Schriften übten einen grossen Einfluss auf ihn aus, und bald schlössen beide, durch Lavaters Vermittelung, einen Freundschaftsbund. Herder war damals in Bückeburg, wo er seit 28. April 1771 als Konsistorialrat tätig war, ohne jedoch für seine hochfliegenden Pläne den erforderlichen Wirkungskreis zu finden. Die erste Begegnung der beiden Männer fand am 24. April 1773 statt, als Zimmermann nach Bückeburg berufen worden war, um die leidende Gräfin Maria, die hochherzige Gemahlin des Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe, ärztlich zu behandeln. Zimmermann wie Herder waren reich beanlagte Naturen, beide beseelte ein unermüdlicher Wissensdrang, beide ernteten schon in jungen Jahren Anerkennung für ihre Werke, beide weckten Miss- — 10 — gunst und Neid bei denen, die sich durch sie in den Schatten gestellt sahen. Beide traten von dem übernommenen Amte eines Erziehers zurück, als sie die gewünschten Erfolge nicht sahen,, beide fühlten sich dann in einen Wirkungskreis versetzt, in dem sie trotz des besten Willens das nicht erreichen konnten, was sie mit Aufbietung ihrer ganzen Persönlichkeit erstrebten. Herder fühlte sich in Bückeburg nicht glücklich. Der Graf und sein neuberufener Konsistorialrat waren edle Männer ; ihre Neigungen und Ansichten standen sich jedoch vielfach entgegen, sodass trotz redlichen Bemühens ein inniges, freundschaftliches Verhältnis nicht möglich ward. Zwar zeigte sich die Gräfin durch ihr sanftes Wesen als Vermittlerin, und nach Herders Verheiratung waren die beiden Frauen sich sehr bald herzlich näher getreten; doch Herders Wunsch nach einem anderen Wirkungskreise war nie geschwunden. Da schrieb Heyne aus Göttingen, wo Herder ihn bei einem Besuch auf der Göttinger Bibliothek kennen gelernt hatte, am 11. März 1773 an seinen Freund, dass eine Professur neu besetzt werden solle. Auch in Hannover hatte man die Berufung Herders auf diesen Lehrstuhl schon erwogen. Hofrat G. Brandes in Hannover, der mit der Erledigung der Göttinger Universitätsangelegenheiten betraut war, hatte die Schriften Herders mit Begeisterung gelesen und war eifrig darauf bedacht, einen solch tüchtigen Gelehrten für die Hochschule zu gewinnen. Die Professoren der theologischen Fakultät, die sich durch die kernige, machtvolle Sprache Herders getroffen fühlten, taten jedoch alles, um dessen Berufung zu hintertreiben. Sie verstanden, bei dem Könige Zweifel an der Rechtgläubigkeit des zum Professor vorgeschlagenen und von der Regierung warm empfohlenen Mannes zu erregen, sodass durch Befehl des Königs eine Berufung von einer vorhergehenden Prüfung dieser Frage durch ein Kolloquium Herders mit den Professoren der theologischen Fakultät abhängig gemacht wurde. Hofrat Brandes und der Minister von Bremer mussten dem königlichen Befehle willfahren, sie hofften jedoch auf einen guten Erfolg ihrer Bemühungen, die stets zu Herders Gunsten von ihnen betätigt wurden. Am 21. Dezember 1774 schrieb Zimmermann an seinen Freund Herder: „Ihre Schwingen werden nicht mehr lange gelähmt sein, Ihr Feuer wird nicht mehr lange unter der Asche bleiben. Sie müssen und werden ganz gewiss bald erfahren, dass Ihre Schwingen ihnen gegeben sind zu Adlersflügeln, und Ihr Feuer zu Licht und - 11 — Wärme für Gegenwart und Zukunft, für die Welt, die ist, und jene, die nach ihr kommen wird." Welch edle Sprache, welch hehre Begeisterung für die Sache des Freundes ! Mit echter Mannestreue ist Zimmermann in allen Verhandlungen, die fast immer durch ihn geführt wurden, für Herder eingetreten. Dies bewiesen schon die bisher bekannten Briefe Zimmermanns an Herder; lesen wir aber sämtliche Briefe durch, von denen eine grössere Zahl bisher noch nicht veröffentlicht war, oder aus denen grössere oder kleinere Stellen bei der Drucklegung von Düntzer absichtlich ausgelassen wurden, so tritt Zimmermanns Verdienst in ein viel helleres Licht. Warum haben die Briefe Zimmermanns vom 19. und 23. Dez. 1775 und die vom 11. Januar und 22. Februar 1776 nicht die gleiche Würdigung gefunden, wie andere Briefe von geringerer Bedeutung? Der Hinweis auf die Inhaltangabe dieser Briefe in den „Erinnerungen" entkräftet die Berechtigung zu dieser Frage nicht. Der Grund liegt tiefer, und wir wollen versuchen, ihn darzulegen. Zimmermann ist am 7. Oktober 1795 gestorben. Als Caroline Herder die „E r i n n e r u n g e n" herausgab, waren 25 Jahre, als Düntzer die Briefe veröffentlichte, waren 62 Jahre verflossen. Das Bild des einst so bedeutenden Arztes und vielgenannten Schriftstellers war damals durch eigenes Verschulden Zimmermanns und fremde Verunglimpfung sehr verdunkelt. Dazu hat Goethes Schilderung nicht wenig beigetragen, die er im 3. Bande (Buch 15) von „Dichtung und Wahrheit" von dem Charakter Zimmermanns gegeben hat. Am Schlüsse dieser Ausführungen heisst es: „Denn auch jene Härte gegen seine Kinder war Hypochondrie, ein partieller Wahnsinn, ein fortdauerndes moralisches Morden, das er, nachdem er seine Kinder aufgeopfert hatte, zuletzt gegen sich selbst kehrte. Wir wollen aber bedenken, dass dieser so rüstig scheinende Mann in seinen besten Jahren leidend war, dass ein Leibesschaden unheilbar den geschickten Arzt quälte, ihn, der so manchem Kranken geholfen hatte und half. Ja dieser brave Mann führte bei äusserem Ansehen, Ehre, Rang und Vermögen das traurigste Leben, und wer sich davon aus vorhandenen Drucksachen noch weiter unterrichten will, der wird ihn nicht verdammen, sondern bedauern." Neben den Beweisen, mit denen Bodemann in seinem Buche „J. G. Zimmermann" S. 95 und 96 diese schweren Beschuldigungen, deren innerer Widerspruch doch auch hervorgehoben sei, widerlegt, könnten noch viele aus den Briefen Zimmermanns an seinen Freund Sulzer und an Herder herangezogen werden. Wäre es — 12 — denkbar, dass ein Mann, der jederzeit unentwegt seine Meinung offen aussprach, ein solches Bild von seiner Tochter hätte entwerfen können, wie er es im 3. Teil seines Werkes „Ueber die Einsamkeit" getan hat? Wo gäbe es einen Vater, der nach dem frühen Tod seiner Tochter schreiben könnte: „Ich hätte mein Leben für sie hingegeben, und sie das ihrige für mich", wenn dieser Ausspruch nicht Wahrheit wäre? Im Dezember 1777 ist der Sohn in völligen Wahnsinn verfallen; im September 1781 starb die Tochter an der Schwindsucht. Das Herz des auch körperlich schwer leidenden Vaters wurde von tiefem Weh zerrissen. Das schwere körperliche Leiden, das er mehr wie einmal seinem Freunde Sulzer in allen seinen Folgen schildert, musste, wie der Arzt erkannte, auf seine nächste Umgebung, auf seine Kinder, den tiefsten Eindruck machen, ihr Gemüt belasten und dadurch schädlich wirken. Zu dem körperlichen Schmerze wäre dann ein seelisches Leiden gekommen, das der Vater von seinen Kindern und sich selbst fernhalten wollte. Darf die Trennung von seinen Kindern, die der Arzt für nötig erachtete, nicht als Opfer angesehen werden, das der Vater ihnen brachte ? Der letzte, von Bodemann gedruckte Brief Herders an Zimmermann trägt von dessen Hand die Bemerkung: „Empfangen den 26. März 1776". Aus einem Briefe vom 4. Februar 1779 geht hervor, dass Herder am 22. Januar 1779 an Zimmermann geschrieben hat. Am 14. Mai desselben Jahres schrieb Caroline Herder an Zimmermann, was dieser in einem Briefe vom 30. Mai 1779 bestätigt. Aus späterer Zeit liegen keine Briefe vor, die dazu berechtigten, von einem Briefwechsel zwischen den beiden Männern zu sprechen. Ihr Freundschaftsbündnis war gesprengt. Wenn man Düntzers Vorrede zu den Briefen Zimmermanns liest, muss man denken, dass die Schuld daran allein auf dessen Seite liegt. Herder schreibt allerdings im Sommer 1779 an Lavater: „Es ist schlimm, wohin der Mann verfällt. Das meiste ist seiner unwürdig und aus den Streitigkeiten mit Kästner, Lichtenberg etc. kann auch nichts werden. Thue das Deine hinzu, dass er ehrlich herauskomme und dann schweige." Diese Streitigkeiten sind von Bodemann im 8.—-11. Kapitel seines Buches dargelegt und des Näheren beleuchtet; wir sehen deshalb von einer Wiedergabe ab. — 13 — Was die Streitfrage mit Lichtenberg anbelangt, mögen einige Stellen aus dessen Briefen sprechen. In einem Briefe vom 23. April 1778, der an H. Chr. Boie gerichtet ist und bis zum Jahre 1901 ungedruckt geblieben war, sagt Lichtenberg: „Man verzeiht hier Zimmermann in sofern, als in Brugg hiesige Grobheit noch immer Artigkeit ist, und hält ihn für einen leeren Hochmüthigen, der schon seit geraumer Zeit alle ernsthaffte Wissenschaft an den Nagel ge- henckt hat. Meine Schrift gegen ihn ist schon vor drei Wochen fertig gewesen, und ich habe sie Freunden vorgelesen. Nur die lezte Hand fehlt noch, und nun, da die neuen Noten gekommen sind, muss sie auch gröser werden. Ich habe ihn darin als einen Mann behandelt, der keiner Achtung würdig ist, und der, glaube ich, so lange er lebt, keinen eigenen Gedanken gehabt hat, immer gegen Leute, die ihm nicht opferten, als ein Bengel verfuhr, und sein bisgen Credit guten Freunden und etwas Schweitzer Prose zu dancken hat." — „Zimmermann habe ich nicht beleidigt. Empfohlen habe ich ihn. Was geht ihn Lavater an. Und wie kann sich ein Mann unterstehen, Lavatern zu vertheidigen, der sich lieber Lavaters Beystand ausbitten sollte, um bestehen zu können." (Ebenda.) Auch andere Stellen in Lichtenbergs Briefen (herausgegeben von A. Leitzmann und C. Schüddekopf. 3 Bände. Leipzig 1901 bis 1904) geben uns Kenntnis von der Erbitterung, mit der man damals stritt. Lichtenberg dürfte durch die vorstehenden Worte wohl schwerlich den Beweis dafür erbracht haben, dass „hiesige" (in diesem Falle Göttingische oder genauer Lichtenbergische) „Grobheit in Brugg noch immer Artigkeit" sei. Wir sind ferne davon, Zimmermann von jeder Schuld freizusprechen. Durch sein körperliches Leiden, durch die schweren Schicksalsschläge, die ihn betroffen haben, ist sein Wesen stets unverträglicher geworden. Die grenzenlose Eitelkeit, die seine Gegner ihm immer vorwarfen, hatten diese zum grossen Teile auch. Der Briefwechsel vieler bedeutender Männer jener Zeit ist der Beweis dafür. Wir haben bei der vorstehenden Schilderung etwas verweilen müssen, weil augenscheinlich Düntzer durch die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast allgemein verbreitete Ansicht über Zimmermann bei der Herausgabe der Briefe beeinflusst erscheint. Er sagt zwar in seiner Vorrede (B.II, S. 327): „Die mit so vielen Hindernissen kämpfende, endlich, wo die Erfüllung nahe schien, — 14 — durch die Weimarer Aussicht aufgegebene Berufung nach Göttingen wurde von Zimmermann mit entschiedenster Ausdauer und klarster alle Gelegenheiten erspähender Umsicht betrieben." Betrachten wir aber den letzten grösseren Abschnitt dieser Vorrede, so wird Zimmermann in einer Weise geschildert, wie es der opferfreudige Sinn dieses Mannes Herder gegenüber nicht gerechtfertigt erscheinen lässt. Wenn wir selbst davon absehen, dass Düntzer eine grössere Anzahl Briefe überhaupt nicht abgedruckt hat, obwohl deren Wichtigkeit ihm bekannt sein musste, so ist doch keineswegs zu entschuldigen, dass in fast allen von ihm veröffentlichten Briefen mehr oder minder umfangreiche Stellen nicht aufgenommen worden sind, obwohl sie, oder vielleicht gerade, weil sie zu Gunsten Zimmermanns sprechen. Diese für Herders und Zimmermanns Wesen so wichtigen Stellen können leider hier nicht alle aufgeführt werden; dies muss einem genauen Abdruck sämtlicher Briefe vorbehalten bleiben. Ein Freund, der mit solch grosser Hingebung, mit solch edler Begeisterung für die Sache seines Freundes eingetreten ist und diese unter schwierigen Verhältnissen durchgefochten hat, musste auch das Recht haben, eben diesem Freunde unverhohlen zu sagen, was er an ihm nicht billigen konnte. Zimmermann betrachtete dies Recht als heilige Freundespflicht und übte sie stets in Ausdrücken, die ihm in keinem einzigen Falle zum Vorwurfe gereichen können. Warum hat nun Düntzer fast alle die Stellen nicht abgedruckt, in denen Zimmermann diese Freundespflicht erfüllte? Die Antwort auf diese Frage ergeben die unten stehenden Briefe. In der Vorrede zu Goethes Briefen an Herder (B. 1, S. 8) sagt Düntzer: „Seinen unfruchtbaren Bückeburger Kreis zu verlassen und sich eine Stellung zu gewinnen, wo er den Eingebungen seines Geistes ganz folgen und des innigsten Zusammenlebens mit der Geliebten seiner Seele geniessen könne, war jetzt Herders ganzes Streben, woher er gern auf die von Göttingen aus ihm angebotene Professur einging — aber die schon ganz gesichert scheinende Berufung scheiterte an der Erbärmlichkeit seiner hinterlistigen Gegner." Nur daran ? Herder hatte sich, allerdings auf Heynes Rat, um diese Stelle in Göttingen beworben. Darauf war ihm von dem Vertreter der Göttinger Universitätsangelegenheiten, dem Hofrat Brandes in Hannover, eine höchst freundliche und verheissungsvolle Antwort — 15 — zugegangen. Auch der Minister von Bremer zeigte grosses Wohlwollen für Herder und lud ihn ein, in Hannover zu predigen. Dieser ging jedoch darauf nicht ein, zum Teil wohl deshalb, weil eine solche Predigt am Bückeburger Hof auffallen musste. Hofrat Brandes war begeistert für Herder und äusserte Zimmermann gegenüber sein Entzücken über „Herders Philosophie der Geschichte". „Diesen Mann müssen wir haben", sagte er zu Zimmermann, wie dieser am 4. September 1774 seinem Freunde schrieb. Ueber die Stellung der Göttinger Professoren zu Herders Berufung schrieb Heyne am 21. Dezember 1775 an Herder: „Wer mit den Orthodoxen anbindet, wer ehrgeizige, stolze Menschen beleidigend angreift, muss sich auf Alles gefasst machen." (Düntzer: Von und an Herder. B. II, S. 187.) Mit der gleichen Offenheit, mit der Heyne das Vorgehen der Göttinger Professoren gegen Herder geisselt, spricht er sich diesem gegenüber in einem Briefe vom 20. August 1775 aus: „Könnte ich aber doch jetzt mit Ihnen selbst und ausführlich sprechen, dass Sie sich diesmal keinem Eigensinn überlassen und die Sache auf Ihre Weise berichtiget haben wollen." (Von und an Herder. B. II, S. 182.) Diesen Eigensinn hat Herder trotz der eifrigsten Vorstellungen seiner Freunde während der Verhandlungen fast immer gezeigt. Zwei Jahre vorher war er noch anderer Ansicht. Damals schrieb Herder am 20. März 1773 an Heyne: „Man thut sich nämlich wirklich um einen Professor der Theologie um, wie Sie schreiben — und wäre also im Ernst, mein lieber Freund, jetzt keine Gelegenheit an mich zu denken ? Ich weiss alles, was Sie mir nicht zu sagen brauchen, dass ich in der Theologie keinen Namen habe, dass ich sonst Schwächen gegeben etc., dass man nach Göttingen keine ruft, als über die man in ihrem Fache gewiss sei etc. Alles wahr, aber wäre hier denn nicht einmal eine Ausnahme zu machen? Ueber meine Orthodoxie seien Sie nicht bange; ich habe gegen sie noch keine Silbe geschrieben, und werde es, schon nach meinem Plane, niethun: mit etwas Kräften und Fleiss kann man bald, sobald man nur seine gewisse Sphaere hat, ja sein Feld etwas ausbauen; und was Talente des Vortrags anbetrifft, weiss ich und kanns mit allem Gefühl eines bescheidenen Mannes sagen, dass Göttingen an mir keinen Schaden haben werde." (Von und an Herder. B. II, S. 158.) Als zwei Jahre darauf dieVerhandlungen ernstlich aufgenommen wurden, war die hier geäusserte Ansicht Herders wesentlich anders II — 16 — geworden, wenigstens was seine eigene Berufung zu einem Amte anbelangte. Im Bückeburger Lande sollte von dem Konsistorialrat Herder ein junger Theologe in ein Amt eingeführt werden, obwohl dieser eine Abschlussprüfung für das geistliche Amt nicht nachweisen konnte. Dagegen verwahrte sich Herder ganz entschieden und mit vollem Rechte. Seinem Fürsten gegenüber rechtfertigte sich Herder in einer längeren Schrift, worin er sagt: „Das einzige Mittel, der Kirche Gottes gute und bessere Zeiten zu geben, das in Menschenkräften steht, ist, dass man die Lehrer prüfe, ehe sie es sind und werden, und nur nach Pflicht und Gewissen die Besten ordne." (Von Herders Werke. B. XVI., S. 310.) Dieser Bericht stammt vom 26. Oktober 1775. — Kurze Zeit darauf, am 5. Januar 1776, schrieb Herder an Hofrat Brandes: „Schimpflich und unpassend hingegen, so viel ich einsehen kann, eine Orthodoxal-Citation nach Göttingen, mit welchem Namen man sie auch decke. Der fremde Superintendent soll, ehe er Amt und Ruf hat, nach einer ausländischen Universität ziehen, die Orthodoxie seines Hirns untersuchen zu lassen! Welche Beziehung hat er mit der ausländischen Universität? Wann hat er ihr das Recht eingeräumt, über ihn urtheilen zu können? Welch ein Gesetz, welche Veranlassung sollt' es ihm zur Pflicht machen, seine Orthodoxie von ihnen, von ihnen stempeln zu lassen?" (Bodemann, Herders Berufung nach Gött. Seite 84.) Wir denken nicht entfernt daran, diese beiden Fälle mit einander zu vergleichen, was die Würdigkeit der Bewerber um ein geistliches Amt anbelangt. Nach Herders Darlegung konnte der junge Theologe die Berechtigung zu dem von ihm nachgesuchten Amte in keiner Weise dartun. Herders Schriften dagegen hatten neben dem Widerspruch einiger, die seinen Feuergeist fürchteten, den bewundernden Beifall der Gebildeten gefunden. Wenn aber der Bückeburger Superintendent das Recht der Prüfung vor dem Amtsantritt als heilige Pflicht erkannte, so musste er dem Könige, der für einen viel wichtigeren Dienst einen Lehrstuhl an der Göttinger Hochschule besetzen wollte, dasselbe Recht zuerkennen, und dann besonders, wenn das dem Könige vorgetragene Urteil über den für dieses Amt vorgeschlagenen Theologen von den Professoren der theologischen Fakultät nicht geteilt, ja bekämpft wurde. Die Weigerung Herders, sich dem von dem Könige angeordneten Colloquium zu unterziehen, das, wie Zimmermann mehr wie einmal hervorhebt, seine Teilnehmer stets auf — 17 - gleiche Stufe stellt, konnte nur dazu beitragen, die Stellung von Herders Gegnern zu stärken. Diese haben es wohl verstanden, durch geschraubte Wendungen und ungewisse Hinweise ihr Urteil über Herders Schriften derart zu gestalten, dass sie bestimmte Anklagen zwar nicht erhoben, wohl aber durchscheinen Hessen. Wenn Herder darüber entrüstet war, dass die theologische Fakultät in Göttingen in dem von dem Ministerium im Auftrage des Königs eingeforderten Gutachten seine Rechtgläubigkeit in Frage gestellt hatte, wenn er die Forderung ausspricht, dass man ihn öffentlich anklage, damit er öffentlich, schriftlich die Anklagen widerlegen könne, so verstehen wir ihn vollkommen. Doch eine schriftliche Fehde zwischen Herder und seinen Gegnern würde sicherlich nicht so bald zu Ende gewesen sein und die Berufung überhaupt unmöglich gemacht haben. Deshalb suchen der Minister von Bremer, der Hofrat Brandes, Heyne und Zimmermann in den beredtesten Worten Herder zu bestimmen, dem Wunsche des Königs sich zu fügen. Der von ihnen hochgeschätzte Gelehrte und Freund sollte um jeden Preis für den Göttinger Lehrstuhl gewonnen werden. Nur von diesem Gesichtspunkte aus lässt sich die Tatsache erklären, dass man in Hannover die oft heftige Sprache Herders ohne offenbaren Widerspruch ertrug. Wie Zimmermann dadurch litt, ergeben die Briefe. Am 24. Januar 1776 schrieb er an Herder: „Sie fangen an zuwanken, höre ich, und Herr Brandes soll die Sache mit Ihnen ausführen, Auf mich verlässt man sich nicht mehr, weil man glaubt, dass ich zu sehr auf Ihrer Seite sei und dass Ihre Meinungen und Gefühle zu sehr auf mich wirken. Deswegen hat das Ministerium die Sache Herrn Westfeld übergeben. Ich habe treu und ehrlich für beide Theile in der Sache gehandeft. Colloquium ist landesüblich für jeden, der zu einer Predigerstelle gerufen werden soll. Dies wiederhole ich Ihnen immer." Am 31. Januar 1776 teilte Herder seinem Freunde Zimmermann mit, „er sey zu dem sauren Gange nach Göttingen fertig". Da kam die Berufung Herders nach Weimar. Goethe hatte schon am 10. Dezember 1775 in einem Briefe an Herder auf diese Stelle hingewiesen. Herder nahm die Berufung um so freudiger an, als sie ihn einem Zwiespalt der Seele entriss, der sich in dem Briefe an Heyne vom 25. Februar 1776 kundgibt: „Mit Weimar ist's. — Zum Colloquium wäre ich doch nicht kommen. Mein Genius hat, seit das erzwungene Ja heraus war, sich gebäumt 2 — 18 - und tausendmal Nein geschrien. Dem wäre ich gefolgt." (Bodemann, Herders Beruf, n. Gött. S. 91.) Der rasche, und gerade in diesem Augenblick nicht erwartete Entschluss Herders machte auf seine Freunde einen überaus schmerzlichen Eindruck; ein solcher Ausgang ihrer unermüdlichen freundschaftlichen Bemühungen musste im höchsten Grade befremden, und dies umsomehr, als Herder es nicht für nötig erachtete, ausführliche Nachricht über die Wendung der Dinge zu geben. Der bisher ungedruckte Brief vom 22. Februar 1776 bietet dafür den schlagendsten Beweis. Düntzer beschränkt sich, aus den oben angeführten Gründen, darauf, in der Anmerkung 2 zu Nr. 17, S. 360 auf diesen Brief Zimmermanns mit folgenden Worten hinzuweisen: „Zimmermann hatte ihn (Herder) am 22. (Febr.) auf das dringendste beschworen, ihn doch vom Stande der Weimarer Angelegenheit zu unterrichten, damit er Red' und Antwort stehen könne." Herders Uebersiedelung nach Weimar erfolgte erst am l.Okt. 1776, weil auch hier wieder der Berufung, die, wie Zimmermann schreibt, „durch Goethes gewaltige Hand bewirket war", mancherlei Hindernisse entgegenstanden. In der Vorrede zu Goethes Briefen an Herder (B. 1, S. 12) sagt Düntzer: „Freilich gehörte der erste Gedanke, Herder zu dieser mit dem Amt des Oberpfarrers verbundenen Stelle (der General- Superintendentur) zu berufen, Wieland an." Dabei gedenkt er aber nicht der Stelle in Zimmermanns Brief an Herder vom 3. Nov. 1775, wo jener schrieb : „Wenn's mit Göttingen nicht gelänge, so wäre Weimar ein gar nicht verwerflicher Ort, doch es wird gelingen." Bei Düntzer ist die Belegstelle für Wieland nicht angegeben. Wer von beiden, Wieland oder Zimmermann, zuerst auf Weimar hingewiesen hat, wage ich nicht zu entscheiden. Vielleicht hängt der Ausspruch Zimmermanns in dem Briefe an Herder vom 7. Febr. 1776 : „Wieland wird sich herzinniglich ihres Rufes freuen", mit diesem Hinweis auf Weimar zusammen. Zimmermann hat sich jederzeit Herder gegenüber als Freund im edelsten Sinne des Wortes erwiesen. Als Arzt wacht er über dessen Gesundheit und die der Herder'schen Familie ; als e i n- flussreicher Mann sorgt er für die Verwandten und Freunde Herders, so oft dieser darum nachsucht; als Mensch zeigt er unverbrüchliche Treue und verwendet sich auch dann noch für Herder, als dieser nach dem Bruche mit Göttingen von dort den Doktorhut erstrebt. Wer wollte diesen Mann tadeln, wenn er durch Herders Wesen manchmal verstimmt wird, und dieser Stimmung 19 - rückhaltlosen Ausdruck verleiht? Als diesem schwergeprüften Manne der Sohn in unheilbare Krankheit verfallen, als ihm die Tochter im jugendlichen Alter durch den Tod entrissen worden, hat Herder kein tröstendes Wort für den früheren opferfreudigen Freund, soweit bis jetzt festgestellt werden muss. Es wäre deshalb sehr zu wünschen, dass die verlorenen Briefe Herders an Zimmermann wieder aufgefunden würden, damit sie womöglich ein milderes Licht verbreiten. Düntzer schliesst seine Vorrede zu den Briefen Zimmermanns an Herder mit den Worten: „Konnte ja auch die Schweiz, das Land männlicher Freiheit und ungebeugten Gradsinns, ihn nur als seinen entarteten Sohn beweinen." Mögen auch schwere Schicksalsschläge, ein unsagbar schweres körperliches Leiden, das er nur seinem Freunde Sulzer schildert und von dem er in Hannover nur in der ihm vertrauten Familie Döring sprechen kann, sein eigenes Leben und das anderer verbittert haben, so hat es doch Zimmermann an „männlicher Freiheit" und „ungebeugtem Gradsinn" nie gefehlt. Und wenn auch dieser Mann in seinen späteren Jahren mit scharfen Worten gegen seine Landsleute vorging, so möchten wir doch, was das Land selbst anbetrifft, mit den Worten schliessen, die Zimmermann am 23. August 1762 von Brugg aus an den nach der Schweizer Heimat zurückgekehrten Dr. Sulzer, seinen späteren treuen Freund, gerichtet hat: „Mich dünkt, ich müsse alles mitempfinden, was Sie bey der Heimkehr in ein Vaterland empfinden, dessen Ehre und Stolz Sie sind, das Sie als eine zärtliche Mutter auch in der Ferne geliebet und nachdem Ihr Herz so lange so inbrünstig sich gesehnt hat. Hier ist Frieden, hier ist Ruhe, hier hören noch einsame Wälder den frohen Chor der Musen, hier glänzen noch unentweihte und mit keinem Blute bedüngte Auen, hier können Sie in ungestörter sorgloser Stille den Saamen des Schönen, des Wahren und des Guten über die ganze dankbare Erde verbreiten." — * * * 1. Hannover 19. December 1775. Liebster Herder ich schreibe Ihnen durch einen Expressen, um die unangenehmen Gedanken abzuwenden die Ihnen ein Rescript unsers Königlichen Ministerii erwecken könnte, das Sie in ein paar Tagen erhalten werden, und um Sie zu hindern in gerechter Indignation etwa auf der Stelle einen Schritt zu thun, der für ihre Ihnen innigst ergebene Freunde schmertzhaft wäre. 2* Das Königliche Ministerium hat die wiederhohlte Bitte an den König gelangen lassen, dass Sie zum Professor der Theologie in Göttingen ernannt werden möchten. Das Zeugnis der theologischen Facultät in Göttingen war diesem Schreiben beygeleget, und zugleich gesagt, dass wenn dem Könige noch Zweifel in absieht auf ihre Orthodoxie übrig bleiben, so können dieselben leicht durch das hier zu Lande nach der förmlichen Erwählung zu einem kirchlichen Amte noch übliche Colloquium mit den Amtsbrüdern gehoben werden. Den 15. December kam die Antwort des Königs hier an, nach welcher Sie noch nicht zum Professor gemacht worden sind, aber hingegen zu einem Colloquio mit der theologischen Fäcultät in Göttingen vorerst aufgefordert werden. Diese Nachricht hat ihren eifrigen Hertzensfreund den Herrn Geheimen Rath von Bremer,. Seine Gemahlin, die Frau Oberkammerherrin von Low, Herrn Hofrath Brandes, und mich äusserst betrübet. Ich sagte, an ihrer Stelle würde ich es dem Teufel überlassen, Professor in der Theologie in Göttingen zu seyn, aber an meiner Stelle werde ich alles anwenden um Sie, liebster Herder, zu bereden, dass Sie dem Teufel den Sieg aus den Händen winden, das alles thun was nöthig ist um doch noch Professor der Theologie in Göttingen zu werden. Zu diesem Zwecke hat mich der Herr Geheime Rath von Bremer heute frühe zu sich rufen lassen. Dieser Herr liebt Sie wie sein Leben, und er hat mir aufgetragen Ihnen zu schreiben, und alles zu versuchen um Sie zu gewinnen. Das Colloquium ist für Herrn von Bremer, mit recht, eine Aergernis. Um also diese Last Ihnen sanfter zu machen schlägt er Ihnen vor, nach des Herrn Hofrath Brandes Einfall, Doctor der Theologie in Göttingen zu werden. Dieses kostet viel, erwiederte ich, und wenn Herder Professor wäre, so erhielte er es umsonst. Allerdings sagte der Minister;, aber ich will eifrigst dafür sorgen dass in der Folge alle Kosten dem Herrn Herder erstattet werden; und ich bin gewiss dass er Professor wird, wenn ihn nur erst die Orthodoxen Theologen zum Doctor gemacht haben. Sodann ging ich zur Frau Oberkammerherrin von Low. Diese einsichtsvolle herrliche Dame bat mich, so wie Herr von Bremer, alles anzuwenden, dass Sie sogleich als das Schreiben des Minis- terii in Bückeburg angekommen seyn würde zu uns nach Hannover zu kommen. Sodann ging ich, ohne dass es jemand wusste, zu Herrn Hof- raht Brandes, um ihm zu dancken dass er den Vorschlag wegen. 21 — •des Doctorats gegeben. Dieser erzählte mir den Inhalt seines gestrigen Briefes an Sie, und versprach mir auch alles anzuwenden, dass die Kosten anitzt gering seyen, und Ihnen in der Folge erstattet werden. Sodann ging ich zu dem Printzen von Mecklenburg, und suchte alles hervor um ihn von neuem für Sie anzufachen etc. etc. Der Printz macht Ihnen viele Complimente, und bittet Sie inständigst dem Verlangen des Königs ein Genüge zu thun. Nun, liebster Herder, bitte und beschwöre ich Sie, sobald als möglich nach Hannover zu kommen, um sich mit ihren Freunden über alles zu unterreden, um ihre Wärme zu sehen und um bey derselben warm genug zu werden, alles das zu thun, wofür man Sie bittet und flehet. Einen herrlichen Triumph werden Sie zuletzt erhalten wenn der bittere Kelch so vieler Leyden getrunken ist, die ich hertzinniglich mit Ihnen theile. Beyliegender Brief von Reich zeigt Ihnen nicht was ich ge- than habe, aber was Reich für Lentz thun will. Erfreuen Sie mich durch diesen Boten mit einer Antwort, und empfehlen Sie mich tausendfältig ihrer Geliebten. Frau von Döring umarmt Sie beyde. — Ich bin bis in den Tod Ihr innigst ergebenster Freund Zimmermann. Noch eins mein Geliebter. Wenn Sie etwas auf dem Hertzen haben, dass Sie unserm Könige sagen würden, wenn Sie ihn selbst zu St. James sprächen, so sagen Sie es mir. Ich will mich damit bis an den König selbst hindurch zu drängen suchen. Es ist zwar über fünf Wochen dass ich das nemliche, so gut ich konnte durch den Printzen von M. versuchet habe. Es scheint aber nicht dass der Versuch gelungen sey. * 2. Hannover 23. December 1775. Liebster Herder, eben so wie Ihnen itzt um das Hertz ist, war mir auch, war dem Minister der mir den Auftrag gab an Sie zu schreiben, war seiner Gemahlin, war der Frau Oberkammerherrin von Low, war der Frau von Döring. Ich nähme nichts an, sagte ich, wenn ich Herder wäre; aber ich will als der, der ich bin, alles versuchen um den so äusserst miskannten Herder zu besänftigen. Antworten wird er aber — wie er geantwortet hat. Ich fühle alles, und begreife alles, meine Geliebten, unaussprechlich tiefer, als ihr glaubt. — 22 - Du bist verläumdet, Herder, wie man hier glaubt, durch Göt- tingische Professors bey dem Königlichen Hofprediger Görling, der neulich von Göttingen nach London kam. Räche dich nicht. Denn du weisst nicht was für herrliche Triumphe dir die Fürsehung noch bereitet. Du wirst durchdringen; Deutschland und England werden noch einst verstehen lernen w e r du bist und w a s du bist. Gott Lob, dass es dir indessen da wohl ist, wo du bist. Den gestrigen Brief habe ich an niemand gelesen als an Frau von Low, und Frau von Döring. Beyde fanden ihn herrlich. An Frau von Bremer habe ich mündlich daraus referirt, Sie sagte: Herder hat recht, rathen Sie aber um Gottes willen Mässigung. Herrn Brandes habe ich keinen Schatten von dem Briefe wollen sehen lassen, ihm aber mündlich gesagt dass Sie durchaus alle vorgeschlagene Bedinge verwerfen. Den Minister, Herrn von Bremer, habe ich gestern durch seine Gemahlin vorbereiten lassen. So eben schrieb ich an ihn was ich für nöthig fand, machte ihm einen Auszug aus dem gestrigen Briefe so sanft als möglich, aber Herders würdig. Ich bitte inständigst das Schreiben des Ministerii nicht unbeantwortet zu lassen; eine freye, edle, männliche Antwort deucht mir rühmlicher. An Herrn Brandes bitte ich gleichlautend zu antworten, weil er den Brief zeigen muss, und nicht zurückhalten kann, wie ich. Lieber Verfolgter, und Verläumdeter, du kannst nicht grösser seyn, als du in meinen Augen bist. Aber was war das für ein Einfall einen frankirten Brief dem Boten zu bezahlen? Einen Expressen bezahlet man immer bey der Rückkunft, also hatte er freilich von mir noch nichts. Aber wie konnte mir einfallen dass er bezahlet werden würde, wenn auf dem Briefe stünde franco! Einen Thaler und zwantzig Groschen bin ich also Eüer Hochwürden schuldig. Ich will meinen Buckel deinem gerechten Zorne nicht hergeben, Herr Superintendent. Was doch nun bey solchen Stürmen des Schicksals ein weiblicher Engel, wie deiner ist, für eine Segnung des Himmels seyn muss. Ach die letzte Stunde in Darmstadt erinnere ich mich noch gar zu gut! Dahabe ich gefühlt was du an ihrer sanften liebenden Brust anitzt erfä hrst. Tausend und tausend hertzliche Grüsse an Sie. Liebe Leute, wann ich König wäre, was wäre ich nicht für euch; liebet mich aber auch als einen armen unmächtigen Wurm. G. J. Zimmermann. Einer meiner Briefe, der Auszüge aus einem Briefe Lavaters enthielt, wird doch nicht verloren seyn ? 23. Dec. 1775. Liebster Herder, mein heuliger Brief war schon auf der Post, als ich beyliegendes Billet von des Herrn Geheimen Rats von Bremer Excellentz erhielt. Wenn es möglich ist, so kommen Sie doch hierher. Ihre Geschichte macht mir einen empfindlichen Verdruss. vale. J. G. Zimmermann. * 3. Hannover 11. Januar 1776. Liebster Herder ich habe empfangen vor dem neuen Jahre Brief an Herrn G. Rath von Bremer, Abschrift Briefes an Herrn Brandes und ein Zeddelgen an mich. Nach dem neuen Jahre einen langen Brief an mich, ohne Datum wie es alle ihre Briefe aus einer mir unbegreiflichen Ursache sind. Der Brief an Brandes herrlich! Seine Kaltblütigkeit war m ir zum Aerger, indessen meynt es der Mann mit Ihnen gut. Deswegen schonen Sie ihn, weil er Ihnen gewiss nützlich ist. Sprechen aber immer mit ihm edel, und vergeben sich in nichts. Unergründlicher unabsehlicher schwartzer Hinterlist ist, hohl mich der Teüfel, der Vorschlag zum Colloquio nicht. Es ist nicht Vorschlag der Theologischen Benets in Göttingen, die freilich Michaelis regiert, sondern Vorschlag unseres Ministerii das es gut mit Ihnen meynt, aber keinen andern Ausweg wusste, um dem König ihre Orthodoxie zu beweisen. Herr von Bremer hat mir aufgetragen Sie vor Gott und nach Gott zu bitten den Doctorhuth in Göttingen anzunehmen, versichert zu seyn dass es keine Falle ist, versichert zu seyn dass man den Theologen in Göttingen von hier aus befehlen wird sich manierlich dabey zu betragen, versichert zu seyn, dass Sie die dasigen Theologen mit ein paar guten Worten gantz gewinnen werden, versichert zu seyn dass Ihre Ernennung zum Professor der Theologie die Folge dieses Colloquii seyn wird. Zum schriftlichen Colloquio kann das Ministerium (sagt der Minister) seine Beystimmung nicht geben, ohne vorher den König dafür zu fragen. Geschieht dies, so wird der König verdriesslich, lässt die Sache liegen, und Freund Herder bleibt in Bückeburg. Nun freilich (sage ich) dies alles t h u n — wofür? für eine Professorstelle in Göttingen. Das ärgert mich auch entsetzlich. — 24 - Ich würde an Herders Stelle hinten und vorne aufschlagen. Aber wenn du willst, lieber Herder, Professor in Göttingen seyn, von da den Erdball beleuchten, deinem Weibchen und deinem Söhnlein, und allen Söhnlein und Mägdlein die folgen werden, in dieser Galere Louisdor sammeln, dann musst du in das Eisen, das man dir vorhält, beissen. Willst du aber das nicht, mein Lieber, so kann schon anderwerts eben so gut geholfen werden als in Göttingen. Ich glaube Weimar würde anitzt ein herrlicher Ort für Herder seyn. Frau von Low sagt mir dass im Darmstädtischen eine Stelle von einigen tausend Gulden oder Thalern vorhanden sey, zu welcher Freund Herder sich leicht den Weg bahnen könnte. Doch es ist närrisch Projecte für einen Mann zu machen der an hundert Orten Hofprediger oder Professor werden kann, wenn man nur erst weiss dass er so etwas werden will. Nun kurtze Antwort auf den Brief den ich den 2. Januar erhielt Ey warum, wie, worinn mich beleidigt? — Mit nichts als damit, dass Sie den Boten bezahlt haben den ich an Sie franco geschicket. Ihren Brief den mir der Bote brachte fand ich edel, voll der natürlichsten Indignation, und g a n t z ihrer würdig. So fanden es die auch denen ich den Brief zeigen konnte: nemlich Frau von Döring und Frau von Low. Mit dem vorgeschlagenen Colloquio verbindet hier doch kein Mensch die Idee die Sie, auch nur in Absicht auf den Punkt der Ehre, damit verbinden. Colloquia haben bey uns immer nur inter pares Platz, und sind seit einigen Jahrhunderten üblich, theils wenn man wirklich zu einem geistlichen Amte gelanget ist, oder dazu gelangen soll. Alle bey unsern Kirchen erwählte Stadtprediger müssen noch nach der Wahl mit ihren Collegen colloquiren. Dass aber die gantze Sache weiter nichts als eine hergebrachte Uebung ist, sehen Sie leicht. Herr Brandes hatte die Idee mit dem Doctor werden, weil er glaubte das Colloquium würde Ihnen zuwieder seyn. Mir deucht an Ihrer Stelle würde ich das Colloquium wählen, weil es nur inter pares Platz hat, nicht das Doctorwerden, dem doch ein Examen vorhergeht. Des Herrn Brandes dürre Gewissheit kömmt daher, weil er gewohnt ist deutsche Gelehrte alles thun zusehen, um Professors in Göttingen werden zu können. Nach ihrem ersten fou- droyanten Briefe (von dem ich ihm nur in zweyen Worten Rapport machte) sagte er mir zu meinem Erstaunen. O Sie — 25 — werden sehen Herder kömmt doch. Ich antwortete, Herder istaus gantz anderem Stoffe gebildet als alle Professors, und ich sage, er kommt nicht! Das Ministerial Rescript ist nicht gekommen, weil es Brandes nicht expedirt hat, indem er vermuthlich lieber privatim mit Ihnen negociren wollte. Von unserm Ministerio haben Sie nicht, lieber Herder, die rechten Begriffe. Es ist weit mehr selbsthandelnd als Sie glauben. Herr von Bremer liebt Sie wirklich mit väter 1 ich e r Liebe, gäbe alles in der Welt dafür Sie nur erst in Göttingen zu haben, wird Ihnen bis in den Tod beystehen, Sie immer auf den Händen tragen, hat den 31. December sich in seinem Hause zu ungewöhnlicher Zeit eine Stunde mit mir zum Zwecke dass ich Sie zum verlangten Schritte nach Göttingen gewinne, unterredet. Ich war aber krank wie Sie aus beyliegender Karte sehen, und hatte so viel dringende Arbeit dass ich vor heute an Sie nicht schreiben konnte. Das Ministerium ist Ihnen gut, handelt nicht ungerecht^ ist aber gezwungen so zu handeln wie es handelt, weil man den König gegen Sie eingenommen hat. Das unangenehmste bey dem Colloquio in Göttingen ist eigentlich, nach meinem Begriffe ihr Landesherr! Alles andere wäre nichts, weil Sie gewiss durchdringen. Allerdings ist der Vorschlag zum schriftlichen Colloquio edel: billig, gerecht; was soll man aber hier thun, wenn es der König, der immer bey seinen ersten Entschlüssen bleibt, nicht will??? Am Doctorhut liegt freilich unserm Ministerio im Grunde nichts; er war bloss ein Vorschlag von Brandes um Ihnen das Colloquium zu ersparen. Das Secret. von dem Sie sprechen, verhält sich bey ihrer gantzen Sache passiv. Danken sollen Sie mir für nichts, lieber Herder, sondern mich beklagen dass eine von mir in Darmstadt angezettelte Sache so entsetzlich unangenehme Folgen für Sie gehabt hat. Hier die Antwort von Frau von Low — der edeln Frau! Noch habe ich nicht vollständige Antwort von Reich wegen Lentzens Soldaten; er sagt vom 30. December dass er noch nicht wisse, wie viel Bogen diese Comedie betragen werde. Geld von - 26 - Reich habe ich in Händen, aber noch keine Ordre. Die Messe hat vermuthlich den Druck verzögert. Nur Gedult, alles wird recht gehen. Suitzern sah ich in Mitte Septembers halb todt in Bern ; den 24. November schrieb er mir sehr munter von Toulon. Anitzt ist er in Nizza, und geht von da im Frühling weiter nach Italien, sodann durch die Schweitz — nach Berlin. Ihre Mislage in Bückeburg fühle ich gantz und möchte vor Ungedult b e rste n ! Gestern, 10. Januar, hatte ich Briefe von Lavater, Göthe, und Wieland, unter des letztern Couvert. Göthe schrieb auf der Frau von Stein Schreibtisch — Hier bin ich hertzlich wohl sagt er mir von Weimar. Wieland schreibt an mich wie folget: „Was Gott zusammen- „gefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Göthe, Lavater, „Herder, warum sollten Sie nicht auch meine Freunde seyn? „Seit ich dies Kleeblatt kenne, sind sie meine Heiligen. „ Ich lebe nun 9 Wochen m i t Göthen, und lebe, seit unsere „Seelenvereinigung so unvermerkt und ohne allen effort nach und „nach zu stände gekommen, gantz in Ihm. Er ist in allen Befrachtungen und von allen Seiten das grösste, beste, herrlichste „menschliche Wesen das Gott erschaffen hat." „Das sag ich meinem Zimmermann, v/eil er's beynahe mit „eben so innigem Vergnügen lesen wird, als womit ich's ihm „schreibe. Möcht ich's der gantzen Welt sagen dürfen! Möcht' alle „Welt den liebenswürdigsten der Menschen so kennen, so durchschauen, so lieben wie ich. „Heute war eine Stunde wo ich ihn erst in seiner gantzen „Herrlichkeit — der gantzen schönen gefühlvollen reinen Menschheit sah. Ausser mir, kniet ich neben ihm, drückte meine Seele „an seine Brust, betete Gott an!" * * * So eben werde ich von Herrn von Bremer zum Essen gebeten, vermuthlich zur Unteredung wegen Ihnen. Westfeld soll da seyn. Zugleich kömmt ein Billet von Frau von Low, worinn ein Billet der Frau von Bremer an Sie, folgenden Inhalts. Herder a refuse tout net de se rendre ä Göttingen, et ne veut point s'assujettir ä l'examen. Mon mari a fait encore une proposition. Nous verrons s'il y a moyen encore de faire changer de senti- ment cet homme respectable. Frau von Low setzt mit ihrer Hand I — 27 - diesem Billet hinzu. La proposition est que la Chambre des Finances offre de fournir les frais de l'Examen. Gleich antwortete ich an Frau von Low, eben schreibe ich an Sie, sey nicht ohneHofnung ihre Begriffe von dem Vorschlag nach Göttingen zu gehen in Vielem zu mildern, glaube aber dass die Art und Weise wie Sie dieses ihrem Landesherren auf eine schickliche Weise vortragen können un überstei gli ch es Hindernis sey. Wollen also sehen was bey Herrn von Bremer gesagt werden wird. Mein Schluss, der Schluss eines ehrlichen Schweitzermannes, ist vorläufig dieser — Wenn Ihnen an dem Professorat in Göttingen gelegen ist, so gehen Sie über Hannover nach Göttingen, und seyen versichert dass das Ministerium Sie gegen alle unangenehme Vorfälle schützen, und dass die Vocation nach Göttingen die gewisse Folge dieser von dem Ministerio allein freundschaftlich vorgeschlagenen Reise seyn wird. Wie Sie aber dieses ihrem Landesherren vortragen sollen, das ist für mich der schwere Punkt, wo ich keinen Rath weiss, und worüber ich heute mit Herrn von Bremer sprechen will. Mir deucht das Ministerium sollte Sie durch ein Schreiben zu dieser Reise im Namen des Königs bitten, Ihnen die Reisekosten bezahlen — und alsdann könnten Sie dieses Schreiben — der Himmel weiss auf welche Art — ihrem Landesherren vorzeigen. 12. Januar. Westfeld und Brandes waren nebst mir bey Herrn von Bremer gestern zum Essen. Ihre Sache ist gestern Morgen im Ministerio vorgekommen, und abermal mit der grösten Theilnehmung behandelt worden. Herr von Bremer sagte mir folgendes als Resultat: 1. Weil Sie doch wegen einem gewissen Legat in der Noth- wendigkeit seyen den Doctorhut anzunehmen, so sey es die schicklichste Sache von der Welt ihrem Landesherren zu sagen dass Sie in dieser Absicht eine kleine Reise nach Göttingen machen wollen. 2. Zu diesem Doctorhute werde das Ministerium die Unkosten hergeben. 3. Der theologischen Facultät in Göttingen werde das Ministerium befehlen Protocoll zu halten von dem was zwischen ihr und Ihnen bey der feyerlichen Unterredung sey gesprochen worden, und dieses Protocoll hierher zu schicken. 4. Professor in Göttingen sollen Sie alsdann auch werden, so gewiss als Sie itzt Consistorialrath in Bückeburg sind — 28 — 5. Herr Westfeld soll am Ende dieser Woche oder am Anfange der künftigen an die Grentze an Sie deputirt werden, um Sie zu bereden — weil Herr von Bremer glaubt, dass ich zu sehr ihrer Meinung sey, und nicht kräftig genug sie animire ihre Scrupeln fahren zu lassen. Auf dieses alles habe ich geantwortet: Vollkommene Sicherheit von Seite des Ministerii gegen alle Chicanen und Consequenzenmachereyen der Fakultät sey Antwort auf ihre mei sten Objectionen. Sicherheit in Absicht auf die darauf folgende gewisse Erwählung zum Professorate mache alles leicht. Ihre anderweitige eingestan den e Absi ch t Doctor zu werden mache den Vortrag an ihren Landesherrn leicht. Sicherheit in allem für S i e gebe mir auch Muth zu allem, und nun könne ich mit gutem Gewissen schreiben: Herder komm! Will's Gott ist nun dieses auch das Ende von dieser langen für Sie und ihre Freunde so verdrüsslichen Unterhandlung. Ihre dortige Lage, liebster Mann, muss durch dieses alles die unangenehmste von der Welt geworden sein; ihre Lage in Göttingen, wenn Sie des Doctoratus wegen hinkommen, wird gerade das Gegentheil von allem seyn was Sie vermuthet haben, Sie werden die Fakultät sehen - wie Staub zu ihren Füssen. Auf künftige Ostern hoffet Herr von Bremer Herders Sommervorlesungen in Göttingen angeschlagen zu sehen. Nun liebe Freundinn verlange ich auch von Ihnen, dass Sie ihren Mann beym Kinn nehmen, streicheln, küssen und auf alle Weise liebkosen — damit er komme. Adieu. Durch die erste Post bitte ich mir unfehlbar einen Empfangschein für diesen Brief aus. (Dieser Satz ist von Herder durchgestrichen und durch folgende Bemerkungen ersetzt worden:) Um Herrn Westfeld vorzukommen, schicke ich Ihnen, lieber Herder, diesen Brief durch einen Expressen, bitte mir durch denselben auch Antwort aus, aber dem Minister, ihrem Freunde, zeigbare Antwort, womit ich ihn alsdann überraschen werde. Aber, Freund, verstehen Sie mich ja nicht unrecht, der Expresse ist bezahlt, vor der Abreise bezahlt. * 4. Hannover 22. Februar 1776. Sie lassen mich doch gantz erbärmlich stecken, mein verehrter Freund. Den 31. Januar schrieben Sie mir Sie seyen zu dem sauren Gange nach Göttingen fertig. Ich theilte diese Nachricht dem - 29 — Minister, Herrn von Bremer, so fort mit; und dieser erwartete Sie, so wie ich, in den nachfolgenden Tagen jede Stunde. Den 6. Februar gaben Sie mir Nachricht von dem herrlichen Ruffe nach Weimar durch Göthens gewaltige Hand bewirket, empfohlen mir aber das Stillschweigen. Ich wich indessen Herrn von Bremer aus, und hofte dass Sie ihm bald diese Nachricht selbst geben würden. Den 14. Februar berichtete mir Frau von Low dass Herr Brandes an Herrn von Bremer habe wissen lassen dass Sie als General- Superintendent nach Weimar berufen seyen ; dass Sie zwar den Ruf noch nicht angenommen haben, aber denselben annehmen werden, wenn man Ihre Bedinge genehmige. Nun ward in mich gedrungen, ob ich nichts wisse, ob Sie mir nicht schreiben, ob, ob, ob? Auf alls dieses muss ich immer antworten nein, nein, nein. Warum schreiben Sie mir doch kein Wort, lieber Herder. Warum setzen Sie mich nicht in den Stand dass ich mich vor Herrn von Bremer darf sehen lassen ? Wissen Sie weiter nichts von Weimar, so sagen Sie mir doch dass Sie weiter nichts wissen. Insonderheit sagen Sie mir was ich dem Herrn von Bremer antworten soll, wenn er nach Ihnen fragt? Gedenken Sie doch auch nur einen Augenblick welche Rolle Sie mich spielen machen. Mir ist itzt auch bald in Absicht auf Weimar bange. Bey diesem schrecklichen Zögern ahndet mir als wenn auch da der Teufel wieder im Spiele wäre. Um Gottes willen reissen Sie mich aus der tödenden Ungewissheit? J. G. Zimmermann. Sie haben doch meinen Brief vom 7. Februar erhalten? Ich habe vier gedruckte Bogen von Lentzens Soldaten, aber noch keine Dukaten. Aufschrift: An Herrn Herrn Consistorialrath Herder franco. in Bückeburg. Vgl. die Anmerk. 2 zu Nr. 17. p. 360. „Zimmermann hatte ihn (Herder) am 22. (Febr.) auf das dringendste beschworen, ihn doch vom Stande der Weimarer Angelegenheit zu unterrichten, damit er Red' und Antwort stehen könne." * — 30 - 5. Elsau, den 17. Heu Monat 74. Mein Theuerster Lavater ! — Dass in und um Zürich herum viel Gered und Lärm um Herders himmlisches Buch ist, wissen Sie ohne Zweifel und sahens vorher und wundern sich nicht darüber so wenig als ich — Was ja von je Welten her das Schicksal jedes ausserordentlichen Genies! Man neidt ihm seine Grösse mit der über andere hervorragt, und hält sich stark darüber auf dass's nicht mit andrer Schaar auf gleichem Wege fortrennt—Und wenn's dann noch so manchem der doch auch meint einen Namen zu haben auf der Erde, so muthig gegen die Stirn fahrt und an's Herz greift, was kann in unsrer Welt am Anfang und End entstehen, als Hohn und Spott und Lästerung — Was dann bei Herdern umso mehr zutrifft, weil seine nervigte Sprache manchem Torheit und Aergernis ist und Dunkel verbreitet. Hätt Er im schleichenden gewässerten Tone unserer hoch und wohlberühmten Schriftsteller geschrieben — vielleicht würd' mancher, der jtzt muthig mit verurtheilt, des Rühmens kaum satt, so wenig dann auch an eines solchen Rühmen gelegen sejn mögte. — Aber dies sind dann eben die Herren die zurückfahren wenn Selbstdenken und angestrengtes Aufmerken Noth ist, und nicht jede Idee quoad materiam et formam fein gerad und sachte ohne unter weges anzustossen in die Seele fahrt, und sich gar freundlich an die schon vorhandenen anschliesst — und dann giebts eben den Lärm und Unsinn und Schwärmerey — und da hätt ich auch guter Dinge eingestimmt wenn diess Buch vor ein paar Jahren erschienen wäre — aber nun ist's anders — Genug kann ich Ihnen und keiner Seele sagen und rühmen, was mir Herder ist — wie viel ich schon von ihm gelernt und durch ihn gefühlt habe — Im ersten Theil so simpel, so klar, so in die Augen springend — dass einen Wunder nimt wies unsere bisherige Bibelerklärer so unsinnig vorbeigerennt sind — Vielleicht wars ihnen aber zu simpel und gelehrter Kram zu viel werth — Ich hab' meine Bücher, deren ich ein schön Theil gelesen, auf die Seite gelegt seit ich Herdern gelesen — wo sie dann auch wohl liegen werden — manche für immer. Und wenn sich auch kein Mensch mehr Herders Buch loben würde, so würd' ich mirs doch loben und unentwegt zusehen der gantzen Schaar Lacher und Schmäher und aufgebrachten Vorurtheil, und treu seyn der Wahrheit Wie, u. Wo und Wenn sie mir in die Seele leuchtet, sie festpflanzen ins Herz sie mit der Zunge zu lehren, und Will's Gott! mit dem Leben zu — 31 — folgen, und leuchten zu lassen im stillen Vorbild! — Herder begleitet mich auf allen meinen Wegen, und öfnet mir Aug und Hertz zu sehn die schöne Natur, und in derselben zu fühlen — Gott. — O wie manche Freuden-Thräne in sanfter Entzükung die Brust voll süsser unaussprechlicher Gefühle schlich sich schon meine Wange herab am frühen Morgen oder beim Untergang der schönen Sonne. — Neues Leben, Neue Freude und neues Gefühl hat Herders Buch in mich ausgegossen — Heil Ihm, in Ewigkeit! — Ohne Zweifel hören Sie Herders Buch öfter und wärmer loben — hören Sie auch diess aus der Hertzenfüile eines Unmündigen. — Soviel und nichts Wichtigers weiss ich Ihnen zu schreiben — Womit ich denn auch hätte zu Hause bleiben mögen — wenn ich Ihre Liebe und Güte und Milde nicht kennte. — Was soll unser einer Ihnen wohl sagen, dass Sie nicht schon 100 mal besser wissten und also ganz wohl entbehren könnten? — - Ich siz in einem Winkel den niemand als ein verirrter Wanderer findet, entfernt von allen die meine Seele liebet, seufz' 10mal des Tages über Augen die nicht sehen und Ohren die nicht hören — muss mich eines sparsamen Briefwechsels statt persönlichen Umgangs, genügen, und was soll unser einer Ihnen da wohl schreiben!! Oft denk' ich des Tages an Sie, und mögt jede Freude und jedes Gute, das ich finde, hertzlich gern mit Ihnen teilen — und stell' mir dann auch etwas so in Gedanken vor, wies mir dann seyn werde ; wenn ich mit Ihnen und dem was Sie in Hertz und Seele haben näher bekannt, erleuchtet von Ihrem Licht und von Ihrem Feuer erwärmt, diess Licht und Feuer auch will der ausser mir, nach der Gaabe und Gelegenheit die Gott darreicht, ausbreiten werde. — Lavater! Sie sinds, die mich am ersten des Irthums gebahntem Pfad entrissen, und aufgeweckt und entzündet haben die Straalen, die aus der Quelle alles Guten in jedes Menschenherz gesenkt sind — Nun nichts mehr als — Leben Sie im Genuss Ihrer Freunde, und im innigen Gefühl der Güte Gottes ruhig und glücklich! — Ihre Kur dien' Ihnen zur festen Gesundheit, und dadurch vielen Menschen zum ewig reichen Segen! Kommen Sie bald wieder zu Ihren liebenden und Geliebten in Zürich, wo auch ich die Wonne zu geniessen hoffe, Ihr Antlitz zu sehen — Ich bin mit dem aufrichtigsten Herzen Ewig Ihr Ergebenster Häfeli. — 32 — Gedenken Sie meiner vor Gott unsrem Vater! Lassen Sie mich und meine Geliebte, die Sie herzlich grüssen lässt, ferner Ihrer Liebe empfohlen sein! — Gott sey mit Ihnen allezeit! Leben Sie glücklich — recht glücklich! * * * Den vorstehenden Briefen Zimmermanns an Herder haben wir einen Brief des Theologen Häfeli beigefügt, um den gewaltigen Eindruck zu schildern, den Herders Aelteste Urkunde des Menschengeschlechtes gemacht hat. Düntzer hat B. II, S. 111, Anm. 1. mit wenigen Worten auf diesen Brief hingewiesen. Den Anfang dieses Schreibens, das auf Herder keinen Bezug hat, müssen wir des allzu knapp bemessenen Raumes wegen ausfallen lassen. Dieselbe Rücksicht gebot auch, die Hinweise auf benutzte Schriften in den Text zu setzen, anstatt sie als Anmerkungen zu geben. Die Briefe Herders an Zimmermann und an die Vertreter der Regierung in Hannover sind in den beiden oben erwähnten Schriften von E. Bodemann zu finden. Ein Abdruck einiger dieser Briefe würde Herders Wesen und seine Stellung zur Göttinger Professur beleuchtet haben; doch auch darauf mussten wir des Raumes wegen verzichten. Wir haben oben schon darauf hingewiesen, dass Düntzer in seinem Werke die ursprüngliche Schreibart der Briefe vielfach geändert hat, dass manche Briefe sehr gekürzt worden sind, andere dagegen überhaupt nicht aufgenommen wurden. Besonders in den Goethebriefen ist die Schreibart vielfach nicht gewahrt, wenn auch hier der Wichtigkeit der Briefe stets Rechnung getragen ist. Unter diesen Goethebriefen befindet sich auch der Bericht über den Ausfall der Franzosen auf Marienborn, den der Dichter mit geringen Aenderungen in seine Beschreibung der Belagerung von Mainz aufgenommen hat. Zum Schlüsse ist es mir eine angenehme Pflicht, Frau B i 11 o n- H a 11 e r meinen verbindlichsten Dank dafür auszusprechen, dass sie mich mit der Durchsicht der Briefsammlung und deren wissenschaftlicher Bearbeitung betraut hat. Worms, den 4. März 1910. Prof. D. Bonin, Grossh. Oberlehrer. Gedenk mich und m Ihrer Liebe Leben Den vo einen Brief Eindruck zu Menschen: Anm. 1. mit Anfang diese wir des allz Dieselbe Rü in den Text Briefe Herde in Hannover E. B o d e m würde Herd* beleuchtet he verzichten. Wir hat seinem Wert ändert hat, c dagegen übe Goethebriefe hier der Wie diesen Goeth fall der F geringen Aei Mainz aufgei Zum Sc H a11 e r me sie mich mit schaftlicher W o r m: Itter! Lassen Sie l.sen lässt, ferner :n allezeit! Herder haben wir n den gewaltigen Urkunde des r hat B. II, S. 111, jngewiesen. Den ezug hat, müssen ausfallen lassen. Ibenutzte Schriften en zu geben. 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