Der Mythus von der Götterdämmerung, seine ethische und pädagogische Bedeutung Prof. Dr. Nover. Beilage zum Programm des Grossherzoglichen Herbstgymnasium zu MAINZ Buchdruckerei von H. Prickarts 1902. 1902. Progr. Nr. 711. ' -'fe (MO, 3^ i//£ Der Mythus von der Götterdämmerung, seine ethische und pädagogische Bedeutung von Prof. Dr. Jakob Nover. In einer Programmabhandlung des hiesigen Gymnasiums vom Jahre 1880, betitelt: „Bedeutung germanischer Mythologie für die Schule" habe ich auf den hohen Wert der „deutschen Götter- und Heldensage" als notwendiges Bildungsmoment im Sinne einer nationalen Jugenderziehung hingewiesen und im Einklang mit namhaften Pädagogen mein Befremden über die auffallende Thatsache ausgesprochen, dass im Vergleich zur Behandlung der griechisch-römischen Mythologie, ja selbst zur Berücksichtigung der Religion orientalischer Völker, dem Eingehen auf den Glauben unserer Vorfahren noch zu wenig Beachtung auf unseren hohen Schulen gewidmet würde. Seitdem ist es in dieser Hinsicht wesentlich besser geworden. Nicht nur haben ■die Unterrichtspläne höherer Lehranstalten, — vor allem der betreffende neue preussische, — die Wichtigkeit dieses Bildungsfaktors hervorgehoben und seine eingehendere Behandlung empfohlen, sondern es ist auch in fast allen Neuauflagen der eingeführten deutschen Lesebücher diesem als dringlich empfundenen Bedürfnis in geeigneter Auswahl aus unserer germanischen Mythologie entsprochen worden. Doch kann und muss unseres Erachtens in dieser Beziehung immer noch mehr geschehen, zumal sich Kunst und Litteratur in stetig fortschreitender Kultur- entwicklung dieser neu erschlossenen dankbaren Schätze, die bislang im Gelehrtenstaub vergraben lagen und nur wenig Eingeweihten zugänglich waren, mit Glück und Erfolg bemächtigt haben. Ein Hauptverdienst hat sich hier ohne Zweifel R. Wagner mit seinen genialen Kompositionen erworben; er hat zum besseren Verständnis seiner gewaltigen Tondramen für — 4 — einen jeden Gebildeten die eingehendere Beschäftigung mit unserer germanischen Mythologie zum unabweislichen Erfordernis gemacht. Aber auch viele unserer besten Dichter haben aus dem noch in der Volkstradition frischsprudelnden Sagenborn ihre- schönsten Balladen und Romanzen geschöpft und einige aus- dentscher Götter- und Heldensage wirksame Stoffe zu grossartigen Epen und Dramen genommen. Yon ersteren nenne ich z. B. Goethe in seinen Gedichten: „Erlkönig", „Der getreue- Eckart", „Hochzeitslied", »Fischer" u. a., Bürger: „Der wilde Jäger", ferner Kopisch in seinen reizenden poetischen Märchen: .Die Heinzelmännchen* und .Des kleinen Volkes überfahrt", ühland: »Siegfrieds Schwert", Chamisso: „Des Biesen Spielzeug", dann Felix Dahn: „Elfenabschied", „Walküre" und» „Sigyn" u. n. a. Von Verfassern grösserer Dichtwerke erwähne- ich besonders Wilh. Jordans „Nibelunge", Hebbels, Dahns und Geibels Nibelungendramen. Über die reiche Befruchtung, die- aus der erschlossenen germanischen Sagenwelt auf unsere moderne Kunst ausging, bat Paul Herrmanowski im zweiten, Teile seines anregenden Werkes: „Die deutsche Götterlehre und ihre Verwertung in Kunst und Dichtung" (Berlin 1891) eine- freilich nicht erschöpfende und wenigstens durch die bedeutsamen« plastischen Schöpfungen der Neuzeit zu ergänzende Zusammenstellung herausgegeben. Als epochemachend erwähne ich hier nur Engelhards Eddafries und Professor Döplers prächtige- Göttergestalten. Der Thatsache gegenüber, dass unsere Dichter und Künstler so lange zumeist nur aus der Mythologie und den. plastischen Vorbildern der klassischen Antike schöpften, unsere einheimischen Überlieferungen aber vernachlässigten, komme man jetzt nicht mehr mit dem Einwände, dass uns die griechischen Götterideale und Mythen menschlich mehr anheimelten, als die nordischkalten, noch fremderen und entlegeneren Phantasie- gestaltea und grotesken Natursagen unserer Ahnen. Wir wollen heute nicht allein Gewicht darauf legen, dass vom nationalen« Standpunkte aus, selbst wenn uns die antiken Götter und Heroen, sympathischer sein sollten, doch aus Vaterlandsliebe die einheimischen Überlieferungen wert sein müssten, wir wollen auch, nieht angesichts so mancher genialer Schöpfungen in Kunst — 5 — und Litteratur der Neuzeit kühn den Nachweis liefern, dass sich unsere nationalen Göttergestalten und Belebungen germanischer Sagen in ästhetischer Beziehung dreist mit den Meisterwerken antiker Plastik und den Epen eines Homer messen •dürfen, — diesmal kommt es uns darauf an, den ethischen und pädagogischen Gehalt der germanischen Mythologie in seiner Verwertung für den Jugendunterricht zu betonen. Und da möchte ich mir denn erlauben, die Worte eines unserer berufensten Interpreten germanischer Götter- und Heldensagen zu citieren, die Worte Wilhelm Jordans, des genialen Neugestalters der Nibelungensage, in seinen Epischen Briefen, worin er nach der feinsinnigen Deutung des Mythus vom Wintersonnengott Freya und der Riesentochter Gerda, der Verkörperung des Nordlichtes (XI. Brief, p. 244), sagt: „Wie ist es denn möglich gewesen, dass wir so lange geglaubt haben an die niederträchtige römische Lüge, unsere Altvorderen seien dennoch nur eine Art halbwilder Barbaren und Bärenhäuter »gewesen? Wo in aller Welt und in allen Zeiten wäre denn ein Volk zu finden, dessen Göttersage sich auch nur messen dürfte mit der unserer Ahnen an Tiefsinn und Naturbetrachtung, an sittlichem Ernst, an gleich heiterer als mannhaft tapferer Auffassung des Lebens mit seiner Lust und seinem bitteren Leide, an entzückender Schönheit, plastischer Kraft und malerischer Farbenfülle der poetischen Anschauungen?" In der That, liest man zu Jordans prosaischer Auslegung dieses germanischen Göttermythus noch seine eigene poetische Verwertung in seinem Epos „Nibelunge" bei Gelegenheit,, wo Brunhild ihrem Freier und Liebeswerber Rätsel auferlegt, so wird man diesem Ausbruch moralischer Entrüstung nur beipflichten können. Die einzige Entschuldigung dieser Verkennung einheimischen Wertes könnte nur Unkenntnis unserer Mythologie sein, — und in der That war sie uns lange eine terra incognita, ja es wurde uns allen Ernstes bestritten, dass wir eine solche hätten. Nun ist es ja freilich wahr, dass uns der Eifer christlicher Sendboten bei Ausmerzung alter heidnischen Erinnerungen in unserem engeren Heimatlande wenig von unseren ältesten Überlieferungen übrig gelassen hat und dass wir zu unserem stammverwandten — 6 — Brudervolke im hohen Norden pilgern müssen, uns die Bruchstücke unserer deutschen Mythologie mit den Sagenschätzen Skandinaviens, über deren Erhaltung ein glücklicher Stern gewaltet hat, zu ergänzen. Doch dem Forscherfleisse ernster Gelehrten, der Berechtigung einleuchtender Mythenvergleichung und Kombinationsgabe ist es gelungen, uns aus den verschütteten Trümmern unseres Heidenglaubens das grossartige Schauspiel unserer germanischen Götterwelt neu zu erschaffen. Als Hauptquelle nordischer Mythologie dienen uns bekanntlich die beiden Edden, vor allem die sogenannte ältere Edda, eine Sammlung von teilweise schon im 10. Jahrhundert gedichteten Götterliedern, die der Bischof Brynjulfr 1643 in Island fand und einem dortigen Gelehrten, Sämund dem Weisen (f 1133), zuschrieb; er glaubte in dieser Handschrift des 13. Jahrhunderts die Quelle der um 1230 von Snorri Sturluson (f 1241) verfassten Edda gefunden zu haben, die man gemeiniglich die „jüngere" nennt. Die ältere oder Sämundar-Edda enthält 30 Lieder,, die zwar in Island aufgezeichnet sind, aber-grösstenteils aus Norwegen, zum Teil aber auch aus Grönland und Island selbst stammen. Übersetzungen gibt es jetzt viele. Wir nennen nur die von Simrock, Hans v. Wolzogen, Wilh. Jordan und neuerdings die vortreffliche von H. Gering (Leipzig 1893). Doch bei Benutzung und Heranziehung dieser Quellen für den Aufbau unserer deutschen Mythologie ist die höchste Vorsicht geboten. Einmal ist dem Einfluss nordischen Klimas, nordischer Bodenbeschaffenheit und nordischer Umgebung gebührend Beclinung zu tragen. Dann darf man nicht die freispielende Dichterphantasie mit dem Volksglauben ohne Weiteres identifizieren. Endlich sind sowohl antike, nämlich griechisch-römische Sageneinwirkungen, wie auch christlich-jüdische Beeinflussungen von bedeutenden Gelehrten und Porschern angenommen worden, worüber wir uns später noch weiter auslassen werden. Nicht minder sind christliche und orientalische Elemente aus unseren Volksmärchen auszuscheiden, die man zu Rückschlüssen auf früher vorhandene Göttervorstellungen in oft allzu künstlicher und phantastischer Deutelei hat ausnützen wollen. Doch haben uns r wenn sie sich auch in manchem vergriffen und verthaten, red- — 7 — liehe und eifrige Forscher, wie die Gebrüder Grimm, Uhland, Simrock, Mannhardt u. a. den rechten Weg gezeigt, und darauf fussend und weiterbauend sind uns auch brauchbare und geniessbare Zusammenstellungen unseres früheren Glaubens geschenkt worden. Wir erwähnen von solchen nur El. Hugo Meyer's Germanische Mythologie (Berlin 1891), Eug. Mogk's Mythologie in H. Pauls Grundriss der german. Philologie III, (2. Auflage 1900) und Wolfg. Golther's Handbuch der german. Mythologie (Leipzig, 1895). Hat aber so der redliche Forscher- fleiss vorgearbeitet, nicht bloss mit Wegräumen des Schuttes und Beseitigen der fremden Elemente, sondern auch mit dem Wiederaufbau der Euinen unserer germanischen Mythologie, so gebührt wohl auch einiger Dank den Schriftstellern, die auf Grund der gewonnenen Resultate die Schätze und Schönheiten •unserer vaterländischen Sagenwelt einem grösseren gebildeten Leserkreise und namentlich der deutschen Jugend erschlossen. Das Verdienst, der erste auf diesem Gebiete populärer Darstellungen nordisch-germanischer Götter- und Heldensagen gewesen zu sein, gebührt dem darstellerisch ansprechenden Interpreten von Hellas und Rom, dem verewigten Dr. Wilh. Wägner („Unsere Vorzeit", Leipzig). Mit ihm verband sich vor nunmehr 22 Jahren der Verfasser dieser Programmabhandlung zur Herausgabe eines speziell für die Schuljugend bestimmten Buches („Nord. germ. Götter- und Heldensagen", mit Illustrationen von Prof. Döpler und Heine nach Engelhard, Leipzig, 3. Aufl. 1901) und seit der Zeit ist eine ganze Reihe ähnlicher Bücher zum gleichen Zweck erschienen, teils um in der Hand des Lehrers den geeigneten Stoff zum Schulunterricht zu bieten, teils um die Jugend selbst durch Privatlektüre in unsere Mythologie einzuführen. Wir nennen hier nur F. Dahn's Walhall, Kaufmann „Deutsche Mythologie" (Sammlung Göschen), Wolfg. Golther „Götterglaube und Göttersagen der Germanen" (Dresden), Paul Herrmann „Deutsche Mythologie" (Leipzig 1898). Ist uns sonach der Grund und Boden wiedergewonnen, auf dem sich die Herrlichkeit der altgermanischen Götterwelt auferbauen lässt, so käme es auf einen Vergleich mit der antik- klassischen Mythologie, beziehungsweise auf den Nachweis an, dass an ästhetischer Schönheit, an sittlichem Ernst und an pädagogischer Bedeutung die nordisch-germanischen Götter- und Heldensagen den griechischen Mythen durchaus nicht nachstehen. Des zum Beleg wollen wir für diesmal nur ein Beispiel behandeln, den Mythus von der Götterdämmerung, der, wenngleich wesentlich durch nordischen Boden und nordische elementare Erscheinungen entwickelt, vielleicht auch in seiner eddischen Gestaltung nicht frei von aussergermanischen Einflüssen, doch in seinem Kern und seiner Grundidee gemeingermanisches Eigentum und gar in seiner künstlerischen Verwertung und Vertiefung Besitztum unserer jetzigen Kultur geworden ist. Als Quelle dienen uns mehrere Lieder der Edda, vor allem die Völuspä, d. h. Ausspruch der Seherin; doch mögen uns auch noch einige andere der älteren und jüngeren Edda zur Zusammenstellung des Gemäldes dienen, das wir in folgendem entwerfen wollen: so Wafthrudnismäl, das Lied vom weisen Riesen Wafthrudnir, ferner Grimnismäl, das Lied vom Grimnir, (Beiname des verlarvten Odin), dann Lokasenna, der Wortstreit Loki's, das Hyndlalied und endlich die ausführliche Schilderung der nordischen Götter weit in Gylfaginning, d. i. Verblendung des schwedischen Königs Gylphi, ein Erzeugnis der jüngeren Edda. In der ganzen griechischen Mythologie suchen wir vergebens ein so grossartiges dramatisches Ganze mit einer von Anfang an vorbereiteten und notwendigen Katastrophe, eine so erschütternde Tragödie mit einer tiefen, hochsittlichen Idee, mit der höchsten Idee überhaupt, dass die Schuld ihre Sühne verlangt, dass der Verderbnis und Verschlechterung der Götterwelt unvermeidlich der Untergang folgen und dem sehnsüchtig hoffenden Menschenherz eine reinere und schönere Welt erstehen muss. Und eben in diesem ethischen Gehalt liegt auch die hohe pädagogische Bedeutung. Die hellenische Mythologie hebt sich ab wie ein heitersinnliches Gebilde in leuchtenden Farben, „ein Tempel aus weissem Marmor mit Gold und Purpur verziert, aus Myrthen- und Lorbeergebüschen unter der ewig lachenden Bläue des jonischen Himmels", umsäumt von dem wechselnden Lichterspiel der Wogen. Frivol scherzen und sündigen ihre Götter bei Nektar — 9 — und Ambrosia, und kein Verhängnis fällt sie an. In der germanischen Mythologie dagegen rauschen durch die finstern Wälder die Orkane, schwere Wetterwolken ziehen über ihre Haine und Gehege; trübe Alinungen beschleichen die Götter im Gefühle ihres Schuldbewusstseins, bei der traurigen Wahrnehmung des Verfalls ihrer Schöpfungen und ihrer eigenen Hinfälligkeit,. „Unaufhaltsam wie ein Giessbach, welcher der Natur und dem Gesetze der Schwere folgt, die ihm vorgezeichnete Bahn hinabstürzt in den Abgrund", so eilen die Götter ihrem selbstverschuldeten Verhängnis zu. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel grösstes aber ist die Schuld", sagt der Dichter. Und eben in diesem grossartigen sittlichen „Brand- und Sühnopfer", aus dem phönixgleich eine reinere und geläuterte Götterwelt emporsteigt, eben darin liegt der ungemein ethische Gehalt unserer Mythologie, der sie vorwiegend zu einem Bildungsmittel unserer Jugend machen dürfte; er entwickelt „charakterfeste Männer und ideale Frauen". (Vergl. F. Dahn's: „Däs Tragische in der germanischen Mythologie".) Ehe wir nun in die eigentliche Schilderung vom Untergang der Götterwelt eintreten, sei es uns vergönnt, ein Bild der Wohnsitze und des Lebens der nordischen Asen vorauszuschicken. Über Midgard, dem Mittelpunkt des Weltalls und der Menschenwelt, bereitet sich zunächst im lichten Äther das Reich der strahlenden Alfen aus, lieblicher hilfreicher Geister, Göttern sowohl wie Menschen befreundet. Darüber haben sich die Himmlischen ihr Asgard gegründet, glänzend von Gold und köstlichem Gestein, in ewigem Frühling grünend. Zwölf schimmernde Burgen oder Hallen waren ihnen hier als Wohnsitz bereitet. Die wichtigste ist Gladsheim, d. h. Glanzheim, die Burghalle Odins., des Göttervaters, an welche die mit goldenen Spindeln gedeckte Walhalla stösst mit 500 Thoren, aus dem je 800 Streiter hervorgehen mögen. Westlich am Eingang hängt ein Wolf, darüber schwebt ein Adler. Das ganze schimmernde Gehöfte umzieht der Hain Glasir mit goldenem Laub. Abends wird die Halle durch den Glanz der Schwerter •erhellt. — 10 — In der Mitte Walhallas vor Odins Heersaal ragt der Wipfel der Weltesche empor, deren Zweige sich über das ganze All erstrecken und deren drei Wurzeln nach einer allerdings unklaren Vorstellung der Grimnisrnäl bis zum Schicksalsbrunnen der Nomen, andererseits zu den Reifriesen und südwärts zum Nachtreich der Unterweltsgöttin Hei hinabreichen sollen. Dieser Baum, Yggdrasil genannt, — auf die mutmassliche Bedeutung und Etymologie des Wortes werden wir noch zurückkommen, —• versinnlicht wohl das Universum selbst, das gesamte Leben in der Schöpfung, von dessen Gedeihen und Welken das Schicksal der ganzen Welt abhängt. Es ist'.Jeine tiefernste und tragische Auflassung unserer Vorfahren, dass, so emsig auch die Nornen aus dem Schicksalsborne diesen Weltbaum begiessen, doch verschiedene Geschöpfe an seinem Untergange arbeiten. So nagt an seiner Wurzel ein Drachenungetüm, Niddhogg, d. h. „der schadengierig Hauende", das sich von Leichen und Schlangen ernährt. Im Gezweige des Baumes äst der Hirsch Eikthyrnir, d. i. Eichdorn, aus dessen Geweih die Erdgewässer kommen; eine später interpolierte Stelle weiss gar von vier Hirschen, deren Namen die Vergangenheit bezeichnen, denn sie Aveiden Knospen und Zweige ab. In dem Wipfel horstet ein Aar, und ein Eichhorn Ratatoskr, d. i. Rattenzahn (nach Bugge's Studien), huscht geschäftig zwischen Spitze und Wurzel hin und her, um die Worte des Adlers dem Drachen zu hinterbringen, „denn", nach Wägners sinniger Deutung, „kann zwischen dem Sonnenaar des Lebens und dem Wurme des Todes nimmer Freundschaft und Friede bestehen". Ferner weidet in den Ästen noch die Ziege Heidrun, deren Euter den seligen Helden in Walhall (den Einheriern) Met spendet und ihnen so ihre Eigenart, ihre sogenannte Heid erhält, eine Wortsubstanz, die man noch in vielen unserer abstrakten Dingwörter auf „heit", wie Reinheit und Schönheit, erkennen will. Obwohl die Vorstellung des Weltalls unter einem alles überragenden Baume uralt ist, wie denn zweifelsohne auch die Irminsul der Sachsen, die ja der Chronist einen truncus ligni, eine columna universalis, quasi sustinens omnia nennt, ein Abbild davon war und andererseits die Weltesche Yggdrasil auch als Bichtstätte der Götter (nach Grimnjsmäl 29) sicherlich aus dem altgermanischen Eechtsleben geschöpft ist, so hat man doch in ihrer Ausschmückung jüngere, speziell isländische, ja sogar Einflüsse christlich-abendländischer Kultur erkennen wollen. In letzterer Beziehung haben namentlich die Studien des skandinavischen Gelehrten Sophus Bugge und die des Theologen Dr. Bang -viel Staub aufgewirbelt. Nach ihrer Überzeugung sind in die Skaldenpoesie zur Zeit der nordischen Wikingerfahrten gen Westen im 8. Jahrhundert durch Berührung mit den Iren und Kelten nicht nur antik-klassische, sondern auch spezifisch jüdisch-christliche Elemente eingedrungen. Diesen Behauptungen, die sie zum Teil mit sehr künstlich und weit hergeholten Beweisen von Ähnlichkeiten mit griechischen Mythen und christlichen Überlieferungen zu stützen suchten, ist von deutschen Gelehrten, besonders von dem berühmten Altertumsforscher Karl Miillenhoff (u. a. in seiner „Deutschen Altertumskunde V, 1) entgegengetreten worden. Müllenhoff hat die Eigenart speziell des nordisch-germanischen Eddalieds von der Weltschöpfung und dem Weltuntergang, der Völuspa, freilich oft mit groben Keulen Schlägen zu verteidigen unternommen. Allmählich hat sich die Streitfrage etwas geklärt und, wenn die Germanisten jetzt zum grossen Teil auch der Ansicht sind, dass Sophus Bugge und Dr. Bang in ihren Theorien viel zu weit gegangen, so hat man doch die Grundanschauung dieser beiden Gelehrten nicht völlig widerlegen können. Ja Elard Hugo Meyer sucht in seiner Untersuchung „Völuspa" (1889) z. B. eine Übereinstimmung dieses Gedichts mit der Genesis nachzuweisen. Ein Hauptvertreter einer vermittelnden Anschauung ist der Bostocker Professor Dr. Wolfg. Golther. In seinem „Handbuch der germanischen Mythologie" (Leipzig, 1895), dessen ruhig sachlicher Ton wohlthuend von der selbstherrlichen und oft unmanierlichen Sprache mancher anderen Germanisten absticht, kommt er bei der Erklärung der Weltesche auf den überraschenden Schluss, dass Yggdrasil eine Nachahmung des Kreuzesbaumes, wie er im Glauben der christlichen Völker des Mittelalters lebte, und der Mythus von ihm erst in der Wikingerzeit entstanden sei. — 12 — Die Bezeichnung „Yggdrasil" — wofür übrigens auch nach dem Mimirsborne am Fusse der Weltesche der Name „Mima- meide" und die etymologisch dunkle Benennung „Lärad" vorkommen — bedeutet „Boss des Fürchterlichen", d. i. Odins, und soll nach der Vorstellung, sich einen Gehenkten als Beiter und den Galgen als sein Pferd zu denken, soviel sagen wie „Odins Galgen". In demselben Sinne finde sich in einem englischen Gedichte des 14. Jahrhunderts, das sicherlich aus älteren Überlieferungen geschöpft, für „Kreuz Christi" die Bezeichnung „Christi Pferd", und daraus erweist Bugge („Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen") nach Golthers Überzeugung „Zug für Zug die'vollkommene Übereinstimmung zwischen den mit Yggdrasil und den im Mittelalter verknüpften Vorstellungen. Das Verhältnis kann nur so gedacht werden, dass Yggdrasil unter der Einwirkung der Kreuzessagen entstand, nicht etwa so, dass in letzteren heidnische Erinnerungen nachwirken; denn die Vorstellungen vom Kreuze haften bereits in solchen altchristlichen Schriften, worin germanische Einwirkung mit Bücksicht auf Zeit und Ort durchaus unmöglich ist. Das Kreuz wurde in den bekannten christlichen Hymnen als ein Baum besungen, der seine Lebenskraft aus einer Quelle an seiner Wurzel sog, als ein Baum mit Laub und Früchten." Golther zieht hier noch ein mittelhochdeutsches Bätsei heran, dessen Lösung der Kreuzesbaum sei, bei dem noch eine Verschmelzung mit dem paradiesischen Baum des Lebens und dem der Erkenntnis, als dem besten aller Bäume, mitwirke. Der Drache Niddhogg, der an der bis zur Hölle reichenden Wurzel Yggdrasils nage, erinnere einerseits an die Schlange-des Erkenntnisbaumes, andererseits an die schlangenerfüllte Hölle, den sogen. Wurmsaal, wie in angelsächsischen Gedichten die Hölle benannt sei. Erstere Parallele will mir garnicht einleuchten, denn von der Paradiesschlange wird doch nirgends gesagt, dass sie die Wurzel des Erkenntnisbaumes benage. Auch der Vergleich des Hauptes Mimirs, des Quellgeistes, dessen nordischen Ursprung Golther anerkennt und das am Fusse der Weltesche ruht, mit dem Schädel Adams, über dem der Kreuzesbaum stehe, scheint mir doch mehr ein äusserlicher und zufälliger, als tiefbegründeter, - 13 — wenigstens ist mir nichts vor einer so wichtigen Bedeutung und tiefsinnigen Beziehung des ersten Menschenschädels zur Gottheit bekannt, wie sie Mimirs Haupt, als Urquelle versteckter Weisheit, zu Odin, dem Göttervater, hat. Gewagt scheint mir auch die Erklärung der Tiere (Drachen, Eichhörnchen, Hirsche, Vögel), die das Laub der Weltesche benagen, nach ähnlichen Darstellungen auf nordenglischen aus dem 7.—9. Jahrhundert stammenden Steinkreuzen mit Rankenwerk, die also die Wikinger bei ihren Fahrten gen Westen gesehen und zur Ausschmückung ihres Weltbaumes verwandt haben sollen. Des zur Unterstützung leitet Golther den Namen „rata- toskr" für das Eichhorn von den englischen Lehnwörtern rati (Eatte) und toskr (angels. tusc, d. i. Zahn) her. Die Beziehungen der Tiere untereinander, die freilich auf den englischen Weinranken nicht erkenntlich seien, habe dann die umbildende Phantasie der Nordleute, vielleicht durch eine Fabel angeregt, zuwege gebracht. Wie es Golther dann weiter ausführt, ist ja wohl eine recht geistreiche Hypothese, aber eben doch nur eine Hypothese; er schliesst seine Beweisführung mit den Worten: „Dass ein Baum, welcher dem höchsten Gott wie einem Geopferten zum Galgen dient, davon seinen Namen erhält und in dieser Eigenschaft zum heiligen Symbole der Welt erhoben wird, streitet bestimmt gegen die Vorstellung von heiligen Bäumen und vom obersten Gott, wie wir sie bei heidnischen Völkern anzutreffen gewohnt sind. Alle Ungereimtheit schwindet, sobald wir des Kreuzes gedenken." Es ist mir trotzdem auffallend, dass bei der ganzen Schilderung der Weltesche auch nicht die geringste Anspielung von Odins Aufopferung an demselben, wie an einem Galgen, zu finden ist. Die Stelle wenigstens, die sich in dem nordischen Liede Havamal findet, dass Odin speerwund neun Nächte im windigen Baum gehangen, um in den Besitz der ßunenweisheit zu gelangen, kann auch ich nach E. Mogks Mythologie (p. 343) nicht auf eine Parallele mit Christus am Kreuze deuten. Nach El. Hugo Meyers „Völuspa" (1889) ist Yggdrasil nicht ein Name für Odin, sondern für die Esche selbst und bedeutet „Hengst", weil der Windgott gewissermassen auf Bäumen wie — 14 — auf Wolken reitet. Doch der Zweck meiner Ausführungen ist durchaus nicht, mich auf gelehrte Streitfragen einzulassen, in denen ich mit Resultaten eigener Forschung Licht zu verbreiten nicht imstande bin; nur auf einigermassen feststehendem, gemeingermanischen Grund und Boden möchte ich mich mit meinen Lesern bewegen können. Kehren wir also zu unserer populären Schilderung der Götterheime zurück. In olympischer Majestät thront Odin (Wodan) auf seinem Hochsitz in glänzender Waffenrüstung und kiest sich alle Tage die vom Schwerte erschlagenen Männer; zu seinen Füssen ruhen zwei mächtige Wolfshunde, und auf seinen Schultern sitzen seine zwei getreuen Eaben, Hugin und Munin, „Gedanke" und „Erinnerung" versinnlichend, die ihm alles ins Ohr raunen, was sich auf der Welt ereignet. Ringsum auf den mit schimmernden Brünnen belegten Bänken sitzen die von den Schlachtenjungfrauen, den Walküren, gebrachten Helden. Sie tragen sie von der Walstatt über die Regenbogenbrücke Bifröst, welche Midgard mit Asgard verbindet, nach Walhall. Ausser Walhall erhebt sich in Gladsheim noch Wingolf, die Halle der Göttinnen, ein Götterheim, das manche auch mit Folkwang, dem Volksgefilde, für gleichbedeutend halten, wo sich Freyja täglich die Hälfte der gefallenen Helden kiest. Dorthin wie nach Walhall werden die Einherier geführt, um bei Gelagen und Kampfspiel ein Leben voller Freuden und Wonnen fortzusetzen. Dort schmausen und zechen sie mit den himmlischen Asen in brüderlicher Eintracht. Ein mächtiger Eber Sährimnir, der täglich in einem Kessel gesotten wird, sich aber jeden Abend aufs neue ersetzt, wird aufgetischt, und in mächtigen Trinkhörnern wird ihnen von den weissarmigen Wunschmädchen das schäumende Ael kredenzt. Odin geniesst jedoch nur Wein; seine Fleischration lässt er den zu seinen Füssen lagernden Wolfshunden zukommen. Etwas rätselhaft erscheint hier auch die von uns bereits erwähnte Ziege Heidrun, die auf Walhalls Dache stehend und die Triebe der Weltesche benagend, aus ihren Zitzen Milch rinnen lässt, aber dabei doch die Krüge mit nie versiegendem „Met" füllen soll. Das Wunder dieser Verwandlung bleibt unaufgeklärt und geht noch über das auf der Hochzeit zu Kana. — 15 — Die Walküren gehören ohne Zweifel zu den poetischsten Gestalten germanischer Dichterphantasie. „"Mit Helm und Schild, in fester Brünne, mit funkensprühenden Speeren, von leuchtenden Blitzen umspielt, reiten sie auf ihren Wolkenrossen dahin durch die Lüfte; schütteln sich die Bosse, so fällt von den Mähnen fruchtbarer Thau in die Thäler und Hagel ins hohe Gehölz." Odin sendet sie zur Walstatt, Sieg zu verleihen oder dem Tode verfallene Helden zu küren. Wer kennt ihre Erscheinung nicht aus B. Wagner's „Walküre"? Auch ein sinniges Gedicht Felix Dahns über den Beruf der Walküre möge hier Platz finden: „Froh sah ich Dich aufblüh'n, Du freudiger Held, Lang folgt' ich Dir schwebend und schweigend gesellt, Oft küsst ich des Schlummernden Schläfe gelind Und leise die Locken, die Dir wehen im Wind. Hoch flog ich zu Häupten — Du kanntest mich kaum — Durch die Wipfel der Wälder, Dein Trost und Dein Traum. Und nun, da die Nome den Tod Dir verhängt, Hab' ich Dir den schnellsten, den schönsten geschenkt. „Sieg!" riefest Du selig, „Sieg, Sieg allerwärts!" Da lenkt' ich die Lanze Dir ins herrliche Herz, — Du lächeltest lieblich, — ich umfing Dich im Fall — Ich küsse die Wunde, — und nun auf: — nach Walhall!" Eine solche Schöpfung, wie die der Walküre, konnte nur bei einem Volke eigenartig erstehen, bei dem die Verehrung der Frauen so ausgeprägt war, wie bei den Germanen. Genossen doch manche, wie uns Tacitus in seiner Germania berichtet, als Wahrsagerinnen und Priesterinnen fast göttliche Ehren und reichten sie ihnen nicht nur bei den Gelagen den Trank herum, sondern standen sie doch auch, wie ausdrücklich bezeugt wird, im Falle der Not ihren Männern kämpfend zur Seite. Auch in der letzten Entscheidungsschlacht, heim Ausbruch der Götterdämmerung, sollen sie, wie die Einherier ihrem Walvater Odin helfend zur Seite stehen. Diese Katastrophe vorausahnend, hält an der Begenbogen- brücke der getreue Himmelswächter Heimdall Wacht, um in sein gellendes Giallarhorn zu stossen, sobald er Gefahr drohen sieht. In ähnlicher Pracht wie Odins Hochburg erschirnmern die anderen Götterheime, wie Fensal die Halle von Frigg, der Gemahlin Walvaters, Thrudheim, des gewaltigen Donnerers Thors — 16 — Behausung, darin die leuchtende Halle Bilskirnir mit 540 Gemächern, Ydalir, der Eispalast des Wintergottes Uller, Breida- blick, die strahlende Burg Balders, des Lieblings aller, ferner das auf goldenen Säulen ruhende Silberdach Glitnir, wo Forseti Recht spricht, und Noatun, die Schiö'sstation des Handelsgottes Niördr, — man zählte 12 Hauptgötter oder Asen. Ausserdem gab es noch lintergeordnete Gottheiten, die Wanen, das heisst schimmernde, die mit Jahressegen, Frieden und Reichtum zu schaffen haben; zu ihnen zählte auch der Wintersonnengott Freyr. Ihr Gegensatz zu den Asen hat sogar in einem Kriege seinen Ausdruck gefunden, der dadurch geschlichtet ward, dass gegenseitig Geiseln ausgewechselt wurden. So soll von den Wanen der reiche Niördr mit seinen Kindern Freyr und Freyja in die Gemeinschaft der Asen aufgenommen worden sein. Östlich von Asgard, an der äussersten Grenze Midgards, dehnt sich Jötunheim aus, das Reich der gewaltigen Riesen r Verkörperungen grausiger elementarer Gewalten; sie sind mit den Bewohnern der sich südlich ausbreitenden Feuerwelt Muspel- heim, mit Surtur und seiner unheimlich leuchtenden Dämonenschar die natürlichen Feinde der Asen. Ihr grösster Widersacher aber ersteht in ihrer eigenen Mitte; es ist Loki, der Gott des verderblichen Feuers, etymologisch „der Beschliesser", „der Endiger", nach Bugge eine Abkürzung von Lucifer, mit dem als abgefallenen Engel er wohl auch sonst viel Ähnlichkeit hat; denn auch e r befand sich ursprünglich in der Gemeinschaft der Asen, mit denen er sogar teilweise einen Bruderbund geschlossen. Sein Name „Endiger"' deutet auf den Untergang der Götterwelt, auf dessen Katastrophe hin er systematisch arbeitet; er ist der nordische Satan, „der Geist, der stets verneint", er tritt auf als hämischer, hinterlistiger Ratgeber, der seine boshafte Schadenfreude über ihre Verlegenheit, Angst und Einbussen empfindet. Wie der heisse Glutwind im Hochsommer die Felder ihres goldenen Ährenschmuckes beraubt, so schneidet Loki hinterlistig der Getreidegöttin Sippia oder Sif ihr Lockenhaar ab. Bekanntlich bedeutet unser deutsches Wort „Sippe" soviel als- — 17 — Verwandtschaft, und in der That eine reichere Sippschaft lässt sich kaum denken, als das zahllos wuchernde Geschlecht von Halmen, Ähren und Körnern. Auch Freyja's leuchtenden Halsschmuck „Brisingamen", wohl das Sternendiadem des Himmels, will der freche Rauher entwenden und wird nur durch die Wachsamkeit des Himmelswächters Heimdall daran verhindert. Auch Iduna, die Göttin unverwelklicher Jugend, die Hüterin und Spenderin der goldenen Äpfel, die den Göttern ihre Frische und ewige Blüte erhalten,. verlockte er arglistig, so dass sie die Beute des Sturmriesen Thiassi ward. Da ergrauten den Göttern die Haare, ihre Gesichtsfarbe ward gelb und aschfahl, und grämliche ßunzeln des Alters furchten ihnen Stirn und Wangen. Als die Götter von dem ganzen Vorfall erfuhren, zwangen sie Loki, die entführte Jugendgöttin wieder herbeizuholen. • Mit Hilfe von Freyja's Falkengewand gelang ihm das; er verwandelte Iduna in eine Nuss, das Symbol des Pflanzenkeims, und entflog mit ihr. Der Sturmriese setzte ihnen nach, ward aber durch ein bei seiner Ankunft auf Asgards Mauern entzündetes Feuer getötet. So wird die von den Herbststürmen entführte Vegetationsgöttin wieder von Loki, vielleicht hier dem Südwind, zurückgebracht. In Iduna's Äpfel, die im hohen Norden, speziell in Island, nicht gedeihen und auffallend an die Äpfel der Hesperiden in der Herkulessage erinnern, — Bugge denkt auch an den Apfelbaum im Paradiese, — darf man wohl aussergermanische Beeinflussung der Skaldenpoesie vermuten. Von Loki stammt auch eine Teufelsbrut ab, unheilbringende Trolle, vor allem drei Ungeheuer, die in der Katastrophe des Weltuntergangs den Göttern den Tod bringen: der Fenriswolf, die Midgardschlange und die Totengöttin Hei. Das erste Ungetüm wagte nur der Schwertgott Tyr (Zio) zu füttern und, da von ihm den Göttern Unheil prophezeit war, beschlossen sie seine Fesselung. Aber höhnisch grinsend zerriss das Untier zwei ihm nacheinander angelegte Fesseln. Da Hessen sich die Götter von den zauberkundigen Zwergen ein Band aus seltsamen Bestandteilen fertigen, nämlich aus dem Schall des Katzentritts, dem 2 — 18 — Bart der alten Weiber, den Wurzeln der Berge, den Sehnen der Bären, dem Hauch des Fisches und dem Speichel der Vögel. Diese unscheinbare Fessel war glatt und weich wie ein seidenes Band. Damit wollten die Götter den Weltwolf schnüren, doch dieser verlangte von Tyr zur Gewähr, dass man ihm keine Hinterlist sinne, dass er ihm seine rechte Hand zum Pfände in den Rachen stecke. Auf diese Weise gelang die Bändigung des Scheusals, aber Tyr verlor dabei seine Hand und darum ist er als Siegeverleiher in den Schlachten gewissermassen einseitig. Dem gierig um sich schnappenden Fenriswolf keilten die Götter ein Schwert zwischen die Kiefern und da liegt er nun an zwei Felsen gekettet. So wird wohl das ruchlose Verbrechen, das die menschliche Gesellschaft bedroht, durch das scheinbar schwache Band des Gesetzes gefesselt, und wie der Wolf durch das Schwert, durch den Bannspruch der Gerechtigkeit gebändigt. Heulend und Geifer speiend, liegt das Untier bis zum Tage des Weltuntergangs, wo es ein Sinnbild des später gleichfalls gefesselten Loki loskommt und sich den anderen Feinden der Götter zugesellt. Dann erscheint auch die in die Tiefe des Meeres gebannte Midgardschlange, die sich wie der biblische Leviathan um die Erde ringelt. Was den dritten Teufelssprossen, die Totengöttin Hei, betrifft, so verbanden unsere Vorfahren ursprünglich damit nur einen räumlichen Begriff, wie die Ausdrücke „zur Hölle gehen oder fahren" für „sterben" anzeigen; im Westfälischen bedeutet „Hellweg" soviel als Totenweg. Der persönliche Begriff' einer Totengöttin ist nach Golther erst eine spätere, spezifisch nordische Entwicklung und auch da empfängt sie nicht alle Toten, die zum Teil Odin und Freyja, andere wohl auch'die Wassergöttin Ran in ihr Reich aufnehmen. Der Weg zur Hei geht durch tiefe, dunkle Thäler, und ein Fluss trennt das Totenreich von der Menschenwelt; über ihn führt eine goldgedeckte Brücke, die eine Riesin bewacht. Ähnlich wie in der griechischen Unterwelt der Höllenhund Kerberos, so liegt auch am Eingang zur Hei in einer Felsenhöhle der Hund Garm, und dann schliesst ein Gitter mit einer Pforte die unterirdische Behausung ab, die wegen der finsteren sie beherrschenden Nebel auch Niflhel (Niflheim) heisst. — 19 — Dass im germanischen Totenreich auch Aufenthaltsorte für zu ewiger Strafe Verdammter gewesen, malt die Skaldenpoesie des 10. Jahrhunderts aus, denn in der Völuspa heisst es z. B. (V. 38): „Einen Saal seh ich stehen der Sonne fern, Auf Nastrand, die Thüren nach Norden gerichtet; Durchs Rauchloch strömte ein Regen von Gift, Denn die Wände des Saals sind umwunden von Schlangen." In einem eisigen Höllenstrom, der spitze Waffen in seinen "Wogen führt, waten Meineidige, Mörder und Ehebrecher zur Strafe. Wenn auch hei der Vorstellung der in der Hölle zu ewigen Qualen verurteilten Verbrecher christliche Einflüsse mitgewirkt haben mögen, so scheint doch die germanische Wasserhölle im Vergleich zum biblischen ewigen Feuer eigenartig zu sein. Auch dass die Todesart und nicht die Lebensweise entscheidet, ist heidnische Auffassung: so gehen gemeiniglich die im Kampfe gefallenen Helden zu Odin oder zur Freyja, die an Krankheiten und Altersschwäche Gestorbenen aber zur Hei; doch mitunter fliessen auch Walhall und Hei als allgemeines Seelenreich zusammen oder werden nicht, wie oben angedeutet, streng auseinandergehalten. Wohl spätere Dichterphantasie hat sich denn auch gefallen, die Totengöttin Hei und ihr Reich noch recht grausig auszumalen: sie erscheint halb schwarz, halb menschenfarbig, und grimmig blickt ihr halbherabgesunkener Kopf; „Plagebereiter" heisst ihr Saal, „Hunger" ihre Schüssel und ihre Messer, „Faulmann" ihr Knecht und „Tagdiebin" die Magd; „fallendes Unheil" bedeutet das Thor, „Geduldermüder" die Schwelle, „Krankenbett" heisst ihr Lager, „bleiches Unglück" nennt sich ihr Betttuch oder Vorhang. So schildert Snorri in der Gylfaginning c. 34. Der Genuss unterweltlicher Früchte bedingte den Verbleib im Totenreich, wie Proserpina in der griechischen Sage, nachdem sie von einem in der Unterwelt gewachsenen Granatapfel gegessen, dorthin gebannt war. Dass sich Loki bei der Katastrophe der Götterdämmerung mit den höllischen Heerscharen verbindet, hat allerdings auffallende Ähnlichkeit mit den christlichen Vorstellungen vom Weltende, wo der Teufel und die „Hölle los" sind, i 2* I Kein Wunder, wenn angesichts solcher Gefahren die Aserr besorgt sind um ihre Zukunft, • zumal Schuldbewusstsein, wie- Treuebruch gegen die Kiesen sie beängstigt. Wie ein Damoklesschwert hängt über ihnen das unabänderliche Schicksal; ihm sind die scheinbar allmächtigen Götter ohnmächtig unterworfen. Als Vollstreckerinnen dieses blinden Fatums erscheinen die Nornen, die 3 Schicksalsschwestern: Urd die Vergangenheit,. Werdandi die Gegenwart, Skuld die Zukunft. Diese verleihen den Kindern bei der Geburt ihre geistigen und körperlichen Gaben; oft legt die dritte ein verhängnisvolles Angebinde hin. Anfänglich lebten die Götter rein und harmlos in paradiesischer Unschuld, — das war das goldene Zeitalter, von dem die Dichter aller Völker in verschiedenen Zungen singen und sagen. So die- Völuspa: „Auf Idafeld kamen die Asen zusammen, Altäre zu schaffen und Tempel zu bauen; Sie gründeten Essen, das Gold zu schmieden, Hämmerten Zangen und Handwerkszeug. Im Hof übten sie heiter das Brettspiel — An blitzendem Golde gebrach's ihnen nicht, Bis die mächtigen drei Mädchen kamen, Die Töchter der Biesen aus Thursenheim." „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde", sagt die heilige Schrift, und sehr richtig ist es auch umgekehrt zu sagen: „Der Mensch schuf sich die Götter nach seinem Bilde". Eine Folge dieses Anthropomorphismus ist es nun, dass die Götter auch die menschliche Sündhaftigkeit und Schwäche erben müssen. Zuerst erwachte in ihnen die Gold- und Habgier. Man bringt dies mit dem Erscheinen der Zauberin Gullweig, d. i. „die Goldige", zusammen, auch Heid genannt, der hirnverrückende Hexenkunst eigen gewesen und in welcher Golther eine Wanin, eine Gottheit niederen Ranges, vielleicht die Freyja, vermutet. Nach der Schilderung der Völuspa ward sie von den Asen mit Geren misshandelt, ja dreimal, da sie immer wieder erstand, verbrannt. Ursprünglich wohl Gottheiten der atmosphärischen und pelagischen Gewässer, wurden sie auch zu Vertretern der Schiffahrt und des Handels. Wie H. Gering meint, ward ihr Kultus vermutlich zuerst bei den Südgermanen ausgebildet und stiess bei seiner Einführung in Skandinavien auf Widerstand bei den Anhängern des Asenglaubens; erst nach hartnäckigen Kämpfen kam es zu einem Kompromiss, infolgedessen nun Asen und Wanen gemeinsam verehrt wurden. Diese Ereignisse scheint der Mythus vom Wanenkriege widerzuspiegeln. Sehr sinnig deutet Golther die Erscheinung der Wanin, wie folgt: „Als die glänzende Frau aus der Schar der Wanen unter den Asen erschien, an deren Spitze Odin, der Herr der Gespenster, •der Kriegsfürst, der wilde Jäger stand, wurde sie misshandelt. Die Früchte des Friedens und gedeihlichen Handels, das erworbene Gold fallen als Kaubbeute dem Krieger zu. Der Reichtum, den ■die milden Götter der Sommerwonne und des Sonnenglanzes spenden, reizt zu Heerfahrt und Beutezug. So wird das Gold Ursache des Krieges: Krieger, Bauer und Kaufmann, Asen und Wanen geraten aneinander. Siegreich behaupteten die Wanen •das Feld. Darüber berichtet die Yöluspa wie folgt: „Den Schaft hatte Odin geschleudert ins Heer — Das auch geschah im ersten Weltkrieg — Da brach der Wall in der Burg der Asen, Die streitbaren Wanen zerstampften das Feld." Von der Versöhnung der beiden Parteien und gegenseitigen Vergeiselung, wodurch der Handelsgott Njord mit seinen Kindern Freyr und Freyja zu den Asen kamen, war schon gelegentlich •die Bede. Doch nun galt es, das zerstörte Asgard durch eine Mauer gegen die Einfälle der Riesen zu schirmen. Da meldet sich ein riesiger Baumeister und verheisst den Göttern, das Werk in einem Winter zu vollenden, wenn man ihm die Göttin Freyja zur Gemahlin verspreche und ihm Sonne und Mond als Leuchten bei seiuer Arbeit überlasse. Thörichterweise ging man auf den Vorschlag ein, wenn der Riese die Mauer zur bestimmten Frist vollende. Als einzigen Gehilfen bei seiner Arbeit bedang ■er sich sein Ross Swadilfari aus, und so ward der Vertrag vor zahlreichen Zeugen abgeschlossen; nur der Donnergott Thor war gerade auf einer seiner Fahrten gen Osten begriffen, die Riesenunholde dort zu bekämpfen. Auf Loki's Zureden waren die Asen auf den Pakt eingegangen, da dieser angab, der Riese könne den Mauerbau unmöglich in einem Winter vollenden. Aber siehe da! Das Ross trug mit Blitzesschnelligkeit turmhohe _ 22 — Lasten herbei, und rasch fügte sich Quader auf Quader. Da r als nur noch drei Tage bis zur Vollendung fehlten, ward es den Göttern um ihr gegebenes Versprechen bange, und sie drangen in Loki, rasch Hilfe zu schaffen. Schnell verwandelte sich dieser in eine Stute und lockte des Riesen Ross tief in den Wald. Ärgerlich lief derselbe seinem Pferde nach und versäumte so den Termin der Vollendung. Darob geriet er in einen gewaltigen Riesenzorn, weil er den ihm gespielten Streich merkte, doch die Götter waren froh, durch diese Hinterlist ihrer Eide ledig zu sein. Als sie der Baumeister polternd meineidig schalt, riefen sie nach Thor, der auch bald erschien und als privilegirter Riesenbändiger den Unhold mit seinem Hammer erschlug. So hatten sich die Götter des schweren Verbrechens eines Meineides schuldig gemacht, das seine Sühne erheischte. Die Erinnerung an den riesigen, um seinen Lohn geprellten Baumeister klingt in vielen Kirchen- und Brückenbausagen nach; nur tritt an seine Stelle später der dumme, betrogene Teufel, dem man die erste lebende Seele verspricht, ihm aber einen räudigen Hund oder einen mageren Hahn zujagt. Letzteres erzählt man sich ja bekanntlich von der Sachsenhäuser Brücke in Frankfurt a. M. Wie das böse Gewissen den Schuldigen drückt, so lastet es auf der ganzen Götterversammlung gleich einem Alp: schwere Träume und Vorahnungen quälen vor allem den Götterliebling Balder, den reinsten und edelsten aller Asen. Zwar trifft ihn das Verhängnis nicht wegen einer eigenen Schuld: sein früher Tod ist nur beschlossen, um damit den übrigen, schuldbefleckten Asen den schwersten Verlust zuzufügen. Doch zuvor erleiden sie noch eine schmerzliche Einbusse. Iduna, die Göttin der immergrünen Jugend mit ihren lebenspendenden Äpfeln, war plötzlich von den Zweigen der Weltesche herabgesunken und in dem Nachtreich der Hei verschwunden. Trauernd breiten die Asen über ihre Grabstätte ein weissliches Wolfsfell, das Sinnbild des Winterschnees, um sie schützend zu bedecken. Mit ihrem Hinscheiden ist auch Frohsinn und Lebensfrische aus der Götterschar gewichen. In einigen Mythen wird ihr der Dichtergott Bragi, — wohl ursprünglich ein nordischer Skalde — 23 — und erst später unter die Asen versetzt, — als Gatte beigegeben, der, als Bote zu ihr entsandt, in ehelicher Treue bei ihr zurückbleibt. So verschwinden Lied und Harfenklang von den Göttermahlen, wie in der Natur mit dem Hinwelken der Sommergrüne auch der Gesang der Vögel verstummt. Um ihren Sohn Balder vor dem drohenden Unheil zu schützen, nimmt die Göttermutter Frigg alle Wesen und Dinge in Eid, ihrem Liebling nicht zu schaden: Feuer, Wasser, Eisen, Erz und Stein, Tiere, Yögel und giftiges Gewürm, Bäume und schädliche Pflanzen, — kurzum die ganze lebende und leblose Schöpfung leistet den Schwur. Wie von einem schweren Alp befreit atmen die Götter auf. Doch sie wollen auch eine Probe machen, ob Balder vor jeder Gefahr gesichert sei. Wie zur Zielscheibe stellen sie ihn auf den Thingplatz aus, und von allen Seiten wird er mit Hieben, Stichen und Würfen bedroht; doch nichts schadet ihm. Alle hatten ihre Freude daran, nur Loki gefiel es nicht. Hinterlistig fragte er in Gestalt eines alten Weibes Frigg aus, ob es ihr denn auch wirklich gelungen, alles zu vereidigen. Arglos erwiderte die Göttermutter: „Nur ein Pflanzenschössling im Westen von Walhall, der „Misteltein", schien mir zu jung, um ihn in Eid zu nehmen". Nun wusste Loki genug: er bemächtigte sich des Mistelzweigs und schlich sich zum Thing. Dort stellte er sich hinter Hod (Höder), den blinden Bruder Balders, gewissermassen die Verkörperung der Nachtseite des Lichtgottes. „Warum schiessest Du denn nicht auch auf Balder"? raunte er ihm hinterlistig in die Ohren. „Bin ich doch blind"; versetzte Höder, „auch habe ich kein Wurfgeschoss." Da gab ihm Loki den Mistelger in die Hand, indem er sprach: „Schiess nur los in der Richtung, die ich Dir angebe!" Höder that, wie ihm geheissen, und nun geschah das Unerwartete, Grässliche, — Balder sank tödlich getroffen zu Boden. Wie versteinert sahen die Asen das Unglaubliche mit an. Aber kaum hatten sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt, da brach der Tumult gegen den Thäter los ; jedoch an geweihter Stätte Rache zu üben, war nicht erlaubt. Allgemeines — 24 — Wehklagen erhob sich, dann Durcheinanderfragen, ob das Schreckliche wieder gutzumachen, Balders Heimgang zur Hei abzuwenden. Man entsandte Hermodr, Odins Sohn, auf seines Vaters acht- füssigem Götterrosse zur Unterwelt hinab, dort Lösegeld anzubieten und verbrachte inzwischen Balders Leichnam zur Meeresküste auf sein Schiff, um ihm darauf den Scheiterhaufen aufzuschichten. Eine Riesin musste entboten werden, das Schiff flott zu machen. Sie that dies so ungestüm, dass Thor darob ergrimmte und ihr an den Leib wollte, doch die übrigen Asen hielten ihn davon ab. Nun konnte man bei der Aufbahrung von Balders Leiche auf dem Holzstoss ein rührend Beispiel ehelicher Treue schauen. Beim herzzerreissenden Anblick der Trauerhandlung sank Nanna, sein Weib, tot zusammen, und ihr entseelter Körper ward neben den ihres Gatten gelegt. Thor weihte den Scheiterhaufen, auf den auch Balder3 Koss geführt ward, mit seinem Hammer und, als ihm dabei ein Zwerg in die Füsse rannte, stiess er ihn in der Erregung in die Flammen. Weinend umstand den flackernden Holzstoss eine grosse Trauerversammlung; denn von allen Seiten waren Götter und Dämonen, ja selbst die Riesen erschienen: allgemein war ja Balder beliebt gewesen. Odin legte oben auf den Holzstoss seinen Goldring Draupnir, dem jede 9. Nacht 8 gleiche Ringe entträufeln, — wohl ein Sinnbild der Fruchtbarkeit oder Sonnenausstrahlung, — und raunte seinem dahingeschiedenen Liebling ein geheimnisvolles Wort, vielleicht die Verheissung die Auferstehung, ins Ohr. Balders tragischer Tod wird auf die Abnahme des Frühlingssonnenlichtes um die Zeit der Sommersonnenwende, um Johanni gedeutet. Noch lange leuchteten, wie man annimmt, in Erinnerung daran auf den Berggipfeln Deutschlands die Sonnenwendfeuer zum Zeichen, dass das Licht dem Dämon der Finsternis weichen müsse. Im hohen Norden, wo auf die kurze segenspendende Herrschaft der Frühlings- und Sommersonne eine so lange, düstere Winternacht folgt, musste der Mythus noch eine erhöhte tragische Bedeutung erhalten. Übrigens findet sich dort, abgesehen von der Fritjofsage, die nicht aus alter Überlieferung schöpft, keine Spur eines Balderkultes, und in Deutschland ist selbst der Nachweis seines Namens fraglich. (Vergl. Golther Myth. p. 382.) — 25 — In der Heldengestalt Sigurds oder Siegfrieds, der, wie Balder von seinem blinden Bruder Höder, so von dem einäugigen Hagen ermordet wird, erblickt man gemeiniglich eine Wiedergeburt Balders. Auch die unscheinbare Mistelpflanze (hält man nicht für bedeutungslos: es ist eine im Winter auf Bäumen wuchernde Schmarotzerpflanze; deshalb hat auch Frigg als Erdgöttin keine rechte Gewalt über sie; bei den keltischen Druiden galt sie bekanntlich als zauberkräftig und ward von ihnen zu sakralen Zwecken mit goldener Sichel abgemäht. Doch kehren wir zur Fortsetzung unserer Tragödie zurück. Mittlerweile war Hermoder auf Odins Boss nach neun Nächten durch dunkle und tiefe Thäler zum Flusse Gjoll gekommen und ritt über die goldbedeckte Brücke. Da rief die riesige Wächterin aus : „Gestern ritt Balder mit 500 Begleitern über die Brücke, aber sie erkrachte nicht lauter, als von Deinem einzigen Bitte." Unaufhaltsam setzte der Götterbote seinen Weg bis zum verschlossenen Höllenthore fort; dort aber gab er seinem Bosse die Sporen, dass es über das Gitter wegsetzte, und er befand sich im Totenreich. Da erblickte er seinen Bruder Balder auf dem Hochsitz; er setzte sich zu ihm und harrte eine Nacht neben ihm aus. Am andern Morgen brachte er vor der Totengöttin Hei sein Anliegen vor, die Bitte um Bückgabe Balders, den die Asen so sehr beweinten. „Nun gut", versetzte Hei, „wir wollen einmal sehen, ob Balder wirklich so allseitig beklagt wird: wenn alles, Lebendes und Lebloses, Thränen um ihn vergiesst, soll er heimkehren dürfen." Mit dieser Botschaft und mehreren Andenken von Balder, wie dem Binge Draupnir für Odin, einem Kopftucbe von Nanna für Frigg, und einem goldenen Fingerring für Fulla, die Göttin des Beichtums, kehrte Hermoder nach Asgard zurück. Da weinten auf der Götter Gebot alle Wesen, Menschen und Tiere, ja selbst die Metalle und Steine schwitzten Thautropfen aus, wie man dies beim Übergang von der Kälte in die Wärme gewahren kann. Doch in einer Berghöhle sass eine Biesin, die weigerte sich, um Balder zu weinen, da ihr dieser nie etwas genützt. Dieses Weib, die verkörperte Selbstsucht, war der verkleidete Loki, und so musste Balder im Nachtreich der Hei verbleiben. — 26 — Doch bei all der Trauer, -welche die Götter beherrschte, durfte die Blutrache nicht vergessen werden. War auch Höder nur das Werkzeug Loki's gewesen: er war die mittelbare Ursache an Balders Tod und deshalb musste er fallen. Und wie dringend bei unseren Vorfahren die Pflicht der Blutrache war, drückt die Sage tiefsinnig mit dem Umstand aus, dass der erkorene Rächer Wali erst eine Nacht alt war, als er zu seinem Blutwerk eilte. Ja, er liess sich weder die Zeit, die Hände zu waschen und die Haare zu kämmen, — wirr und verwildert erschien er vor Asgard, so dass ihn anfänglich der Wächter nicht einlassen will. Doch er schiebt ihn bei Seite, gerührt erkennt in ihm Odin seinen Sohn, den ihm die Brdgöttin Rinda geboren, und unverzüglich vollzieht Wali die Rachethat an Höder, dem Dämon der Finsternis. So besiegt der wiedergeborene Frühlingsgott den nächtlichen Feind, den Winter. Bugge hat in seinen Studien Balders tragischen Untergang mit Christi Kreuzestod verglichen und eine Entlehnung jenes aus diesem zu beweisen versucht. Auf ihren Fahrten gen Westen könnten die nordischen Wikinger im 8. Jahrhundert auf den britischen Inseln, — so nimmt er an, — jüdisch-christliche Überlieferungen kennen gelernt und mit ihren einheimischen verschmolzen haben. Mit einer allerdings wenig anmutenden Grobheit hat einer unserer bedeutendsten Germanisten und Altertumsforscher, K. Müllen ho ff, die Haltlosigkeit dieser gewagten Hypothese dargethan. („Deutsche Altertumskunde" V, 1.) In der That, welche Ähnlichkeit hat Christi Kreuzestod mit der Ermordung Balders ? Wie künstlich und weit hergeholt ist der Vergleich des Gerwurfs Höders mit dem Lanzenstich des nach späterer christlicher Legende blinden Lanzenknechts Longinus in die Seite unseres Heilands, als er am Kreuze hing? Wo ist im Baidermythus überhaupt ein der Kreuzigung Christi ähnlicher Zug zu finden? Ferner soll nach einer jüdischen Schmähschrift „Toledoth Jeschu" in Spanien im 13. Jahrhundert auch Christus alle Holzarten in Eid genommen haben, ihn nicht zu schädigen: im Baidermythus thut dies aber Frigg. Als nun kein Holz unsern Heiland bei der Kreuzigung tragen wollte, soll Judas aus seinem Garten einen grossen Kohlstengel geholt — 27 — haben, den der Herr zu vereidigen vergessen hatte. Daran ward Christus gehängt. In der That ein kräftiger Kohlstengel! Bei Bugge muss nun bald dieser Krautstengel in Form eines Kreuzes, bald das Rohr, mit welchem der Heiland bei der Geisselung geschlagen wird, bald die Lanze des Longinus herhalten, mit dem Mistelgeschoss, das Balder'n tötet, zusammengestellt zu werden. Noch gesuchter ist Bugge's Behauptung, die Mistel sei nach einer mittelalterlichen Erzählung West- Englands ehedem ein schöner Waldbaum gewesen, der das Holz zum Kreuzesstamm geliefert, erst dann sei sie zur Strafe in eine Schmarotzerpflanze verwünscht worden. Aber wenn auch! Wie reimt sich Mistelkreuz und Kohlstrunkkreuz und Longinus Lanze zusammen? Man sieht, Bugge kommt, wie Müllenhoff (p. 56) sarkastisch bemerkt, „mit seinem Mistelzweig auf keinen grünen Zweig". Die Mistel bekundet vielmehr, wie kaum ein anderes Moment, den nordischen Ursprung der Sage; als eine auch im Winter fortwuchernde Schmarotzerpflanze galt sie für ein Symbol des Todes, wie in der nordischen Hervarasaga das Schwert als todbringendes Werkzeug den Namen „mistiltein" führt. Ebenso verkehrt lind weithergeholt ist ein Vergleich zwischen Balder und Achilles, woraus Bugge die Verschmelzung nordischer Sagenelemente, z. B. bei Saxo Grammatikus mit antik-klassischen Mythen ableiten will, die von den Wikingern gleichfalls bei ihren Fahrten nach Westen von irischen Mönchen angenommen worden sein sollen. Welche Ähnlichkeit hat des Achilles Unverwundbarkeit mit der scheinbaren Balders und welche Paris mit Höder? Und zum Gipfel der Verwirrung, um aus der trojanischen Sage ein Analogon für Balders Leichenbrand zu beschaffen, muss die Verbrennung von des Patroklus Leichnam statt der des Achilles herhalten. Kurzum, nachdem ein skandinavischer Gelehrter es beinahe fertig gebracht hätte, die Eigenart seiner vaterländischen Litteratur total zu zertrümmern, bedurfte es des Scharfsinns und der Gründlichkeit eines deutschen Professors, dieselbe zu währen. Die Schilderung von Balders Tod mit all ihren Einzelheiten, die Verbrennung seines Leichnams mitsamt den Todesbeigaben wie Ross und Ring auf dem Scheiterhaufen im Schiffe, die rührende Gatten- — 28 — treue und Mitaufopferung Nanna's, — das sind denn doch die wesentlichen und durch und durch so echt heidnisch-germanischen Momente, dass sich weder in den jüdisch-christlichen noch antik-klassischen Überlieferungen etwas Gleiches daneben stellen lässt, einige vage, zufällige oder auf gemeinsamem Ursprung der Sagenelemente in ihrer Urheimat Hochasien oder auf der Gleichartigkeit menschlicher Phantasie überhaupt beruhende Punkte abgerechnet. Damit soll jedoch die Möglichkeit gelegentlicher Entlehnungen nicht ganz bestritten werden; aber wir können sie hier mit Bugge nicht anerkennen; für Hermo- ders Heiritt und Wali's Rache fehlt jedes Pendant in Bibel und griechischer Mythe. Kehren wir nunmehr zum Schlüsse der Katastrophe zurück. Noch immer lebt vor allem Loki, der Anstifter jeden Unheils. Dieser hat sogar die unerhörte Frechheit, sich zu einem Bankett der Götter, bei dem sie ihren Kummer vertrinken wollen, hereinzuschleichen und sich, pochend auf seinen Blutsbrüderbund mit Odin, einen Sitz bei dem ehedem mit ihm befreundeten Asen zu verschaffen. In der von Gold funkelnden Halle des Wassergottes Aegir, der seine Gäste mit einem Braukessel voll Bieres traktierte, hatten sich alle versammelt; nur Thor, der Donnergott, war abwesend. Bald überhäufte dort Loki, nachdem er einen Diener Aegirs erschlagen, alle Götter mit Schmäh- und Lästerreden. Wir besitzen hierüber ein Eddalied, Lokasenna betitelt, d. h. Wortstreit Loki's. Trotz der Abwehr des anderen Dieners Aegirs, Eldir (d. i. Feuermann =Koch), drängt sich Loki zum Gelage und als er einen Trunk erhalten, höhnt er zunächst Bragi, der ihm einen Sitz geweigert, als Feigling, wirft den Göttinnen Frigg, Idun, Freyja, Gefjon, Skadi und Sif Buhlerei vor, selbst Odin beschimpft er als einen ungerechten Siegeverleiher und vermummten Hexenmeister. Es fehlt im weiteren Verlauf nicht an Cynismen, die wir hier nicht wiedergeben können. Ja er rühmt sich seiner eigenen Frevelthaten und bleibt den Vorwürfen der Götter nichts schuldig. Auch dem gewaltigen Thor, der nun, unter Donner- geroll erschienen, ihm droht, sein Lästermaul mit seinem Hammer zu schliessen, wagt er vorzuhalten, dass er sich ein- - 29 — mal bei einer Fahrt gen Osten zaghaft in den Fausthandschuh eines Riesen verkrochen und dann nicht imstande gewesen, den Futterranzen desselben aufzulösen. Mit einem drohenden Hinweis auf den Weltbrand, der auch Thor verzehren werde, zieht sich dann der freche Lästerer zurück. Wir erkennen in diesem Eddalied schon jenen skeptischen und kritischen Geist, wie er beim Verfall des Heidentums und Eindringen des Christentums zersetzend auf den altgermanischen Götterglauben einwirkte. Zugleich repräsentieren die Stachelreden Loki's die eigenen Gewissensbisse der Götter wegen ihrer Schuld: es liegt in seinen Vorwürfen bittere Wahrheit. Mit diesem Eddaliede war vermutlich ein anderes, verlorengegangenes verschmolzen, das von Loki's Bestrafung handelte, während in anderen z. B. in Gylfa- ginning sich die Fesselung des Frevlers unmittelbar an Balders Tod anschliesst. Darnach hatte sich der feige Mörder auf einen Felsen geflüchtet, wo er sich ein Haus mit vier Ausgängen nach den verschiedenen Himmelsgegenden hin errichtete. Dort lag er auf der Lauer; doch hielt er sich tagsüber zumeist in Lachsgestalt in einem benachbarten Wasserfall auf, um allenfallsigen Nachstellungen der Götter mit List zu entrinnen. Wie, um zu erproben, ob man ihn mit einem Netze fangen könne, machte er künstliche Flachsgarnmaschen. Dabei ward er von den Göttern überrascht, denn Odin hatte ihn von seinem Hochsitz Hlidskjalf aus beobachtet. Rasch warf Loki sein selbstgewobenes Netz ins Feuer und sprang ins Wasser; doch die Aschenreste dienten den Göttern noch zum Modell eines neuen Netzes. Jetzt begann die Jagd nach dem zum Fische verwandelten Frevler, indem Thor den einen Zipfel des Netzes, die übrigen Asen den anderen hielten. Doch das erste Mal entkam der Listige der Gefahr, indem er sich zwischen zwei Steine duckte. Da beschwerten sie das Netz, damit er nicht darunter her huschen könnte und begannen den Fang von neuem. Jetzt versuchte Loki über das Netz hinwegzuspringen, doch Thor packte ihn, und wie aalglatt er auch ihm zu entschlüpfen suchte, er hielt ihn schliesslich am Schwänze fest. Daher soll es kommen, dass der Lachs nach hinten so zugespitzt ist. Nun ward der Gefangene in eine Höhle verbracht und mit Därmen seines eigenen Sohnes, den sein in einen Wolf verwandelter - 30 — Bruder hatte zerreissen müssen, an drei scharfkantige Steinblöcke gefesselt. Die Fesseln verhärteten sich mit der Zeit zu eisernen Ketten. Über seinem Antlitz aber befestigte Skadi einen Giftwurm, der seinen Geifer auf ihn tröpfeln liess, was ihm unsägliche Schmerzen bereitete. Seine Qualen zu lindern, — und hier sehen wir wieder ein rührendes Beispiel echt germanischer ehelicher Treue, — hält sein Weib Sigyn eine Schale unter, das Gift aufzufangen. Allein, wenn sie die volle Schale ausleeren muss, da trifft ihn doch wohl ein Tropfen. Dann windet er sich unter heftigen Schmerzen dermassen, dass die Erde erbebt. Sowohl die Kunst auf Engelhardt berühmtem Pries und in Heine's Nachbildung, als auch die Litteratur in der ergreifenden Ballade F. Dahns: „Sigyn, eine Sage von der Treue" haben sich dieses dankbaren Stoffes bemächtigt. Um sich die auffallende Thatsache, dass Loki in der Lokasenna infolge der Ermordung eines Dieners Aegirs, eigentlich doch einer nebensächlichen Person, verfolgt und bestraft wird, zu erklären, nimmt Golther eine Identifizierung jenes Thürhüters Fimafeng mit dem Lichtgotte Balder an, dessen Ermordung doch die Hauptveranlassung zu Loki's Bestrafung ist. Unseres Erachtens liegt kein Grund zu dieser gezwungenen Auslegung vor, da einerseits Balder wenig Ähnlichkeit mit dem Diener des Wassergottes Aegir hat, andererseits sich ja Loki auch in dem Eddalied Lokasenna, v. 28, Frigg gegenüber geradezu seiner Schandthat an Balder rühmt und so seine Verfolgung schon um deswillen herausfordert. Die Fesselung Loki's und sein Loskommen bei der Katastrophe der Götterdämmerung erinnern allerdings sehr an die Fesselung des Teufels in der Hölle durch Christus und an sein Losbrechen am jüngsten Tage, sowie an die bekannte Bedens- * art: „Der Teufel ist los!" Doch begegnen uns ja auch schon in der griechischen Mythologie ähnliche Bestrafungen von Verbrechern, wie die des Tityos und Ixion im Tartarus und die Anschmiedung des Prometheus am Kaukasus; die Gestalt der Sigyn aber bleibt doch reingermanisch. So ist zwar Loki,"der Anstifter alles Bösen, gefesselt; allein dies kann das Schicksal der Götter nicht wenden. Kommen 31 — wird einst der Tag, da das ganze Weltgebäude in Trümmer sinkt, und die Götter selbst vergehen wie Spreu im Winde. Denn seitdem die Asen, d. h. „Träger der sittlichen Weltordnung", selbst nicht mehr rein und ohne Fehl sind, da wanken mit den Pfeilern der Gerechtigkeit alle Rechte und Gesetze, und herein stürmt in den harmonischen Bau die Zerstörung des Lasters. Das sog. Beil- oder Schwertalter bricht an, in welchem der Krieg die klirrenden Waffen schüttelt, auch „Wolfszeit" genannt, weil sich die Menschen erwürgen wie die Wölfe, oder „Windzeit", da sie sich mit heftigen Orkanen ankündigt. Die Schilderung in der Völuspa 45: „Es befehden sich Brüder und fällen einander, Die Bande des Blutes brechen Schwestersöhne, Arg ist's in der Welt, viel Unzucht gibt es — Beilzeit, Schwertzeit, es bersten die Schilde, Windzeit, Wolfzeit, ehe die Welt versinkt, — Nicht einer der Menschen wird den andern schonen", — erinnert lebhaft an Hesiods und Ovids Schilderungen vom eisernen Zeitalter. In der Gylfaginning spricht man vom „Fimbulwinter", der mit furchtbarem Schneegestöber und scharfem Frost, das Weltende verkünde und drei Winter daure, nachdem schon ein dreijähriger Weltkrieg entbrannt sei. Die Sonne verdüstert sich, ja, nachdem ostwärts im Eisenwalde (d. i. Urwalde) ein altes Eiesenweib Fenrirs Brut zur Welt gebracht, ersteht der Yerschlinger des Tagesgesirns, ein Untier, das sich vom Fleische Gefallener mästet und mit seinem Blute die Göttersitze rötet. Fällt er die Sonne an, so verwandelt sich ihr Schein in blutrote Glut. Gellende Hahnenschreie geben das Signal zum Weltende, Ragnarök, das man passender mit „Untergang der Götterwelt" übersetzt als mit „Götterdämmerung" (Verfinsterung der Götterwelt von rökkr „dunkel" abgeleitet.) Ein roter Hahn, Fjalar geheissen, kräht im Vogelwalde zu Häupten eines an Biesenheims Mark auf einem Bühel die Harfe schlagenden, schwertbewehrten Helden. In Asenheim schreit der goldkammige Hahn Gullinkambi, die Helden in Heerväters Halle zu wecken, und tief in der Hölle antwortet ein russbrauner Hahn. — 32 — Da wappnen sich die Asen und Einherier zum letzten Entscheidungskampfe. Unheimlich rauschen die Gewässer, und in banger Vorahnung murmelt Odin mit Mimirs Haupt geheimnisvolle Worte. Da ertönt auch des Himmelswächters Heimdall gellendes Horn, das am Weltbaum verborgen geruht.' Die uralte Weltesche Yggdrasil erbebt in ihren Wurzeln und rauscht gewaltig in ihren Zweigen. Da nahen von allen Seiten die Widersacher der Asen, die Eiesen stürmen heran, Loki und der Fenriswolf haben ihre Bande zersprengt, man hört in den Felsschlüften die Zwerge wimmern. Nun brechen auch die Mächte der Hölle los: fürchterlich hört man Garm, den Kerberus der germanischen Unterwelt, heulen, grimmig schnaubend mit geschwollenem Kamme ringelt sich die Midgardschlange heran; schauerlich krächzt der Aar, die Leichen zerreissend. "Von den Eiesen wird ein seltsames Totenschiff flott gemacht,. „Naglfar", dessen Namen man fälschlich so erklärt hat, als sei es aus Nägeln der Verstorbenen gefertigt, weshalb es eine Pietätspflicht sei, solche den Toten zu beschneiden, um nicht die Vollendung des Fahrzeugs zu fördern, was aber vermutlich etymologisch mit den Nägeln nichts zu thun hat (vielleicht stammverwandt mit dem griechischen vexvg, vexgog). Ausserdem wird von Norden her ein Gespensterschiff der Hölle durch Loki gesteuert. Hinter dem Fenriswolf stürmt ein wildes Heer von Unholden, von Süden aber dräut der Feuerdämon Surtur (Surt) mit Muspelheims blitzenden Scharen. Da stürzen Berge über Berge, das Meer schwillt empor, das Himmelsgewölbe mit der Begenbogenbrücke birst und seine Leuchten verschwinden. Auf dem Wigridfelde, das 1000 Meilen im Geviert misst, treffen die Götter mit ihren Gegnern zusammen. Aus jedem der 540 Thore Walhalls ziehen nach dem Grimnirliede 800 Einherier hervor, den Weltwolf zu bekämpfen. Odin mit dem Goldhelm und seinem Speer will das Ungetüm bestehen, doch da reisst es seinen klaffenden Eachen auf, so dass der Oberkiefer an den Himmel, der Unterkiefer an die Erde stösst, — ja, er würde, so fügt das Eddalied naiv hinzu, — ihn noch weiter aufreissen, wenn Baum dazu wäre. In einem solchen Höllenrachen muss natürlich der Göttervater verschwinden. Zwar ersteht ihm ein. — 33 — Bächer in seinem wackeren Soline Widar, der dem Wolf in den Rachen tritt und ihm die Klinge ins Herz stösst. Thor bekämpft die Midgardschlange, die er zwar mit seinem Hammer tödlich trifft, aber er selbst fällt, von ihrem Gifthauch angeweht, tot zu Boden. Preyr, dem seine treffliche Wehr fehlt, erliegt Surturs Flammenschwerte, Heimdall und Loki durchbohren sich gegenseitig, und Tyr, der den Höllenhund Garm würgt, stirbt an den giftigen Bissen des wütenden Untiers. Surturs Lohe sch'wält zum Himmel, die Erde sinkt ins Meer, Finsternis deckt das All, — nach einem fürchterlichen Krachen, Kampfgeheul und Stöhnen der Sterbenden erfolgt unheimliche Stille, — die Welt ist gewesen, — „ein ungeheures Brandopfer sittlicher Läuterung", nennt es F. Dahn. Dies ist der Scbluss jenes tiefsinnigsten und gewaltigsten aller Eddalieder, genannt "Völuspa, d. h. Ausspruch der Wala, welches Möllenhoff „die letzte uns verbliebene höchste Blüte der ganzen altgermanischen Weltanschauung" nennt und deren durchaus heidnischen Charakter und norwegischen Ursprung er gegenüber den Versuchen des Theologen Dr. Bang verteidigt: Dieser erklärt nämlich das ganze Gedicht für eine Nachahmung der alten sibyllinischen Orakel und will darin unverkennbare jüdisch-christliche Elemente nachweisen. Die Bekanntschaft mit dieser sibyllinischen Orakeldichtung sollen die nordischen Wikinger gleichfalls in jenem keltischen Irland durch Übersetzungen und Bearbeitungen von Mönchen gemacht haben, wo sie nach Bugge auch sonst die Quellen zu so manchem Eddaliede schöpften. Indessen bleibt Herr Bang, ebenso wie Herr Bugge den Nachweis einer solchen Thätsache schuldig. Über die Möglichkeit, dass die Sibylliuen im 9. Jahrhundert in Irland bekannt gewesen, äussert sich Dr. Rydberg (Stockholmer Nordisk tidskrift 1880) sehr spöttisch: „Dies habe für die Wissenschaft ebenso wenig Wert, als die Möglichkeit, dass eine gesellschaftlich unternommene Meiereianlage auf dem Planeten Mars im vergangenen Jahr 1-7'/■ °/o Dividende abgeworfen habe". Dass sich auch aus inneren Gründen die Haltlosigkeit einer solchen Hypothese erweise, hat Müllenhoff aufs Überzeugendste dargethan. Die scheinbare Übereinstimmung der Völuspa mit den sibyllinischen 3 — 34 — Orakeldichtungen liegt in dem Wesen solcher Prophezeiungen überhaupt, und davon abgesehen, zeigt das nordische Gedicht soviel eigenartiges und spezifisch heidnisch-germanisches Gepräge, dass wir im Grunde seine Originalität anzuzweifeln nicht berechtigt sind, wenn auch fremde Einwirkungen denkbar sind. Dem Weltdrama fehlt der versöhnende Abschluss nicht: verjüngt taucht dereinst die Erde neu aus dem Meere äuf, und über schäumendem Wasserfall fliegt der Aar, der an der Felswand nach Fischen jagt. Auf dem Idafelde sammeln sich die Asen wieder und unterhalten sich über die gewaltigen Ereignisse, so da geschahen. Dort finden sie auch ihr altes, wundersames Spielzeug, die goldenen Tafeln im Grase wieder. Ungesät sprossen und blühen Ähren und Blumen im Felde, und alles, was da zuvor böse war, wird gut. Ja vereint und ausgesöhnt erscheinen Götter wieder: selbst Balder und Höder wandeln selbander Arm in Arm in Odins Siegeshalle. An Stelle der alten Asen herrscht ein neues, verjüngtes Geschlecht. Odin, Thor, Tyr, Freyr und Heimdali kehren nicht wieder, nur Hönir, Balder und Höder werden genannt. Widar und Wali herrschen im Heiligtum der Walgötter. Eine neue Sonne leuchtet über der alten: ehe der Wolf sie verschlang, gebar sie eine Tochter, die nun die Wege der Mutter befährt. Auch ein neues Menschengeschlecht ersteht: es fand sich im Stamme des Weltenbaums verborgen ein Menschenpaar, Lif und Lifthrasir, vom Morgenthau genährt. Im goldgedeckten Saale werden die Guten und Tüchtigen wohnen, wenn der allgewaltige hohe Herrscher, dessen Name nicht genannt wird, von oben her zum jüngsten Gerichte kommt. Zwar dräut noch in der Tiefe Niddhog, der böse Drache, der in der Hölle die Leiber der Bösewichte frass und die Wurzel der Weltesche benagte. Siehe, da schwebt er übers Gefilde, auf seinen Fittichen die Leichen tragend, doch er muss versinken. Golther hält die Beeinflussung christlicher Momente in diesem nordischen Weltuntergangsmythus für wahrscheinlich, aber nicht im Sinne einer blossen Nachahmung, sondern einer Anregung zu einer erneuten, im Grunde von nordischem Geiste erfüllten Dichtung. „Darum ist ebenso sehr die Selbständigkeit und Eigenart der nordischen Sage zu betonen." Durchaus neu — 35 — und nordisch sei die Auffassung des jüngsten Tages als einer Weltschlacht. Zwar fände sich in der christlichen Darstellung vom Ende alier Dinge auch ein Kampf bei der Erscheinung des Antichrist, ja eine Überlieferung lasse sogar den Elias mit dem Antichrist geradezu kämpfen, wie z. B. im altbairischen Gedichte Muspilli aus dem 9. Jahrhundert; allein dies könne kaum als Vorbild der grossen Götterschlacht gelten. Während die Posaune des Engels die Toten zum Gericht auferweckte, rufe in der nordischen Sage Heimdalls Horn zum Kampfe. In echt menschlicher Weise beschliessen die Asen als Helden ihre Laufbahn auf dem Schlachtfelde, aber in ihren Gegnern werden wir an den christlichen Teufel erinnert, der am Ende der Welt „los ist". Mit ihm hat namentlich der Feuergeist Surtur grosse Ähnlichkeit. Auch der Glaube an die Auferstehung der Menschen klingt an christliche Vorstellungen, wie das Weltgericht von der Beseligung der Guten und der Verdammnis des Bösen im Drachen Niddhog. Eigenartig ist der Untergang der nordischen Götterwelt, nur die Guten und Reinen, wie Balder, kehren wieder. Doch gibt der mysteriöse grosse ungenannte Weltrichter, der da jetzt waltet, den Gedanken an die Hand, dass es mit den Heidengöttern vorbei und ein anderer, gewaltigerer Gott an der Regierung sei. Ist dies die Ahnung oder Kenntnis des allmächtigen Christengottes? Golther hält eine Beeinflussung des niederdeutschen Muspell, das die Nordleute kennen lernten, für möglich. Das Wort muspilli, das im Altsächsischen und Althochdeutschen in geistlichen Gedichten des 9. Jahrhunderts vorkomme, bedeute „Weltbrand", oder etymologisch mit mundus zusammengebracht: „Prophezeiung von der Welt". Im altbairischen Gedicht Muspilli ist eine Schilderung des Weltbrandes ; da heisst es: „Da ziehet der Sühnetag ins Land, heimzusuchen die Menschen mit dem Feuer. Da vermag kein Verwandter dem andern vor dem muspille zu helfen." So hätten wir denn am Schlüsse des heidnischen und von echt germanischem, wenngleich spezifisch-nordischem Kolorit durchtränkten Eddaliede vom Untergang der alten Götterwelt in den Worten: 3* — 36 — „Von oben kommt der allgewalt'ge hohe Herrscher zum höchsten Gericht" womit auch die Verse des Hyndlalieds 45 übereinstimmen: „Doch ein Gott wird kommen, noch grösser an Macht, Nimmer wag' ichs, seinen Namen zu melden", — einen Hinweis auf den grossen noch unbekannten, ungenannte» Christengott, wie Tegner in seiner Fritjofsage am Schlüsse von einem reineren und schöneren Balder im Süden, vom Christus, prophezeit. Christliche Vorstellungen klingen auch im 3. Kapitel der Gylfaginnig hinein, wenn u. a. von dem ewigen Altvater berichtet wird: „Rühmlicher als dass er Himmel und Erde machte, ist das, dass er den Menschen schuf und ihm Leib und Seele gab. Der Leib zwar war erst, docli alle die Seelen der Rechtschaffenen werden bei ihm weilen an dem Orte, der Gimle- heisst; die Bösen dagegen kommen zur Hei und von dort nach Niflheim, unten in der neunten Welt." An einer anderen Stelle beschreibt dieselbe Dichtung Gimle als den schönsten und strahlendsten Ort, der den Untergang von Himmel und Erde über- daure und wo die Rechtschaffenen in Ewigkeit wohnten. Dann, spricht sie von einem zweiten, weithin blauenden Himmel, der sich im Süden über den anderen erhebe und noch von einem dritten, „entgegengerichteten, vor den Blicken liegender", wo sich Gimle befinde. Schon die Dreiheit dieser Himmel lässt in dem obersten Weltenrichter den Christengott vermuten, und Golther will in Gimle geradezu ein Abbild des himmlischen, von Gold und Edelsteinen erglänzenden Jerusalem erblicken. Erkennt die Gylfaginning auch im Anfang der Welten schon denselben Altvater, der von Ewigkeit her da war, Himmel, Erde und Luft erschuf, auch den Urriesen Ynir belebte, so wird freilich nochmals in echt heidnischer Vorstellung diese Annahme verlassen, und die Befugnisse und Thätigkeiten des obersten» allmächtigen Gottes übertragen sich in eine Zersplitterung au 1 die Vielheit der germanischen Asen. Doch nach dem Untergang dieser ist es, als ob der durch das Heidentum verdunkelte und jetzt wieder durch christliche Beeinflussung erleuchtete Geist sich des einzigen, allmächtigen, obersten Weltenrichters erinnere. Nachklänge dieses nordisch-germanischen Mythus will man auch in manchen deutschen Volkssagen von verzaubert schlum- — 37 — mernden Kaisern und Helden erkannt haben, die an der Spitze schimmernder Heerscharen die Feinde des Reiches bekämpfen und «in neues Reich Gottes auf Erden begründen. Doch wie Golther mit Recht betont, haben wir es hier mit der mittelalterlichen Kaisersage zu thun, die einer alten morgenländischen und durchaus christlichen Sage entstammt. Zuweilen mischen sich Christus und die himmlischen Heerscharen selbst zum Siege des Guten wider den Teufel und seine Anhänger ein, und das ewige Leben im Himmel beginnt. Zu diesen Helden gehören Siegfried, Dietrich v. Bern, Karl der Grosse, Wittekind, Otto der Grosse, Friedrich Rotbart und Friedrich II. der Hohenstaufe, die drei Teile in der Schweiz (wohl ursprünglich Wodan, Donar und Frö). Will man doch z. B. im schlafenden Barbarossa und seinen Raben deutlich den im Winter schlummernden Yegetationsgott Wodan mit seinen getreuen Raben Hugin und Munin erkennen! Sobald das schmetternde Horn den Weckruf ertönen lässt, fährt der Kaiser mit seinen Helden aus dem Schlafe; sie eilen nach oben, und da hängt Barbarossa seinen Heerschild an den dürren Baum am Untersberg oder an den Birnbaum auf dem Walserfeld, der sofort ergrünt, wie die sich erneuernde Weltesche. Dort auf dem Walserfelde, vergleichbar dem Idafelde oder der Walstatt der Götter, hält der Kaiser Gericht, und dort wird die letzte blutige Schlacht geschlagen: der Antichrist führt die Ungläubigen gegen die Deutschen, die Posaunen der Engel ertönen, der jüngste Tag bricht an. (Vergl. F. Dahn: „Walhall" p. 254 u. ff.) Oft wird dabei eine Brücke erwähnt, über die vor Erscheinen eine rote Kuh läuft. Wäre es zu kühn, hier an Muspels feurige Söhne zu denken, die über die Regenbogenbrücke Bifröst stürmen? Der Anführer der Gutgesinnten heisst zuweilen der „weisse", d. h. der gute König (de wite God in den Niederlanden) und reitet wie Odin auf weissem Rosse gegen den schwarzen Gegner gleich Surtur. Ja mitunter sind die Kämpen in der Not in der Zwölfzahl wie die Asen. Kurzum, der Volksgeist glaubt an seine guten Geister, an seine Helfer in der Not. So war es im Mittelalter gegen die Türken und so war es im Befreiungskriege gegen die Franzosen. Und hat - 38 — nicht in der jüngsten Zeit des Volkes Sehnsucht den Barbarossa aufs neue erweckt und nach Besiegung des wälschen Erbfeinds ein neues einiges deutsches Kaisertum wiederhergestellt? In den älteren Passungen dieser Kaisersage ist aber der Schauplatz keine deutsche Heide, sondern das heilige Land. Dorthin soll nämlich der letzte römische Kaiser nach Besiegung seiner Feinde hinziehen, seine Krone niederlegen oder seinen Schild am dürren Baume aufhängen. Doch wie dem auch sein mag, wenn wir auch diese Kaisersage nicht als Beweis für das Vorhandensein einer deutschen Götterdämmerung verwenden dürfen, so enthält doch der nordisch-germanische Mythus eine hochtragische und zugleich tiefsittliche Lehre für jeden denkenden Menschen, — die Lehre, dass eine durch innere Fäulnis zerfallene Welt in Trümmer sinkt, dass aber aus der Sühne und Läuterung ein neues, reineres Geschlecht ersteht; es liegt darin zugleich die tröstliche Idee, dass nach dem Tode eine Wiedergeburt, ein neues, schöneres Leben ersteht: es enthält in heidnischem Gewände das hohe Lied von der Unsterblichkeit. Ich kann mein Thema nicht abschliessen, ohne noch kurz, da mir der Stoff bereits über die mir gesteckten Grenzen gewachsen ist, der genialen Verwertung und eigenartigen Bedeutung zu gedenken, die R. Wagner, ohne Zweifel einer unserer grössten Dichter und Denker, diesem Mythus in seiner gewaltigen Ton- sqhöpfung: „Ring des Nibelungen" gegeben, zumal ja eigentlich erst durch ihn der Name „Götterdämmerung" zu einem geflügelten Worte in unserer heutigen Kulturwelt geworden. Ich setze den Inhalt dieses Tondramas im allgemeinen als bekannt voraus und möchte nur auf die eigenartige Umgestaltung des überlieferten Stoffes in einigen Hauptzügen aufmerksam machen. Zunächst ist Wagnersche Erfindung, dass die Katastrophe der ,,Götterdämmerung", d. h. des Untergangs der Götterwelt, mit dem Tode Siegfrieds, des Haupthelden des von Wodan beschützten Wälsungengeschlechtes, und seiner Walkürenbraut Brunhilde eng verknüpft ist. Siegfried spielt also gewissermassen die Rolle des Götterlieblings Balder, auf dessen Scheiterhaufen sich seine geliebte Gattin Nanna mitverbrennt, nachdem ihn seines blinden Bruders Höder Mistelger durchbohrt; an des — 39 — letzteren Stelle ist der einäugige Hagen getreten, den der Dichterkomponist zu einem Sohne des nach der Wiedergewinnung des entrissenen Nibelungenringes strebenden Zwergkönigs Alberich macht. Und hiermit kommen wir zu dem tiefsinnigen Leitmotiv der ganzen gewaltigen Tondichtung, zu dem verhängnisvollen „Ring des Nibelungen". Auch nach dem Inhalt nordischer Göttersage ruht in der Tiefe des Rheins ein unermesslicher Goldhort in der Hut der Nibelungen, d. h. unterirdischer Wassergeister, deren einer Andvari heisst, ein tückischer Zwerg, an dessen Stelle bei Wagner Alberich tritt, der den Rheinnixen den Schatz entreisst. Reichtum und Macht, die der aus dem Golde zu schmiedende Nibelungenreif gewährt, stehen in tiefsinnigem Gegensatz zu selbstloser Liebe, und nur wer „der Minne Macht entsagt", erzielt sich den Zauber des Goldreifs. Das thut der lüsterne Alp, der umsonst um der Rheintöchter Liebe gebuhlt. Dies ist ganz eigenartige Erfindung Wagners, denn Vorhandensein des schätzemehrenden Nibelungenrings (sog. Andvaranaut), sowie Gewinnung, beziehungsweise Entreissung des Goldhorts aus den Händen des ihn hütenden Wasserkobolds Andvari wird nach einem nordischen Mythus ganz anders geschildert. Darnach waren einst drei Asen: Wodan, Hönir und Loki bei einer Wanderung zu einem Wasserfall des Rheins gekommen und dort hatte letzterer mit einem Steinwurf einen riesigen Otter getötet, der auf einem Felsblock sitzend einen Lachs verzehrte. Dieser Otter war aber eigentlich der Sohn eines Riesen Hreidmar und pflegte sich nur in diese Gestalt zu verwandeln, wenn er auf Fischfang ausging. Als nun die drei Asen bei seinem Vater später einkehrten und sich Loki seines Abenteuers rühmte, indem er dabei den abgezogenen Otternbalg vorzeigte, erhoben Hreidmar und seine beiden anderen Söhne, Fafnir und Regin, die Brüder des gemordeten Ottur, ein Wehegeschrei, schlugen die hier sehr ohnmächtigen Götter in Bande und verlangten von ihnen das nach altgermanischem Volksrecht übliche Wehrgeld, d. h. den Leichnam des Erschlagenen mit Gold zu ersetzen. Dies hiess in dem gegebenen Falle den Otternbalg mit Gold zu füllen und auswendig damit zu verdecken. Daher mag wohl die Redensart von reichlicher Messung stammen, wenn man sagt: ,,Die Hülle und Fülle". — 40 — Woher aber das Gold nehmen ? Nun wussten die Götter wohl, dass die Nibelungen, die Wassergeister, einen solchen Schatz hüteten. Da ward Loki seiner Bande entledigt, solches zu beschaffen. Mit Hilfe eines Netzes, das ihm die Wasser- göttiu Ran lieh, fing er den Zwerg und zwang ihn zur Herausgabe seines Goldhorts. Zwar wollte er im letzten Moment noch einen Ring, der die magische Eigenschaft besass, die Schätze zu mehren, vor ihm verbergen, doch Loki entriss ihm auch noch diesen Talisman. Da knüpfte der wütende Zwerg an seinen Besitz den Fluch, dass er seinem Eigentümer Verderben bringen solle. Loki kümmerte sich nicht darum und kehrte mit seinem Raube zur Herberge Hreidmars zurück. Dort ward nun die Busse vorgenommen; weil aber das beschaffte Gold nicht völlig ausreichte, den Otternbalg von aussen ganz zu verdecken, musste auch noch der verhängnisvolle Nibelnngenring zugelegt werden. Und sofort erfüllte sich der an ihn gefesselte Fluch. Nach Freilassung der Asen geriet nämlich der Riese mit seinen beiden Söhnen über die Verteilung des Goldhorts in Streit, wobei Fafnir den Vater erschlug und seinen Bruder Regin um seinen Anteil betrog. Nachmals in einen Drachen verwandelt, hütet er nun den Goldhort, während sich sein Bruder eine Schmiede im Walde einrichtet. Bei ihm finden wir später Siegfried in der Lehre und auf sein Geheiss tötet er den Lintwurm (von lint, d. i. Schlange, nicht von der Linde) und bemächtigt sich des Goldhorts mitsamt dem Ring. So der Inhalt nordischer Helden-, speziell der Wälsungensage. Wie hat dies nun R. Wagner umgestaltet? Zunächst ist er im Banne jener nordischen Göttersage, wonach die Asen einem Riesen für den Bau, den er um ihre Burg Asgard vollendet, zur Auslieferung der Göttin Freyja verpflichtet sind. Freilich weicht er von dem Ausgang dieser von uns schon oben mitgeteilten Sage wesentlich ab, wonach ja Thor den durch Hinterlist und Meineid betrogenen riesigen Baumeister erschlägt. Bei R. Wagner sind zwei Riesen die Baumeister: Fasolt und Fafnir, die statt der sich weigernden Freyja einen Goldersatz für ihre Gestalt verlangen. Mit List und Gewalt war dieses Gold dem Alberich von den Asen entrissen worden, und auch hier ist das Motiv von dem — 41 Fluch, der am unrechtmässigen Besitz des Goldes und speziell des verhängnisvollen Nibelungenringes klebt, folgerichtig durchgeführt. Fafnir erschlägt seinen Bruder Fasolt, verwandelt sich in einen scheusslichen Lintwurm, den nachmals Siegfried, „der Held, der das Fürchten nicht kennt", tötet. Und nun vollzieht der ,,Nibelungenring'' durch Vererbung seine unheilvolle Wirkung. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier den Inhalt der Wagnerschen Komposition im Einzelnen verfolgen. Nur auf das Eigenartige möchte ich aufmerksam machen. Nach seiner 'Darstellung nämlich ist das Ende der Götterwelt, einer Prophezeiung der uralten Erdgöttin gemäss, unausbleiblich, wenn je jener unheilvolle Eing des Nibelungen in die Hand des rachsüchtigen Zwergs zurückkehre. Darum geht Wodans einziges Sinnen und Trachten darauf hinaus, den verhängnisvollen Goldreif dem dermaligen Hüter, dem Drachen Fafnir, zu entreissen und wiederzugewinnen. Hierzu ersiebt er sich einen Spröss- ling seines Lieblingsgeschlechts, der Wälsungen, deren Urheber und Ahnherr er selber ist. Beim Ursprung dieses Helden Siegfried folgt der Tondichter einem Ausläufer der nordischen Heldensage, wenn er ihn uns als Sprossen einer Geschwisterehe, des Zwillingspaares: Siegmunds und Siegelindens vorführt. Einen solchen Sprossen Siegmunds kennt ja allerdings eine nordische Überlieferung unter dem Namen Sinfjötli, doch wir können hier auf diese mit grotesk wilden Zuthaten ausgeschmückte Erweiterung der Sage nicht eingehen, wollen uns auch nicht hier in moralische Entrüstung auslassen, warum der Komponist den Bund des Bruders mit seiner Schwester, die zudem die Gattin eines anderen (bei ihm Hunding genannt; in der nordischen Sage heissen beide Signy und Siggeir) ist, vorzieht. Wir vergessen alle ästhetischen Bedenken im Vollgenusse der unwiderstehlich auf unsere Sinne wirkenden Liebesszene in Hundings Hütte. Magisch giesst der Vollmond sein silbernes Licht zur plötzlich aufspringenden Thüre herein, süsse Vogelstimmen tönen aus der Frühlingswaldesnacht, und mit den einschmeichelnden Klängen der leidenschaftlichsten Liebeslieder glauben wir den ganzen berauschenden Duft des wiedergeborenen Lenzes einzuatmen. Siegelinde verhilft ihrem Bruder und Gatten auch zur Gewinnung eines Wunderschwertes, das einst Wodan in den — 42 — Tragbalken des Hauses mit der Verheissung gestossen, dass es seinem Besitzer zu Ruhm und Sieg verhelfen würde. Nur Siegmund besitzt die Kraft, das Schwert aus dem Stamme herauszuziehen und entflieht mit ihm und Siegelinden, der entführten Gattin Hundings, allerdings seines Feindes. Doch da erscheint Fricka, Wodans Gemahlin, die Wächterin und Hüterin ehelicher Treue, und dringt auf Ahndung dieses Frevels. So wehe es dem Göttervater auch thut, er muss in den Untergang seines Lieblings willigen. Hunding ereilt racheschnaubend den Schänder seiner Ehre, und es entspinnt sich ein erbitterter Zweikampf. Hierin soll Brunhilde, die Lieblingswalküre Wodans, Siegmund besiegen helfen. Doch diese empfindet Mitleid mit dem herrlichen Helden und seinem gleichgearteten Weibe und will Siegmund beschützen. Da erscheint Wodan selbst erzürnt in den Wolken und zerspellt Siegmunds Schwert mit seinem Götterspeer, so dass er von Hundings Hand fällt. Brunhilde flieht mit Siegelinden und birgt sie mitsammt den Scherben des Schwerts in einer Grotte. Hat sie auch, ihrem Herzen folgend, zugleich im Sinne Wodans gehandelt, so muss doch die ungehorsame Walküre biissen. Ein orchestrales Prachtstück ist hier der Ritt der Walküren. Alles dies ist eigenartige und überaus glückliche Erfindung des Tondichters; denn nach nordischer Überlieferung ist Siegmunds Tod im Kampfe mit seinem Gegner Lyngvi, einem Sohne Hundings, der sich auch um seine Gattin beworben, aber nicht ihr gekränkter Ehegemahl war, nicht recht motiviert. Auch die Bestrafung Brunhildens, von der es nur heisst, dass sie in einem Kampfe gegen den Willen Wodans gehandelt, ist in der nordischen Überlieferung nicht begründet. Doch kehren wir zu Wagners Verknüpfung, wie sie nur dem findigen Genie eigen ist, zurück. Vergebens sucht die ungehorsame Walkyre dem zürnenden Vater zu entfliehen; endlich, nachdem sie ihre Schutzbefohlene Siegelinde gerettet, stellt sie sich, und Wodan, wenngleich mit widerstrebendem Herzen, versenkt sie in den Zauberschlaf, nachdem er rührenden Abschied von ihr genommen. Auf ihr inbrünstiges Flehen umgibt er sie mit einem Flammenwall unter der Verheissung, dass nur ein Held ; der das Fürchten nicht — 43 — kenne, die Waberlohe durchbrechen und die Schlummernde wachküssen könne. Magisch und geheimnisvoll malen die zickzackspringenden irrlichtelirenden Töne des Orchesters die wabernde, knisternde Lohe, und ergreifend klingt des Gottes Abschiedslied. So schlummert sie denn gleich der Erdenbraut im Winter, bis sie der Sonnenbräutigam mit seinem Flammenkusse erweckt. Inzwischen gibt Sigelinde mit Verlust ihres Lebens dem Helden das Dasein, der dazu erkoren ist, die Walkyre zu erlösen. Wild im Walde wächst das Urbild eines kräftigen germanischen Knaben voll strotzenden Jugendübermuts und naiver Sitteneinfalt auf, — Siegfried, der leuchtende Wälsungenspross, in der Hut eines missgestalteten Zwerges Mime (nordisch Regin), der sich für seinen Yater ausgibt. Mit Recht bezweifelt dies der Sohn der Wildnis, da nur Gleiches von Gleichem stamme, und mit einem Herzen voll natürlicher warmer Empfindung fragt er nach seiner Mutter. Da erzählt ihm Mime, was' er von Siegelinden weiss; er erwähnt auch die Scherben jenes Wunderschwertes, das einzige Vermächtnis der sterbenden Mutter. Begierig verlangt Jung- Siegfried danach und schmiedet daraus ein neues Schwert, das seine ungefügen Kraftproben aushält und nicht mehr, wie die früheren zerspringt. Nun will sich der hinterlistige Mime seiner bedienen, um mit seiner Hilfe den Drachen Fafner zu töten, ihm den Goldhort und damit zugleich jenen verhängnisvollen Ring des Nibelungen abzugewinnen und ihn wieder seinem lüsternen Bruder Alberich zuzustellen. Im Hintergrunde der ganzen Intrigue aber wacht der Göttervater Wodan selbst, der alles Interesse daran hat, dies zu vereiteln und seinen Liebling im Besitze des Schatzes zu wissen. Siegfried, der Held, der das Fürchten nicht kennt, ist gerne bereit, das Abenteuer zu bestehen und versenkt sich in die Waldestiefe, des Drachen Nest zu ergründen. Den Reiz und geheimnisvollen Schauer germanischer Waldespracht malt der Tondichter in so unnachahmlichen Klangfarben, dass wir an Lieblichkeit und Naturwahrheit demselben nichts auf dem weiten Gebiete der Kunst gleichzusetzen wüssten. Da wallet und zittert ein so wonniges Beben und Flüstern durch Blätter und Blüten, da pfeift und girrt, flötet und jubelt ein so fröhliches Waldkonzert, da zirpt und summt ein so seliges Weben der Insektenwelt, da huscht und raschelt ein so geheimnisvolles — 44 - Begegnen des scheuen Wildes, dass wir andachtsvoll und atemlos, entzückt und verwundert lauschen. Es ist uns, als würde uns eine göttliche Offenbarung von dem innersten Wesen nnd Walten der Natur. Wo ist ein von Gott begnadeter Geist, dem es vergönnt war, so in das Heiligtum der Natur einzudringen? Kein Dichter, kein Maler hat dies so verstanden, als Richard Wagner. Ist es uns doch, als läge er mit lauschendem Ohre am Herzschlag der Natur, als dringe sein Geist in die Eingeweide der Erde, sein Auge ins Allerheiligste des Himmels! Mit welch selig-süssem Schauer berührt lins des Helden Sehnsucht nacli seiner unbekannten Mutter, nach dem Ideal eines Weibes, von dem er nur ahnen und träumen kann. Wie reizendnaiv berührt Siegfrieds Einfall, auf einem Schilfrohr die Stimme der Vögel nachzuahmen! Und als ihm dies nicht gelingt, nimmt er sein Horn und schmettert ein lustiges Lied. Da singt ihm ein Waldvöglein ein liebliches Lied von einem minniglichen Weibe, das, in tiefen Schlummer gebannt, seiner harre, des berufenen Erlösers. Er folgt der lockenden, wegweisenden Stimme, dringt durch Dickicht und Dorn, bebt nicht vor der plötzlich vor ihm aufzüngelnden Waberlohe zurück und befindet sich vor einem schlafenden Weibe! Da befällt ihn zum ersten Male Zittern und Zagen, — er, der mutige Recke, der vor keinem Untier zurückgeschreckt, der noch vor Kurzem den Drachen erlegt, — ihn ergreift ein unbegreifliches Bangen, — vor einer schlummernden Maid! 0 wunderbar schöne, tief ergreifende Stelle! — Doch die Allgewalt der Liebe besiegt die Schüchternheit, die jedem unverdorbenen, echtdeutschen Jünglingsherzen in der Nähe einer von keuscher Sitte umhegten Jungfrau eigen ist, — es zieht ihn hin, wo auf halbgeöffneten Lippen ein Hauch ihrer Seele zu schweben scheint, — diesen Hauch will er durstig erhaschen. Da schlägt die schlummernde Erdenbraut die Wimpern auf und schaut dem Erretter beglückt in seine leuchtenden Sonnenaugen, Noch einmal bäumt sich der Adel der Göttlichkeit in ihr auf, den sie opfern muss, des Geliebten Weib zu werden, — doch selig lächelnd giebt sie Götterglück und Unsterblichkeit dahin für die vergängliche Liebe sterblicher Erdensöhne. Ihren Bund befestigt wiederum jener verhängnisvolle Ring des Nibelungen, den Siegfried, aus Fafnirs Hort gewonnen, der liebeseligen Braut — 45 — an den Finger steckt. Doch die dämonischeil Geister der Finsternis, Alberich und sein Anhang, bedrohen die Besitzer mit dem Tode, um ihr früheres Besitztum wiederzugewinnen. Dies bereitet die Katastrophe der Götterdämmerung vor, — den Tod Siegfrieds und Brunhildens und damit den Untergang der Götterwelt, der gleichermassen mit dem Schicksal jenes Ringes eng verknüpft ist. Die Liebe Brunhildens genügt dem Thatendurste Siegfrieds nicht, sein Verhängnis führt ihn nach Worms an Gunthers Königshof, wo man ihm vermittelst eines Zaubertrankes das Bild seiner ersten Braut auslöscht und ihn mit des Königs Schwester Gudrun verbindet. Hier spinnt der grimme Hagen, nach Auffassung R. Wagners ein Sohn des rachsüchtigen Zwerges Alberich, die Fäden der Intrigue, um jenen fatalen Ring des Nibelungen wiederzugewinnen. Doch den trägt noch Brunhilde als Verloßungsring an ihrer Hand. Darum muss diese wieder zugezogen werden, und Siegfried muss sie seinem zukünftigen Schwager Gunther als Braut erringen. Unter der Maske Gunthers dringt der Held zum zweiten Male durch die Waberlohe, gewinnt die widerstrebende Brunhilde für den Burgunderkönig und entreisst ihr dabei den verhängnisvollen Ring des Nibelungen. An diesem erkennt Brunhilde später ihren wirklichen Erlöser und erklärt ihn für ihren Verlobten, ihren eigentlichen Gatten. Gunther, der nichts von jenem ersten Verlöbnis weiss, glaubt sich in seiner Ehre beschimpft und lässt Siegfried durch Hagen auf der Jagd ermorden. Umsonst hatten zuvor die Rheintöchter den Helden gebeten, ihnen den todbringenden Ring auszuliefern. Furchtlos verlacht er ihr Drohen und geht so eigenwillig seinem Untergang entgegen. Rührend und ergreifend sind die Rück- erinnerungen, in denen sich Siegfried vor seinem Ende ergeht, dumpf und erschütternd klingen die gedämpften Töne des Trauermarsches bei der Überführung seiner Leiche. Umsonst versucht Hagen dem Toten den Ring des Nibelungen zu ent- reissen ; drohend erhebt sich der Finger, aber Brunhilde zieht dem heissgeliebten Bräutigam den ihr zukommenden Verlobungsring ab, um dessen Wiederbesitz die Rheintöchter sich an sie gewendet. Sie besteigt hierauf den Scheiterhaufen Siegfrieds, um sich im Tode mit ihm zu vereinen. Zuvor aber wirft sie — 46 — den Rheintöchtern den unheilvollen Ring zu, dem sich Hagen vergebens nachstürzt, ihn zu erhaschen. Lodernd und prasselnd steigen die Flammen aus dem Scheiterhaufen empor und erfassen das stolze, irdische Königsschloss; aber mit dem Untergang des geliebten Wälsungengeschlechtes und der Rückkehr des Nibelungenrings in die Tiefe der Gewässer ist dem Schicksalsspruche gemäss auch der Untergang der Götterburg Walhalla und ihrer Herrlichkeit verknüpft. Blutigrot wie glühendes Nordlicht erscheint die Götterhalle in Flammen und verschwindet. Doch aus der Asche klingt die tröstliche Verheissung, dass selbstaufopfernde Liebe den selbstverschuldeten Fluch tilgt und versöhnt. Für den Verlust alles Irdischeil entschädigt nur selbstloses Entsagen, und was dem Leben allein Reiz verleiht und es lebenswert erscheinen lässt, das ist die Liebe. In diesem Sinne ruft die sterbende Brunhilde: „Verging wie ein Hauch der Götter Geschlecht, Lass ohne Walter die Welt ich zurück: Meines heiligsten Wissens Hort "weis' ich der Welt nun zu. — Nicht Gut, nicht Gold, nicht göttliche Pracht, Nicht Haus, nicht Hof, nicht herrischer Prunk, Nicht trüber Verträge trügender Bund, Noch heuchelnder Sitte hartes Gesetz, — Selig in Lust und Leid lässt — die Liebe nur sein!" — So in kurzen Strichen der Verlauf der Nibelungentragödie, die R. Wagner mit dem Untergang der Götterwelt verknüpft. Man könnte fragen: War diese Verbindung, um den Fluch des Goldes, der ja auch in der Nibelungensage an und für sich deutlich hervortritt, notwendig, rätlich, oder ist er von besonders erhöhter tragischer Wirkung? Der berühmte Kulturhistoriker W. Riehl behauptete einmal, ,,Götter spielen auf der Bühne immer eine zweifelhafte Rolle". Und in der That, es kommen da Züge vor, die uns sehr menschlich erscheinen, uns an der Hoheit und Allmacht derselben sehr zweifeln lassen. Auch der eheliche Zwiespalt Wodans mit der Göttermutter Frigg gibt ihm gerade kein Relief. Doch die Götter erscheinen ja in anthropomorphistischer Beleuchtung, unterliegen dem auch über ihnen waltenden Schicksal und sind menschlichen Schwächen und Leidenschaften unterworfen. Sollen wir dann weiter pedantisch an dem mäkeln, was sich in R. Wagners Gestaltung nicht mit dem Geiste nordischer Mythologie — 47 — verträgt, so wäre es zunächst die eigenartige Auffassung von den Nibelungen als Götterfeinden. Dies entspricht ja allerdings nicht der Darstellung des nordischen Götterstaats. Darnach führten die Geister der Tiefe eine selbständige, von der Götterwelt, dem Reiche des Lichts, getrennte Existenz. Alben lind Zwerge standen nicht im Dienste zerstörender Mächte und waren den Göttern durchaus nicht feindlich, im Gegenteil, sie fertigten den Göttern ihre Waffen und Symbole. In der Sage erscheinen die Zwerge Mime und Alberich als Diener, aber nicht als direkte Feinde Siegfrieds. „Hagen darum zum Sohne Alberichs und beide zu Feinden der Götter zu machen, die das Asenreich zu stürzen trachten, widerspricht der Mythologie wie der Sage in demselben Masse, wie die Verschmelzungen von Siegfrieds Tod mit dem Weltuntergang." (Vergl. Landmann: „Die nordische Gestalt der Nibelungensage und die neuere Nibelungendichtung", Programm des Realgymnasiums Darmstadt 1887.) Auch in der Durchführung des Grund- und Leitmotivs vom Fluche, der an dem Besitze des Nibelungenringes haftet, scheint der Tondichter nicht konsequent zu bleiben. Nach dem Vorspiel „Rheingold" hören wir von den Nixen, dass nur „wer der Minne entsagt, sich den Zauber erzielt", den Goldreif zu schmieden und darob sind sie unbesorgt, denn „was nur lebt, will lieben, meiden will keiner die Minne". Alberich aber, der ihnen den Hort entreisst, ist der Liebe durchaus nicht abhold, und später lernen wir ja auch in Hagen seinen Sohn kennen. Ferner ist nicht so recht erklärlich, warum die Götter, sobald sie nicht mehr im Besitze des verhängnisvollen Goldreifs sind, den ja Fafnir hütet, doch noch mit der Katastrophe der Götterdämmerung bedroht sind, als deren Vorbote das plötzliche Altern derselben nach Verschwinden der verjüngenden Lebensäpfel Iduna's gelten kann. Weiter versteht man nicht die Macht Alberichs, sobald er nicht mehr den weltbezwingenden Ring besitzt, wie er doch noch den Göttern Untergang drohen kann. Auch ziehen ja am Schlüsse des Vorspiels die Götter, „sicher vor Bang und Graun", in Walhall ein. Sonderbar erschien uns auch immer das Gebahren Wodans seinem Lieblingshelden Siegfried gegenüber im Moment, wo er doch in seinem Sinne im Begriffe ist, die schlummernde Brun- 48 — hilde zu erwecken. Scheinbar missgünstig vertritt er ihm dabei den Weg, doch der sterbliche Held zerschlägt des allmächtigen Schlachtengottes Speer mit dem Schwert, nachdem er ihm die nicht gerade sehr poetische Grobheit an den Kopf geschleudert: „Halte Dein Maul!" Überhaupt klingt die oft wunderliche Sprache in der Übertreibung der Allitteration und in mehr als urwüchsigen Derbheiten, ja Cynismen, wie in der Frage nach seiner Zeugung, nicht gerade immer anmutend, mitunter auch nicht recht verständlich, z. B. „Glühender Glanz entgleisst dir weihlich im Wag", doch diese Ausstellungen sollen uns den hohen Genuss beim Anhören seiner unvergleichlichen Tondramen und vor allem das unsterbliche Verdienst des Meisters nicht verkümmern, Sinn und Interesse, Verständnis und Liebe für unsere Sagenschätze geweckt zu haben. So schliesse ich denn mein Thema, das namentlich hinsichtlich der philosophischen und ethischen Vertiefung, die es durch ß. Wagners Auffassung erfahren, zu so manchen weiteren Exkursen reizt, in der Hoffnung, auf seinen ästhetischen, sittlich bildenden und auch für die Schuljugend erziehlich bedeutsamen Wert aufmerksam gemacht zu haben. Die durch den Mythus der Götterdämmerung eindringlich gepredigten und tragisch veranschaulichten Ideen von Schuld und Sühne, die Erfahrung, dass eine durch innere Fäulnis morsch gewordene Welt in Trümmer fallen und einer sittlich geläuterten, reineren und kräftigeren Generation weichen muss, der tröstlich erhebende und stärkende Glaube an eine Wiedererstehung, der Glaube an die Unsterblichkeit des besseren Teiles der Menschheit, endlich die abschreckende Theorie, sein Glück und seinen Lebenszweck im Besitz zu suchen, die hässliche Hab- und Goldgier und alle rücksichtslosen egoistischen Bestrebungen im Erringen von Macht und Gewalt, der auf die Spitze getriebene Kapitalismus und im Gegensatz dazu die reine, unverfälschte, genügsame Natur, die selbstlose aufopfernde Liebe, — das sind denn doch Ideen der edelsten und vollsten Menschlichkeit, Ideen des höchsten unvergänglichsten Wertes im Interesse der Erziehung einer unserer jüngsten, rühmlich errungenen Kultur würdigen Nachkommenschaft. bilde zu c den Weg, Schlächter nicht ger: „Halte JD Sprache urwüchsig seiner Zei nicht recl weihlich hohen Ge und vor verkümmel unsere Sa| So sichtlich durch ß. Exkursen bildenden Wert auf! der Götter anschauliq eine durc fallen uml Generatio: Glaube a lichkeit d schrecken! Besitz zu rücksichts und Gew£ im Gegen die selbst edelsten u lichsten "V rühmlich t er ihm dabei es allmächtigen |äem er ihm die )f geschleudert: oft wunderliche nd in mehr als der Frage nach mitunter auch z entgleisst dir sollen uns den Ithen Tondramen Meisters nicht und Liebe für namentlich hin- •tiefung, die es anchen weiteren itischen, sittlich ch bedeutsamen rch den Mythus d tragisch ver- Mahrung, dass llt in Trümmer und kräftigeren e und stärkende an die Unsterb- endlich die ab- Lebenszweck im »ldgier und alle .ngen von Macht äpitalismus und ügsame Natur, fi doch Ideen der lsten unvergäng- mserer jüngsten, men schaft.