Ist die Atlantis in Piatons Kritias eine poetische FiKtion? P rogramm des K. hum. Gymnasiums Straubing im Schuljahr 1904/05, verfasst von Gregor Dcmm, K. Gymnasiallehrer. Abkürzungen. . Krit. = Kritias. Tim. = Timaios. PI. = Piaton. Atl. = Atlantis. M. = Martin. Sus. = Susemikl. Her. = Herodot. Vorbemerkung: Dio Belegstellen aus antiken Schriftstellern sind nach Teubner zitiert. Unter den Prägen, die in alter wie in neuer Zeit der wissenschaftlichen Behandlung wert erschienen, hat schwerlich eine verschiedenere Ansichten gezeitigt als die Frage nach der Insel Atlantis, die Piaton in seinem unvollendeten Dialog „Ivritias" zum Schauplatz einer merkwürdigen Erzählung macht. Nicht nur Philosophen, Historiker und Sprachforscher haben sicli mit ihr beschäftigt, auch Kultnrhistoriker, Geologen und Anthropologen wählten sie zum Ausgangspunkt gelehrter Spekulation und es waren oft wunderliche Träumereien, die als Ergehnisse so mannigfachen Interesses zutage traten. Zwei Hauptansichten sind es, die bis in die jüngste Zeit herein so schroff einander gegenübertraten, dass den vermittelnden Stimmen nur selten Raum gegeben wurde, die eine, welche dem platonischen Bericht volle historische Realität zuspricht, die andere, die ihn ganz und gar ins Gebiet der Dichtung verweist. Wenn nun auch nach dem Stande der neueren Forschung in diesem Streit ein für eine richtige Würdigung der Frage ziemlich sicherer Standpunkt gewonnen zu sein scheint, so gibt doch die Tatsache, dass bereits sichergestellte Resultate philologischer Kritik von verschiedenen Interpreten unseres Gegenstandes heute noch missachtet werden und infolgedessen längst zurückgewiesene Irrtümer immer wieder auftauchen, berechtigten Anlass unter genauer Rücksichtnahme auf den vielfach missverstandeneu Text Piatons den Atlantisbericht desselben neuerdings auf seine Glaubwürdigkeit hin zu prüfen. Den folgenden Erörterungen liegt weniger die Absicht zugrunde neue Gesichtspunkte für die Beurteilung unseres Gegenstandes zu eröffnen, als vielmehr der Wunsch durch eine anspruchslose Darlegung des einschlägigen Materials diejenige Beantwortung der gestellten Frage nahe zu legen, welche die grösste Wahrscheinlichkeit beanspruchen kann. I. Platon legt bereits in der Einleitung zum „Timaios", nachdem er den Zusammenhang des grossen Gesprächs vom „Staat" mit diesem Dialog auseinandergesetzt hat 1 ), seinem Verwandten Kritias folgenden kurzen Überblick über die Atiantisgeschichte in den Mund (Tim. p. 21 E ff.): Ein ägyptischer Priester von Sais habe dem athenischen Staatsmann Solon, der während seines Aufenthaltes in Ägypten mit den Priestern die ältesten Traditionen seines Vaterlandes besprach, von 8000 Jahre alten Aufzeichnungen der (infolge der Lage ihres Landes von Erdrevolutionen verschonten) Ägypter erzählt, in denen beurkundet sei, dass schon in einer Zeit, die der grossen Elut vorherging — vor 9000 Jahren — ein älteres Athen existiert habe, ') cf. Plat. opera, ed. Stallbaum, Bd. VII 31 ff. _ 4 — genau' an dem Platz, an dem das jetzige stünde. Der Priester habe sodann von den Einrichtungen Urathens berichtet und dem erstaunten Zuhörer mitgeteilt, dass in dieser fernliegenden Zeit mächtige Beherrscher einer ehemals im atlantischen Ozean liegenden grossen Insel ihre Herrschaft bereits über den Westen von Europa und Libyen ausgedehnt hätten, von weiterem Vordringen aber durch den siegreichen Widerstand der damals in glücklicher Urkraft lebenden Athener abgehalten worden seien. „Unsere Urkunden", fährt der Priester wörtlich fort, „melden uns, welch eine gewaltige Macht einst an eurer Stadt scheiterte, als sie in ihrem Übermut gegen ganz Europa und Asien, von aussen her anstürmend, aus dem atlantischen Ozean heranzog. Damals nämlich war das Meer dort fahrbar; denn vor der Mündung, welche ihr in eurer Sprache die Säulen des Herakles nennt, hatte es eine Insel, grösser als Afrika und Asien zusammengenommen; von ihr aus konnte man damals nach den anderen Inseln übersetzen und von den Inseln nach dem ganzen gegenüberliegenden Festland, das jenes eigentlich so zu nennende Meer umschliesst. Denn alles das, was sich innerhalb der eben genannten Mündung befindet (also unser Mittelmeer), erscheint wie eine Bucht mit einem engen Eingange; jenes Meer aber (der atlant. Ozean) kann in Wahrheit Meer und das umgebende Land mit vollem Fug und Beeilt Festland heissen. Auf dieser Insel Atlantis nun bestand eine grosse und bewundernswerte Königsmacht, welche die ganze Insel beherrschte und zugleich noch viele andere Inseln und Teile des Festlandes. Ausserdem war ihr noch von den innern Ländern Libyen bis nach Ägypten und Europa bis nach Tyrrhenien hin untertänig. Indem sicli nun diese Macht zu einer Heeresmasse vereinigte, unternahm sie es unser und euer Land und überhaupt das ganze innerhalb der Mündung liegende Gebiet mit einem Ansturm zu unterjochen. Damals nun, Solon, bewährte sich der ganzen Welt gegenüber die Macht eures Staates in ihrer Trefflichkeit und Stärke. Denn alle an Mut und an Kriegskünsten überragend war er zuerst Führer des ganzen hellenischen Volkes; dann aber, durch den Abfall der anderen auf sich gestellt und aufs äusserste gefährdet, überwand er die Andringenden, stellte Siegeszeichen auf, hinderte die Unterjochung der noch nicht Unterjochten und gab den andern von uns, soviele innerhalb der Säulen des Herakles wohnen, uneigennützig die Freiheit wieder. Später brachen freilich gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen — 5 — herein und es kam ein schlimmer Tag und eine schlimme Nacht: euer ganzes streitbares Geschlecht wurde scharenweise von der Erde verschlungen und ebenso verschwand die Insel Atlantis in den Einten des Meeres. Deshalb ist heute noch das dortige Meer unfahrbar und unerforschbar, weil der sehr tiefe 1 ) Schlamm im Wege ist, den die Insel bei ihrem Niedergange zuriickliess." (Tim. 24 E — 25 D). Diese im Timaios gegebene Skizze führt PI. im folgenden Dialog „Kritias", der auch nach seinem Gegenstande „Atlantikos" genannt wird, näher aus. Als Brücke dient ihm eine Familientradition, nach welcher Solon, da er verhindert gewesen sei das Vernommene in einer grösseren Dichtung auszuarbeiten, die saitische Priesterlegende seinem Verwandten, dem Grossvater des jüngeren Kritias, übermittelte, in dessen Familie sich dann die Tradition dieser Nachrichten forterhalten habe 2 ). Derselbe jüngere Kritias, der im Tim. bereits als Erzähler auftrat, unternimmt nun auch in dem nach ihm benannten Dialoge die ausführliche Darstellung des Atlantisberichtes. Nach einer kurzen Einleitung, die an die bötreffenden Stellen des Tim. und zugleich an den „Staat" anknüpfen soll, erörtert Kritias wiederum zunächst die Verhältnisse des alten Athen 3 ). Dann erst geht er zur Schilderung der Atl. über 4 ). Er beschreibt die Anlage der grossen Insel, spricht von der dem Poseidon und einer Autochthonentochter entsprossenen Königsfamilie, deren Oberhaupt Atlas geheissen habe, und entwirft hierauf ein anschauliches Bild von der Beschaffenheit des Landes, das durch wunderbare Fruchtbarkeit des Hodens, durch Wohlstand und Gesittung der handelsbeflissenen Bewohner, durch die Pracht der Hauptstadt und ihrer Gebäude, durch treffliche Verfassungseinrichtungen, durch eine staunenswerte Land- und Seemacht gleich ausgezeichnet gewesen sei. Im weiteren Verlauf erzählt Kritias von der Entartung des Volkes und von der sittlichen Verderbnis, die infolge der Eroberungssucht der Könige und der wachsenden Habgier der Untertanen eingetreten sei, bricht aber mit dem Hinweis darauf, dass Zeus, erzürnt über diese Entartung, das Volk dem Untergang preisgab, plötzlich ab und lässt uns bezüglich des weiteren Verlaufes der Erzählung J ) Wir lesen ßafteos mit den meisten Ausgaben. 2) cf. Tim. 20 E 21; Krit. 113 B. 3 ) Krit. 109 A — 112 E. 4 ) Krit. 113 C ff. nur die aus den Andeutungen des Tim. zu erschliessende Vermutung übrig, dass nunmehr der dem Untergang vorausgehende Kampf zwischen Athen und dem mächtigen Inselstaat ausführlich dargestellt werden sollte 1 ). II. Was ist nun von diesem Atlantisbericht Piatons zu halten? Verdienen die, wie wir sehen werden, mit aller Sorgfalt in das Gewand einer historischen Überlieferung gekleideten Angaben des Philosophen von einer ehemals inmitten des atlantischen Ozeans existierenden, später aber versunkenen Rieseninsel Glairben oder müssen wir die ganze Erzählung für eine Fiktion halten? Eine kurze kritische Übersicht über die Beurteilung, welche unser Gegenstand in der Literatur aller Zeiten erfahren hat, führt uns am besten mitten in das Problem und räumt zugleich für die späteren Ausführungen manchen Punkt hinweg, der heutzutage nicht mehr der Erörterung bedarf 2 ). Schon die Gelehrten des Altertums haben den Atlantisbericht aus seinem Zusammenhang losgelöst und die Frage erörtert, ob in demselben ein historischer Kern enthalten sei; sie gingen aber in ihren Ansichten weit auseinander. ') "Warum PI. den Dialog Kritias, dessen Echtheit hinlänglich nachgewiesen ist, unvollendet liess, darüber ist viel gestritten worden. Die allgemeine Annahme geht jetzt dahin, dass nicht der Tod den Philosophen an der Vollendung gehindert habe, sondern die teilweise Änderung seiner politischen Ansichten sowie der Umstand, dass er ein anderes grosses Werk, die „Gesetze", in Angriff nahm (cf. Pöhl- mann: „Soziale Dichtung der Griechen", Neue Jahrb. f. Idass. Altert. I 1898 S. 90). 2 ) Bei dem engen Raum, der meiner Arbeit zugemessen ist, muss ich mich darauf beschränken nur einen knappen Abriss der literaturgeschichtlichen Schicksale der Atl. zu geben. Ich habe für diesen Teil meiner Abhandlung — aber auch für die weiteren Erörterungen — bes. folgende Werke zugrunde gelegt: Henri Martin, Etudes sur le Timee de Piaton, Paris 1841, I p. 257—332 (mit ausführl. Literaturangabe bis 1840). F. Sander, Über die platonische Insel Atlantis, Bunzlau 1893; (die treffliche Abhandlung gibt den besten Überblick über den Stand der Atlantisforschung bis 1893). Pau lysRealencyklop.d.klass. Altertumswissensch.,Neue Bearb., Art. „Atlantis" von Berger (gibt die wünschenswerte Ergänzung zu Sander für die jüngste Forschung). Gegen die Glaubwürdigkeit der platonischen Erzählung wendet sich vor allem Strabo (Geogr. IT C 102), welcher die Ansicht vertritt, PI. habe, ebenso wie Homer die Mauer der Achäer, die Insel Atl. darum ins Meer versenken dürfen, weil er sie selbst geschaffen. Den Standpunkt des Zweiflers nimmt der ältere Plinius ein, wenn er sagt (hist. nat. II 92): In totum abstulit (seil, rerum natura) terras primum omnium, ubi Atlanticum märe est, si credimus Piatoni, immenso spatio. Ähnlich urteilt Plutarch im Leben des Solon (cap. 31): ayiä/uevog /usydhjg t fjg jzeqi tov "AtXuvtaxov Xöyovi) f .iv{Xov nQay/.iarslag. Die meisten Schüler und Nachfolger Piatons freilich suchten nach dem Zeugnis des Proklos die Worte des Meisters als reine Wahrheit zu erweisen 1 ). In der neuplatonischen Schule der alexandrinischen Zeit waren, wie uns ebenfalls Proklos mitteilt, bereits alle möglichen Ansichten vertreten 2 ). Man schenkte teils mit Krantor der Erzählung blinden Glauben teils verneinte man jede historische Wahrheit derselben und hielt sie für rein literarische Ausschmückung (wie Longinos bei Proklos p. 63 B); auch fasste man sie als tiefsinnige Allegorie auf oder deutete sie in symbolischer Weise aus 3 ). Im späteren Altertum traten die christlichen Apologeten Ter- tullian 4 ) und Arnohius 6 ), ebenso der Geschichtsschreiber Ammianus Marzellinus 6 ) für die Verlässigkeit des platonischen Berichtes ein, indem sie die einstige Existenz der Atl. wie eine historische Tatsache behandelten. >) So versichert Proklos (comm. in Tim. p. 24 A) von dem ersten Erklärer Piatons, Krantor, dass dieser der Erzählung unbedingt Glauben schenkte: rov jisqI zwv ArXavrtvcov ovfMiavza rovrov löyov oc fikv ioroQiav eivat (pao tv, üojieq 6 j T qwtos rov rV.arcovos sgijyrjrijg Knävrdio. 2 ) cf. Procl., comm. in Tim. p. 24, 52 ff., 61, 63. 3 ) cf. Sander a. a. 0. S. 17. 4 ) Tert., apologet. XL: Memorat et Plato maiorem Asiae et Africae terram Atlantico mari ereptam . . . ä ) Arn. adv. gentes 15: Ut ante millia annorum docem ab insula, quae perhibetur Atlantica Neptuni, sicut Plato demonstrat, magna erumperet vis hominum et innumeras funditus delcret atque exstingueret nationes, nos fuimus causa? 6 ) Amm. MareeD. XVII 7, 13: Munt autem terrarnm motus chas- niatiae, qui grandiore motu patefactis subito uoratrinis terrarum partes absorbont, ut in Atlantico mari Europaeo spatiosior insula. — 8 — Kosmas Iridikopleustes, der letzte in Betracht kommende Autor des Altertums, wies — zur Zeit Justinians — in seiner „topograpliia cliristiana" ebenfalls auf die Glaubwürdigkeit des platonischen Berichtes hin, erlaubte sich aber zum Erweis seiner Hypothese, Piatons Bericht sei aus Veränderung der von Moses überlieferten Urgeschichte entstanden, den Philosophen dahin zu berichtigen, dass er sagte, PI. habe mit Unrecht die Atl. nach Westen verlegt und als eine vom Festland getrennte Insel aufgefasst. Hier haben wir den ersten Fall einer willkürlichen Deutung, die — echt byzantinisch — einen antik-heidnischen Bericht mit jüdisch-christlichen Überlieferungen konfundieren will. Während des Mittelalters ruhte die Atlantisfrage fast vollständig. Als aber nach Entdeckung Amerikas die seit der Renaissance den klassischen Studien wieder eifrig obliegende gebildete AVeit ihr Interesse dem neuerschlossenen westlichen Kontinent zuwandte, griff man Piatons Bericht begierig auf und setzte ihn deshalb, weil er von einer im westlichen Ozeau gelegenen Insel erzählte, ziemlich kritiklos in wissenschaftliche Beziehung zu den Entdeckungen, die das bisherige Kartenbild von der Oberfläche der Erde so sehr verändert hatten. Man glaubte die Angaben des Philosophen in Übereinstimmung mit den geographischen Ergebnissen der neuen Entdeckung bringen zu können und hielt emsig nach Anzeichen Umschau, aus denen man die ehemalige Existenz der Atl. erschliessen konnte 1 ). Dass eine Insel von so gewaltiger Ausdehnung, wie sie PI. versinken lässt, wirklich ganz untergegangen sei, glaubte man dem Philosophen nicht, behauptete vielmehr, dass die Rieseninsel bei ihrem Untergang doch einige Trümmer zurückgelassen haben müsse 2 ). Als solche bezeichnete man nicht nur die Azoren, Madeira, die Kanarien und die Kapverdischen Inseln, sondern vor allem Amerika. Diese Landgebiete, so behauptete man, seien als die über den Wasserspiegel hervorragenden Reste der nunmehr den Boden des *) In dieser Zeit gab aber auch PJatons Erzählung schon vielfach Anregung zu poetischer Nachahmung. Sander (a. a, 0. S. 20 u. 21, 40) gibt einen Überblick über diesen Teil der Atlantisliteratur, der bis in die neueste Zeit herein Zuwachs erhalten hat. 2 ) Dabei berief man sich auf die Bemerkung Piatons, dass das Meer an der Stelle, wo einst die Atl. gelegen, unwegsam sei (Tim. 25 B): fj ze Az/.avzlg vijaoe maavxiog xazä zrjg /)a?Mzzrjg <5vaa rjfj .avlothj' 8io xai rvv änoQOv xai äöiEQsvvtjzov yeyovs To ixeT nekayog ,■ jirjlov xaQza ßqayjog efijzoömv övzog. Ähnlich Jtrit. 108 E. — 9 — Meeres bildenden Atl. zu betrachten, die einst die volle Breitseite des atlantischen Ozeans eingenommen habe. Im 17. und 18. Jahrh. schritten Gelehrte wie Kircher (1678), Buffon (1749), Carli (1780) auch zur Beantwortung der Frage nach der Ursache des Unterganges der Atl. vor und bemühten sich den Nachweis zu führen, dass dieselbe ebenso wie andere Inseln und Länder durch Eindringen von Sturmfluten oder infolge vulkanischer Katastrophen oder durch beides zugleich versenkt worden sei 1 ). Während aber die bis jetzt angeführten Erklärungsversuche wenigstens soweit mit den Angaben des Philosophen in Übereinstimmung blieben, dass sie der einstigen Atl. eine ungeheure Ausdehnung gaben und nur ihren Untergang und dessen Folgen in freierer Weise deuteten, setzte sich eine andere Gruppe von Interpreten — bald nach Kolumbus — in direkten Widerspruch mit dem Berichte Piatons, indem sie dem Zeitgeiste schmeichelnd behauptete, Amerika sei nicht ein Überrest der Insel, sondern geradezu die Insel Atlantis selbst, die PI. mit Unrecht habe versinken lassen 2 ). So offenkundig nun diese Hypothese der Darstellung Piatons widerspricht, der doch seine Insel ausdrücklich vor den Säulen des Herakles liegen und in unabsehbar fernliegender Zeit für immer v e r- sinken lässt, fand sie doch bis in die neueste Zeit herein überzeugte Anhänger 3 ). Nachdem es nunmehr Gewohnheit geworden der versunkenen Atl. einen Platz auf der Erdoberfläche zu geben, scheute man sich aber auch nicht ihr mit freier Willkür noch andere Örtlichkeiten als den atl. Ozean anzuweisen. •) Die genannten Gelehrten suchten ihre Annahme durch Heranziehung eines umfangreichen, der "Wirklichkeit entnommenen Beobachtungsmaterials zu stützen. Ihre Hypothesen wurden im 19. Jahrh. bes. von den Geologen wieder aufgenommen. ') Der Spanier Gomara (historia de las Indias, Saragossa 1553, p. 119) verkündete ohne Bedenken, dass die Atl. in Amerika entdeckt sei. Bin Deutscher, Wilhelm von Postel (1561), forderte geradezu die Bezeichnung Atl. für den neuen Erdteil. 3 ) Selbst der gelehrte Stallbaum (im Komm, zum Tim. S. 99) fand in den Angaben Piatons bezüglich der Atl. eine merkwürdige Ähnlichkeit mit amerikanischen Verhältnissen. Die untergegangene Insel darf aber doch nimmermehr mit einem noch bestehenden Land identifiziert werden! Vgl. hiezu: Martin a. a. 0. S. 327—330. — 10' — Kirchmaier (16S5) verlegte die platonische Atl. nach Afrika, Rudbeck (1682) suchte sie in Schweden zu lokalisieren, Bailly (1779) fand sie gar in Spitzbergen wieder, von wo aus die Atlanten über Europa und Asien sich zerstreut hätten 1 ). Am meisten Anklang fand im rationalistischen 18. Jahrhundert die Annahme, dass im Einklang mit der Bibel, der ehrwürdigen historischen Urkunde, der Ausgangspunkt der Atlantissage in Palästina zu suchen sei, dass also dort auch die Atl. ihre Stelle finde 2 ). Gegen all diese zum grossen Teil unhaltbaren Erklärungsversuche waudte sich die auf ganz neuen Boden gestellte, vom Geist gesunder und nüchterner Beobachtung getragene Kritik des 19. Jahrhunderts. Man verliess jetzt den Standpunkt absoluter Gläubigkeit den Worten Piatons gegenüber, untersuchte unsere Frage von allen Seiten mit prüfender Skepsis und nahm einer Angabe Piatons nach der andern den Nimbus der Unantastbarkeit. Der grosse Alexander von Humboldt legte in dem Werk: „Examen critique de 1' histoire de la gßographie du nouveau continent et des' progres de l'astronomie nautique aux XV. et X VI. siecles" (Paris 1814; deutsch von Ideler in 3 Bänden, Berlin, 2. Aufl. 1852) zum erstenmal einen streng kritischen Masstab an die Angaben Piatons, besonders hinsichtlich ihrer historischen Einkleidung. Weil er aber einen Teil dieser Angaben mit gutem Grund bezweifeln zu müssen glaubte, während er den anderen Teil gläubig hinnahm, kam er in unserer Frage zu keinem recht sicheren Ergebnis. Sein unleugbares Verdienst aber besteht darin, dass er als erster auch den geographischen Hintergrund des Atlantisberichtes eingehend prüfte und zwischen exakter geographischer Forschung und geographischen Hypothesen streng unterschied. In dieser Hinsicht fassto er sein Schlussresultat bestimmter zusammen und behauptete, dass der Atlantisbericht zu den geographischen Mythen oder Sagen *) Seit dieser Zeit warfen sich manche mit Berufung auf Piatons Angaben förmlich zu Geschichtsschreibern der Atlanten auf, wie Delisle de Sales u. andere. 2 ) Hauptvertreter dieser Ansicht, die im 19. Jahrh. wieder auftauchte, war C. v. Baer (Essai hist. et crit. sur les Atlantiques 1762, aus dem Eranzös. übers, u. erechienen zu Frankfurt, 1777). B. suchte durch gewagte Etymologien (Atlas sei soviel wie Atlüeta d. i. Kämpfer, Ringer; letzterer Name aber sei dem Oberhaupt des jüdischen Volkes, Israel, beizulegen) seinen Behauptungen Nachdruck zu verschaffen. — 11 — zu zählen sei 1 ). PI. habe die Atlautissage selbst aus Ägypten mitgebracht oder wahrscheinlicher aus dem älteren Mythus vom Untergang Lyktoniens umgebildet 2 ). Einen grossen Fortschritt, besonders hinsichtlich der Methode der Forschung, bedeuteten in jener Zeit gesunder Skepsis die bereits erwähnten gründlichen Abhandlungen des französischen Gelehrten Martin 3 ). Mit glänzender philologischer Textkritik verfolgt er den Sinn der platonischen Worte bis ins einzelne und räumt mit jenen Systemen auf, welche sich auf eine willkürliche Textinterpretation stützen; er stellt für alle Zeiten unwiderleglich fest, dass die Atl., ob man nun an ihre einstmalige Existenz glaube oder nicht, nach den Angaben Piatons lediglich im westlichen Ozean, vor den Säulen des Herakles, zu suchen sei, nicht aber in Palästina, in Afrika, im nördlichen Eismeer, in Amerika oder sonstwo. Wie Martin in dieser Beziehung der Atlantisforschung für alle Zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hat, so verdanken wir ihm auch neue Schlüsse, die er aus den Ergebnissen der praktischen Wissenschaften folgern zu dürfen glaubte. Er betont ausdrücklich die innere Unwahrscheinlichkeit der Tatsache, dass ein Land von so ungeheurer Ausdehnung wie die Atl. am Eingang der historischen Zeit — als der ägyptische Staat schon bestand •— versunken sei, und macht ausserdem darauf aufmerksam, dass nach den angestellten Untersuchungen da, wo die Atl. liegen soll, der Meeresgrund ein ganz anderes Aussehen habe als es nach Piatons Angaben der Fall sein müsste. In keiner Weise lasse sich also die einstmalige Existenz der Atl. erweisen; dieselbe gehöre vielmehr in das Gebiet der Phantasie. Aber auch der im allgemeinen so skeptisch urteilende französische Gelehrte vermochte nicht bis zur Annahme einer rein poetischen Fiktion Piatons fortzuschreiten. Er hält noch an der Herkunft der Erzählung aus Ägypten fest, die er allerdings ein lügenhaftes „Priestermärchen" nennt, und glaubt auch an die Yerbürgung der Erzählung durch Solon. ] ) Diese Mythen und Sagen sind nach Hamb, nicht durchaus in das Gebiet der idealen "Welt zu verweisen, sondern enthalten oft die ersten Bemerkungen im Gebiete der "Weltkunde imd physischen Erdbeschreibung (cf. llumb.. Krit. Unters., Ideler Bd. I S. 163 ff.). 2 ) Ich werde später wiederholt auf diesen Mythus zu sprechen kommen. 3) Henri Martin, Etudes Sur lo Timee de Piaton, Paris 1841, I p. 257 ff.. 33 1 f. — 12 — Tüchtige Vertreter der deutschen Wissenschaft gingen, auf den Bahn® ihres verdienstvollen Vorgängers aus dem Nachbarland wandelnd, in der Folge über diesen soweit hinaus, dass sie dem Atlantisbericht schliesslich jede Realität absprachen und ihn ganz und gar dem dichterischen Genius Piatons entsprungen sein Hessen. Der vorzügliche Platokenner Suse mihi hat dieser Überzeugung den klarsten Ausdruck verliehen, indem er einem Fingerzeig folgte, den Schwanitz (de Atlantide insula, Jahresber. d. Gymn. zu Eisenach, 1850) gegeben hatte. Ausgangspunkt seiner scharfsinnigen Untersuchungen bildet durchweg die Frage nach der Absicht, welche den Philosophen geleitet habe, als er den Atlantisbericht entwarf. Erörterungen dieser Art führen ihn sowohl in seiner ersten einschlägigen Abhandlung (Jahrbücher für klass. Philol. v. Fleckeisen 1855, S. 374-—388), die der Zurückweisung der Ansicht Noroffs 1 ) von der einstmaligen Existenz der Atl. gilt, noch mehr aber in der zweiten (die gen. Entwicklung d. plat. Philos., II. Bd. 2. Hälfte, S. 471 ff., Leipzig 1860), welche der Feststellung des Zusammenhanges der Dialoge Krit. und Tim. unter sich und dieser beiden wiederum mit dem „Staat" gewidmet ist, zu dem Resultat, dass der Atlantisbericht als Ganzes durchaus Dichtung und zwar philosophische Dichtung sei. Piaton habe in diesem fingierten „Mythus", der aus dem Boden seiner Weltanschauung erwuchs, die Idee vom besten Staat im Flusse geschichtlichen Lebens veranschaulichen d. h. den in den Büchern der Republik entworfenen Idealstaat in Bewegung setzen und in die Welt der Erscheinung hinüberführen wollen 2 ). Die Wahl der mythischen Darstellung sowie die ganze Einkleidung des Berichtes hätten ihren wohlberechneten Zweck. Die Atlantis selbst, bilde im Rahmen des ganzen Zusammenhangs nur ein Nebenmoment und sei lediglich in der Absicht vom Dichter geschaffen dem besten Staat einen zweiten gegenüberzustellen, mit dem der nach Altathen verlegte Musterstaat D Nor., Die Atlantis nach griechischen und arabischen Quellen, Petersburg 1854. 2 ) cf. Tim. 19 BC u. 20 B. Ebenso Tun. 26 D, wo es heisst: xovg de noXhag Kai T.rjv uiohv, fjy yßeg y/uv cog st> irvOry äiflsioda ov, vvv (tezeveyxdrzeg eit 1 xn/.r]0-eg devgo (nach Athen) 0i) oo [X er mg hxeivr\v xrjvde ovaar , xai xovg nolixag, org dievoov, (:pr)öoutv exeivovg xovg äbßirovg eivcu JTfjoyövovg r//uov. — 13 — sich im Kampfe messen soll um sich hinsichtlich seiner bewahrten Einrichtungen zu erproben 1 ). Den überzeugenden Ausführungen Susemihls vermochten sich nur wenige Interpreten unseres Gegenstandes zu entziehen. Die Philologen und Historiker der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind der überwiegenden Mehrzahl nach darin einig, dass die Atl. als Ganzes von PL erdichtet worden ist 2 ). Nur insofern glaubten einige eine Berichtigung eintreten lassen zu müssen, dass sie sagten, Sus. sei in seinen Polgerungen zu weit gegangen; sie wiesen auf die mögliche Benützung teils historischer Tatsachen oder mythologischer Anschauungen teils geographischer Erkenntnisse und Erinnerungen seitens des Dichters hin. Diesen Standpunkt der Forschung, nach welchem die Anlehnung besonders an naturwissenschaftliche Kenntnisse der platonischen Zeit Beachtung verdiene, brachte in jüngster Zeit Kretsclimer zum Ausdruck in seiner Festschrift (zur 400 jährigen Feier der Entdeckung Amerikas): Die Entdeckung Amerikas in ihrer Bedeutung für die Geschichte des Weltbildes, Berlin 1892, Abschn. „Piatons Atlantis", S. 156—170. Freilich sind auch die unleugbaren Fortschritte, welche die Atlantisforschung seit Humboldt genommen, vielfach nicht als solche anerkannt worden; es finden sich besonders unter den Prähistorikern und Geologen bis in die jüngste Zeit herein solche, welche mit Berufung auf Piatons Angaben die Atl. wieder ganz erstehen lassen oder wenigstens in die Tiefe des atlantischen Ozeans versunken glauben. Mit den wesentlichsten ihrer Aufstellungen werden wir es im folgenden mehrfach zu tun haben. III. Wenn ich nunmehr daran gehe meine Ansicht über die Atlantisfrage zu entwickeln, so bemerke ich im voraus, dass es mir unerlässlich erscheint die Untersuchungen Martins und Susemihls zum Ausgangspunkt jeder kritischen Erörterung über unsern Gegenstand zu machen, die des ersteren, weil er den Sinn des platonischen 0 cf. ebenf. Tim. 19 BC, 20 B. In neuerer Zeit wird neben dein philosophischen und sozialpolitischen besonders der ethische Inhalt der Erzählung betont (cf. Sander a. a. 0. S. 9 u. 10, Poehlmann a. a. 0. S. 95 u. 96). — 14 — Textes in vorbildlicher Weise klarlegte, die des letzteren, weil er wie keiner den Zusammenhang und die Methode der platonischen Darstellung erschloss. Freilich werde ich, gestützt auf die Ergebnisse der neueren Literatur, ihre Ausführungen mehrfach berichtigen und ergänzen und so gedenke ich zu einem Schlussresultat vorzudringen, das eine befriedigende Beantwortung unserer Frage ermöglicht. Die mir vorschwebende Lösung der Frage glaube ich am besten dadurch geben zu können, dass ich nochmals die Hauptpunkte prüfe, die für oder gegen die Erdichtung des Atlantisberichtes spi'echen, sodann aber das Material zusammenstelle, das etwa dem Philosophen eine wirkliche oder ideelle Grundlage zu seiner Erzählung bot. Dabei wird sich wiederholt Gelegenheit ergeben unkritische Interpretationsversuche neuerer Zeit zurückzuweisen, die auf Kosten des platonischen Textes irgend eine Hypothese zu erweisen suchen. 1. Gewiss kann uns die Neigung der Forscher nicht befremden, wenn sie zu allen Zeiten in der Erzählung Geschichte erblickt haben. Denn wir müssen gestehen, dass die Beflissenheit, mit der PI. wiederholt auf die geschichtliche Wahrheit seines Berichtes hinweist (cf. Tim. 20 D, 26 D), sowie die Bereitwilligkeit, mit welcher auch Sokrates, der als Zuhörer anwesende Gast, die geschichtliche Zuverlässigkeit des Vernommenen anerkennt (Tim. 21 A, 26 E), ihren Eindruck nicht verfehlen. Den Glauben der Forscher bestärkte noch die Herleitung der Erzählung aus dem ehrwürdigen Ägypten sowie die Trefflichkeit der Personen, denen PI. die Überlieferung zuweist. Auch drängt sich dem Leser des Kritias der Wunsch auf aus dem unvollendeten Bruchstück, dessen Schilderungen beinahe mit historischer Gründlichkeit und mathematischer Genauigkeit durchgeführt sind, das Vorhandensein einer wirklichen Grundlage herauszudeuten. Dazu kommt endlich; dass schon im Altertum mancher nicht zu unterschätzende Autor auf die historische Wirklichkeit der Erzählung hingewiesen hat. Wollen wir nun über die historische Bedeutung der Atlantisepisode 1 ) ein sicheres Urteil gewinnen, so müssen wir zuerst ') Eine Episode nenne ich den plat. Bericht, weil ich ihn mit Sns. für den Hintergrund des Gemäldes halte, in dessen Vordergrund die Tüchtigkeit des urathenischen Staates hell in die Erscheinung treten sollte. — 15 — das Alter des von PI. behandelten Gegenstandes zu ergründen suchen. Was manche im Sanchuniathon und in der Bibel hierauf Bezügliches zu finden glaubten, ist schon von Martin gebührend zurückgewiesen worden. Anders stellt es mit der Quelle, die PI. selbst nennt, mit dem Bericht der ägyptischen Priester. An dessen Wahrheit halten bis auf den heutigen Tag Gelehrte von bedeutendem Ruf fest. Da in dem Gespräch, das der saitische Priester mit Solon führt, ausdrücklich hervorgehoben wird, dass der Kampf der Atlanten und Altathener — der eigentliche Kernpunkt der Erzählung —- in ägyptischen Tempeln aufgezeichnet stünde (cf. Tim. 23A, 24 A), hat man sich im vergangenen Jahrhundert bemüht auf eine diesbezügliche Inschrift zu stossen, um so mehr als auch Krantor im Kommentar des Proklos (p. 24 AB) von solchen Inschriften sprach, die noch zu seiner Zeit existierten 1 ). Unter Bezugnahme auf diese Stelle folgert Christ in einem Abschnitt seiner platonischen Studien (Abli. der Münchner Akademie 1886, S. 507 ff.), „Kritias, ein historischer Roman": „ Jenes in Prosa geschriebene Epos, nämlich von der Invasion Attikas und der Binnenländer des Mittelmeeres durch ein mächtiges Yolk, das weit im Westen auf einer grossen Insel des atlantischen Ozeans seinen Sitz hatte, hat wie jedes Volksepos einen historischen Hintergrund; den haben wir erst durch die Hieroglyphen texte des Denkmals von Karnak (ungefähr aus der Zeit um L400 v. Chr.), publiziert von Dümichen (Hist. Inschriften I, 1—5) kennen gelernt, welche (ausser von de Rouge und Chabas) von Lauth übersetzt und erläutert worden sind" 2 ). „Keiner der Gelehrten", fährt Christ fort, „hat dabei an die Atlantis im Kritias des Plato und an die ägyptischen Stelen des Krantor gedacht, offenbar weil ihnen dieselben nicht gegenwärtig waren; aber jene Texte enthalten Berichte von einer grösseren Konföderation der Völker des westlichen Libyens (Lebus) und der Inseln des westlich en Mittelmeeres 3 )(Scheku] scha-Siculi und Sch ard ana-Sardones), welche Ägypten mit Krieg überzogen 1 ), 1 ) Procl. in Tim. p. 24 B: /jagTvgovoi 8 k xai oi jtQ~oq>fjrai zmv Alyvjirimv ev axr/Xaie zeug eti oo)'Couho.iq tu .via yeygdtp&ai Xsyorxsg. 2 ) cf. Lauth, Zeitschrift der deutsch. Morgenl. Gesellsch. XXI, S. 625 ff. u. Sitzungsher, der Münchner Ak. 1867, 2 S. 528 ff. ;! ) Letztere werden „Völker von den Ländern des Meeres" genannt. 4 ) Der Kriegszug richtete sich gegen den Nachfolger Ramses IL, Mer-en-Ptah. — 16 — aber nach heftigen Kämpfen total geschlagen und vernichtet wurden; sie waren gewiss 1000 Jahre später noch den Priestern Ägyptens bekannt und konnten, dem Solon oder PI. erzählt, recht wohl den Hintergrund bilden, auf dem der Dichterphilosoph sein Gemälde aufbaute". Tch kann mich dieser Hypothese nicht anschliessen. Fürs erste möchte ich mit Martin nicht so viel Gewicht auf das Zeugnis Krantors legen. Krantor war wie alle, welche zu Piatons unmittelbaren Nachfolgern gehörten, eifrig beflissen die Worte des Meisters bedingungslos hinzunehmen. Gesetzt aber auch, die Priester hätten Säulen mit solchen Inschriften aufgewiesen, so konnten doch die Reisenden, von denen es etwa Krantor hörte, ebensowenig wie Solon die Wahrheit des Gesagten kontrollieren, da sie ja den Hieroglyphentext nicht zu lesen verstanden, mussten vielmehr den Priestern alles aufs Wort glauben. Aber auch der Inhalt des Hieroglyphentextes selbst, auf den sich Christ beruft, wird von bedeutenden Geschichtsforschern und Ägyptologen in ganz anderer Weise gedeutet als Lautli es versucht hat. Duncker 1 ) und Wiedemann 2 ) erklären nämlich übereinstimmend die Völker jener Inseln des Mittelmeeres, in denen Lauth die ersten Spuren der flehäer 3 ), Sardinier, Etrusker etc., findet, lediglich für lybische Volksstämme, die an der Küste Nordafrikas, nicht aber auf Inseln gewohnt hätten. Wiedemann erweist ausserdem in einer eigenen Monographie 1 ) mit Heranziehung reichlichen etymologischen Beweismaterials die Identität dieser lybischen Namen mit den angeblich gräko-italischen als unberechtigt und gezwungen, erschliesst aus dem Aussehen, der Bewaffnung, Kleidung und Kampfesweise dieser Völker ihre lybische Abstammung und macht insbesondere auch auf die innere Unwalir- scheinlichkeit jeder näheren Beziehung zwischen Achäern und Ägyptern in einer so frühen Zeit — um das 14. Jahrh. v. Chr. — aufmerksam 6 ). D., Gesch. d. Altert., 4. Aufl., Bd. I S. 123 Anm. 2 ) W., ägypt. Geschichte, Gotha 1884, 3. Bch. S. 473 ff. 3 ) L. setzt die in der Inschrift vorkommenden „Aquaiwascha" mit den Achäern gleich. 4 ) W., die ältesten Beziehungen zw. Ägypten und Griechenland, Leipzig 18S3. r ') Eine kulturelle Beeinflussung Griechenlands von Seite Ägyptens durch Vermittlung der Phöniker soll damit keineswegs in Abrede gestellt sein! — 17 — Wenn also nach den Beweisführungen besonders Wiedemanns die Ägypter von den Achäern aus so früher Zeit nichts erzählen konnten, wenn auch nach den Ergebnissen der Geschichtsforschung kein Kampf der Ägypter mit Inselbewohnern stattgefunden hat, so fällt damit der Hauptanknüpfungspunkt, der an die Ätl. erinnern möchte. Übrigens hätte sich PI. eine weitgehende Umdichtung des ägyptischen Berichts erlaubt, da er doch die Altathener zu Bundesgenossen der Ägypter macht, die Zugehörigkeit der aus dem Westen andringenden Heeresmasse zu einem Stamm ausdrücklich betont, ausserdem die Zeit des Eeldzuges um Jahrtausende zurück verlegt: Wir müssen demnach bekennen, dass die von Christ angeführten Ägyptoiogen mit Recht die Karnaker Inschrift in keine Beziehung zu Piaton gesetzt haben. In den wirklich gefundenen ägyptischen Inschriften ist nach dem Gesagten kein Zeugnis dafür zu finden, dass Solon oder Piaton ans Tatsachen der Geschichte ihren Bericht geschöpft haben könnten 1 ). Vielleicht aber lässt sich in Griechenland eine Atlantissage ermitteln, finden sich in der vorplatonischen Literatur, in den Schriften Solons oder im Volksglauben der Griechen die Spuren einer solchen. Was die vorplatonischen Berichte betrifft, so hat man unsere Erage vielfach in einen zu engen Rahmen gespannt. Weil man in diesen Berichten die Namen Atlas und Atlanten vorfand, wollte man in langatmigen Exkursen über die mythologische Bedeutung dieser Namen gleich ihre nahe Beziehung zur Atl. erweisen. Homer 2 ) und Hesiod 3 ) sowie die Dichter des 5. Jahrh. ■') gedenken zwar des Atlas, wissen aber nichts von einer Insel Atlantis. Ihr Atlas, der Träger des Himmels, hat nächst dem Namen nur das mit dem platonischen gemein 5 ), dass er im Westen — nach Hesiod und Euripides bei p Auf die Gründe, die PI. veranlasst haben seine Erzählung gerade auf Ägypten zurückzuführen, werde ich in einem späteren Abschnitt zusprechen kommen. 2) Horn. Od. I 52 ff., VII 245. 8 ) Hes. Theog. 509 ff., 517 ff., 746 ff. ') Äschyl. Gef. Prom. 347 ff. u. 427 ff., Eur. Hipp. 742 ff., Pind. Pyth. IV 289 f. r ') Der mythologische Atlas der griechischen Dichter ist — von Hesiod an — meist der duldende Titanensohn, ein Sprosse des Japotos u. der Klyihene. Piatons Atlas aber ist ein Inselkönig, welcher der Absicht des Dichters entsprechend der Verbindung Poseidons mit der Sterblichen Kleito entstammt (cf. Krit. 113 CD, 114 A). Der plat. Atlas hat aber auch nichts mit dem mythischen König Atlas zu schaffen, dem Besitzer der Hesperidengärten, der nach der späteren euhemeri- 2 den Hesperiden, den „Westlichen" — wohnt. Will man aus den betreffenden Stellen der genannten Dichter Züge entnehmen, die sich im Atlantisbericht finden, so sind es vornehmlich ihre Schilderungen von glücklichen Ländern im Westen. Doch davon später! Dass Herodot ganz von einer Atlantissage schweigt, ist gewiss auffallend, um so mehr als nach PI. die Ägypter von ihr wussten, mit denen doch der Vater der Geschichte so lebhafte Beziehungen unterhielt. Er, der sonst soviel Wundergeschichten aus Ägypten erzählt und sich über das Alter der ägyptischen Kultur so unterrichtet zeigt, hätte sicherlich, da ihm Ereignisse aus gleich alter Zeit wie der Untergang der Atl. mitgeteilt wurden, bei Bemerkungen dieser Art nicht verfehlen können der versunkenen Insel Erwähnung zu tun. Der Atlas des Her. 4 ) aber, ein Berg in Nordafrika, kann wiederum nicht mit dem Inselkönig Atlas des PI. in unmittelbare Verbindung 2 ) gebracht werden, ebensowenig wie die Atlanten oder Ataranten Herodots, wie sie als Umwohner des Berges heissen, etwas mit den Bewohnern der Atl. zu tun haben. Was ferner Her. 3 ) von dem stummen Handel der Karthager nach einem Lande jenseits der Siiulen des Herkules sagt, hat schon deshalb keine unmittelbare Beziehung zu unserer Atl., da uns dieser Bericht in viel spätere Zeiten versetzt, in denen die platonische Insel längst versunken sein sollte. Die kleine Insel Atalante endlich, welche im euböischen Golf liegt und nach Thukydides (II 32 u. III 89) durch ein Erdbeben des Jahres 426 v. Chr. litt, ist wohl nur deshalb mit der Riesen- insel Piatons in Verbindung gebracht worden, weil der Sohn des Kolumbus an der Stelle, wo er von den Anregungen spricht, welche die Berichte der Alten seinem grossen Vater gaben, die Atl. mit der Insel Atalante verwechselte 4 ). Können wir also in genannten vorplatonischen Berichten keine Atlantissage entdecken, so könnte ihr Alter doch bis Solon hinaufreichen, der nach einer Angabe Piatons wenigstens den Entwurf stischen Fassung der Atlassage in ein Abenteuer des Herkules verwickelt war, von diesem in der Sternkunde unterwiesen (Diod, bibl. bist. IV 27) und in der Folge von Perseus in einen Berg verwandelt wurde (cf. Ov. Met. IV 627 ff.). >) of. Her. IV 184. 2 ) Her Name Atlas allerdings leitet sich, wie ich weiter unten nachweisen werde, auf den Berg zurück. 8 ) Her. IV 196. *) cf. Humboldt, Krit. Unters. Bd. I S. 155. — 19 — eines Atlantisepos (nach ägyptischen Berichten) begann 1 ) und in Hauptzügen den Verwandten Piatons hinterliess 2 ). Die Präge ist wichtig genug um bei ihr etwas zu verweilen. Umsonst suchen wir in der Literatur vor PI. eine Bemerkung des Inhalts, dass Solon wirklich beabsichtigt habe ein derartiges Epos zu dichten. Er wird uns immer als lyrischer, namentlich als elegischer Dichter genannt, dessen Schaffen hauptsächlich in der Politik seiner Zeit wurzelte. In seinen erhaltenen Fragmenten finden wir ebenfalls keine Angabe, die auf eine derartige Absicht Solons schliessen liesse. Das Zeugnis Plutarchs 3 ) aber ruht einfach auf der ihm unantastbaren Autorität Piatons, trotz der Abweichung im Nebensächlichen. Lassen wir uns nicht täuschen! Wir haben PI. als einzigen Bürgen einer derartigen Dichtung Solons anzusehen und können dadurch nicht mehr überzeugt werden, dass er diesen Punkt geflissentlich hervorhebt und als Brücke für seinen Bericht eine Familientradition 4 ) benützt, nach welcher die Verwandten aus einem Entwurf Solons geschöpft hätten 5 ). Mit dieser Familientradition steht es nämlich schlimm. Steinhart 0 ) weist dem Piaton eine chronologische Unmöglichkeit nach, indem er hervorhebt, dass die Geburtszeit des älteren und des jüngeren Kritias nicht 80 Jahre auseinander liegen könne, wie PL behauptet 7 ). Susemild aber bemerkt 8 ), dass die von PI. angegebene Art der Überlieferung deshalb nicht für historisch zu halten sei, weil es der platonischen Darstellungsweise entspreche eine Überlieferung durch mehrere Hände gehen zu lassen u m ihreErdic h tun g ') Tim. 21 D: El' ys . . .zöv rs Xoyov, ov an Alyvnzov ösvgo rjvsy- xazo, an ex eXeo e xai f,irj Sta rag ordosig vno xaxcov rs dV.cov . . rjvayxdod^i] xaza- /isXfjoai, . . . ovzs e Hoi'oöog oute r '0/it]Qog . . . svdoxif.icbrsQog EysvEzo äv nozs avzov. 2 ) cf. Krit. 108 D u. 113 AB. 3 ) Plut. Sol. c. 31: e O S e EoXwv atp a/Ltsvog fisyaXijg zrjg nsgl xov AzXavzixov Xoyov rj fxv-&ov ngay/.lazslag . . E^sxafisv ov öi 3 äo%oXiav, cbg nXazcov cprjöiv, äXXa fiäXlov vno yygcog, (poßrjftsig zo /.isysdog zrjg yQacpfjg. 4 ) Tim. 20 E, 25 E. B ) Krit. 113 B. G ) St., Einl. zur Übers, d. plat. Werke v. H. Müller, Bd. VI, Leipzig 1857, S. 78 ff. 7 ) Tim. 21 B: rjv fxev ydg 8rj zoze Kgtziag (der ältere Krit.), cbg scpr), o%sddv syyvg rjdrj zcbv ivsvrjxovza szcibv, sycb (der jüngere Krit.) öe nrj /.idXioza ösxezrjg. 8 ) Sus., Gen. Entw. d. plat. Phil. II Bd. S. 473 ff. 2* anzudeuten. Im „Gastmahl" sowie im „Parmenides" sei die gleiche Bemerkung zu machen. Die Angahe aber von schriftlichen, noch i7n Besitz des jüngeren Kritias befindlichen eigenen Aufzeichnungen des Solon 1 ) diene (wie im Theätet) „nur zur Verstärkung der Illusion — Familienpapiere entzögen sich übrigens der Kontrolle 1 '. Ebenso enthalte die Wahl griechischer Namen 2 ) für die Atlantiden ein „verstecktes Eingeständnis eigener Erdichtung". Piaton hat, wie aus diesen bedenklichen Angaben und Einkleidungen ersichtlich ist, für seine Erzählung keinen unbedingten Glauben beansprucht; es ist demnach auch seine angebliche Quelle, das Atlantisepos des Solon, als Fiktion anzusprechen 3 ). Warum hat nun Piaton gerade dem Solon die Rolle des Vermittlers zugeteilt? Darauf gibt wieder Sus. die beste Antwort 4 ), wenn er sagt, dass PI. durch niemanden besser die Erzählung in Athen einführen lassen konnte als durch den berühmten Reisenden Solon, der wirklich in Ägypten war, dass ferner der Philosoph, indem er den Solon mit seinen Verwandten in Beziehung setze, zugleich die eigene Person mit seiner Familie umschreibe, dass es endlich für den Charakter der Dichtung passend sei einen Mann zu wählen, der neben dem Dichter auch Staatsmann war und so trefflich dienen konnte „die Beziehung des Dialogs z um Staate zu wahren 1 ' 5 ). Ich möchte dem beifügen, dass auch die grosse Pietät, die PI. dem Staatsmann zollte, mit von Einfluss war dem Solon in unserm Dialog die Rolle zu übertragen, die sonst, bes. im „Staate", dem Sokrates zugedacht ist. PI. wollte sicherlich dem Solon, der ihm — trotz der Begünstigung des demokratischen Prinzips — in seinem D Krit. 113 B. Diü Stelle, auf die ich wiederholt verwiesen, lauiet: . . . xal rävrd ys Sij za ygäfifiaza jraga zw nänncg r' tjv xal et' eozI nag Efiol vvv öiaft£fuh)Tai zs vn' Efiov ncudäg ovzog. -) Krit. 113 A: fit) noXkaxig axovovzee 'EXXrfvfxa ßägßagcov av&gwnwv ovofiaxa davfiä (i]t£. 3 ) Die Ansicht Proliers (Mytliol. Bd. I S. 565), der neben anderen Forschern noch für die Erdichtung des Atlantisberichtes durch Solon eintritt, weise ich also zurück. ') cf. Sus., Fleckeis. Jahrb. 1855, S. 378. 6 ) Der letztere Umstand hat wohl PI. auch hauptsächlich veranlasst die Erzählung durch den jüngeren Kritias wiedergeben zu lassen. Denn abgesehen davon, dass dieser ebenfalls ein Verwandter des Philosophen war, vereinigte er in sich in hervorragendem Masse die Eigenschaften des Staatsmannes und Dichters. — 21 — politischen Wirken als mächtiger Förderer vaterländischer Tüchtigkeit und verehrungswürdiger Wächter der Gerechtigkeit erschien, dadurch ein Denkmal seiner Hochachtung setzen, dass er ihn zum Erzähler eines Staatsromans machte, der nach Sander in hervorragendem Masse den Zweck verfolgte den Athenern „ein erweckliches Spiegelbild bürgerlicher und menschlicher Tugend vorzuhalten" 1 ). Hier ist der Platz des vielbesprochenen Peplos der Athene zu gedenken, der lange Zeit als ein Hauptbeweis für eine Existenz der Atlantissage in Athen ausgespielt wurde 2 ). Nach einem Scholion im Eingang der Republik (I. Bell. p. 327 A 3 ) trug die Göttin Athene an den kleinen Panathenäen einen Peplos, in welchen der Kampf der Athener mit den Atlanten eingewoben gewesen sei. Dagegen hat schon H. A. Müller 4 ) vorgebracht, dass an den kleinen Panathenäen wahrscheinlich gar kein Peplos dargebracht wurde. Das Scholion ist lediglich eine missverständliche Auslegung der Bemerkungen des allegoriefreudigen Proklos (comm. in Tim. p. 9 B, 26 E f., 41). Dieser meint nämlich, wie für die grossen Panathenäen — an diesem Feste war Athene mit einem Peplos bekleidet, in welchen der Kampf der Götter mit den Giganten eingewoben war — der Göttin ein festliches Gewand angelegt werde, so sei für die kleinen Panathenäen, den Tag, an welchem nach Proklos die Gespräche Kritias und Timaios stattfanden, der Vortrag des Kritias gleichsam ein würdiger PepJos der Göttin, da in ihm fromm und weihevoll wie in einem Hymnus der schönste Sieg ihrer Zöglinge gefeiert werde 5 ). Aus den bisherigen Erörterungen erhellt zur Genüge, dass bis PI. keine Atlantissage existierte, weder in der voraufgehenden Literatur noch im Volksglauben, dass somit unser Philosoph der einzige Bürge der Erzählung ist, wie sie vorliegt. Der Annahme aber, PI. selbst habe nur eine ihm zuteil gewordene Mitteilung der ägyptischen- Priester nacherzählt 6 ), fehlt jede Grundlage, ja jede *) of. Sander a. a. 0. S. 9. "■) AI. v. Humboldt z. B. hielt noch gläubig an dem Peplos fest. 3 ) . . . zä Se fuxtja Tlaradrjvuta, sv olg xal nbzkog allog aveixo zcS &ea>~, xaü' ov lösTv x ov g Afl?/v ai'ov g . . . vixcörzag zov jiQog AxXavzivovg Jtolsf-iov. *) H. A. M. Panathenaica, Bonn 1837, S. 132. 6 ) ef. Breslauer Festschrift zur Philologenvers, von 1857: de soholio quodam ad Platonicae civitatis initium pertinente, p. 7—13, zitiert nach Sander a a. 0. S. 13- 6 ) Bergk z. B. (in seiner griech. Literaturgesch. Bd. H S. 270) meint, dass PI. „das, was er selbst aus dem Munde ägyptischer Priester hörte, auf — 22 — Wahrscheinlichkeit. Ist es doch Piatons Gewohnheit seinen Fiktionen, um ihnen grösseres Ansehen zu verleihen, eine Heimat und einen Gewährsmann zugrunde zu legen. Ausserdem misst ja Plato den ägyptischen Erzählungen nicht viel Wert bei 1 ). Wir kommen also zu dem Resultat, dass PI. die Erzählung als Ganzes selbst erdacht hat. 2. Wenn nun nach PI. Berichte sich finden, die ganz oder fast ganz dasselbe erzählen wie dieser, so stammen sie eben von Schriftstellern, die ihn entweder kopieren oder blind auf die Wahrheit seiner Worte schwören. Auffallend ist aber gewiss, dass Piatons Zeitgenosse Isokrates in den Stellen, wo er die mythischen Heldentaten der Athener preist 2 ), nichts von einem Kampf derselben mit den Atlanten erwähnt. Wir müssen noch kurz der Literatur gedenken, die unabhängig von Piatons Erzählung eine naheliegende Erinnerung an dessen At.l. wachruft. Martin hat diese Gattung von Berichten mit besonderer Genauigkeit auf ihren Wert geprüft 3 ), weil auf sie die meisten der eingangs angedeuteten Hypothesen sich stützen. Er hat nachgewiesen, dass diese Hypothesen nur an Anklänge anknüpfen, die sich in manchen Erzählungen hinsichtlich des Namens oder einzelner Details der platonischen Insel finden und dass sie meist auf einer falschen Auffassung und Deutung der Atlassage beruhen. Nur das Wichtigste sei diesen Ausführungen Martins, denen ich im allgemeinen beipflichte, entnommen: Die bei Proklos (comment. in Tim. p. 55) angezogenen Berichte eines Markellos von grossen Inseln im Westmeer, von denen Reisende Solon übertrug und mit der Urgeschichte seiner Heimatstadt in Verbindung brachte". ] ) Vgl., was Socher (die plat. Schriften, München 1820, S. 373) zu der Stelle im Phädrus (p. 275 B) bemerkt: *12 Scby.Qaree, gnStcos av Atyvmiovs xal öuoSaJtovg äv s&sbj; loyovs jroieT;. S. ist vielleicht nicht mit Unrecht geneigt aus den Worten, in. denen PI. von Erzählungen der Ägypter den Griechen gegenüber spricht, eine gewisse spöttische Ironie herauszulesen. In der Tat scheint PI. auch im Krit. den prahlerischen Ton, den die ägyptischen Priester dem Solon gegenüber anschlugen (cf. Tim. 23), sowie die Leichtgläubigkeit der Griechen mit leichtem Spott gekonnzeichnet zu haben. 2 ) Is. Paneg. 157 ff., Panath. 35 ff. ") cf. Martin a. a. 0. S. 290—305. — 23 — erzählten, dass auf einer derselben die Erinnerung an die Atlantis sich fände, sind im besten Fall Schiffermärchen, wenn sie nicht Froklos selbst fabriziert hat. Das in den Argonauten des falschen Orpheus (v. 1274—1281 ^ erwähnte, von Neptun ins Meer gestossene Land Lyktonien ferner, dessen Reste Sardinien, Euböa und Cypem seien, hat Humboldt 2 ) zwar, wie ich mit M. meine, ganz richtig für einen geologischen Mythus erklärt, der sich aufs Mittelmeer beziehe. Wenn aber Humboldt die Atlantisgeschichte geradezu eine Umdichtung des vorliegenden Mythus nannte, so übersah er dabei, — M. weist dies treffend nach — dass der ägyptische Priester seinen Bericht als etwas den Griechen ganz Unbekanntes erzählt 3 ). Nach meiner Ansicht hat PI. aus diesem Mythus vielleicht eine Anregimg geschöpft, wie ich noch darlegen werde. Zu den bedenklichsten Schlussfolgerungen sind die Angaben Diodors von Atlanten herangezogen worden, welche nach alten Traditionen an der Westküste Afrikas in der Nähe des Atlasgebirges und des ehemaligen Sees Tritouis — in dessen Mitte lag angeblich eine Insel Hespera — gewohnt hätten 4 ). Aber die Atlanten Diodors, deren Charaktereigenschaften und Schicksale ja in manchen Nebendingen mit den platonischen eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, können mit diesen ebensowenig identifiziert werden wie die Atlanten Herodots; denn sie sind wiederum keine Inselbewohner, führten keinen Krieg gegen Athen und gingen auch nicht im Ozean zugrunde. Mit Unrecht haben sich also im 17. Jahrb. Kirchmaier und — wie ich hinzufügen möchte — noch in jüngster Zeit Iinötel 5 ) auf diesen Bericht Diodors berufen um durch Zusammenstellung desselben mit den Angaben Piatons die geschichtliche Existenz der platonischen Atlanten und der platonischen Atl. in Nordafrika nachzuweisen 3 ). *) Dieser Pseudo-Orpheus ist nach G. Hermann in die späte Zeit zwischen Quintus Smyrnäus und Nonnus zu setzen. 2 ) H., Krit. Unters. Bd. I S. 158. 3 ) cf. Tim. 21 A, wo Sokrates fragt: 'AVm 81/ jcotov sgyov zovxo Kgiziag ov Xey ofzevov f-iev t cog de jroaydhv orxcog . . . dirjyeuo xaxa xrjv JSöXcovog ay ot'jv ; 4 ) Diod. bibl. bist. III 53, 54 ff. 5 ) Iinötel, Atlantis und das Volk der Atlanten, Leipzig 1893. s ) Knötel hat es in dem genannten Buche unternommen durch gewagte Deutung geschichtlicher, ethnographischer und mythologischer Tatsachen die Existenz eines Atlantenvolkes glaubhaft zu machen, das — ursprünglich eine aus — 24 Die Insel Atlantis weiterhin, die der ältere Plinius (histor. nat. VI 31) neben der Insel Cerne, dem Berg Atlas gegenüber, kennen will, kann schon wegen ihres geringen Umfanges nicht mit unserer Rieseninsel in Zusammenhang gebracht werden. Cbaldäa verbannte Seite (!) —im 2. Jahrtausend v. Chr. einer grossen Völkerwoge von phöniko-arabischen Stiiminon sich anschliessend unter seinem König Atlas (dem Sohn des assyrischen Königs Uranus (!) in Nordafrika eingewandert sein, in diesem Lahde eine grossartige Kulturtätigkeit entfaltet u. von da aus in so früher Zeit Amerika entdeckt haben soll. Ich erspare es mir die augenscheinlichen Verstösse gegen die Tatsachen der Geschichte aufzudecken, die sich Knotet nicht nur mit der Herleitung seiner Atlanten sondern noch mehr mit der Beschreibung ihrer kulturellen Stellung und Tätigkeit erlaubt hat, und bemerke nur kurz dem Versuche Knötels gegenüber diese in vielen Zügen nach Diodor geschilderten Atlanten unter Berufung auf Piatons Angaben mit den platonischen Inselbewohnern in Verbindung zu bringen folgendes: Piatons Atlanten, die Abkömmlinge des Poseidon (von dessen ältestem Sohne sie den Namen erhielten), sind überhaupt nicht von auswärts gekommen, sondern erscheinen durchaus als Autochthonen (cf. Krit. 113 C ff.). Piatons Atlanten sind auch nicht, wie die Knötels, eine Priesterkaste, ein unkriegerisches, vorzugsweise der Spekulation ergebenes Volk von gelehrten Mathematikern und Astronomen, sondern die praktisch denkenden, handelsbeflissenen, allzeit kriegsbereiten, ja kriegslustigen Bewohner eines mächtigen und angesehenen Reiches (cf. Krit. 114 C ff.). Energisch aher zurückweisen möchte ich das kühne Unterfangen Knötels auch den Wohnsitz seiner Atlanten, Nordafrika, mit der platonischen Atl. zu identifizieren. Wie kann man angesichts des plat. Textes behaupten, — die folgende, sinngemäss zitierte Stelle bildet einen der Hauptsätze des Knötelschen Buches — die ganze Schilderung der plat. Atl. passe in allen Stücken zu seiner (Knötels) Atlantis, besonders könne das Hauptland der ersteren auch der Örtlichkeit nach schlechthin nach Afrika (an die Syrte in die Gegend des Tritonsees) verlegt werden (cf. Knötel a. a. 0. S. 230 ff.)? Sagt nicht PI. im Tim. und Krit. wiederholt klar und ausdrücklich, dass seine Atl. eine längst versunkene Insel ist, dass sie vor den Säulen des Herkules liegt, dass sie endlich eine grössere Ausdehnung hat als Asien und Afrika zusammengenommen? Bei einem Autor von so skrupelloser Leichtfertigkeit der Textinterpretation erseheint es nicht verwunderlich, wenn er — wie sich im Verlauf meiner Abhandlung noch öfter zeigen wird — auch in anderen, nicht minder wichtigen Punkten Piatons Angaben entstellt oder falsch deutet. Knötel begnügt sich nämlich nicht damit die plat. Atl. in Afrika zu suchen, sondern lässt auch, nachdem er sich genötigt gesehen von einer späteren kriegerischen Tätigkeit der Atlanten zu sprechen, den Kriegszug derselben von "Westafrika ausgehen. Die grosse Meerinsel Piatons aber soll deshalb nicht ganz fallen. In ihr erblickt Knötel — mit Absehung von allen auf sie bezüglichen Angaben des Philosophen — einfach Amerika (S. 398 ff.) und behauptet, die seekundigen Atlanten hätten es bei ihren Handelsfahrten entdeckt.!! Ich werde auf diesen letzten Punkt nochmals zurückkommen. Ferner geht es nicht an in den Berichten über ein Land 1 ) oder eine glückliche Insel 2 ) der Hyperboreer, bei denen Atlas seinen Wohnsitz gehabt habe, eine Bestätigung der platonischen Erzählung zu suchen, weil es höchst willkürlich ist die im Norden wohnenden Hyperboreer mit den Atlanten des Westens zu identifizieren. Ebensowenig darf der aus unbekannten Quellen geschöpfte Bericht Plutarchs (de facie in orbe lunae, cap. 26) von Erzählungen über die homerische Insel Ogygia und über einen äusseren Kontinent geradezu als Bestätigung der Atlantissage gelten. Die Insel Ogygia hat schon ihrer topographischen Beschreibung nach nichts mit der Atl. gemein. Der saturnische Kontinent aber des Plutarch könnte höchstens mit dem äusseren Festland verglichen werden, das nach PI. den eigentlichen Ozean umgibt. Endlich ist es unzulässig die Berichte Diodors (bibl. bist. Y 19, 20) und des Pseudo-Aristoteles (de mirab. ausc. 84) von einer grossen Insel in der Nähe der Westküste Afrikas in Verbindung mit der Atl. zu bringen, weil sie von einer später entdeckten Insel sprechen, während die Atl. längst versunken ist. Bcschliossen wir den kurzen Überblick! Es gibt — so behaupte ich mit Martin — keinen Bericht in der Literatur ausserdem platonischen, der von einer grossen Insel spräche, welche, in so früher Zeit existierend, mit so fabelhaftem Reichtum ausgestattet und mit so eigenartiger Kultur erfüllt, plötzlich in die Tiefe versank und nichts zurückliess als Schlamm und Untiefen. In keiner der genannten Erzählungen können wir also eine Bestätigung des platonischen Berichtes finden; wir müssen vielmehr annehmen, dass PI. seine Atl. gerade so, rvie er sie schilderte, im Grund genommen frei ersann. 3. Viele Interpreten nun haben besonders dadurch gefehlt, dass sie aus dem gemeinsamen Vorkommen des Namens „Atlas" in solcherlei Berichten wie in der Erzählung Piatons schlössen, der Philosoph habe für seinen Inselkönig den der realen Vorstellungswelt der Griechen entnommenenNamen deshalb gewählt um anzudeuten, dass seinem Atlas (und damit auch seiner Atl.) dieselbe reale Bedeutung ') of. Apollod. II 5, 11. 2 ) cf. Diod. bibl. bist. II 17. — 2fi — zukomme, die dem Atlas und den Atlanten jener Berichte, wenigstens nach der Absicht ihrer Verfasser, eignete. Piaton hat aber, wie ich bereits bemerkte, seinen Inselkönig Atlas weder unmittelbar mit dem Berg des Herodot (oder dem Gebirg des Diodor) noch mit dem mythischen Atlas der griechischen Dichter identifizieren, am allerwenigsten aber von einem historischen König Atlas sprechen wollen. Er beabsichtigte - vielmehr mit der Wahl seiner Namen lediglich die Dichtung, deren Schauplatz er aus später zu erörternden Gründen nach Westen verlegte, an die herrschende Volksvorstellung anzuknüpfen, welche von jeher im Westen das Gebiet des Atlas sah und besonders zu Piatons Zeit dorthin weisende geographische Begriffe nach Atlas benannte. Der Begriff „Atlas" hat, rvie hier eigens zu betonen ist, eine lange Entwicklungsgeschichte aufzuweisen. Wir müssen auf die Abstammung und ursprüngliche Bedeutung des Wortes zurückgehen, um uns in dem Labyrinth der Deutungen zurechtzufinden, welche demselben zu teil geivorden sind. „Atlas" bezeichnet ursprünglich durchaus eine geographische Vorstellung, nämlich den Berg im äussersten Nordwesten Afrikas. Iierodot hat uns hievon glaubwürdige Kunde gegeben, wenn er bei Beschreibung Libyens (IV 1S4) sagt: „An diesen Salzhügel grenzt ein Berg, welcher den Namen Atlas hat. Er ist eng und allseits kreisrund; aber er soll so hoch sein, dass man seine Gipfel nicht sehen kann, da dieselben niemals, weder im Sommer noch im Winter, von den Wolken verlassen werden. Die Landeseinwohner 1 ) sagen, derselbe sei die Säule des Himmels. Von ihm (dem Berg) haben diese Menschen 2 ) den Beinamen erhalten; denn sie werden „Atlantes" genannt. Diese geographische Vorstellimg reicht in sehr frühe Zeiten hinauf. Die Landeseinwohner nämlich, welche den Berg „Atlas" Messen, waren nicht die hamitischen Ureinwohner Libyens 3 ), sondern D So übersetze ich ijuxcogioi mit J. Wetter (der Mythus vom Atlas und seine neueren Deutungen, Mainz 1858; cf. S. 4 u. 5). 2 ) Gemeint sind die Umwohner des Berges. 3 ) Auf diese muss nach meiner Ansieht die Angabe des Strabo (Geogr. XVII C 825, 2) bezogen werden, dass die Barbaren den Berg Avgig heissen: l'fco de uiQoeldovn rov y.azci rag axi)lag TioQ-fr^iov ... oQog «mV, ojcsq . . ol ßaQ ß ago i A vqiv xalov a iv. — 27 — semitische Kolonisten. Dass solche schon sehr friili in der Gegend von Linx, an der "Westküste von Mauretanien, ansässig waren, bezeugt Eratosthenes bei Strabo t). AVetter, den ich in diesem Abschnitt zum Führer nehme, hat die phönikische "Wurzel gefunden, die uns den geographischen Begriff erläutert. Nach seinen Ausführungen liegt dem Worte Atlas das phönikische (aus der im Chaldäischen, Syrischen und Arabischen vorkommenden Wurzel tala' abgeleitete) atla' zugrunde 2 ), dessen Grundbedeutung „hinaufgehen, emporsteigen" ist. Wie schön stellt sich diese Bedeutung zu Collis, columna (von cello), was auch das „Aufsteigende" bedeutet! Von dem Inhalte dieses Wortes ausgehend haben die Phöni- ker nach dem Zeugnis Herodots ihren himmelanstrebenden Berg „Säule des Himmels" genannt 3 ). Phönikische Kaufleute haben den Griechen wohl schon vor Homer und Hesiod die Kunde von dem hohen Berg des Westens übermittelt 4 ). Diese aber entstellten bald in ihrem „horror barbarici" und in ihrer Fabulierfreudigkeit Sinn und Bedeutung des Namens und zogen den Berg Atlas durch Umdeutung in den Bereich der griechischen Mythe. Mit der ihnen eigentümlichen Sucht fremdes Sprachgut für das ihrige auszugeben leiteten sie das phönikische Wort von der ähnlich klingenden griechischen Sprachwurzel xla (erhalten in xXfjvai — tragen, dulden) ab 5 ) und schufen, indem sie den Berg personifizierten, die Vorstellung von einem das Himmelsgewölbe tragenden Riesen. Bald nahm mau dann den Hinnnels- träger in das System der Götterlehre auf, bezeichnete ihn — seit Hesiod 6 ) — als Sohn des Titanen Japetos und fasste ihn später als J ) Strabo XVII C 829, 8: 'I'oivixixäg Se jiofaig xarsonaa/ievag ita/moJ^g TO'aj, (5)' ovSsv tSsTv ebnv l'xvog 2 ) "Wetter a. a. 0. S. 30 ff. 3 ) Das "Wort Atlas ist also nicht, wie weitaus die meisten auch der neueren Deutungen zu erweisen suchen, griechischen Ursprungs, sondern leitet sich aus dem Phönikischen her. 4 ) Die in Roschers Mythologie (Bd. I Art. „Atlas" v. Stoll) aufgestellte Behauptung, der Berg Atlas sei eine Erfindung griechischer Geographen, weise ich nach dem Gesagten zurück. s ) Atlas entspräche also dem griechischen xaXag = nolvxkas. e ) Hes. Theog. 507 ff. — 28 - Titanen selbst auf, der zur Strafe für die Teilnahme am Aufstande gegen Zeus das Gewölbe des Himmels tragen müsse 1 ). Alle vorplatonischen Berichte über Atlas stimmen übrigens darin überein, dass sie den mythischen Himmelsträger im fernen 'Westen lokalisieren, und lassen so den geographischen Hintergrund der Sage durchschimmern 2 ). Durch Herodot nun, der Libyen hereiste, gewann die ursprüngliche geographische Bedeutung des Wortes wieder Boden und blieb neben der mythischen des himmeltragenden Titanen bestehen. Jedenfalls ist Tatsache, dass seit Her. die Benennung der an der Westküste Afrikas gelegenen Gegenden nach Atlas allgemein Geltung hatte. Her. gebraucht auch zum erstenmal die Bezeichnung „atlantisches Meer" (cf. 1 203: i) i'go) avijXecov ih'daooa >) Axlavrlg xaXsofiBvrj) für den Teil des Ozeans, der im Westen an die Säulen des Herakles grenzte, während man vor ihm von einem „äusseren Meer" sprach. Was lag nun für PI. näher als seine erdichtete Meeresinsel „Atlantis" oder die „atlantische" zu nennen (AzXavxis), wenn sie seiner Absicht entsprechend in dem Ozean liegen sollte, den die Zeitgenossen den „atlantischen" hiessen? Was lag ferner näher, als dass er seinen Inselkönig Atlas 3 ) und dessen Abkömmlinge Atlanten hiess? Diese Entlehnung von Hamen, welche realen geographischen Begriffen entsprechen, hat in der Literatur immer wieder stattgefunden' 1 ), ohne dass deshalb die poetische Fiktion der an den Begriff geknüpften Erzählung in Zweifel zu ziehen wäre. Brachte nicht auch PI. durch diese Anknüpfung seiner Hamen an geläufige geographische Bezeichungen 3 ) die etwas fremd und 1 ) Hesiod deutet diesen Punkt nur dunkel an, wenn er (Theog. 517) sagt: 'Arlas S' oigardv svqvv syst y.QareQijs vir' ävdyy.ijs ■ 2) of. Horn. Od. I 50 ff., lies. Theog. 517 ff., 7-16 ff.; ferner Äscli. Gef. Prom. 317 ff. u. Eur. Hipp. 712 ff. — Erst der viel späteren Entstellung der Sage blieb es vorbehalten mit freier Willkür den Wohnsitz des Atlas nach Griechenland (Apoll. Iii 10, 1; Dionys, v. Ilal. I 61) oder gar ins nördliche Land der Hyperboreer (Apoll. II 5, 11) zu verlegen. (Vgl. Wetter a. a. 0. S. 36 ff.). 3 ) der dann der Insel den Namen gibt (ef. Krit. 114 A). ') So in 1001 Nacht (Reisen Sindbads), in den Staatsromanen der Barook- und Rokokozeit, noch in modernen Satiren, die ihren erdichteten Inhalt einfach nach China oder Japan verlegen. r ') Fingiert doch auch PI., wie sich aus Krit. 114 B ergibt, für den Teil der Insel, der angeblich der Gegend von Gibraltar bis Cadix gegenüberliegen soll, den Namen „Gadeiria" und lässt sogar das europäische Gadeira (Cadix) darnach benannt sein- phantastisch anmutende Dichtung dem Verständnis seiner Zeitgenossen näher? Nach dem Gesagten fehlt es an jeder Berechtigung aus der Wahl dos Namens Atlas in Piatons Bericht eine wirkliche Existenz des Inselkönigs 1 ) und der Insel zu erschliessen. PI. erschuf vielmehr den König, dessen Volk und Land in seiner Phantasie und deutete dies mit homerischer Naivität dadurch an, dass er sein ganzes Inselreich mit allen Bewohnern in die Tiefe sinken Hess 2 ). 4. Schon aus den bisherigen Erörterungen erhellt zur Genüge, dass wir es mit einer Dichtung zu tun haben; weitere gewichtige Gründe ergeben sich, wie Sus. überzeugend nachgewiesen hat, wenn wir auf den Inhalt, bes. aber auf die Form des plat. Berichtes näher eingehen. Dem Inhalt nach spricht für eine Erdichtung die märchenhafte Ausschmückung des Ganzen, noch mehr aber der bis ins Unglaubliche ausgedehnte Umfang des Inselstaates sowie die ungeheuer entlegene Zeit, in die keine Erinnerung, auch nicht die der Ägypter zurückreicht. Der Form nach aber ist es die Wahl der my thischen Darstellung, die aus der platonischen Weltanschauung erwuchs und durch die Frage nach dem Zweck, den PI. verfolgte, ihre Deutung erhält. Über das Wesen des platonischen Mythus haben sich ausser Sus. (in den beiden eingangs genannten Abhandlungen) in neuerer Zeit noch Zeller (Phil. d. Gr. II. Bd., „die Mythen l'latons") und Steinhart (Einl. z. Tim., Bd. VI) in treffender Weise geäussert. Nach ihnen deuten die Mythen bei PI. auf eine Lücke der wissenschaftlichen Erkenntnis hin. Das Verhältnis nämlich des Seins zum Werden, der Idee zur Erscheinung, konnte PI. auf dem Wege ') Knötel allerdings versucht in seinem hypothesenreiclien Buche nochmals den platonischen König Atlas zum Leben zu erwecken. Wie wenig reales Leben aber seinen diesbezüglichen Ausführungen innewohnt, erhellt daraus, dass sein Atlas (der dem platonischen entsprechen soll) der stern kundige Sohn des U ran os — eines assyrischen Königs — ist, welcher, wie oben erwähnt, an der Spitze einer aus Chaldäa stammenden Priesterkaste in Westafrika ein grosses Kulturreich gegründet haben soll. 2 ) Man denke an das Schicksal der Mauer vor dem Schiflslager der Achiior. Der Dichter hat sie geschaffen, weil er sie brauchte; seine Zeitgenossen konnten aber keine Spur davon finden; natürlich, weil die Götter nach dem Fall Trojas sie zerstört hatten (cf. Horn. II. XII 10—33). — 30 — der Dialektik und der streng philosophischen Ausdrucksweise nicht ergründen und darstellen; er brauchte also eine Form, die den Übergang der Idee in die Erscheinung durch Bilder zur Anschauung brachte und so gleichsam eine Brücke zwischen zwei entgegengesetzten und doch nie getrennten Welten errichtete: den Mythus 1 ). Diese Form nun — so darf man mit Sus. scliliessen — eignete sich vortrefflich für die Trilogie, die PL auf den Staat folgen Hess. War doch ihr Zweck, wie der Philosoph ausdrücklich bemerkt, der, den Idealstaat auch in der Welt der Erscheinung zu zeigen 2 ). Da nun PI. in den Dialogen dieser unvollendeten Trilogie das Gebiet der reinen Ideenwelt verHess 3 ), wäldte er als Einkleidung für seine philosophischen Gedanken mit Absicht die minder strenge Form des Mythus oder der bildlichen Darstellung, die ihm überhaupt als Form für das Werdende und Gewordene dient, und deutete damit zugleich an, dass er nur bedingte Wahrheit bieten wollte, nicht aber absolute, Avie sie nur den Ideen selbst inneAvohnt. Die wiederholte Versicherung Piatons*), man habe es im Atlantisbericht nicht mit einer Dichtung, einem Mythos, sondern mit einer wirklichen Tatsache zu tun, kann unserer aus dem ZAveck und dem Zusammenhang der platonischen Darstellung folgernden BeAveis- führung keinen Abbruch tun. Denn diese Versicherung ist eine rednerische Wendung, die zur Verstärkung der Illusion dient, ') Auch Pöklmaim (a. a. 0. S. 90) stimmt den Genannten bei, ii r enn er sagt: „Wo die Dialektik versagt, greift PI. zur poetisch-symbolischen Sprache des Mythus, zum Gleichnis, um eine völlige Yeranschaulichung der vorgetragenen Wahrheiten zu erreichen" . . . und im Verfolg: „die grösste Rolle spielt in der platonischen Erziehung .... (neben der Liederpoesie) .. die Legende oder der Mythus, der die Lehre plastisch veranschaulicht und ihre Wirlumg durch die Autorität der Tradition verstärkt". 2 ) cf. Tim. 19 B f., 26 CD. 3 ) Im Tim. Avollte der Philosoph die Entstehung der Welt und des Weltstaates (wie er von den im Idealstaat herrschenden Gesetzen durchdrungen sei) schildern, der Krit. sollte die (bereits in der Republik entwickelte) Idee der Gerechtigkeit wirksam Averden lassen und zwar in einem verlorenen Urzustand (gleichsam im goldenen Zeitalter Athens), während der nicht mehr begonnene Hermo- krates vermutlich die mögliche Verwirklichung dieser Idee in einem Zukunftstaate darstellen sollte. 4 ) cf. Tim. 26 E . . . ro re (dieser Stoff) ity nXaoft&vxa fwdov, «IT dXrjdivov Xöyov elvai Jidfi/Lieyd jiov. — 31 - geradeso wie die vorangehende Stelle 1 ), in welcher die Erörterungen der Republik, ganz im Gegensatz zum platonischen System, für einen [ivdog erklärt werden, welcher erst durch die Atlantiden- geschichte in die "Wirklichkeit hinübergeführt werde 2 ). Wenn PL nach dem Gesagten im Mythus sich nicht nur als Philosoph sondern seiner Absicht entsprechend auch als Dichter zeigt, so enthält der platonische Mythus doch, wie schon Sus. erkannt hat, einen Kern von Wahrheit, nämlich idealer Wahrheit. PL benutzt nämlich zwar historische Tatsachen, aber er reisst sie aus ihrem unmittelbar historischen Zusammenhang, bringt sie in eine neue, rein durch philosophische Gedanken zum Zwecke der Veranschaulichung bestimmte Verbindung und verlegt sie zu diesem Zweck in mythische Zeiten und Örtlichkeiten. Daraus erklärt sich denn „die Verlegung des Idealstaates in das alte Athen, die Angabe der entlegenen Zeit und vieles andere, was auf den ersten Blick unverständlich scheint" 3 ). Susemihl hat aber, wie mir scheint, mit der Wahrnehmung, dass Piatons Dichtung einen Kern von Wahrheit enthalte, eine wichtige Seite der Atlantisforschung nur leise angedeutet ohne selbst diesem wichtigen Punkt der Forschung näher nachzuspüren. Meiner Ansicht nach ist es — im Hinblick auf die Beantwortung der eingangs gestellten Frage — nicht nur wesentlich sondern auch interessant und für das Verständnis des Atlantisberichtes höchst wertvoll, des näheren die möglichen oder wahrscheinlichen Grundlagen zu prüfen, auf denen der Dichter sein Werk aufbaute. Denn wenn Pl. auch das Ganze frei ersann, so hat er doch begreiflicherweise geistige Erlebnisse aller Art in seine Dichtung verwoben. Es findet sich denn auch bei näherem Eingehen auf die Einzelheiten des Mythus, dass dieser zum grossen Teil gleichsam als „poetischer Niederschlag" einer Summe von realen Kenntnissen und Vorstellungen sich darstellt, welche geistiges Eigentum Piatons und seiner Zeitgenossen waren. Diese Grundlagen des Mythus, die PL nicht nur dem Gebiet der Geschichte und Mythologie sondern überhaupt dem weiten Bereich des Anschauungskreises seiner hellenischen Zeitge- ') Tim. p. 26 D: tovs de jioUrag xal rf/v n&hv, fjv yßeg rjfüv wg ev /xv-dq defleiofia av, . . . öeugo ßi'/Oouey. 2 ) cf. Sus., Gen. Entw. d. plat. Phil. Bd. II S. 475 f. s ) ef. Sus. an der eben genannten Stelle. liossen entnahm, zu prüfen, sei Aufgabe des letzten Teiles meiner Abhandlung. "Was vor allem die Verwertung geschichtlicher Tatsachen betrifft, so ist nach den voraufgehenden Erörterungen klar, dass PI. nicht reine Geschichte bietet, sondern bei passender Gelegenheit historische Verhältnisse heranzieht und mit freier Umgestaltung seinem Zwecke anpasst. Hauptsächlich sollen diese Angaben zur Verstärkung der Illusion dienen und die Herkunft des Mythus glaubhafter machen, so z. B. die Tatsache, dass Solon in Ägypten war und dass die Ägypter die ältesten Denkmäler besassen 1 ). In zweiter Linie werden historische Verhältnisse als Analogien benützt, damit das Verständnis der Mythe erleichtert werde. Hieher gehört die mit unverkennbarer Anlehnung an das ägyptische Kastenwesen entworfene Beschreibung der altathenischen Ständeeinteilung 2 ). Dass übrigens PI. zur Ausmalung der angeblichen Grosstat der Urathener bemerkenswerte Züge aus dem ruhmwürdigsten Ereignis der späteren athenischen Geschichte, nämlich aus den Perserkriegen entlehnte, hat schon Proklos richtig bemerkt 3 ). In der Mythe erscheint ebenso wie in der Geschichte Athen als Mittelpunkt der Ereiheitsbestrebungeo gegen ein andringendes feindliches Volk, das trotz seiner vorgeschrittenen Zivilisation den barbarischen Grundzug seines Nationalcharakters nicht verleugnet. Anklänge an politische Zustände und Verhältnisse finden sich auch in Einzelzügen 4 ). Die Schilderung z. B., die Duncker nach Herodot (I 98) von der altpersischen Stadt Ekbatana entwirft (D., Gesch. d. Altert., 2. Aufl. II 4133 ff.), erinnert lebhaft an die Hauptstadt der Atl., so vor allem die Beschreibung der Königsburg mit ihrer farbigen Pracht, ') PI. konnte wegen des weit höheren Altertums der ägyptischen Kultur, die den Zeitgenossen des Philosophen für unzweifelhaft galt und hohe Ehrfurcht einflösste, seine Dichtung mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf ägypt. Berichten aufbauen. Dieser Umstand aber sowie die Tatsache, dass die altagyptischen Verhältnisse in manchen Dingen — bes. hinsichtlich des Kultus — an griechische Zustände erinnerten, sind ihm wohl Hauptgründe für die Herleitung aus Ägypten gewesen. 2 ) cf. Tim. p. 24 A f., Krit. HO C. 3 ) cf. Procl. in Tim. p. 53 B. 4 ) cf. Sus., Anmerkungen zur. Übers, des Krit. Nr. 45, 58, 08, 73. — 33 — die TJmschliessung derselben mit mehreren Mauern und die teilweise Verkleidung der letzteren mit verschiedenem Metall 1 ). Überhaupt macht die platonische Atl. den Eindruck, als enthalte sie alle Merkmale des Semitismus, während dem alten Athen die überlegene Art des Arismus deutlich aufgeprägt ist 2 ). Piaton liess aber auch Erinnerungen an griechische Verhältnisse seiner Zeit mitspielen. Wem weckte nicht die Schilderung des mächtigen Götterbildes im Poseidontempel, das bis an die "Wölbung reichte (Krit. 116 E) die Erinnerung an die erhabene Zeusstatue des Tempels in Olympia? Sicherlich ist aber auch in der ganzen Schilderung der atlantischen Pracht eine versteckte Anspielung auf den masslosen Prunk der perikleischen Demokratie enthalten, deren schlimme Auswüchse der Aristokrat Piaton verurteilte. Ebenso betonte der Dichter wohl mit Absicht die übertriebene Wertschätzung einer möglichst ausgebreiteten Seeherrschaft seitens der Atlautiden, weil dieselbe nach seiner konservativen Anschauung (ähnlich wie in Athen zur Zeit des Perikles) die Eroberungssucht des Volkes wachrief und den Grund zu ihrem Verderben legte 8 ). Auch auf dem Gebiet der Mythe und Sage hat PI. die Vorstellungen seiner Zeitgenossen nicht unberücksichtigt gelassen, freilich auch mit der Freiheit des Dichters Umbildungen vorgenommen, wo er es für seineu Zweck wünschenswert fand. Hinsichtlich der Atlas- ') Letzteres war ein charakteristisches Merkmal orientalisch - barbarischer Prunkliebe: So war auch der Poseidontempel der atl. Hauptstadt, von welchem PI. selbst sagt, er habe eidde n ßaQßaQixov, ganz mit Silber überdeckt, die Zinnen mit purem Golde (cf. Krit. 116 D). — Pöhlmann (a. a. 0. S. 95) bemerkt bez. der atlantischen Bauten treffend, sie zeugten von einer „barbarischen Vorliebe für das Extravagante und Kolossale". a ) Dort verbindet sich Vorliebe für praktische, materiell gewinnbringende Tätigkeit mit prunkhaftem Pomp in der Schaustellung des erworbenen Reichtums, hier ist das Bestreben Geist und Körper harmonisch durchzubilden gepaart mit einfacher Anspruchslosigkeit des äusseren Auftretens. 3 ) cf. Pöhlmann (a. a. 0. S. 94 u. 95). P. nennt die Atl. (schon im Hinblick auf ihre ungeheuren Dimensionen) richtig einen „Koloss auf tönernen Füssen" und charakterisiert sie (bes. mit Bezugnahme auf die glänzende Entfaltung der materiellen Kultur seitens der Bewohner) als das „Gegenstück zum gesunden Staat .... das, was PI. einen ,Staat im Fieberzustand' nennen würde". 3 — 34 - mythe selbst konnten wir keine Anknüpfung entdecken, es sei denn die Entlehnung des Namens. Die Angaben über Athene als Schutzgöttin der Griechen dagegen sowie über Poseidon, den Beherrscher der See, decken sicli im allgemeinen mit den geltenden Ansichten der platonischen Zeit. Poseidon freilich wird, obwohl er doch auch attisch-jonischer Natioualgott war, zu den Feinden Athens gerechnet, weil er nach der Absicht des Dichters als Gründer des den Athenern feindlich gegenüberfaretenden Seereiches erscheinen soll. Wenn PI. die griechische Pallas-Athene mit der ägyptischen Göttin Neith identifiziert 1 ), so nützt er damit eine zu seiner Zeit gangbare Vorstellung 2 ) zu dem Endzweck aus die von ihm gewollte gemeinsame Abkunft der Athener und Ägypter wahrscheinlich zu machen 3 ). Sicherlich aber hat PI. mit seiner Atl. an ilie volkstümlichen Sagen von Wunderländern anknüpfen wollen, die nach alter Tradition im fernen Westen, am Ende der Welt, lagen. Dort dachte sich die Phantasie der Griechen das irdische Paradies 4 ). Homer schon lässt den Proteus weissagen von einer „an den äussersten Enden der Erde" gelegenen „elysischen Flur" (cf. Od. IV 561 ff.), wo der blonde Radä- ') cf. Tim. 21 E. 2 ) Die Griechen suchten bes. zu Piatons Zeit durch allerlei Spekulationen einen Zusammenhang zwischen ihrer und der ägyptischen Geschichte und Mythologie herzustellen; umgekehrt verfuhren die Ägypter, wie aus Piatons Darstellung ersichtlich ist. ") Dass diese beiden Gottheiten nicht wirklich eins sind und etwa Athene aus Neith abzuleiten wäre, wie Knötel behauptet, hat überzeugend dargetan Georgii in Paulys Realene. Art. Neith.—Knötel hat (a. a. 0. S. 808 ff.) auf diese von PI. absichtlich fingierte Gleichheit der beiden Göttinnen sowie auf die aus dieser Identität entspringende angebliche Stamm Verwandtschaft de]' Athener und Saiten deshalb soviel Wert gelegt, weil er aus den diesbezüglichen Angaben Piatons die kühne Folgerung zog, Athen sei eine Kolonie von Sais gewesen. Wie kann man den Worten des Philosophen, der auf die Eigenart des attischen Volkscharakters so stolz war und auch im Krit. die Athener als Autochthonen erscheinen lässt, einen derartigen Sinn unterlegen? Die ganz unberechtigte Hypothese Knötels wird übrigens von PI. selbst widerlegt, der (Tim. 23 E) ausdrücklich bemerkt, dass die Göttin Athene, — die der Philosoph lediglich zur Steigerung der Illusion mit der ägypt. Neith identifiziert — nachdem sie bei der Landverteilung' Athen und Ägypten erhalten, den Athenern zuerst ihre Wohltaten erwiesen habe, nämlich vor 9000 Jahren, erst 1000 Jahre später aber den Saiten. 4 ) Die Säulen des Herkules — die Schwelle des Weltmeeres — galten den Griechen lange Zeit als Ende der bekannten Welt. In den Gegenden jenseits der Säulen suchten sie daher die geheimnisvollen Glücksinsehl, von denen man ihnen sprach oder die sie sich selbst erdichtet hatten. — 35 — mauthys wohne und die Menschen das glücklichste Leben von der Welt führten. Hesiod (opera et dies 167 ff.) verlegt in diese fernen Gegenden, an den tiefströmenden Okeanos, seine „Insel der Seligen", die Wohnstätte der gelösten Titanen und der unsterblichen Helden des alten epischen Gesanges; Pindar (Ol. II 78 ff.) malt das Leben der zur Belohnung in diese selige Region versetzten bevorzugten Menschen in glänzenden Farben aus. Auch der Garten der Hera mit den Äpfeln der Hesperiden gehörte diesem märchenum- wobenen Westen an (cf. lies. Theog. 215 u. Eur. Hipp. 742 ff.). Diese wohl schon von den Phönikern in Umlauf gesetzten Erzählungen von fernen Wunderländern, deren Bewohner das Glück des verlorenen goldenen Zeitalters 1 ) gemessen, haben wohl auch unserem Dichter vorgeschwebt, als er seine Atl. schuf und mit jener märchenhaften Fülle von Reichtum und Glanz ausstattete. Durch Anlehnung an solche Schilderungen sowie durch Verlegung der Atl. gerade nach dem Westen wollte er aber gewiss andeuten, dass er wie alle jene Berichte den Leser nicht in das Reich der Wirklichkeit führen wolle, sondern in das unendliche Gebiet der stets ein ideales Wunderland suchenden Phantasie. Übrigens war diese Anlehnung für Piaton eine nebensächliche, insofern als ihm die volkstümlichen Sagen von fernen Wunderländern 2 ) nur als Folie für seinen diese müssigen Träumereien direkt korrigierenden Grundgedanken dienen sollten, dass auch das glücklichste Leben unter den besten Lebensbedingungen kein dauerndes Glück verbürge, wenn die Tugend fehle und das Göttliche im Menschen erstorben sei. PI. wollte also in seiner Atl. nicht ein reales irdisches Paradies zeichnen, er entwarf vielmehr (mit Betonung des ethischen Momentes) eine poli tische Utopie, einen wohlgeordneten Pharitasie- staat, dessen Bewohner unter märchenhaft günstigen Bedingungen ein Leben voll kräftigerund nützlicher Betätigung führen, bis sie durch den er- schlaffendenEinfluss desWohllebens inÜppigkeit verfallen und entarten 8 ). ') Den uralten Mythus vom „goldenen Zeitalter", in welchem Kronos über selige Menschen geherrscht, hat Hesiod in den „Werken u. Tagen" zum erstenmal dichterich dargestellt, nach ihm Empedokles u. a. — Die Komödiendichter des 5. Jahrb. knüpften mit Vorliebe an diesen Mythus an in ihren Phantasien über ein Schlaraffenland, dem Elysion der Zukunft. 2 ) Vgl. über diese „volkstümlichen Vorstellungen" die treffenden Bemerkungen E. Rhodos (der Griechische Roman, Leipzig 1900, S. 200 ff.). 3 ) Vgl. hiozu die mehrfach zitierten Ausführungen Susemihls (Gen. Entw. d. pl. Phil. II 172 ff.). 3* — 36 — Mehr Gewicht noch als auf die Heranziehung von Geschichte und Mythe ist auf diejenigen Bemerkungen Piatons zu legen, welche geographische, kosmographische und geophysische Kenntnisse und Hypothesen der platonischen und vorplatonischen Zeit zu enthalten scheinen 1 ). Hier stimmt zunächst Piatons Schilderung mit dem Stande der geographischen Wissenschaft seiner Zeit soweit überein, dass der Philosoph eine positive Kenntnis der Erdoberfläche im Westen nicht über die Säulen des Herakles hinausgehen lässt' 2 ). Denn nach Piatons Bericht war der atlantische Ozean seit dem Untergang der Insel unfahrbar und verhinderten Schlamm und Untiefen ein weiteres Vordringen (cf. Tim. 25 D, Krit. 108 E). Aus der Tatsache, dass die jonischen Geographen bereits von einem Seeverkehr der Phöniker nach den im dortigen Meer gelegenen Zinninseln Kunde hatten (cf. Her. III 115), dass auch Herodot von Entdeckungen der Karthager ausserhalb der Säulen des Herakles wusste (Her. IV 196), ist nun wohl zu schliessen, dass die Phöniker, die ja seit der Gründung von Gades (um 1100) bereits die Küsten des atl. Ozeans kannten, mehr als einmal Fahrten über die Säulen des Herakles ins offene Meer hinaus unternahmen. Diese Fahrten aber erstreckten sich nach allem, was wir über die ziemlich primitive Schiffahrt der Alten wissen, nur bis zu der dem Kontinent zunächst liegenden Inselwelt, führten aber keineswegs soweit in den Ozean hinaus, dass etwa Amerika schon in dieser frühen Zeit entdeckt werden konnte, wie man mehrfach behauptete 8 ). ') Das Verdienst diese Seite des Inhalts, wenn auch nur in knappen Umrissen, klargelegt zu haben gebührt Hugo Berger, dem Verfasser der „Wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen" (Leipzig 1893; cf. Bd. 11 44, 122 ff.). Auf Bergers Erörterungen fusst die lichtvolle ausführlichere Darstellung Kretschmers (a. a. (). S. 156 ff.); diesem Autor stimme ich im allgemeinen voll hei, mit der alleinigen Einschränkung, dass er mir die Rücksichtnahme Platons auf wissenschaftliche Erlebnisse allzustark zu betonen scheint. 2 ) cf. Ivretschmer a. a. 0. Cap. III „Die Kenntnis vom atl. Ozean", S. 147 ff., 154. •') Auch diese irrtümliche Ansicht brachte, wie schon erwähnt, Ivnötel wieder vor, der Amerika von den Atlanten entdeckt sein lässt. Mit PI. wirderauch in diesem Punkte schnell fertig. Durch die geographische Fixierung der plat. Atl. sowie durch des Philosophen Versicherung, dass die Insel nicht mehr existiere, lässt sieli der Autor nicht im geringsten beirren, sondern findet es selbstverständlich die plat. Atl. in Amerika zu suchen. Mit der Frage: „Wer wird glauben, dass die riesige Insel Atl. spurlos im Meer versunken sei?" hebt sich Knötel (a. a. 0. S. 398 ff.) — 37 — Die Berichte, die dem Herodot und seinen Landsleuten über grosse, im Ozean liegende Länder zugingen, sind eben phönikische Schiffermärchen. Wie hätten sich wohl die vorsichtigen Phöniker ohne Kompass — derselbe kam bekanntlich erst im 12. Jahrhundert aus dem ferneren Osten ins Mittelmeer — zu einer zielbewussten weiteren Seefahrt in den offenen Ozean hinausgewagt! Man wende hier nicht ein, dass die Isländer ohne Kompass nach Amerika vorgedrungen sind. Denn einmal liegt Island der neuen Welt näher als der alten; ausserdem waren die Isländer in ganz anderem Masse abenteuerlustig als die Phöniker und entschlossen sich viel leichter dazu aufs Geratewohl in den Ozean hinauszusegeln. Jedenfalls ist Tatsache, dass die Griechen, besonders nachdem sie wegen der Seeherrschaft der Karthager ihre Kolonisationstätigkeit im Westbecken des Mittelmeeres einstellen mussten, das westliche, jenseits der Säulen des Herkules gelegene Meer für unzugänglich hielten 1 ) und zwar noch in Zeiten, die von der Fahrt des Samiers Kolaios nach Tartessos 2 ) sowie von den Entdeckungsfahrten der Phöniker 3 ) Kunde hatten. Beweis für diese Ansicht sind einige Dichterstellen 1 ). über alle Bedenken hinweg, behauptet im Verfolg kurzweg, dass bei PI. von einem wirklichen Kontinent, nämlich von Amerika, die Bede sei, und wirft kühn die Hypothese auf, die Atlanten hätten von Westafrika aus schon im 2. Jahrtausend v. Chr. Amerika entdeckt und wiederholt besucht. Die Kunde von dieser Entdeckung sei mit dem Untergange des Volkes selbst verschollen. Die unverkennbare Ähnlichkeit — so folgert Knötel immer kühner — der atlantischen Kultur und derjenigen der mittelamerikanischen "Völker mache die von ihm behauptete Tatsache wahrscheinlich; auch sei zweifelsohne in dem ägyptischen Kritias (PI. hat nämlich nach Knötels Ansicht in seinem Dialog überhaupt nur einen ägyptischen Bericht, ins Griechische übersetzt und die ägyptischen Kenntnisse über die Atlanten nachgeschrieben) bestätigt, dass „die Ägypter die Atl. für ein wirkliches Land ansahen, nämlich für Amerika"!! ') Kretschmer führt (a. a. 0. S. 154) den Nachweis, dass die anfangs — wegen einiger gefährlicher B.iffe — behauptete Unnahbarkeit der Meerenge von Gibraltar selbst später, als die Fahrt durch dieselbe nichts Ungewöhnliches mehr war, auf den westlichen Ozean im allgemeinen übertragen wurde. 2 ) cf. Her. IV 152. Kol. passierte etwa um 640 v. Chr. die Säulen des Herlrules und gelangte an die Mündung des Tartessosflusses d. i. des Quadalquivir. ') cf. Her. IV 42. Phönizische Seeleute sollen um 600 v. Chi', auf Befehl des ägyptischen Königs Necho vom roten Meere aus Afrika umschifft haben und durch die herakleischeu Säulen wieder nach Ägypten zurückgekehrt sein. 4 ) cf. Find. Nein. III 21 ff.: ovxexi tiqoxeqco \\ äßäxav aha xtövcov vtieq 'Iigaxlsog Tiegäv ev/.iagsg \ \ rjgmg (h:6g ag k'{h]xe vavxthi'ag hayaxag || iiagiugäg xhvxag. — 38 — Diese Ansicht der Zeitgenossen passte natürlich vorzüglich für Piatons Zweck und es war ihm gewiss hochwillkommen, nach dieser Eichtling hin vor jeder Kontrolle seines Berichtes sicher zu sein. Aber auch geographische und kosmographiscbe Hypothesen, die seine Zeitgenossen besonders beschäftigten, scheint Pl. in seine Darstellung verwoben zu haben, Hypothesen, die sich, wie Kretschmer des näheren ausführt, aus der vorgeschrittenen wissenschaftlichen Spekulation über die Gestalt der Erdoberfläche ergaben. Die griechischen Geographen verwarfen nämlich auf Grund der Erweiterung des Gesichtskreises allmählich das engbegrenzte scheibenförmige Weltbild Homers, nach welchem unsere Oikumene eine vom Ozeanfluss umgebene Insel war, schritten zur Lehre von der Kugelgestalt der Erde vor und gelangten zu dem Schlüsse, dass die bisher bekannte Ländermasse nur ein geringfügiger Teil der Erdoberfläche sei und dass diese noch andere Oikumenen trage. Diese Forderung der Spekulation, deren Anfänge bis zu den Pythagoreern zurückreichen, erfüllte auch Piatons Atlantis 1 ). Piaton hat in seinem Bericht aber auch zu der aus der Lehre der Kugelgestalt der Erde sich ergebenden weiteren Frage Stellung genommen, ob Land oder Wasser den Hauptbestandteil der Erdoberfläche bilde. Er entscheidet sich für das erstere, indem er um den Ozean, der unsere Oikumene umfliesst, noch ein grosses Festland herumliegen lässt (cf. Tim. 25 A 2 ). Ähnlich Pind. Ol. III 44; ferner Eur. Hipp. 742 ff. — Man war sich eben über die Natur des atl. Ozeans, auch nachdem man dessen Küste allmählich kennen gelernt, bis zu Pytheas Forschungen nicht recht klar und vermutete in ihm Untiefen und Biffe, welche die Fahrt unmöglich machten. Noch Aristoteles zeigt sich in solchen Anschauungen befangen, wenn er (meteor. 11 1, 14) sagt: ra 8' 7'fco orrjXcöv ßoo./Ja . . äiä top nrjlor. *) In diesem Sinn ist sie, wie Kretschmer (a. a. 0. S. 168) hervorhebt, mit der ebenfalls frei erfundenen Meerinsel Meropis des Theopomp (cf. Aeliani var. hist. III, 18) sowie mit dem saturnischen Kontinent, von dem Plutarch fabelt, zu vergleichen. 2 ) Berger (a. a. 0. Bd. I S. 13) erklärt diese Ansicht als ein Zurückgehen auf alte jonische Lehren, in denen auch von einem „erhabenen Bande wahren Festlandes" gesprochen werde, das rund um den äusseren Ozean herumliege. Dieses „eigentliche Festland" (wie es PI. bezeichnet), darf man aber ebensowenig wie die Atl. mit Amerika gleichsetzen; denn ersteres umschliesst nach PI. den ganzen Erdkreis, sodass Amerika nur der Westseite jenes grossen Kontinents entsprechen könnte. — 39 — Was die Verteilung von Wasser und Land anlangt, so umgibt nach Piatons Darstellung ein zusammenhängender Ozean von ansehnlicher Ausdehnung die als Insel gedachte Ländermasse von Europa, Asien und Afrika, während das mittelländische Meer nur als Busen dieses Ozeans zu betrachten ist. Besondere Beachtung verdienen weiterhin die Andeutungen Piatons, welche Kenntnisse aus dem Gebiet der Erdphysik und Geologie durchblicken lassen. Kretschmer (a. a. 0. S. 170) betont mit Recht, dass man aus den an der Küste und an Plussmündungen von jeher gemachten Beobachtungen über den Wechsel der Bodenbeschaffenheit, insbesondere über das Vor- und Rückschreiten des Meeres und das Versinken ganzer Küstenstriche unter das Meeresniveau, leicht zur Vorstellung gelangen konnte, dass auch im grossen möglich wäre, was sich im kleinen tatsächlich vollzog, dass nämlich ganze Kontinente im Laufe der Zeit emportauchen und wieder verschwinden könnten. Recht gut konnte auch diese Vorstellungsweise dem Bichter- philosophen eine Grundlage zu seinem Mythus bieten. In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals an die nach meiner Ansicht richtige Bemerkung Humboldts erinnern, nach welcher die Atlantismythe ihre nahe Beziehung zum geologischen Mythus vom Untergang Lyktoniens nicht verkennen lässt, weil beide „die Vorstellung vom Vorkommen gewaltsamer Umbildungen der Erdoberfläche" enthalten l ). Dass man solche Umbildungen hauptsächlich den Wirkungen der Erdbeben zuschrieb, ist sehr naheliegend und lässt sich auch aus den Angaben Piatons entnehmen, der wiederholt von ausser- gewöhnlichen Erdbeben (freilich auch von hereinbrechenden Fluten) spricht (cf. Tim. 25 D, Krit. 108 E, 112 A). Gewiss hat PI. wissenschaftliche Erkenntnisse dieser Art in seinen Mythus verflochten. Dass er aber auch mit der Freiheit des Dichters verfuhr, zeigt schon der Umstand, dass die im Tim. und Krit. erwähnten gewaltsamen Veränderungen der Erdoberfläche unter ganz anderen Bedingungen stattfinden als die in der Wirklichkeit bisher konstatierten, indem sie ungleich grössere Landstriche betreffen und in viel rapiderem Massstabe vor sich gehen. x ) H., Krit. Unters. S. 158. — 40 — 6. An dieser Stelle möchte ich kurz denjenigen Vertretern moderner Wissenschaft gegenüber Stellung nehmen, die in jüngster Zeit noch unter Nichtachtung der philologischen Forschung die platonische Atl. von neuem erstehen lassen wollen und in Piatons Bericht eine Bestätigung der neuesten Errungenschaften ihrer Disziplinen sehen. Da sind es zunächst die Geologen, welche seit dem Vorgange Ungers 1 ) mehrfach für eine wirkliche Existenz der platonischen Atl. eingetreten sind. Sie identifizieren dieselbe mit dem Kontinent, der nach ihren Forschungen einst einen grossen Teil der Fläche des atlantischen Ozeans bedeckte. Gewiss ist heutzutage die frühere Festlandsbedeckung dieses Ozeans sowie der einstige Zusammenhang der jetzt getrennten Kontinente nicht mehr zu leugnen. Gelehrte wie Lyell 2 ), Heer 3 ) und Suess 4 ) haben das genügend dargetan, indem sie die den beiderseitigen Küstenländern gemeinsamen geologischen Merkmale sowie die mehrfachen Berührungen der Fauna und Flora der östlichen und westlichen Kontinentalmasse erwiesen haben. Aber es ist in neuester Zeit unbestreitbare Tatsache geworden, dass diese Festlandsbedeckung, die nachher gleich der platonischen Atl. im Meere verschwand, in den höchsten Breiten quer über den atlantischen Ozean sich erstreckte und südwärts nicht einmal bis zu den Azoren reichte. Darnach lag die geologische „Atlantis" (wie man sie benannte), gar nicht vor den Säulen des Herakles, kann also nicht mit der platonischen identisch sein. Ausserdem ist festgestellt, dass die geologische Atl. schon zur Tertiärzeit existierte, als das Nildelta und mit ihm der Boden, auf dem Sais stand, noch gar nicht vorhanden war, nicht aber einer historischen Zeit angehörte wie die platonische Insel 5 ). Die geologische Atlantis kann demnach nimmermehr für die platonische Atl. erklärt werden, ist also auch kein ') Unger, Die versunkene Insel Atlantis, Wien 1860. ■) Lyell, Elements of Cteology, London 1841. L. ist ein Hauptanhänger der Theorie Ungers. ?) Heer, Flora Tertiana Helvetiae, Winterthur 1854. 4 ) Ed. Suess, Antlitz der Erde, Prag 1885. 6 ) cf. Kretsclimer (a. a. 0. S. 163). — 41 — Beweismoment für die Wahrheit des platonischen Berichtes 1 ). Aber auch Vertreter der prähistorischen Anthropologie und der vergleichenden Sprachwissenschaft haben in jüngster Zeit wiederum den Atlantisbericht kritiklos genug zum Erweis kühner Hypothesen herangezogen und Schlüsse gewagt, die energisch zurückgewiesen werden müssen. So wiederholt — um nur ein Beispiel dieser Art zu nennen — Ign. Donnelly in seinem Buch: Atlantis, the antediluvian world, London 1882 2 ) ein gut Teil der phantastischen Erklärungsversuche des 17. und 18. Jahrhunderts; ja er überbietet dieselben teilweise noch, wenn er in der platonischen Atl. nicht nur die wahre vorsintflutliche Welt, sondern den Ausgangspunkt aller Geschichte und Zivilisation erblickt, wenn er Ägypten die älteste der atlantischen Kolonien (!) nennt und die Atlanten, die bei dem Untergang der Insel entkamen, als Erfinder des Kompasses und des Alphabetes, ja vielleicht auch des Schiesspulvers (!!) bezeichnet 8 ). Hier hat eben nicht exakter Forschertrieb, sondern angelsächsischer Chauvinismus die Feder geführt. Möchten solche moderne Interpreten des Atlantismythus endlich einmal den wahren Zusammenhang der platonischen Darstellung und den wahren Sinn des plat. Textes ins Auge fassen, über welche beide sie ja so leicht sich bei den mit der Sache vertrauten Autoren, bei einem Martin und Susemihl, Belehrung erholen könnten! Es ist doch jammerschade, wenn tüchtige Forscher soviel Mühe und !) Kretschmer erbringt (S. 162) gegen Gaffare 1, den — in unseren Tagen — „wärmsten Verteidiger" der einstmaligen Existenz der Atl., auch den Beweis, dass nach den Ergebnissen der neuesten atl. Tief se eforschung, von der man sich eine Bestätigung der aufgestellten Behauptungen erhoffte, der Ozean an den Stellen, wo die versunkene Insel liegen soll, ein ganz anderes Aussehen hat, als es nach Piatons Angaben der Fall sein miisste. Ebenso widerlegt Kretschmer (S. 164 u. 165) den Einwand, dass die Bemerkung Piatons von dem Schlamm, den die Atl. bei ihrem Untergang zurückgelassen, eine Bekanntschaft der Alten mit dem Sargassomeer vermuten lasse und das „Sargassum" ein Residuum der versunkenen Atl. sei. 2 ) In deutscher Übersetzung erschienen bei Schaumburg, Leipzig 1897. 3 ) Ich muss wegen Raummangels davon absehen auf dieses Buch, in dem Prähistorie und vergleichende Sprachwissenschaft einen Bund geschlossen, näher einzugehen und verweise nur auf die treffliche Abweisung, die Sander (a. a. 0. S. 37—39) dem Autor zu teil werden lässt. — 42 — Scharfsinn auf eine Sache verwenden, die der Hauptsache nach genügend aufgeklärt ist! Ich eile nach diesen kritischen Bemerkungen, die meinen Standpunkt klarer zum Ausdruck bringen sollten, zum Schluss meiner Abhandlung. Piaton verwebt endlich in seine Dichtung offenbar auch einige kulturgeschichtliche Hypothesen, die er teilweise in Übereinstimmung mit Aristoteles aufgestellt hat. So enthält der Atlantismythus Andeutungen über Piatons Vorstellungen von der Besiedlung des Erdbodens, die nach ihm unter göttlicher Leitung und Eingebung vor sich geht (cf. Tim. p. 24 C, Crit. 109 B f.). Ferner gibt uns der Mythus davon Kunde, dass nach Piatons Anschauung ein periodischer, gewissermassen rhythmischer Wechsel in den Zuständen der Welt stattfindet: durch Feuer und Wasser sowie durch andere Zerstörungen wird die bereits zu hoher Bildung gelangte Menschheit immer wieder bis auf wenige ungebildete Bewohner vernichtet, so dass diese jedesmal von vorne anfangen und sich durch mühsame Arbeit von Jahrtausenden allmählich wieder zur Stufe der untergegangenen Kultur erheben muss'). (cf. Tim. 22 C. ff., 23 A B, Krit. 109 D). Neben dem Wechsel der Kultur aber nimmt PI. auch eine Veränderung der staatlichen Zustände an. Am Anfange eines sogenannten Weltjahres, das 10 000 Jahre währt, herrscht die beste Staatsverfassung; dann entartet der Staat allmählich und geht zum Schlüsse ganz dem Verderben entgegen, nachdem er sich von den anfangs herrschenden göttlichen Einrichtungen mehr und mehr abgewandt. So ist in der Atlantismythe der Idealstaat der Athener 9000 Jahre vor Piatons Zeit zurückdatiert 2 ), weil sich der Philosoph die Verhältnisse seiner Zeit als dem letzten Viertel des Weltjahres angehörig denkt, die idealen Zustände seines Staates jedoch ins erste Viertel dieser Periode verlegen wollte. Damit findet denn auch die Wahl der Zeit ihre Anknüpfung an das System des Philosophen. 0 Vgl. Götterdämmerung tu anderes. "-) of. Tim. 23 E, Krit. 108 E. 43 "Wir haben nunmehr die Hauptpunkte erörtert, die zur Lösung der eingangs gestellten Frage von Belang sind, und können das gewonnene Resultat, wie folgt, zusammenfassen: Eine Atlantis (und ein Volk der Atlanten), wie sie Pl. schildert, hat es nie gegeben. Was er im „Timaios" und ausführlicher im „Kritias" hierüber erzählt, ist den Hauptzügen nach Dichtung, die in die Form eines Mythus gekleidet ist. Diese „philosophisch-politische" Dichtung soll die sittliche Idee des platonischen Staatsideals in seiner wirklichen Existenz dadurch veranschaulichen, dass dem besten Staat ein zweiter, jedoch minderwertiger gegenübergestellt wird, an dem der erstere seine Tüchtigkeit erprobt. Der zweite Staat ist die Atlantis, ein Utopien, das der Dichterphilosoph mit poetischer Kraft erschuf und reich mit märchenhaften Zügen ausstattete. Um das fremdartige und phantastische Bild mit dem Schein der Wahrheit zu umgeben, baute es PI. angeblich auf historischer Überlieferung auf. Um die Deutlichkeit des Bildes zu erhöhen, verwob er reichlich Anschauungen und Kenntnisse seiner Zeitgenossen in die Erzählung hinein, oft so, dass Wahrheit und Dichtung schwer zu scheiden sind. Mit dieser Auffassung verträgt sich die Ansicht Sanders (a. a. 0. 'S. 15 f.) sehr wohl, dass Piaton — neben der Erfüllung seines philosophischen Zweckes — ein Muster jener ethischen Dichtungsart zu geben beabsichtigte, die er allein noch gelten lassen wollte 1 ), dass mithin die dem Solon geltenden Worte des älteren Kritias (Tim. 21 CD) auf Piaton anwendbar seien: „Hätte er nur nicht die Dichtung nebenbei getrieben (und die dichterische Form verschmäht), sondern mit Eifer sich darauf verlegt, .... er brauchte weder Hesiod noch Homer ... an Dichterruhm nachzustehen". ') cf. Staat HI. Boll. p. 38G—398 C.