Beilage zum 12. Jahresbericht des Gymnasiums mit Realschule i. E. zu Zehlendorf. Ostern 1909. Eine Reise an den Von Dr. Paul Bahr, Oberlehrer. Zehlendorf 1909. Programm 1909. Nr. 107. 9 % C (13 <25 ) U fllkJR eine Ferienreise, sollte die eines gewöhnlichen Touristen sein, d. h. sie sollte der Erholung "w 1 und dem Vergnügen dienen und jeder Gedanke an Beruf und des Tages Arbeit möglichst weit verbannt werden. Aber Tag für Tag habe ich dennoch an die Schule denken müssen. Wenn man Orte und Gegenden zum ersten Male bereist, die man im Lauf der Jahre im Unterricht wohl hundertmal genannt hat, Orte und Gegenden, die man aus Studium und Büchern genau zu kennen glaubt, und sieht sie nun selbst in voller Wirklichkeit und Lebendigkeit, da drängen sich die Gedanken an Schule und Unterricht, die man zu verscheuchen wähnte, ungewollt und unwiderstehlich wieder auf. So mögen auch meine Schüler, da ich ihrer oft gedacht habe, meine Reiseerlebnisse freundlich aufnehmen Die Einleitung für die Schweiz bildete Freiburg und ein Abstecher in den Schwarzwald. Gleich auf dem Freiburger Bahnhof hatte ich eine Begegnung, die ich mir als glückverheißendes Omen deutete. Im Gebirgskostüm mit übergestülptem Poncho trat mir einer meiner Untersekundaner entgegen, den ich freudig begrüßte. Man will der Heimat entfliehen, und doch erfreut in der weiten Ferne nichts mehr als der Anblick eines bekannten Gesichtes Mein einziger Gang in Freiburg galt, wie konnte es anders sein, dem Münster. Noch ehe ich es genauer ins Auge faßte, wurde meine Aufmerksamkeit erregt durch einen größeren Taubensch warm, der von der Höhe des Turmes herab flatterte und sich in meiner Nähe niederließ. Im Türrahmen des nächsten Hauses stand ein junges Mädchen und streute mit reicher Hand Körner aus. Es war ein anmutiges Bild. Eine Erklärung für die zunächst überraschende Freigebigkeit fand sich bald. Die Ladeninschrift zeigte die Bezeichnung: „Samenhandlung". Es erinnerte mich an die zahlreichen Tauben auf dem Langen Markt zu Danzig. Auch dort pflegen sie sich vor einem bestimmten Hause zu versammeln, am Neptunsbrunnen vor dem herrlichen Artushofe, in dem die Getreidebörse abgehalten wird. Der Markusplatz in Venedig muß also seinen Ruhm mit anderen Plätzen teilen. Der Turm des Freiburger Münsters gilt als der schönste, den es überhaupt gibt. Namentlich rühmt man die unübertroffene Eleganz, mit der er aus dem Viereck ins Achteck übersetzt. Bei der Umwanderung der Kirche war ich besonders gespannt auf den Eindruck, den mir das berühmte Maßwerk der Bogenfenster, für das man in der Litteratur der Baukunst den Namen „Fischblasen" gewählt hat, machen würde. Aus den Spezialabbildungen der Fenster in kunstgeschichtlichen Werken ersieht man, daß die Spitze des Bogens, beeinflußt von dem ihm eigentümlichen Maßwerk, nicht immer in der Mitte, sondern öfter etwas zur Seite gerückt ist. Ich muß gestehen, ich habe sehr genau hinsehen müssen, um diese schiefachsigen Fenster herauszufinden. Was im Bilde als künstlerische Caprice störend wirkt, beeinträchtigt in der Wirklichkeit in keiner Weise die hohe Harmonie. Denn harmonisches Flbenmaß ist gerade das Kennzeichen dieses Werkes trotz der langen Bauzeit von 300 Jahren. Es steht da wie aus einem Gusse. Der Kenner unterscheidet wohl die Feile der einzelnen Bauperioden, aber eine seltene Gunst des Schicksals hat es gefügt, daß die Meister, obschon sie im \ 4 Sinne ihrer Zeit schufen, voll Pietät vor dem von ihren Vorgängern Geschaffenen in deren Geist den Bau fortzuführen suchten, vor allem aber, daß der Turm ganz nach dem ursprünglichen Plane in einem Zuge in verhältnismäßig kurzer Zeit vollendet werden konnte. Das Überladene und das so zu sagen Aufgelöste anderer gotischer Bauwerke fehlt hier, in künstlerischer Absicht ist auf jeden figürlichen Schmuck mit Ausnahme der Portale Verzicht geleistet, die Architektur an sich soll wirken, ein weises Maßhalten hat die schweren Mauermassen mit den leichten, spielenden Zieraten in ein schönes Gleichgewicht gebracht. Die Beschränkung der räumlichen Abmessungen — der Turm ist nur 115 m hoch, der Ulmer Dom 160, der Kölner 156, das Straßburger Münster 142 m — kommt der Übersichtlichkeit des Ganzen zu statten. Es ist groß genug, um das Gefühl des Erhabenen zu wecken, und klein genug, um vom Auge ohne Schwierigkeit auch in den Einzelheiten erfaßt werden zu können. Auch das Innere zeigt diese Vorteile, der Raum ist leicht zu überblicken, die Details gehen nicht verloren, Pfeiler und Gewölbe sind einfach und schlicht. Und doch, welche Stimmung! Man fragt sich, woher diese stammt, und findet dann, daß es der Farbenzauber der Glasmalereien ist, der den Raum durchatmet und zu verklären scheint. Von dem bildnerischen Schmuck der Vorhalle haben besonderen Eindruck auf mich gemacht die fünf klugen und die fünf törichten Jungfrauen, ein Motiv übrigens, das keinem der größeren Dome zu fehlen scheint. Die schöne Haltung der einzelnen Figuren ist stets verschieden, aber es herrscht in jeder der beiden Gruppen hier der Gleichklang der Freude, dort der Trauer. Der Faltenwurf der Gewänder, ruhig bei aller Mannigfaltigkeit, zeigt schönen Fluß der Linien. Die Bemalung ist zwar modern, doch sehr geschickt und unaufdringlich erhöht sie die lebendige Wirkung. Ebenso vorzüglich erschien mir im Innern die Madonna mit dem Kinde zwischen den beiden Leuchter tragenden Engeln. Das Wort Winckelmanns von der edlen Einfalt und stillen Größe paßt auch auf diese anmutvolle, zarte und keusche Gestalt. Von Freiburg machte ich einen Abstecher in den Schwarzwald. Die Bahn, das Höllental hinauf, hat eine bedeutende Steigung, so daß sie zum Teil Zahnradbetrieb hat und der Zug von zwei Maschinen, eine vorn und eine hinten, gezogen und geschoben wird. Ich bemühte mich, während der Fahrt etwas von dem anstehenden Gestein zu erspähen, was mir aber nicht gelang. An der Nordseite des Tales, an der die Bahn entlang führt, ist sie zwar häufig in die Felsen gesprengt und geht durch verschiedene Tunnel, aber die Felsen stehen zu nahe, daß ihre Natur bei der Geschwindigkeit erkannt werden könnte, und die gegenüber liegende Südseite ist hingegen zu weit entfernt, außerdem verhindern die starke Bewaldung, die vorgeschrittene Verwitterung und eine reiche Moos-und Flechtenvegetation eine genaue Beobachtung. Die steilen und hohen Wände zeigen, daß das Tal tief eingeschnitten ist. Besonders malerisch ist die eigentliche Höllentalschlucht. Vom Titisee aus wanderte ich zu Fuß auf den Feldberg auf einer Strecke des sehr geschickt angelegten Höhenweges, der Pforzheim und Basel verbindet. Es war ein Regentag, in Umwandlung zu besserem Wetter begriffen. Das lebhaft bewegte Wasser des JSees war dunkel gefärbt von einer schweren Wolke, die darüber hing. Über dem Bärental aber brach die Sonne schon durch. Der Gegensatz der Beleuchtung war sehr wirkungsvoll. Der Aufstieg auf diesem Wege ist sehr bequem, natürlicherweise, denn der Schwarzwald ist kein Kammgebirge, sondern ein Plateau, das sich allmählich von Westen nach Osten senkt. Schon dies errinnert lebhaft an den Harz. Dazu kommt der "gleiche Nadelwald und dasfgleiche Gestein, Gneisgranit,® das ich nun endlich zu sehen bekam. Auch die Zerklüftung in viereckige Blöcke und Türme weckt die Erinnerung an das allerdings großartigere Trümmerfeld der Hohneklippen. Schließlich die 5 gerundete Kuppe des Feldberges scheint eine größere Nachahmung des Brocken. Die Ähnlichkeit wird dadurch vollkommen, daß beide Berge dem Gebirgsrande nahe stehen. Diese Gedanken beschäftigten mich bei der Wanderung vornehmlich. Außerdem aber gab das Bärental mit dem Titisee an seinem unteren Ende eine neue Anregung. Sollte es vielleicht das Bett eines;ehemaligen Gletschers sein? Die Bestätigung hierfür erhielt ich am anderen Morgen am Feldbergsee, der das obere Ende des Bärentals bildet. Der Felsencirkus, in dem der kreisrunde See eingebettet liegt, ist den Scenerien am Großen und Kleinen Teich und den Schneegruben im Riesengebirge — freilich fehlt hier der Wald — so ähnlich, daß meine Gletschertheorie zur Gewißheit wurde. Das Glück einer freien Aussicht vom Feldberg wurde mir nicht zuteil. Ich bedauerte es deshalb besonders, weil ich Ähnlichkeiten und Unterschiede mit dem Brocken und der Schneekoppe auch in dieser Beziehung gern festgestellt hätte. Denn das, was man sich theoretisch darüber sagen kann, stimmt oft mit der lebendigen Wirklichkeit nicht überein. Ursprünglich hatte ich beabsichtigt, dem Schwarzwalde noch ein paar Tage zu widmen und auch dem Belchen und dem Blauen einen Besuch abzustatten, aber mein eigentliches Reiseziel, die Schweiz, lockte zu gewaltig. So eilte ich so schnell wie möglich Basel zu. Basel zählt unter 100000 Einwohnern 140 Millionäre. Das wird nicht zufällig sein. Die Gunst der geographischen Lage hat hieran sicher ihren Anteil. Zwei große europäische Verkehrslinien kreuzen hier, von Deutschland durch die Oberrheinische Tiefebene über die Schweiz durch die Gotthardstraße nach Italien und von Frankreich durch die Burgundische Pforte rheinaufwärts zum Bodensee, über die Schwäbisch-Bairische Hochebene die Donaustraße abwärts nach Österreich und dem Orient. Vier schöne Gebirge verschiedener Art sind von hier aus leicht zu erreichen. Der Schwarzwald, die Vogesen, der Schweizer Jura liegen so zu sagen vor der Tür, eine kurze Eisenbahnfahrt führt ins Herz der Alpen. Für den Touristen ist die Stadt, die fast durchweg ein modernes Aussehen hat, nur ein Durchgangspunkt. Gerühmt wird das Historische Museum, dessen Besichtigung ich leider versäumt habe. Dem Rathause, das aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts stammt, konnte ich mit seiner Buntheit nur wenig Geschmack abgewinnen. Auch das gotische Münster aus rotem Sandstein mit interessanten älteren romanischen Teilen wirkt trotz seines grell bunten Daches nüchtern, der Reiz des Freiburger Münsters ist noch zu mächtig. Aber schön ist der Blick von der Pfalz, einer Terrasse zwanzig Meter hoch über dem Rhein, stromauf und stromab und auf die nahen Höhen des Schwarzwaldes, warm leuchtend in der Abendsonne. Die Lehrbücher der Geographie schildern den Schweizer Jura als ein regelmäßiges Faltengebirge, dessen Ketten und Täler parallel mit einander dahinziehen. Die Kämme laufen gleichmäßig ohne größere Erhebungen, die südöstlichen am Rande der Schweizer Hochebene sind die höheren, nach Nordwesten werden sie immer niedriger, so daß das ganze Gebirge schließlich einen plateauartigen Charakter annimmt. Beim Antritt der Fahrt quer über den Jura von Basel nach Ölten erwartet man also nicht viel. Um so angenehmer ist man enttäuscht, wenn man das Tal der Ergolz erreicht und die schön bewaldeten Höhenzüge erblickt, die durchaus nicht so eintönig sind, wie man befürchtet hat. Von rechts her kommen die Ketten mehrfach gerade auf die Bahnlinie zu, so daß man sie von ihren Schmalseiten sieht, die sich als richtige Berge repräsentieren. Zwischen ihnen kann man die Täler der Länge nach weithin verfolgen. Vor Sissach grüßt das Schlößchen Ebenrain von hoch oben herunter. Dann gelangt man in das enge und malerische Homburger Tal, an seinem Südende geschlossen durch Querrücken, die die Bahn in zwei Tunneln durchbrechen muß. Kurz darauf stellt sich die Hauensteinkette in den Weg, durch die ein 2700 Meter langer Tunnel hindurchführt. In großem Bogen geht es hinab nach Ölten an der Aare, und die Schweizer Hochebene ist erreicht. Bei Aarburg verläßt man die Aare. Und wirklich, breit und eben dehnt sich die Landschaft und rechts und links Wiesenflächen. Aber bald wird man inne, daß das Wort Ebene schlecht gewählt ist. Der Boden wird welliger und Höhenzüge erscheinen, die man bei uns im Flachlande getrost als Berge ansprechen würde. Freilich auf der Heimreise, noch erfüllt von dem gewaltigen Eindruck der Hochgebirgswelt, sieht man in ihnen nur Hügel. Ein neues Bild : der Sempacher See, acht Kilometer lang zieht sich die Bahn hart an seinem Ufer hin, und man hat Zeit, an die Schlacht von 1386, an Arnold von Winkelried und Leopold von Österreich zu denken. Bis kurz vor Luzern folgt ziemlich ebenes Land. Der Blick schweift hinüber nach Süden, wo höhere Berge auftauchen, vorläufig ein großes Durcheinander, dessen Entwirrung man mit Sehnsucht erwartet. Plötzlich hat man neben sich schnell fließendes, klar grünes Wasser, es ist die Reuß. Jetzt fährt man entlang an einer senkrechten Felswand, ein Tunnel, noch ein Tunnel, und bald hält der Zug in einer großen, großstädtischen Bahnhofshalle. Alles aussteigen, Luzern! Aber bevor wir den Bahnhof verlassen, muß ich noch meiner Reisegefährten gedenken, die mir schneller, als ich gedacht, es zum Bewußtsein brachten, daß die Schweiz ein echtes Grenzland ist, in dem drei Sprachgebiete, das deutsche, das französische und das italienische zusammenstoßen. In Aargau waren in meinen Wagen gestiegen eine ärmlich gekleidete Frau, deren lebhafte, schwarze Augen und lebendiges Wesen sogleich die Südländerin erkennen ließ, und zwei Kinder, ein Knabe von neun und ein kleines Mädchen von zwei Jahren. Ich hatte mich nicht getäuscht, sie sprachen französisch, aber einen dumpfen ländlichen Dialekt, von dem mir zuerst kein Wort verständlich war. Bald merkte ich, daß sie ihrerseits nicht deutsch verstanden. Ich fragte allerlei und brachte den Sinn ihrer Antworten mit einiger Mühe heraus, doch gelang es mir nicht zu erfahren, woher sie waren. Ich vermutete, daß sie irgendwo aus dem Jura stammten. Aber der Name „Jura" war ihnen völlig unbekannt. Da Italo, wie der Junge auffallenderweise hieß, aufgeweckt war und seinem Alter angemessene Schulkenntnisse hatte, zeigte ich ihm eine Spezial- karte aus dem Bädeker und las ihm einige.Namen vor. Endlich blitzte es in seinem Auge auf. Tavannes, Bevilard, Recouvillier und schließlich Malleray, das war's, das war sein Heimatsdorf. Mehrere Male wiederholte er den Namen, der freilich in seiner Aussprache Malrairet klang. Unsere gegenseitige Freude, daß wir es endlich gefunden hatten, war groß. Als ihr Reiseziel gaben sie Chiasso an. Zu meiner Verwunderung brauchte die Frau einige italienische Worte. Als ich daraufhin italienisch sprach, antwortete sie mir ebenfalls italienisch. Es stellte sich heraus, daß sie eigentlich Italienerin war. Meine Vermutung also, daß ich es mit einer Südländerin zu tun hatte, war noch richtiger, als ich ursprünglich angenommen. Den Kindern war außer wenigen Brocken das Italienische fremd. Wie das Schicksal die Frau, deren Sehnsucht nach der alten Heimat ihren Erstgeborenen Italo nennen ließ, in das französische Juradorf verschlagen hatte, habe ich leider nicht mehr in Erfahrung bringen können. Wahrscheinlich ist mir so ein ganzer Roman verloren gegangen. Obgleich Luzern für mehrere Tage mein Standquartier war, habe ich von der eigentlichen inneren Stadt wenig gesehen. Denn mein Hauptinteresse wandte sich sofort dem Vierwaldstätter See zu. Nur das Löwendenkmal und den Gletschergarten durfte ich natürlich nicht versäumen. 7 Der neun Meter lange Löwe ist nach einem Modell von Thorwaldsen in zweijähriger Arbeit von dem Bildhauer Ahorn aus einer senkrechten Sandsteinwand, die schräge nach rechts aufwärts geradlinige schöne Schichtung zeigt, herausgearbeitet. In dem Leibe des hingesunkenen Tieres steckt abgebrochen eine Speerspitze, noch im Tode scheint es den Lilienschild der Bourbonen zu schützen. Über ihm steht in großen Lettern eingemeißelt: Helvetiorum Fidei Ac Y'irtuti, unter ihm 26 Namen der Offiziere der Schweizergarde Ludwigs XVI., die 1792 in den Tuilerien der Wut der französischen Revolution zum Opfer fielen. Das Denkmal wirkt überaus stimmungsvoll und ergreifend. Dicht daneben befindet sich der berühmte Gletschergarten, eine Sehenswürdigkeit, die in grauer Vorzeit die Natur selbst geschaffen. Auf einer kleinen Wiese mit drei Birnbäumen sollte im Herbst 1872 ein Keller gegraben werden. Wenige Fuß tief stieß man auf festen Sandstein und in diesem auf eine ziemlich umfangreiche, tiefe Höhlung. Glücklicherweise wurde sofort der größte Kenner der Schweizer Geologie, der Professor Albert Heim, benachrichtigt, der eine Zerstörung des Felsbodens durch Sprengung verhindern konnte. Bei weiterer Abräumung der oberflächlichen Erdschichten fand man noch eine ganze Reihe solcher kesselartigen Löcher mit glatten Wandungen und unten auf dem Boden der Riesentöpfe einen oder mehrere kugelförmige Blöcke. Auch die Felsfläche zwischen den Kesseln ist abgeschliffen und nach einer Richtung hin gestreift. Es war kein Zweifel, es war die Unterlage eines alten Gletschers. Die Entstehung dieser Gletschermühlen, wie man sie treffend genannt hat, denkt man sich folgendermaßen. Der Gletscher, der einst diese Gegend in großer Alächtigkeit — Mächtigkeit ist der geologische Ausdruck für Dicke einer Schicht — bedeckte, war gerade hier von Spalten durchsetzt. In diese schössen die Schmelzwasser der Oberfläche des Gletschers wie Wasserfälle hinab und höhlten auf dem Grunde der Spalten cylinderförmige Löcher aus, die sich immermehr vertieften bis auf die Felsunterlage und griffen auch diese allmählich an. Unterstützt und vermehrt wurde die schleifende und reibende Tätigkeit durch hineingefallene Gesteinsblöcke, die sich selbst, herumgewirbelt von den Wassern, kugelförmig abschliffen und die Erosionskessel in immerwährender, langsamer Arbeit schufen. Bei den meisten sind noch die Windungen zu sehen, die das hineinschießende Wasser spiralförmig ausgewaschen hat. Eine dieser Gletschermühlen hat man durch hineingeleitetes Wasser wider künstlich in Betrieb gesetzt. So kann man die Natur an Ort und Stelle bei ihrer Arbeit belauschen, und mit einem gewissen Vergnügen sieht man den Mahlstein sich drehen. So wunderbar dies alles ist, das Erstaunlichste jedoch war mir ein unscheinbarer etwa fußgroßer Stein, der aus der unmittelbaren Nähe des Gletschergartens stammt und hier aufgestellt ist. Zufällig wurde dieser Stein so gespalten, daß eine im Innern befindliche Versteinerung eines Fächerpalmblattes zu Tage trat. Der augenscheinliche, jedem Laien einleuchtende Beweis, daß in derselben Gegend, wo einst mächtige Gletscher den Boden bedeckten, in noch viel früherer Zeit tropische Wälder im Winde rauschten. Mit einem Blick überschaut man unermeßliche Zeilräume von vielleicht Millionen von Jahren. Hier predigen die Steine. Auch dem Verstocktesten muß eine Ahnung von Religion aufgehen, ein heiliges Gefühl muß ihn ergreifen der Demut, der Nichtigkeit und Kleinheit des Menschen, vor den Werken und vor der gewaltigen Schöpferkraft Gottes. In Verbindung mit dem Gletschergarten steht ein Museum, das für Geographen höchst lehrreiche Dinge enthält. Aus der reichen Fülle kann ich nur das Wichtigste hervorheben. Da ist 8 ein Pfahlbautenmodell, hergestellt nach den Angaben Ferdinand Kellers, des Gelehrten, der zuerst nach der Entdeckung der ersten Pfahlbauten im Züricher See im Winter 1853 auf 1854 diese wissenschaftlich untersucht hat. Nicht nur die Wohnart, sondern auch die Beschäftigung, das Leben und Treiben der Bewohner wird dargestellt. Eine Karte orientiert über die Verbreitung der bisher entdeckten Pfahlbauten. Besetzt sind namentlich die Ufer des Bodensees, des Greifensees, der Seen von Zürich, Zug und Sempach, des Bieler, Neuenburger, Murten und Genfer .Sees. Es fehlen Pfahlbauten im Walensee, Vierwaldstätter See, Brienzer und Thuner See. Vorzüglich ist die Sammlung von Reliefs, von den ältesten bis zu den jüngsten, an denen man die immer größer werdende Vollendung der Technik und die immer wachsende Naturtreue bewundert. Das älteste Relief der Schweiz stammt von dem Generalleutnant Ludwig Pfyffer. Es wurde begonnen im Jahre 1766 und vollendet im Jahre 1785, seine Herstellung hat also die Zeit von 19 Jahren erfordert. Es ist sieben Meter lang und vier Meter breit und ist aus 136 Stücken zusammengesetzt. Ein erstaunliches Werk, das besonders deshalb natürlich wirkt, weil Flächen- und Höhenmaßstab nur wenig von einander verschieden sind. Das Zweitälteste Relief veranschaulicht den Kampf des russischen Generals Suworow mit den FYanzosen am 1. Oktober 1799 im Muotatal. Verfertigt wurde es in den Jahren 1800 bis 1802 von einem jungen Manne aus Schwyz, dem späteren Hauptmann Niederost, der ein Augenzeuge der Schlacht gewesen war. Sehr schön und lehrreich ist das Relief eines mehrfach zusammengesetzten Gletschers von Professor Heim. Es ist ein idealer, kein wirklicher Gletscher, an dem alle Erscheinungen der Eisströme studiert werden können. Wissenschaft und Kunst haben sich verbunden, ein Werk höchster Naturtreue hervorzubringen. Ein Relief der Gotthardbahn von Luzern bis Locarno in dem großen Maßstabe von 1 : 25000 zeigt alle Höhenverhältnisse mit mathematischer Genauigkeit. Das ganze Gotthardgebiet mit allen Einzelheiten bis herab zu den Fußsteigen kommt zur Darstellung. — Ein Kunstwerk aber allerersten Ranges, die Krone von allem, ist das Säntisrelief von Professor Heim in dem erstaunlichen Maßstabe von ] : 5000, das nicht nur die Plastik, sondern auch die geologischen Verhältnisse in wunderbarer Weise zur Anschauung bringt. Außerdem befinden sich in nächster Nähe eine ganze Anzahl geologischer Karten und Profile derselben Gebirgsgruppe, so daß ein wissenschaftliches Studium in größter Vollständigkeit ermöglicht ist. — Sehr beachtenswert sind auch die geotektonischen Modelle aus den Alpen, jedes in zwei abnehmbaren, auf einander passenden Teilen, von denen der untere die heutige Form der Gebirge, der obere die nicht mehr vorhandene, wegerodierte Kappe zeigt. Die Lage der verschiedenen Schichten, das Zusammengehörige des in der Natur oft weit von einander Getrennten wird mit einnem Blick klar. Die Modelle sind nur schematisch und vermeiden alle Einzelheiten, für den Unterricht würden sie sehr geeignet sein. Ich wünschte, wir hätten einige von ihnen in unserer Schule. Eine Gesteinssammlung in 276 schönen Handstücken in geologischer Ordnung, eine Sammlung von Gesteinen des Mont Blanc in 80 Exemplaren, eine Sammlung der Schweizer Alpenflora und eine Sammlung von 91 Tieren der Alpen erwähne ich nur, um auch die Reichhaltigkeit des Museums nach dieser Seite hin zu zeigen. Bei der Besichtigung bedauert man nur immer wieder, daß die Zeit zu kurz ist, um alles seinem Werte nach gehörig würdigen zu können. Ein genaues Studium und ein zweimaliger Besuch, vor und nach einer Alpenwanderung, ist höchst empfehlenswert. Um das westliche Ende des Luzerner Seezipfels, da wo die Reuß in trichterförmigem Ausfluß den See verläßt, legt sich die Stadt herum, im Halbkreis eingefaßt von Höhen, die den Seespiegel um etwa 150 Meter überragen. Die Reuß teilt die Stadt in einen kleineren Süd- und 9 in einen größeren Nordteil, der auch am Nordufer des Sees sich hinzieht. Wenn man den Bahnhof verläßt, der im südlichen feile unweit des Sees sich befindet, betritt man einen großen Platz, über den hinweg man die weißen Dampfer an ihren Landeplätzen liegen sieht. Gleich rechts vom Bahnhof erblickt man ein burgartiges Gebäude mit der Aufschrift Fax in Riesenbuchstaben. Es ist ein Friedensmuseum, aber nie habe ich jemand herauskommen oder hineingehen sehen. Die Leute scheinen also auch hier dem Frieden nicht zu trauen. Ich selbst, der ich alle Gedanken an Krieg und Frieden, Politik und Zeitungen weit verbannt hatte, habe es natürlich auch nicht besucht. Geht man vom Bahnhof geradezu, so kommt man auf die 16 Meter breite und 152 Meter lange Seebrücke, die von Süden nach Norden da, wo See und Fluß ineinander übergehen, zum nördlichen Stadtteil hinüberführt. Von ihr nach rechts breitet sich die Aussicht über den See aus, nach links sieht man in der Nähe noch eine andere Brücke den Fluß durchqueren, seltsamerweise in schräger Richtung und zweimal im stumpfen Zickzack gebrochen, wahrscheinlich um besser dem Anprall der Wasser widerstehen zu können. Ihr Aussehen ist sehr altertümlich. Aus Holz gebaut, ist sie der ganzen Länge nach von einem Schindeldach überdeckt, dessen starkes, vielfältiges Balkenwerk, wie ich später bei einem Durchschreiten bemerkte, mit alten Bildern übermalt ist. Sie schildern Scenen aus der Schweizer Geschichte und aus dem Leben der beiden Schutzpatrone Luzerns, der Heiligen Leodegar und Mauritius. Kunstwerke sind es freilich nicht Mitten im Wasser, am zweiten Knick der Kapellbrücke, wie sie heißt, steht ein achteckiger steinerner Turm mit ebenfalls achteckigem Helmdach. An die Seebriicke schließen sich am Nordufer des Sees hinführend, also von West nach Ost, die Hauptverkehrsstraßen der Stadt, der Schweizerhofquai und der Quai National. Nach einem Uferstreifen, an dem sich auch hier einige Dampferlandeplätze befinden, folgt eine mit Bäumen bepflanzte Promenade. Die Bäume sind oben gekappt, also niedrig gehalten, und die dadurch stärker sich enwickelnden Aste der Längsrichtung des Weges nach gezogen, so daß ein fortlaufendes, ziemlich niedriges Blätterdach entsteht, das wirksamen Schatten zu spenden imstande ist. Eine Mode, die ich fast in allen größeren Schweizer Städten angetroffen habe, die eine Seepromenade haben. Dann folgt der Straßendamm, dann der Bürgersteig an den Häusern, die entweder elegante, großstädtische Läden enthalten oder, was meistens der Fall ist, Hotels sind. Diese letzteren sind dann noch in der Regel durch einen Vorgarten von der Straße getrennt. Besonders der Schweizerhof und das Hotel National sind fashionable und ersten Ranges, nur für reiche Leute bestimmt. Die teppichbelegten Marmortreppen und Marmorsäulen des Treppenhauses kann man von draußen bewundern. Vortreffliche Musik tönt oft aus den Fenstern, oder im Vorgarten wird am Abend ein prachtvolles Feuerwerk'abgebrannt. Das Publikum drängt sich davor auf der Straße und lauscht und schaut. Der Schweizerhof ist baulich großartiger, das Hotel National hat dagegen eine vornehmere Lage, denn es ist nur durch die Promenade vom See getrennt, während der Wagenverkehr durch die parallel laufende Haldenstraße an seiner Hinterfront vorbeigeführt wird. Hier findet man ein stetes Leben und Treiben, elegante Wagen, Automobile, die elektrische Straßenbahn eilen hin und wieder, auf den Promenaden bewegt sich eine frohe Menge, besonders an schönen Abenden scheint ganz Luzern, wenigstens alle Fremden, hier versammelt zu sein. Erwähnenswert ist noch die St Leodegarkirche als ein für das Stadtbild charakteristischer Punkt. Im Zuge des Schweizerhofquais, etwas zurückliegend aber erhöht gebaut, ist sie mit ihrer großen Freitreppe, ihrem romanischen Portal und ihren zwei spitzen Türmen von überall her sichtbar. Doch alles dies kann nur vorübergehend interessieren, dagegen immer wieder und dauernd fesselt uns die herrliche Aussicht, links und rechts eingefaßt von zwei Eckpfeilern, dem Rigi und 10 dem Pilatus. Wem schlägt nicht das Herz höher, wenn er diese beiden Berge, von denen er soviel gehört, die zu sehen er so lang ersehnt, zum ersten Male erblickt! Der Rigi mit seinem steilen Nordabfall scheint ganz nahe zu liegen, auf seiner Höhe erkennt man die Gebäude, auch am Abend mit ihrer funkelnden Lichterreihe; nach rechts hin dacht er sich in sanfter Wellenlinie ab, um sich im Vitznauerstock noch einmal zu erheben Darauf folgen weiter zurückliegende Schneeberge, ein Teil der Glarner Alpen mit ihrem Gipfelpunkt, dem Tödi, dann wieder vorgerückt der Nieder- und Oberbauen, deren Schichtenstruktur bis hierhin sichtbar ist, dann weiter im Vordergrunde die dunkle, steile Hammetschwand des Bürgenstocks, auf dessen oberem Rand das weiß leuchtende Hotel, rechts dahinter das Buochser- und Stanserhorn, zwischen ihnen wieder Schneeberge mit dem Titlis und schlieslich der vielgezackte, noch höher als der Rigi ragende Pilatus, dessen bekannte Wolkenhaube freilich häufig genug den Gipfel verhüllt. In der Aufzählung scheinen es nur Namen, aber in der blühenden Wirklichkeit wird jeder Berg bald ein Eigentümliches, ein Individuum, das man, je öfter und je länger man es schaut, lieb gewinnt. Welche Freude, wenn man aus anderer Umgebung oder aus der Ferne einen Berg, den man so kennen gelernt, wieder erblickt, man begrüßt ihn wie einen alten, trauten Bekannten. Nun aber lockt mit unwiderstehlicher Gewalt der See, man eilt, um auf dem Dampfboot noch einen günstigen Platz zu erhaschen. Zum besseren Verständnis der folgenden Beschreibung wird es sehr dienlich sein, eine Karte zur Hand zu nehmen. Inden meisten Atlanten ist gerade die Schweiz mit besonderer Vorliebe behandelt, so im Stieler, in Andrecs Handatlas, auch in den Schulatlanten, z. B. im Sydow-Wagner oder im Diercke-Gäbler. Letzterer hat gerade vom Vierwaldstätter See eine hübsche Spezialkarte. — Das Wasser, das der Dampfer durchfurcht, zeigt eine klare grüne Farbe, wie fast alle größeren Alpenseen. Besonders intensiv erscheint sie, wenn man vom Bord des Schiffes direkt in die Tiefe blickt. Die Aussicht verändert sich allmählich, sowie wir dem Ausgang der Bucht näher kommen. Links vom Pilatus erscheinen die Schneegipfel der Berner Alpen, unter ihnen Mönch, Eiger, Jungfrau, doch sind sie noch zu fern und unbekannt, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Das Nähere ist jetzt das Wichtigere. Der Dampfer nähert Hl! sich der Spitze, die die Luzerner Bucht von der von Küßnacht trennt. Es ist das Meggenhorn. Eine Reihe kleiner Felseneiiande umsäumen es. Aus dem Grün des Ufers tritt wie lebend heraus die überlebensgroße Gestalt des Christus von Thorwaldsen, er breitet die Hände, wie um die Reisenden zu segnen. Die Unterhaltung verstummt, und man fühlt, daß jedermann ergriffen ist. Bald darauf befinden wir uns im „Keuztrichter", von dem man bequem alle vier Buchten von Luzern, Küßnacht, Weggis und Stansstadt bis in ihre Tiefen übersieht. Wir nähern uns dem gegenüberliegenden Ausläufer des Rigi, dem Vorgebirge Tanzenberg, hinter dem das schöne Hotel Schloß Hertenstein mit seinem Park liegt, in dessen Nähe das Damplboot anlegt. Der südliche Abhang des Rigi zeigt sich deutlich, unten Ortschaften in Obstgärten, darüber Wald, darüber terrassenförmig rötlich schimmernde, senkrechte Wände, oben geradlinig wie mit dem Lineal abgeschnitten in sanfter Neigung von links nach rechts. Zum zweitenmal legt das Boot an, in Weggis. Wir widerstehen der Versuchung, schon jetzt auszusteigen, den von hier beliebten Aufstieg zum Rigi zu unternehmen. Der See hat bei Weggis etwa eine Breite von drei Kilometern. Gegenüber am andern Ufer dräut die Hammetschwand des Bürgenstocks, wie es scheint, in senkrechtem Absturz. Der oberste Teil der Wand wird durch einen 170 Meter hohen Aufzug erreicht. Bei der Fahrt schwebt man wie in freier Luft, gleichsam im Ballon. Der Dampfer führt am Rigiufer entlang bis Vitznau, dem Ausgangspunkt der Rigibahn. Wie ein Zirkus steigen die Hänge, zum Teil nackt, zum Teil bewaldet, auf, und man späht vergebens, wo die Bahn ihren Weg nehmen könnte. Von Vitznau wendet sich das Schiff südlich aus dem See von Weggis in das Becken von Buochs zwischen den beiden Nasen hindurch. Die Untere Nase westlich ist der Ausläufer des Bürgenstocks, die Obere Nase östlich der des Rigi. Gerade vor uns liegt die schöne Pyramide des Buochserhorns, weiter rechts etwas zurück das mehr abgeplattete Stanserhorn. Die nächste Station ist Buochs, wo die von den Engelberger Alpen kommende Aa mündet. Von Buochs über Stans nach Stansstadt zieht sich ein zwei Kilometer breites Tal hin, das den Bürgenstock von den übrigen Bergen trennt und so zu einem kleinen, isolierten Gebirge macht, wie es in ähnlicher Weise der Rigi ist, mit dem er auch geologisch die größte Ähnlichkeit hat. Man könnte ihn also mit Recht den Kleinen Rigi nennen. Das Boot bleibt zunächst am südlichen Ufer bis Beckenried, mit seinen gewaltigen Nußbäumen. Von hier geht der Dampfer zum nördlichen Ufer zurück, nach Gersau. Gegenüber baut sich prächtig in terrassenartigen Wänden der Niederbauen auf, etwas rechts guckt über den Kamm der Oberbauen hervor. Noch einmal cjuert der Dampfer den See zum südlichen Ufer, nach Treib, nahe dem westlichen Ende des Buochser Beckens. Unmittelbar am See, zum Teil sogar über ihm, erhebt sich hier mit blumengechmückten Fenstern und hochragendem Giebel eines der schönsten Schweizer I läuser. Dann wird Brunnen erreicht im Tal der Muottamündung, da wo der See aus der bisherigen Westostrichtung in rechtem Winkel nach Süden umbiegt. Der Vorzug der Lage Brunnens besteht also darin, daß man zwei Anne des Sees ihrer ganzen Länge nach überschauen kann. Aber auch landeinwärts ist der Blick einzigartig, man wird nicht müde, den prachtvollen Hintergrund zu bewundern, den die beiden stolzen Pyramiden der Mythen bilden, an deren Fuß sich Schwyz, eine ansehnliche Stadt von etwa 7000 Einwohnern, breit hindehnt. Dazu kommen die historischen Erinnerungen an die ersten Zeiten der Schweizer Eidgenossenschaft und ihre dichterische Verherrlichung durch Schillers Teil. Auf der Weiterfahrt kommen wir am Schillerstein vorbei, einer Felseninsel am gegenüberliegenden Ufer gerade an der Ecke der Umbiegung, die wie ein Obelisk aus den Fluten hervorragt, von dem in goldenen Lettern der Name des Dichters erstrahlt. Eine schöne Huldigung der dankbaren Schweiz vom Jahre 1859 zum hundertjährigen Geburtstage. Der Dampfer trägt uns hinüber zum Anlegeplatz der Rütliwiese, auf der der Sage nach die dreiunddreißig Männer aus Uri, Schwyz und Unterwaiden unter Führung von Werner Stauffacher, Erny von Melchthal und Walter Fürst am 8. November 1307 ihren Bund schlössen, der das Land von der verhaßten Herrschaft der Habsburger befreien sollte. Nun geht es immerfort südwärts zwischen den steilen Bergwänden hin, die jedem das Gefühl geben, auf einem echten Fjorde des entlegenen Norwegens dahinzuschweben. So andersartig erscheint hier die Umgebung, daß ein eigener Name für diesen Teil, der Urnersee, völlig gerechtfertigt ist. Die beiden Seiten gehen so senkrecht in den See hinein, daß die Axenstraße und die Eisenbahn am östlichen Ufer nur mit Mühe haben gebaut werden können und das westliche Ufer überhaupt keine Straße hat. Nach kurzem Aufenthalt bei dem Dörfchen Sisikon auf der östlichen Seite steuert der Dampfer in schneller Fahrt zurTellskapelle, deren 4 Freskogemälde die Hauptscenen der Sage darstellen: den Rütlischwur, den Apfelschuß, Teils Sprung und Geßlers Tod. Die letzte Viertelstunde führt uns zur Endstation, nach Flüelen, wo die Reuß als geradliniger, korrigierter Kanal sich in den See ergießt. Die Aussicht bis zum Schluß wird immer großartiger, die Schneefelder und Gletscher des Urirotstocks und die weißglänzende Pyramide des Bristenstocks, die scheinbar das Reußtal abschließt, locken zu neuen, unbekannten Zielen. Die Fahrt von einem Ende des Sees zum andern, vonLuzern bis Flüelen, eine Strecke von 38 Kilometern, dauert zwei und eine halbe Stunde, der 12 Schnelldampfer, der nur zweimal, in Vitznau und Brunnen, anlegt, braucht fast ebenso lange Zeit, nämlich zwei und eine viertel Stunde. Ich habe die einzelnen Teile des Sees, mit Ausnahme des Zipfels von Küßnacht, mehrfach nach den verschiedensten Richtungen befahren, die ganze Länge des Seesein Mal, aber in umgekehrter Richtung wie eben beschrieben. Da die schriftlichen Weisungen für das Publikum in der Schweiz gewöhnlich mehrsprachig abgefaßt sind, interessierte ich mich ihrer sprachlichen Form wegen hierfür und habe in meinem Reisenotizbuch mehrere verzeichnet. So notierte ich vom Dampfer: „Beim Verlassen des Schiffs sind die Billette einzeln vorzuweisen. En sortant du bateau les billets sont ä presenter par chaque personne. Each person must show their own ticket separatelv on going ashore!' Wenn wir die drei Texte vergleichen, so zeigen sich für denselben Gedanken in jeder der drei Sprachen verschiedene Ausdrucksweisen. Beim Verlassen des Schiffs: Infinitivkonstruktion, en sortant du bateau und on going ashore Participialkonstruktion. Auch die Stellung ist zu beachten. Der Ausdruck „verlassen" ist nicht mit quitter und to leave wiedergegeben. Der Kern des Satzes: die Billete sind vorzuweisen (für uns Norddeutsche etwas ungewohnt statt „zeigen"), les billets sont ä presenter stimmt im Deutschen und Französischen überein, dagegen im Englischen: Each person must show their own ticket. Das Adverb „einzeln" französisch eindringlicher: par chaque personne, englisch mit Nachdruck an drei verschiedene Stellen des Satzes verteilt: each person — own — separately. Die Engländer scheinen also am nachlässigsten zu sein und der Mahnung am ausdrücklichsten zu bedürfen. Man sieht an diesem kleinen Satze, daß es mit dem bloßen Übersetzen in eine andere Sprache nicht getan ist, sondern daß man in jeder Sprache ihrem eigentümlichen Geiste gemäß denken muß. Auf verschiedenen Fahrten legt man sich natürlich auch die Frage nach der Entstehung des Sees vor, und bei den Fußwanderungen in der Umgebung, wenn man über die geologischen Verhältnisse der Gegend nachdenkt, taucht diese Frage immer wieder auf, die um so verwickelter erscheint, da die Gestalt des Sees eine so komplicierte ist. Aber man sieht bald ein, daß man als schnell reisender Tourist durch flüchtige Betrachtung zu keinem annehmbaren Resultat kommen kann. Erst nach der Reise durch Studium einschlägiger Werke hat sich mir die Frage einigermaßen geklärt. Zur besseren Kenntnis der Umgebung des Sees wählte ich mir drei Wanderungen aus, eine Begehung der Axenstraße, eine Besteigung des Rigi und des Pilatus. Die Axenstraße hatte ich mir bisher immer falsch vorgestellt. Durch Bilder, die aber nur die interessantesten Punkte wiedergeben, wird man verführt, die Straße sich als eine großartige, in die Felsen gesprengte, nur nach dem See zu offene Gallerie zu denken, die hoch über dem See entlang führt. In Wirklichkeit ist sie bald eine steigende, bald fallende gewöhnliche Chaussee, nach dem See zu meist durch eine bis zu den Flüften reichende Steinmauer geschützt mit halbkreisförmigen Wasserdurchlässen in regelmäßigen Abständen. Nur an wenigen Stellen finden sich Tunnel- und Galleriebauten, d. h. Tunnel, die auch nach der Seite des Sees bogenfensterartige Öffnungen haben, selbstverständlich nicht FVnster gewöhnlicher Größe, sondern von großartigen Abmessungen. Die Eisenbahn, die in unmittelbarer Nähe der Straße bald über, bald unter ihr fast mehr durch Tunnel als offen sich hinzieht, bekommt man nur selten zu sehen. Die 1o 3 Bergwand auf der linken Seite, wenn man von Norden nach Süden wandert, steigt fast überall senkrecht an. Ihr fortwährend wechselndes, hartes und weiches Gestein mit immerfort anderer Lagerung und Schichtenfolge reizt die wissenschaftliche Neugier gewaltig. Ein Blick nach drüben zeigt, daß auch das andere Ufer in ganz ähnlicher Weise sich aufbaut. Die Natur scheint sich hier ein Vergnügen daraus zu machen, alles zusammengetragen zu haben, was dazu dient, einen klassischen Anschauungsunterricht in der Geologie zu geben. Für Antiklinalen, Synklinalen, Isoklinalen, liegende Falten, stehende Falten, Verwerfungen und Brüche, kurz für eine Menge geologischer Begriffe finden wir auf verhältnismäßig engem Raum herrliche Beispiele. Von C förmigen und S förmigen und einigen anderen sonderbaren Verbiegungen des Gesteins zeichnete ich mir Profile ab. Gern hätte ich von der Art und den Namen der Gesteine etwas Genaueres gewußt, aber auch einige italienische Steinabeiter konnten mir keine Auskunft geben. Den vortrefflichen geologischen Führer von Baltzer, das Berneroberland und Nachbargebiete, habe ich leider erst nach meiner Reise kennen gelernt. Die Ähnlichkeit der beiden Ufer, schon in den äußeren Formen, namentlich am nördlichen Teil des Sees, ist frappant. Gleich südlich von Brunnen hat das Gewölbe des Axensteins in dem gegenüberliegenden von Seelisberg sein Spiegelbild. Der hinter Morschach aufragende Frohnalpstock entspricht drüben dem Niederbauen. Aus Baltzer ersehe ich nun, daß der Aufbau der beiden Ufer nicht nur ähnlich, sondern vollkommen bis in die kleinsten Einzelheiten identisch ist. Diese so weit gehende Gleichheit wird aber sicher nur von sehr wenigen Reisenden erkannt und zwar aus folgendem Grunde. Das Streichen, d. h. die Längserstreckung der Schichten geht nicht rechtwinklig zur nordsüdlichen Achse des Sees von Westen nach Osten, sonden schräge, annähernd von Südwest noch Nordost. Die einander entsprechenden Stellen liegen also am See nicht gerade gegenüber, sondern am westlichen Ufer mehr nach Süden, am östlichen Ufer mehr nach Norden verschoben. So z. B. entspricht das Ufer von Sisikon auf der östlichen Seite dem von Bauen auf der westlichen Seite. Sehr merkwürdig ist auch die vielfach sich findende Umkehr der Schichten; fast überall wo Eocän, eine Formation des Tertiär, zu Tage tritt, wird es von Schrattenkalk und Neocom der Kreidezeit überdeckt. Also ältere Schichten liegen über jüngeren, gerade in umgekehrter Reihenfolge, als sie der Regel nach liegen müßten. Außer am Urnersee findet sich auch sonst an den andern Teilen des Vierwaldstätter Sees diese Eigentümlichkeit. So ruhen die beiden Bergstöcke der Mythen, das ganze Stanserhorn und das ganze Buochserhorn, deren Gestalt, ist man erst aufmerksam darauf gemacht, auffallend fremdartig in ihrer Umgebung erscheint, auf jüngerem Gestein; sie sind wurzellos oder schwimmen, wie der Geologe sagt. Man hat für sie auch den bezeichnenden Namen „Klippen". Diese regelwidrige umgekehrte Lagerung ist übrigens nicht auf die Umgebung des Vierwaldstätter Sees beschränkt. Die Chablaisalpen südlich vom Genfer See, die Stockhorngruppe am Thuner See und die berühmte Doppelfalte der Glarner Alpen sind Beispiele dieses rätselhaften Problems. Übrigens hat Heim seine Theorie der Doppelfalte jetzt aufgegeben und nimmt mit den neueren Forschern, Schardt, Baltzer, Lugeon, an, daß alle diese Unregelmäßigkeiten durch eine großartige Überschiebung von Süden her sich einheitlich deuten lassen. Eine nähere Erklärung würde ein so specielles Eingehen in diese verwickelten Verhältnisse erfordern, daß ich darauf verzichte. An der Axenstraße findet sich eine dieser interessanten Stellen am Axenberg südlich der Tellskapelle, „die Faltung einer Falte oder eine gewölbeförmig eingewickelte Mulde, ein Pseudogewölbe", dessen Gegenstück am anderen Ufer bei Islaten liegt. Die landschaftliche 14 Schönheit der Axenstraße brauche ich nicht zu rühmen, sie ist weltbekannt. Einer der Glanzpunkte ist die Terrasse vor dem Gasthof zur Tellsplatte, 75 Meter über dem See, wo ich eine Stunde lang die Aussicht auf das andere Ufer und die Schneefelder des Urirotstocks genoß. Natürlich versäumte ich auch nicht, zur Tellskapelle hinunterzusteigen. Hier hat der ganze Vierwalds!ätter See seine größte Tiefe mit 214 Metern. Weiterhin folgt dann als schönste Stelle der große Straßentunnel, dessen Fenster wie Rahmen um ein Bild wirken. Der Bristenstock in dieser Umrahmung wird jedem unvergeßlich bleiben, der das Glück gehabt hat, hier weilen zu dürfen. In Flüelen — der Ton bei der Aussprache liegt übrigens auf dem ü — bestieg ich das Dampfschiff und fuhr nach Luzern zurück. Noch einmal ziehen die Ufer, bekannt, vertraut und lieb geworden, denn es knüpfen sich schon an so manche Stellen persönliche Erinnerungen, wie ein Wandelpanorama an uns vorüber. Aber wieder meldet sich auch die Frage nach der Entstehung des Sees. Wenn wir uns an die überraschende Ubereinstimmung der beiden Ufer des Urner Sees erinnern, wie hüben und drüben sich dieselben Gesteine in derselben Lagerung mit genau entsprechenden Verbiegungen der Schichten finden, so ist ohne weiteres klar, daß die beiden Ufer zusammengehören, daß das eine nur die Fortsetzung des andern ist, daß sie ehemals eine Einheit bildeten. Die sonderbare Umkehr der Schichten zeigt, daß die gewaltigen Kräfte der Natur hier besonders die Erdrinde in mächtige Bewegung gebracht und das Obere nach unten gestürzt haben. Die Zeit, die diese Höhen und Tiefen geschaffen, die Zeit, in der diese Bewegung zur Ruhe kam, muß das Tertiärzeitalter der Erde gewesen sein, denn die früheste Periode des Tertiär, das Iiocän, war schon fertig ausgebildet und hat alle späteren Umänderungen mit gemacht. Auf das Eocän folgen die Zeiten des Oligocän, des Miocän und des Pliocän. In einer dieser drei Perioden oder vielleicht während dieser drei Perioden sind die nördlichen Voralpen der Schweiz entstanden. Erst als verhältnismäßige Ruhe eingetreten war, denn die Lagerung der Gesteinsmassen mußte zuvor so sein, wie sie jetzt ist, also etwa in der letzten Zeit des Pliocän oder etwas später in der Diluvialzeit kann der Riß des Urner Sees erfolgt sein. Es ist aber nicht nötig, eine plötzliche Zerreißung anzunehmen, ganz im Gegenteil. Ein plötzlicher Ruck hätte eine neue weitgehende Störung der Lagerungsverhältnisse mit sich geführt. Die Gleichheit der beiden Ufer zeigt aber, daß eine solche nicht mehr eingetreten ist, es muß also eine ganz allmähliche Zerschneidung stattgefunden haben, und die Trennung der beiden Ufer hat die Lage der Gesteinsschichten zu einander nicht weiter gestört und beeinflußt. Supan, Grundzüge der Physischen Erdkunde, Leipzig 1903, gibt auf Seite 660 ein Querprofil durch den See. Dieses Profil nun ist das typische Bild eines alten Tals, das in mehrfachen seitlichen Absätzen durch die erodierende Kraft fließenden Wassers sich vertiefte. Auch der ebene Boden des Urner Sees stimmt mit dieser Annahme überein, die erodierten Seitenwände gehen steil in den See hinunter, während der Boden sich ziemlich flach ausbreitet. Der Urner See ist demnach die Fortsetzung und nur eine tiefere Stufe des Reußtals. Es geht nicht zwischen zwei parallelen, verschiedenen Bergketten, ist also kein Längstal, sondern es durchbricht mehrere ihm quer vorgelegte in etwas schiefer Richtung, es ist also ein echtes Quertal. Der Fluß, der dieses Quertal in langsamer Arbeit während langer Zeiträume auswusch, teilte sich bei Brunnen. Der ehemalige Hauptarm floß hier rechts ab und mit einer neuen Wendung entlang am Rigi im Zuge des Lowerzer und Zuger Sees, folgte dann dem Ausfluß desselben, der Lorze, und erreichte schließlich wieder das untere Reußtal. Der andere Arm ging links ab in das Buochser Becken und teilte sich wiederum, 15 ging einmal durch das Tal von Stans, durchbrach dann aber auch den Querriegel der beiden Nasen und trat in das Becken von Weggis. Diese beiden Arme, den Bürgenstock umfließend, mündeten dann in einen Fluß, der vom Lungener See her durch den Sarner See, Alpnacher See zwischen Pilatus und Stanser Horn, und weiter durch die Zipfel von Stansstadt und Küßnacht, durch die hohle Gasse hindurch den ehemaligen Hauptarm der Reuß beim heutigen Zuger See erreichte. Dieser zuletzt beschriebene Nebenfluß ist ein Längstal. Um die verschiedenen Teile des Vierwaldstätter Sees noch einmal kurz zu charakterisieren: der Urner See, das Becken von Buochs und das Becken Weggis sind Quertäler, die Zipfel von Stansstadt und Küßnacht sind Längstäler. Das Becken von Buochs ist außerdem ein Muldental. Erst später, als der Hauptarm von Brunnen zum Zuger See durch Bergstürze und andere Ursachen abgedämmt wurde, fanden die Wasser durch den Zipfel von Luzern einen neuen, ihren heutigen Ausfluß. Das Tal von Stans wurde durch die Engelsberger Aa zugeschwemmt. Man versäume nicht, diese Beschreibung an der Hand der Karte zu verfolgen. Es gibt Gelehrte, die die Entstehung des Vierwaldstätter Sees wie überhaupt aller Alpen- randseen allein der erodierenden Kraft der Gletscher zuschreiben. Ich für meine Person kann mich nicht davon überzeugen. Die verwickelte Gestalt des Sees, die vielfachen Hin- und Herwindungen sprechen dagegen. Solche Windungen schafft kein Gletscher, wohl aber fließendes Wasser. Damit soll nicht gesagt sein, daß Gletscher an der Bildung des Vierwaldstätter Sees und der übrigen Alpenrandseen überhaupt nicht beteiligt waren. Gewiß waren sie das. Sie wirkten aber nicht schaffend, sondern nur erhaltend. In der Eiszeit haben Gletscher die schon vorher vorhandenen Flußtäler ausgefüllt Ein sprechender Beweis, daß sie einmal bis in diese Gegenden gereicht haben, ist ja dafür der Gletschergarten in Luzern. Beim späteren Rückgang und Abschmelzen des Eises sind dann die noch weiter ins Land reichenden Täler wieder zuge- sc.hwemmt worden, in unseren Becken aber hat sich, da das Zurückweichen periodenweise erfolgte, das Eis noch längere Zeit gehalten und so ihre heutige Form bewahrt. Ein „Zurücksinken des ganzen Alpengebirges nach der ersten Eiszeit, wodurch die sich nach den Ebenen öffnenden Täler ein widersinniges Gefälle erhielten" (vgl. Supan S. 660), kann dabei mit in Frage kommen. Der seiner Lage nach inselartige Rigi ist ein kleines Gebirge für sich. Der an unserer Schule eingeführte Schulatlas von Diercke-Gäbler gibt auf einer Nebenkarte von seiner Bodenplastik ein klares Bild. Ohne Karte ist die folgende Beschreibung nicht verständlich und kann überschlagen werden. Vom Gipfelpunkte, dem Kulm, 1800 Meter hoch, 1363 Meter über dem Vierwaldstätter See, 1383 Meter über dem Zuger See, nahe dem Südende des letzteren, erstreckt sich ein kurzer, zwei Kilometer langer Kamm nach Südwest bis zum Rotstock, sich allmählich bis 1663 m erniedrigend, in der Mitte bei Rigi-Staffel, 1594 Meter, noch etwas tiefer eingesenkt Dieser Kamm, der in derselben Richtung noch einen kurzen Sporn, um 200 Meter fallend, bis zum Känzeli aussendet, stürzt nach Norden in steiler Wand fast 800 Meter tief zu einer Terrasse, dem Seeboden, ab und steigt von da in sanfterer Neigung zur hohlen Gasse und der Bucht von Küßnacht herunter. Zwei andere Aste gehen vom Kulm, der eine nordwestlich, nahezu parallel mit dem Ufer des Zuger Sees, bis zur Tellskapelle an der hohlen Gasse, der andere östlich bis Goldau. Gleich vom Kulm ab werden diese beiden Ausläufer nach ihren Endpunkten zu schnell niedriger. Ihr Abfall zum Zuger See und der Ebene zwischen Arth und Goldau ist außerordentlich steil und imposant. Parallel dem Ufer des Vierwaldstätter Sees von Weggis bis Vitznau geht vom 16 Rotstock aus der längste Kamm des eigentlichen Rigi in südöstlicher Richtung bis zur Scheideck in nahezu gleicher Höhenlage. Die Höhenziffern der wichtigern Funkte von West nach Ost zeigen das allmähliche Fallen und Steigen: Rotstock 1663, Firsthotel 1462, Schild 1543, Dossen 1681, Scheideck 1648 Meter. Die Zahlen sind der Karte im Bädecker entnommen, sie stimmen nicht immer mit den Angaben im Text überein. Von der Scheideck zieht noch ein Ausläufer drei Kilometer lang, sich schneller erniedrigend, nach Osten, wiederum parallel mit dem Seeufer, diesmal dem von Gersau. Die Läpge des ganzen Kammes beträgt acht Kilometer. Von der Scheideck läuft bogenförmig ein Ast erst nach Süden bis zum Vitznauer Stock, 1454 Meter, dann nach Südwesten in der Oberen Nase aus. Der Hintergrund von Vitznau, vom Dossen über die Scheideck bis zum Vitznauer Stock, wirkt wie ein großartiger Zirkus. Der Abhang des First vom Rotstock bis zum Dossen nach dem .See zu besteht in seiner oberen Hälfte zum größten Teil aus vollständig senkrechten Nagelfluhwänden, die terrassenförmig untereinander liegend mit ihrem oberen geradlinig leicht nach Südost geneigten Abschluß weithin vom .See aus gesehen wei den und jedem als ein dem Rigi charakterisches Kennzeichen in der Erinnerung bleiben. Die untere Hälfte des Abhanges senkt sich auch noch ziemlich rasch zum Ufer hinunter, hat aber die Treppenform durch Zusammenbruch der Wände eingebüßt. Zwischen dem First und dem Ausläufer vom Kulm nach Goldau zu liegt das sanfte, muldenförmige Tal von Klösterli, das mit seinem grünen Wiesenboden still und friedlich Auge und Seele des Wanderers von den Eindrücken der Höhen ausruhen läßt. Es öffnet sich östlich nach Goldau und Eowerz hin Durch dieses Tal machte Goethe seinen Aufstieg zum Rigi am 17. und 18. Juli 1775 während seiner ersten Schweizer Reise, wie er es im achtzehnten Buche von Dichtung und Wahrheit beschreibt. Die 1712 erbaute Wallfahrtskapelle Maria zum Schnee beim Klösterli zeichnete er. Den Abschluß des Rigigebirges im Südosten bildet ein acht Kilometer langer Kamm in südwest-nordöstlicher Richtung von Gersau bis Seewen am Ostende des Lowerzer Sees, der in seinem mittleren Teil der Urni Berg heißt und in der Hochfluh mit 1693 Metern kulminiert. Ein Grat verbindet ihn mit dem östlichen Ausläufer der Scheideck. Der äußere Abhang des Urni Kammes fällt steil zum Becken von Gersau und der Ebene zwischen Brunnen und Schwyz herab. In dem Tal zwischen Hochfluh und Vitznauer Stock führt eine neue treffliche Fahrstraße von Gersau aufwärts in 2i/ 2 Stunden zur Alp Obermatt, von da ein Fußweg in anderthalb Stunden zur Scheideck. Die bequemen Reisenden, und das sind die meisten, benutzen eine der beiden Zahnradbahnen, von denen die eine von Vitznau, die andere von Goldau den Kulm erreichen. Sie vereinigen sich bei Rigi-Staffel. Vom Kalt Bad südlich des Rotstocks geht eine Abzweigung den First entlang zur Scheideck. Die Steigung der beiden Bahnen ist im allgemeinen mäßig, doch erreicht die Vitznauer, die älteste der Schweizer Bergbahnen, erbaut im Jahre 1871, teilweise 25°/ 0 , die Goldauer im Klösterlitale teilweise 20%. Die interessanteste Stelle der ersteren ist nach einem 67 Meter langen Tunnel die Überschreitung des 23 Meter tiefen Schnurtobels auf einer 76 Meter langen Brücke, die von fünf eisernen, gerüstartigen Pfeilern gestützt wird. Man schwebt gleichsam in der Luft, da der Blick von hier auf den See frei ist. Den Aufstieg auf den Rigi unternahm ich von Weggis aus. An einem ziemlich kühlen, wolkigen Vormittage brach ich um %9 Uhr auf. Der Weg führt zunächst durch Wald. Gleich hinter der Ortschaft traf ich eine angenehme deutsch-russische Familie, mit der ich zufällig mehrmals am Vierwaldstätter See zusammentraf, obgleich sie in Weggis, ich in Luzern wohnte. Es waren keine Bergsteiger, sie machten nur ihren kleinen Morgenspaziergang, So war ich bald 17 wieder allein und sah bis zum Känzeli kaum einen Menschen. Ich liebe dies Alleinwandern im Gebirge ungemein, man genießt die Natur viel eindringlicher, wenn man nicht durch Höflichkeit zu einer fortwährenden Unterhaltung gezwungen ist, die die Aufmerksamkeit auf die Umgebung unwillkürlich ablenkt. Außerdem bin ich gewohnt, eine unbekannte Gegend immer vom geographischen Standpunkt anzusehen, und es ergeben sich stets Probleme, deren Durchdenken Ungestörtheit erfordert. Allerdings ist das Wandern ohne Begleitung nicht immer unbedenklich, und ich möchte keinem im Hochgebirge dazu raten, wo schließlich auf nacktem Gestein Weg und Steg aufhört oder man gar mit Schneefeldern zu rechnen hat. Auf einem Vorberge wie dem Rigi freilich braucht man keine Besorgnisse zu hegen, wenngleich man auch hier, wie überall in den Alpen, niemals ohne Vorsicht und ohne auf den Weg zu achten gehen darf. Auf den harmlosesten Damenbergen kommen aus Unachtsamkeit Unglücksfälle vor. Der Weg von Weggis führt nicht direkt aufwärts, dazu ist der Abhang viel zu steil, er steigt im Walde allmählich die ersten zwei Stunden in östlicher Richtung mit vielen Windungen bis zum Felsentor. Es ist ein schmaler Fahrweg von ziemlich schlechter Beschaffenheit, wie überhaupt die Fußwege in der Schweiz recht'viel zu wünschen übrig lassen trotz des Goldregens, der sich jedes Jahr über das Land ergießt. Auch Wegebezeichnungen habe ich zu meiner Verwunderung in diesem Reiselande par excellence fast überall vermißt. Den einfachen Fußwanderer mit bescheidenem Geldbeutel scheint man eben hier gar nicht zu wollen, nur die reichen Fremden, die zum Gehen zu verweichlicht sind und sich teure Wagenfahrten und Bergbahnen leisten können, sind beliebt. Die Schönheit der Natur versöhnt uns aber schließlich mit dem schlechtesten Wege. Schon im Anfange der Wanderung erregt das Gestein die Aufmerksamkeit. Aus einem ziemlich grobkörnigen, gelblich-grauen Sandstein treten zahlreiche gerundete Kalksteine von Faustgröße, oft kleiner, oft größer, wie Nagelköpfe hervor. Daher der Name Nagelfluh. Mit einiger Mühe gelingt es öfter, die Steine herauszuziehen. Man hat dann einen Sein von runder, meist ovaler Form in der Hand, der nicht so glatt und flach wie ein Seestein am Meeresstrande ist, dem man aber ansieht, daß er seine Gestalt als Geröll im Wasser erhalten hat. Man denke sich den Sand des Strandes an der See, nur nicht so fein und etwas schmutziger, der mit vielen Seesteinen durchsetzt ist, als harte, verkittete Masse, und man hat das Bild der Nagelfluh. Man könnte das Ganze auch mit einem versteinerten Kuchen mit vielen Rosinen darin vergleichen. Die Flyschzone, wie sie auch genannt wird, ist eine der jüngsten Bildungen des Gebirges, sie ist abgesetzt zur Zeit des Alttertiär und als Gebirge dem Wasser entstiegen im Mitteltertiär. Nach einer Stunde Steigens hinter den Gehöften von Sentiberg kommt man an die erste große, senkrechte Nagelfluhwand, die uns zum ersten Mal die unzerstörte Masse in ihrer ursprünglichen Bildung als Schicht zeigt. Doch liegt die Schicht nicht mehr horizontal, sondern von links nach rechts, d. h. nach Südosten geneigt. Der obere Rand ist vollkommen geradlinig abgeschnitten. Eine halbstündige Wanderung führt an der Heiligkreuzkapelle vorüber zum Fuß der zweiten Wand und zum ersten freien Aussichtspunkt über den unten liegenden See, einer 1 errasse des Hotels Felsentor. Dicht dahinter liegt eine charakteristische Bruchstelle der Nagelfluhwand, drei gewaltige Blöcke der zerbrochenen Schicht bilden ein natürliches Felsentor. Besonders imposant erscheint der Südpfeiler von der dem See abgewandten Seite. Er ist ein isoliertes, turmartiges Stück der Wand mit ungestörter Lagerung der sanft geneigten Schichten. Das Dach des 1 ors liegt in halber Höhe in schräger Lage auf dem Nordpfeiler und stützt sich mit seinem oberen 1 eile gegen den Südpfeiler, zeigt also entgegengesetzten, viel steileren Schichten fall. Die Zerstörung hat auch auf die Nachbarschaft übergegriffen, in einiger Entfernung finden sich noch große Blöcke mit einem dem Dache gleichen, der Hauptwand entgegengesetzten Schichtenfall. Der ganze klammartige Durchgang ist 40 Schritt lang und oben offen, das eigentliche Tor, 15 Schritt breit, befindet sich am östlichen Ausgang. Wenn man es durchschritten hat, gelangt man bald auf die ebene Oberfläche der ungestörten Schicht der dritten Wand und hat für weitere dreiviertel Stunden ein bequemes Steigen. Auch die von Vitznau heraufkommende Zahnradbahn benutzt diese von Hindernissen freie Strecke. Man wandert so ein gutes Stück neben der Bahn bis zum Rigi-Kaltbad, einem Hotel ersten Ranges mit parkartigen Anlagen, die in 1440 Meter Höhe, 300 Meter höher als der vollständig kahle Gipfel des Brocken, noch Laubbäume, u. a. Ahorn und Ebereschen enthalten. Der Besuch des Parks ist jedoch dem durchwandernden Touristen nicht erlaubt. Bald wird man aber überreich entschädigt für die kleine Enttäuschung. In 1470 m Höhe eröffnet der Vorsprung des Känzeli einen jener Blicke, die man zu den wirklichen Erlebnissen seines Daseins zählt. Es ist der erste Glanzpunkt des Rigi, den der Reisende erreicht hat. Tief unten, rechts und links und vor uns der leuchtende See, auf dem die Dampfboote wie Kinderspielzeug schwimmen und deren Fahrt merkwürdig langsam erscheint, am jenseitigen Ufer gerade vor uns der ragende Pilatus mit seinen wild zerklüfteten Gipfeln, rechts von ihm das heitere Luzern und weite flachere Hügelgelände und links von ihm die immer höher aufsteigenden Wellen des Gebirges bis zu den Gipfeln des ewigen Schnees in der Ferne. Der volle Glanz der Sonne erhöhte die Wirkung des wunderbaren Bildes, nur zögernd und immer wieder zurückblickend setzte ich den weiteren Aufstieg fort. Zweihundert Meter höher erreicht man am Rotstock den steilen Absturz des Rigi nach Norden, neben dem Weg und Bahn hinführt. Ich notierte wieder eine viersprachige Inschrift: Verbot die Bahnlinie zu betreten, Defense de passer sur la voie. E vietato passare per la ferrovia, It is prohibited to walk along the railway. Küßnacht, der schöne Zuger See, den man zum ersten Mal von der Höhe aus überschaut, und das weite Hügelland mit mehreren kleineren Seebecken werden sichtbar. Es folgt die Einsenkung von Rigi-Staffel, und immer hart am Rande des steilen Absturzes hinschreitend, gelangt man endlich auf den Kulm. Es ist mit seinen 1800 Metern der Höhenpunkt des Rigi. Natürlich auch im übertragenen Sinne. Nach Norden verliert sich der Blick in der weiten, scheinbaren Ebene, nach Süden wird er begrenzt vom Hochgebirge der Glarner und Berner Alpen. Eine Beschreibung im Einzelnen mit einer Aufzählung der vielen Namen gibt doch keinen lebendigen Begiffvon der Mannigfaltigkeit und dem Zauber der weiten Runde, ich versuche es deshalb erst gar nicht. Ein Gefühl des Glückes durchströmt die Seele, einer der Träume des Lebens hat sich verwirklicht. — Die Hotels liegen etwas unterhalb des Gipfels. Dort im schützenden Halbrund des Hauptgebäudes mit dem Blick auf die Alpenkette widmete ich mich den unvermeidlichen Ansichtskarten. Kaum habe ich einige Zeilen geschrieben und blicke nichts ahnend auf, da ist urplötzlich wie durch Zauberei die ganze Aussicht durch eine Nebelwolke verschwunden. Noch denke ich darüber nach, wie leicht die ganze Partie hätte verdorben werden können, und tröste mich mit dem bisherigen Wetterglück, da wird mit großer Schnelligkeit die Wolke lichter und weißer, zerflattert hier und da, und mit der früheren Klarheit grüßen die Berge wieder herüber. Der ganze Vorgang dauerte kaum fünf Minuten. Ja, man erlebt allerlei Überraschungen im Gebirge. Dergleichen Erfahrungen, wenn auch nicht in so ausgeprägter Schroffheit, habe ich vorher und nachher öfter gemacht. Es ist ähnlich wie an der See, der häufige Wechsel der Witterung und damit der Beleuchtung ist gerade das Interessante. Die starren, toten Massen bekommen dadurch ein eigenes Leben. Vor einigen Jahren hatte ich in Tirol Gelegenheit, mit dem bekannten Münchner Alpenmaler v. Baer ein Gespräch zu führen. Auf meine bedauernde Bemerkung, daß ich trotz frühen Aufbruchs den Gipfel des Nebelhorns im Algäu erst gegen Mittag erreicht, aber doch noch eine schöne Aussicht gehabt hätte, antwortete er: „Dann hat es durchaus nichts geschadet, im Gegenteil. Am Morgen ist das Gebirge kalt, erst gegen Mittag nimmt es einen warmen Ton an und wird lebendig." Die alte Regel, daß zwischen 9 und 10 sich das Wetter ändert, man also spätestens um 9 oben sein muß, hat auch ihre Ausnahmen und ist nur bei unsicherem Wetter gültig. Freilich ein früher Aufbruch, wenn es sein kann, schon morgens um 3, ist bei Bergbesteigungen auf alle Fälle zu empfehlen, man wandert dann noch im Schatten, und nichts ist lästiger als ein Steigen bei Hitze, die sich im Sommer sehr früh, oft schon um 8 Uhr einstellt. — Zu meinem Aufstieg auf den Rigi habe ich 7 Stunden gebraucht, bei Abrechnung der Ruhepausen vier Stunden, was mit der Angabe der Reisebücher übereinstimmt. Für den Rückweg wählte ich die Bahn, um auch diese kennen zu lernen. Die langsame Fahrt übt eine beruhigende Wirkung aus, man denkt unwillkürlich, abwärts müßte der Zug hinunterrasen, und man ist durch die nur mäßige Schnelligkeit angenehm enttäuscht. Dieselben Zahnräder, die den Zug hinaufziehen, hemmen ihn bei der Hinabfahrt. Die Dauer ist übrigens in beiden Richtungen die gleiche und beträgt für die sieben Kilometer lange Strecke ein und eine viertel Stunde. Von Vitznau. kehrte ich nach meinem Standquartier Luzern mit dem Dampfer zurück. Mit frohem Gefühl und mit ganz anderen Augen konnte ich nun den Rigi betrachten. Erst jetzt war er mir bekannt, jetzt sah ich ihn an wie einen vertrauten Freund. Am nächsten Morgen schien mir das Wetter ähnlich zu sein wie am vorigen Tage. Trotz der anfänglichen Bewölkung hatte es sich doch noch prächtig aufgeklärt, warum nicht auch heute? Ich beschloß also, da ich mich durchaus frisch und vollkommen ausgeruht fühlte, eine Besteigung des Pilatus, des Rivalen des Rigi, und eilte, den ersten Zug der Brünigbahn nicht zu versäumen. Nach kurzer Fahrt trat ich von Hergiswyl an der Bucht von Stansstadt und am Ostfuß des Pilatus meine Wanderung an. Der Weg, der fast in rein westlicher Richtung führt, war zunächst mit Geröll bedeckt, besserte sich dann aber allmählich und war im ganzen nicht schlechter als der gestrige. In den höheren Partien freilich erfordert er stete Aufmerksamkeit und wird an einigen Stellen zu einer richtigen kleinen Klettertour. Bis Brunni, einem einsamen Gasthaus, das gerade 1000 Meter hoch liegt und in einer Stunde erreicht wird, ist die Steigung nicht erheblich, beginnt aber hier bedeutender zu werden. Noch aber geht es vielfach durch Wald, die Laubbäume, die unten vorherrschen, haben hier schon dem reinen Nadelholz Platz gemacht. Eine Stunde oberhalh Brunni erreicht man das Wirtshaus Alpgeschwänd, hinter dem die Bäume bald merklich kleiner werden, um nach einer halben Stunde ganz zu verschwinden. Am Fuße einer steilen Wand in einem kleinen Felsenzirkus lag der erste Schnee als festes, tunnelartiges Gewölbe; die Schmutzstreifen bildeten die Rippen, der reine, weiße Schnee die Gewölbekappen, die so hart und glatt waren, daß sich nichts abschaben ließ. Außen auf der Oberfläche, auf der Gesteinsgrus und handgroße, flache Steine lägen, war der Schnee weicher, er ließ sich, wenn auch mit Mühe, abkratzen. Am Ende in der Mitte schmolz der .Schnee, und große Tropfen fielen schnell hintereinander unaufhörlich nieder. In nächster Nähe des Schnees wuchsen Gänseblümchen. Das Gestein der Felswand war blättrig-schieferig. Der schmelzende Schnee verursachte ein kleines Rinnsal über den schmalen, fußbreiten Weg und machte die Stelle glatt und schlüpfrig. Da aufder freien Seite nach rechts der Abhang ziemlich steil hinunterging, war das Uberschreiten etwas schwierig, und da ich keinen Alpenstock hatte, mußte ein kleiner Sprung gewagt werden. Als ich nach einer kleinen Weile zurückschaute, sah ich mit einigem Vergnügen, wie zwei mir folgende Wanderer an dieser Stelle in offenbarer Verlegenheit waren und längere Zeit zögerten, den Ubergang zu wagen. Zugleich bemerkte ich zwei senkrechte, schmale, weiße Wolkenstreifen etwa hundert Meter tiefer den Abhang heraufschweben wie geisterhafte Gespenster mit nachschleppendem Gewände. Ich kannte damals noch nicht den schönen Spruch: „Hat der Pilatus seinen Hut, wird das Wetter gut, zeigt er seinen Degen, gibt es Regen." Daß dies richtige „Degen" waren, sollte ich auf dem Gipfel leider genugsam erfahren. Vorläufig jedoch war der Himmel zwar bewölkt, aber es regnete noch nicht, die Luft war merklich kühl. Der nächste sichtbare Gipfel war das Klimsenhorn, in dem Sattel zwischen diesem und höheren links liegenden Teilen des Gebirges sah man das Klimsenhornhotel. Von diesem nach Nordost zog sich ein scharfer sägeartiger Grat, der mit Gras bewachsen war. Um 1 Uhr erreichte ich das erwähnte Hotel, das mit 1809 Metern also die Höhe des Rigi hat. Es begann zu schneien, im offenen Korridor des Gasthauses zeigte das Thermometer 5 Grad Celsius. In dem geheizten Zimmer waren 12 Grad. Einige Steine waren hier aufgestellt, kristallinische mit glänzenden Schuppen und Blättchen, andere marmorartig, Fundstücke der Umgegend. Nach anderthalbstündiger Mittagsrast brach ich auf und über nackten Fels von oft marmorartigem Aussehen ging es vielfach im Zickzack bergauf zum Kriesiloch, einem schräg aufwärtsführenden Tunnel, den man auf einer Treppe von etwa 50 Stufen durchsteigt. Nach ein paar Schritten steht man auf dem offenen Grat, der die beiden Pilatusgipfel Esel und Oberhaupt verbindet. Die so plötzlich frei gegebene Aussicht ist in den Reisebüchern mit einem Stern versehen und muß in der Tat überraschend sein. Der „Degen" hatte aber schon seine Schuldigkeit getan, es schneite, und die Fernsicht war in Nebel und Wolken verschleiert. Nur unmittelbar unten lagen in der Tiefe die nächsten Teile des Sees und etwas ferner Luzern im Sonnenglanz, Aber auch dieser schöne Blick, der mich trösten mußte, daß ich nicht ganz vergebens den Aufstieg gemacht, verhüllte sich in wenigen Minuten. Vergebens freilich ist im Grunde eine Bergbesteigung niemals, auch wenn die Mühe durch eine Aussicht nicht belohnt wird. Die vollführte körperliche Kraftleistung gewährt auch in diesem Falle der Seele ein erhebendes Gefühl der Befreiung gleichsam von dem dumpfen Druck der Erdenschwere da unten. —■ Nach wenigen Schritten ist man am Hotel Pilatuskulm. Interessant war mir hier in einer Höhe von 2070 Metern der Versuch einer Gartenanlage. In einem geschützten Winkel des Gebäudes waren einige mit Dünger bedeckte Beete, in der Mitte ein kleines Rondel mit kümmerlichen Blumen, weißer Hahnenfuß und eine Kreuzblütlerart, unserem Hirtentäschelkraut ähnlich. Einen seltsamen Gegensatz zu ihnen bildete in unmittelbarer Nähe ein großer Schneeblock, der eines der Beete fast ganz einnahm. Es schneite und hagelte ziemlich stark, die berühmte Aussicht also auf die Hochalpen von der Terrasse des Hotels aus mußte ich mir denken. Da das Thermometer 2 Grad Kälte zeigte (Mitte Juli), eilte ich in das mollig warme Restaurant und dehnte die Kaffeepause ziemlich lange aus. Von einem Aufklären des Wetters war keine Rede, so hatte denn auch die Besteigung des Esels, des Hauptaussichtspunktes des Pilatus, keinen Zweck. Gern hätte ich den Rückweg wie Tags zuvor vom Rigi auch hier mit der Zahnradbahn gemacht, zumal diese eine bei weitem kühnere Anlage ist. Ihre mittlere Steigung (38°/o) übertrifft die Maximalsteigung der Rigibahn (25°/ 0 ) noch um ein Bedeutendes, und die größte Steigung der Pilatusbahn erreicht sogar 48°/ 0 . Da die Abfahrt des nächsten Zuges erst in einigen Stunden erfolgte, hätte ich die Zeit oben nutzlos im Restaurant hinbringen müssen. So beschloß ich denn, auch den Abstieg zu Fuß zu machen, aber um neues kennen zu 21 lernen, auf der andern Seite des Berges nach Alpnachstadt. Bei munterem Schneetreiben brach ich auf. Auch hier bemerkte ich ziemlich kopfgroße Marmorstücke. Einige hundert Meter tiefer hörte das Schneegestöber auf. Dafür hatte ich Schnee unter den Füßen, ein ansehnliches Schnee- f felcl, auf dem noch einige Skispuren zu sehen, war zu überqueren. Schon waren an die Stelle des nackten Felsgrundes Matten getreten, da hörte ich über mir lautes Juchzen, das die Stille \ meiner Einsamkeit mir ärgerlich störte. An dem schnellen Herabspringen der beiden Touristen merkte ich, daß es Neulinge waren. Ich hielt, um sie zu warnen. Denn bei dem nassen Wetter waren die Grashänge besonders glatt. Ein Ausgleiten auf dem unbekannten, ziemlich steilen Terrain konnte von den verderblichsten Folgen sein. Meine Warnung wurde freundlich aufgenommen. Bei ihren ersten Worten erkannte ich sie sofort als unverfälschte Berliner. Meine schlechte Laune heiterte sich dadurch schnell wieder auf. Es war ein biederer Klempnermeister, der mit seinem Sohne schon eine Reise von mehreren Wochen hinter sich hatte. Ein schönes Zeichen für den Natursinn und zugleich für den steigenden Nationalwohlstand unseres Deutschen Volkes. Bald erreichten wir die Waldregion, die aber vor dem einsetzenden ausgiebigen Regen, der sich immer mehr verstärkte, nur geringen Schutz bot. Die Unterhaltung und das schlechte Wetter hinderten jede genauere Beobachtung der Gegend. Um 8 Uhr 30, schon dunkelte es stark bei dem schwarzbewölkten Himmel, waren wir unten in Alpnachstadt. Der Abstieg, der in schnellem Tempo ohne Unterbrechung vor sich gegangen war, hatte fast 4 Stunden gedauert. Für den Aufstieg rechnet Bädeker auf dieser Seite des Berges 4'/ 2 bis 5 Stunden, ich glaube kaum, daß es der Durchschnittstourist in dieser Zeit schaffen kann. Bei völliger Dunkelheit betrat ich den letzten abgehenden Dampfer nach Luzern, nach wenigen Minuten setzte er sich in Bewegung. Einen schönen Anblick bot am Schluß der Fahrt die Menge der Lichter, die von den Häusern der Bergabhänge herabglänzten. Die Wirkung wurde erhöht durch ein prächtiges Feuerwerk, das vor einem der großen Hotels am Ufer abgebrannt wurde. Der Pilatus ist wie der Rigi ein kleines Gebirge für sich. Die äußere Form ist wilder und großartiger, seine zahlreichen Gipfel sind schroffer und ragender, sie stehen zum Teil da wie gewaltige, schräg gestellte Zuckerhüte. Die Kämme steigen von Südost allmählicher empor und fällen nach Nordwest steiler ab, wie erstarrte Brandungswellen, die im Begriff sind, nach vorn überzukippen. Das hängt mit dem Faltenbau der Gesamtmasse zusammen, der in der Kreidezeit entstanden ist. Die Falten liegen isoklinal und deuten so auf starke Zusammenschiebung. In den Faltenmulden liegt Tertiär aufgelagert. Auch der Pilatus wird neuerdings für wurzellos auf der Flyschzone schwimmend angesehn. Die Gipfel liegen von Westen nach Osten ziemlich in H einer Reihe: der Mittaggüpfi, der Rotendossen, das Widderfeld, das Tomlishorn mit 2132 Metern der Kulminationspunkt der Gruppe, auf den vom Kulmhotel ein guter Steg führt, das Oberhaupt, der Esel, das Steiglihaupt und die Windeggfluh. Außer der Reihe sind nördlich das Klimsenhorn und südlich das Matthorn vorgelagert. Auf meiner weiteren Reise habe ich noch bei ausgesucht schönem Wetter das Berner Oberland, die Monte Rosa Gruppe und den Montblanc bewundern können, deren Schilderung in gleicher Ausführlichkeit die Abhandlung ungebührlich ausdehnen, zu kurz gefaßt dagegen nicht zweckmäßig sein würde. Wanderungen werden stets Körper und Seele wohltätig beeinflußen, in erhöhtem Maße aber eine Alpenwanderung. Deshalb: Auf in die Berge! — Schluß, —