„Jungdeutschland" auf unseren höheren Schulen. Von Oberlehrer Kurt Saar. Beilage zum Programm dies König 1 !. Marienstifts - Gymnasiums zu. Stettin Ostern 1913. STETTIN. Druck von Herrcke & Lebeling. 1913. 1913. Progr.-Nr. 115. In unseren Tagen geht durch die deutschen Lande eine Bewegung, die, geleitet von der Vorahnung einer schicksalsschweren Zukunft, Jungdeutschland zu ihren Fahnen ruft, Ihr Zweck ist, dem Verhängnis zu wehren, dass unser beispiellos schnell zur Weltmacht erstarktes Volk den Gefahren körperlicher und geistiger Verweichlichung und sittlicher Entartung erliegt und sich in der Stunde der Entscheidung den gesteigerten Anforderungen nicht gewachsen zeigt. Diese Besorgnis ist nicht dem Hirn von Schwarzsehern entsprungen, sondern den um die Zukunft ihres Volkes besorgten Gemütern einsichtiger Vaterlandsfreunde, die mit weitausschauendem Auge in den mancherlei Anzeichen drohenden Stillstandes der Volkskraft einen Rückgang erkennen. In der Erkenntnis aber, dass „die Stärke eines Volkes in seiner Jugend liegt und dass für seine Grösse und Sicherheit alles geschieht, was man für diese tut" (v. d. Goltz), wendet jene jungdeutsche Bewegung ihre Fürsorge der heranwachsenden Generation zu und fordert alle vaterländisch gesinnten Kreise zur Mitarbeit auf-unter dem Losungswort: „Nationale Erziehung für die deutsche Jugend". Diese Aufforderung ergeht auch an die Volkserziehungsanstalten, an die höheren und niederen Schulen. Auch sie wollen der nationalen Erziehung dienen und haben den besonderen Zweck, den Grund zu legen für die geistigen, sittlichen und leiblichen Eigenschaften, die das Leben im Dienste des Vaterlandes erfordert. Vorliegende Arbeit sieht ihre Aufgabe darin, nachzuweisen, dass die neuzeitliche Jung- deutschlandbeweguug auch für unsere höheren Schulen von Bedeutung ist. Nach einem historischen Rückblick, der die Vorgeschichte dieser Bewegung behandelt, sollen die für uns in Betracht kommenden Jugendvereinigungen nach ihrer Eigenart, ihrer Entwickelung und ihrem augenblicklichen Stande gezeichnet werden. Im letzten Teil wird es sich darum handeln, klarzulegen, durch wen und unter welchen Gesichtspunkten ihre Förderung und Nutzbarmachung auf den höheren Schulen anzustreben ist. I. Der Ruf nach einer Nationalerziehuug unserer deutschen Jugend, der sich seit kurzem immer lauter und kräftiger geltend macht, geht auf jene Zeit zurück, der wir unser ganzes Nationalgefühl verdanken. Vor hundert Jahren, in der Zeit der tiefsten Erniedrigung unseres Vaterlandes, haben wir Deutsche uns wieder als Nation fühlen gelernt. Da waren es die führenden Geister Deutschlands, Männer wie Stein, Fichte, Gneisenau, Jahn u. a., die nach dem Zusammenbruch der alten friderizianischen Armee ihre mahnende und warnende Stimme erhoben und ihr Volk, in Sonderheit aber die Jugend zu einer Leib und Seele kräftigenden Arbeit an sich selbst 4 aufriefen; galt es doch die Befreiung ihres unter drückender Fremdherrschaft daniederliegenden Vaterlandes, das starke Körper und starke Seelen brauchte. So vertrat Stein, jener leitende Staatsmann, der selbst mit einem siegreichen Mut, einem starken Willen und einer glühenden Vaterlandsliebe ausgestattet war, den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht mit allem Nachdruck und wies auf das Jugendturnen als einen notwendigen Bestandteil vaterländischer Erziehung hin. Fichte, jener grosse Geistesheld seiner Zeit, hat mit seinen urkräftigen Reden an die deutsche Nation seine Volksgenossen zur Anspannung aller leiblichen und sittlichen Kräfte aufgerufen und ihnen an Stelle des veralteten Weltbürgertums den Nationalstolz gleichsam in die Seele gepflanzt. Ja, er ging in seinem Eifer für die Neubelebung des nationalen Geistes so weit, zu fordern, man müsse die Jugend dem schädigenden Einfluss der Eltern entziehen und sie gemeinsam nach verbesserten pädagogischen Grundsätzen erziehen. Gneisenau, der zusammen mit Scharnhorst das preussische Heerwesen reorganisierte, stellte die Pflege der Leibesübungen als eine Pflicht der Volkserziehung und damit der Schule hin und wollte zur Vorbereitung für den Heeresdienst mit der Schuljugend militärische Übungen vorgenommen wissen. Der entscheidende Schritt aus dem Reiche der Gedanken in die Wirklichkeit jedoch sollte dem Turnvater Jahn vorbehalten bleiben, der mit einem seltenen Verständnis für deutsche Volksart einen klaren praktischen Blick für das verband, was dem deutschen Volke, vor allem seiner Jugend not tat. Er verstand es, die auf die Jugenderziehung gerichteten Gedanken und Pläne jener Geistes- und Willenshelden in die Wirklichkeit umzusetzen, indem er „in schöner Frühlingszeit des Jahres 1810 an den schulfreien Nachmittagen des Mittwochs und Sonnabends einige Schüler in Feld und Wald hinausführte und dann immer mehr und mehr" und im folgenden Jahre den ersten Turnplatz in der Hasenheide eröffnete. Sein Verdienst ist es in erster Linie, dass wir heutzutage an allen deutschen Schulen den Turnunterricht als einen unveräusserlichen Bestandteil des Lehrplans eingeführt sehen. Gekrönt wurde sein Lebenswerk durch die Schriften und Erfolge eines Christoph Guts Muths und eines Adolf Spiess, deren Forderung ihren Ausdruck findet in dem Wort, das die Einleitung des Lebenswerkes von Guts Muths „Tnrnbuch für die Söhne des Vaterlandes" 1817 enthält: „Gebt der Jugend eine vaterländische Erziehung für den Geist und echte körperliche, zur Waffeutracht vorbereitende, für den Leib!" So einig sich damals der Staatsmann und der Philosoph, der Heerführer und der Pädagoge in der Wertschätzung der vaterländischen Erziehung waren, so schnell ging auch dieses Ideal wieder verloren, als die Zeit der Turnsperre und der Demagogenriecherei diese hoffnungsvolle, im Frühlingsbrausen nationaler Begeisterung aufgegangene Jungdeutschlaudsaat im Keime zu ersticken drohte. Es folgte dann Anfang der sechziger Jahre die grossartige Heeresschöpfung König Wilhelms, die ihre Feuerprobe bald darauf in den ruhmreichen Kriegen von 1866 und 1870/71 bestehen sollte. Sie erfüllte nicht nur das Heer selbst mit dem Geiste nationalen Heldentums, sondern übertrug diesen Geist auch auf die deutsche Jugenderziehung. Ihre Wirkung ist bis auf den heutigen Tag in der Begeisterungsfähigkeit unserer Jugend für alles Militärische zu spüren- Einer, der dazu berufen war, die Gedanken seines Königs zu verwirklichen, Moltke, hatte von der Macht, die die Schule nach Seiten der nationalen, wehrhaften Erziehung entfalten kann, eine hohe Meinung, wenn er in seiner Reichstagsrede vom 16. 2. 1874 sagte: „Ich glaube, dass die Schule der Punkt ist, wo der Hebel eingesetzt werden muss, wenn wir uns gegen Gefahren schützen wollen, die ebenso sehr wie ein Angriff von aussen uns von innen drohen." Er vermisste freilich an der damaligen Schule mit ihren vorwiegend unterrichtlichen Zielen die mehr erziehliche 5 Tätigkeit und liess bei anderer Gelegenheit keinen Zweifel darüber, dass nach seiner Meinung der Erziehung zu wehrhaften Tugenden des Leibes und der Seele auch in der Schule mehr Platz eingeräumt werden müsse. Von der Unterrichtsverwaltung wurden diese Gedanken in tatkräftiger Weise aufgenommen und durchgeführt unter dem Kultusminister von Gossler, der den Leibesübungen auf den Schulen eine nachhaltige Fürsorge zuwandte und ihnen geradezu ein neues Leben einflösste. Es geschah dies vor allem durch jenen in der Geschichte der Pädagogik denkwürdigen Erlass des Jahres 1882. Durch ihn wurden die einst von Jahn ins Leben gerufenen Turnplätze, die durch die Turnhallen allmählich verdrängt worden und in Vergessenheit geraten waren, in ihr Recht wieder eingesetzt. Leider begegnete jener Erlass nicht überall dem erhofften Verständnis und Beifall, er wurde vielmehr vielfach mit Vorsicht oder gar Kopfschütteln aufgenommen. Gosslers eigene Worte lauten : „Leider ist die Ansicht noch nicht allgemein geworden, dass mit der leiblichen Ertüchtigung und Erfrischung auch die Kraft und Freudigkeit zu geistiger Arbeit wächst. Manche Klage wegen Überbürdung und Überanstrengung der Jugend würde nicht laut werden, wenn diese Wahrheit mehr erlebt und erfahren würde. Darum müssen Schule und Haus und wer immer an der Jugendbildung mitzuarbeiten Beruf und Pflicht hat, Raum schaffen und Raum lassen für jene Übungen, in welchen Körper und Geist Kräftigung und Erholung finden. Der Gewinn davon kommt nicht der Jugend allein zugute, sondern unserm ganzen Volk und Vaterland." Durch spätere Verfügungen Gosslers wurden auch Lauf-, Wett- und Kampfspiele in den Schulbetrieb eingeführt und andere die Körperpflege betreffenden Übungen wie das Schülerrudern, Schlittschuhlaufen und Schwimmen aufs wärmste empfohlen und unterstützt. Diesen seinen Anregungen und Bemühungen ist es zu danken, dass die Schulreformen der letzten beiden Jahrzehnte sich ohne Ausnahme mit dieser Frage beschäftigten und besonders auf die Pflege der Leibesübungen als Gegengewicht gegen die einseitige Geistesbildung hinwiesen. So wurde auf der vom Kaiser einberufenen Dezemberkonferenz 1890 unter Zustimmung aller Anwesenden ausgesprochen, dass täglich eine Stunde Körperpflege eine durchaus berechtigte Forderung sei. Indessen verhehlte man sich nicht, dass der praktischen Durchführung dieser Forderung bei der Verteilung der Unterrichtsstunden unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenständen. Immerhin ging aus jener Schulkonferenz als Erfolg des offenen, einmütigen Eintretens für erhöhte körperliche Ausbildung die Einführung der dritten pflichtmässigen Turnstunde hervor. Dass man bis in die neueste Zeit hinein bemüht ist, den bestehenden Mängeln abzuhelfen, davon legen die ministeriellen Erlasse von 1910 und 1911, betreffend Einführung des sogenannten Zehnminutenturnens und der Kurzstunde, beredtes Zeugnis ab. Jener soll den Schäden des Lebens im geschlossenen Raum, des Sitzzwanges und der einseitigen Kopfanstrengung entgegenwirken. Dieser will ermöglichen, dass der grösste Teil der technischen und wahlfreien Unterrichtsfächer auf den Vormittag gelegt wird? so dass die Nachmittage zu ungebundener körperlicher Betätigung im Freien Gelegenheit bieten. Als Früchte dieser auf der ganzen Linie der Jugendbestrebungen ausgestreuten Saat sind auch die freien Schülervereinigungen anzusehen, die alle Arten von Sport treiben und so der Körperpflege dienen. Es gibt deren 776 an 824 höheren Schulen Preussens. Sie erfreuen sich nicht minder der Gunst und einer in hocherfreulicher Weise nachhaltigen Unterstützung der Schulbehörden. Nicht unerwähnt bleiben darf hier auch der neuerliche Miuisterialerlass betr. Jugendpflege vom 18. 1. 1911. Er ruft „alle, die ein Herz für die Jugend haben und deren Erziehung im vaterländischen Geiste zu fördern bereit und in der Lage sind", auf zur „Mitarbeit an der Heranbildung einer frohen, körperlich leistungsfähigen, sittlich tüchtigen, von Gemeinsinn und Gottesfurcht, Heimat- und Vaterlandsliebe erfüllten Jugend". Zunächst freilich ist hierbei nur an die Jugend gedacht, die die Volks- bezw. Mittelschulen mit dem 14. Lebensjahre verlassen haben und dann je nach ihrem künftigen Beruf die kaufmännischen oder gewerblichen fachlichen Fortbildungsschulen besuchen. Dass aber die höheren Schulen nicht völlig ausgeschaltet sind, geht nicht nur daraus hervor, dass neben den Lehrern an Volks- und Mittelschulen auch die an den höheren Schulen als erwünschte Mitarbeiter aufgeführt sind, sondern auch aus der Tatsache, dass ein nicht unbeträchtlicher Prozentsatz der höheren Schüler die Anstalt im 14.—18. Lebensjahre verlässt und ins praktische Leben tritt. In den oben genannten Erlassen des Kultusministers von Gossler und in jener an die Schulkonferenz des Jahres 1890 gerichteten kaiserlichen Mahnung: „Bedenken Sie, was uns für ein Nachwuchs für die Landesverteidigung erwächst 1" wurzelt auch der 1892 ins Leben gerufene „Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele", an dessen Spitze noch heute sein verdienstvoller Gründer Freiherr von Schenckendorff steht. Aus ihm heraus bildete sich gelegentlich seines vierten Kongresses in Königsberg i. Pr. im Jahre 1899 der „Ausschuss zur Förderung der Wehrkraft durch Erziehung", der seitdem eine rege Tätigkeit entfaltet. Er strebt in erster Linie eine höhere Bewertung der körperlichen Ausbildung an, tritt für Vermehrung der Spielplätze, Schwimmgelegenheiten, Eisbahnen u. a. ein und sucht durch Anregungen und Anträge in diesem Sinne auf Staatsbehörden, Regierungen und die Lehrerschaft einzuwirken. Doch zieht er auch die geistige und moralische Erziehung in den Bereich seiner Fürsorge und bereitet so den Boden für die Arbeit aller der Vereinigungen vor, die sich in den Dienst der nationalen Jugendpflege stellen. Er fordert in seinen Leitsätzen, dass in der heranwachsenden Jugend ein fester Grund für alle wehrfähigen Eigenschaften gelegt werde, und bezeichnet als solche die sittlichen Eigenschaften der Selbstzucht, der willigen Unterordnung, des Mutes, der umsichtigen Entschlossenheit, des zähen Willens, eine straffe Gesamtmuskulatur, ein kräftiges Herz und widerstandsfähige Lungen, scharfe Augen. In dem im Auftrage des Zentralausschusses veröffentlichten Werk „Wehrkraft durch Erziehung" 1904 ist zum ersten Male in grosszügiger Weise überzeugend nachgewiesen, dass die Wehrkraft durch die Schule gefördert werden kann, und gefordert worden, dass Schule und Heer in engere Beziehung gesetzt werden. Im Verfolg dieser Ideen ist neuerdings auch von Seiten der Militärbehörden, die sich der Frage der Jugenderziehung gegenüber lange Zeit völlig ablehnend" verhalten hatten, mehrfach Gelegenheit genommen worden, zu dieser Frage zwecks Hebung der Wehrkraft Stellung zu nehmen und zu ihrer Lösung die Hand zu bieten. Sie haben sich der Erkenntnis nicht entziehen können, dass Schule und Heer, die beiden Säuleu deutscher Nationalerziehung, den gewaltigen Bau des deutschen Volkes nur dann sicher tragen können, wenn sie an seiner Festigung Hand in Hand arbeiten. So Hess die Medizinalabteilung des Kgl. Preussischen Kriegsministeriums statistische Erhebungen über die Körperbeschaffenheit der zum einjährig-freiwilligen Dienst berechtigten Wehrpflichtigen Deutschlands aus den Jahren 1904—1906 erheben, um die vielfachen Klagen über den ungünstigen Einfluss der höheren Schulen auf die körperliche Entwickelung der Schüler auf Unberechtigtes Mass zurückzuführen (vgl. Heft 40 der „Veröffentlichungen aus dem Gebiet des Militär-Sanitätswesens"). Um nur einige Zahlen daraus anzuführen, so haben sich im Durchschnitt 65 v. H. als diensttauglich herausgestellt; davon entfallen auf die Gymnasiasten 62,2, Realgymnasiasten 64, Oberrealschüler 67,7. Unter den 35 v. H. Untauglichen findet sich ein auffallend hoher Prozentsatz mit schweren organischen Leiden behaftet. Die Zahl ihrer Herzschwachen übertrifft die der Zwei- und Dreijährigen um das Dreifache, die Zahl ihrer Kurzsichtigen sogar um das Achtfache. Diese Zahlen gehen zu denken, wenn sie auch nur relativen Wert haben, und lassen das Interesse der Militärbehörde als berechtigt, ja als notwendig erscheinen. Der erste praktische Versuch einer Lösung ging von der Garnison München aus. Ihre Offiziere gründeten vor wenigen Jahren einen Verein „Wehrkraft", der es sich zur Aufgabe stellte, die Wehrkraft der Jugend durch Wanderungen, Turnspiele, Schwimmen u. a. zu fördern und sie in die einfachsten Tätigkeiten des Soldaten einzuführen. Dabei sollte alle Soldatenspielerei und Anpassung an äussere militärische Formen, wie Uniformierung oder Bildung von Dienstgraden, grundsätzlich ausgeschlossen bleiben. Hat man sich mit dieser Organisation zunächst an die schulentlassene Jugend, die Schüler der Fortbildungsschulen gewandt, so soll doch später die Tätigkeit des Vereins auch auf die höheren Schulen ausgedehnt werden, und zwar nicht nur in München, sondern in allen militärischen Standorten Bayerns. So versucht der Münchener Wehrkraftverein eine Werbetätigkeit im Grossen zu entfalten und fordert mit zündenden Worten dazu auf, nach seinem Vorgang überall ähnliche Vereine ins Leben zu rufen. Sein Weckruf hat denn auch in allen Teilen des Reiches freudigen, ja begeisterten Widerhall gefunden. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, dass nicht ohne seine Anregung der ganz Deutschland umfassende „Jungdeutschland-Buud" gegründet worden ist. Sein Gründer ist Generalfeldmarschall Freiherr v. d. Goltz. Nicht zum ersten Mal hat dieser verdiente Offizier sein Augenmerk auf die deutsche Jugend und ihre Erziehung gerichtet. Schon in den Jahren 1878 und 1883 hatte er, angeregt durch persönliche Fühlungnahrae mit den auf eine militärische Jugenderziehung gerichteten Bestrebungen Frankreichs, in Vorträgen und Aufsätzen auf die Notwendigkeit der Fürsorge für die Jugend im nationalen Sinne hingewiesen. Beide Male jedoch fand sein Appell an die Öffentlichkeit kein Gehör, begegnete vielmehr auch in militärischen Kreisen Missdeutungen und abfälligen Urteilen. Nach langen Jahren endlich, wo eine grosse nationale, alle Kreise und Berufsstände gleichmässig angehende Jugendbewegung eingesetzt hat, sah er die Zeit zur Verwirklichung seines grosszügigen Lieblingsgedankens gekommen und ging unverzüglich und mit jugendlicher Tatkraft ans Werk. Auf seine Einladung und unter seiner Leitung fand denn im Ausgang des Jahres 1911 eine konstituierende Sitzung des Jungdeutschland-Bundes statt, zu der sich aus dem ganzen Reich über hundert Vertreter nicht nur der verschiedensten Turn-, Spiel- und Sportverbände, sondern auch einer Reihe von Bundesregierungen und Ministerien eingefunden hatten. In seiner Ansprache legte v. d. Goltz die Aufgaben und Ziele des Bundes dar. Sein Zweck sei, die an der nationalen Erziehung der heranwachsenden Jugend arbeitenden Organisationen zu vereinigen, um so der praktischen Jugendpflegearbeit eine gemeinsame Richtung zu geben, ihnen die reichen Lehrkräfte, die in der Armee und Marine sowie ihrem Beurlaubtenstande enthalten sind, zuzuführen, alle der Jugendpflege noch fernstehenden Kreise für diese zu gewinnen zu suchen und, falls erforderlich, neue Verbände zu bilden. Zusammengefasst wurden diese Gedanken, die allseitigen Anklang fanden, in einem Aufruf an das deutsche Volk, der folgenden Wortlaut hat: „Die sichere und glückliche Zukunft unseres Vaterlandes beruht auf einer kräftig, gesund an Leib und Seele und wehrhaft heranwachsenden Jugend 1 Und gerade der Jugend drohen in unserer Zeit in leiblicher, sittlicher und vaterländischer Beziehung die grössten Gefahren! Deshalb sind in allen deutschen Gauen von jeher treudeutsche Männer und Frauen sowie vaterländische Vereinigungen am Werke, unserer schulentlassenen Jugend ein frohes Gedeihen zu körperlicher Kraft und sittlicher Tüchtigkeit zu erleichtern. Von dieser verdienstlichen Arbeit darf jetzt eine noch tiefere und umfassendere Wirkung erhofft werden, nachdem die daran beteiligten Verbände sich neuerdings in einzelnen Bundesstaaten, zum Beispiel in Preussen, infolge des Jugendpflegeerlasses des Kultusministers vom 18. Januar 19 LI in besondere Organisationen zusammengeschlossen hatten. Soll aber ein voller Erfolg erzielt, soll die gesamte deutsche Jugend erfasst werden, so bedarf es der Mitwirkung der weitesten Volkskreise, vor allem auch der Väter und Mütter unserer heranwachsenden Jugend. Diese allgemeine Teilnahme, besonders für einen wichtigen Zweig der Jugendpflege, gewinnen zu helfen, für die Erziehung der Jugend zu körperlicher und sittlicher Tüchtigkeit in Haus, Beruf und öffentlichem Leben, hat sich der Bund „Juug-Deutschland" zum Ziele gesetzt. Von der nach Millionen zählenden deutschen schulentlassenen Jugend treibt jetzt noch nicht viel mehr als ein Viertel regelmässig irgend eine Art körperlicher Übung. Nahezu drei Viertel gilt es noch heranzuziehen. Deutsche Väter und Mütter! Wir brauchen ein starkes Geschlecht für die Zukunft unseres Volkes! Nur eine wehrhafte Jugend sichert den Staaten und Nationen eine glückliche Zukunft. Das lehrt die Geschichte aller Zeiten bis in die jüngste Stunde. Darum sendet eure Kinder in die Vereine, die die körperliche und sittliche Erziehung im vaterländischen Geiste als ernstes Ziel vor Augen haben, und wo es an solchen Vereinigungen fehlt, helft neue gründen als Glieder des Bundes „Jung-Deutschland" und hütet im Herzen der Jugend die Liebe zum Deutschtum und Vaterland!" Nun hat allerdings auch dieser Aufruf vor allem die schulentlassene Jugend im Auge, die aus unseren Volks- und Mittelschulen hervorgeht, weil diese den genannten Gefahren am ehesten ausgesetzt ist. Dafür aber, dass auch den Schülern unserer höheren Lehranstalten die Vorteile des Bundes zugute kommen sollen, ist ein Beweis der Umstand, dass sie zu seinen Veranstaltungen zugelassen werden, ja dass sie erfahrungsgemäss vorläufig häutig noch die Mehrzahl der Teilnehmer bilden. Dafür spricht ferner, dass unter den Verbänden, die nach Gründung des Jungdeutschland- Bundes sofort ihren Beitritt erklärten, auch solche sich finden, deren Mitglieder sich zum guten Teil aus den höheren Schülern zusammensetzen. Als solche sind zu nennen der Deutsche Pfadfinderbund, das Kartell der Deutschen Jugendwehren und der Wandervogelbund. Diese drei Organisationen, die der letzten Zeit ihre Entstehung verdanken und besonders auf den höheren Schulen begeisterte Anhänger gefunden haben, scheinen mir so recht den vom Jungdeutschland-Bunde vertretenen Gedanken zu verkörpern und wert zu sein, dass der Bund ihnen seine Unterstützung an gedeihen lässt. Denn was v. d. Goltz als erstrebenswertes Ziel für die Arbeit an der Jugend bezeichnet, das wollen sie auch, nämlich den Körper stählen und abhärten, die Sinne schärfen, die Findigkeit erhöhen, zu Mut, Entschlossenheit, Gemeinsinn und Vaterlandsliebe erziehen. Mag jeder dieser Verbände seine Besonderheit, ja seine Einseitigkeiten und Unvollkommenheiten haben, sie scheinen mir das Gepräge an der Stirn zu tragen, das die Bundeszeitschrift des Jungdeutschland-Bundes als den „neuen Geist einer neuen Zeit" bezeichnet mit der Devise: „Zurück zu einer natürlichen Lebensweise, die wir in der Enge der städtischen Kultur verlernt haben, zurück zu den alten schlichten Tugenden, die einst unsere Altvordern auszeichneten und die unserer verbildeten Zeit abhanden gekommen sind, aber uns so bitter not tun I" Es wäre ein nicht geringes Verdienst des Jungdeutschland-Bundes, würde er darüber wachen, dass 9 gerade diese Seite des Zieles unserer Jugendpflege klar erkannt und sorgsam gepflegt wird. Denn was in einem modernen Waffengang der Völker entscheidet, ist nicht mehr der furor teutonicus, sondern geistige Überlegenheit und moralische Vorzüge, die sich mit einem gesunden und kräftigen Körper vereinigen. Die genannten drei neuzeitlichen Bestrebungen, die dieses Ziel verfolgen, haben mit den übrigen Jugendvereinen, bei denen bisher Turnen, Spiel und Sport gepflegt wurde, das Ziel einer nationalgesinnten, wehrhaften deutschen Jagend gemeinsam. Voraus haben sie jenen vor allem dies, dass sie sich nicht nur an körperlich Kräftige wenden, sondern dass sie den allgemeinen Bedürfnissen der Jugend entgegenkommen und an Eigenschaften und Interessen anknüpfen, die in den meisten Knaben und Jünglingen schlummern und nur geweckt zu werden brauchen. Ich denke dabei an den Drang der Jugend, sich selbständig zu betätigen, an die Vorliebe für Wettkämpfe und kriegerische Übungen, an die Abenteuerlust, an die Neigung, den Wundern und Geheimnissen in der Natur nachzugehen und ihr die Gesetze ihres Werdens und Vergehens abzulauschen. Ist der Jugend doch am liebsten, wenn man sie selbst finden lässt, anstatt ihr Fertiges vorzusetzen, und wenn man sie zu eigenem Erleben anleitet. IL a) Die Pfadfinderbewegung wurde im Jahre 1909 von England aus in Deutschland eingeführt, und zwar vor allem durch die in diesem Jahre veröffentlichte Schrift „Das Pfadfinderbuch" von Lion, die eine freie Übertragung des englischen Buches von General Baden-Powell „Scouting for Boys" darstellt. Wir hören darin über die Entstehung dieser Bewegung folgendes: Im Anfang des Burenkrieges 1899, als Mafeking von einem grossen Burenheere eingeschlossen wurde, bildete Baden-Powell bei dem Mangel an Mannschaften aus der Jugend des Ortes ein Kadettenkorps, das in kurzer Zeit uniformiert, einexerziert und dann zum Melde-, Verbindungs-, Nachrichten- und Postdienst verwandt wurde. Jenes Knabenkorps, das sich in der Kriegszeit vorzüglich bewährt hatte, wurde nun das Vorbild für die Boy Scouts, die derselbe verdiente General in der späteren Friedeuszeit im Frühjahr 1908 in England organisierte. Der Erfolg entsprach der Tatkraft, mit der jener militärische Jugendfreund die Arbeit in Angriff nahm. Der das ganze britische Weltreich umfassende Verband zählt nach wenigen Jahren seines Bestehens schon über 400000 Mitglieder. Verhältnismässig schnell hat nun die Bewegung auch in unserm deutschen Vaterlande Eingang gefunden und zieht immer weitere Kreise. Tauchten anfangs überall zerstreut Pfadfinderkorps auf, die meist einem begeisterten Leser des Pfadfinderbuches ihre Gründung verdankten, so entschloss man sich bald dazu, grössere Verbände herzustellen. In Frankfurt a. M. hat sich der erste Pfadfinder-Landesverband gebildet, der sich über Baden, Hessen, Rheinland und Westfalen erstreckt und drei kommandierende Generale des Westens zu seinen Mitgliedern zählt. Ähnliche Verbände sind für die Reichslande und Schlesien im Entstehen begriffen. Im Januar 1911 wurde der „Deutsche Pfadfinderbund" ins Leben gerufen; er bezweckt die Zusammenfassung aller in der Jugenderziehung tätigen Organisationen zu einem grossen deutschen Reichsverband. Diese Gründung hatte zur Folge, dass sich im selben Jahre hundert Vereine und Pfadfinderkorps dem Bunde anschlössen. Die Zahl seiner erwachsenen Mitglieder wird auf ca. 10000 und die der jungen Pfadfinder auf über 20 000 angegeben; die Gesamtzahl der nach dem Pfadfindersystem Ausgebildeten soll sich auf mehr als 200000 belaufen. Auf dem ersten Pfadfindertage, der in Dresden im Juli 10 1911 stattfand, wurden „Die Grundsätze für die Pfadfinderbewegung" aufgestellt (vgl. v. Seckendorf! „Deutsche Jugenderziehung und Pfadfinderbewegung" München 1912). Die Gliederung eines Pfadfinderkorps ist folgende: Die kleinste Einheit, Fähnlein oder Gruppe genannt, besteht aus acht Pfadfindern und einem Führer, dem sog. Kornett. Mehrere Fähnlein bilden einen Zug unter ihrem Führer, dem Feldmeister, der das achtzehnte Lebensjahr überschritten haben muss. Mehrere Züge bilden eine Abteilung, die dem Oberfeldmeister untersteht, und mehrere Abteilungen ergeben eine Kolonne, deren Führer die Bezeichnung Hauptfeldmeister führt. Die höheren Verbände werden vom Landes- und Bundesfeldmeister geleitet und haben ihre letzte Vertretung für ganz Deutschland im Reichsfeldmeister. Das Wort „Pfadfinder" ist äusserst geschickt gewählt und hat sich schnell eingebürgert, einmal weil es in der zum Romantischen neigenden Jugend die kühnsten Phantasien auslöst, deren sie fähig ist, und sodann weil es auch in seinem tieferen Sinn gedeutet werden kann und soll als „das Suchen und Finden des richtigen Lebenspfades, des Pfades, der zu körperlicher und seelischer Gesundung führt" (Lion). Der Grundsatz, auf dem sich die ganze Tätigkeit der Pfadfinder aufbaut, liegt in ihrem Wahlspruch ausgesprochen: „Sei allezeit bereit!" d. h. übe dich darin, mit all deinen Kräften stets deine Pflicht gegen dich und gegen andere zu erfüllen I Zu den Übungen, die zu leiblicher Gesundung führen, werden alle die gerechnet, die der Körperpflege dienen, als Turnen, Spielen, Wandern, Schwimmen, Rudern. Um alles vermeiden zu können, was seinem Körper schädlich ist, muss sich der Pfadfinder die Regeln der Gesundheitslehre zu eigen machen. Solche schädlichen Wirkungen sieht er vor allem in dem Genuss von Alkohol und Nikotin, der deshalb verboten ist. Aber auch seinen Mitmenschen soll der Pfadfinder zu helfen imstande sein. Dazu muss er sich der Unterweisung über die erste Hilfe bei Unglücksfällen unterziehen, um im Augenblick der Lebensgefahr überlegt und erfolgreich handeln zu können. Der rechte Gebrauch der Sinne kann nur draussen in der Natur geübt werden. Deshalb lautet eine weitere Forderung: Hinaus in die Natur und lerne Augen und Ohren offen halten für den ganzen Reichtum ihrer Kräfte, beobachte auf deinen Streifzügen die Tiere in ihren Lebensgewohnheiten und bewundere die Pflanzen in ihrer mannigfaltigen Schönheit, die Gestirne in ihrem Lauf und Glanz I Ferner werden alle praktischen Tätigkeiten geübt, die der Felddienst erfordert, wie Hütten und Zelte bauen, einen Baum fällen, ein Boot zimmern, ein Lagerfeuer anzünden und ein einfaches Essen selbst herrichten, Karten lesen, Kompass benutzen, Entfernung schätzen, Signale geben und verstehen, Spuren lesen. Alle diese Übungen erziehen zu Findigkeit, Selbständigkeit, Bedürfnislosigkeit, Beharrlichkeit und Willensstärke. Damit aber sind wir bei dem Gebiet angelangt, das den Kernpunkt der Pfadfinderkunst ausmacht. Dieser beruht nicht in der Ausbildung des Körpers und der Sinne, sondern in der Erziehung zu charakterfesten und ritterlichen Persönlichkeiten. Der „Ritterspiegel", der dem Pfadfinder die Richtschnur für sein ganzes Tun und Treiben vorschreibt, enthält folgende zehn Gebote: 1. Auf die Ehre eines Pfadfinders muss man unerschütterlich bauen können. 2. Er ist treu seinem Landesherrn, dem Kaiser, seinem Vaterlande, seinen Vorgesetzten, Lehrern und Brotherren. 3. Er ist auch seinem Mitmenschen nützlich und hilfreich; so ist denn jeder verpflichtet, jeden Tag einem seiner Mitmenschen mindestens einen Liebesdienst zu erweisen. 4. Er ist ein Freund aller seiner Mitmenschen, ein Bruder jedem seiner Kameraden, ganz gleich, ob er reich oder arm, adelig oder bürgerlich, Katholik, Protestant oder Jude ist. 5. Er ist höflich. 6. Er ist liebreich gegen Tiere. 7. Er gehorcht seinen Führern ohne Widerrede. 8. Er ist munter und 11 unverdrossen. 9. Er ist sparsam. 10. Er ist dankbar. — Wahrlieh edle Ziele, hohe Pflichten, für die die Pfadfinder jenes Dichterwort in Anspruch nehmen: Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Not. Die mannigfachen Vorzüge, die dieser Bewegung eigen sind, liegen wohl jedem vorurteilsfreien Beobachter klar vor Augen und nötigen ihn zu rückhaltloser Anerkennung. Anderseits kann man sich aber auch nicht gegen mancherlei Bedenken verschliessen. Die grösste Schwierigkeit für die Durchführbarkeit des gezeichneten Programms scheint mir die zu sein, dass es zu vielseitig ist. Wer viel, ja allzuviel will, erreicht am Ende nur wenig. Je einfacher und klarer ein Programm, zumal für die Jugend, ist, um so leichter ist es durchführbar, um so grösser sind die wirklichen Erfolge. Sonach ist der Vorwurf m. E. nicht unberechtigt, dass das Pfadfinderleben Gefahr läuft, der Schwärmerei und Unklarheit der Jugend Vorschub zu leisten. Ein anderes Bedenken betrifft einzelne Verpflichtungen, die dem Pfadfinder auferlegt werden sollen. Etwas anderes ist es, die Jugend an gute Sitte, Ordnung und Unterordnung gewöhnen und sie nötigenfalls darüber belehren als sie gleichsam eidlich dazu verpflichten. Deshalb sind solche Gebote wie unbedingte Unterordnung unter die Führer, die doch nur zu leicht im Einzelfall übertreten werden, zu meiden. Auch jene Forderung des Bitterspiegels, jeden Tag einem Mitmenschen wenigstens einen Liebesdienst zu erweisen, will mir, so sehr sie auf den ersten Blick besticht, zu hochgespannt erscheinen. Es möge einmal ein Erwachsener diese Verpflichtung auf sich nehmen und mit dem besten Vorsatz an ihre Erfüllung gehen; er wird bald einsehen, dass die Schwäche und Vergesslichkeit des Menschen unberechenbare Werte sind. Dasselbe gilt von der Ehre des Pfadfinders. Dass in unserer Jugend das Ehrgefühl grossgezogen wird, ist durchaus löblich und nachahmenswert. Dass man aber auf ihre Ehre muss unerschütterlich bauen können, ist eine Forderung, die ins Gebiet der Ideale gehört und sich sowohl dem vollen Verständnis als auch der durchschnittlichen Leistungskraft unserer heranwachsenden Jugend entzieht. Der anfänglich oft erhobene Vorwurf, dass die Pfadfinderbewegung, auf englischem Boden erwachsen, wohl dem englischen, aber nicht dem deutschen Volkscharakter entspreche, hat sich bald als unhaltbar herausgestellt. Das deutsche Pfadfindertum stellt keineswegs eine Kopie des englischen Scouting for boys dar, sondern hat mit freiem Geiste alles ausgeschieden, was mit der Wahrung unserer deutschen Eigenart nicht verträglich erschien. Dass die Bewegung an sich selber arbeitet und sich gegen Auswüchse und Übergriffe verwahrt, davon zeugen ihre 1911 in Dresden aufgestellten Grundsätze, in denen es u. a. heisst: „Alle Vereine haben ständig darüber zu wachen, dass die Pfadfinderei nicht zur militärischen Spielerei und zur kindlichen Nachäfferei des Heeres ausarte." — „Mit Politik dürfen sich die deutschen Pfadfindervereine unter gar keinen Umständen befassen. Liebe zum Vaterlande ist in den Jungen zu erwecken, aber ohne jeden Beigeschmack irgendwelcher politischer Art." b) Die Bewegung der deutschen Jugendwehren unterscheidet sich von den anderen Jugendbestrebungen dadurch, dass sie sich in der Art ihrer Ausbildung an die militärischen Formen anlehnt. Der Gedanke einer militärischen Jugenderziehung tauchte in Deutschland zum ersten Mal im Anfang des vorigen Jahrhunderts nach dem Zusammenbruch der alten Armee auf und ist seitdem mit wenigen Unterbrechungen nicht wieder fallen gelassen worden. In der Zeit der 12 Bismarckschen Armeereorganisation bildeten sich besonders in Südwestdeutschland in Nachahmung der Schweizer Kadettenkorps sogenannte Jugendwehren, die eine militärische Vorbildung bezweckten. Freilich fristeten sie ein nur kurzes Dasein, da die militärische Jugenderziehung in dieser Zeit politisch verdächtig geworden war. Seit jener Zeit wurde aber von verschiedenster Seite immer wieder in Broschüren und Zeitschriften die Anschauung verfochten, dass eine mehr oder weniger innige Verschmelzung der militärischen Ausbildung mit der Schule möglich, ja notwendig sei. Jedoch stellten sich solchen Vorschlägen in der Praxis unüberwindliche Hindernisse entgegen. Erst in den neunziger Jahren gewannen sie in Neubildungen Gestalt, so vor allem in Berlin, dessen Beispiel bald andere grössere Städte Deutschlands folgten. Neuerdings haben sich die bestehenden Vereine zu einem Kartell deutscher Jugendwehren zusammengeschlossen. Innerhalb dieses Kartells nimmt das deutsche Jugendkorps „Blau-weiss-blaue Union" die erste Stelle ein, weil es eins der ältesten ist und mit die weiteste Verbreitung gefunden hat. Es ist aus der Swinemünder Strandkompagnie hervorgegangen. Diese bildete sich im Jahre 1897 aus der Jugend heraus und führte hier in den ersten Jahren ein auf die Sommermonate des Badelebens beschränktes Dasein. Bald fand die Einrichtung in andern Ost- und Nordseebädern Nachahmung. Der Wunscb, die in militärischen Formen betriebenen Übungen auch ausserhalb der Sommerferien fortzusetzen, führte zu Gründungen in den verschiedensten Gegenden Deutschlands, so dass der Schwerpunkt je länger je mehr von den Seebädern ins Binnenland verlegt wurde. Die Statistik von 1911 weist 30 Bataillone mit ca. 3200 Jungmännern in mehr als 70 deutschen Städten auf. Der von der Union verfolgte Zweck ist in § 1 der am 1. 10. 1910 erlassenen Hauptdienstvorschrift ausgesprochen. Er lautet: „Die Blau-weiss-blaue Union bietet der deutschen Jugend für ihre Freizeit eine passende Beschäftigung, indem sie durch militärische, turnerische, sportliche und andere einschlägige Übungen die Gesundheit und Gewandtheit der Jugend fördert, sie zu deutscher Treue und Vaterlandsliebe anhält und durch Bekämpfen von Egoismus sowie durch Pflege von Kameradschaft, Pflicht- und Ehrgefühl an der Bildung des Charakters mitarbeitet." Diesem Zwecke dienen kriegsspielmässige Übungen im Gelände, Übungen im Biwakieren, Abkochen, Zeltbau, Kartenlesen, Anfertigen von Skizzen, Uberbringen von Meldungen, "Winken u. a. An verschiedenen Orten werden auch Schiessübungen vorgenommen. Ferner wird auf Unterweisung und Anleitung in der ersten Hilfeleistung bei Unglücksfällen Wert gelegt. Eine Ortsgruppe setzt sich zusammen aus dem Teilnehmerverband, der nur Schüler umfasst, und dem Mitgliederverbaiid. Letzterer nimmt nur ältere Personen auf und hat den Zweck, den Schülerverbaud durch sachkundige Leitung seiner Veranstaltungen und durch Bereitstellung der nötigen Geldmittel zu unterstützen. Während bisher in der Hauptsache Schüler höherer Lehranstalten den Teilnehmerverband bildeten, sucht man neuerdings auch Volksschüler und Volksschulentlassene heranzuziehen. Die Ausbildung beider erfolgt zunächst, wo es angängig und lohnend ist, in gesonderten Abteilungen, schon weil dadurch den Schulleitern die erwünschte Aufsicht ermöglicht wird. Ein Paragraph der Dienstvorschrift besagt daher, dass Lehrern und Behörden die Anwesenheit bei allen Veranstaltungen zu gestatten ist und deren Wünsche nach Möglichkeit zu berücksichtigen sind. Andere Bestimmungen, die den Schulverhältnissen Rechnung tragen, gehen dahin, dass Verstösse gegen die Schulgesetze streng untersagt sind, dass Unterricht stets vom Dienste entschuldigt, und dass vor den Versetzungen die Teilnehmer von den Übungen entbunden werden können. Das Mindestalter der Teilnehmer beträgt 12 Jahre. Die einzelnen Rangstufen tragen grossenteils militärische Bezeichnungen, An der Spitze des gesamten Jugend- 13 korps steht das aus fünf Herren bestehende Unionspräsidium in Berlin. Der vorschriftsmässige Dienstanzug besteht aus Joppe und kurzer Hose, Tropenhut, dazu wahlfrei Gamaschen und Ledergürtel. Die Abzeichen für die verschiedenen Dienstgrade entsprechen ungefähr denen des deutschen Heeres in den Unionsfarben. Die entscheidende Frage zur Beurteilung aller militärischen Jugendorganisationen ist die, ob sich die militärische Ausbildung mit dem Wesen der deutschen Erziehung, auch der nationalen Erziehung verträgt. Diese muss entschieden verneint werden. Sowohl das militärische Exerzieren wie die Gefechtsübungen und der Feldwachdienst haben zur unbedingten Voraussetzung einmal die straffe militärische Disziplin, die gefährdet wird, wenn sie nicht rücksichtslos durchgeführt werden kann, und sodann eine Inanspruchnahme der körperlichen Kräfte, der nur ein völlig erwachsener, widerstandsfähiger Mensch gewachsen ist. Wollte man beides von der heranwachsenden Jugend verlangen, wenn auch mit einiger Rücksichtnahme auf die geringere Leistungskraft, so hiesse das, entweder der Jugend zuviel oder gar Unmögliches zumuten oder eine oberflächliche soldatische Vorbildung und eine leichte Dienstauffassung schaffen, die den Ernst der militärischen Erziehung in Spielerei verkehrt. Diese Stellungnahme wird in der Gegenwart von den meisten Fachleuten geteilt. Der verdienstvolle Vorsitzende des Zentralausschussos zur Förderung der Volks- und Jugendspiele in Deutschland, E. von Schenckendorff, setzt sich in seiner Schrift „Uber nationale Erziehung durch Leibesübungen" mit den militärischen Jugendorganisationen auseinander. Er erkennt an, dass sie von aufrichtiger Liebe zur Jugend geleitet werden und nationale Ziele haben, dass sie mit ihrem frischen, sichern und disziplinierten Auftreten wohl geeignet sind, die Jugend in ihren Bann zu ziehen. Anderseits verhehlt er sich nicht, dass sie bei grösserer Ausdehnung erhebliche Bedenken im Gefolge haben, zumal wenu sie nach dem Muster des Auslandes die fachlich militärische Ausbildung als Selbstzweck ansehen. So kommt er zu folgendem zusammenfassenden Urteil: „Versteht man unter Jugendwehren freie Organisationen der Jugend, die zwar gewisse militärische Formen innehalten, doch sich im nützlichen Spiel und Sport betätigen, und sind für solche Organisationen die geeigneten Personen und der geeignete Boden vorhanden, so tragen sie die Voraussetzung erfolgreicher Jugendpflege in sich. Eine Jugendorganisation aber mit einseitig militärischen Zielen, die nicht der turnerischen und sportlichen Eigenart unserer Jugend nachgeht, sondern als Selbstzweck die Jugend in die Elemente des Exerzierens und Schiessens einführen will, widerspricht dem deutschen Erziehungsideal." Als eine Gewähr dafür, dass diese Auffassung auch von unserer Heeresverwaltung geteilt wird, dient ein den Schenckendorff'schen Ausführungen zustimmendes Urteil des derzeitigen preussischen Kriegsministers. Der Wortlaut dieses Schreibens sei hier in Anbetracht seiner grundlegenden Bedeutung im Auszuge wiedergegeben: „Vom Standpunkt der Heeresverwaltung aus muss ich die bestmögliche körperliche Vorbereitung des Heeresersatzes als Endziel aller Jugendpflegemassnahmen bezeichnen. Die Jugendwehr will auch ihren Teil an dieser gemeinsamen Arbeit leisten. Ich erkenne die bisherige nutzbringende Tätigkeit und die idealen Bestrebungen ihrer Leiter gern an. Es sind durch sie eine Anzahl Jünglinge erzogen und schädlichen Einflüssen ferngehalten worden, auf die sonst eine ähnliche vorbeugende Einwirkung von anderer Seite vielleicht nicht ausgeübt worden wäre. Auch darf der Reiz, den jede militärische Betätigung für unsere Jugend hat, nicht unterschätzt werden. Soweit aber auf Exerzieren und Schiessen in dem Übungsplan ein Hauptwert gelegt wird, kann ich mir nicht verhehlen, dass eine derartige Ausbildung sich für militärische Zwecke weniger nützlich erweisen wird als eine planmässige Durchbildung des Körpers, wie sie 14 in den Vereinen für Körperpflege betrieben wird .... Ein körperlich gut vorbereiteter Ersatz wird die Anfangsgründe des Exerzierens und Schiessens auch ohne Vorübung in diesen Dienstzweigen vor der Einstellung verhältnismässig leicht lernen . . . ." Den mit einer militärischen Jugenderziehung verbundenen Gefahren scheinen mir die deutschen Jugendkorps, wie sie oben gezeichnet sind, je länger je mehr zu begegnen. Denn ihre ausgesprochene Absicht ist nicht, dem Heere einen Teil seiner militärischen Ausbildungsarbeit vorwegzunehmen, sondern nur die, unter Anwendung militärischer Formen und Bezeichnungen durch Übungen im Freien dem Heere eine leiblich, geistig und sittlich gekräftigte Jugend zuzuführen. c) Die deutsche Wandervogelbewegung ist ein vor etwa 15 Jahren selbständig aus der Jugend heraus unternommener Versuch, das Jugendwandern in grösstmöglicher Vielseitigkeit zu organisieren. Auf dem Boden der Ungebundenheit erwachsen, will sie die freie Entfaltung der Einzelpersönlichkeit erzielen. Deshalb verträgt sie keine Schablone, kein Programm mit festen Regeln. Im Gegensatz zu Turnen und Sport lässt gerade das Wandern eine individuelle Mannigfaltigkeit in der Ausübung zu, die so vielseitig ist wie die menschliche Natur selbst. So hat diese Bewegung höhere Ziele als eine blosse körperliche Kraftleistung und will mehr sein als ein Schlendern durch die Natur. Sie will eine Lebensschule sein und in jenen Strom des Lebens führen, der den Charakter bildet. Sie will die Wanderkunst zu einer Lebenskunst gestalten (Trojan). Was sie aber den anderen Jugendbestrebungen voraus hat, das ist vor allem die Tatsache, dass sich in ihr ein unausrottbarer Trieb der germanischen Volksseele Bahn gebrochen hat. Urdeutsch ist in ihr die Sehnsucht in unbekannte Fernen, wie sie in den alten Deutschen zur Zeit der Völkerwanderung, in den deutschen Kaisern und den fahrenden Schülern und Spielleuten des Mittelalters lebte. Echt deutsch an ihr ist die Liebe zur Natur, zur schönen Gottesnatur, wie der Deutsche so innig sagt; denn es ist ein deutscher Glaube, dass uns aus der freien und befreienden Luft des Waldes und Feldes der Odem Gottes entgegenweht. Mit der Liebe zur Natur hängt aber aufs engste die Liebe zum Natürlichen, zum Gesunden, zur Einfachheit der Lebensführung zusammen. „Vom gesunden Boden der Natur aus — so schreibt einer — wollen wir zu jedweder Erscheinung Stellung nehmen; denn Wandervogel sein heisst, ein Mensch sein mit offenem Herzen und gesunden Sinnen." Und echt deutsch ist ihre Sangeslust. Wandern und Singen sind für uns Deutsche zwei unzertrennbare Begriffe. Das deutsche Lied, zumal das Volklied ist nicht der Stadt- und Stubenluft entquollen, sondern es ist ein Kind der Heide, das mit dem Vogel in der Luft um die Wette singt, das dem Gesellen auf der Landstrasse, dem Jäger auf der Pirsche, dem Soldaten auf dem Marsche so von ungefähr zufliegt und ein trauter Weggenoss ist. Wer die vom „Wandervogel" herausgegebenen Volkslieder kennt, wird zugeben müssen, dass „in ihnen die köstlichsten Perlen edelster Volkspoesie gesammelt sind, die den Kampf gegen den Gassenhauer mit Erfolg aufgenommen haben" (Pädagogisches Archiv 55. Jahrg. 1. Heft S. 32). — Wahrlich, Trinius hat recht, wenn er sein Vorwort zu Trojans „Wanderkunst Lebenskunst" mit den Worten schliesst: „Solange noch deutsches Gemüt am Wandern festhält, solange braucht uns um die deutsche Volksseele nicht bange zu sein." Zum Beweise dafür, dass der „Wandervogel" diese seine deutsch-nationale Bedeutung als seinen eigentlichen Zweck erkennt und als ein wesentlicher Faktor in der Pflege nationaler Jugenderziehung ernst genommen sein will, diene folgende Mahnung in einem Wandorvogel-Fahrtenspiegel: „Vergiss nicht, dass unser Wandern im letzten 15 Grunde nur Mittel zum Zweck ist, dass es uns vorbereiten soll zu einer höheren Aufgabe, nämlich dem Vaterlande ganze Menschen zu geben, ihm ein kraftvolles Geschlecht zu sein, wenn es unser bedarf!" Wer in dem Worte „Wandervogel" einen tieferen symbolischen Sinn sucht, den will es mahnen: „Vergiss, o Menschenkind, nicht, dass du Flügel hast!" und davor warnen, seine Flügel mit dem Staub der Erde und den Sorgen des Alltagslebens zu sehr zu beschweren. Geboren ist der Wandervogelgedanke im Jahre 1898 in einem kleinen, zum Romantischen neigenden Kreise von Schülern des Steglitzer Gymnasiums. Das neue Ideal, das ihnen im Häusermeer der Grossstadt aufging, lautete, wie einer der Mitbegründer erzählt: „Erlöse dich selbst, ergreife den Wanderstab und suche da draussen den Menschen wieder, den du verloren hast, den einfachen, schlichten, natürlichen!" Bald fand ihre freie Vereinigung nachhaltige Unterstützung durch einen Ausschuss Erwachsener, den sog. Eltern- und Freundesrat. Ihre Teilnehmer, deren Zahl bald wuchs, setzten sich zunächst hauptsächlich aus Schülern von Gymnasien Berlins und seiner Vororte zusammen. Durch Studenten wurde dann diese junge Organisation schnell von seinem Mutterboden in alle deutschen Gaue getragen. Da sie anfangs vielfach in den Händen jugendlicher Brausegeister lag, entstanden bald Spaltungen, die durch geringfügige Meinungsunterschiede hervorgerufen waren. Aus diesen haben sich im Laufe der Jahre wesentlich zwei grössere Verbände behauptet, der „Altwandervogel" und „Wandervogel, Deutscher Bund", die ganz Deutschland mit einem Netz von Ortsgruppen und Gauverbänden umspannt haben. Die letzten Jahre haben dank der Erkenntnis, dass den bestehenden Abweichungen eine zu grosse Bedeutung beigemessen worden ist, eine Reihe von Einigungsversuchen gezeitigt. Und so ist man denn jetzt im Begriff, die beiden genannten Verbände mit anderen zu einem eingetragenen Verein „Wandervogel, Bund für deutsches Jugendwandern" zusammenzuschliessen. Was den augenblicklichen Stand der Wandervogelbewegung angeht, so hat die erste allgemeine Statistik, die im vergangenen Jahre im Verbände deutscher Wandervögel veröffentlicht wurde, für Ende 1911 (die Zahlen in Klammern beziehen sich auf 1910) folgende runde Zahlen ergeben: Ortsgruppen 400 (230), Mitglieder 8000 (4000), Wandervögel 17000 (8000), Wanderfahrten (6000), Teilnehmer (68000), geleistete Wandertage (100000). Um die Grösse dieser Leistung zu veranschaulichen, sei der Statistik entnommen, dass die genannte Zahl der Wandertage bei einer Schätzung von 20 km pro Tag einen Weg bedeutet, der 2 Millionen km beträgt, das ist das Fünffache der Entfernung bis zum Monde oder das Fünfzigfache des Erdumfanges am Äquator. Der Erfahrungskreis der Wandervogelbewegung ist die höhere Schule. Auf sie entfallen ungefähr 75 v. II. der Wandervögel. Doch sind Volksschüler und andere geeignete junge Leute bis zu 18 Jahren nie grundsätzlich ausgeschlossen gewesen; vielmehr ist man je länger je mehr dazu übergegangen, die Bewegung auf die Jugend aller Stände auszudehnen und die gewonnenen Erfahrungen zu einem Gemeingut der deutschen Jugend zu machen. Die einzige Bedingung, an die die Mitgliedschaft des geeinten Wandervogelbundes geknüpft ist, lautet nach § 3 seiner Satzungen: „Mitglied des Vereins kann jeder Vertreter einer Wandervogelgruppe werden, in welcher Alkohol und Tabak bei den Veranstaltungen vollkommen gemieden wird." Damit ist diese grundsätzliche Frage, die von Anfang des Bestehens in den Vordergrund der Erörterung gerückt war, so gut wie entschieden. Von jeher galt das Meiden des Alkohols auf Fahrten als ein vertrauenerweckender Grundsatz der Wandervogelart, und es hat nur einiger Schwankungen bedurft, um die gesamte Führerschaft davon zu überzeugen, dass Alkohol die Jugend in ihrer freien Ent- / 16 ■Wickelung hemmt, und dass es in dieser Beziehung ihre Aufgabe ist, der ihr anvertrauten Jugend mit gutem Beispiel voranzugehen. Professor v. Gruber schreibt: „Unsere Wandervogel vereine gehören zum Allerbesten, was nationaler Geist in unserer Zeit geschaffen, und verdienen die kräftigste Unterstützung, solange sie festbleiben gegen den Alkohol." Ahnlich steht es mit dem Tabakgenuss der Jugendlichen. Das Element des Wandervogels ist die freie, frische Luft; wie stimmt dazu der Qualm einer Pfeife oder Zigarre! Im übrigen ist auf der Wanderung Tun und Lassen des einzelnen durch ein ungeschriebenes Gesetz der Erfahrung und bewährter Tradition geregelt. Die jungen Wanderer lernen auf begangenen und noch mehr auf unbegangenen Wegen die Schönheit und Eigenart ihrer Heimat kennen und lieben, erwecken und nähren in sich den Sinn für Unterordnung und Verträglichkeit, lernen Selbständigkeit und Selbstvertrauen, schärfen den Blick für die Wirklichkeiten des Lebens und für Wert und Unwert der Dinge und gewöhnen sich, Schwierigkeiten und Ungemach als notwendige Bestandteile des menschlichen Daseins zu ertragen und zu überwinden. Solche Art des Wanderns zu Nutz und Frommen unserer Jugend zu fördern, sie mit Rat und Tat zu unterstützen, ist Sache des oben erwähnten Eltern- und Freundesrates, der eine Art von örtlicher Aufsichtsbehörde darstellt. Ihm untersteht die Führerschaft und ist ihm jederzeit Rechenschaft schuldig. Mit der Beschaffenheit der Führer steht und fällt wie jede Jugendbestrebung so auch der „Wandervogel". Was alles zu einem rechten Wanderführer gehört, hat 0. Schwindrazheim in seiner mit begeisterten und begeisternden Worten geschriebenen Flugschrift des Dürerbundes „Jugendwanderungen" niedergelegt. Deshalb geht man auch hier in der Wahl der Führer möglichst vorsichtig vor. Im Altwandervogel werden die vorgeschlagenen Führer in der Zeitung bekannt gemacht und erst nach Monatsfrist ernannt. Im Deutschen Bund muss erst der Vorsitzende der Ortsgruppe durch seine Unterschrift für die Tauglichkeit des Führers Bürgschaft leisten, ehe die Bundesleitung die Bestätigung erteilt. Die von dieser bestätigten Führer werden auf Kosten des Bundes in eine Haftpflichtversicherung aufgenommen, die für alle auf ordnungsmässig angemeldeten Fahrten vorkommenden Unfälle eintritt. Zu Führern haben sich, abgesehen von den Erwachsenen, die sich, durch Beruf und Familie gebunden, leider meist nur in beschränktem Masse dieser Aufgabe unterziehen können, Von jeher als besonders geeignet die Studenten erwiesen. Sie sind die geborenen Führer für unsere Schüler, wenn anders sie ein Herz für die Schuljugend haben und die Kraft der Selbstzucht und die Tugend der Selbstlosigkeit besitzen, ohne die eine erfolgreiche erzieherische Arbeit nicht denkbar ist. Ihre besondere Geeignetheit beruht in dem Idealismus, der den Studentenjahren vor anderen innewohnt, in der Fähigkeit, jugendliche Gemüter in ihren Bedürfnissen und Neigungen zu verstehen, und in der Freiheit, mit der sie über ihre Zeit verfügen. Auch hat man mit älteren gereiften Schülern als Hilfsführern nicht schlechte Erfahrungen gemacht. Ihnen schliessen sich die Jüngeren oft am leichtesten an und ordnen sich ihnen willig unter. Die so geschulten Jugendführer geben dann später, wenn sie die Schule verlassen haben, einen wohlgeeigneten Führerstamm ab. Uber die Stärke der Gruppe, die einem Führer untersteht, entscheidet die Zahl der verfügbaren Führer und die Dauer der Wanderfahrt. Je mehr Führer, desto kleiner können die Wandergruppen sein, desto grösser ist der erzieherische Gewinn, der doch lediglich von der persönlichen Einwirkung des Führers auf die einzelnen abhängt. Ein Massenbetrieb wird stets als ein Übel angesehen und nach Möglichkeit vermieden. Auch verbietet sich ein solcher schon durch die mit der Zahl der Teilnehmer wachsende Schwierigkeit der Beschaffung von Verpflegung und Unterkunft. 17 Nach der Dauer der Fahrten unterscheidet man Halbtags-, Tages- und Ferienfahrten. Die Halbtagsfahrten beschränken sich auf die nähere Umgebung und dienen dazu, Neulinge mit ihrer engeren Heimat bekannt zu machen und in die Wanderkunst einzuführen. Die Tagesfahrten stellen schon höhere Anforderungen an die Beteiligten. Sie erfordern eine durchschnittliche Marschleistung, wie sie einem feldmarschmässigen Soldaten zugemutet wird, und geben Gelegenheit zu mannigfacher Betätigung, so zum Geländespiel, Winken, Entfernungschätzen, Erkennen von Zielen, Kartenlesen. Die Mittagsrast, die für einige Stunden die Wanderung unterbricht, wird, wenn irgend die Witterung es erlaubt, im Freien gehalten an einem Lagerplatz, dessen Wahl nach festen Grundsätzen getroffen wird. Das Mittagsmahl wird mit den im Rucksack mitgebrachten Lebensmitteln und Kochgeräten hergerichtet. Auch Zeltbahnen gehören zur vollständigen Ausrüstung eines Wandervogels und werden bei längerem Halt zum Schutze gegen Sonne, Wind und Regen aufgebaut. Land- und Forstmann haben meist ihre Freude an solcher einfachen Lebensweise und lassen jene Gäste gern gewähren. Es gilt aber als ein Verstoss gegen den Wandervogelgeist, die ihnen dargebotene Gastfreundschaft zu missbrauchen und sich ihrer unwürdig zu zeigen. Bei den mehrtägigen Fahrten, die sich in der Regel nur in den Ferien ermöglichen lassen, ist die Berührung mit der Landbevölkerung besonders eng. Handelt es sich da doch täglich darum, ein Nachtlager ausfindig zu machen, wenn die Gruppe es nicht vorzieht, unter den aufgeschlagenen Zelten und in ihren Schlafsäcken zu nächtigen. Beim Quartiersuchen machen die Wandervögel nur selten die Erfahrung, dass sie als ungebetene Gäste abgewiesen werden. Sie nehmen mit einem Stroh- oder Heulager vorlieb und sehen die Scheune des Bauern als ein willkommenes Schlafgemach an. Als Gegenleistung bringen sie in die Bauernstube und auf den Gutshof jugendlichen Frohsinn mit. Sie singen alte und neue Lieder, die sie dem Volke abgelauscht oder aus vergilbten Blättern hervorgesucht haben, und tragen sie unter Begleitung ihres Instruments, der Zupfgeige, den andächtigen Dorfbewohnern vor. Oder sie führen ihre Volkstänze vor den neugierigen Blicken von alt und jung auf und bringen damit eine erwünschte Abwechselung in das Einerlei des Landlebens. Ein bedeutsames Moment des sozialen Ausgleichs liegt für den jugendlichen Städter in der Gelegenheit, den Landmann in seinem Schaffen, bei seiner Arbeit und seiner Erholung kennen und seine Eigenart achten zu lernen. Als Ziel seiner grösseren Wanderfahrten bevorzugt der Wandervogel die wenig besuchten Gegenden, die abseits der Heeresstrassen und Touristenwege und fern von Kurorten und Luxusbädern liegen. Dass die Kosten solchen Wanderns nur gering sind, geht schon aus dem Gesagten hervor. Grösste Einfachheit und Billigkeit war von vornherein dadurch geboten, dass die Kosten aus eigener Tasche bestritten werden mussten. Ist die Benutzung der Eisenbahn nicht zu umgehen, so gilt nur die Fahrt in der letzten Wagenklasse als zunftmässig, zumal da man dort allein die deutsche Volksart in ihrer Ungeschminktheit kennen lernen kann. Frachtschiffe und Flösse haben den Wandervögeln schon oft bereitwilligst, meist ohne Entgelt, Unterkunft gewährt. Ja, auch unsere grösseren Dampfergesellschaften haben Anträgen auf Fahrpreisermässigung freundlichst stattgegeben. So siebt der Wandervogel seine Ehre darin, möglichst wenig Geld zu verbrauchen. Es sind die Künste „des fröhlichen Wanderns und des fröhlichen Sparens", die sich hier zum Segen für die Jugend vereinigt haben. Somit bildet dieses auf jahrelange Erfahrungen aufgebaute System des Jugendwanderns nach Seiten der nationalen Erziehung einen nicht zu unterschätzenden Faktor und verdient wohl allseitige Anerkennung. An solcher hat es ihm in der letzten Zeit, namentlich von militärischen 38 Fachleuten, auch nicht gefehlt. So sagt Oberstleutnant a. D. Jahns in einem Vortrag auf dem 4. deutschen Kongress für Volks- und Jugendspiele 1899: „Es wäre ein grosses Glück, wenn es gelänge, die alte Freude an lustigen, genussreichen und doch so stählenden Wanderfahrten, wie unsere Väter und wir selbst sie noch in unserer Jugend kannten, aufs neue zu erwecken. Gelänge es unseren Lehrern und Erziehern, dem heranwachsenden Geschlechte wieder echte Wanderlust einzuflössen, so würden sie sich ein überaus grosses Verdienst um die Erhöhung der Wehrfähigkeit erwerben." Ahnlich äussert sich Genoralmajor Neuber auf dem 10. Kongress 1909 über die Bedeutung des Wanderns als einer besonders wertvollen Vorarbeit für das Heer. Auch in den Grundsätzen und Ratschlägen, die dem Ministerialerlass betr. Jugendpflege 1911 beigefügt sind; wird ausdrücklich auf die Vorteile der Wanderungen hingewiesen (S. 13). Neben mancher Anerkennung fehlt es aber auch nicht an ernsten Bedenken, die von verschiedenen Seiten gegen die Wandervogelbewegung erhoben werden. Von der Schule wird gegen die Freiheit der Organisation geltend gemacht, dass diese ihrer Leitung und Aufsicht fast ganz entzogen ist. Wer dieses Bedenken teilt und doch die Erfahrungen der Bewegung der Schule zu gute kommen lassen möchte, mag innerhalb der Lehranstalt eine Wandervereinigung ins Leben rufen, wie sie sich z. B. am Friedrich-Werderschen Gymnasium in Berlin bewährt hat. Das oberste Streben ist dabei gewesen, den Schülern möglichst Selbständigkeit zu lassen und doch der Möglichkeit von Auswüchsen durch die Aufsichtsrechte des Direktors und des Turnwartes vorzubeugen. Die dort geltenden Bestimmungen sind in der Monatsschrift für das Turnwesen 1911 No. 8 aufgeführt. Ferner wird die Freiheit der Bewegung durch den Widerstand und die Verbote der Forstbehörden gegen die Anlage von Lager- und Kochplätzen gefährdet. Rechtsunkenntnis auf der einen und Rechtsunsicherheit auf der anderen Seite erschweren allzu häufig den Führern ihre Aufgabe. TJm dem ersten Mangel abzuhelfen, wird dringend eine Art Katechismus des Wanderrechts zu fordern sein, der in bestimmten Fällen Auskunft gibt, was Rechtens ist. Rechtsunsicherheit besteht, wenn z. B. die Forstaufsichtsbehörden in der Umgebung von Berlin angewiesen sind, die schärfsten Massnahmen gegen die Unsitte des Abkochens durch Jugendwanderer zu ergreifen, während die Forstverwaltungen im Grossherzogtum Hessen die Weisung erhalten haben, den Gruppen vom Jungdeutschland-Bunde sowie den Wandervögeln beim Abkochen und Holzsammeln zum Feuer soweit wie möglich entgegenzukommen. Solcher Verschiedenheit der Handhabung gegenüber wäre zu wünschen, dass allgemein die Forstverwaltungen den Jugendwanderern mit Wohlwollen entgegenkommen und nur, wo Auswüchse vorkommen, dagegen vorgehen. In der Monatsschrift „Der Harz" tritt Prof. Klunker-Hanau mit warmherzigen Worten für die Wandervögel ein, wenn er in Heft 10 des 19. Jahrgangs schreibt: „Das Abkochen bei den Wandervögeln ist kein Spielen mit dem Feuer, sondern eine Kunst, die sorgsam ausgebildet wird, und die für das Wandern hunderter, ja tausender von jungen Leuten ganz unentbehrlich ist. Wieviel würden wir als Studenten darum gegeben haben, wenn wir diese zweckmässige und wohlerprobte Technik billigen Wanderns gekannt hätten, die der Wandervogel jedem seiner Mitglieder mitgibt I" Der Gefahr, dass die Wandervögel unseren Landbewohnern zur Landplage werden könnten, wird damit begegnet, dass man allerorten den Versuch macht, eigene Wandervogelquartiere zu schaffen, die den Ortsgruppen als Stützpunkte dienen und sie der Notwendigkeit überheben, ständig fremde Hilfe zur Nächtigung in Anspruch zu nehmen. 19 Eine Reihe von Stadt- und Landgemeinden und auch einzelne Freunde der Jugendwanderbewegung sind diesem Wunsche nach einem eigenen Wandervogelheim freudigst gefolgt und hahen geeignete Räume umsonst oder gegen geringe Bezahlung zur Verfügung gestellt. Vorbildlich ist hier die Einrichtung von Jugendherbergen, die seit 1911 ganz Westfalen und Rheinland wie ein Netz durchziehen. In den ersten beiden Jahren des Bestehens sind 43 solcher Unterkunftsstätten geschaffen. Es sind dies vornehmlich Schulzimmer, Turnhallen, Vereins- und Privathäuser, auch Burgen. Nur im Notfalle sind auch Gasthäuser benutzt worden. Zu Trägern der Kosten für die Herbergsausrüstung sind die Gemeinden gewonnen worden, die eine bestimmte Jahressumme dafür aussetzen. Aufnahme finden in den Jugendherbergen alle Knaben und Mädchen ohne Unterschied der Schulbildung einschliesslich der Lehrlinge und Fortbildungsschüler, kurz das gesamte wanderfreudige Jungdeutschland. Die genannten Hindernisse und Gefahren, die der Wandervogelbewegung erwachsen, scheinen mir nach Obigem nicht derart zu sein, dass sie nicht ohne grosse Mühe beseitigt werden könnten. Man vergesse auch nicht, dass den Wandervögeln manches zur Last gelegt wird, was den sog. wilden Wanderern auf die Rechnung zu schreiben ist, die keiner Vereinigung angehören und es deshalb oft an dem erforderlichen Verantwortlichkeitsgefühl fehlen lassen. Dem gegenüber erscheint die Einführung von Abzeichen erwünscht und ist teilweise auch schon erfolgt. III. Die nationale Erziehung unserer Jugend liegt in der Hauptsache in den Händen der Familie, der Schule und des Staates. Auf die Mitarbeit dieser drei Machtfaktoren ist die Jungdeutschlandbewegung angewiesen, wenn das von ihr in Angriff genommene Werk einen guten Fortgang haben und zu einem erfolgreichen Ende führen soll. Welche Aufgabe fällt dabei jedem einzelnen zu? Zuerst die Familie. Sie hat die grundlegende und deshalb wichtigste Arbeit zu leisten. Aus ihrer Hand erhalten wir die Jugend. Diese verdankt ihr nicht nur die erste, sondern auch die nachhaltigste Erziehung und bleibt unter ihrem Einfluss, auch wenn sie schon ihre eigenen Wege geht. So ist die Jugendfrage im letzten Grunde eine Elternfrage. Die Forderung, die an die Allgemeinheit ergeht, muss nicht nur lauten: Schafft uns eine Jugend, auf die sich unser Volk und Vaterland verlassen kann! sondern es muss mit derselben Berechtigung heissen: Schafft uns Eltern, die die Jugend im nationalen Sinne erziehen! Nicht Eltern tun uns not, die den Schwächen ihrer Kinder nachgeben und ihren eigennützigen und eigenwilligen Gedanken freien Lauf lassen, wohl aber solche, die bei allem Ernst der Zucht ihnen die Möglichkeit geben, sich zu kraftvollen und selbständigen Persönlichkeiten zu entwickeln, dass sie Männer werden, die gewillt und imstande sind, ihre Kräfte in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Zu solcher Erziehung gehört aber auch, dass die Jugend zu Einfachheit und Genügsamkeit angehalten und übertriebener Luxus und die damit verbundene Verweichlichung von ihr ferngehalten wird. Es gereicht der elterlichen Erziehung nicht zur Ehre, wenn, wie jüngst die Tagesblätter berichteten, ein Untersekundaner eines Berliner Gymnasiums bei einer Schülerfahrt, statt mit seinen Mitschülern dritter Klasse zu fahren, sich in der zweiten absonderte. Den mannigfachen und wahrlich nicht leichten Erziehungspflichten des Elternhauses ist nun nicht mit Ermahnung und Belehrung genügt, sondern Vorbild 20 und gutes Beispiel müsseu hinzukommen, wenn die Arbeit an der Jugend erfolgreich sein soll. Deshalb, ihr Eltern, beweist es durch die Tat, dass ihr echte vaterländische Gesinnung hegt, zeigt euren Kindern, dass es auch reine Lebensfreuden gibt, die mit geringen Mitteln und ohne besonderen Geldaufwand erworben werden können! Es ist nicht so, dass den Eltern von den Jugendbestrebungen alle Erziehungspflichten abgenommen werden, dass die Kinder der Familie entzogen werden sollen; das wäre ein verhängnisvoller Irrtum. Nein, die Familie niuss stets der Richtungs- und Mittelpunkt auch noch für die Heranwachsenden bleiben. Wo aber ihre Kraft und Zeit nicht ausreicht, da will die Jungdeutschlandbewegung helfend und fördernd eingreifen. Um nur ein Beispiel zu nennen, wie oft haben die Eltern in den Ferien keine Möglichkeit, mit ihren Kindern in die Sommerfrische zu reisen! Da wissen sich viele Jungen zu Hause nur mühsam den Tag über nutzbringend zu beschäftigen und fallen leicht den Ihrigen zur Last. Müssten es da nicht die Eltern freudig begrüssen, wenn Jugendvereine grössere oder kleine Ferienfahrten ansetzen, die der Jugend Gelegenheit geben, ihren Tatendrang zu befriedigen, etwas zu erleben und die freie Zeit zur Bereicherung von Geist und Gemüt anzuwenden? So erst erfüllen die reichlich bemessenen Ferien ihren Zweck, einen Ausgleich für die Anstrengungen der Schulzeit herbeizuführen. Darum sollte die Familie schon in ihrem eigenen Interesse solche lediglich dem Wohle der Jugend gewidmeten Bestrebungen nach Kräften unterstützen und ihre Kinder mit hinausziehen lassen zu fröhlichem Wandern und Spielen. Erkennt und erfüllt sie in diesem Sinne ihre Aufgabe, so ist der Jungdeutschlandsache in ihr ein treuer, unentbehrlicher Helfeshelfer erstanden. Ein zweiter, gleich wertvoller Bundesgenosse der Jungdeutschlandbewegung ist die Schule. Direktor Dr. Neuendorff schrieb kürzlich in der Monatsschrift f. d. Turnwesen (1912, Heft 10): „Die Schuljugend gehört, soweit nicht für ihre Pflege das Elternhaus in Betracht kommt, der Schule und den Lehrern." Wahrlich, die Schule übernimmt damit, dass sie die Jugend dem Elternhause jahrelang mehr als die Hälfte des Tages entzieht, einen guten Teil der Erziehung, auch der nationalen Erziehung. Die Zeiten sind vorbei, wo die Schule nur Unterrichtsanstalt sein wollte, in der ohne Rücksicht auf die Entwickelung des Körpers und des Charakters nur die Bücherweisheit den Ausschlag gab. Es steht nicht mehr so, wie noch vor wenigen Jahren Generalmajor Neuber äusserte: „Die Schule — ich spreche es mit aufrichtigem Bedauern aus — ist auffälligerweise kein freudiger Helfer bei der Erziehung zur Wehrkraft." Ist auch lange Jahre hindurch an vielen Schulen nichts oder herzlich wenig für die Gesundung der Schüler ausserhalb des lehrplanmässigen Unterrichts getan worden, so werden die Verhältnisse doch von Jahr zu Jahr zusehends besser. Es gibt heute nur wenige Anstalten, an denen nicht wenigstens ein Schülerverein besteht, der Leihesübungen betreibt, und dessen Protektorat ein Lehrer übernommen hat. Und auch an den freien Jugendorganisationen, wie sie oben gezeichnet sind, sind schon vielfach Lehrer höherer Schulen als Leiter oder Freunde beteiligt. Möchten sich in Zukunft allerorten solche Lehrerpersönlichkeiten finden, die bereit sind, die Schuljugend im Sinne der Jungdeutschlandbewegung auszubilden! Wie eine derartige Einrichtung im Rahmen der Anstalt zu treffen ist, ist in der „Monatsschrift für höhere Schulen" XII. Jahrg. Heft 1 des näheren dargelegt. Die Erfahrung lehrt freilich, dass selbst die Schüler der oberen Klassen einer einheitlichen, verantwortlichen Leitung, die nicht das Gepräge schulmeisterlicher Aufsicht tragen darf, nicht entraten können, wenn anders die Fahrten oder Spiele einerseits ohne Ausschreitungen in den durch Hygiene und gute Sitten gebotenen Grenzen, anderseits zweckentsprechend und gewinnbringend verlaufen sollen. Ich muss 21 Dr. Neuendorff beipflichten, wenn er sagt: „Uns heute ist der vollkommene Lehrer derjenige, der nicht nur seine Schüler unterrichtet, sondern der mit ihnen lebt, der auch Anteil hat an ihrem Erholungsleben, der mit ihnen spielt, schwimmt, wandert. Die lebendige Anteilnahme des Lehrers wird rückwirkende Kraft auf die Gestaltung des Unterrichts haben." Man lese in der Bundeszeitschrift des Jungdeutschlandbundes (1913, No. 1 u. 2) nach, in welcher Weise eine fruchtbare Verbindung zwischen den einzelnen Unterrichtsfächern und den Übungen des Bundes hergestellt werden kann. Und nicht nur dies, sondern das gegenseitige Verstehen und Vertrauen von Lehrenden und Lernenden wird dadurch erst recht ermöglicht. Der Lehrer entdeckt draussen in manchem Schüler ein Interesse, das er bei ihm nie vermutet hat; er gewinnt einen Einblick in die Welt des Knaben und rückt ihm so menschlich viel näher, als dies der Schulbetrieb gestattet. Zu der mehrfach geäusserten Befürchtung, dass durch solche Annäherung der Lehrer in den Augen des Schülers an Achtung verliert, liegt kein Grund vor, wenn nur der Lehrer eine achtunggebietende Persönlichkeit ist. Vielmehr ist solches Miteinanderleben von Lehrer und Schüler geeignet, einen Ton und Geist in das ganze Schulleben hineinzutragen, der, auf gegenseitiges Vertrauen gegründet, die beste Grundlage für eine gedeihliche nationale Erziehung bildet. Diese Arbeit an unserer Jugend ist indes nicht so zu verstehen, dass der Schule und den Lehrern damit eine neue Bürde aufgelegt werden soll, dass die vielen neuzeitlichen Anforderungen um eine neue vermehrt werden sollen — scheint es doch fast so, als würden unseren höheren Schulen schon zu schwere Belastungsproben zugemutet —, sondern sie will jene in ihren Pflichten unterstützen, indem sie ein an Körper, Geist und vaterländischem Sinn gesundes Geschlecht erziehen hilft. So dürfen denn die höheren Schulen sich nicht in schlecht angebrachter Vornehmtuerei von der Jungdeutschlandarbeit fernhalten, sondern müssen mit Hand anlegen, zumal da sie berufen sind, die geistigen Führer ihres Volkes heranzubilden; denn „die Förderung führender Charaktere ist eine der ersten Aufgaben gesunden Staatslebens" (v. d. Goltz). Wir wollen zeigen, dass der heutige Philologenstand sich nicht mehr aus Männern zusammensetzt, die alles nur vom grünen Tisch aus durch die Brille ihrer Stubengelehrsamkeit sehen und ausserhalb des draussen wogenden Lebens stehen, sondern dass wir ein offenes Auge und ein warmes Herz für die Wünsche und Bedürfnisse der jugendlichen^Natur haben, dass wir ihr die Lebensfreude nicht dämpfen, sondern erhöhen wollen. Ein Bedenken freilich muss noch zur Sprache kommen, das von Seiten der Schule, wie mir scheint, nicht mit Unrecht gegen eine derartige Inanspruchnahme der Schüler vorgebracht wird. Ist nicht zu befürchten, dass diese mehr zur Zerstreuung und Verflachung als zur Anregung dient? Wenn noch die Erziehung zu gewissenhafter, ernstlicher Arbeit das Ziel unserer höheren Schulen sein soll, wo bleibt da bei den hohen, sich stetig steigernden Anforderungen Zeit zu ernsthafter Beschäftigung? Zur Lösung dieser Frage hat jüngst der Oberrealschuldirektor in Hamm Dr. Bleucke in der Kölnischen Zeitung das Wort ergriffen und einen Vorschlag in Anregung gebracht, der mir besonderer Beachtung wert erscheint. Ausgehend von der Tatsache, dass sich das Wachstum der Schüler vorzugsweise im Sommer vollzieht und durch starke geistige Anstrengung zurückgehalten wird, stellt er die Frage, ob wir mit der gleichmässigen Verteilung des Lehrstoffes auf Sommer und Winter auf dem rechten Wege sind, und verneint sie auf Grund seiner laugjährigen Beobachtungen. Im weiteren regt er an, darüber nachzudenken, wie eine Entlastung der Schüler im Sommer angängig sei, und deutet selbst mit kurzen Strichen an, in welchem Sinne er sich eine^solche denkt. Man mag über seine Vorschläge im einzelnen urteilen, wie man will, 22 der Grundgedanke ist jedenfalls des Nachdenkens und Nachprüfens wert und zeigt uns einen gangbaren Weg, auf dem unsere Schule der Jungdeutschlandbewegung entgegenkommen und ihr, ohne sich selbst zu schädigen, einen grossen Dienst erweisen kann. Haben Familie und Schule einen unmittelbaren Einfluss auf die Jugenderziehung, so kann der Staat nur die Aufgabe haben, die Grund- und Richtlinien für die nationale Erziehung festzulegen, anregend und fördernd zu wirken und darüber zu wachen, dass die darauf gerichteten Bestrebungen nicht in falsche Bahnen gelenkt werden. In der letzten Zeit sind eine Reihe von Erlassen veröffentlicht worden, die den im nationalen Sinne tätigen Jugendvereinigungen Erleichterungen und Vergünstigungen gewähren. So ist jüngst von der Tarifkommission der deutschen Eisenbahnen beschlossen worden, Vereinen, die einer staatlich geförderten Organisation für Jugendpflege, insbesondere dem Bund „Jungdeutschland" angehören, für ihre im Interesse der Jugendpflege veranstalteten Ausflüge Fahrpreisermässigung zu gewähren. Und zwar erfolgt die Beförderung von Jugendlichen unter 20 Jahren nebst deren Leitern in der dritten Wagenklasse der Personenzüge zum halben Preise. Ist diese Vergünstigung auch noch an verschiedene Bedingungen geknüpft, die ihre Nutzbarmachung wesentlich beschränken, so ist doch mit ihr einem lang gehegten Wunsche und einem oft gestellten Antrage der Jugendbestrebungen stattgegeben worden, und es steht zu hoffen, dass ihr andere folgen werden. Auch die Militärbehörde hat sich neuerdings zu grösstem Entgegenkommen hereitgefunden. So ist durch Verfügung des preuss. Kriegsministeriums vom 6. 4. 1912 angeordnet worden, dass Jugendgruppen, die ihre Zugehörigkeit zu Schulen oder besonders aufgezählten Vereinigungen nachweisen, in Kasernen, Exerzierhäusern und anderen geeigneten militärfiskalischen Gebäuden Unterkunft und Verpflegung erhalten können. Da für beides nur die Selbstkosten berechnet werden, so sind die Sätze so niedrig, dass sie von jedem bestritten werden können. Nach einer weiteren Verfügung desselben Ministeriums müssen die Truppenteile alle ausgemusterten Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände an mehrere grosse Justizgeiängnisse zur Aufbesserung abgeben. Alle dem Jungdeutschlandbunde angeschlossenen Vereine dürfen nach einem vom Bunde mit der Direktion des Zentralgefängnisses getroffenen Abkommen die Gebrauchsgegenstände von dort beziehen. Ein Vergleich mit anderen Staaten und Völkern unserer Zeit lehrt uns, dass das Ausland uns Deutschen in den Bestrebungen, die heranwachsende männliche Jugend im nationalen Sinne zu erziehen, zum Teil weit voraus ist. Machen doch seit einer Reihe von Jahren Frankreich, England, Osterreich, Schweiz, Schweden, Japan u. a. grosse Anstrengungen, um durch Bildung von Jugendorganisationen und deren Unterstützung aus staatlichen Mitteln ihre Wehrkraft zu heben. Deshalb erscheint mir die schon mehrfach erhobene Klage nicht angebracht, dass es unserer Jugend schaden könne, wenn sie sich von allen Seiten umworben und in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gerückt sehe. In unseren ernsten Tagen, von denen keiner weiss, was sie uns noch bringen werden, ist m. E. in dieser Beziehung ein Zuviel gegenüber einem Zuwenig das kleinere 23 Übel. Auch ist es ja jedes einzelnen Sache, aus dem Vielerlei das jeweilig Passende auszuwählen. Wenn es dabei nur nach dem Worte Scharnhorsts geht, das unser grosser Schlachtenlenker Moltke so überzeugend in die Praxis übertragen hat: „Getrennt marschieren, vereint schlagen 1" Möchte es unseren höheren Schulen und allen, die an der nationalen Erziehung unserer deutschen Jugend arbeiten, gelingen, das heranwachsende Geschlecht zu tatkräftigen und tatenfreudigen Männern heranzubilden, die beseelt von dem Geiste, der vor hundert Jahren in unseren Vätern das heilige Feuer nationaler Begeisterung zu einer hellodernden Flamme entfachte, jederzeit bereit sind, ihre Kräfte der Grösse und der Ehre ihres deutschen Vaterlandes zu weihen, unseren Feinden zum Trotz, unserm Volke zu Nutz! „Heilige Flamme, glüh', Glüh' und erlösche nie Fürs Vaterland!"