Die Sage vom grossen König Alexander für die Jugend erzählt von ADOLF AUSFELD Aus dem Nachlasse des Verfassers herausgegeben von Dr. ULRICH B E R NAYS. Beilage zum Programm des Grossh. Gymnasiums und Realprogymnasiums in Lörrach für das Schuljahr 1907/08. ■ M — Progr. Nr. 804 1908. LÖRRACH. BUCHDRUCKEREI C. R. GUTSCH 1908 VORWORT, Schon bald nach Alexanders des Grossen Tode, ja vielleicht noch zu seinen Lebzeiten, hat die Sage begonnen von seiner Person und von seinen Taten Besitz zu ergreifen. Nicht zufrieden mit dem was der grosse König in Wahrheit geleistet, schloss sie einen immer dichteren Fabelkreis um ihn, so dass die wahren Züge des Welteroberers mehr und mehr dahinter verschwanden. Wir sind nun in der Lage, von diesem Sagenkreis, der sich nach und nach von Indien und Persien bis nach Skandinavien und Irland verbreitete und hierbei naturgemäss die mannigfachsten Wandlungen erfuhr, die Form ziemlich genau wiederherstellen zu können, auf die alle diese Erzählungen, mögen sie poetisch oder prosaisch, knapp oder ausführlich sein, im letzten Grunde zurückgehen. Noch während der Ptolemäerherrschaft entstand zu Alexandria ein Werk von nicht allzu grossem Umfange, das zum ersten Male die Sagen, die über den König und seine Taten umliefen, sammelte und in einen festen Zusammenhang brachte. : ) Doch haben wir es auch hier wohl nicht mit einem eigentlichen „Volksbuch" zu tun ; der Verfasser hat sich nicht nur an mündliche, sagenhafte, sondern nach Nöldekes 2 ) und Ausfelds 3 ) Ansicht fast ausschliesslich an schriftliche, historische Quellen gehalten, die er nur seinem eigenen und dem Geschmacke seines Publikums entsprechend umbildete. Dieses Werk, heute bekannt unter dem Namen „Der Alexanderroman des Pseudokallisthenes" (in mehreren der uns erhaltenen Handschriften geht es nämlich unter dem Namen dieses Alexanderhistorikers, von dem wir in Wahrheit nur wenige Fragmente besitzen), muss bald sehr bekannt und beliebt geworden sein und wurde insofern zum echten Volksbuch, als es seinen ursprünglichen Inhalt und Umfang nicht beibehielt, sondern bald, um die Neugierde der Leser zu befriedigen, um zahlreiche neue Abenteuer vermehrt wurde. Es ist hier der Ort nicht, die Ueberlieferung des Romans weiter zu verfolgen ; auch kann nicht dargelegt werden, in welcher Beziehung die Alexandersagen anderer Völker zu der griechischen und lateinischen Fassung stehen ; denn was in den folgenden Blättern erzählt wird, beruht fast ausschliesslich auf dem griechischen Roman. Während seiner Beschäftigung mit den Problemen der Alexandersage und vor allem ihrer gr iechisc hen Fassung, denen er ja seine ganze wissenschaftliche Tätigkeit widmete, hat Aus fei d auch „Die Sage vom grossen König Alexander" für die Jugend bearbeitet. Er schloss sich hierbei eng an Ps.-Kallisthenes und dessen Bearbeiter Julius Valerius und den Archipresbyter Leo an, nur die Sage von den Blumenmädchen (S. 17) entnahm er dem Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht. Denn er wollte „kein *) Zum folgenden vergl. vor allem A u s f e 1 d, „Der griechische Alexanderroman", herausgegeben von W. Kroll (Leipzig 1907) ; besonders Kap. IV (S. 214 ff.). 2 ) Beiträge zur Geschichte des Alexanderromans (Wien 1890). 3 ) Siehe vor allem den „Historischen Commentar" (a. a. 0. S. 113 ff). — 4 — Erzeugnis moderner Phantasie" geben, sondern den Eeiz der alten Sagen, den diese sich fast ein Jahrtausend bewahrt, vor allem der Jugend wieder nahebringen. Das Manuscript war druckfertig, aber wie auch sonst konnte er sich nicht zur Herausgabe entschliessen ; immer meinte er noch bessern und feilen zu müssen. Sein frühzeitiger Tod liess ihn, wie sein grosses Buch über den Alexanderroman, auch dieses Parergon nicht mehr in den Händen der Leser sehen. Jetzt legen wir es vor, wie es der Verfasser hinterlassen hat. Kürzungen oder Erweiterungen vorzunehmen hielten wir uns nicht für befugt ; denn gerade in der Auswahl des Stoffes zeigt sich neben der Rücksicht auf die Jugend — daher das Pehlen der Nectanebosgeschichte — doch auch deutlich, welche Teile der Sage Ausfeld für wichtig und zu ihrem ursprünglichen Bestände gehörig hielt. Nur die Vorrede (aus dem Jahre 1895) ist weggelassen, und hie und da sind kleine Härten des Ausdrucks gemildert. Wir zweifeln nicht, dass die Hoifnung des Verfassers in Erfüllung gehen und unsere Jugend sich an diesen bunten Bildern ergötzen wird, um so mehr, als doch durch all den Märchen- und Pabelschimmer immer wieder die Gestalt des grossen Königs durchleuchtet, der es verstanden hat, Orient und Occident zu vereinen und so einer Bildung die Wege zu bahnen, auf der wir zum guten Teile heute noch fussen. LÖRRACH i. W., im Juni 1908. Dr. Ulrich Bérnays. Die Sage vom grossen König Alexander. I. Alexanders Jugend. Alexander war der Sohn Philipps, des Königs von Macédonien, und der Königin Olympias, die dem Geschlecht des Helden Achilleus entstammte. Kurze Zeit vor seiner Geburt sass sein Yater einst im Garten des Palastes; da flog eine' Henne auf seinen Schoss und legte ein Ei. Das Ei zerbrach, und es kam eine Schlange heraus, die das Ei umkreiste ; aber als sie wieder in das Ei zurückschlüpfen wollte, sank sie plötzlich tot zusammen. Bestürzt befragte der König seine Weisen, was dies Zeichen bedeute. Sie sagten ihm: „Es wird dir ein Sohn geboren werden, der als mächtiger Herrscher die ganze Erde umkreisen und unterwerfen wird ; aber ehe er in das Land seiner Geburt zurückkehrt, wird ihn ein früher Tod dahinraffen." Als das Kind auf die Welt kam, zuckten Blitze vom Himmel, der Donner dröhnte und die Erde bebte, die Geburt eines weltgebietenden Königs verkündend. Sorgsam behütet wuchs der Knabe heran. Ungewöhnlich war sein Aussehen; sein Antlitz mit den feurigen Augen und sein kühner Mut glichen dem eines Löwen. Sein Erzieher war der weise Aristoteles. Dieser lehrte ihn die Wissenschaften. Aber auch als Krieger und Beiter tat es der junge Königssohn allen zuvor. Beim Kampfspiel seiner Altersgenossen war er stets Sieger; und hatte er seiner Partei zum Siege verholfen, so nahm er sich der Unterlegenen an und führte auch sie zum Sieg, so dass man sah: Er selbst war der Sieg. Einst brachten die Verwalter des königlichen Gestüts dem König einen riesigen Hengst von wunderbarer Schönheit. Aengstlich hielten die Knechte das gewaltige Tier gefesselt, denn es tötete und verschlang die Menschen, die in seine Gewalt kamen. Der König liess es in einen eisernen Käfig ein- schliessen nnd befahl, dass ihm Strassenräuber und andere todeswürdige Verbrecher zum Frasse vorgeworfen werden sollten. Man nannte es Bukephalos d. h. Stierkopf. Um die gleiche Zeit befragte Philipp das Orakel in Delphi, wer nach seinem Tode über Macédonien herrschen würde. Der delphische Gott gab ihm den Bescheid, der würde über Macédonien und die ganze Welt herrschen, der das Pferd Bukephalos besteigen und auf ihm mitten durch die Hauptstadt reiten könne. So harrte der König des verheissenen Zeichens und erwartete, dass ein gewaltiger Held, wie Herakles, das Wunder vollbringen sollte. Eines Tages aber kam Alexander, der inzwischen vierzehn Jahre alt geworden war, zufällig an dem Orte vorbei, wo das Pferd in Gefangenschaft gehalten wurde, und hörte sein furchtbares Wiehern und Toben. Verwundert fragte er, was das sei, und näherte sich dem Käfig. Als das Tier den Knaben erblickte, wieherte es wieder, aber freundlich, als wollte es ihn zu sich einladen. Grausig sah seine Lagerstätte aus, bedeckt mit Schädeln und menschlichem Gebein, Ueberbleibseln seiner Mahlzeiten; aber Alexander trat furchtlos heran und streckte seine Hand durch das Gitter. Da wart sich das Pferd vor ihm nieder, und als er es streichelte, leckte es ihm die Hand, wie ein Hund seinem Herrn. Darauf schob Alexander die Wächter und Freunde, die ihm wehren wollten, beiseite, öffnete den Käfig, fassté das Pferd an der Mähne, schwang sich hinauf und lenkte es mitten durch die Stadt zur Königsburg. Schon war die Kunde seiner Tat zum König gelangt. Philipp ging seinem Sohne entgegen und begrüsste ihn mit dem Zuruf: „Heil sei dir, Alexander, künftiger Herrscher der Welt!" Als im nächsten Jahre die Zeit des olympischen Festes gekommen war, bei dem alle vier Jahre die besten Männer Griechenlands ihre Kraft und Geschicklichkeit im Wettkampf gegen einander erprobten, und dem Sieger die höchste Ehre und unsterblicher Buhm zuteil ward, erbat sich der Fünfzehnjährige von seinem Vater die Erlaubnis, dort am Wagenrennen, dem vornehmsten der Kampfspiele, teilzunehmen. Der König gab nicht gern seine Einwilligung, aber Alexander war guten Mutes und schiffte sich, von seinem Freunde Hephaistion begleitet, mit seinen selbstgezogenen Pferden nach Olympia ein. Dort begaben sich beide alsbald nach dem Platze, wo die angesehensten Teilnehmer der Kampfspiele zu verkehren pflegten. Hier erregte das jugendliche Alter des Königssohnes Verwunderung. Ein junger Mann in kostbarer Kleidung trat hochmütig an ihn heran und rief ihm zu: „Sei gegrüsst mein Knäbchen!" Alexander erwiederte ruhig: „Sei auch du gegrüsst, wer du auch bist!" „Kennst du mich nicht? Ich bin Nikolaos, der König der Akarnanen!" „Dann gebe ich dir den Rat," sagte Alexander, „daran zu denken, dass Hochmut vor dem Fall kommt," „Du weisst nicht, wer du bist!" schrie der andere, „wozu bist du eigentlich hierhergekommen?" „Ich will beim Wagenrennen mitfahren," antwortete Alexander. Da geriet Nikolaos vor Wut ausser sich, spuckte Alexander ins Gesicht und rief: „Seht, wie weit die Rennbahn von Olympia heruntergekommen ist, dass hier schon Buben mitkämpfen wollen!" Alexander, dem sein angeborener Adel die Selbstbeherrschung lehrte, wischte sich mit tötlichem Lächeln das Gesicht ab und entfernte sich mit den Worten: „Morgen werde ich hier mit dem Wagen oder später in deinem Vaterland mit dem Speer dein Besieger sein." Am nächsten Tage standen neun edle Kämpfer zum Wagenrennen bereit. Als die Trompete das Zeichen gab, wurden die Schranken geöffnet, und windschnell sausten die Wagen dahin. Nikolaos hielt sich tückisch in der Nähe Alexanders, um dessen Wagen umzustürzen und ihn zu töten. Alexander durchschaute die Absicht seines Feindes wohl und bog geschickt zur Seite, so dass jener vorüberfuhr, dann trieb er seine Pferde zu wildestem Lauf an, und in furchtbarem Anprall zerschmetterten sie den Wagen des Akarnanen und brausten über die Trümmer hinweg dem Ziele zu. Nikolaos blieb sterbend am Boden liegen, und Alexander errang, als erster, den Siegeskranz. Der Priester des Olympischen Zeus übergab ihm den Preis mit den Worten: „Wie du hier über Nikolaos, den „Volksbesieger", gesiegt hast, so wirst du im Krieg über alle Völker siegen." Als Alexander heimkam, traf er am Hofe seines Vaters Männer von fremdländischem Aussehen. Er fragte, wer sie seien und was sie begehrten. Sie erwiderten, sie seien Gesandte des Perserkönigs Darius und kämen, um für ihren Herrn von Philipp die schuldige Jahresabgabe zu erheben. „Sagt euerm Herrn", antwortete Alexander zornig, „ehe Philipp einen Sohn hatte, besasst ihr wohl hier eine Henne, die euch goldene Eier legte; seit aber ich da bin, ist eure Henne unfruchtbar geworden." Mit diesem Bescheid mussten die Gesandten unverrichteter Sache abziehen. Als Philipp so den Heldengeist seines Sohnes erkannte, gab er ihm gerne sein Heer, um abtrünnige Städte zu unterwerfen und schwere Kämpfe für ihn zu führen. Nun war damals in Macédonien ein vornehmer und mächtiger Mann namens Pausamas, der die Königin Olympias liebte und schon lange darnach trachtete, sie ihrem Gemahl mit Gewalt oder List wegzunehmen. Dieser benutzte Alexanders Abwesenheit, überfiel mit seinen Mitverschworenen den König im Theater, verwundete ihn tötlich und eilte dann in den Palast, um die Königin zu rauben. Im Todeskampfe klagte der unglückliche König nicht so sehr über seine Wunden, als über die Schmach, die ihm angetan war, und dass niemand da sei, sie zu rächen. An dem gleichen Tage kehrte aber gerade Alexander aus dem Kriege zurück, fand die Hauptstadt in der grössten Verwirrung und erfuhr, was geschehen war. Alsbald eilte er in den Palast und traf hier Pausanias, wie er seine Mutter umfasst hielt und gewaltsam fortzuschleppen versuchte. Er tötete den Bösewicht, und Philipp starb getröstet in seinen Armen, glücklich von seinem Sohne gerächt :zu sein und sein Reich einem solchen Nachfolger zu hinterlassen. II. König Alexanders erste Taten. Nachdem er seinen Vater bestattet, wie es einem Könige ziemte, versammelte Alexander seine Krieger um Philipps Standbild und sprach zu ihnen: „Ihr Söhne von Macédonien und Hellas, Lacedä- monier und Korinther, Thebaner und Athener, kommt zu mir, euerm Kriegsgefährten, und vertraut euch mir an, dass wir zusammen gegen die Barbaren zu Felde ziehen ! Befreien wir uns von der Knechtschaft der Perser, denn wir Hellenen dürfen nicht Diener der Barbaren sein!" Freudig folgten alle seinem Ruf. Er liess die königlichen Waffenkammern öffnen und jedem, der es- begehrte, eine Rüstung geben. Auch die alten Soldaten seines Vaters bat er, mit in den Krieg zu ziehen. Sie aber sprachen: „König Alexander, wir sind im Dienste deines Vaters alt geworden und haben keine Kraft mehr zum Kampfe." Alexander erwiederte: „Trotzdem bedarf ich euer, denn das Alter ist stärker als die Jugend. Die Jugend kennt nur die körperliche Kraft und stürzt sich leichtsinnig in Gefahren, das Alter aber überlegt vorher und weiss das Unglück zu vermeiden. So darf uns euer Rat und Beispiel nicht fehlen." Da folgten ihm die Veteranen gerne. Als alle beisammen waren, musterte der König sein Heer und schiffte es ein, um zunächst den Westen zu unterwerfen. Da er nach Italien kam, begrüsste ihn eine Gesandtschaft der Römer als Gebieter und überreichte ihm den goldenen Kranz des Juppiter vom Kapitol. Auch stellten sie tausend Mann zu seinem Heere und entschuldigten sich, dass sie wegen ihres Krieges mit Karthago nicht mehr geben könnten. Freundlich schied der König von dem tapferen Volke und setzte nach Afrika über. Dort kamen ihm die Feldherrn der Karthager entgegen und baten ihn kläglich, die Börner von ihrer Stadt zu vertreiben. Aber Alexander schalt sie wegen ihrer Feigheit und sprach: „Entweder werdet selbst die Stärkeren oder bezahlt den Stärkeren Tribut." Dann zog er zum berühmten Heiligtum des Gottes Amnion, das in Nord-Afrika mitten in der Wüste lag, und befragte den Gott, wo er zu seinem dauernden Gedächtnis eine Stadt seines Namens gründen solle. Da erschien ihm im Traum ein Greis mit goldschimmerndem Haar, die Stirn mit Widderhörnern geschmückt und sprach zu ihm: „Ich, der göttliche Seher mit Widderhörnern, verkünde: Willst du in ewiger Zeit nie alternde Jugend bewahren, Gründe die rühmliche Stadt bei der heiligen Insel des Proteus, Welcher des Totenreichs Gott in Herrscherwürde gebietet, Lenkend die endlose Welt vom fünffach gegipfelten Hügel." So machte sich Alexander auf, die verheissene Stätte zu suchen. Er nahm seinen Weg der Meeresküste entlang und kam endlich zur Mündung des Nils. Hier fand er ein weites, fruchtbares Gefilde von zwölf Flussarmen durchströmt, und mit sechzehn reichbevölkerten Ortschaften. Fünf Hügel ragten aus der Ebene hervor und davor lag im Meere die Insel Pharos, auf der man ein zerfallenes Bauwerk erblickte. Als der König von den Einwohnern erfuhr, dies sei das Grabmal des alten Proteus, erkannte er, dass er am Ziele war. Er liess auf einem der Hügel einen grossen Altar errichten und brachte dem unbekannten Gott, der dort herrschen sollte, ein Opfer dar. Da flog ein gewaltiger Adler herab, ergriff die Eingeweide des Opfertieres und trug sie auf einen alten Altar in der Nähe, auf dem man die Inschrift fand: „Der erdbeherrschende König Aegyptens Sesonchoses weiht dies dem Herrscher der Weif., dem Gott Serapis." So wusste Alexander, dass er Serapis, den ägyptischen Gott der Unterwelt, als Schutzherrn seiner Gründung zu verehren hatte. Am andern Tage gab Alexander seinen Baumeistern Befehl, die Stadt anzulegen. Weil nichts anderes zur Hand war, bezeichneten sie in der Eile die Grundzüge des Stadtplans auf dem Boden durch aufgestreutes Weizenmehl. Da flogen unzählige Yögel herbei und frassen von dem Mehle. Der König liess die Zeichendeuter kommen und beiragte sie über das Wunder. Sie sprachen: „In der Stadt, die du gründest, werden unzählige Menschen aus aller Welt verkehren und daselbst ihren Unterhalt finden." In der Nacht darauf betete Alexander zum Gott Serapis, dass er sich ihm zeigen und ihm offenbaren möge, ob seine Stadt von Dauer sein und seinen Namen bewahren werde. Und als er entschlief, erschien ihm der Gott, fasste ihn bei der Hand, führte ihn zu einem grossen Berg und fragte ihn: „Alexander, kannst du diesen Berg an eine andere Stelle versetzen?" „Nein, das kann ich nicht." „Wie der Berg fest an seinem Platze bleibt, so wird, auch deine Stadt und mit ihr dein Name unerschüttert alle Zeiten überdauern. Sie wird einst dein Grab sein, und du wirst als Gott in ihr fortleben." Alle diese Prophezeiungen gingen in Erfüllung. Alexandrien wurde die grösste und reichste Stadt der alten Zeit, und noch jetzt hat sie ihre Blüte und den Namen ihres Stifters nicht verloren. Von dort zog Alexander durch Aegypten nach Syrien, und alles unterwarf sich ihm willig. Nur die reiche Stadt Tyrus verhöhnte seine Botschaft und liess seine Gesandten durchpeitschen und ans Kreuz schlagen. Aber furchtbar bestrafte der König ihren Uebermut, Die Stadt wurde erstürmt und vom Erdboden vertilgt, die Bewohner aber wurden bis auf wenige, die fliehend das nackte Leben retteten, sämtlich hingerichtet. Noch nach Jahrhunderten war das Unglück von Tyrus sprichwörtlich. III. Der erste Streit mit dem Perserkönig. • Als Alexander von Tyrus nordwärts zog, begegneten ihm Gesandte des Grosskönigs Darius, die ihm ein Schreiben ihres Herrn überbrachten. Fliehende Tyrier hatten Darius von den Taten des jungen Macedoniers berichtet, wie er dem Herren des persischen Weltreichs Trotz zu bieten gewagt und zwei seiner Länder, Aegypten und Syrien, erobert habe. Der Grosskönig liess sich Alexanders Bild zeigen, das einst seine Gesandten aus Macédonien mitgebracht, und da er sah, dass sein Gegner kaum erst den Knabenjahren entwachsen war, geriet er vollends in Wut und schrieb ihm einen Brief : „Der König der Könige und Verwandte der Götter, der beim Sonnengott« thront und mit ihm aufgeht, ich selbst, der Gott Darius, befehle Alexander, meinem Diener, sofort zu seiner Mutter Olympias, meiner Sklavin, zurückzukehren und sich ruhig auf ihren Schoss zu setzen, wie es Kindern zukommt. Ich schicke dir hiermit eine Peitsche, einen Ball und ein Kästchen voll Goldstücke. Die Peitsche soll dir anzeigen, dass du, als Kind, noch der Erziehung bedarfst. Den Ball erhältst du, damit du mit deinen Altersgenossen spielest, anstatt als Räuberhauptmann herumzuziehen und meine Städte in Verwirrung zu bringen ; bekämst du auch die Leute der ganzen Welt zusammen, so vermöchtest du doch die Menge der Perser nicht zu bezwingen, denn meine Soldaten sind so zahllos, wie der Sand am Meere, und ich habe soviel Gold und Silber, dass ich die ganze Erde damit zudecken kann. Das Kästchen mit Goldstücken schicke ich dir, damit du für dich und deine Genossen Geld zur Heimreise habest, denn ich kann mir denken, dass es dir bei deiner erbärmlichen Armut daran fehlen wird. Gehorchst du aber nicht, so lasse ich dich aufgreifen und als Käuber ans Kreuz schlagen." Alexander las den Briet seinem Kriegsvolk vor, und da er sah, dass sie bestürzt waren, sprach er zu ihnen : „Liebe Kampfgenossen, wie mögt ihr doch vor solchen Prahlereien Angst haben ! Darius macht es, wie altersschwache Hunde, die gewaltig bellen, weil sie nicht beissen können. Gesetzt aber auch, es wäre wahr, was er sagt : umso besser ; dann wissen wir, welcher Preis uns lohnt, wenn wir tapfer den Sieg erkämpfen. Darauf befahl er, die Boten des Grosskönigs zu fesseln und aufzuhängen. Da sie schrieen und sich beschwerten, sagte er : „Euer König hat euch ja zu einem Bäuberhauptmann geschickt ; so wundert euch nicht, wenn ich euch auch als Bäuberhauptmann behandle." „Ach, grossmächtiger König", jammerten sie, „Darius weiss eben nicht, wie gross und weise du bist, aber wir werden's ihm sagen, wenn du uns heimlässest." Lächelnd liess sie Alexander losbinden und sprach : „Seid getrost, ein griechischer König ist kein Barbar und tötet keinen Gesandten. Jetzt könnt ihr mit mir zu Tische gehen." Da wurden sie wieder guten Mutes und folgten dem König zum Mahl; und als es fröhlich herging, rückten sie damit heraus, wenn er wolle, würden sie ihren Herrn in seine Hände liefern. Alexander aber wies die Verräter ab, und entliess sie mit einem Schreiben an ihren König : „König Alexander grüsst den König der Könige, der bei den Göttern thront. Für dich, der mit der Sonne aufgeht, ist es eine Schande, wenn du einmal in die niedere Knechtschaft des Menschen Alexander gerätst. Solltest du aber mich besiegen, so hast du keine Ehre davon, denn du hättest ja nur, wie du schreibst, einen Räuber überwunden. Uebrigens gedenke ich dich nicht als einen Gott zu bekämpfen, sondern als einen Menschen, und zwar als einen eitlen Prahlhans. Deine Gaben habe ich mit Vergnügen in Empfang genommen. Die Peitsche werde ich gebrauchen, um die Barbaren tüchtig zu züchtigen. Mit dem Ball hast du mir angezeigt, dass ich die Weltkugel beherrschen werde, die die gleiche Gestalt hat. Mit den Goldstücken aber hast du mir, wie es sich gehört, den ersten Tribut entrichtet." Als Darius dies Schreiben erhielt, schickte er seinem Satrapen in Vorderasien den Befehl, Alexander sofort zu ergreifen, seines köignlichen Gewandes zu entkleiden, ihm eine Tracht Priigel aufzählen zu lassen und ihn dann zu seiner Mutter nach Macédonien zurückzusenden. Seine Schiffe sollten sie in das Meer versenken, seine Soldaten in Ketten in das innere Persien bringen, damit sie am Roten Meere angesiedelt würden. Alexanders gesamte Habe machte er ihnen zum Geschenke. Ihre Antwort aber war eine klägliche Bitte um Hilfe, da sie sich der Macht Alexanders nicht mehr erwehren könnten. Zornig drohte er ihnen mit den strengsten Strafen und schrieb Alexander einen zweiten Brief : „Ich, der König der Könige und grosse Gott Darius, befehle dem Räuber Alexander folgendes: Du scheinst den Namen Darius, den sogar die Götter verehren, nicht zu kennen. War es nicht Glück genug für dich, dass du ohne meinen Befehl heimlich in Macédonien herrschen durftest ? Unterdessen hast du ein dir ähnliches Gesindel verkommener Menschen gesammelt und mit diesen herrenlose Städte geplündert, die ich nicht für würdig erachtete, mich um sie zu bekümmern. Komm nun jetzt zu mir, deinem Herrn, wirf dich vor mir nieder und bitte mich um Gnade. Tust du das, so verspreche ich dir Verzeihung; andernfalls werde ich dich unter schrecklichen Martern hinrichten lassen. Damit du die Menge meines Kriegsvolkes ermessest, schicke ich dir einen Sack mit Mohnsamen. Kannst du die Körner zählen, so magst du wohl mit meinem Heere fertig werden, kannst du es aber nicht, so beeile dich deine Reue kundzutun." — 9 - Als Alexander den Brief erhielt, befahl er, ihn seinen Soldaten vorzulesen, und liess sich den Sack mit Mohnsamen reichen. Er griff hinein, holte eine Hand voll Samen heraus, kaute ihn und sprach "verächtlich : „Es ist viel, aber weich und kraftlos." Den Gesandten gab er einen kleinen Beutel voll Pfefferkörner mit und liess Darius sagen, so sei das macedonische Heer beschaffen. Als der Perser erfuhr, was Alexander mit dem Mohnsamen gemacht hatte, wollte er ihm nachahmen und schluckte eine Handvoll Pfefferkörner. Da schössen ihm die Tränen in die Augen, und hustend und stampfend rief er aus : „Das ist wenig, aber hart und scharf." Darius stellte sich nun selbst an die Spitze seines Heeres, um den kecken Eindringling zu vernichten. Mit einer ungeheuren Menschenmenge rückte er Alexander entgegen und traf ihn am Meere, zwischen Syrien und Cilicien. Als die Heere einander gegenüberstanden, brachen zuerst die furchtbaren persischen Sensenwagen hervor; an ihren Achsen waren haarscharfe Klingen befestigt, die beim Durchfahren der feindlichen Schlachtreihe die Soldaten rechts und links zerschnitten und zerstückelten. Buhig Hessen die Macedonier die Wagen herankommen, schwenkten dann rasch auseinander und beschossen von beiden Seiten die Wagenlenker und Pferde, so dass die Wagen teils ihres Gespannes beraubt stehen blieben, teils von den verwundeten Pferden in wirrer Flucht in die Ebene hinausgetrieben wurden. Dann bestieg Alexander sein Streitross und befahl seinen Trompetern den Schlachtruf zu blasen. Die Trompeten schmetterten, ein gewaltiges Geschrei erhob sich und ein schrecklicher Kampf begann. Mit Lanzen stossend und von Lanzen getroffen schwankten die Reihen hin und her. Bald war der Boden von sterbenden Männern und Pferden bedeckt; in dichtem Staubwirbel vermochte man Freund und Feind, Soldat und Führer, Reiter und Fussgänger nicht mehr zu unterscheiden. Die Sonne selbst barg ihr Antlitz hinter Wolken, um das grässliche Morden nicht mehr zu schauen. Als der Abend nahte, hielten die Perser nicht mehr stand, aber ihre ungeordneten Massen verrannten einander selbst den Weg zur Flucht und zu Tausenden sanken sie unter dem Schwert der Macedonier dahin. Darius selbst wandte seinen Wagen rückwärts und floh. Dann ward ihm bange, die Feinde möchten ihn am königlichen Schmucke -erkennen, und so warf er alles von sich, bestieg sein schnellstes Pferd und entkam in der Dunkelheit. Sein Wagen und seine Waffen, seine Mutter, seine Gattin und seine Kinder fielen in die Hände des Siegers. Ueber hunderttausend Perser deckten das Schlachtfeld, und im Königszelt des Darius brachte Alexander die Nacht zu. Aber er überhob sich seines Sieges nicht. Die gefallenen Perser liess er gleich den Seinen ehrenvoll bestatten, die verwundeten pflegen und die gefangenen königlichen Frauen richtete er mit freundlichem Tröste auf und behandelte sie mit königlichen Ehren. IV, Die Unterwerfung des Perserreiches. Während Darius die Reste seines geschlagenen Heeres sammelte und seine zahllosen Völker zu neuem Kampfe entbot, war Alexander nordwärts nach Cilicien gezogen. Als er hier bei einem beschwerlichen Marsche in brennender Sonnenglut an den Bergstrom Cydnus kam, reizte ihn die krystallhelle Flut zu einem Bade. Aber das eisige Wasser durchdrang seinen Leib mit tötlicher Kälte und er verfiel in eine schwere Krankheit. Indes das führerlose Heer verzweifelte, trat ein Arzt namens Philipp vor den König und versprach, ihn durch eine schnellwirkende, aber gefährliche Arznei zu heilen. Alexander willigte ein, aber während Philipp den Trank bereitete, erhielt der König von einem seiner Feldherrn einen Brief, in dem ihm angezeigt wurde, der Arzt sei von Darius bestochen, ihn zu vergiften. Alexander aber, in festem Vertrauen auf die Ehrlichkeit seines Arztes, nahm den Becher ruhig in Empfang, und während er mit der einen Hand Philipp den Brief reichte, führte er mit der andern das Gefäss zum Munde und leerte es ohne Zögern. Glückliche Genesung rechtfertigte sein Urteil und Philipps Treue. Alexander rückte nun weiter in das Innere des Perserreiches vor und kam zum grossen Fluss Euphrat. Er liess eine Schiffbrücke bauen, aber als seine Soldaten die Gewalt der Strömung sahen, wollten sie nicht hinüber. Da überschritt der König allen voran die Brücke, und beschämt folgten sie ihm. Als alles übergesetzt war, befahl er, die Brücke sofort zu zerstören. Da murrten die Leute und riefen: „König Alexander, wenn es uns geschähe, dass wir von den Barbaren geschlagen würden, wie sollten wir dann Rettung finden?" Alexander erwiederte: „Eben deshalb habe ich die Brücke abbrechen lassen, damit wir entweder siegen oder sterben müssen. Nur als Sieger werdet ihr Macédonien wiedersehen. Aber tapferen Männern ist ja der Kampf ein Kinderspiel." So gaben sie sich zufrieden und gingen mutig bis zum Fluss Tigris vor, wo sie einen zweiten Sieg über ein Heer der persischen Satrapen erfochten. — 10 — Dann drangen sie in die Landschaft Persis, das Kernland des Perserreiches, ein und kamen bis: dicht an die Mauern der Hauptstadt. Da ersann Alesander eine List, um Darius, der mit unermesslichem Kriegsvolk seiner harrte, über die Zahl seines Heeres zu täuschen. Er liess Viehherden von den Weiden zusammenbringen und befahl, den Tieren Baumäste an den Hals und an die Beine zu binden und sie so vor und hinter den Soldaten herzutreiben. Dadurch entstand eine solche Staubwolke, dass die Perser, die von den Mauern nach dem Feinde ausspähten, ein ungeheueres Heer darunter verborgen glaubten und in grosse Angst gerieten. Fünf Meilen vor der Stadt schlug Alexander sein Lager auf und beschloss, am nächsten Tage einen Boten zu Darius zu schicken, der ihn zum Kampfe herausfordern sollte. Noch unentschlossen, wem die Botschaft zu übertragen sei, entschlief er. Im Traume erschien ihm der Gott Ammon, wie Hermes mit Hut und Mantel bekleidet und den Heroldsstab in der Hand haltend und hiess ihn, in der gleichen Tracht, selbst als Bote seinem Feinde die Herausforderung zu überbringen. Froh erhob sich der König und machte sich, trotz der Warnungen seiner Freunde, auf den Weg, nur von einem treuen Manne namens Eumelos' mit zwei Pferden begleitet. Zwischen seinem Lager und der persischen Hauptstadt floss der breite Strom Stranga, der im Winter bei Nacht gefroren ist, am Tage aber oft plötzlich auftaut und jeden, der sich auf die Eisdecke gewagt hat, in seinen tiefen Strudeln verschlingt. Im Morgengrauen: kamen die beiden an den Fluss und fanden ihn noch fest gefroren. Alexander sprang ab, verkleidete sich, wie es ihm der Gott gezeigt hatte, und befahl Eumelos, am Ufer seine Rückkehr zu erwarten und das zweite Pferd für ihn bereit zu halten. Eumelos bat flehentlich, seinen Herrn in der Gefahr begleiten zu dürfen, aber Alexander ritt allein über den Fluss zu den Persern hinüber. Bei den Toren wurde er von den Wachen angehalten, und verlangte, zu dem König geführt zu werden. Darius sass ausserhalb des Palastes auf einem hohen Thronsessel, auf dem Haupt ein Diadem mit kostbaren Steinen geschmückt. Bekleidet war er mit einem herrlichen Gewände aus babylonischen Goldfäden ; darüber wallte der königliche Purpurmantel. An den Füssen trug er goldene Schuhe, die mit Edelsteinen besetzt waren. Tausende von Trabanten waren neben ihm aufgestellt. Staunend betrachtete Alexander die königliche Pracht seines Gegners und harrte seiner Anrede. „Wer bist du ?" fragte Darius. . „Ich bin ein Bote des Königs Alexander und frage dich in seinem Namen, wann du endlich mit uns. kämpfen wirst. Bedenke, dass ein König, der mit der Schlacht zögert, schon dadurch seinem Feinde verrät,. dass er zum Krieg keinen Mut hat." „Ei", rief Darius zornig, „du sprichst ja so keck, als wärst du Alexander selbst, anstatt nur sein Bote. Doch sollst du es nicht entgelten, sondern, da Alexander meine Gesandten immer zu Tisch lädt, sollst du auch bei mir zum Mahl eingeladen sein." Darauf fasste Darius den vermeintlichen Boten bei der Hand und führte ihn selbst in den Palast. „Das ist ein gutes Vorzeichen", dachte Alexander froh bei sich, „dass mich mein Feind selbst in sein Herrscherhaus geleitet." Alsbald lagerte man sich zum Mahle, Alexander allein auf einer Seite, dem König und seinen Edlen gegenüber. Spöttisch schauten die Perser auf die kleine Gestalt des unbekannten Gastes, denn sie wussten nicht, welche Heldenkraft in diesem Leibe wohnte. Da gedachte Alexander ihren Hochmut etwas zu dämpfen. So oft ihm ein goldner Becher mit Wein gebracht wurde, steckte er ihn, nachdem er ausgetrunken, vor aller Augen in sein Gewand. Darius sah eine Weile verwundert zu, endlich aber sprang er auf und rief: „Warum steckst du denn alle Goldgefässe ein, die dir gereicht werden?" „Verzeiht," erwiderte Alexander, „wenn ich eure Sitten verletzt habe. Bei uns schenkt der König seinen Tischgenossen alle Becher, aus denen sie getrunken haben. Ich glaubte, du seist auch so freigebig, wie mein König. Ist dies aber bei euch nicht Brauch, so gebe ich euch hiermit die Becher zurück." Erstaunt verstummten alle. Indem sie so auf ihn blickten, erkannte ihn ein vornehmer Perser, der einst als Gesandter in Macédonien gewesen war und ihn dort als Knaben gesehen hatte. Dieser näherte sich verstohlen dem König und flüsterte ihm seine Wahrnehmung zu. Kaum merkte Alexander, dass er entdeckt sei, als er aufsprang und blitzschnell nach, seinem Pferde eilte. Vor dem Saal stand ein Wächter mit einer Fackel, der ihn aufhalten wollte. Alexander schlug den Mann nieder, entriss ihm die Fackel, bestieg sein Pferd und sprengte in wildem Galopp in die Nacht hinaus, mit der Fackel sich den Weg vor sich erleuchtend. Inzwischen hatte sich Darius von seiner Bestürzung erholt und schickte sofort eine Reiterschar zur Verfolgung ab. Aber die meisten verloren in der Finsternis den Weg, fielen in Gräben, rannten an Bäume oder kamen sonst zu Schaden. Während Darius bekümmert auf seinem Lager sass und sorgenvoll an die Kühnheit seines Feindes dachte, sah er ein schlimmes Zeichen. Ein Bild des Königs Xerxes, das Darius sehr wert hielt, hing seinem Platze gegenüber an der Wand des Saales. Dieses fiel plötzlich herab und zerriss, sodass Darius in Vorahnung künftigen Unheils, eine namenlose Angst erfasste. — 11 — .'Alexander gelangte mit Tagesanbruch an den Fluss Stranga, fand ihn noch gefroren und ritt hinüber. -Aber ehe er das jenseitige Ufer erreicht hatte, begann das Eis sich zu lösen, und als er eben ans Land setzen wollte, brach die Decke zusammen. Sein Pferd versank in den Fluten, er selbst rettete sich mit einem Sprunge auf das Trockene. Indessen waren auch die persischen Verfolger am Flusse angekommen, wagten aber nicht mehr, die Eisfläche zu betreten, und kehrten um. Drüben stand noch Eumelos auf seinem Posten, übergab dem König das ledige Pferd und ritt mit ihm zum Lager zurück. Jubelnd von den Seinen begrüsst versammelte Alexander sein Heer und musterte seine Zahl. „Fürchtet euch nicht," sprach er, „weil wir so wenige sind. Viel Volk habe ich beim Feinde gesehen, aber wir sind nicht schwächer, denn bei uns wohnt Kraft, Mut und Einsicht. Zahllos sind auch die Fliegen, die auf den Wiesen herumschwärmen, aber wenn ein paar Wespen unter sie kommen, scheuchen sie alle in die Flucht." So stärkte er ihren Mut, und freudig warteten sie des Kampfes. Als der Fluss wieder gefroren war, führte Darius seine Scharen zur Schlacht hinüber, mitten unter ihnen auf einem hohen Wagen thronend. Ihm gegenüber hielt Alexander auf dem riesigen Bukephalos, so furchtbar anzuschauen, dass ihm keiner zu nahen wagte. Als die Trompeten zum Kampfe bliesen, warfen sich die Heere aufeinander. Steine und Pfeile fielen nieder wie ein Platzregen und Wolken von Schleuderkugeln verdunkelten das Tageslicht. Bald ballte sich alles in wirrem Knäuel zusammen. Ein blutiger Dunst erfüllte die Luft. Als bei den Persern Schar auf Schar vernichtet war, da packte Darius ein Grausen und er wandte seinen Wagen zur Flucht. Die ganze Masse seiner Völker iolgte ihm in sinnloser Todesangst. Mitten durch die Fliehenden jagten die Sensenwagen und mähten die Leute des eigenen Heeres vor sich nieder, wie Schnitter die Kornhalme. Als die Perser an den Fluss kamen, gelangte Darius mit den vordersten noch glücklich hinüber, aber unter der nachdrängenden Menge brach das Eis und verschlang alle, die darauf waren. Die übrigen wurden am Ufer von den Macedoniern niedergemacht. In seinem Palaste warf sich Darius laut weinend auf den Boden und verfluchte das Schicksal, •das ihn, der sich ein Genosse der Götter dünkte, so jählings von seiner Höhe herabgestürzt und gedemütigt hat. So lag der Gebieter des Weltreichs lange, einsam und verzweifelt. Dann erhob er sich und schrieb seinem Ueberwinder einen Brief: „Darius grüsst Alexander seinen Herrn. Denke wie es mir ergangen ist, und wie es meinem Vorfahren, dem mächtigen Xerxes, in Griechenland erging. Denke, dass auch du ein Mensch bist, und überhebe dich nicht. Gieb mir meine Mutter, meine Gattin und meine Kinder zurück, und dafür will ich dir meine Schätze in Susa und Medien geben und dich zum Herrn über viele Völker machen." Alexander liess auch diesen Brief vor seinem Heere vorlesen. Da meinte einer seiner Feldherrn: „Ich, o König, nähme die Schätze und das Land und gäbe Darius seine Familie zurück." Alexander aber sprach : „Ich wundere mich, dass Darius mit dem, was mein ist, meine Gefangenen loskaufen will. Die Länder und Schätze, die er mir bietet, habe ich längst erobert, und will er sie zurückgewinnen, so mag • er mit mir darum kämpfen." Mit diesem Bescheid wurden die persischen Gesandten entlassen. Ergrimmt schalt Darius seinen Gegner ein wildes Tier und beschloss die letzten Kräfte seines Reiches zu einem neuen Kampfe zu rüsten. Auch an Porus, den König von Indien, schrieb er, bat ihn um Hilfe und versprach ihm die Hälfte der Kriegsbeute und Alexanders Pferd Bukephalos. Aber die Seinen gaben bereits seine Sache verloren und sannen auf Verrat. Auf die Kunde, dass Alexander gegen die Hauptstadt vorrücke, fassten zwei Satrapen, Bessus und Ariobarzanes, den Entschluss, ihren König zu töten, in der Hoffnung von Alexander dafür belohnt zu werden. Mit entblössten Schwertern stürmten sie in den Palast, verwundeten ihren Herrn tötlich, und verbargen sich dann, um abzuwarten, wie Alexander die Tat aufnehmen werde. Dieser .hatte inzwischen den Stranga überschritten und war in die Stadt eingedrungen. Alsbald eilte er in die Königsburg und fand seinen unglücklichen Gegner von allen verlassen, blutüberströmt, im Sterben. Weinend kniete er zu ihm nieder, bedeckte ihn mit seinem Mantel, um- fasste ihn und rief ihm zu: „Steh auf, König Darius, nimm dein Keich von mir zurück und herrsche über dein Volk, wie bisher! Mich aber lass die Untat, die an dir begangen ist, rächen." Sterbend umschlang Darius Alexanders Hals und sprach: „Lerne von mir, mein Sohn Alexander, wie wandelbar das Glück ist. Du siehst, was ich war und was ich bin. So bedenke auch du, was noch kommen mag, wean du schon mit den Händen den Himmel zu berühren vermeinst. Wenn ich tot bin, bestatte mich, ■ und lass Macedonier und Perser mir das Geleite geben. Sie sollen ein Volk werden und mein Haus — 12 — und dein Haus eine Familie. Meine Mutter sei deine Mutter, meine Gattin deine Schwester, und meine Tochter Roxane werde dein Weib." Mit diesen Worten hauchte Darius in Alexanders Armen sein Lehen aus. Mit königlicher Pracht liess Alexander den verstorbenen Herrscher bestatten und trug selbst mit den Vornehmsten des Reichs seine Leiche zu Grabe. Dann versammelte er das Perservolk und verkündete ihm, dass er an Darius Statt die Herrschaft übernommen habe. Unter den gleichen Gesetzen, wie früher, solle jeder frei und in Frieden seinem Gewerbe nachgehen, und von Persien bis Griechenland sollten alle Wege ungehindert dem Verkehr der Völker geöffnet sein. Als so die Perser beruhigt waren, wandte er sich nochmals an die Menge und rief: „Wer sind nun die Männer, die Darius getötet haben?• Sie sollen sich melden, und ich schwöre, dass ich sie über alle erhöhen und ihnen einen hervorragenden Platz verleihen werde." Darauf weinte das Volk ; Bessus und Ariobarzanes aber traten eifrig vor und sprachen : „Wir sind es, grosser König, die deinen Feind erschlugen." Da befahl Alexander die beiden zu ergreifen und zur Hinrichtung zu führen. Sie wehrten sich und schrieen : „Hast du nicht geschworen,. König, uns über alles Volk zu erhöhen und uns einen hervorragenden Platz zu geben ?" „Das soll eben, jetzt geschehen", antwortete Alexander und liess sie ans Kreuz schlagen. Zum Statthalter der Hauptstadt machte der König den Oheim des Darius, Abulites, und als alles geordnet war, erfüllte er auch den letzten Wunsch des Verstorbenen und vermählte sich feierlich, mit seiner Tochter. Mit der Königskrone geschmückt sass sie an seiner Seite auf dem Thron, und das. Perservolk pries sich glücklich und verehrte Alexander wie einen Gott. V, Alexanders Zug nach Norden. Nachdem Alexander das gesamte Perserreich unterworfen, die Provinzen mit seinen Statthaltern besetzt und seine Herrschaft gesichert hatte, beschloss er, mit seinem Heere vom Perserlande aus nordwärts zu ziehen, um auch diesen Teil der Erde zu erforschen. Mitten im Sommer brachen sie, von. hundertfünfzig Führern geleitet, nach dem kaspischen Passe auf. Prächtig war der Anblick der mace- donischen Sieger. In ihren goldenen Rüstungen spiegelte sich die Sonne, und ihre Waffen schimmerten von Perlen und Edelsteinen. Noch niemals hatte man ein zugleich so tapferes und so reiches Heer gesehen ; denn der Sieg über die Perser hatte ihnen unermessliche Schätze zugeführt. Aber nicht lange sollten sie sich ungestört ihres Glückes erfreuen. Zwar am kaspischen Pass fanden sie noch eine fruchtbare Gegend, in der nur die Menge der Giftschlangen, die überall im Gebüsch und unter den Steinen lauerten, den Wandernden gefährlich war. Aber jenseits des Passes führten sie die treulosen Wegweiser in eine furchtbare, sonnverbrannte Wüste, in der zahllose Schrecknisse die Unkundigen bedrohten. Bei der glühenden Hitze mussten sie in voller Rüstung einhergehen, um sich der wilden Tiere zu erwehren, die von allen Seiten gegen den Zug heranliefen ; und dazu war nirgends trinkbares Wasser, um den quälenden Durst zu stillen. Endlich erblickte man einen Wüstenfluss, dessen Ufer mit hohem Röhricht bewachsen waren. Alsbald befahl Alexander, das Lager aufzuschlagen, damit das Heer trinken könnte. Aber als man das Wasser kostete, schmeckte es bitter, wie giftige Nieswurz, und verursachte denen, • die davon getrunken hatten, heftige Schmerzen. So mussten sich die Verdurstenden ohne Erquickung weiterschleppen. Mehr noch als die Menschen, litten die Tiere des Trosses. Dem Heere folgten tausend mit Gold beladene Elephanten, vierhundert vierspännige und zwölfhundert zweispännige Wagen, zweitausend Maultiere, die das Gepäck der Truppen trugen, zweitausend Kamele und Zugochsen, die das Getreide nachführten, und ausserdem eine grosse Menge Schlachtvieh. Alle diese waren dem Verschmachten nahe. Die Soldaten suchten sich den Durst zu erleichtern, indem sie Oel tranken und an den eisernen Klingen ihrer Waffen leckten. Als die Qual kaum mehr zu ertragen war, trat ein Soldat namens Zephyros, der in einem Felsen etwas Wasser gefunden hatte, vor den König und bot ihm in seinem Helm einen Trank dar. Aber Alexander schüttete vor aller Augen das Wasser auf den Boden und sagte, er wolle nichts vor den Seinen voraushaben. Das gab allen neue Kraft, und geduldig zogen sie weiter. Dem Ufer des Wüstenflusses folgend gelangten sie gegen Abend zu einer Ortschaft, die, aus Rohr erbaut, auf einer kleinen Insel mitten im Flusse gelegen war. Einige halbnackte Bewohner kamen zum Vorschein, aber als man sie anrief und fragte, ob in der Nähe trinkbares Wasser zu finden sei, gaben sie keine Antwort, versteckten sich in ihren Hütten und Hessen sich auch durch Drohungen und Pfeilschüsse nicht heraustreiben. Nun warfen zweihundert Macedonier ihre Waffen ab, entkleideten sich und sprangen in den — 13 — Fluss, um hinüberzuschwimmen. Aber noch hatten sie kaum den vierten Teil der Strecke zurückgelegt, da tauchten aus dem Wasser riesige Flusspferde auf und verschlangen die Schwimmer vor den Augen ihrer jammernden Gefährten. In heftigstem Zorn liess Alexander die tückischen Wegweiser, die das Heer zu solchem Unglück geführt hatten, ergreifen und hundert von ihnen sofort in das Wasser werfen. Alsbald erschien eine noch weit grössere Zahl jener Ungeheuer, die wie Ameisen in dem Flusse herumwimmelten und die Menschen gierig in Stücke zerrissen. Dann liess der König zum Weitermarsch blasen. Nach Verlauf einer Stunde traf man Leute, die in Rohrkähnen auf dem Flusse fuhren. Nach Trinkwasser befragt gaben sie an, in einer Entfernung von einem halben Tagemarsch läge ein grosser See mit süssem Wasser. So mussten die Müden noch die ganze Nacht hindurch wandern, von Durst gefoltert und obendrein durch die Angriffe wilder Tiere beunruhigt, bis sie am anderen Morgen zu dem verheissenen See gelangten, der aber nur tausend Schritte lang und in der Mitte eines dichten, uralten Waldes gelegen war. Froh erquickte sich Mensch und Tier an dem ersehnten Wasser. Dann liess der König einen Teil des Waldes fällen und am See das Lager aufschlagen, damit sich sein Kriegsvolk hier durch eine längere Ruhe erholen könnte. Mit Einbruch der Nacht wurden eintausendfünfhundert Wachtfeuer angezündet und bei deren Schein das Nachtmahl eingenommen. Kaum aber war der Mond aufgegangen, so begann auf dem Boden um die Schlafenden ein unheimliches Leben. Das ganze Lager wimmelte plötzlich von Skorpionen, die, den Hinterleib aufgerichtet und den Giftstachel zum Stiche bereit, dem Wasser zustrebten. Ihnen folgte eine Menge schlüpfriger Giftschlangen, einige rötlich, andere schwarz und weiss, andere mit goldschimmernden Schuppen. Ueberall hörte man ihr wütendes Zischen, überall ertönte das Schreien der Gebissenen und das Stöhnen der Sterbenden. Fast zwei Stunden kämpfte man mit Lanzen und Feuerbränden gegen das tückische Gezücht, bis sich endlich die Tiere nach ihren Höhlen und Winkeln verzogen. Nun aber kamen greuliche Riesenschlangen von den nahen Bergen herab, um aus dem See zu trinken. So dick wie Säulen wälzten sie sich heran, mit ihren Schuppen den Boden fegend, den Vorderleib hoch aufgerichtet, die gespaltene Zunge aus dem Rachen hervorstreckend. Ihre Augen blitzten von Gift, ihr Hauch war tötlich. Alexander eilte durch das Lager und ermahnte die Leute, den Mut nicht zu verlieren. Alle rückten den Scheusalen entgegen und verjagten sie endlich, nachdem zwanzig Soldaten und dreissig Trossknechte von ihnen getötet waren. Jetzt spie auch der See selbst seine Ungeheuer aus. Riesige Krebse tauchten hervor, und griffen die Lagernden an. Keine Waffe vermochte ihren dicken Panzer zu durchdringen, aber als man Feuer auf sie warf, flüchteten sie in das Wasser zurück. Um die fünfte Stunde der Nacht schien endlich die Gefahr überstanden und Alexander liess mit der Trompete das Zeichen zur Ruhe geben. Aber kaum hatten sie sich niedergelegt, so wurden sie durch furchtbares Gebrüll wieder aufgescheucht. Die Raubtiere des Waldes kamen zur Tränke. Weisse Löwen, so gross wie Stiere, gewaltige Eber, Luxe, Tiger und Panther brachen in das Lager ein. Aber während die Soldaten Schild und Spiess gegen diese Feinde gebrauchten, hatten sie sich noch einer neuen Plage zu erwehren. Riesige Fledermäuse umflatterten die Kämpfenden und zerfleischten ihr Gesicht mit scharfen Bissen. Als so kaum noch eine Steigerung des Unheils möglich schien, stürmte plötzlich ein nie gesehenes Ungetüm heran, grösser als ein Elephant, schwarz von Farbe, mit drei Hörnern auf Stirn und Nase bewehrt. Kundige sagten, es heisse Odontotyrannos und sei der König dieser Ungeheuer. Als es die Bewaffneten erblickte, sprang es mitten durch die Feuer auf sie los und stampfte in tobender Wut achtzig Mann in den Boden. Von vielen Geschossen durchbohrt und vom Blutverlust erschöpft lief es endlich in den See und verendete dort. Mehr als dreihundert Leute brauchte man, um die gewaltige Masse ans Land zu ziehen. Gegen Morgen wurde es ruhiger. Nur grosse Ameisen krochen noch umher und verwundeten die Zugtiere. Und Nachtraben, so gross wie Geier, sassen am Ufer des Sees, um Fische zu fangen. Als die Nacht vorüber war, liess Alexander auch die übrigen schurkischen Wegweiser töten und ihre Leichen in die Wüste werfen. Dann verliess er schnell diese entsetzliche Gegend und zog nach dem Lande der Amazonen. Die Amazonen wohnten in der Nähe des kaspischen Meeres in einem Lande, das fast ringsum von einem breiten, tiefen Strome umflossen war und nur auf einer Seite einen schmalen Zugang hatte. Ein Heer von einhundertsiebzigtausend Weibern schützte das Gebiet. Kein Mann durfte sich dort aufhalten, sondern ihre Männer wohnten jenseits des Flusses und mussten die Herden der Frauen auf die Weide treiben. Nur einmal jährlich, bei einem dreissigtägigen Opferfeste, kamen ihre Weiber zu ihnen hinüber. — 14 — Wollte eine Frau länger bei ihrem Manne bleiben, so konnte ihr die Königin auf ein Jahr Urlaub gewähren. Die Kinder wurden von den Männern aufgezogen. Die Knaben behielten sie, die Mädchen mussten sie, wenn sie sieben Jahre alt waren, auf die Insel zu den Frauen bringen. Griffen Feinde das Land an, so rückten hunderttausend Frauen zu Pferde ihnen entgegen, die übrigen blieben zum Schutze der Insel zurück. Die Männer folgten dem Heere als Tross. Die im Kampfe gefallenen Frauen wurden hoch geehrt, und ihre Hinterbliebenen erhielten vom Yolke grosse Geschenke. Diesen tapferen Kriegerinnen sandte Alexander die Botschaft, er wolle ihr Land besuchen und sie sollten ihm entgegenkommen, da er freundlich gegen sie gesinnt sei. Sie aber glaubten ihre Freiheit bedroht und schrieben ihm: „Die Führerinnen der Amazonen senden König Alexander ihren Gruss. Ehe du zu uns kommst, warnen wir dich, damit du nicht ruhmlos umkehren musst. Besiegen wir unsere Feinde, so ist das für sie eine ewige Schande, besiegen sie aber uns, so haben sie keinen Ruhm davon, da wir Weiber sind. Hüte dich, Alexander, dass es dir nicht so ergehe. Kommst du, so wirst du unser Kriegslager an der Grenze finden." Als Alexander den Brief gelesen, lachte er und antwortete ihnen : „König Alexander grüsst die Amazonen. Ich habe nicht drei Erdteile unterworfen, um vor einem Völkchen von Weibern umzukehren. Wollt ihr Land, Freiheit und Leben verlieren, so lagert euch feindlich an der Grenze, wollt ihr aber verständig sein, so besucht mich freundschaftlich mit euern Männern. Ich werde euch dann ungekränkt entlassen. Wollt ihr Reiterinnen zu meinem Heer stellen, so soll jede monatlich ein Goldstück als Sold und alles, was sie braucht, erhalten. Nun beratet euch wohl und schreibet mir dann wieder." Da wurden die Amazonen anderen Sinnes, luden ihn in ihr Land ein, schickten ihm hundert edele Pferde, fünfhundert Reiterinnen und einen Tribut von hundert Pfund Gold und versprachen, dem Helden, dem so viele Völker gehorchten, auch ihrerseits willig und Untertan zu sein. Von den Amazonen zog Alexander weiter nördlich und traf dort auf wilde Völker von scheuss- licher Rohheit. Hässlich wie Teufel, schmutzig und schamlos, lebten sie wie Raubtiere dahin, ohne menschliche Gesittung. Alexander beschloss, die Welt von diesen Unholden zu befreien. Nachdem er sie in einer blutigen Schlacht besiegt und viele gefallen waren, trieb er die Ueberlebenden mit Weib und Kind in ein weites Tal, das rechts und links durch himmelhohe, unersteigbare Felswände abgesperrt war, auf der Rückseite durch ein stinkendes, schlammiges Meer, das niemand befahren. Den Eingang umfassten zwei gewaltige Berge, genannt die „Brust des Nordens." Man begann die Oeffnung zu vermauern, aber da der Raum gar zu weit war, verzweifelte der König und flehte zur Gottheit um Hilfe. Da rückten mit furchtbarem Krachen die beiden Berge aneinander, so dass nur noch eine Strecke von zwölf Ellen dazwischen frei blieb. Diese liess Alexander durch eine turmhohe Mauer ausfüllen, die Fugen der Steine mit geschmolzenem Blei und Zinn verkleben und das Ganze mit einem unzerstörbaren Kitt überstreichen, den weder Stahl, noch Wasser, noch Feuer zu lösen vermag. So blieben die greulichen Völker auf Jahrtausende dort eingeschlossen. Aber wenn das Weltende herannaht, — so verkündet eine alte Weissagung — dann werden sie das Tor sprengen und mit entsetzlicher Blutgier über die Länder der Erde hereinbrechen. Von Asien bis zum fernen Spanien wird ihnen jedes Volk erliegen. Nicht Weib, noch Kind wird vor ihnen Erbarmen finden. Wenn sie alle Reiche zertrümmert haben, dann werden sie in wüsten Gelagen ihren Sieg feiern und in frechem Hohne der Gottheit spotten. Dann sendet die Gottheit den römischen König gegen sie, und bei Jerusalem wird ihr Heer niedergeworfen und das Volk der verruchten Bösewichte bis auf den letzten Mann vernichtet. Sieben Jahre lang gebrauchen dann die Völker des Morgenlands kein anderes Brennholz, als die Speere und Schilde der Getöteten. Dreimal schon, zuerst als die Hunnen, später als die Ungarn, und zuletzt als die Türken von der Gegend des kaspischen Meeres her sich auf das Abendland stürzten, glaubten die Völker, das Gefürchtete sei geschehen, Alexanders jaefangene seien ausgebrochen und das Weltende stehe bevor. So gelangte Alexander endlich zu den beiden Säulen, die einst Herakles an der Grenze seiner Wanderschaft im Norden errichtet hatte. Sie waren zwei Ellen breit, dreizehn Ellen hoch, die eine aus Silber, die andere aus Gold. Um ihren Wert zu erproben, liess der König die goldene Säule anbohren und fand, dass sie nicht hohl war, sondern durch und durch aus reinem Gold bestand. Er liess das Bohrloch mit fünfhundert Pfund Gold ausfüllen, brachte Herakles ein Opfer dar und kehrte dann aus den Einöden des Nordens in bewohnte Länder zurück. — 15 — Vi. Alexander in Indien. Von Baktrien aus unternahm Alexander einen Zug nach Indien, um auch dieses Land zu unterwerfen und den indischen König Poms zu bekriegen, weil er sich einst mit Darius gegen ihn verbündete. Unterwegs hatte das Heer auf einem hohen Gebirge das Lager aufgeschlagen und die Wachtfeuer angezündet, als plötzlich ein furchtbarer Oststurm losbrach, alle Zelte umwarf und brennende Holzstücke und Funken durch das ganze Lager jagte, so dass Menschen und Tiere verbrannt wurden. Mit Mühe sammelten die Soldaten ihre Geräte und verlegten die Zelte in ein geschütztes Tal. Als aber der Wind nicht mehr wehte, kam eine heftige Kälte, und ungeheure Schneemassen fielen vom Himmel herab. Der König befahl seinen Leuten, sich hurtig zu tummeln und den Schnee zusammenzutreten. Aber dennoch erfroren gegen fünfhundert Mann. Endlich schlug das Wetter um, und ein starker Gewitterregen schwemmte den Schnee hinweg, Dann aber wurde es ganz finster, und nun sah man unter Donner und Blitz brennende Wolken wie Fackeln vom Himmel herabfallen, dass das ganze Gefilde in Flammen stand. Die Soldaten glaubten, der Zorn der Himmlischen suche sie heim, weil sie gewagt hätten, den Spuren des Gottes Herakles zu folgen, und sie beteten um Bettung. Aber noch drei Tage blieben sie in schwarzes Dunkel gehüllt, dass Tag und Nacht nicht zu unterscheiden war. Erst am vierten Morgen sahen sie die Sonne wieder, begruben die vielen Toten und zogen eilig weiter. Auf dem ferneren Weg kamen sie zum heiligen Berg des Gottes Dionysos. Alexander stieg mit seinen Freunden hinauf. Eine Treppe von hundertundfünfzig Stufen führte zu einer Kingmauer aus Saphirsteinen. Innen stand auf hundert Stufen ein runder Tempel, mit Steinen aus Saphir und Statuen von Bacchantinnen und Satyrn geschmückt. In der Mitte des Heiligtums erblickte man auf einem goldenen Buhebette die Gestalt eines grossen Mannes; sein Gesicht liess sich nicht erkennen, da er ganz von seinem kostbaren Gewände verhüllt war. Anstatt einer Lampe erhellte ein leuchtender Edelstein den ganzen Tempel. An der Decke hing ein goldener Käfig, darin sass ein Yogel wie eine Taube. Als Alexander herantrat, rief ihm der Yogel mit menschlicher Stimme zu: „Alexander höre auf, den Gott zu reizen, kehre um und wag'e nicht, die Wege der Himmlischen zu beschreiten." Als Alexander den Käfig und den leuchtenden Stein herabnehmen wollte, bewegte sich der Mann auf dem Buhebette. Da baten die Freunde den König, von den heiligen Dingen abzulassen. Indem er den Tempel verliess, erblickte er draussen zwei riesige goldene Milchkrüge, und es gelüstete ihn, aus diesen zu Ehren des Gottes zu trinken. Alsbald befahl er, das Lager auf dem Berge aufzuschlagen und das Heer zu einem grossen Gelage zu versammeln. Während man sich aber zum Schmause niederlassen wollte, erscholl auf einmal furchtbarer Donner, Trompeten schmetterten, Pauken rasselten, Zithern und Flöten erklangen, und der ganze Berg rauchte, als wäre er von Blitzen in Brand gesteckt. Da erschraken die Macedonier und ver- liessen den Ort. Aus dem Gebirge kamen sie dann in eine fruchtbare Ebene und blieben hier dreissig Tage, um sich auszuruhen und sich zum Kampfe gegen Porus zu rüsten. Hierauf gelangten sie in sieben Tagen zu dem Ort, wo sich Porus mit seinem Heere gelagert hatte. Ausser zahlreichem Fussvolk und Beiterei besass er achthundert Sensenwagen und vierhundert Kriegselephanten; jeder von diesen trug einen Turm auf dem Bücken, in dem Schleuderer und Bogenschützen aufgestellt waren. Porus war seines Sieges so sicher, dass er Alexanders Leute sogar ungehindert in seinem Lager verkehren und Lebensmittel dort holen liess. Er pflegte sie dann neugierig auszufragen, wo Alexander sei und was er treibe. So machte sich auch Alexander selbst in der Tracht eines gewöhnlichen Soldaten auf, ging zu dem Indier hinüber und kaufte Wein und Fleisch ein. Porus begegnete ihm, rief ihn an und wollte wissen, wie alt Alexander sei und was er mache. Alexander antwortete: „Unser König ist ein alter Mann. Er sitzt eben in seinem Zelt am Feuer und wärmt sich." Das hörte Porus gern, übergab Alexander einen Brief für seinen König und versprach ihm einen guten Lohn, wenn er das Schreiben richtig ablieferte. Alexander gelobte, den Brief getreulich zu besorgen, und las ihn nach seiner Bückkehr mit vielem Lachen. Porus erinnerte ihn daran, dass einst sogar der Gott Dionysos von den Indern besiegt und über die Grenze gejagt worden sei, und dass ihnen also ein blosser Mensch, wie Alexander erst recht unterliegen müsse. „Bedenke," so schloss der Brief, „dass wir dir dein Macédonien bis jetzt nur deshalb nicht Aveggenommen haben, weil uns dein Land wertlos dünkte, weil dein Volk zu nichts zu brauchen ist, und weil sich dort nichts befindet, was der Beachtung eines Königs würdig wäre. Kehre also um und begehre nichts, was für dich zu hoch ist." Als nun die Heere zum Kampfe bereit standen, hatten die Macedonier keine Furcht vor den — 16 — Indiern, aber vor ihren Elephanten, da sie noch niemals mit solchen gekämpft hatten. Da liess Alexander eine Menge eherner Bildsäulen und eiserner Rüstungen, die so zusammengefügt waren, dass sie gerüsteten Kriegern glichen, mit glühenden Kohlen füllen und in einer Reihe vor seinen Soldaten aufstellen. Sobald die Trompeten bliesen, befahl Poras sofort die Elephanten loszulassen. Wütend stürmten sie mit erhobenem Rüssel heran, um, wie gewöhnlich, zuerst die vorderste Reihe niederzuwerfen und zu zerstampfen. Aber als sie die glühenden Eisenmänner berührten, verbrannten sie sich furchtbar, und die einen wälzten sich schwer verwundet am Boden, die anderen rannten zurück und zertraten in Schmerz und Wut die Leute des eigenen Heeres. Auch die wenigen, die stehen blieben, wagten keine Macedonier mehr anzufassen. So wurde Porus völlig besiegt und fiel wehrlos in Alexanders Hände. Alexander aber verzieh i hm , gab ihm sein Reich zurück und machte ihn zu seinem Freunde. Darauf zogen die Macedonier, freundlich als Gäste empfangen, in der indischen Hauptstadt ein und bewunderten die unermesslichen Schätze des Königs. Das Dach des Königsschlosses ruhte auf dreissig gewaltigen Säulen aus reinem Golde. Die Säulen umschlang ein goldener Weinstock mit Trauben aus Krystall und Smaragden. Drinnen waren die Wände mit fingerdicken Goldplatten getäfelt, die Decken aus Ebenholz, der Thron aus Elfenbein. Alle Gefässe waren aus edlen Metallen, mit kostbaren Steinen besetzt. Im Hofe standen goldene Bäume, darauf sassen zahllose bunte Vögel mit vergoldeten Füssen und Schnäbeln, die noch mit Perlen und Edelsteinen geschmückt waren. Yon der reichen Königsstadt des Porus zog Alexander weiter zum Land der Gymnosophisten, der indischen Weisen, die ohne Kleider, ohne Häuser, ohne Habe friedlich in den Wäldern lebten. Als diese erfuhren, dass Alexander herannahe, sandten sie ihm die Botschaft: „Wenn du kommst, um uns zu bekriegen, so wirst du keinen Nutzen davon haben; denn das einzige, was wir besitzen, ist unsere Weisheit, und die kann uns niemand wegnehmen." Alexander erwiderte, er komme nicht in feindlicher Absicht. Er fand ihr Land reich an vielerlei Fruchtbäumen und Weinstöcken, die von herrlichen Trauben strotzten. Ein schöner Fluss mit durchsichtigem Wasser strömte hindurch. Die Luft war mild und lieblich. Das Yolk wohnte unbekleidet im Freien. Die Weiber und Kinder lebten getrennt von den Männern auf der andern Seite des Flusses. Alexander begrüsste die Weisen und prüfte sie durch mancherlei Fragen. „Was ist stärker," fragte er sie, „der Tod oder das Leben?" Sie sagten: „Das Leben; denn die Strahlen der Sonne sind stärker wenn sie aufgeht, als wenn sie untergeht." „Sind die Lebenden zahlreicher oder die Toten?" „Die Toten, denn das, was nicht ist, ist unermesslich." „Was ist grösser, die Erde oder das Meer?" „Die Erde, denn das Meer wird selbst von der Erde getragen." „Was ist das schlimmste Geschöpf?" „Der Mensch; denn schau auf dich selbst, wieviele Geschöpfe du bei dir hast, um alle andern Geschöpfe des Lebens zu berauben." Alexander lachte und fragte weiter: „Was ist besser, die rechte oder die linke Seite?" „Die rechte; denn rechts geht die Sonne auf und wendet sich dann erst zur linken Seite des Himmels." „Habt ihr auch einen König?" „Wir haben einen Führer und Lehrer, den weisen Dandamis." Alexander wünschte, auch diesen kennen zu lernen, und sie geleiteten ihn zu einem Manne, der am Boden auf einem Blätterhaufen lag und Feigen ass. Als ihn Alexander grüsste, erwiderte er kurz den Grass, ohne sich zu erheben. Alexander fragte ihn, ob sein Volk wirklich gar nichts besitze. Er erwiderte : „Wir besitzen viel : Erde, Licht, Sonne, Mond und Sterne, Luft, Wasser und Frachtbäume. Hungert uns, so gehen wir zu den schattigen Bäumen und essen ihre Früchte. Dürstet uns, so gehen wir zum Fluss und erquicken uns an seinem Wasser, wollen wir uns an einem Schauspiel ergötzen, so blicken wir zum Himmel und bewundern den Reigen der Sterne und das Leuchten des Mondes und der Sonne." Alexander fand Gefallen an den Männern und sprach : „Verlangt von mir was ihr wollt, und ich will es euch gewähren." Da riefen alle: „Gieb uns Unsterblichkeit." Alexander antwortete: „Das kann ich nicht; denn ich bin selbst sterblich." „Wenn du sterblich bist, warum machst du dir soviel mit Kriegen und Schlachten zu schaffen? Müsstest du nicht, wenn du auch die ganze Welt gewännest, mit deinem Tod das alles an andere abtreten?" Darauf erwiderte Alexander: „So hat mich die Vorsehung geschaffen, dass mich mein Herz zu kriegerischen Taten treibt. Mich hat sie so gewollt, wie ich bin, euch, wie ihr seid, und wir beide sind ihrem Gebote unterworfen. Wären alle Menschen von der gleichen Art, so wäre die Welt träge und leblos, das Meer würde nicht befahren, das Land nicht bebaut, und die Menschheit stürbe aus." Alexander liess dann den Weisen grosse Geschenke überreichen, Gold, Gewänder, Wein und Oel. Dandamis aber lachte und sprach : „Meinst du wohl, dass sich die Vögel freuen würden, wenn du ihnen Gold und Kleider schenkest, und dass sie deshalb schöner sängen ? Ebensowenig können wir dergleichen gebrauchen. Damit es aber nicht scheint, als verachten wir dich, so will ich das Oel von dir annehmen." Darauf liess Dandamis ein Feuer anzünden und schüttete vor Alexanders Auge das Oel hinein. — 17 — Als die Macedonier viele Tagereisen weiter gezogen waren, kamen sie zu einem grossen Wald, aus dem Harfen- und Zitherspiel und süsse Lieder zu ihnen herüberklangen. Mächtige Bäume verbreiteten dichten Schatten, darunter wuchsen schöne Blumen ; helle Brunnen sprudelten dort und rieselten aus dem Walde hervor auf eine grüne Aue. Alexander und die Seinen stiegen alsbald von den Rossen und gingen in den Wald, um zu sehen, woher der liebliche Gesang käme. Da fanden sie wunderschöne Jungtrauen, mehr als hunderttausend, die spielten und sprangen im Walde und sangen dazu so herrlich, dass nie jemand so süsse Töne vernommen hat. Da vergass ein jeder Gefahr und Not und jegliches Herzeleid, und alle meinten für ihr Leben Freude und Glück genug zu haben, wenn sie ewig an diesem Orte weilen dürften. Sie fragten die Mädchen, woher sie in den Wald gekommen seien. Da ward ihnen wunderbare Kunde. Wenn der Winter ging und die Erde zu grünen begann, dann entsprangen in dem Walde edle Blumen von seltsamer Grösse, weiss und rot mit mächtigen runden Knospen. Wenn sich die Knospen öffneten, so kamen daraus liebliche Mädchen hervor, weiss und rot, wie die Blumen selbst, und schöner als alle Weiber der Welt. Sie hatten menschlichen Verstand und gingen und sprachen wie Menschen. Die schönsten Kleider, rot wie Bosen und weiss wie Schnee, waren ihnen an den Leib gewachsen. Wagte sich aber eine aus dem Schatten heraus in die Sonnenglut, so musste sie eines jähen Todes sterben. Da schlugen die Macedonier ihr Gezelt iil dem Wald auf und freuten sich der Mädchen, die mit den Vöglein um die Wette sangen. Sie vermählten sich mit den Holden und hatten mehr Wonne, als sie je im Leben fanden, seit sie geboren waren, und gedachten sich nie von ihren Liebsten zu trennen. • Aber nur drei Monate und zwölf Tage dauerte ihr Glück. Als der Winter kam und die Blumen welkten, da starben mit ihnen die süssen Bräute sämtlich dahin. Das Laub fiel von den Bäumen, die Brunnen hörten auf zu fliessen, und in unendlicher Trauer nnd Sehnsucht schied Alexanders Volk von der verödeten Stätte. Schon hatten sie einen grossen Teil Indiens durchwandert, da begegneten ihnen zwei alte Männer, die der König befragen liess, ob sie ihm nicht in jener Gegend etwas Merkwürdiges zu zeigen wüssten. Sie antworteten : „Wir werden dich zu den Bäumen der Sonne und des Mondes führen, die in indischer und griechischer Sprache reden, und von denen du erfahren kannst, was dir Gutes und Schlimmes bevorsteht." Erzürnt rief der König : „Habe ich deshalb die Welt bis zum Aufgang der Sonne durchzogen, um mich zuletzt von zwei abgelebten Indiern verhöhnen zu lassen ?" und befahl, die Greise in Ketten zu legen. Sie aber schworen, dass sie die Wahrheit sagten, und da auch seine Freunde zuredeten, vertraute sich Alexander mit dreissigtausend Reitern der Führung der beiden Alten an. Nach einem zehntägigen Weg durch wilde und wüste Gegend gelangten sie zu einem Hain von Balsamtannen, in dem sich das Orakel der heiligen Bäume befand. Dort trat ihnen der Oberpriester entgegen, ein riesiger Mann von schwarzer Farbe mit spitzen Hundszähnen und durchbohrten Ohren, in denen Goldringe und Perlen hingen. Nachdem er Alexanders Begehren erfahren, befahl er ihm und seinen Begleitern, alle Kleider, Ringe und Schuhe abzulegen. Dann hiess er sie, den Untergang der Sonne abzuwarten, da die heiligen Bäume nur dann ihre Weissagung erteilten, wenn ihr Gestirn im Aufgang, im Zenith oder im Untergang sei. Alexander beschaute inzwischen den heiligen Hain, der von geringem Umfang und ganz vom Dufte des Balsams erfüllt war, der allenthalben von den Aesten herabträufelte. In der Mitte des Hains standen die beiden heiligen Bäume, etwa hundert Fuss hoch, von ähnlichem Aussehen, wie Zypressen. Der Priester erzählte dem König, dass kein Regen jemals den geweihten Hain berühre, kein Tier den Platz zu betreten wage ; bei einer Verfinsterung der Sonne oder des Mondes strömten die Bäume viele Tränen aus, für das Heil ihrer Gottheiten fürchtend. Alexander wollte den Bäumen ein Opfer darbringen, aber der Priester bedeutete ihm, dass es nicht erlaubt sei, in dem heiligen Ort ein Tier zu töten oder Weihrauch zu verbrennen; der König möge vor den Bäumen niederknieen, ihre Stämme küssen und zur Sonne und zum Monde beten, dass sie ihm die Wahrheit offenbarten. Inzwischen nahte der Abend heran, und als die untergehende Sonne mit ihren Strahlen die Wipfel der Bäume vergoldete, sprach der Priester: „Blicket alle nach oben, und jeder denke schweigend andas, was er die Gottheit fragen will, niemand aber lasse ein lautes Wort vernehmen." Misstrauisch spähten die Macedonier in das Dickicht, ob sie nicht durch irgend einen Betrug getäuscht werden sollten, aber es weilte ausser ihnen kein lebendes Wesen in dem geweihten Räume. So begann denn Alexander bei sich zu denken, ob ihm beschieden sei, nach Ueberwindung des Erdkreises im Triumph zu seiner Mutter Olympias lind seinen Schwestern heimzukehren. Als die Sonne im Westen versank, liess plötzlich der eine Baum in indischer Sprache ganz leise die Worte hören : „Unbesiegbarer Alexander, wie du gefragt hast, wirst du Gebieter des ganzen Erdkreises sein, aber du wirst nicht mehr lebend in dein Vaterland zurückkehren, da die Geschicke so über dein Haupt beschlossen haben." — 18 — Als sie das Heiligtum verlassen hatten, befahl Alexander den lndiern, die in seinem Gefolge waren, den Spruch zu übersetzen. Lange weigerten sie sich, aber endlich zwang er sie durch harte Drohungen, die Wahrheit zu sagen. Da brachen alle seine Freunde in Tränen aus. Alexander aber beschloss, den Baum des Mondes um nähere Auskunft über das drohende Verhängnis zu bitten. Nachts, ehe der Mond aufging, begab er sich mit seinen drei vertrautesten Freunden wiederum in den Hain, trat unter den Baum des Mondes und fragte im Stillen, wo und wie er seinen Tod finden würde. Als die ersten Strahlen des Mondes sichtbar wurden und den Baum berührten, antwortete er in griechischer Sprache : „0 Alexander, das Mass deines Lebens ist bald erfüllt. Im Mai des nächsten Jahres wirst du in Babylon sterben, betrogen von dem, dem du es am wenigsten zutraust." Laut weinend vernahm der König, was ihm bevorstand, und an seiner Seite jammerten die Freunde. Von Schmerz und Sorge zerrissen, dass ihm die nach dem Leben stiebten, die er sich treu bis in den Tod geglaubt hatte, wachte er die ganze Nacht und begab sich vor Sonnenaufgang zum dritten Male zu dem Hain, um vom Baum der Sonne nochmals Kunde über sein Schicksal zu erlangen. Er fand den Priester noch schlafend, in Felle gehüllt. Neben ihm lag auf einem Brett aus Ebenholz ein Klumpen Weihrauchkörner, der ihm von seiner Abendmahlzeit übrig geblieben war, und ein elfenbeinernes Messer. Erz und Eisen wird dort nicht gebraucht, und die Leute leben von Balsam und Weihrauch, wobei sie gegen dreihundert Jahre alt werden. Alexander weckte den Priester und liess sich zum Baum der Sonne führen. Er fragte ihn, wer sein Mörder sei, und welches Ende seine Mutter und seine Schwestern haben würden. Als die Sonne heraufkam, sagte der Baum in griechischer Sprache : „Wenn ich dir den Menschen * verriete, der auf deinen Tod sinnt, so würdest du ihn töten und damit das Geschick umstossen, das dir bestimmt ist. Mir aber würden dann die drei Schicksalsgöttinnen, Klotho, Lachesis und Atropos, zürnen, weil ich durch mein Orakel ihr Gespinnst verwirrt hätte. Du wirst im kommenden Jahre in Babylon sterben, nicht durch das Schwert, wie du hoffst, sondern durch Gift. Deine Mutter wird ein schreckliches Ende finden ; ihre Leiche wird unbestattet auf der Strasse liegen, eine Beute der Yögel und Hunde. Dein Weib aber und deine Schwestern werden durch die Hand des Mörders fallen. Du aber wirst in kurzem der Herr der Erde sein. Jetzt frage uns nicht weiter und verlasse die Grenzen unseres Hains." Der Priester mahnte, zu gehorchen und die heiligen Bäume nicht durch lautes Weinen zu beleidigen. So verliess Alexander mit seinem Heere den Ort, wo er so Entsetzliches erfahren hatte. Als wieder alle beisammen waren, zogen sie weiter nach Osten zu. Der Weg war mühsam und gefährlich. Wochenlang regnete es in einem fort und furchtbare Gewitterstürme töteten viele Menschen und Tiere. Dem Fussvolk verfaulte das Schuhwerk, den Reitern das Sattelzeug, den Pferden und dem Zugvieh die Hute. Kaum war die Regenzeit vorüber, so trat sofort eine unerträgliche Hitze ein, die wieder vielen verderblich wurde, weil sie barfuss auf dem glühenden Boden wandern mussten. So gelangten sie zum Hypanis, dem Grenzfluss des Landes. Hier brachte Alexander den Göttern ein grosses Dankopfer dar und beschloss dann, diesem Fluss entlang südwärts zum Ocean vorzudringen. VII, Alexanders Zug zum Ende der Erde, Das Wasser, an dem die Macedonier zum Meere zogen, war mehr als eine halbe Meile breit. Am Ufer standen riesige Rohre, so hoch und stark wie hohe Bäume. Im Röhricht fanden sie viel Elfenbein, denn die Gegend war von unzähligen Elephanten bewohnt. Als sie in die Nähe des Meeres kamen, trafen sie auf Leute, die mit Seehundsfellen bekleidet waren. Diese nahmen das Heer freundlich auf und brachten als Gastgeschenke grosse Schwämme und Muscheln, schenkeldicke Aale und reiche Gewänder aus Seehundsfell. Im Flusse hausten hier schneeweisse Wasserfrauen von wunderbarer Schönheit. Aber wer ihnen^ nahte, den ergriffen sie und rissen ihn hinab in die Tiefe. Sie lebten von Fischen und raubten oft den Fischern ihre Beute, die deshalb Netze von starkem Elfenbein gebrauchten. So gelangte das Heer endlich zum Ocean. Hier beging Alexander ein grosses Opferfest und liess dem Meergott Poseidon viele Pferde schlachten. Dann wandte er sich nach rechts und zog zwischen dem Meere und schroft abfallenden, unzugänglichen Gebirgen die Küste entlang. Hier wohnte das wilde Volk der Fischesser. Diese waren am ganzen Körper behaart, wie Tiere, trugen keine Kleider, lebten im Wasser und nährten sich von Fischen, die sie ohne jede Zubereitung roh verschlangen. — 19 — Lange zog man so an dem einförmigen Ufer hin, ohne zur Linken etwas anderes als die unendliche Wasserfläche zu erblicken. Eines Tages aber zeigte sich in der Nähe des Landes eine kleine Insel. Alexander liess die Eingeborenen fragen, was dort sei, und sie gaben an, die Insel enthalte das Grabmal eines alten Königs, in dem reiche Schätze verborgen seien. Alsbald regte sich in den Mazedoniern die Lust, hinüberzufahren; doch wollten Alexanders Freunde nicht zugeben, dass er selbst an dem Wagnis teilnahm. Einer seiner Getreuen, namens Philon, erbot sich, statt seiner die Schiffe zu führen; „denn," sagte er, „wenn ich umkomme, wirst du viele andere Freunde finden, stiesse dir aber etwas zu, so würde die Welt keinen zweiten Alexander haben." Inzwischen waren die Wilden verschwunden, hatten aber zwölf Kähne am Meere zurückgelassen. Philon und seine Leute stiegen hinein und gelangten in einer Stunde hinüber. Kaum aber sah man sie das Eiland betreten, als dieses plötzlich mit allen die darauf standen, im Wasser versank. Mit Entsetzen erkannten die Ueberlebenden, dass das, was sie für eine Insel gehalten hatten, der Rücken einer ungeheuren Schildkröte war. Als sie die treulosen Wilden züchtigen wollten, waren diese nirgends zu finden. Betrübt verweilten sie noch acht Tage in dieser Gegend. Als sie wieder durch das Erscheinen eines greulichen Seetiers erschreckt wurden, das viermal so gross wie der grösste Elephant war, verliessen sie das wilde Gestade und zogen landeinwärts. Nachdem sie viele Tage durch eine tiefe Schlucht gewandert waren, kamen sie in eine unheimliche Einöde. Von Hunger und Durst gequält irrten sie lange umher und fanden endlich einen Wald von dornigen Bäumen, die grosse melonenartige Früchte trugen. In dem Walde wohnten aber menschliche Ungeheuer, deren Nägel an Händen und Füssen scharf und spitz wie eiserne Sägen waren. Diese machten alsbald einen Angriff auf das Heer und töteten über hundert Soldaten; als aber die Macedonier mit Geschrei und Trompetenschall gegen sie anrückten, ergriffen sie die Flucht, und mehr als dreihundert wurden erschlagen. Das Heer blieb dann drei Tage an diesem Ort und sättigte sich mit den Baumfrüchten. Sie zogen nun weiter durch die Wüste und gelangten zu einer grünen Aue, wo sie sich zu lagern gedachten. Da kamen plötzlich aus einem nahegelegenen Walde eine Menge zottiger Biesen hervor, die mit dicken Stangen auf Alexanders Leute einschlugen. Da schon viele gefallen waren, liess Alexander den Wald anzünden. Als die Biesen das Feuer sahen, gerieten sie in Furcht und flohen. Die Macedonier verfolgten sie bis zu inren Höhlen, die von riesigen dreiäugigen Hunden bewacht waren. Eilig setzten sie ihren Weg fort und kamen zu einem Ort, wo eine reiche Quelle entsprang. Hier liess Alexander das Lager aufschlagen und durch Gräben und Pfähle befestigen. Während sie damit beschäftigt waren, erschien auf einmal ein borstiger Unhold, der halb wie ein Mann, halb wie ein Eber aussah, und schaute die Soldaten mit wilden Blicken furchtlos an. Alexander befahl, ihn zu ergreifen, doch die Soldaten wagten es nicht. Da stürzte sich das Scheusal auf ein Mädchen und begann es in Stücke zu reissen und aufzufressen. Als die Macedonier herbeieilten, um das Mädchen zu retten, grunzte und schrie der Mann, wie ein wildes Tier, worauf aus einem sumpfigen Dickicht unzählige ähnliche Geschöpfe hervorsprangen und sich auf Alexanders Leute warfen. Alexander liess sie in das Dickicht zurücktreiben und dann den Bohrwald in Brand stecken. Drei fielen lebend in die Hände der Macedonier, nahmen aber keine Nahrung an und starben in wenigen Tagen. Aul dem weiteren Wege kam Alexanders Heer zu einem Fluss, an dem seltsame Bäume wuchsen. Diese drangen mit Sonnenaufgang aus dem Boden hervor und stiegen bis zur Mittagsstunde schnell in die Höhe, dann aber nahmen sie allmählich ab und waren abends nicht mehr sichtbar. Sie schwitzten ein wohlriechendes Harz aus, das persischen Weihrauchkörnern glich. Als Alexanders Leute davon zu sammeln begannen, liessen plötzlich unsichtbare Dämone furchtbare Hiebe auf sie niedersausen. Man hörte das Klatschen der Schläge und sah die Striemen auf dem Bücken der Getroffenen, aber die Schlagenden sah niemand. Darauf erscholl eine Stimme in der Luit, die das ganze Heer mit dem Tode bedrohte, wenn die Bäume noch weiter angetastet würden. Am Flussufer sassen zahme Vögel, die gewöhnlichen Bebhühnern glichen; wenn man sie aber berührte, schlug Feuer aus ihnen heraus und verbrannte die Angreifer. Man gelangte darauf zum Flusse Buebar, den gewaltige Wälder umschlossen. Kaum hatten dort die Macedonier das Lager aufgeschlagen und angefangen, sich der Buhe hinzugeben, als die Leute, die ausgeschickt waren, um Wasser und Futter zu holen, ganz verstört zurückkehrten und schrien, alle sollten schnell zu den Waffen greifen, da zahllose Herden wilder Elephanten gegen das Lager im Anzug seien. Als alles bestürzt durcheinanderlief, gaben kundige Indier Alexander einen Bat, wie er die wilden Tiere leicht in die Flucht schlagen könnte. Die ganze Beiterei musste aufsitzen. In die vorderste Beihe wurden die thessalischen Beiter gestellt, deren jeder ein Ferkel zu sich aufs Pferd nehmen musste. Dahinter hielten die gesamten Spielleute der Beiterei. So sprengten sie den Tieren entgegen. Als die — 20 — Elephanten in Sicht kamen, zwickten und schlugen die Reiter ihre Schweine, dass sie überlaut quiekten und schrien, und zugleich bliesen die Trompeter und Hornbläser aus Leibeskräften, sodass ein furchtbarer Lärm entstand. Erschreckt wandten die Elephanten um, aber die Reiter setzten ihnen nach und töteten mehr als neunhundert, deren Stosszähne dann als reiche Beute in das Lager zurückgebracht wurden. Jenseits der Wälder fanden die Macedonier ein unbekanntes Land, in dem auch die Führer nicht mehr Bescheid wussten. Sie baten den König umzukehren, aber Alexander ging furchtlos vorwärts. Bald begann auch das Tageslicht zu verschwinden und nur um Mittag war auf eine Stunde ein schwacher Schimmer sichtbar. Zehn Tage zogen sie durch trübe Dämmerung, beständig durch unheimliche Tiere geängstigt, die plötzlich aus dem Dunkel hervorbrachen und oft die Wandernden anfielen. In einem ausgetrockneten Sumpfe begegnete ihnen ein greuliches zweiköpfiges Ungeheuer, das halb einem Elephanten, halb einem Nilpferd glich und wie ein Krokodil mit einem Schuppenpanzer bedeckt war. Mit seinem furchtbaren Gebiss tötete es zwei Soldaten auf einmal. Keine Lanze vermochte seine Haut zu durchbohren. Endlich wurde es nach hartem Kampfe mit eisernen Hämmern erschlagen. Die Macedonier wandten sich nun wieder dem Ocean zu. An der Küste trafen sie Menschen ohne Kopf, die Augen und Mund auf der Brust hatten. Diese zeigten sich aber gutmütig und zutraulich, und versorgten die Macedonier mit Eischen aus ihrem Meer. Jetzt rieten auch Alexanders Freunde zur Umkehr, aber der König wollte nicht ablassen, ehe er zum Ende der Erde gelangt wäre. Man betrat dann ein völlig einsames Land, in dem kein lebendes Wesen mehr zu sehen war. Auch die Sonne erblickte man nicht mehr, und in völliger Finsternis zog das Heer viele Tage am Meere hin. Als sie am Gestade gelagert waren, vernahmen sie aus der See von einer Insel her, die nahe am Lande lag, Zurufe in griechischer Sprache. Schnell sprangen zwanzig Männer in das Wasser, um hinüber zu schwimmen. Da tauchten aus den Wellen riesige Krebse hervor, erfassten die Schwimmenden und verschwanden mit ihnen in der dunkeln Flut. Eines der Ungeheuer aber kroch an das Ufer heraus und rückte drohend gegen die Krieger an. Die Waffen, die ihm entgegengehalten wurden, zerbrach es mit seinen gewaltigen Scheren und konnte kaum überwältigt werden. Als man seinen Leib aufschnitt, fand man darin sieben Perlen von wunderbarer Grösse. Da ergriff den König grosse Begierde, die Wunder der Meerestiefe mehr zu erforschen. Er berief seine Handwerker und liess sich ein grosses Gefäss aus spannendickem Glas herstellen. Am Boden war eine kleine, verschliessbare Oeffnung angebracht, durch die man die Hand stecken konnte, um Gegenstände vom Meeresgrund aufzulesen. Das Glas wurde in einen starken eisernen Käfig eingesetzt. Dann liess Alexander einen Hund hineinbringen und einen Hahn, der ihm in der finsteren Tiefe durch sein Krähen die Tageszeit anzeigen sollte. Nachdem er selbst eingestiegen war, wurde das Gefäss verschlossen und an einer zweihundert Klafter langen Kette, die hundertundfünfzig Soldaten hielten, in das Meer versenkt. Auf dem Grunde sah er die Tiere des Meeres wie auf festem Lande umherkriechen und in den Wäldern der Tiefe ihre Nahrung suchen. Plötzlich kam ein gewaltiger Fisch, schlug mit seinem Schwanz auf den Käfig und zerriss die Kette, Da wäre Alexander verloren gewesen, wenn er die beiden Tiere nicht bei sich gehabt hätte. Er tötete den Hund, und die See, die keinen blutigen Leichnam in ihrem Schosse duldet, warf sofort den Käfig heraus ans Land. Als Alexander von diesem Orte zwei Tagereisen vorgerückt war, stand er an der Grenze des Landes der Seligen. Um in dieses einzudringen, wählte er die besten und rüstigsten Reiter seines Heeres aus ; das ganze Fussvolk und alle älteren Leute sollten zurückbleiben. Ein alter Krieger aber, der zwei wackere Söhne unter denen hatte, die den König begleiten sollten, sprach zu seinen Kindern : „Nehmt mich mit, denn in der Stunde der Not wird der König den Rat eines Alten vermissen, und ihr werdet grosse Ehre gewinnen, wenn ihr mich bei euch habt. 1 ' Ungern willigten sie ein, Schoren dem Vater Bart und Haupthaar und verkleideten ihn, dass er wie ein Jüngling aussah. Drei Tage ritten sie vorwärts, da kamen sie zu einem nebeligen Ort, wo sie nicht mehr weiter konnten. Hier lagerten sie, und am nächsten Tage versuchte der König mit tausend Reitern zur Linken vorzudringen, aber auch hier fanden sie nur Felsen und Abgründe, so dass sie nach einem halben Tage wieder umkehren mussten. Zur rechten lag eine glatte Ebene vor ihnen, aber in völliger Finsternis, und keiner der Jünglinge wollte es wagen, dem König dahin zu folgen. Da rief Alexander : ,,Acb, wäre doch ein erfahrener Alter bei uns, der einen Rat gäbe, wie wir in das dunkle Land eindringen könnten, ohne den Rückweg zu verlieren. Wer mir einen solchen aus dem Lager hierher bringt, soll zehn Pfund Gold zum Lohn erhalten." Aber niemand getraute sich den weiten Weg durch die finstere Einöde zurück- — 21 — zureiten. Da traten die beiden Jünglinge vor den König und sprachen: „Wenn du uns nicht zürnen wolltest, Herr, so könnten wir wohl helfen." Alexander gelobte ihnen, dass ihnen keine Kränkung widerfahren solle, und so brachten sie ihren Vater, den sie gegen das Geheiss des Königs mitgenommen hatten. Freudig empfing ihn der König und bat um seinen Rat. Er sprach : „Suchet aus allen Pferden die Stuten aus, die gerade Fohlen haben, lasset die Fohlen hier zurück und reitet auf den Stuten in das unbekannte Land, so werden sie euch in das Lager zu ihren Jungen zurückführen. Tut ihr anders, so werdet ihr das Licht nicht wiedersehen." So geschah es. Es fanden sich etwa hundert solche Stuten, und auf ihnen ritten der König und auserlesene Begleiter in das einsame Dunkel. Vor dem Abzug mahnte der Alte noch seine Söhne, was sie dort am Boden fanden, sorgfältig aufzulesen und in ihre Taschen zu stecken, Nach langem Kitt kamen sie zu einem Ort, wo die Luft leuchtend war und gar süss und lieblich duftete. Eine Quelle entsprang dort, deren Wasser leuchtete und schimmerte, wie ein Blitz, und noch viele andere Quellen. Hier liess der König Rast machen, und befahl, das Mahl zu rüsten. Als Andreas, der Koch des Königs, einen getrockneten Salzfisch in jener Quelle waschen wollte, wurde der Fisch plötzlich lebendig und entschlüpfte seinen Händen. Da erkannte der Koch, dass er die Quelle des Lebens gefunden hatte, aber er sagte niemand davon, sondern trank nur selbst von dem Wasser. Als sie dreissig Meilen weitergeritten waren, erblickten sie einen wunderbaren Glanz, ohne dass jedoch Sonne, Mond oder Sterne sichtbar gewesen wären. Da schwebten dem König zwei Vögel mit menschlichem Antlitz entgegen und riefen ihm zu : „Das Land, das du betrittst, Alexander, gehört nur der Gottheit. Kehre um, Unseliger, kehre um, denn die Wohnungen der Seligen darfst du nicht betreten !" Alexander gehorchte der Mahnung. Zweiundzwanzig Tage irrten sie umher, bis sie durch das Wiehern der Stuten und Fohlen den Ausweg aus dem Dunkel fanden. Viele Soldaten hatten Steine oder Erde zur Erinnerung an das Wunderland eingesteckt, namentlich aber die beiden Söhne des Alten ihre Taschen reichlich gefüllt. Als sie herauskamen, fanden sie alles in schweres Gold verwandelt. Jetzt erzählte auch der Koch, was ihm mit dem Fische begegnet war. Da ergrimmte Alexander, dass der Bösewicht seinem Herrn und seinen Gefährten die Unsterblichkeit missgönnt hatte, und er liess einen Stein an seinen Hals binden und ihn ins Meer werfen. Dort wohnte er fortan als Meeresdämon in der Tiefe. Dann liess Alexander an diesem Ort ein Denkmal errichten und in griechischer, persischer und ägyptischer Sprache daraufschreiben : „Wer in das Land der Seligen gelangen will, wende sich zur Rechten." Da Alexander auf diesem Weg nicht bis zum Ende der Erde vorgedrungen war, so begehrte er zum Himmel hinaufzusteigen, um zu sehen, wo das Ende der Erde sei und der Himmel auf der Erde ruhe. Er liess zwei grosse Greifen fangen und einige Tage ohne Futter einsperren. Dann liess er ihre Hälse mit starken Ketten unter ein festes Joch spannen, das an der Deichsel eines leichten Wagenkorbes befestigt war, bestieg das Gefährt und hielt ihnen an zwei langen Stangen hoch über ihren Köpfen je eine leckere Pferdeleber vor. Die hungrigen Vögel flatterten auf, um die Leber zu erhaschen, und rissen den Wagen mit sich empor. Immer höher und höher flogen sie, bis Alexander vor Kälte zitterte. Unter ihm erschien die Erde wie ein kleiner Kreis und das Meer wie eine Schlange, die sich rings um den Kreis herumwand. Plötzlich blendete eine göttliche Kraft die Vögel und schleuderte sie zur Erde zurück. Zehn Tagereisen von seinem Heere fiel Alexander halbtot zu Boden und gelobte sich, nicht nochmals Uebermenschliches zu versuchen. VIII, Alexanders Tod. Von den Grenzen der Welt kehrte Alexander in das Perserreich zurück und nahm seinen Wohnsitz in Babylon, wo er mit Jubel und göttlichen Ehren empfangen wurde. Während er dort friedlich weilte, geschah ein unheilkündendes Wunderzeichen. Eine Frau brachte ein Kind zur Welt, das bis zu den Hüften einem Menschen glich, unten aber lief sein Leib in die Gestalten wilder Tiere aus. Der menschliche Teil war tot, die Tiere aber lebten und bewegten sich in wütendem Kampfe. Das Weib hüllte das Kind in ein Tuch, ging zum Palaste und meldete, sie habe dem König etwas Geheimes zu offenbaren. Alexander schenkte ihr Gehör, und als sich alle anderen entfernt hatten, zeigte sie ihm das greuliche Wunder. Er liess alsbald die berühmtesten der chaldäischen Weisen zu sich entbieten und fragte sie, was das Zeichen bedeute. Der erste Zeichendeuter aber war zufällig nicht zugegen ; die andern — 22 — erkannten den Sinn des Wunders nicht und weissagten, wie gewöhnlich dem Könige Glück und neue Siege. Als dann der grosse Chaldäer eintrat und das Kind erblickte, schrie er laut auf und zerriss sein Gewand. Erschreckt bat ihn Alexander, auch seine Meinung zu sagen. Er sprach : „Grosser König, du wirst bald nicht mehr zu den Lebenden zählen. Denn der menschliche Teil des Kindes, der tot ist, bist du. Die wilden Tiere, die leben, sind deine Nachfolger, die so weit hinter dir zurückstehen, wie ein Tier hinter dem Menschen. Sie werden sich nach deinem Tode in wilden Kämpfen zerfleischen und unendlichen Jammer über die Erde bringen." Darauf bafahl er, das Geschöpf zu verbrennen, und ging weinend hinaus. In Macédonien war indessen zwischen der Königin Olympias, Alexanders Mutter, und Antipater, den Alexander als Statthalter des Landes eingesetzt hatte, ein heftiger Zwist ausgebrochen. Durch die vielen Beschwerden und Warnungen seiner Mutter bewogen, sandte endlich der König Antipater den Befehl, , zu ihm nach Asien zu kommen, und ernannte für ihn Krateros zum Statthalter Macédoniens. Antipater fürchtete Alexanders Gericht und beschloss, den .König vorher aus dem Wege zu räumen. Er Hess sich von einem Giftmischer einen Trank bereiten, der so stark war, dass er jedes gläserne oder tönerne Geschirr zersprengte. Er verwahrte ihn in einem eisernen Gefäss und übergab dies seinem Sohne Kassander, der in Babylon den Mord zur Ausführung bringen sollte. Das war nicht schwer, denn Jollas, Antipaters jüngerer 1 Sohn, gehörte zu den Mundschenken des Königs und grollte um diese Zeit seinem Herrn, weil er von ihm wegen eines Vergehens gezüchtigt worden war. Sie zogen einen Vertrauten des Königs, namens Medios, mit in ihren Bund und berieten mit ihm, wie sie Alexander das Gift beibringen wollten. Medios bat den König, an einem Gastmahl in seinem Hause teilzunehmen und Alexander folgte arglos der Einladung der verräterischen Freunde. Als das Gelage schon längere Zeit dauerte und Alexander in fröhlichem Mut einen neuen Trunk begehrte, nahm Jollas von dem Gift unter den Daumennagel und mischte es verstohlen unter den Wein des Königs. Als Alexander den Becher geleert hatte, schrie er plötzlich auf, als sei ihm die Brust mit einer Lanze durchbort. Entsetzt sprangen die andern von den Sitzen; er aber bat sie, das Mahl nicht zu unterbrechen, verbarg seinen Schmerz und Hess sich in seinen Palast geleiten. Alle verHessen das Gelage und harrten in banger Erwartung, was ihrem König geschehen sei. Nach einer qualvollen Nacht erkannte Alexander, dass ihm der Tod nahe war, denn schon erstarrten seine Glieder und die Sprache war ihm gelähmt. Da ertrugen seine Krieger den Zweifel und die Angst nicht länger. Eine tückische Mordtat der Vornehmen vermutend, versammelten sie sich mit ihren Waffen vor dem Palaste und drohten, alle Höflinge zu töten, wenn man ihnen nicht ihren Herrn zeige. Alexander hörte den Lärm, Hess sein Bett in eine grosse Halle tragen und befahl, sie alle hereinzulassen. In langer Beihe nahten die Treuen ihrem sterbenden König, den letzten Abschied von ihm zu nehmen. Jeder trat zu ihm heran und küsste ihn. Furchtbares Weinen erscholl in dem Baum, dass es wie Donner hallte. Ein einfacher Mann namens Poikolaos sprach zu Alexander: „Geliebter König, dein Vater Philipp war uns ein guter Herr, aber was du getan hast, kann niemand zählen. Auf jedem Wege sind wir dir gefolgt. Warum willst du jetzt ohne deine Macedonier in ein unbekanntes Land ziehen ? Nimm uns mit dir in den Tod, denn ohne dich können wir alle nicht leben." Da brach auch Alexander in Tränen aus und winkte seinen Gefährten mit sterbender Hand den letzten Abschiedsgruss. Todestraurig schieden sie von dem edelsten Helden. ! Da entstand in der Luft ein finsterer Nebel, und ein grosser Stern senkte sich vom Himmel zum Meere herab, und mit ihm ein Adler, und das Standbild des Zeus in Babylon wankte. Der Stern aber erhob sich wieder zum Himmel und der Adler folgte ihm, und als der Stern in den Wolken verschwunden war, da schlief der grosse Alexander den ewigen Schlaf. --*-.22 - erkannten den Sinn des Wunders ni Siege. Als dann der grosse Chaldäe Gewand. Erschreckt bat ihn Alexai wirst bald nicht mehr zu den Leben du. Die wilden Tiere, die leben Tier hinter dem Menschen. Sie wer liehen Jammer über die Erde bri weinend hinaus. In Macédonien war indesser) den Alexander als Statthalter des vielen Beschwerden und Warnungen zu ihm nach Asien zu kommen, uni fürchtete Alexanders Gericht und b<[ von einem Giftmischer einen Trank zersprengte. Er verwahrte ihn in e Babylon den Mord zur Ausführung Sohn, gehörte zu den Mundschenken wegen eines Vergehens gezüchtigt mit in ihren Bund und berieten den König, an einem Gastmahl in der verräterischen Freunde. Als das Gelage schon läns| begehrte, nahm Jollas von dem Gif des Königs. Als Alexander den einer Lanze durchbort. Entsetzt zu unterbrechen, verbarg seinen Gelage und harrten in banger Er Nach einer qualvollen Nacj seine Glieder und die Sprache wa nicht länger. Eine tückische Mor| vor dem Pal aste und drohten, all hörte den Lärm, liess sein Bett i: Reihe nahten die Treuen ihrem zu ihm heran und küsste ihn. F Ein einfacher Mann namens Poik(| uns ein guter Herr, aber was du Warum willst du jetzt ohne dem den Tod, denn ohne dich können winkte seinen Gefährten mit steril dem edelsten Helden. Da entstand in der Luft Meere herab, und mit ihm ein il erhob sich wieder zum Himmel v war, da schlief der errosse Alexai em Könige Glück und neue i er laut auf und zerriss sein sprach : „Grosser König, du l des Kindes, der tot ist, bist ter dir zurückstehen, wie ein |,mpfen zerfleischen und unend- öpf zu verbrennen, und ging anders Mutter, und Antipater, fist ausgebrochen. Durch die fer König Antipater den Befehl, îalter Macédoniens. Antipater ege zu räumen. Er liess sich gläserne oder tönerne Geschirr '¡einem Sohne Kassander, der in [enn Jollas, Antipaters jüngerer [seinem Herrn, weil er von ihm In des Königs, namens Medios, eibringen wollten. 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