2 Jahre Bewegungsfreiheit im Unterricht der Prima von Dr. Richard Gaede Direktor (unter Mitwirkung von Professor Ewers und Oberlehrer Gizewski) Wissenschaftliche Beilage zu den Schulnachrichten des Kgl. Gymnasiums zu Strasburg Wpr. Ostern 1907. V Leipzig, Buchhandlung G. Fock, G. m. b. 1907. Pro dt . No. 45. Cf, o I. 2 Jahre lang haben wir nun am hiesigen Gymnasium eine in bescheidenem Masse durchgeführte „Bewegungsfreiheit" in der Prima erprobt. Da ist es an der Zeit, einmal vor der Öffentlichkeit Rechenschaft abzulegen über die Erfahrungen, die wir dabei gemacht haben. Dadurch werden hoffentlich ganz von selbst manche Leute, die von vornherein über derartige Versuche den Stab gebrochen haben, sich veranlafst sehen, ihre Einwände zurückzuziehen. Uber den Anlass und die Art unsrer Einrichtung habe ich im vorigen Programm schon berichtet, wiederhole aber hier des Zusammenhanges wegen das dort darüber Gesagte. Die älteren Mitglieder des hiesigen Lehrerkollegiums waren sich seit längerer Zeit darüber einig, dass die Primaner, wenn sie in jedem Fache die lohrplanmässigen Forderungen erfüllen sollten, zu sehr durch die tägliche Pensenarbeit belastet seien und zu wenig Zeit für die Pflege eigener geistiger Interessen übrig behielten. Auch schien uns die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden zu gross. Doch wagten wir nicht mit bestimmten Anträgen hervorzutreten, weil uns deren Genehmigung aussichtslos erschien. Da war es uns eine grosse Überraschung und Freude, als im Winter 1904/5 Schlag auf Schlag eine Reihe von Kundgebungen 1 _ 4 — erfolgte, deren Inhalt sich ganz mit unseren Anschauungen deckte. Den Reigen eröffnete ein Aufsatz des Herrn Professor Martens im Dezemberheft der Monatsschrift für höhere Schulen 1904 über „Erziehung zur Selbständigkeit". Auch durften wir von einem auf diesen Aufsatz in zustimmendem Sinne Bezug nehmenden Privatschreiben des damaligen Oberpräsidenten von West- preussen, jetzigen Handelsministers Exzellenz Dr. Delbrück, Kenntnis nehmen. Dann folgten 2 Aufsätze im Januar- und Februarheft derselben Monatsschrift 1905, einer vom Herrn Geh. Oberregierungsrat Dr. Matthias über „Freude an der Schule" und einer vom Herrn Professor Paulsen. In beiden wurde eine individuellere Behandlung der Schüler und grössere Bewegungsfreiheit der einzelnen höheren Schulen gefordert. Als darauf in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 2. März 1905 Se. Exzellenz der Herr Kultusminister erklärte, er erwarte geradezu von den Lehrerkollegien Anträge auf Bewegungsfreiheit, da entschlossen wir uns, einer persönlichen Aufmunterung unseres Provinzial-Schulrats Herrn Professor Kahle folgend, einen solchen Antrag einzureichen und hatten in kurzer Frist die Freude, ihn in allen Teilen von Sr. Exzellenz dem Herrn Minister genehmigt zu sehen. Allzusehr von den herrschenden Normen abzuweichen hielten wir aus leicht erkennbaren Gründen nicht für geraten. Doch kam es uns darauf an, irgendwie eine Gabelung zwischen der Mathematik und den alten Sprachen einzurichten und dabei jedem Primaner wöchentlich 2 Unterrichtsstunden zu ersparen. Die Primaner wurden mit Beginn des Sommerhalbjahres 1905 vor die Wahl gestellt, ob sie sich mehr auf mathematische oder altsprachliche Studien verlegen wollten. Aus denen, die die Mathematik bevorzugten, wurde eine matkemcitische Selokta gebildet, die 4 St. wöchentlich gesondert in der Mathematik unterrichtet und in diesem Unterricht über das Ziel des Gymnasiums hinaus gefördert wird. Die Angehörigen dieser Selelcta sind von dem Unterricht in der lateinischen Grammatik (2 St.) befreit und liefern in der Reifeprüfung statt des lateinischen Extemporales eine Übersetzung aus dem Lateinischen. Die anderen Primaner haben nur 2 St. Mathematik wöchentlich — gesondert von den Mathematikern —, werden in diesen 2 St. durch Übungen im wesentlichen auf dem Stande der Kenntnisse, die sie von 0 II mitgebracht haben, erhalten und nur noch in die Anfangsgründe der Stereometrie, Kombinatorik, Reihen und ihre Anwendung auf Zinseszinsrechnung eingeführt. Es sollen dabei in diesem Unterricht solche Aufgaben bevorzugt werden, aus denen die Verwendbarkeit der Mathematik für das praktische Leben erhellt. Als Äquivalent für diese Entlastung der nicht besonders für Mathematik interessierten Schüler werden von ihnen Privatarbeiten auf altsprachlichem Gebiet nach eigener Wahl verlangt, die von den Lehrern kontrolliert werden. Auch neusprachliche Privatarbeiten werden gern gesehen und zur Kompensation in Anrechnung gebracht. Wer eine grössere Privatarbeit auf dem Gebiet der deutschen Literatur macht, kann dafür von mehreren häuslichen Aufsätzen dispensiert werden. Auf besonderen Antrag können für die mit einer solchen grösseren Arbeit Beschäftigten Erleichterungen in der täglichen Pensenarbeit, gelegentlich auch Befreiung vom Schulbesuch für einzelne Tage eintreten. Mit der Ansicht, dass es nötig ist, den schroffen Übergang, der heutzutage zwischen der Tätigkeit eines Primaners und der eines Studenten besteht und so manchem Jüngling schon verderblich geworden ist, irgendwie zu mildern durch Ansprüche an die Selbsttätigkeit — 6 — der Primaner, befinden wir uns ja in guter Gesellschaft. Früher hat dieser schroffe Unterschied wohl überhaupt nicht bestanden, wie Cauer im Anfang seiner Schrift „Zur freieren Gestaltung des Unterrichts" darlegt. 1 ) Als er sich im vorigen Jahrhundert allmählich herausbildete, da hat sich auch sofort der Widerspruch dagegen geregt. Schon Herbart hat verlangt, jeder Schüler solle sich vor dem Eintritt in die Prima über den zu erwählenden Beruf entscheiden und nun in 1 ausser an dem gemeinsamen Unterricht an Sonderkursen teilnehmen in den Fächern, die für seinen Beruf von Wichtigkeit seien, und in ihnen über die Ziele des allgemeinen Gymnasialunterrichts hinaus weiter gebildet werden. Ziller hat diesen Gedanken aufgenommen und auf Einführung von Nebenklassen in den Gymnasien gedrungen. Mehr als diese Äusserungen, die doch auf Angliederung von Fachschulen an das Gymnasium hindrängen, ist mir aus der Seele gesprochen, was ein so einsichtiger Pädagoge wie Ii. L. Ahrens gesagt hat — ich entnehme seine Worte aus einem Aufsatz von F. Hornemann in den Neuen Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik 1906 S. 441 —: „Das Fehlerhafte der gegenwärtigen Organisation liegt, wenn ich nicht sehr irre, hauptsächlich da, wo es auch gerade in den Resultaten hervortritt, nämlich auf der obersten Stufe, der Prima, und besteht im wesentlichen darin, dass die freie Selbsttätigkeit zu wenig gefördert wird. Dies kann aber nur dann in erfolgreicher Weise geschehen, wenn der Individualität 9 Trotzdem ist schon im 16. Jahrhundert vou dem Augsburger Rektor Hieronymus Wolf und im 18. von seinem Namensvetter F. A. Wolf und von Herder gefordert, dass die Schule sich in der obersten Klasse allmählich' der Universität nähere und den Schülern gestatte, sich ihren Lieblingsstudien zu widmen. Vgl. G. Budde in der Monatsschrift f. h. Sch. 1906 S. 435. — 7 — der Schüler, wie dies für die Maturitätsprüfungen durch die Instruktion von 1846 in umsichtigster Weise vorgeschrieben ist, auch in der Einrichtung des Unterrichts genügend Rechnung getragen wird, auf welche jene Bestimmungen der Instruktion bis jetzt fast ganz ohne Rückwirkung geblieben sind." Es ist sehr schade, dass diese Worte damals verhallt sind und in den letzten drei Jahrzehnten des Jahrhunderts die Selbsttätigkeit der Primaner durch die amtlichen Forderungen eines Normalmasses von Wissen auf allen Gebieten mehr und mehr systematisch unterbunden worden ist. In den siebziger Jahren war es uns noch möglich, in der obersten Klasse eine Selbsttätigkeit zu entfalten. Die alten Sprachen herrschten unbedingt, in der Mathematik waren die Anforderungen auf allen Schulen noch gering, die anderen Fächer nahmen unsre Arbeitskraft auch nicht übermässig in Anspruch. Dazu kam, dass damals wohl jede Schule selbst in den oberen Klassen, einen oder gar zwei Lehrer hatte, bei denen man auch bestand, wenn man gar nichts tat. Das hat doch aufgehört. Nur ganz vereinzelt werden noch diese alten Originale ihr Dasein fristen, die ganz auf die Mitarbeit ihrer Primaner zu verzichten bescheiden genug sind. Die alten Sprachen sind seitdem in ihrer Stundenzahl und damit in ihrer Wirksamkeit trotz aller Verfeinerung der Methode wesentlich verkürzt. Die Vertreter der Mathematik und der Naturwissenschaften haben, unterstützt durch die Lehrpläne, ihre Forderungen erhöht; von nicht wenigen Gymnasien ertönt die Klage, ein zu grosser Teil der Arbeitskraft der Schüler werde für die Lösung mathematischer Aufgaben beansprucht und bei der Beratung über die Arbeitszeit müssten die Lehrer des Lateinischen und Griechischen unter dem Hinweis darauf, dass sie ja die meisten Lehrstunden zur Verfügung hätten, also die beati possidentes seien, ihre Forderungen auf ein gar zu bescheidenes Mass herabdrücken. Hier und da drängt sich auch der Historiker, der die Bedeutung seines Fachs überschätzt, mit seinen Repetitionen oder der Neuphilologe zu sehr hervor. Und es ist für den Direktor nicht leicht, jeden Ubereifrigen in seine Schranken zu weisen, da er sich doch sagen muss, dass jeder nur das Beste will und den Forderungen der Lohrpläne zu genügen bestrebt ist. So sind wir allmählich dahin gekommen, dass die geistige Spannkraft unsrer gewissenhaften Primaner von normaler Begabung durch den Schulunterricht, der bei seiner Intensität heute auch grössere Ansprüche stellt als vor 30 Jahren, und durch die tägliche Pensenarbeit aufgebraucht wird und höchstens noch etwas Zeit für Musik und Lektüre übrig bleibt. Dass das kein erfreulicher Zustand ist, darüber sind sich alle Kundigen einig. Der Primaner muss eine Sonderstellung einnehmen. Es geht nicht an, dass ihm sein geistiges Futter in derselben Weise täglich vorgeschnitten wird wie dem Schüler der unteren und mittleren Klassen. Und nur mit den Hochbegabten können wir doch auch nicht rechnen. Das mag auf Schulen angehen wie in Pforta, das immer seine besonderen Einrichtungen gehabt hat und seine Zöglinge damit zur Selbständigkeit herangebildet hat. Die Ziele müssen so hoch gesteckt werden, dass sie für junge Leute, deren Begabung unter dem Durchschnittsmass ist und die auch nicht den ernsten Willen haben etwas zu leisten, unerreichbar sind. Aber normal beanlagte Menschen bilden nun einmal das Giros unsrer Schüler an den Gymnasien. 1 ) Diese in der rechten Weise anzuleiten, dass sie es lernen, sich selbst Ziele zu stecken 0 Die Gründung besondrer Schulen „zur Pflege des Genius", wie sie neuerdings erst wieder Nees von Esebeck in und gern arbeiten, das muss in der obersten Klasse unser vornehmstes Ziel bleiben. Dass das aber erreicht wird, wenn jeder Fachlehrer seine lehrplanmässigen Forderungen stellt, das leugne ich eben. Es ist sehr freudig zu begrüssen, dass die leitende Stelle erkannt hat, woran es fehlt, und dass dort jetzt ein andrer Wind weht. Schwerer scheinen sich die Lehrerkollegien darein zu finden, dass es notwendig ist, mit der Schablone zu brechen, und scheinen nicht selten der Neuerung ernsten Widerstand entgegenzusetzen. Bei den alten Herren ist das ja begreiflich; denn das solo- nische yrjodca/.co ö' asl jtoXId didciavMuevog wird zwar oft zitiert, doch nicht oft geübt. Hoffentlich macht manchen Widerspenstigen der frische Weckruf Otto Schronders in den Preussischen Jahrbüchern 1906 OktoberheftS. 72ff. nachdenklich und regt ihn an, auch Hand anzulegen. Die Frage ist jedenfalls eine brennende geworden. Man kann ja heute kaum eine Fachzeitschrift aufschlagen, ohne wenigstens einen Artikel über die Bewegungsfreiheit darin zu finden. Wichtiger als alles Räsonnieren schien mir aber ein vorsichtiges Probieren, und zwar in aller Stille. Ich wollte nichts darüber verlauten lassen, ehe ich einige Jahre lang Erfahrungen gesammelt hätte. Als jedoch im Winter des vorigen Jahres die Sache ruchbar wurde, sah ich mich genötigt, einer direkten Aufforderung folgend, in der Kölner Zeitung über das Was und Wie mich kurz zu äussern. Was ich gefürchtet hatte, trat darauf ein. Das liebe Publikum hörte heraus, was es wünschte, und dachte: „Halt, da ist ja ein Gymnasium, wo die böse Mathematik so gut wie ganz aus dem der Monatsschrift f. h. Sch. 1906 verlangt, wird sich schwer durchführen lassen. Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart iiii Räume stossen sich die Sachen. — 10 — Tempel gejagt ist und nun der Eintritt in das Land der akademischen Freiheit sich leicht und schmerzlos vollzieht. Dahin, o Vater, lasst uns ziehen." „Von Asiens entlegener Küste" d. h. in diesem Falle aus dem fernsten Westen, wurden mir von besorgten Müttern und Vätern die armen Söhne ans Herz gelegt z. T. in den schönsten Schmeicheltönen, als hätte ich den Stein der Weisen gefunden. Ich stelle hier fest, dass ich seit Ostern 1905 hier nur Primaner aufgenommen habe, deren Eltern hierher gezogen sind; es sind 2 im ganzen. In meinen Antwortschreiben habe ich keinen Zweifel darüber gelassen, dass es mir sehr fern liegt, irgendeine Erleichterung zu schaffen, dass ich vielmehr nur eine angemessenere Verteilung der Lasten beabsichtigt habe und es für ein Vergehen gegen das Wohl des Vaterlandes halten würde 1 ), jungen Leuten, die entweder nicht die nötigen Gaben haben oder nicht energisch arbeiten wollen, den Brotkorb niedriger zu hängen. Wer mich kennt, hat mir diese Neigung auch nie zugetraut. Seitdem haben auch mehrere Männer vom Fach auf unseren Versuch Bezug genommen. Mit einigen von ihnen möchte ich mich zunächst auseinandersetzen, ehe ich über unsre Erfahrungen und Beobachtungen berichte. Cauer, auf dessen Urteil ich ganz besonderen Wert lege, verhält sich gegen eine Gabelung auf der obersten Stufe ablehnend. Schon in der Pfingsten 1906 geschriebenen Vorrede seines Buchs ,Siebzehn Jahre im Kampfe um die Schulreform' findet sich eine unfreundliche Bemerkung darüber. Er überblickt dort die Wandlungen, die unsre höheren Schulen in den letzten beiden Jahrzehnten durchgemacht haben, und findet in dem in *) Zieliuski in seinem schönen Buche.,Die Antike und Wir' nennt eine leichte höhere Schule sogar ein soziales Verbrechen. Hart, aber wahr! — 11 — jüngster Zeit hervorgetretenen Gedanken „innerhalb eines der drei Lehrgänge (Gymnasium, Realgymnasium, Oberrealschule) in den oberen Klassen noch wieder eine Spaltung zuzulassen und Wege zu eröffnen, die sich den beiden anderen mehr nähern" einen Gegensatz gegen die in dem Kaiserlichen Erlass vom November 1900 ausgegebene Parole, dass „die Eigenart einer jeden höheren Schule kräftiger betont werden solle". Ausführlicher hat er seine Bedenken dargelegt in der im August 1906 erschienenen Broschüre „Zur freieren Gestaltung des Unterrichts". Er hält es für unzweckmässig, jetzt schon wieder unsre höheren Schulen durch Neuerungen zu beunruhigen und fürchtet vor allem, dass eine Gabelung in I auf eine Schwächung der alten Sprachen hinauslaufen werde. Wenn das eine notwendige Folge wäre, dann wäre ich der erste, der in sein Anathema einstimmte. Es ist mir zunächst von Wert festzustellen, dass auch Cauer die Kluft, die jetzt meist zwischen der Tätigkeit eines Primaners und eines Studenten besteht, anerkennt und peinlich empfindet. Aber er meint, nicht besondere äussere pneasures' seien erforderlich, sondern ,men', die auf allen Stufen, besonders aber auf der obersten, das Denken und die Selbsttätigkeit ihrer Schüler anregten. Die Winke, die er in dieser Richtung gibt, sind alle beherzigenswert: Befreiung von der Herrschaft des Lehrbuchs, Betonen des XoyoQ l'i-iilJvyog statt des loyog yEyQctf.if.i&voq z. B. auch in den lateinischen Grammatikstundon, wo das Übersetzen von Ostermannsätzen in der Prima zwar durch die Lehrpläne geschützt, aber deshalb doch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, mehr wissenschaftliche Behandlung der neusprachlichen Literatur, frühe Einführung des Funktionsbegriffs in der Mathematik, Verbannung der verstümmelten und mit Inhaltsangaben am Rande versehenen Klassikerausgaben, 2 — 12 — gelegentliche Erörterung von Fragen niederer und höherer Kritik im altklassischen Unterricht — überhaupt Stellung von Problemen und Anweisung, sie zu lösen Und die junge Kraft der Schüler dadurch zu stählen. Es ist sehr zu wünschen, dass diese Forderungen überall erfüllt werden. Aber selbst wenn sie es werden, bleibt doch die Tatsache bestehen, dass bei den meisten unserer Schüler im Primaneralter sich eine Vorliebe für besondere Fächer einstellt. Und ich meine, es ist erfreulich, wenn das der- Fall ist, und solche Schüler müssen uns lieber sein als die, die mit demselben Gleichmut alles hinnehmen, was ihnen aufgetischt wird, um nur ihre Reife attestiert zu bekommen. Gegen die Hochbegabten, die in allen Sätteln gerecht sind, allen Fächern lebhaftes Interesse entgegenbringen und auch in allen etwas Tüchtiges leisten, habe ich natürlich durchaus nichts; aber sie dürften überall in der Minderzahl sein. Bei dem Gros, soweit es überhaupt Interessen hat, wird sich immer die Neigung entweder mehr den Sprachen und der Geschichte oder mehr der Mathematik und Naturwissenschaft zuwenden. Die Abneigung gegen die Mathematik ist oft nicht gering gerade bei jungen Leuten, in denen ein tüchtiger Kern steckt. Soll man diese auch auf der obersten Stufe noch zwingen, auf einen Gegenstand, der ihnen nicht liegt, um des Phantoms der allgemeinen Bildung willen besonders viel Zeit zu verwenden? Ist es nicht besser und förderlicher für sie, dass man ihnen diese Zeit lässt zur Vertiefung und besonderen Betätigung in Fächern, zu denen sie sich mehr hingezogen fühlen? Diese Frage hat Cauer sich gar nicht ernstlich gestellt, obwohl er den Götzen der allgemeinen Bildung oft genug bekämpft. Ich meine aber, wir müssen sie heute stellen und müssen sie uns beantworten. — 13 — Allerdings vorsichtig muss die Sache angefasst werden, Für eine so scharfe Teilung der Prima in eine sprachliche und mathematische Abteilung wie sie neuerdings mehrfach gefordert ist, z. B. von den sächsischen Rektoren bin ich ebensowenig zu haben wie Gauer. Die sächsischen Rektoren haben auf einer Versammlung in diesem Jahre vorgeschlagen, die Primen zu teilen in eine sprachlich-historische Gruppe, die 15 St. Latein und Griechisch, 4 St. Mathematik und Naturwissenschaft hat, und in eine mathematisch-naturwissenschaftliche, die 10 St. Latein und Griechisch, 9 St. Mathematik und Naturwissenschaft hat. Wenn das durchgeführt wird, dann ist ein gemeinsames Unterrichten nicht mehr möglich; in diesen 19 St. müssen beide Gruppen gesondert unterrichtet werden. Damit fällt dann auch die Möglichkeit, in anderen Stunden z. B. in der Religion oder im Deutschen an die gemeinsame Lektüre griechischer und lateinischer Autoren anzuknüpfen, und das wäre sehr unerfreulich. Nebenbei sei bemerkt, dass diese Einrichtung sehr viel mehr Lehrer erfordern würde. Die Rücksicht auf die dadurch entstehenden Kosten wird sich daher an den meisten Orten als Hemmnis bei der Ausführung dieser Pläne erweisen. Aber auf unsre Strasburger Einrichtung trifft meines Erachtens das Urteil Cauers nicht zu, dass eine Prima, die in mindestens zwei Hauptfächern getrennt unterrichtet wird, keine einheitliche Klasse mehr ist und die fördernde Wirkung gemeinschaftlichen Erlebens, wetteifernden Ströhens verloren geht. Nur in der Mathematik ist die Klasse getrennt, und der Lehrer der mathematischen Selelcta ist sehr froh, dass er nur mit interessierten jungen Leuten zu arbeiten hat, und nicht im rüstigen Fortschreiten durch diejenigen gehemmt wird, die nur mit Unlust und mit Aufwendung grossen häuslichen 2* — 14 — Fleisses seinen Erörterungen folgen konnten. Ich gestehe, class gerade die hohen Anforderungen der Mathematik mich auf den Gedanken der Teilung gebracht haben und dass ich mich freue, einer Reihe von Schülern, die diese Anforderungen als drückend empfanden, mehr Zeit zu Arbeiten auf sprachlichem Gebiet verschafft zu haben, das auf dem Gymnasium doch die Hauptsache bleiben soll. Ich denke, so ist allen geholfen: Die Mathematiker leisten auf ihrem Gebiet mehr als bisher möglich war, die andern erweitern den Umfang ihrer Lektüre. 1 ) Die Freude an der Schule ist bei beiden Gruppen erhöht. Gemeinschaftliches Erleben und wetteiferndes Streben bleibt genug. Das Griechische ist von der Teilung überhaupt nicht berührt und die lateinische Lektüre ebensowenig. Auf ihren gesamten Umfang kann also in anderen Stunden Bezug genommen werden. Ein Einwurf Cauers lässt sich hören. Er meint, wenn einzelne Schüler der Prima erklärten, sie wollten weder auf der einen; noch auf der anderen Seite über die allgemeinen Forderungen hinausgehen, sondern eben das lernen, was der normale Lehrplan vorschreibe, dann müsste aus diesen eigentlich eine dritte Abteilung gebildet werden. Das hat man, wie ich höre, jetzt hier und da vor. Wenn man Lehrer genug hat und die Kosten dieser Einrichtung nicht zu scheuen braucht, dann mag man das ja so machen. Iiier liess sich das so nicht durchführen. Schwer wird dabei auch die Anfertigung des Stundenplans sein. Ich lege die beiden lateinischen Grammatikstunden in dieselbe Zeit, in der die mathematische Selekta 2 ihrer Sonderstunden hat; die beiden anderen liegen gleichzeitig mit den beiden Mathematikstunden der sprachlichen Gruppe. Für noch ') Der Beweis hierfür wird unten -erbracht werden. — 15 — mehr Trennungen würde mir hier auch kein Raum zu Gebote stehen. So bin ich allerdings in der Lage, den Schülern, die den normalen Lehrplan vorziehen, „achselzuckend" den Bescheid geben zu müssen: „Ihr habt euch der amtlich eingeführten Wahlfreiheit zu unterwerfen." Ist denn das aber wirklich so schlimm? Ist es nicht vielmehr ganz gut, wenn der Jüngling beim Eintritt in die Prima genötigt wird, — ich sage nicht mit Herbart und Ziller, sich für einen Beruf zu entscheiden und in eine Fachselekta einzutreten, aber doch sich klar zu machen, für welche Gruppe von Schulfächern er eine grössere Neigung empfindet und welcher er deshalb ein etwas stärkeres Mass von Arbeit zuwenden möchte? Es schadet meiner Ansicht nach auch gar nicht, wenn der angehende Primaner sich die Frage vorlegt, welche Berufe ihn am meisten locken. Junge Leute, die in diesem Alter noch gar nicht daran denken, wie sie sich im späteren Leben betätigen wollen, scheinen mir doch etwas stumpfen Geistes zu sein. Wer beim Eintritt in die Prima auch nur mit dem Gedanken spielt, Offizier, Ingenieur, Forstbeamter oder etwas Ahnliches zu werden, dem raten wir dringend an in die mathematische Selekta einzutreten. (Auch denen, die entschlossen sind Jura zu studieren, habe ich nach den Ausführungen des Abgeordneten Cassel vom 7. März 1906 dies als zweckmässig hingestellt. Wenn einer während seiner Primanerzeit seine Ansicht über seinen zukünftigen Beruf ändern und mit Rücksicht darauf aus der einen in die andre Gruppe übertreten wollte, so wäre auch dagegen nichts einzuwenden. Vorgekommen ist das in den 2 Jahren nicht. Im ersten Jahre gehörten der mathematischen Gruppe von 29 Primanern 5, im Sommer des zweiten Jahres von 34 Primanern 10, im Winter 11 von 31 an. Es ist richtig, dass in der sprachlichen — 16 — Abteilung mehrere mitlaufen, die nichts Besonderes leisten und überhaupt keine hervorragenden Interessen haben. Man kann deshalb von einer sprachlichen Selekta im eigentlichen Sinne nicht reden, das empfinde ich tatsächlich als einen Mangel und erkläre das offen, wenn j ich auch voraussehe, dass die Gegner unsres Versuchs über dies .Geständnis triumphieren werden. Ich kann \ hier aber versichern, dass diese ebengenannten Mitläufer sich sehr irren, wenn sie meinen, ohne eine entsprechende sprachliche Mehrleistung als Äquivalent für ihre unter den Lehrplanforderungen bleibenden mathematischen Leistungen die Reifeprüfung bestehen zu können. Auch ihr .Genügend' in der Mathematik bedarf noch der Kompensation durch ein ,Gut' in einer Sprache. Andrerseits halten wir daran fest, dass ein guter Mathematiker, der der Selekta angehört, nicht in beiden alten Sprachen versagen darf. Jene Mitläufer geben entweder das Rennen auf und gehen ab oder sie entschliessen sich irgendwo ihre Kraft einzusetzen und es zu guten Leistungen zu bringen. Beides scheint mir kein Fehler zu sein. Wenn ich also auch nicht alle, die der sprach- li chen Abteilung angehören, als sprachliche Selektaner bezeichnen darf, so heben sich doch zum Glück aus ihnen einige heraus, die diesen Namen wohl verdienen. Auch das ist vorgekommen, dass Angehörige der mathematischen Selekta sich durch griechische Privatarbeiten hervorgetan haben. So hat mir einer von ihnen den grösser en Teil der Schrift jieqI xooliov, die in dem Lesebuch von Wilamowitz Bd. II abgedruckt ist, gut ' übersetzt, ein andrer die Partieen aus Euklid. Mehrere von ihnen haben grössere französische Privatarbeiten gemacht. Wer ein starkes Interesse für Mathematik hat, wird natürlich in die mathematische Selekta eintreten. Aber wenn er „ein Pferd ist, das doppeltes Futter ver- — 17 — langt", wie einst Lessing von seinem Rektor bezeichnet wurde, was hindert ihn etwa privatim Terenz zu lesen und sich darüber in einem lateinisch geschriebenen Referat auszuweisen oder irgend etwas Ähnliches auf sprachlichem Gebiete nach Wahl zu leisten? Für die Anregung dazu muss allerdings gesorgt werden. Denn auch ich halte es für nötig, dass man von denen, denen viel gegeben ist, viel fordert, glaube das aber bei unsrer Einrichtung ebensogut erreichen zu können wie bei den Normallehrplänen. Auf besondre Schulen braucht man sie deshalb noch nicht zu schicken. Ich gebe Cauer zu, dass ich bei unsrer Einrichtung an diese Starken nicht in erster Linie gedacht habe — dazu sind sie auf der einzelnen Schule zu selten, wie ich schon oben bemerkte —, aber den eigentlich Schwachen dadurch einen Vorteil zu sichern, das lag mir ganz fern. Ich wollte vor allem bei den tüchtigen Schülern, bei denen sich ein bestimmtes Interesse entwickelt hat, die Freude an der Schule erhöhen, indem ich ihnen nach Möglichkeit freie Bahn schuf zur Betätigung ihres Interesses. Denn diese jungen Leute sind bessere Früchte des Gymnasiums als die, welche in allen Fächern, manchmal noch mit Bedenken, das dritte Prädikat erhalten. Auch von unsrer Stundenverteilung sei in diesem Zusammenhang die Rede. Unsre Primaner sollen nach den Lehrplänen wöchentlich 30 allgemein verbindliche wissenschaftliche Stunden haben. Dazu kommen 3 Stunden Turnen, 2 Singen, 2 Zeichnen, 2 Englisch oder Hebräisch. Am Turnunterricht müssen alle teilnehmen, die nicht irgendein Gebrechen haben. Vom Singen befreien wir auch nur ganz wenige. Die Teilnahme am Zeichenunterricht, der sich heute ganz andre Ziele steckt als noch vor 10 Jahren und dessen Methode wesentlich — 18 — verbessert ist, ist doch mindestens sehr erwünscht. Von der Behörde wird grosser Wert auf die Beteiligung der Schüler der höheren Klassen an diesem Unterricht gelegt, und jeder einsichtige Pädagoge, der vielleicht selbst die mangelhafte Ausbildung in diesem Fach am eignen Leibe oft schmerzlich empfunden hat, wird sie seinen Schülern warm ans Herz legen. Dass sich die Schüler am Englischen und Hebräischen beteiligen, ist nicht erwünscht und wird wohl an den meisten Schulen dadurch verhindert, dass die Stunden dieser beiden Fächer in dieselbe Zeit gelegt werden. Jeder einigermassen strebsame Schüler wird sich aber an einem dieser beiden Fächer beteiligen. Ich würde mich sehr freuen, wenn das Englische am Gymnasium ein allgemein verbindliches Fach würde. Denn eine Kenntnis dieser Sprache gehört entschieden zur allgemeinen Bildung. Ein Normalprimaner hat also 39 Stunden in der Woche. Bei fünfstündigem Vormittagsunterricht bleiben also 9 Nachmittagsstunden übrig, wenn man nicht etwa Englisch, Hebräisch und Zeichnen in dieselbe Zeit legt, was wohl auch hier und da geschieht, aber nicht richtig ist. D. h. man muss den Schülern 5 Nachmittage belegen, 4 davon mit 2 Stunden. Also die Zahl der täglichen Unterrichtsstunden beträgt an 4 Tagen 7, an einem Tage 6, an einem 5 Stunden. Man wende nicht ein, dass darunter auch Stunden sind, in denen der Geist sich ausruht und der Körper gekräftigt wird. Es werden doch alle Stunden, auch die Turn- und Singstunden, von dem besten Turner und Sänger als Pflicht empfunden, sie verlangen auch Anspannung und tragen zu der täglichen Ermüdung bei, und vor allem hat der Primaner bei der Zahl und Verteilung der Stunden nie oder doch nur sehr selten das Gefühl, eine grössere, zusammenhängende Zahl von Stunden zu eigener Arbeit vor sich zu haben. — 19 — Wenn er um 1 Uhr nach fünfstündigem Unterricht aus der Schule kommt und um 3 oder 4 wieder dort sein muss, was fängt er da mit der Zwischenzeit an? Viel wird nicht dabei herauskommen. Das wird mir jeder, der mit der Jugend wirklich Fühlung hat, zugeben, f Uns schien es deshalb ratsam, die Zahl der Stunden um 2 zu verkürzen. Es bleiben demnach 37 Stunden. Noch eine andre Massregel haben wir inzwischen getroffen und freuen uns alle, dass die Behörde uns die Genehmigung dazu nicht versagt hat. Wir haben den sechsstündigen Vormittagsunterricht eingeführt. Man erschrecke nicht! Die Lehrstunde hat bei uns 45 Minuten, die allerdings nun ganz peinlich eingehalten werden. Wir beginnen im Winter 7 15 und schliessen 1 15 . Die erste Pause dauert 5 Minuten, die dritte 10, die 3 anderen 15 Minuten. In jeder Pause mit Ausnahme der ersten müssen die Schüler das Klassenlokal verlassen; das Glockenzeichen zur Rückkehr in die Klasse wird eine Minute vor dem Beginn der Stunde gegeben. Im Sommer beginnen wir um 7 und schliessen 12 so . Ich kann diese Einrichtung mit gutem Gewissen allgemein empfehlen. Die beiden unteren Klassen haben natürlich nur fünfstündigen Unterricht, in den mittleren und oberen Klassen ist auch darauf Bedacht genommen, dass die letzte Stunde mit ganz wenigen Ausnahmen keine wissenschaftliche ist. So ist in Prima nur ein Nachmittag mit einer Turnstunde belegt. Die übrigen Nachmittage bleiben den jungen Leuten zu ihrer freien Verfügung. Da bleibt zusammenhängende Zeit zum freiwilligen Turnen, zum Rudern, zum Lawn-Tennis, zur Musik — es besteht hier ein Turnverein, ein Ruder verein und eine Schülerkapelle — und, last not least, zur freiwilligen wissenschaftlichen Arbeit. Wer eine grössere Arbeit angemeldet hat und den Wunsch ausspricht, eine Zeitlang in einem 3 — 20 — oder mehreren Fächern von gewissen Pensenarbeiten,, z. B. vom Vorpräparieren, befreit zu werden, dem wird dieser Wunsch gewährt. Wir erwarten dann allerdings, dass „der Vogel auch herunterfällt", und wirken kräftig darauf ein. Auf Verlangen wird ein Primaner, der eine grössere Arbeit gern beenden will, auch einen oder zwei Tage vom Unterricht befreit, wie das im Anfang in Aussicht genommen war. Ich glaube, dass alle diese Einrichtungen günstig gewirkt haben und dass unsre Schüler, abgesehen vielleicht von einigen, die überhaupt wohl besser getan hätten, die Schule vor der Reifeprüfung zu verlassen, später mit grösserer Freude an ihre letzten Schuljahre zurückdenken werden als es hei der Durchführung des Normallehrplans der Fall wäre. Beweisen kann ich das allerdings zur Zeit noch nicht und gebe zu, dass ich mich darin irren kann. Hornemann macht in seinem Aufsatz „Die freiere Bewegung im Unterricht der Prima. Ein vergessener Gedanke von H. L. Ahrens" (Neue Jahrb. f. Phil. u. Pädag. 1906 Heft 8) dem Strasburger Versuch den Vorwurf, dass er die Hauptarten der modernen Bildung, nicht aber die viel mannigfaltigeren Richtungen der personlichen Begabung von einander scheide. Er selbst will eine Reihe von Selekten bilden, eine religions- geschiclitlich-philosophische, eine neusprachliche, eine griechische u. a., je nach Bedürfnis. Diese einzelnen Selekten sollen in Abendstunden sich zum Unterricht zusammenfinden und die Teilnehmer zu wissenschaftlichen Arbeiten, jeder auf dem ihm zusagenden Gebiet, angeregt werden. Die sich dabei eifrig hervortun, sollen eventuell, wenn ich ihn richtig verstanden habe, von einem ganzen Fach, auch vom Griechischen oder Lateinischen, dispensiert werden. Ich muss von meinem — 21 — Standpunkt dagegen den Vorwurf erheben: „Wo bleibt da der Zusammenhang? 0 navis, referent in mare te novi Huctus!" Von dem sonstigen Inhalt des Horne- mannschen Artikels ist mir vieles sympathisch, so z. B. dass Ahrens sowohl wie Hornemann die Bewegungsfreiheit erst beim Eintritt in die Prima eintreten lassen wollen. Träte sie früher ein, wäre sie in der Tat ein schweres Übel. Vieles, was Hornemann vorschlägt, machen wir hier übrigens auch, so dass uns sein Vorwurf nicht trifft. Einen griechischen Abend halte ich hier mit freiwilligen Teilnehmern auch ab — es sind auch einige aus der mathematischen Selekta darunter — und habe ebenso wie er mit den griechischen Lyrikern angefangen, die ja im Klassenunterricht etwas zu kurz kommen. Schülern, die eine umfangreiche deutsche Arbeit über ein selbstgewähltes Thema machten, haben wir hier auch einen oder mehrere häusliche Aufsätze erlassen. Die Angehörigen der mathematischen Selekta sind von ihrem Lehrer gelegentlich auch noch zu Extrastunden bestellt worden, die dann abends abgehalten wurden. Zur wirksameren Bekämpfung der Schwäche in der lateinischen Grammatik sind zeitweise darin mit der sprachlichen Abteilung Extrakurse abgehalten worden. Wenn ein geeigneter Lehrer und Zeit dazu vorhanden war, hat ein wahlfreier Unterricht in der philosophischen Propädeutik stattgefunden. Die Einrichtung eines wahlfreien Unterrichts in der Kunstgeschichte steht lange auf meinem Programm, liess sich aber aus Mangel an Zeit bisher nicht durchführen. Denn das soll hier nicht verschwiegen werden, dass unser Strasburger Versuch an die Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit der Lehrer der Prima recht hohe Anforderungen stellt, denen man auf die Dauer nur gerecht werden kann, wenn eine Entlastung an Pflichtstunden eintritt. Wenn aber jeder nach dem 3* — 22 — Buchstaben des Gesetzes bis zur Höchstzahl der Stunden herangezogen wird, wie sie von Herrn Miquel festgesetzt ist 1 ), und, wie es bei uns mehrfach der Fall war, bei Vertretungen infolge des Mangels an Lehrkräften jeder mehrere Wochen lang Uberstunden geben muss, dann wird dadurch natürlich jede Bewegungsfreiheit und jede Freude an der Schule zunächst bei den Lehrern und infolgedessen auch bei den Schülern beeinträchtigt. Bei der am 6. Juni 1906 in Berlin abgehaltenen Generalversammlung des Deutschen Gymnasialvereins hat Stadtschulrat Dr. Michaelis das Thema erörtert: ,,Welche Grenzen müssen bei einer freieren Gestaltung des Lehrplans für die oberen Klassen des Gymnasiums innegehalten werden ?" Otto Schröder spricht in dem obengenannten Aufsatz (Preuss. Jahrb., Oktober 1906) seine Verwunderung darüber aus, dass man in unseren Kreisen, statt der von der Regierung dargebotenen Freiheit sich von ganzem Herzen zu freuen, gleich eine solche Frage stelle. Doch war das gegenüber manchen zu weit gehenden Vorschlägen, die zu schroff mit der Tradition brechen wollten, wohl zeitgemäss. Ich freue mich, dass Michaelis die Berechtigung des Strasburger Versuchs im grossen und ganzen anerkennt, während er einer Mischung des Klassen- und Fachsystems, wie sie, glaube ich, in Köln versucht ist oder werden soll, skeptischer gegenüber steht. Dieser Versuch wird zweifellos bei der praktischen Durchführung auf Schwierigkeiten stossen, die zu erörtern hier kein Anlass vorliegt. Die *) Im Anfang der achtziger Jahre war die Höchststundenzahl des jungen Oberlehrers 22, die Kollegen des Städtischen Gymnasiums in Danzig hatten das sogar schriftlich in ihrer Vokation. Heute beträgt sie 24 und sinkt erst nach 13 Dienstjahren auf 22. Wann werden wir in diesem Punkt zu den alten gesunderen Verhältnissen zurückkehren? — 23 - Bodenken, die Michaelis gegen unsere Einrichtung hat, sind unwesentlich und zum Teil hinfällig. Unsere humanistische Abteilung wird in der Mathematik nicht nur, wie er meint, in die Stereometrie neu eingeführt, sondern auch in die Kombinatorik, Reihen und ihre Anwendung auf Zinseszinsrechnung, also in die Gebiete, die Michaelis als Minimum fordert. Die Privattätigkeit dieser Abteilung wird sehr genau kontrolliert; die schriftlichen Privatarbeiten werden dem Prüfungskommissar zur Einsicht übersandt. Zu meiner Freude erkennt auch Michaelis an, dass die wöchentliche Unterrichtsstundenzahl auf der Oberstufe „unbedingt zu hoch ist und den Schülern zu starke Schulleistungen zumutet". Trotzdem würde ich es für einen Fehler halten, wenn nach dem Vorschlag, den R. Wessely bei der Besprechung der Michaelisschen Thesen gemacht und in den Lehrproben und Lehrgängen 1906 Heft 3 näher begründet hat, die Zahl der obligatorischen Stunden allgemein auf 30 er- mässigt würde. Ich halte den von mir oben gemachten Vorschlag für richtiger und auch für durchführbar. Darin bin ich mit Michaelis völlig einverstanden, dass bei der Einteilung der Schüler in Gruppen das Griechische auf dem Gymnasium in Ziel und Stundenzahl unberührt bleiben muss, sowie dass die Ausdehnung der Wahlfreiheit auf mehr Lehrfächer des Gymnasiums nicht wünschenswert ist und der Eigenart dieser Anstalten widerspricht. Eine stärkere Betonung des Griechischen ist mir sehr sympathisch, aber ich möchte auch dem Lateinischen ungern dauernd eine Stunde entziehen. Am besten scheint es mir, wenn abwechselnd in einem Jahre dem Lateinischen, im anderen Jahre dem Griechischen 7 Wochenstunden gewidmet werden. Denn so sehr ich sonst Otto Schroeders schönen Aufsatz in allen Punkten billige, das halte ich doch nicht für richtig, dass er aus — 24 — der Reifeprüfung des Gymnasiums das Lateinschreiben ganz und gar verbannen will. Freilich dieser Vorschlag liegt heute sozusagen in der Luft. Und richtig ist es ohne Zweifel, dass die Übersetzung eines ä la Ostermann zurechtgemachten deutschen Textes ins Lateinische kein geeigneter Prüfstein der Reife ist und das Niveau der Prüfung herabzudrücken geeignet ist. Der Text müsste deutsch empfunden und in einwandfreiem Deutsch abgefasst sein. Noch lieber wäre es mir, wenn statt dessen eine lateinische Commentatio ■— Aufsatz darf man ja wohl nicht mehr sagen — als Zielleistung gefordert würde. Das hiesse die „Eigenart des Gymnasiums wahren". Es müsste doch merkwürdig zugehen, wenn bei neunjährigem richtigem Betrieb des Lateinischen das nicht ebensogut zu ermöglichen wäre wie am Realgymnasium ein französischer Aufsatz. Freilich wenn das Ostermannübersetzen in den Mittelklassen einen gar zu breiten Raum einnimmt, wenn die Schüler, wie das vielfach der Fall ist, systematisch zu der Anschauung erzogen werden, dass das Latein eine tote Sprache ist, wenn diese Sprache nie im Anschluss an die Lektüre gebraucht wird, dann ist es nicht möglich, am Schluss einen kleinen lateinischen Aufsatz zu fordern. Aber wir kranken eben noch an der Folge der Lehrpläne von 1892, nach denen es „fast verboten war etwas zu lernen". Auch der Philologenmangel ist uns zurzeit hinderlich. Wenn demnächst die zu erwartende Schar tüchtig geschulter, arbeitsfreudiger junger Philologen von der Universität kommt, dann wird sich allmählich der Lateinunterricht wieder heben und hoffentlich unsre Abiturienten wieder befähigen, in der Reifeprüfung durch eine Commentatio, die nicht allzulang zu sein braucht, zu beweisen, dass sie von dem Geist der lateinischen Sprache etwas begriffen haben. II. Doch es ist nun Zeit, dass ich von den Leistungen Rechenschaft ablege, die hier infolge der Bewegungsfreiheit erzielt sind, zunächst im Griechischen. Da ist besonders das Lesebuch von Wilamowitz zu seinem Recht gekommen. Die Frage, wie weit dies Buch für den Gymnasialunterricht zu verwenden sei, ist ja oft genug erörtert worden. Gleich nach dem Erscheinen des Buches äusserte sich bei den Vertretern des Gymnasiums auf Direktoren- und Oberlehrerversammlungen und in der Presse nicht selten eine sehr feindselige Stimmung gegen das, was der grosse Kenner des Altertums, dem wir es ganz wesentlich danken, dass wir heute noch Griechisch lehren dürfen, mit seinem Buche wollte. Diese Feindseligkeit war nicht bei allen sachlich begründet, sondern war eine Reflexwirkung einerseits der scharfen Bemerkungen, die Wilamowitz hier und da gegen die Oberlehrer hatte fallen lassen, andrerseits der Tatsache, dass das Buch amtlich in einer Weise empfohlen wurde, wie man es bis dahin bei neu erscheinenden Büchern nicht gewöhnt war. Das erschien manchem als ein Angriff auf das selbständige Urteil der Oberlehrer und erregte deshalb den Männerzorn. Andre fochten das Buch mit sachlichen Gründen an und wollten unter der Parole: ,PIie Humanismus, hie Historismus' von dem altgewohnten — 26 — Lektürekanon nicht abgehen. Allmählich Hessen sich auch freundlichere Stimmen vernehmen. Dass das Buch für die Privatlektüre und für Extrakurse gute Dienste leisten könne, wurde bald ziemlich allgemein zugegeben; auch auf einigen Universitäten wurde es für Anfängerübungen benutzt. Aber auch im Klassenunterricht ist ihm an mancher Schule inzwischen ein Platz erobert, und mehrere Kollegen haben schon über die guten Erfahrungen, die sie mit dem Buche gemacht haben, öffentlich berichtet. Ich bekenne, dass ich von Anfang an für die Anregungen, die das Buch gibt, sehr empfänglich gewesen bin und sofort auf seine Einführung gedrungen habe. Wichtiger als ein allgemeines Raisonnement schien es mir, im Unterricht Proben damit zu machen. Uber einzelne Versuche im Klassenunterrichte will ich hier zunächst berichten. Für Untersekunda scheinen mir die äsopischen Fabeln, die Abschnitte aus Arrian und Dions von Prusa „Jäger" eine geeignete Lektüre. Hoffentlich entschliessen sich bald alle Anstalten, den griechischen Unterricht in Ulli gleich mit einem griechischen Schriftsteller zu beginnen. Meinetwegen mag das auch Homer sein, doch halte ich es aus denselben Gründen, die u. a. Cauer angeführt hat, für pädagogisch richtiger, nicht mit der Odyssee anzufangen, sondern mit Xenophons Anabasis. Sie ist, wenn sie frisch behandelt wird, eine erfreuliche Lektüre für Tertianer. Mit ihrer Lektüre kann eine gute Einprägung der Formenlehre und eines grossen Teils der Syntax in den beiden Tertien verbunden werden. Davon habe ich mich in Schwetz überzeugt, wo Gronau einst diese Methode eingeführt hatte und wo ich das Glück hatte, mit einer auf diese Weise gut vorbereiteten Untersekunda Odyssee und Arrian zu lesen. Eine gute grammatische Grundlage war vorhanden, und — 27 — wir kamen mit der Lektüre flott vorwärts. Heute ist es noch leichter, dies Resultat zu erzielen, seit die Hilfsbücher von Przygode-Engelmann erschienen sind, die ich hier nur dringend empfehlen kann. In Untersekunda wird dann natürlich nicht mehr Anabasis gelesen. Was in der zweiten Hälfte dieses Werkes noch interessant ist, kann in 0 III bewältigt sein. Die Helle- nika Xenophons sind nach meiner Meinung nicht eine besonders fesselnde Lektüre für Untersekunda; wenigstens muss man sehr auswählen. So bietet die Geschichte der Dreissig eine gute Parrallele zur französischen Revolution, die in der Geschichtsstunde in dieser Klasse behandelt wird. Lieber würde ich zum Arrian greifen, in dem uns die Taten eines grossen Mannes erzählt werden, dessen Persönlichkeit gewaltige Wirkungen in der Mit- und Nachwelt hervorgerufen hat und dadurch geeignet ist, jugendliche Gemüter zu begeistern. Vergleiche mit Friedrich dem Grossen und Napoleon werden sich oft aufdrängen. Wem die von Wilamowitz ausgewählten Abschnitte nicht genügen, der mag den Schriftsteller selbst anschaffen lassen und sich eine andre Auswahl zusammenstellen. Das anziehende Bild des in seinem einsamen, naturgemässen Leben glücklichen „Jägers", das uns Dion von Prusa zeichnet, mag dem Schüler den Beweis liefern, wie in Zeiten der Überkultur sich immer die Sehnsucht nach Einfachheit der Sitten bemerkbar gemacht hat. Es passt zu dem, was er in der Geschichtsstunde über Rousseaus Bestrebungen gehört hat. Seinen Robinson hat er ja auch gelesen, und verwandte Klänge tönen ihm aus Schillers „Teil" und „Jungfrau von Orleans" entgegen. Für die Ober Sekunda erscheinen mir verwendbar die Abschnitte aus Aristoteles' 7 vohzela '4$"r]vauov, der die Persönlichkeit des Solon in helles Licht rückt, ferner — 28 — die Abschnitte aus Polybius, Appian und Plutarcb zur römischen Geschichte. Freilich ist mit jedem Jahrgang nur einer dieser Abschnitte in der Klasse zu lesen. Denn ich stehe auf dem Standpunkt, dqss in Obersekunda schon die Apologie und der Kriton Piatos durchzuarbeiten sind, damit in Prima Raum bleibt für andre platonische Dialoge und sonstige Lektüre. Seit drei Jahren haben wir diese Einrichtung und befinden uns wohl dabei. In der Prima habe ich im Laufe der letzten fünf Jahre folgende Stücke des Lesebuchs im Klassenunterricht behandelt: aus ,11 Geschichte: Nr. 3 Die Schlacht bei Salamis aus Aischylos' Persern, Nr. 5 den Abschnitt aus Demosthenes' Kranzrede; aus III Politik: alle drei Abschnitte; aus YII Philosophie: Nr. 5 aus Marcus sig iavrcr; aus VIII Altchristliches: Nr. 2 aus dem Pro- treptikos des Clemens; aus IX Ästhetik und Grammatik: Nr. 1 Piatons Phädrus Kap. 52 bis zum Schluss. Dafür habe ich in einzelnen Generationen die Demosthenes- und Thukydideslektüre etwas eingeschränkt. Wilamo- witz will, soweit ich darüber unterrichtet bin, von der Demostheneslektüre deshalb nicht viel wisssn, weil der Redner von der aufstrebenden makedonischen Macht, der doch die Zukunft gehörte, eine ganz falsche Vorstellung hat und erweckt. Der Grund ist sehr beachtenswert; und ich möchte deshalb die zweite olynthische Rede in der Schule lieber nicht behandeln, weil man hier auf Schritt und Tritt die Schüler darauf aufmerksam machen muss, dass das Bild Philipps von dem Redner arg verzeichnet ist. Von den anderen olynthischen Reden habe ich doch hin und wieder gerne eine gelesen, am liebsten die 3. olynthische und die 3. philippische, und habe beobachtet, dass die gewaltige Sprache und das sittliche Pathos in ihnen die Schüler sehr gefesselt hat. Freilich ver- — 29 — langt diese Lektüre, vielleicht mehr noch als jede andre, eine sehr genaue Vorbereitung auf den Lesevortrag von Lehrern und Schülern, wenn sie wirken soll. Aber eine von diesen olynthischen und philippischen Reden scheint mir genügend, da sich in ihnen viele Gedanken wiederholen. Einen wertvollen Beitrag zur Kenntnis des De- mosthenes bietet für die Schüler der von Wilamowitz abgedruckte Teil der Kranzrede, Ich habe ihn deshalb gelegentlich herangezogen und es so eingerichtet, dass jede Primanergeneration wenigstens etwas von Demo- sthenes kennen lernte. Die perikleische Leichenrede möchte ich gern mit jeder Generation lesen, da sie zu dem Allerwertvollsten der ganzen griechischen Literatur gehört. Was lässt sich an sie nicht alles anknüpfen! Wenn man auch in mancher Stunde nur einen oder zwei Sätze erledigt wegen der Fülle der Gedanken, die sich dabei herandrängen; wer diese Rede ordentlich durchgearbeitet hat, der hat ein xr 7j/.ia elg asi. Es ist dankenswert, dass Wilamowitz sie abgedruckt und in den Anmerkungen manchen feinsinnigen Hinweis zu ihrer Erklärung gegeben hat. Ausser dieser Rede und einigen kleineren bei Wilamowitz abgedruckten Abschnitten haben manche meiner Primaner nichts von Thukydides kennen gelernt. Mit anderen habe ich die einleitenden Kapitel des ersten Buchs und dann entweder das 2. Buch oder die sizilische Expedition gelesen und gestehe, manche schöne Stunde dabei erlebt zu haben. Aber ich weiss nicht, ob eine Verstärkung der philosophischen Lektüre nicht vorteilhafter für die Ausbildung der jungen Leute ist als eine quellenmässige Kenntnis der Vorgänge im Anfange des peloponnesischen Krieges oder selbst des erschütternden Dramas, das sich in Sizilien einst abspielte. Doch darüber kann man ja verschiedener Ansicht sein. Die Klassenlektüre des Abschnittes aus der Staats- — 30 — lehre des Aristoteles (Wilamowitz III, 2) ist mir in sehr angenehmer Erinnerung. Es boten sich manche Beziehungen zu den politischen Gedanken, die die sopho- kleische Antigone enthält — sie wurde in demselben Jahre gelesen —; bei der Besprechung dessen, was Aristoteles über den Begriff des Staatsbürgers sagt, liess sich einzelnes aus Goethes und Schillers Gedankenlyrik heranziehen. In der Kirchengeschichte liess sich zeigen, dass Thomas von Aquino seine Ideen über das Verhältnis von Staat und Kirche auf den aristotelischen aufgebaut hat. Eine förderliche Unterhaltung knüpfte sich an das, was Aristoteles über die Berechtigung des Majoritätsprinzips sagt — die bekannte Stelle aus Schillers Demetrius und mehrere Platostellen wurden natürlich dabei nicht unerwähnt gelassen —; die Notwendigkeit der Arbeitsteilung, der Wert des Mittelstandes und manche andre uns Moderne sehr nahe angehende Frage wurde an der Hand des Aristoteles erörtert. Nicht so ergiebig für die Klassenlektüre schien mir der Abschnitt aus Polybios über den Kreislauf der Verfassungen (Wilamowitz III, 3). Ganz hervorragend wertvoll dagegen ist ohne Frage der im 2. Bande des Lesebuchs gegebene Auszug aus Markus elg savrov. Abgegangene Schüler haben es mir bestätigt, dass diese Lektüre sie besonders angezogen habe. Die Schüler begreifen es danach, dass der grosse Preussenkönig und der alte Amtshauptmann Weber in Reuters ,Franzosentid' dies Büchlein in Stunden der Anfechtung als Tröster benutzten. Es ist erfreulich, dass unsere Jugend heute für Philosophie Interesse hat. Dem soll man Nahrung geben. Auch die Ausführungen Piatos im Phaidros über den Vorzug der wissenschaftlichen Forschung vor den Redekünsten, über den Wert des 1 tyos tu \pvyog gegenüber dem h'.yog yf:yoau u ;'vog und über die Freuden geistigen Schaffens, fallen bei unseren — 31 — Primanern sicherlich nicht auf unfruchtbaren Boden. Es wurde dabei an das Goethesche Wort erinnert: „Was man schwarz auf weiss besitzt, kann man getrost nach Hause tragen" und den künftigen Studenten klar gemacht, welch hoher Wert auf der Universität den Seminarübungen beizulegen sei, in denen es zu einer lebendigen Aussprache zwischen Lehrern und Schülern ähnlich wie auf der Schule komme, dass aber der Kathedervortrag des Herrn Professors, zu dem sich die Studentlein, emsig nachkritzelnd, lediglich rezeptiv verhalten, nur dann seine Berechtigung habe, wenn er wirklich neue Gesichtspunkte in lebendiger, fesselnder Form biete; tue er das nicht, dann solle man sich darauf besinnen, dass vor einigen Jahrhunderten die Buchdruckerkunst erfunden sei und lieber sich durch eingehendes Studium mit einem guten Buch auseinandersetzen. Einmal habe ich mit der Klasse auch den Abschnitt aus dem Protreptikos des Klemens gelesen (Wilamowitz II, S. 349 ff.) und meine Freude daran gehabt, den Schülern zu zeigen, wie dieser hochbedeutende Kirchenlehrer griechische Philosophie und christliche Gedanken miteinander in Einklang zu bringen sucht. Jüdische Schüler bringen dieser Lektüre allerdings wenig Interesse entgegen. Ausserhalb des Klassenunterrichts lässt sich das Lesebuch von Wilamowitz nun noch mehr ausnutzen. So habe ich in diesen 2 Jahren zweimal eine wohlgelungene Ubersetzung des schonen Briefes an Diog- netos von theologisch interessierten Primanern erhalten.*) Frei von Fehlern waren natürlich beide Arbeiten nicht, *) Die schriftlichen Privatarbeiten werden natürlich hier aufbewahrt, so dass eine Vererbung a,n die nächste Generation und eine Kopierung durch diese ausgeschlossen ist. — 32 — besonders lexikalische Missgriffe kamen öfter vor, aber beide Arbeiten zeigten ein tüchtiges Können der Verfasser. Auch die diöayrj twv anooroXcov ist mir schon zweimal eingeliefert. Diese Arbeiten sind dann nach der Korrektur wie auch alle andern mit den Verfassern in einem privatissimum genau durchgesprochen und zwar sprachlich und inhaltlich und, soweit es nötig schien, noch Belehrungen daran angeknüpft. Ein Primaner, der Medizin studieren will, hat im ersten Jahre die Gedanken des Hippokrates über die „heilige Krankheit" — so nannte man im Altertum die Epilepsie — (Wilamowitz II, 270 ff.), im zweiten Jahre die diätetischen Regeln des Diokles von Karystos (Wilamowitz, S. 279 ff.) übersetzt. Beide Arbeiten waren als wohlgelungen zu bezeichnen, obwohl sie schon wegen der vielen fremdartigen Ausdrücke nicht ganz leicht zu bewältigen waren. Sie haben offenbar den Gesichtskreis des jungen Mannes erheblich erweitert und regen ihn vielleicht an, später einmal der antiken Geschichte der von ihm erwählten Wissenschaft nachzugehen. Eine Ubersetzung der aus Posidonius stammenden Abschnitte Strabos über das Keltenland und seine Bewohner (Wilamowitz, S. 207 ff.) musste als völlig miss- lungen bezeichnet werden. Nicht viel besser war eine Ubersetzung des Stückes aus der aristotelischen Ethik (Wilamowitz, S. 295 ff). Gut las sich dagegen grösstenteils die deutsche Wiedergabe der Schrift rceqi y.taf.iov, an die sich ein Angehöriger der mathematischen Selekta gemacht hat, der privatim astronomische Werke liest und zugleich im Griechischen erfreulich sicher ist. Er hatte die Arbeit übernommen aus reinem Interesse für die antike Weltanschauung. Als Studium hat er sich die Mathematik und die Naturwissenschaft erwählt und wird hoffentlich, da er entschieden für wissenschaftliche Studien beanlagt ist, auch an der Geschichte seiner Wissenschaft, — 33 — die, wenn icli nicht irre, bisher nicht allzuviel Bearbeiter gefunden hat, nicht gleichgültig vorübergehen. Auch von den Abschnitten aus Plutarchs Cäsar (Wilamowitz, Bd. I), und aus Maximus von Tyros über die Berechtigung des Bilderdienstes (Wilamowitz, Bd. II) sind gute Übersetzungen eingeliefert worden. Ganz vereinzelt ist es vorgekommen, dass ein Primaner sich die Aufgabe gestellt hat, einzelne Abschnitte aus Curtius' griechischer Geschichte und aus Beckers Charikles ins Griechische zu übersetzen. Er konnte es eher wagen als die meisten seiner Kameraden, weil er in der griechischen Grammatik eine über das gewöhnliche Mass hinausgehende tüchtige Grundlage hatte. Es zeigte sich dabei allerdings, dass auch er von der Formlehre dies und jenes vergessen hatte; syntaktische Fehler fanden sich in 22 Foliospalten nur 7. Hier und da waren wohl einige Germanismen mit untergelaufen, aber nicht wenige Gedanken der deutschen Schriftsteller waren in fehlerfreiem Griechisch wiedergegeben. Andere haben aus griechischen Schriftstellern kleinere Abschnitte ins Lateinische übersetzt. Derartige Arbeiten liegen mir folgende vor: Piatos Apologie, Kap. 8 bis 16, Xenophons Hellenika II, 3, § 11—56 und VI, 4, § 1 — 16, Thukydides II, 71 — 78 und III, 82f., De- mosthenes 2. olynth. Rede, § 1—13. Die erste dieser Arbeiten erhielt das Urteil: „Der Verfasser hat versucht, die Schwierigkeiten, die eine solche Arbeit bietet, mit lobenswertem Fleiss zu bewältigen. Es finden sich einige sachliche Irrtümer, die sprachlichen Verstösse sind gering." Auch auf die anderen Arbeiten war treuer Fleiss verwendet worden, und wenn auch einzelne von ihnen wegen der zahlreichen Verstösse gegen die lateinische Elementargrammatik als misslungen bezeichnet werden mussten, so sind die Verfasser doch durch — 34 — die eingehende Besprechung der Fehler jedenfalls gefördert worden. Einige haben sich Demosthenische Reden und Thu- kydidespartieen, die in der Klasse nicht gelesen waren, als Privatlektüre gewählt und z. T. schriftlich, z. T. mündlich die Erledigung dieser Arbeiten nachgewiesen. Diese Leistungen sind natürlich besonders gründlich daraufhin geprüft worden, ob eine gedruckte Ubersetzung dabei benutzt sei. Ich schliesse hieran eine kurze Besprechung der lateinischen Arbeiten. Sie zerfallen in 3 Gruppen: 1. Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Deutsche, 2. Übersetzungen aus dem Deutschen ins Lateinische, 3. lateinische Referate. Von Arbeiten der ersten Art sind eingeliefert die sehr fleissige Übersetzung eines ganzen privatim gelesenen Buchs Livius und Übersetzungen grösserer Abschnitte aus Velleius Pater kulus und Sallusts jugurthinischem Kriege. Von der zweiten Art liegen mir folgende Arbeiten vor: 1. Heinrich von Sybels Begründung des deutschen Reichs durch Wilhelm I., Bd. II, S. 283 — 293: Charakteristik Wilhelms I.; 2. Rede des Fürsten Bismarck über die soziale Frage, gehalten bei der Interpellation des Freiherrn von Hertling, betreffend die Ausbildung der Fabrikgesetzgebung im Reichstage am 2. Januar 1882; 3. Rede Bismarcks im Reichstag am 9. März 1888 nach dem Tode Willielms I.; 4. Rede Bismarcks an die Studenten, gehalten in Friedrichsruh im Jahre 1895; 5. Brief Bismarcks an seine Schwester Malwine vom 9. September 1844; 6. Antwort des Fürsten Bülow in der zweiten Sitzung des Reichstages am 14. November 1906 auf die Interpellation Bassermann, betreffend die äussere Politik Deutschlands gegenüber Russland (nach dem Texte der Täglichen Rundschau); 7. 2 längere Abschnitte aus Gustav Freytags ,Bildern aus der deut- 35 — sehen Vergangenheit'; 8. Mommsens Charakteristik Julius Casars; 9. Archenholz, Schilderung der Schlacht bei Leuthen; 10. Aus Reichels Buch , Homerische Waffen' der Abschnitt über den Schild Achills; 11. Der 3. Gesang von Goethes Hermann und Dorothea; 12. Das 1. und 2. Kapitel von Lessings Laokoon. Von diesen Arbeiten sind am besten ausgefallen die Ubersetzung des Briefes Bismarcks und seiner Rede an die Studenten. Ihre Verfasser haben mit diesen Leistungen eine erfreuliche Sicherheit in der lateinischen Grammatik und ein über das Durchschnittsmass hinausgehendes Gefühl für den color latinus bewiesen. Bei den meisten anderen dieser Arbeiten konnte trotz mancher grammatischer und stilistischer Fehler anerkannt werden, dass die Verfasser mit dem Ausdruck ernstlich gerungen und auf die Erfüllung der von ihnen gewählten Aufgabe ernstes Nachdenken verwandt hatten. So lautete das Urteil unter der Ubersetzung der Mommsenschen Charakteristik Julius Casars: „Die Wahl des Themas ist lobenswert. Da die Charakteristik in ganz moderner Ausdrucksweise gehalten ist, erfordert ihre lateinische Wiedergabe scharfes Nachdenken und bietet grosse Schwierigkeiten; es ist dem Vf. meist gelungen, den Begriff des deutschen Wortes richtig zu erfassen und ins Lateinische zu übersetzen. Die Arbeit ist durchaus genügend." Die Ubersetzung der Bismarckschen Rede am 9. Januar wurde folgender- massen zensiert: „Die grammatischen Versehen sind von geringer Bedeutung; einige Stellen des deutschen Textes sind nicht richtig verstanden, mehrere nicht richtig wiedergegeben. Die Arbeit erforderte viel Nachdenken, und der ernste Versuch, die Schwierigkeiten zu bewältigen, ist anzuerkennen." Als misslungen waren nur drei von diesen Arbeiten zu bezeichnen. Von Arbeiten der dritten Art liegen mir vor die lateinischen Referate 36 — über den Inhalt folgender Schriften: 1. Die ersten 3 Aufzüge des Heautontimorumenos; 2. Ciceros de senectute; 3. Ciceros de amicitia; 4. Livius' Buch XXIII; 5. Einige Abschnitte von Tacitus' Agricola; 6. 7. Tacitus' Historien Buch I und IV; 8. Cäsars bellum civile Buch I. Von diesen Arbeiten waren drei inhaltlich und sprachlich ganz verfehlt; vier konnten gut, eine genügend genannt werden. Die Beurteilung der einen Tacitusarbeit lautete: „In dem Dargebotenen ist der Gang der Ereignisse scharf gefasst und übersichtlich erzählt. Auch sprachlich ist die Arbeit nicht ungewandt." Eine sehr umfangreiche historische Arbeit behandelte den Charakter des Tiberius. Sie vergleicht, was Tacitus in seinen Annalen Buch I—VI und Vellerns Paterculus über Tiberius berichten. Die Tatsache, dass beide ein verschiedenes Bild von der Persönlichkeit des Kaisers geben, wird durch zahlreiche Zitate aus beiden Autoren bewiesen und auf die Verschiedenheit der Gesichtspunkte, unter denen beide Geschichte geschrieben haben, zurückgeführt. Zum Schluss wird ein Gesamtbild der Persönlichkeit des Tiberius gegeben. Das Urteil lautete: „Anfangs vermisst man eine straffe gedankliche Gliederung, und das behandelte Thema tritt manchmal hinter den angeführten Textstellen zurück. Doch wird der grosse Fleiss, mit dem das Material zusammengetragen ist, anerkannt. Das entwickelte Charakterbild ist im allgemeinen zutreffend." Grössere deutsche Arbeiten sind bisher drei eingegangen. Deren Verfasser wurden dafür, wie oben angegeben, von einem oder zwei häuslichen Aufsätzen befreit. Eine dieser Arbeiten behandelt in durchaus anerkennenswerter Weise das Thema „Die Tierwelt der llias". Im wesentlichen sind natürlich die Vergleiche benutzt und aus ihnen meist richtige Schlüsse gezogen. — 37 — Ein andrer hat das Thema: „Germanische Mythologie in Märchen und Sagen" bearbeitet und dabei die einschlägigen Werke von Grimm, Hermanowski, Elard Meyer und Lange verständig benutzt. Doch musste bei dieser Arbeit darauf hingewiesen werden, dass dies Gebiet für einen Primaner etwas zu schlüpfrig ist und es ihm besser ist, wenn er sich zunächst daran gewöhnt, alle Behauptungen, die er aufstellt, auch zu beweisen. Eine recht gute Leistung war die dritte Arbeit. In ihr war die Tragik in Grillparzers Dramen behandelt unter Benutzung des schönen Buchs von Ehrhard ,Franz Grillparzer, sein Leben und seine Werke' und der Geschichte der deutschen Literatur von Vogt und Koch. Andre grössere Arbeiten stehen in Aussicht, z. B. ein Vergleich der verschiedenen uns erhaltenen Schöpfungsberichte und eine Untersuchung über das Verhältnis von Racines Phädra zu Euripides' Hippolytus. Hinsichtlich der beiden alten Sprachen möchte ich zum Schluss noch einmal betonen, dass die umfangreichen Privatarbeiten auf diesem Gebiet bei denen, die sie mit dem nötigen Ernst und nicht nur, ut aliquid fieri videa- tur, anfertigten, selbstverständlich das Sprachgefühl gesteigert und auf ihre Klassenleistungen einen günstigen Einfluss gehabt haben. Zum Beweise dafür drucke ich hier ein in die Feder diktiertes Extemporale eines Primaners ab, das in etwa 40 Minuten niedergeschrieben ist und zwar in tadelloser Handschrift fast ohne jede Änderung: 'Ev Ttaoi Totg z\g 'Jliciöog ßißli.oig i Tcoirpcr^g ano- öeiy.rvaiv, ort oi 'hol zag zwv dvd-QiuTtcov rv/ag (hacaz- zovoiv Kai ovötv cug znog elrceiv 7zaQci zr t v ßovlr t v avzcöv yiyvEzai. Oi zote aqa evoiu'Cov ■d-eovg eivai, atäom i]dovvzo aijzovg, cbg eolxev ' ei di piij, o Ttoirizrig ou civ tTCEioadi] zovg deovg alXrfioig öiacpeQoutvovg zcouiv y.ai — 38 — zoiavza rreQi avzcüv öirjye7.o9ai wetze avzovg oXi'yov ye'lolovg yiyreadai. IJwg yaq zig iv zw ■Ov/.iw mozeviov Ali uv evyoizo, ei axovei zovg aXkovg a&avazovg avzov drjoai ßovh]9tvxag %ai zovzo ixv zeleaavzag, ei /.iq Qezig vor B qic'iqeiov y.a'/Jaaaa zovzo ey.cuXvaev; xai zig zf "Uoa dvoui uv eidcug avzrpv fxrjöev diazzQazzea&ai övvaiitvqv, ijTcözav b ' Ohj[.i7riog alz-qg avuozv (scr. avzff); ArßXoi eiai zoig ■9eo7g Svoavzeg /,(akioxa diu cpößov, f.irj vtz av- ziüv ßXaTCZMvxai. Oi yaq azvyelg exelvoi eig zooovzov /.icoQictg r\X9ov woze zo -9e7ov ipdoveqbv avzolg öoigai. Kv- giiog ovv l'Iavlog b artLoxolog er t?~ tzqoq zovg c Pwf.iaiovg E7ciozo%jj Xeyei, bzi xaza rpniva y.ai vovv eOYMziadrjaav. Wenn auch vielleicht an diesem und jenem Ausdruck noch Ausstellungen gemacht werden können, so verdient die Arbeit doch offenbar das erste Prädikat. Und derartige Arbeiten sind nicht ganz vereinzelt. Ich lasse durchschnittlich in jedem Halbjahr 2 oder 3 Extemporalien dieser Art und 1 oder 2 freie Arbeiten in griechischer Sprache schreiben. Diese Arbeiten lehnen sich natürlich eng an die Lektüre an und haben den Zweck, festzustellen, mit welcher Intensität die Schüler die griechischen Schriftsteller lesen. Eine besondere Präparation auf diese Leistungen ist ausgeschlossen, da die Schüler nie vorher erfahren, ob eine derartige Arbeit von ihnen verlangt wird. So ist nach der Lektüre der ersten philippischen Rede des Demosthenes das Thema gestellt: tzwq y.azu ArpiooOz.vqv za zwv ^A9-qva'uov\ ozoa- zimziym eiyev ; nach der des platonischen Gorgias zioiv ZQ07zoig zov eXeyyeiv 17(Zlog, zivi 2coxQazrjg yorpzai ; nach der des Laches: 7t (Zg ylayqg ze vml Nr/Jag zceql zov ev brtXoig jzäyeoSai xqIvovGlv; Bei der ersten dieser Arbeiten war das Resultat nicht gerade günstig; es waren zwar 2 sehr gut, 4 gut und 6 genügend, aber 14 mangelhaft und ungenügend. Bei den beiden anderen Themen — 39 — blieben nur je 4 von 24 unter dem dritten Prädikat. Bei den Extemporalien, die in der Art wie das oben mitgeteilte zusammengestellt sind und sich dem Inhalt nach, aber in der Form nur wenig an die Lektüre an- schliessen, erhalte ich regelmässig mehrere gute und einzelne sehr gute Arbeiten. Im Lateinischen werden hier von Tertia an die Schüler an freie lateinische Arbeiten gewöhnt und leisten z. T. recht Gutes darin. So habe ich nach der Lektüre des sechsten Buchs der Äneis in OII das Thema bearbeiten lassen: Qua ratione Aeneas effecerit ut in Orcum descenderet et quae ibi viderit, enarretur. Von 16 Arbeiten war eine sehr gut, 6 gut, 3 genügend, 3 mangelhaft und 3 ungenügend. Der beste Lateiner hatte in 45 Minuten 5 Seiten voll geschrieben, sich ohne zu enge Anlehnung an den Text meist gewandt ausgedrückt und nur einen nicht gerade schlimmen Fehler gemacht. Ich glaube, dass bei diesem Betrieb die beiden alten Sprachen zu ihrem Recht kommen und die Mehrzahl der Schüler mit dem freudigen Gefühl, einige Sicherheit in ihnen erworben zu haben, die Schule verlässt. Ferner meine ich, dass unsre Strasburger Einrichtung wohl geeignet ist, die Freude an den alten Sprachen bei den Schülern, deren Interesse für sie überhaupt geweckt ist, durch eigene grössere Leistungen und Privatlektüre zu erhöhen. Ich lasse hier nun die Berichte des Herrn Professor Ewers und des Herrn Oberlehrer Gizewski über ihre Erfahrungen im mathematischen Unterricht der Selekta und im französischen Unterricht folgen. III. Herr Professor Ewers berichtet: In die mathematische Abteilung traten nur solche Schüler, denen eine Begabung für die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer nicht abzusprechen ist. Sämtliche Mitglieder folgten dem Unterrichte mit Leichtigkeit; nur selten war es notwendig, bei einem Lehrsatze oder einer Autgabe länger zu verweilen. Auch will ich erwähnen, dass sich fast alle Schüler bereits in Obersekunda eine recht erfreuliche Sicherheit in der Technik des Rechnens erworben hatten. Im Folgenden werde ich kurz berichten, was während des zweijährigen Bestehens unserer Einrichtung über das vorgeschriebene Pensum hinaus durchgenommen werden konnte. Erstes Jahr: An die Auflösung schwieriger Gleichungen zweiten Grades mit mehreren Unbekannten wurden die reziproken Gleichungen angeschlossen. Besondere Berücksichtigung fanden die binomischen Gleichungen. Die Wurzeln der Einheit wurden so weit berechnet, wie es mit den bis dahin erworbenen Kenntnissen möglich war, und es wurde darauf hingewiesen, dass die Auflösung der allgemeinen Gleichung x n -f- a-\-bi=o jetzt noch nicht möglich sei. Als dann im Winterhalbjahr die Arithmetik von Anlang an wiederholt und der Zahlenbegriff bis zur komplexen Zahl erweitert wurde, — 41 — konnte jene Lücke ausgefüllt werden. Die Regeln über das Rechnen mit komplexen Zahlen wurden entwickelt, der Moivrescke Salz abgeleitet und jene Gleichung aufgelöst. Die Stereometrie konnte eingehender behandelt werden. Eine Erweiterung erfuhr sie durch die Berechnung der drei Radien der regelmässigen Körper, der Neigungswinkel ihrer Flächen und durch die gesamte sphärische Trigonometrie. Zahlreiche Aufgaben aus der mathematischen Erd- und Himmelskunde wurden gelöst, ein besonders erfreulicher Erfolg der Teilung. Am Schlüsse des Jahres endlich war noch so viel Zeit vorhanden, dass die Auflösung der kubischen Gleichung vollständig gebracht werden konnte. Zweites Jahr: In diesem Jahre wurde die Trigonometrie erweitert durch schwierigere Aufgaben über Höhe- und Längenbestimmungen, darunter das Hansensche und das Pothenotsche Problem, die Planimetrie durch die Lehre vom vollständigen Vierseit und von Pol und Polare. Die Kreisverwandtschaft wurde eingehend behandelt und zur Lösung von Aufgaben benutzt. Die Theorie der grössten und kleinsten Werte entwickelte ich ausführlich, auch die Schellbachsche Methode. Die jetzt noch verfügbare Zeit von zwei Monaten soll auf die analytische Geometrie verwandt werden. Da den Schülern der Koordinatenbegriff, die Berechnung der Länge einer Strecke und ihres Neigungswinkels aus den Koordinaten ihrer Endpunkte, die Gleichung der Geraden und des Kreises bereits bekannt sind, so hoffe ich, dass es möglich sein wird, die Kegelschnitte eingehender zu behandeln, als es sonst geschehen konnte. Neben dieser Mehrleistung war auch noch so viel Zeit vorhanden, um eine einigermassen hinreichende Anzahl von physikalischen Aufgaben zu lösen, die nicht auf ein Einsetzen von Zahlenwerten in die im Unterrichte 42 — erarbeiteten Formeln hinauskommen. Jeder der Herrn Fachkollegen weiss, dass es hei der Fülle des zu bewältigenden Stoffes selbst hei sorgfältigster Sichtung kaum möglich ist an die Lösung schwierigerer Aufgaben heranzugehen, wenn, wie es sein soll und muss, das Experiment in den Mittelpunkt des Unterrichts gestellt wird. Uni so erfreulicher ist es, dass durch unsere Einrichtung die Möglichkeit hierzu gegeben wird. Einer der Gründe, die für eine Teilung der Prima sprachen, war der, denjenigen Abiturienten, die sich dem Studium eines mathematisch-naturwissenschaftlichen oder technischen Faches widmen wollen, den Übergang zur Hochschule so zu erleichtern, dass sie sofort mit Erfolg den Vorlesungen folgen können. Ist dieses Ziel erreicht? Dass wir ihm wesentlich näher gekommen sind, ist unzweifelhaft, erreicht ist es noch nicht; es fehlt noch der Ubergang von der älteren zur neueren Mathematik. In wenigen Stunden, etwa 20, glaube ich, das noch Erforderliche gegeben zu haben. In diesen wurden die Merkmale für die Konvergenz und Divergenz der Reihen festgestellt, die Reihen für log (1 -(- x) , a x , e x , sin x und cos x mit Hilfe der Methode der unbestimmten Koeffizienten abgeleitet, die natürlichen Logarithmen definiert und die Briggsschen Logarithmen berechnet. Dann wurde der binomische Satz auf negative und gebrochene Exponenten erweitert und aus dem erweiterten Satze die Reihen für log(l-f-:r) und e x gefunden, nachdem bei einer genügenden Anzahl von Funktionen die Grenzwerte bestimmt waren. 'Im Anscliluss an die Lehre von den grössten und kleinsten Werten wurde j. m f(x + £ x)-f(xj = pi = t /\x dx Jr erläutert und die allgemeine Methode, jene Werke zu bestimmen, angewandt. Die Ableitung der Differential- — 43 — quotienten der einfachen Funktionen machte nunmehr keine Schwierigkeiten. Im nächsten Jahre wurden am hiesigen Gymnasium physikalische Schüleriibungen eingerichtet; alsdann wird es nicht mehr nötig sein, mathematische Lehrstunden zur Lösung physikalischer Aufgaben zu verwenden. Die hierdurch gewonnene Zeit wird, so hoffe ich, ausreichen, diese den Ubergang zur neueren Mathematik vermittelnden Gebiete auch ohne Privatunterricht bringen zu können. Den mathematischen Selektanern konnten Ostern 1907 folgende Aufgaben gestellt werden: 1) x i —119 — 120 f = 0 2) Jemand hat sein Vermögen von K=1000000 Mk. zu p = 3 1 / 2 % einer Bank zur Verwaltung übergeben und lässt sich am Ende des Jahres a — 7000Mk. auszahlen. Vom 13. Jahre an will er sich mit einer Rente von 5000 Mk. begnügen. Wie lange kann ihm diese noch gewährt werden? 3) Wo schneidet der durch Berlin, 1= 13° 23' 44" 0, cp = 52°31'N, und Athen, V = 23°43' 0, < p' = 37°59'N, gelegte grösste Kugelkreis den Äquator? 4) Ein Festungswerk, das in einer wagerechten Entfernung a — 1570 m weit auf einem Hügel liegt, so dass es ß = 4° über dem Horizont gesehen wird, soll mit einer Anfangsgeschwindigkeit c — 235 m beschossen werden, a) Wie viel Zeit braucht das Geschoss? b) Wie gross ist der Steigungswinkel 1. für den Flachschuss 2. für den Steilschuss? IV. Herr Oberlehrer Gizewski schreibt: Da das Französische an der Gabelung in der Prima nicht beteiligt ist, so sind die Massnahmen, von denen im folgenden die Rede ist, nicht abhängig von der besonderen Gestaltung unsres Primaunterrichtes, sie könnten ohne weiteres an jeder andern Anstalt getroffen werden und sind auch gewiss schon mehrfach getroffen worden. Sie hängen aber insofern mit unsern Bestrebungen zusammen und kommen deshalb hier zum Bericht, weil auch sie, die übrigens schon vor der Gabelung von mir versucht worden sind, von dem Grundsatz der Freiheit und stärkern Durchbildung des einzelnen auf Grund besondrer Neigung und freiwilliger Betätigung ausgehen. Im wesentlichen handelte es sich hier um grössere häusliche Arbeiten der Primaner. Ich habe mich bei diesen Arbeiten von verschiedenen Gedanken leiten lassen. Erstens kann die Klassenlektüre, auch wenn sie kursorisch betrieben wird, einen Schriftsteller niemals so im Flusse und im Ganzen darbieten, wie eine zusammenhängende Privatlektüre. Man wird zweifellos durch diese Art des Lesens mit einem besondern Schriftsteller nicht nur, sondern mit der Fremdsprache überhaupt rascher und stärker vertraut als durch die zerhackte Klassen- lektüre, die nur löffelweise verabreicht werden kann und bei der zudem infolge des Wechsels der verschiedensten Unterrichtsfächer die Stimmung stündlich neu erobert werden muss. Auch hier gilt, wenn auch in etwas an- derm Sinne, die Überlegenheit des multum gegenüber den multa. Zweitens: Eine häusliche, schriftliche Ubersetzung aus der Fremdsprache in die Muttersprache erfordert mehr Aufmerksamkeit, grössere Genauigkeit, höhere Formvollendung als die häuslichen Präparationen von Stunde zu Stunde oder gar die extemporierten Klassenübersetzungen. Diese will ich selbstverständlich nicht im geringsten in Frage stellen, sie sind nützlich und notwendig, nur gehen sie von andern Voraussetzungen aus und haben andre Ziele im Auge. Beide Arten der Lektüre stützen sich gegenseitig. Drittens: Infolge der heutigen Methode und der heutigen Zielforderungen im Französischen kann auf dem Gymnasium eine grammatische Beherrschung der Sprache (die schliesslich und trotz alledem doch die einzige ist, die eine eiserne Grundlage für Wissenschaft und Praxis legt) nicht erreicht und auch nicht verlangt werden. Es hat keinen Wert, darüber zu klagen, aber es nützt auch nichts, dem gegenüber die Augen zu verschliessen. Man nimmt die Entwicklung der Dinge als ein Gegebenes und rechnet damit. Ein guter Rechner kann auch bei einem massigen Geschäft durch verständige Massnahmen noch etwas Tüchtiges erübrigen. Von diesem Gesichtspunkte betrachte ich auch den Stand der Dinge im Französischen, und darum habe ich meinen Primanern immer wieder ans Herz gelegt, sie möchten durch häuslichen Floiss, durch freiwillige Übungen in der angegebenen Richtung sich das anzueignen suchen, was etwas sehr Notwendiges sei, — 46 — wofür aber leider in den geistigen Ausgabeetat des Klassenpensums ein entsprechender Posten nicht eingestellt sei. Viertens, the last, but not the least: „Was man aus Liebe tut, geht noch einmal so gut". Da die Schüler freiwillig diese Arbeiten übernehmen, so arbeiten sie auch mit grösserm Eifer, mit Lust und Liebe daran, haben also auch mehr davon, als wenn der Lehrer von Absatz zu Absatz antreibt, kontrolliert, kritisiert. Und wo immer zwischen dem angeborenen Drang nach Freiheit und dem kulturererbten Gesetz die Schule in Luther- Schillerscliem Geiste vermitteln kann, da soll sie mit Freuden zugreifen. Wenn die Jugend es praktisch am eigenen Leibe mit Vergnügen erprobt, dass die wahre Freiheit in freiwilliger Unterordnung unter das Gesetz der Arbeit besteht, so hat sie mehr gelernt, als zehn ästhetisch-ethische Vorträge über diesen Gegenstand ihr beibringen können. Da ferner für diese Arbeiten die Parole gilt: „Selbst ist der Mann", so erziehen sie obendrein in erfreulichem Masse zur Selbständigkeit. Dieses Ergebnis dürfte nicht nur ganz allgemein als etwas für das Leben überaus Wertvolles begrüsst werden, sondern es wären auch, in diesem Lichte betrachtet, unsere Bemühungen am Ende als eine kleine Propädeutik für die wissenschaftlichen Arbeiten des akademischen Studiums nicht zu unterschätzen. Das Ziel der Freiheit und das der Selbständigkeit, die ich soeben betont habe, setzen zweierlei voraus. Erstens muss nach meiner Meinung bei all diesen Arbeiten als oberstes, unumstössliches Gesetz gelten, dass sie durchaus nur freiwillig übernommen werden, dass keinerlei Zwang ausgeübt werde. Das schliesst nicht aus, dass der Lehrer die Leitung übernimmt, d. h. Aufgaben zur Wahl stellt, auf den Nutzen dieser Art von Arbeiten — 47 — hinweist, Schüchterne, Ungelenke, solche, bei denen des Entschlusses robuste Farbe durch des Gedankens Blässe angekränkelt ist, auch einfach Träge aufmuntert, namentlich auch bestimmte Themen solchen Schülern, die nach ihren Anlagen sich zu deren Bearbeitung besonders eignen, empfiehlt. Ebenso muss der Lehrer, womit ich zur zweiten Voraussetzung komme, auch im Verlaute der Arbeit dem Schüler stets als Ratgeber und Helfer zur Seite stehen, auf Fragen nach schwierigeren Wendungen u. a. bereitwilligst Antwort erteilen, kurz alles tun, was die fröhliche Flamme vertrauensvoller Selbstbetätigung am Leben erhält, und alles vermeiden, was den Schüler dazu führen könnte, die ausglimmende Kohle nach versteckter Dienstbotenart mit dem Erdöl fremder Hilfsmittel anzufachen. Dass nun nicht alle aus eigenstem Drange oder auch nur aus innerem Entgegenkommen diese Arbeiten übernehmen, sondern dass ein gut Teil nur mitläuft, weil die anderen es so machen oder weil sie törichter Weise glauben sich damit eine wünschenswerte Art Krücke für den Gang durch die Abgangsprüfung zu zimmern: das ist nicht zu vermeiden, schadet aber weder dem Prinzip noch auch den Mitläufern. Eine .heilsame Übung war es auch für diese. Zuweilen gilt eben auch der Satz: Ut desit voluntas, tarnen sunt laudandae — vires. Soviel über die Grundsätze, die mich zu dieser. Hausarbeiten geführt haben. Um von der Seele zum Leibe, zum Stoffe zu kommen, so waren die Aufgaben, die ich vorschlug, in der Hauptsache viererlei Art: 1) Schriftliche Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche, 2) schriftliche Übersetzungen aus dem Deutschen ins Französische, 3) Lektüre eines Schriftstellers, 4) französische Ausarbeitungen. Zu 3 musste ein fortlaufend geführtes Wörterheft — 48 — vorliegen, auch gehörten einige schriftliche Übersetzungsproben dazu, zu 1 und 3 verlangte ich ein kürzeres, 3 bis 5 Spalten langes Resume in französischer Sprache, das zugleich als freier Vortrag vor der Klasse diente. Auch die Ausarbeitungen unter Nr. 4 gelangten zum mündlichen Vortrag. Wenn irgend möglich, wählte ich solche Aufgaben, die in gewisser Beziehung zur Klassenlektüre standen. Doch dürfte bei diesen Arbeiten der Gesichtspunkt der Konzentration keineswegs wesentlich oder auch nur bedeutsam sein, namentlich wenn die betreffende Arbeit erst nach dem Abschluss der Klassenlektüre fertig gestellt wird, die den Ausgangspunkt für sie abgegeben hat. Im folgenden gebe ich als Proben Aufgaben an, die ich in den Jahren 1904 — 6 gestellt habe, und zwar nach den oben angegebenen vier Gruppen geordnet. I. a) Reclus, France, Algerie et Colonies, cap. 6, 7, 8 über Sprache, Nationalität, Konfession, Bewegung des franz. Volkes; b) aus demselben Werke das Kapitel über Korsika (mit längerem Resume nach Reclus und Baedeker); c) Demogeot, Histoire de la litterature francaise, die Kapitel Voltaire und Rousseau; d) mehrere Darstellungen aus der Bibliotheque de Souvenirs et recits militaires, sowie aus der Sammlung Recits des grands jours de l'histoire, beide aus dem Verlage H. Gautier, Paris. Namentlich diese in sich abgeschlossenen, kleinen, memoirenhaften Hefte von 25—30 Seiten zu ca. 45 Zeilen waren sehr beliebt. Ubersetzt wurden daraus z. B. le siege de Dantzig par Rapp, la bataille de Leipzig par Langeron, la mort de Louis XVI nach Clery, la derniere — 49 — prison de Marie-Antoinette nach der Erzählung der Rosalie Lamorliere u. a. m. e) mehrere Oden von V. Hugo und Chansons von Bhranger auf Napoleon. H. a) je der erste, zweite, dritte Akt von Lessings Minna von Barnhelm nach der französischen Ausgabe von A. Girot; b) mehrere Lustspiele von Heyse, Bendix u. a. nach Ausgaben der Sahrschen Übungsbibliothek (Ehlermann). III. ä) V. Hugo, Hernani, b) „ liuy Blas, c) Voltaire, Zaire, d) Stücke aus der Chanson de Roland. VI. a) Vie de Moliere (nach Lanson, Histoire de la litter. franc.), b) Vie de Racine (nach Lanson), c) Villon et Christian Guenther, d) le romantisme u. a., zum Teil gehört auch Ib hierher, sowie aus Id ein Vergleich des La- morliereschen Berichtes mit der Tschudischen Darstellung. Einmal wurde ein Vortrag in deutscher Sprache abgehalten trotz des Studiums einschlägiger französischer Werke: es handelte sich dabei um historische Grammatik, eine Ubersicht über die Entwicklung der französischen Sprache mit grammatischen und etymologischen Beispielen. Eine ganze Reihe von Aufgaben, die ich für recht anregend und fruchtbar hielt, wurden nicht angenommen. Die Lektüre von Rostands Cyrano (ohne jeglichen Kommentar) wurde als zu schwer wieder aufgegeben. Die von mir oben angeführten und andere zur Verwendung gekommene Aufgaben sind vielleicht nicht nach — 50 — jedermanns Geschmack, entsprechen vielleicht noch nicht aufs beste den- Zwecken, die mir vorgeschwebt haben. Es sind eben nur erst Versuche. Vielleicht lässt sich mehr System in die Sache bringen, mehr Mannigfaltigkeit erreichen, es kann praktischer gearbeitet werden. Französiche Zeitungen könnten ausgenutzt werden, die vielerlei Schulausgaben über literar-historische, ästhetische, technische Gegenstände (wie die von Klapperich u. a.) könnten je nach dem Geschmack und der Veranlagung der Schüler für unsere Zwecke fruchtbar gemacht werden. Nur nicht schematisieren, regulieren, fixieren: Freiheit ist in diesem Falle der Lebensodem des Lehrers ebensogut wie der seiner Schüler. Termine für die Abgabe der Arbeiten habe ich nicht festgesetzt, doch habe ich darauf gedrungen, dass nicht etwa alle Arbeiten auf einmal fertiggestellt wurden, sondern dass die Abgabezeiten sich möglichst auf das Schuljahr verteilten. Da im übrigen jeder Arbeiter, auch der freiwillige, oder vielmehr gerade der, seines Lohnes wert ist, auch im allgemeinen unsere Primaner an den gewöhnlichen häuslichen Vorbereitungen genug zu tun haben, so wurden die Freiarbeiter für die Zeit intensiverer Aussenarbeit von der Hauspräparation für das Französische, sowie auch von mehreren schriftlichen Klassenarbeiten, in der Regel drei, befreit. Und die Erfolge? Von .Jahr zu Jahr haben mehr Schüler an den erwähnten Übungen teilgenommen. Bei weitem die meisten Arbeiten konnte ich als genügend bezeichnen, mehrere waren gut, und wenn auch einige nicht genügend genannt werden konnten, so war die Arbeit doch in keinem Fall vergeblich gewesen. Kommt es doch gerade hier nicht darauf an, mit Glanzleistungen zur Prüfung aufzuwarten, sondern auf die Übung, auf die Freude an — 51 — der Arbeit. Diese soll sich selbst genug Lohn sein. Einer der jungen Leute, dessen grammatische Kenntnisse ausserordentlich schwach waren, wagte sich an einen Akt aus Lessings Minna. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass die Aufgabe sicher über seine Kraft gehe, dass er kaum etwas Brauchbares liefern werde. Er aber meinte, und zwar ganz richtig, lernen könne er doch immer dabei. Die Arbeit entsprach als Ganzes meinen Erwartungen, über einzelnes aber hatte ich Anlass, mich zu freuen, ich hatte den Betreffenden unterschätzt. In einzelnen Fällen habe ich infolge dieser eindringenderen Beschäftigung mit der Sprache eine geradezu in die Augen springende Förderung wahrnehmen können, was mir von Schülern selbst bestätigt worden ist. Was die Berechnung derartiger Arbeiten bei dem Schlussurteil über die Gesamtleistungen eines Schülers anbetrifft, so liegt auf der Iiand, dass sie, ganz abgesehen von ihrem technischen Wert oder Unwert, mindestens als ein charakteristisches Zeugniss für den Fleiss und das Interesse am Lehrgegenstand in Anschlag zu bringen sind. Zum Schluss will ich nur noch hinzufügen, dass ich auch im Deutschen in der Prima Liebhabern an Stelle mehrerer kleiner Hausaufsätze grössere Arbeiten überlassen habe. Denn wenn von irgend einem Unterrichtsgegenstande, so gilt von diesem, dass Freiheit Fruchtbarkeit bedeutet. Aus diesem Grunde halte ich es auch für richtig, jedesmal, wenn möglich, mehrere und zwar verschiedenartige Themen für die häusliche Bearbeitung zur Wahl zu stellen, während man sich ein gemeinsames Thema für den Klausuraufsatz und zwar da vielleicht am besten in Gestalt eines sogen, freien Themas versparen mag. Alles in allein genommen, dürfte diese Freiheit, die man der Jugend gewährt, als ein Kapital betrachtet werden, das gute Zinsen trägt. Sie ist wohl geeignet, die Freude an der Arbeit im allgemeinen und an der Schularbeit im besonderen zu erhöhen, jene unerquicklichen Klagen und Verwünschungen wider die Schule, die wir in der letzten Zeit so oft genossen haben, verstummen zu machen und unsere Gymnasiasten dahin zu bringen, dass sie mit dem alten Hutten und dem neuen Sachsenkönige ausrufen: „Es ist eine Lust zu leben." Druck von Hallberg & Biichting, Leipzig. pital betrachtet wohl geeignet, en und an der ene unerquick- er die Schule, Bn haben, ver- ,sten dahin zu md dem neuen zu leben."