REALGYMNASIUM DES JOHANNEUMS EIN STUDIENAUFENTHALT IN SPANIEN 3S3 333 MIT BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DES SCHULWESENS VON PROF. DR. FRIEDRICH AUGUSTIN BEILAGE ZUM BERICHT ÜBER DAS 79. SCHULJAHR GEDRUCKT BEI MAX BAUMANN . . HOHE BLEICHEN 1ö ----------------------------HAMBURG 1913 - 1913 Progr.-lVr. 103§. ? 1*3 (^Sn) Landes- u. Siadt-Bibl. Düsseldorf fY' $- z^ Wohl sind bisher den Jahresberichten der höheren Schulen als wissenschaftliche Beilagen Abhandlungen über Auslandsreisen nach England und Frankreich mehrfach beigegeben worden und haben den Kollegen, die Studien halber diese Länder aufsuchten, gute Dienste geleistet. Ein Bericht über eine Studienreise jenseits der Pyrenäen ist meines Wissens bisher nicht erschienen, weshalb die folgenden Ausführungen, die insbesondere auch spanische Schulverhältnisse und die deutschen Schulen in Spanien behandeln und in allen Einzelheiten up to date sind, allen Interessenten willkommen sein werden.*) *) In den Oberklassen der Oberrealschulen Hamburgs wird fakultativer Unterricht im Spanischen erteilt: „Mit dem Realgymnasium des Johanneums sind seit Ostern 1896 Fortbildungsklassen (lateinlose Obersekunden) verbunden, welche den Zweck haben, den künftigen jungen Kaufleuten vor ihrem Eintritte in die Lehre Gelegenheit zu geben, ihre allgemeine Bildung den Bedürfnissen ihres künftigen Berufs entsprechend zu erweitern und zu vertiefen. Der Lehrplan dieser Klassen umfaßt: Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Geschichte und Erdkunde, Rechnen, Physik und Chemie, außerdem Zeichnen und Turnen. Für den Eintritt ist der Nachweis der erlangten Militärberechtigung erforderlich." Diese kaufmännische Abteilung ist mit der Handelskammer vereinbart und nach deren Rat eingerichtet. Es wird in allen Jahresberichten der höheren Schulen Hamburgs auf dieselbe aufmerksam gemacht unter dem Hinweis, daß die Vorbildung des jungen Nachwuchses der Hamburger Kaufmannschaft in vielen Fällen eine Ergänzung wünschenswert erscheinen läßt, welche erfahrungsgemäß besser vor Antritt der Lehrzeit als während derselben erworben wird. — 3 — Entnommen sind einzelne Angaben dem in jeder Beziehung zu empfehlenden „El Castellano actual". por Roman y Salamero, J. Bielefeld, Karlsruhe, dem sehr lehrreichen „Land und Leute in Spanien" von Francisco Fronner, Langenscheidt, Berlin-Schöneberg; dem immer zuverlässigen „Spanien und Portugal", Handbuch für Reisende von K. Baedeker, Leipzig, 1912; dem lesenswerten „Osterferien in Andalusien" von C. Haag, K. A. E. Müller, Stuttgart. Für die mir erteilten Auskünfte und übersandten Drucksachen habe ich verbindlichsten Dank abzustatten den Herren: Dr. 0. Boelitz, Direktor der deutschen Realschule in Barcelona; Dr. Fromme, dem derzeitigen und Dr. W. Schmidt, dem jetzigen Direktor der deutschen Realschule in Madrid; G. Fliedner, Pastor und Leiter des „Porvenir", colegio de 2" ensenanza, Madrid; Ezequiel Solana, director de una escuela publica de Madrid und Herausgeber des „Magisterio Espanol"; Pedro Grarcia Marin, maestro de la Escuela Modela, Madrid; E. Bartolome y Mingo, maestro de la Escuela Froebel, Madrid; Diaz de Escobar, Delegado Regio de las escuelas municipales de Malaga; Martin Vega del Castillo, Secretario de la Delegation Regia, Malaga und schließlich G-ermän Wolff, Malaga. Zur Orientierung vor der Reise haben mir gedient die bekannten, allerdings nicht immer ganz modernen Werkchen Mor. Willkomms: „Die Pyrenäische Halbinsel" und „Spanien und die Balearen". Nachdem ich schon seit langen Jahren spanische Studien getrieben, mir die für die Konversation nötigen Stoffe im Anschluß an Krön, Le Petit Parisien (das entsprechende spanische Werk von Roman y Salamero war noch nicht erschienen) selbst ausgearbeitet, von einem gebildeten Spanier Garcia (früher Lehrer des Spanischen in Hamburg) hatte prüfen lassen und in längerem Verkehr mit demselben hatte erproben können, trat ich meinen dreimonatigen Urlaub an. Die Hinreise nach dem sonnigen Süden führte mich über Paris durch die gesegnete Bourgogne nach Lyon und nach eintägiger Ruhepause in der hübsch gelegenen Rhone- und Saöne- stadt in höchst interessanter Fahrt durch die Provence weiter nach Marseille. Mit einem Dampfer der Compania Sevillana, der übrigens an Sauberkeit den unsrigen weit nachstand, gelangte ich von der Porte de l'Orient in 32 Stunden nach der katalanischen Hauptstadt. Barcelona ist eine schöne, moderne, mächtig aufstrebende Stadt mit fleißiger, intelligenter Bevölkerung und umfangreichem Hafen, der an Größe den von Marseille noch übertrifft und von dem Castillo de Montjuich beherrscht wird. In den Gefängnissen des Montjuich sollen noch vor gar nicht langer Zeit anarchistischer Umtriebe Angeklagte mit Folterwerkzeugen zu Geständnissen gezwungen sein. Für mich bot das alte Barcelona besonderes Interesse, das sich um die in spanischer Gotik erbaute Kathedrale gruppiert. Im Gegensatz zu den architektonisch nüchternen Bauten der Neustadt zeigen die engen Straßen der Altstadt ein echt spanisches Gepräge mit ihren hohen balkongeschmückten Häusern. Durch die Altstadt führt die Rambla*), eine prächtige, mit einer" doppelten Platanenreihe besetzte Hauptstraße, auf welcher die Hauptpromenade der lebhaften Bewohner bis ein Uhr nachts stattfindet. In keiner von den von mir besuchten Städten Spaniens habe ich ein so frisches und freudiges Leben wiedergesehen. Der Kaialane vereint französische Lebhaftigkeit mit kasti- lischer Würde, ist tatkräftig und gewerbtätig und versteht, wie ein spanisches Sprichwort sagt, „aus Steinen Brot zu machen". In der näheren und weiteren Umgebung der Hauptstadt werden die natürlichen Hilfsquellen des Landes zum Nutzen der Industrie ausgebeutet. Man könnte meinen, in den Industriebezirken Belgiens oder Englands zu sein, überall in den Gebirgstälern Aus dem Arabischen; findet sich in ganz Spanien für ein trockenes Flußbett. — 5 und Ebenen sieht man Fabriken, besonders Tuch- und Papierfabriken, deren Absatz allerdings seit dem amerikanisch-spanischen Kriege sehr gelitten hat. Dem tätigen Katalanen gebührt auch der Ruhm, die erste Eisenbahn auf der Halbinsel im Jahre 1848 erbaut zu haben. Die älteste Zeitung Spaniens, Diario de Barcelona, wurde 1792 gegründet. Neben dem Spanischen hört man oft das wohllautende Katalanische, das über ganz Katalonien und den nördlichen Teil von Valencia verbreitet und dem Provenzalischen nahe verwandt ist. Einzig ist das Klima. Die Sommer sind nicht übermäßig heiß, während es im Winter fast niemals friert, und Schnee den Bewohnern fast unbekannt ist. Das Hotelleben ist nicht teuer. Im Hotel Peninsular, Calle de San Pablo 34, zahlte ich für ein Zimmer mit Alkoven nach der Straße incl. almuerzo und comida 7 1 / 2 pesetas. Nachdem ich die Hauptsehenswürdigkeiten, besonders die Kathedrale, eins der großartigsten Denkmäler der spanischen Gotik, besichtigt hatte, fand ich schon am ersten Sonntag, den ich in Spanien verbrachte, Gelegenheit, einem Stiergefechte beizuwohnen. Stiergefechle (corridas de toros) werden während des ganzen Jahres an fast allen Sonn- und Pesttagen in den größeren Städten, die ihre eigenen 10-20 000 Zuschauer fassenden Arenen (plazas) haben, abgehalten und bilden noch immer die nationalen Festspiele der Spanier. Sie haben für unser deutsches Empfinden gewiß viel Verletzendes, sind aber glänzend und fesselnd, reich an spannenden Momenten und so vollständig dem Volkscharakter der Spanier angepaßt, daß wir wohl verstehen können, wie sie ihr ganzes Interesse in Anspruch nehmen und andere Vergnügungen völlig in den Hintergrund drängen. Das Stiergefecht, dem ich zusah, war allerdings nur eine sog. novillada, bei welcher junge Stiere (novillos) und minder hervorragende Stierfechter auftraten, es aber doch besonders roh und blutig zuging. Sieben Stiere wurden während der Nachmittagsstunden von 3—6 Uhr getötet, dazu 15 Pferde in der suerte de picar in gräßlicher Weise hingemordet. Für die Pflege der geistigen Bildung hat die Hauptstadt Kataloniens*) gut gesorgt. Sie besitzt eine sehr besuchte, schon in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts gegründete Universität, mehrere sog. institutos, die insbesondere für die Universitäten vorbereiten und eine große Zahl von Privatschulen. Vortrefflichen Einblick in den Betrieb der Oolegios gewährten mir die von Herrn Dr. Boelitz, Direktor der Deutschen Realschule in Barcelona, freundlichst zugestellten Prospekte. Das Real Golegio de Nuestra Senora de las Escuelas Pias umfaßt folgende 4 sog. grados: A) Pärvulos. B) Primera Ensenanza (religiön, idioma, aritmetica, geo- metria, escritura y dibujo, geografia, historia de Esparia y especial de Cataluna, nociones de ciencias naturales: historia natural, fisica, quimica, agricultura, industria, comercio y nociones de derecho, frances (lectura y traducciön), trabajos manuales, urbanidad, canto, gimnästica sueca y respiratoria. 0) Segunda Ensenanza (los estudios delgrado deBachiller- Abiturientenexamen). D) Comercio (4 cursos, verbunden mit Besuchen von Fabriken). Von den allgemeinen Vorschriften der Schüler interessieren folgende: Der aufzunehmende Schüler muß mindestens 4 Jahre alt sein, einen Tauf- und Impfschein vorlegen und frei von chronischer oder ansteckender Krankheit sein. Er erscheint morgens pünktlich 7 7* Uhr, nachmittags 2 1 / i und wird mittags um 12 1 li, nachmittags um 8 72 entlassen. An Sonn- und Festtagen hat er von 8—10 Uhr in der Schule zu sein, um seine religiösen Pflichten zu erfüllen. Die pärvulos erscheinen um 9 Uhr morgens und schließen den Nachmittagsunterricht um 6 Uhr. Alle Schüler werden nach Hause oder in die Nähe desselben begleitet, auf Wunsch auch von den „ayudantes del Colegio" abgeholt. Wöchentlich wird über Fleiß, Betragen und Fortschritte Bericht erstattet. Geschenke seitens der Schüler oder deren Eltern an bestimmte Persönlichkeiten der Anstalt werden nicht zugelassen. Der Unterricht beginnt am *) In Katalonien ist die Zahl der Analphabeten auf 39°/ 0 gesunken; während sie in Granada noch 65°/o beträgt. 7 — 1. Oktober und schließt am 15. Juli für die Schüler de primera ensenanza, Ende Juni für die de segunda ensenanza y comercio. Die Deutsche Realschule in Barcelona (Calle de Moya 4), welche sich des unbegrenzten Verlrauens der deutschen Kolonie und der größten Achtung der Spanier erfreut, ist aus kleinen Anfängen hervorgegangen. Im Jahre 1894 wurde sie als dreiklassige Volksschule mit 20 Kindern gegründet und zählte im verflossenen Schuljahre, das ihr die Berechtigung brachte, 234 Schüler. Sie umfaßt nun einen Kindergarten, eine dreiklassige Vor- und eine Realschule nach deutschem Muster. Die Koedukation wird, mit Ausnahme von einigen Fächern, bis zu der ersten Klasse durchgeführt, da sich in dieser die Lehrziele für Knaben und Mädchen allzusehr trennen. Wenn die Schule auch insbesondere deutschen Kindern dienen soll, nimmt sie doch in beschränkter Anzahl auch Kinder anderer Abstammung auf. Der Unterricht im Spanischen ist verbindlich und wird von einem Spanier erteilt; für Lateinisch und Griechisch können besondere Kurse eingerichtet werden. Das in 3 Raten zu zahlende Schulgeld ist verhältnismäßig hoch; es beträgt im Kindergarten für Deutsch sprechende Kinder 60 pesetas im Jahr, für alle anderen das Doppelte, in der Vor- und Realschule für das erste Kind deutscher Eltern 360 pesetas, für das zweite derselben Familie 240 pesetas und für das dritte 200 pesetas, während das vierte von jeglicher Zahlung frei ist. Kinder nicht deutscher (ausgenommen sind schweizerische, österreichische und ungarische) Eltern zahlen 420 pesetas mit ähnlichen Ermäßigungen für weitere Geschwister. Die Gehälter der Oberlehrer sind im Laufe des letzten Schuljahres entsprechend dem Normaletat vom 5. Juni 1909 geregelt, ebenso ist die Pensions- und Hinterbliebenenkasse in eine feste Ordnung gebracht. Die Verträge mit den Lehrern erstrecken sich auf 6 Jahre, um dann erneuert oder gelöst zu werden. Das deutsche Reich leistet einen ordentlichen Zuschuß von 6000 Mk. Die Weihnachts- und Osterferien betragen 10 resp. 12 Tage, die Sommerferien ca. 8V2 Woche von Mitte Juli bis Mitte September. Dazu fällt an etwa 9 katholischen Festtagen der Unterricht aus. Für gewöhnlich werden an zwei Tagen der Woche, nachmittags von 2—5 Uhr, Arbeitsstunden abgehalten, besonders für Kinder nichtdeutscher Eltern. Der Mittwochnachmittag dient volkstümlichen Spielen, an welchen sich regelmäßig die Schüler der mittleren und oberen Klassen beteiligen. Im Sommerhalbjahr wird den Schülern Gelegenheit gegeben, unter Aufsicht der Lehrer in der See zu baden und das Schwimmen zu erlernen. In der Stenographie (Stolze-Schrey) können sich die Zöglinge in einem Kursus, der einmal in der Woche stattfindet, ausbilden. Glänzend bat die deutsche Realschule in Barcelona abgeschnitten auf der im April 1912 ebendort stattgefundenen Exposiciön Internacional de Higiene Escolar y Nacional de Trabajos Escolares. Die Sondernummer der Eevista Hispano- Americana Ilustrada vom April 1912 widmet unserer deutschen Anstalt unter der Ueberschrift: Instalaciön de Escuela alemana de Barcelona einen längeren Bericht, der mit den größten Lobeserhebungen beginnt und endet. Es heißt zu Anfang: Merecedora del mayor elogio es la instalaciön que la Escuela Alemana de Barcelona ha presentado en esta Exposiciön, pues expone de manifiesto el metodo verdaderamente ideal empleado en la ensenanza y educaciön de los ninos, asi como la perfeccion del material y condiciones verdaderamente higienicas con que cuenta, und zum Schluß: Es en resumen, la Escuela Alemana de Barcelona, un establecimiento perfectisimo e ideal, digno de que hjen en el su atenciön cuantos se interesan por los problemas de la ensenanza y educaciön de los ninos. Bevor ich Barcelona verließ, versäumte ich nicht, den cementerio del este zu besuchen, denn ein spanischer Friedhof gewährt einen ganz anderen Anblick als unsere weihevollen Stätten. Die Friedhöfe, wie ich sie in B arcelona und in Madrid (cem. de San Jsidro) sah, gleichen einer aus vielen Straßen bestehenden Stadt, in deren ziemlich hohen Mauern 5—7 Reihen von Nischen übereinander liegen, welche die nur niedrigen Särge aufnehmen und nach Aufnahme des einfachen Sarges vermauert und mit einer kurzen Inschrift versehen werden. Nur wohlhabende Familien haben ihre oft sehr prunkvolle Kapelle. Am 1. November, el dia de todos los santos, war der — 9 obengenannte Madrider Friedhof von einer ungeheuren Menschenmenge besucht, welche die Stätten ihrer Verstorbenen mit brennenden Kerzen schmückten. An den -Kapellen halten herrschaftliche Diener den ganzen Tag Ehrenwache. Die Verstorbenen, welche binnen 24 Stunden aus dem Sterbehause geschafft werden müssen, werden im allgemeinen unter Entfaltung von großem Luxus bestattet. In der weiteren Umgebung von Barcelona verfehlte ich natürlich nicht, den Montserrat, den „heiligen Berg" der Katalonier, den Monsalwach des deutschen Mittelalters, von Monistroi aus, einer Station der Zaragozabahn, zu besuchen. Fast senkrecht stürzen die Felsmassen zu dem malerischen engen Tal des reißenden Llobregat hinab und scheinen uner- klimmbar, aber mit der Zahnradbahn erreicht man in einer guten Stunde schon das weitberühmte Kloster, eines der ältesten Spaniens, jenen Ort, wo Ignacio de Loyola sich dem Dienste Jesu weihte. Prächtig ist die Aussicht vom Gipfel des Berges über den Montserrat selbst, über einen großen Teil Kataloniens, auf die Pyrenäen und das weite blaue Meer. Mit dem sog. Luxuszug (tren de lujo), der allerdings nach deutschen Begriffen keine Spur von Luxus für den Reisenden hat, obwohl er ausschließlich Wagen 1. Klasse führt, verließ ich nur ungern das schöne Barcelona, um in 16 stündiger Nachtfahrt über Zaragoza Madrid zu erreichen, natürlich mit der in Spanien üblichen Verspätung. Die spanischen Eisenbahnen sind in privaten*) Händen und lassen an Sauberkeit, Bequemlichkeit und vor allem Schnelligkeit und Pünktlichkeit sehr zu wünschen übrig, besonders in Andalusien. Die Strecke von Barcelona nach Madrid, 685 km, *) Fast alle großen Unternehmungen und Geschäfte in Spanien, wie die der „Bank von Sp.", der Transatlantischen Dampfergesellschaft, des Tabakmonopols befinden sich in den Händen der Jesuiten. Die das ganze Land mit einem dichten Netz bedeckenden Orden kaufen nicht nur fortgesetzt ungeheure Liegenschaften, sondern bemächtigen sich nach und nach auch sämtlicher größerer Industrieen und Gewerbe. Klösterliche Wasch- und Plättanstalten, Webereien, Apotheken, Krankenhäuser, Liqueurfabriken, Stickereiwerkstätten, Buchhandlungen und Druckereien überflügeln mühelos die weltlichen Unternehmungen, da erstere keine Steuern zahlen und die Arbeitskräfte fast umsonst haben. — 10 würde bei uns ein Schnellzug in etwa 8 Stunden zurücklegen; da aber in Spanien fast alle Bahnen nur eingeleisig sind, die zahlreichen Tunnel auch nur ein Geleise haben, so wird es bei dieser sehr langsamen Beförderung wohl immer bleiben müssen. Die Personenzüge mit 1. bis 3. Klasse (trenes correos) fahren sogar nur mit einer Geschwindigkeit von ca. 30 km die Stunde, so daß man schon aus dem Grunde, längere Strecken einigermaßen schnell zu durchfahren, genötigt ist, die sog. Luxuszüge mit 1. Klasse zu benutzen. Der Fahrpreis ist p. km in der 1. Klasse beinahe 12 Pfg., in der 2. 9 Pfg., in der 3. 6 Pfg. Daß es mit der Sicherheit auf den spanischen Bahnen auch nicht immer zum besten bestellt ist, beweist die stete Begleitung von 2 guardias civiles mit geladenem Gewehr; auch kann man durch 2 kleine Fensterchen das Nebenabteil übersehen. Eine Notleine oder sonst ein Alarmsignal habe ich nicht entdecken können, auch nicht einmal einen Abort in den Luxuszügen, außer in dem Gepäckwagen. Die Beleuchtung durch Oel ist sehr dürftig und versagt oft; die Erwärmung während der Wintermonate erstreckt sich nur auf die Abteile 1. Klasse und geschieht durch caloriferos, Zinkbehälter mit heißem Wasser. Ganz jämmerlich, oft sogar auf den größeren Bahnhöfen, sind die Restaurants (fondas) eingerichtet, so daß man sich am besten für längere Fahrten mit dem nötigen Vorrat versieht, von dem man aber nach alter spänischer Sitte den Mitreisenden mit den Worten: Le gusta ä Vd? anbietet. Kopfkissen (almohadas) und Decken (mantas) stehen für die Nacht zum Preise von je 1 peseta zu Diensten. Seit dem l. Oktober 1900 hat man auch in Spanien vom Reisenden zusammenstellbare Rundreisehefte (billetes circulares con itinerario ä voluntad del viajero) eingeführt, welche allerdings erst einige Tage nach dem Bestelltage und nach Hinterlegung von 10 pesetas ausgegeben werden; der Preis beträgt für 1 km ca. 7V2 Pfg-> also ca. 37% weniger als gewöhnlich. Neben diesen billetes gibt es jetzt auch solche mit festliegender Route (b. con itinerario fijo) und sog. semicirculares mit den Grenzorten Port Bou (in Osten) und Irün (in Westen) als Anfangs- oder Endstation, welche man noch durch billetes adicionales erweitern kann. Am besten bedient sich jetzt aber 11 — der Reisende der Kilometerhefte (billetes por kilömetros), die ihm manche Vorteile und Annehmlichkeiten bieten und für Entfernungen von 2000—12 000 km innerhalb 24 Stunden ausgegeben werden. In Madrid kam ich auf der estaciön del mediodia an, so daß sich die Stadt mir auf der Fahrt über den herrlichen, noch in grünem Blätterschmuck prangenden Prado und durch die breite, mit monumentalen Gebäuden eingefaßte calle de Alcalä gleich von der schönsten Seite zeigte. Enthalten auch die das Klima Madrids betreffenden Sprichwörter arge Uebertreibungen: „Nueve meses de invierno y tres de infierno", „El viento de Guadarrama no apaga un candil, pero mata ä un hombre", „Hasta el cuarenta de Mayo no te quites el sayo", gefährlich ist das Klima wegen seiner Unbeständigkeit und wegen der großen Temperaturschwankungen, die in wenigen Stunden oft bis zu 20° C. (centigrados) betragen, für den nicht abgehärteten Reisenden entschieden. Vor Erkältungen, die häufig die von den verweichlichten Spaniern so gefürchtete Lungenentzündung (pulmom'a) nach sich ziehen, muß man sich ganz besonders hüten. Zu einer Reise, wie ich sie vorhatte, ist, wenn man die Monate März-Juni nicht zur Verfügung hat r die von mir gewählte Zeit gewiß die beste. Für den Dezember soll man sich aber mit Wintergarderobe versehen, denn im Hause bringen die braseros (Kohlenbecken) nicht die genügende Erwärmung, und nach Sonnenuntergang kommt das Thermometer dem Nullpunkt schon recht nahe. Der nicht angenehmen Aufgabe, erst eine Wohnung suchen zu müssen, war ich durch die Freundlichkeit eines Hamburger Herrn, der schon seit 2 Jahren in Madrid lebte, überhoben. Für ein möbliertes Zimmer mit Pension (desayuno, almuerzo, comida) in centraler Lage zahlt man 180-250 pesetas. Meine Wohnung hatte neben dem Vorzug guter Lage nahe der Puerta del sol noch den, daß dort als weitere huespedes ein Mediziner und ein Beamter des Finanzministeriums wohnten, mit denen ich Unterhaltung zu führen so beste und stete Gelegenheit hatte. Auch häufigeres Zusammenkommen mit einem spanischen 12 — Rechtsanwalt, marques de Peraleja, den ich durch den derzeitigen Direktor der deutschen Schule, Herrn Dr. Fromme, kennen lernte, ist mir von großem Nutzen für die Konversation gewesen. "Will man in den Cafes Unterhaltungen anknüpfen, so ist besonders in denen an der Puerta del sol, wo sich gewöhnlich sehr zweifelhafte Elemente aufhalten, größte Vorsicht geboten ; empfehlenswerter zu diesem Zwecke sind die in der Oalle de Alcalä liegenden. Für Lektüre der Besucher wird allerdings nichts getan; wer eine Zeitung oder eine Zeitschrift wünscht, muß sich dieselbe am Eingang des Cafe oder auf der Straße schon kaufen. Daß die spanische Presse noch immer nicht in richtigem Verhältnis zur Bevölkerungszahl steht, ist in einem Lande mit so vielen Analphabeten (über 50 %) ganz natürlich. Aus einem vom Preßbüro des Ministeriums des Innern veröffentlichten Bericht (6. Oktober 1900) ersehe ich, daß in Spanien nur 1347 (jetzt wohl 1500) Zeitungen und Zeitschriften bestehen, von denen nur 309 (jetzt ca. 400) täglich erscheinen. Immerhin, wie festgestellt wird, ist ein gewisser Fortschritt bemerkbar, denn in den letzten 8 Jahren hat sich die Zahl um 224 vermehrt. Die Zahl der Zeitungen, die die jetzige Monarchie verteidigen, beträgt 124, von denen 59 konservativer und 65 liberaler Richtung angehören; die Zahl der antidynastischen Blätter ist 123 (25 karlistische, 10 integristische, 17 sozialistische und kommunistische, 70 republikanische). Letzte Zahl wird weniger hoch erscheinen, wenn man erfährt, daß in den letzten Jahren 58 republikanische eingegangen sind. Für unabhängig erklären sich 192 Zeitungen (seit 1892 sind es 128 mehr); jedenfalls der beste Beweis für den immer mehr um sich greifenden Skeptizismus und den Verfall der alten Parteien. Die Mehrheit des Publikums huldigt eben gar keiner bestimmten Richtung mehr. Von den in Madrid erscheinenden Zeitungen möchte ich dem Fremden besonders La Epoca (konservativ), El Imparcial (liberal), El Heraldo (demokratisch) und die Gazeta de Madrid (offizielles Regierungsblatt mit den genauen Sitzungsberichten der Cortes) empfehlen; unter den illustrierten Zeitschriften die Ilustraciön Espanola y Americana, Blanco y Negro und Sol y Sombra. Besondere Aufmerksamkeit hat er immer der Tages- 13 literatur zu widmen, deren Lektüre das vorzüglichste Mittel ist, die fremde Volksnatur genauer kennen zu lernen. Die spanische Presse ist nach mehreren Richtungen hin noch einer Entwickelung fähig, einmal bezüglich der auswärtigen Berichterstattung, die noch sehr im argen liegt, dann was die Handels- und Börsennachrichten anbelangt und drittens hinsichtlich der Besprechung lesenswerter Bücher. Diese Zweige auf Kosten der infolge ungemein billiger Telegraphengebühren übermäßig ausgedehnten Berichte über kleinere Vorkommnisse in den Provinzen besser auszubilden, sollte eines der Hauptziele der spanischen Presse sein, die sich im allgemeinen durch Anstand rühmlichst auszeichnet. Die verschiedenen Theater, die in Madrid mit Ausschluß des Teatro Eeal (für Opern) niedrige Preise haben, wird man anläßlich eines Studienaufenthaltes regelmäßig besuchen müssen. Fast jeden Abend während der Zeit, die ich in Madrid verbrachte, habe ich ein Drama, gewöhnlich, nachdem ich es zuvor gelesen, ein Lustspiel oder eine zarzuela (Stundenstücke, meistens Volksstücke mit Gesang) gesehen. Zu empfehlen sind besonders für das höhere Drama und bSssere Lustspiel das Teatro Espanol, wo ich die neuesten Dramen des in Spanien geradezu vergötterten Echegaray*) in vorzüglicher Besetzung und Aufführung sah, ebenso das Teatro de la Comedia, das T. de la Princesa und das T. de Lara, in welchen bessere Lustspiele gegeben werden. "Wenn auch der offizielle Anfang meistens 8V2 Uhr ist, beginnt doch die Vorstellung erst um 9 oder 9 1 / i Uhr und dauert bei übermäßig langen Pausen bis 1 oder 1 V2 Uhr. Für die Bequemlichkeit der Besucher ist wenig gesorgt. Es ist *) Jose Echegaray, Mathematiker und gegenwärtig wohl unbestritten der gefeiertste Mann der spanischen Literatur, wurde von seinem König mit einer ungewöhnlichen Ehrung bedacht, indem ihm der Orden vom Goldenen Vließe verliehen wurde; diese Auszeichnung galt der wissenschaftlichen, wie der dichterischen Wirksamkeit Echegarays. Als Dichter hat E bereits einmal den Literaturpreis der Nobelstiftung empfangen, der ihm 1904 gemeinsam mit Frederic Mistral zufiel. Eine Zeit lang widmete er sich auch der Politik, wurde Minister, ging dann aber wieder völlig in seiner literarischen Tätigkeit auf. Einige von seinen dramatischen Werken, z. B. der „Galeoto", sind auch zu uns gedrungen, während seine mathematischen Arbeiten natürlich nur von seinen Facbgenossen zu würdigen sind. 14 meistens keine besondere Garderobe, kein oder nur ein sehr kleines, jämmerliches Foyer vorhanden; während der Pausen ist teils im Zuschauerraum, teils im Foyer das Hauchen gestattet; Zeitungen werden feilgeboten; als einzige Erfrischung dient agua fria. Theaterzettel werden meistens nicht ausgegeben; auch werden in den Zeitungen die darstellenden Künstler nicht genannt, so daß man sich diese am besten bei den anunciadores (einer Art Anschlagsäule) vorher notiert. Eine Vorführung des baskischen Ballspiels, juego de pelota, zu besuchen, soll man jedenfalls nicht unterlassen; die Gewandtheit und Geschicklichkeit der Spieler, die meistens Basken oder Katalanen sind, ist im höchsten Grade erstaunlich. In allen Ortschaften der baskischen Provinzen sind besondere Plätze für diesen Sport, in Madrid besondere Hallen (frontones), in denen täglich von Berufsspielern mehrere Partien unter eifrigem Wetten der erregten, lärmenden Zuschauer ausgefochten werden. Auf jeder Seite sind meistens 3 Spieler (1 delantero, 2 zagueros), die in der rechten Hand eine aus Binsen geflochtene Wurfkelle (cesta) haben, um mit derselben den aus Hartgummi bestehenden Ball aufzufangen und wieder zurückzuschleudern. Der die Partie eröffnende Spieler (delantero) wirft den Ball (pelota) gegen die schmale Spielwand, wobei er aber eine gewisse Höhe beobachten muß; den zurückprallenden Ball hat dann einer der Gegner mit der cesta aufzufangen und wieder nach der Wand zurück- zubefördern, wonach die Gegenspieler wieder eingreifen. Sobald ein Spieler den Ball verfehlt, wird ein sog. tanto an einer Tafel für die Gegenpartei vermerkt. Die Spieler, welche zuerst die festgesetzte Zahl tantos, gewöhnlich 50, erreichen, haben gewonnen. Häufige Gelegenheit, hervorragende spanische Redner zu hören, fand ich, sobald Anfang November die Sitzungen des Congreso de los diputados eröffnet wurden. Es ist allerdings nicht immer leicht, Einlaßkarten zu den Tribünen zu erhalten, aber Beziehungen zu einem der Sekretäre des Congreso kamen mir hierbei zu statten; sonst ist es ratsam, sich direkt an einen der zahlreichen Abgeordneten, von welchen einige immer in den größeren Hotels (Hotel de Paris, H. de Borna) anzutreffen sind, mit der bezüglichen Bitte zu wenden. Ich hatte das Glück, 15 — den erregten Debatten über die gerade bevorstehende Vermählung der Prinzessin von Asturien mit dem duque de Caserta, dem Sohne eines bekannten Karlistenführers, beizuwohnen und die hervorragendsten Parteiführer und Politiker zu hören. Die Sitzungen des Congreso beginnen gewöhnlich um 3 Uhr und dauern bis gegen 7 oder 8 Uhr. Auch mehreren wissenschaftlichen Vorträgen, die regelmäßig im Ateneo cientifico, literario y artistico meistens von Universitätsprofessoren gehalten werden, konnte ich beiwohnen, da mir ein Mitglied in sehr liebenswürdiger Weise mehrfach seine Karte zur Verfügung stellte. Um einen Einblick in das spanische Unterrichtswesen zu gewinnen, beschloß ich mir Zutritt zu verschiedenen Anstalten höherer und niederer Art zu verschaffen. Durch die freundliche Verwendung des deutschen Konsuls, des Herrn Regierungsrats Dr. Perl, bei dem subsecretario de instrucciön publica y beilas artes erlangte ich mehrere sehr dringend gehaltene Empfehlungsschreiben an die Direktoren des Instituto de S. Isidro, des Instituto de D. Miguel de Oardenal Cisneros und der Escuela superior de artes e industrias und an den secretario de la Junta municipal für die Elementarschulen. Die Empfehlungsschreiben lauteten wie folgt: Muy Sr. mio y de mi consideraciön: el dador de esta, D. Federico Juan Enrique Carlos Augustin, catedrätico de un Instituto en Hamburgo, comisionado por el Senado de la Villa libre y hanseätica para hacer estudios acerca de la ensenanza piiblica en Espana, desea asistir ä algunas de las clases que se dan en el centro docente de su digna direcciön. A dicho seiior me le recomienda con gran interes el Sr. Consul General del Imperio Alemän en Madrid ä quien tengo vivos deseos de complacer y ruego a V. por tanto, le atienda en su pretension proporcionändole los medios que estime opor- tunos para que pueda completar sus estudios, por todo lo cual le envia gracias expresivas su afmo. s. s. q. 1. b. 1. m. N. N. Zuerst suchte ich den Direktor des J. de S. Isidro auf, einer Anstalt, die unserem Realgymnasium entsprechen soll. I I 16 — I I 1 Die Anstalt ist in einem Prachtbau untergebracht, der auch die reichhaltigen Sammlungen und eine zur Schule gehörige Bibliothek von etwa 4000 Bänden enthält nebst einer zweiten von etwa 80 000 Bänden, die der facultad de filosofia y letras gehört. Die einzelnen Klassenzimmer sind groß und luftig und lassen in hygienischer Beziehung nichts zu wünschen übrig; es ist eben die Musteranstalt für das ganze Land. Unterrichtet wird in folgendeu Fächern: Latin, lengua castellana y literatura, geografia, historia, psicologia y lögica, etica y rudimentos de derecho, frances, aritmetica, geometria, älgebra, y trigonomettia, fisica, quimica, historia natural, agricultura y tecnica agricola, alemän, religiön dibujo, gimnasia y caligrafia. In Mathematik, Physik, Chemie und Naturkunde wird theoretisch mindestens soviel verlangt, wie in unserm Abitur, im Latein dagegen kommen die Schüler über Caesar, de bello gallico kaum hinaus. Griechisch ist von den institutos ausgeschlossen und wird nur auf der Universität in zwei Jahrgängen gelehrt, wobei der Madrider Professor bereits im zweiten Jahr Fähigkeit zum Uebersetzen von Sophokles, Demosthenes und Thukydides erwartet. Gleich unseren Jahresberichten erscheint im November jedes Jahres eine memoria (resumen) über den Stand der Anstalt im vorangehenden Jahre. Besonders umfangreich gestaltet sich diese infolge Art. 47 de las Instrucciones del 15 de Agosto de 1877: „Formarän parte de dichas Memorias, como importantes datos para precaver falsificaciones de documentos, academicos, la lista de las certificaciones y traslaciones expedidas durante el curso, asi como los Grados de Bachiller, haciendo constar los Establecimientos donde los interesados hicieron sus estudios, la fecha del ultimo ejercicio y la de los titulos respectivos." Im Jahre 1910/11 besuchten das instituto 693 Schüler, von denen sich aber nur 477 für das staatliche Abiturientenexamen vorbereiteten, dazu 1781, die in einem weiteren Verhältnis z;u dem instituto standen oder sich nur den Prüfungen unterzogen. Die große Zahl der erwähnten Prüfungen (10 047) rührt daher, daß jedes einzelne Fach als Prüfung angerechnet wird, so daß auf jeden Schüler je nach der Anzahl der Fächer mehrere exämenes kommen. Die, welche im Mai bezw. Juni 17 nicht bestehen (suspensos), können im September sich noch einmal prüfen lassen, so daß also in diesem Fall 2 exämenes der Statistik auf ein und dasselbe Fach und denselben Schüler kommen. - » Die Lehrer, catedräticos, 34 einschl. profesores auxiliares, unterrichten in der Regel nur in einem Fach. Pflichtstunden in unserm Sinne gibt es nicht. Das Gehalt schwankt je nach den Fächern von 250—350 pesetas monatlich, wozu allerdings noch Beträge aus den Examensgebühren und der Erlös der sog. „libros de texto" kommen, welche die Lehrer selbst für ihren Unterricht schreiben und zu verhältnismäßig hohen Preisen, meistens im eigenen Hause, an die Schüler abgeben. Die Einnahmen des instituto aus den matriculas und den Examensgebühren übersteigen die Ausgaben, so daß der Staat bei dieser Anstalt noch Ueberschüsse erzielt. Eigentliche Vorschulen für diese institutos, die nur 6 Klassen haben, sind mit ihnen nicht verbunden. Die Anforderungen für die Aufnahme (examen de ingreso) beschränken sich auf Lesen, Schreiben, die 4 Spezies und geringe Kenntnisse in der katholischen Religionslehre. In diesem instituto konnte ich einer lecciön de literatura und einer 1. francesa beiwohnen, die mich allerdings beide in Bezug auf die Methodik nicht die besten Erfahrungen machen ließen. Unerwähnt will ich nicht das in Spanien viel gebrauchte, auf die ejercicios de bachillerato bezugnehmende Sprichwort lassen: „bachiller en artes, borrico en todas partes." Bei dem Direktor des Instituto de D. Miguel de Cardenal Cisneros, dem ich von dem schon erwähnten Marcpies de Peraleja vorgestellt wurde, hatte ich mich einer sehr liebenswürdigen Aufnahme zu erfreuen. Unterricht war allerdings an diesem Tage nicht — es war Allerheiligen — aber über die Einrichtung, den Betrieb und die Lehrmittel klärte mich der Direktor in halbstündigem Vortrage auf, zeigte mir einige Klassenräume und die Sammlungen, die nicht besonders reichhaltig waren, und verschaffte mir schließlich noch Eingang zum Museo pedagögico, welches in demselben Gebäude untergebracht ist. Der Direktor des Museums, der übrigens etwas deutsch sprach, zeigte mir mit besonderem Stolze die große Anzahl der vorhandenen deutschen 18 — Werke und übergab mir beim Abschied noch einige von ihm selbst verfaßte über spanisches Unterrichtswesen. Auch in der „Deutschen Schule" konnte ich auf Einladung ■des derzeitigen Direktors, Herrn Dr. Fromme, dem Unterricht in sämtlichen Klassen beiwohnen. Die Anstalt befand sich in dem Parterre eines großen, in der Carrera de S. Jerönimo gelegenen Gebäudes, in welchem auch der angesehene Parteiführer Sagasta wohnte, neben dem Congreso de los Diputados, also in vornehmster Gegend der Hauptstadt. Große Frische und Regsamkeit, musterhafte Disziplin konnte ich hier überall beobachten, bei den Knaben und Mädchen, die vereint unterrichtet wurden. Außerordentlich erschwert wird die Arbeit den Lehrern durch die recht große Zahl von nicht deutschen Kindern, die diese Schule besuchen, aber in der Hoffnung, daß diese jungen Spanier später einmal gute, treue Freunde des Deutschtums werden, unterziehen sich alle Lehrkräfte, Lehrer und Lehrerinnen, gern der schwierigen Aufgabe. Ihrer Hauptaufgabe aber, gerade die deutsche Jugend Madrids an sich zu ziehen, hat die seit 1896 bestehende Anstalt immer mehr entsprochen, wie das stete Steigen der Zahl dieser Schüler beweist. Der Schulkursus war 8jährig, so daß die Zöglinge mit dem vollendeten 14. Lebensjahre die Schule verließen; das Ziel, die Knaben bis zum einjährigen Zeugnisse zu bringen, ist inzwischen erreicht worden. Die Unterrichtssprache ist natürlich deutsch, ausgenommen beim Unterricht im Spanischen, Französischen und Englischen, den man meistens und besonders in den oberen Klassen in der betreffenden Sprache erteilt. Im Lateinischen und Griechischen ist der Unterricht fakultativ. Ueberrascht war ich über die recht vollständige Sammlung von Turngeräten in dem ziemlich großen Turnsaal, der auch von dem „Deutschen Turnverein" mitbenutzt wurde. Das Schuljahr dauert von Ende September bis Ende Juni. Das Schulgeld, das in 3 Katen in den ersten 6 Tagen des Oktober, Januar und April zu zahlen ist, beträgt im Kindergarten 202,50 pesetas, in der 9. und 8. Klasse 391,50 pesetas und in den andern Klassen 405 pesetas das Jahr. Bei weiteren Kindern derselben Familie tritt Ermäßigung ein. Das Reich gibt einen jährlichen Zuschuß von Mk. 12 000. Jetzt, seit November 1910, befindet sich die — 19 — Anstalt mit ihren 275 Zöglingen im eigenen, den modernsten Anforderungen vollauf entsprechenden Gebäude, Calle de Zurbarän 9, nicht weit von der deutschen Botschaft. Der Bau mit Grund und Boden und Inneneinrichtung hat der deutschen Schulgemeinde Kosten im Betrage von 665 000 pesetas verursacht. Auch das evangelische Jugendheim und Gymnasium mit dem stolzen Namen „El Porvenir" konnte ich auf persönliche Einladung des Leiters, des Herrn Pastor Fliedner, sehen, des Mannes, der über 30 Jahre die evangelische Mission in dem Lande der Inquisition mit kräftiger, nie erlahmender Hand und mit schönem Erfolge betrieben hat. Ueber die Gründung der Anstalt läßt Eliedner sich „Aus meinem Leben" Band 2, p. 220 folgendermaßen aus: „Von Anfang an fast war es uns klar, daß wir für den Unterricht und die Erziehung der Kinder unserer spanischen evangelischen Gemeinden nicht nur durch Errichtung von Elementarschulen, sondern auch durch höhere Lehranstalten sorgen müßten. Die Erziehung junger, evangelischer Spanier im Auslände hatte gezeigt, daß nicht allein viele derselben dem Beruf, zu dem man sie erzogen hatte, Lehrer, Evangelisten und Prediger zu werden, untreu geworden, sondern auch diejenigen, welche zu diesem Zweck nach Spanien» zurückkehrten, ihrer eigenen Muttersprache und dem spanischen Leben so entfremdet waren, daß es jahrelange Arbeit kostete,, bis sie sieb wiederum als Spanier fühlen konnten. So ist denn das Augenmerk aller Mission in Spanien mit Recht darauf gerichtet worden, talentvollen evangelischen Knaben im Land© selbst die höhere Bildung angedeihen zu lassen, deren sie zur weiteren Ausbildung bedurften. Zwei Wege standen dafür offen. Der eine war die Errichtung eines eigenen Gymnasiums oder höherer Unterrichtsanstalt, eine Aufgabe, deren Größe und Kostspieligkeit sie äußerst schwierig erscheinen ließ; der andere Weg war, die Knaben die staatlichen höheren Unterrichts- anstalten besuchen zu lassen, und vielleicht dadurch, daß man sie in einem Pensionat behielt, solch christlichen Einfluß auf sie auszuüben, wie er durchaus notwendig ist, sollten sie nicht gleich den andern Schülern dem Unglauben oder dem Aberglauben zur Beute werden. Und doch war es unmöglich, diesen jedenfalls leichteren und billigeren Weg zu betreten, wenn wir — 20 für die Knaben etwas anderes als bloß die staatliche Aner-r kennung ihrer Studien suchten, wenn wir sie durch wirklich tüchtige Bildung und gründlichen Unterricht zur Einwirkung auf ihre Landsleute befähigen wollten. Daß eine Beihe Lehrgegenstände, z. B. Kirchengeschichte und Weltgeschichte in einem unsrer evangelischen Kirche durchaus feindseligen Sinne gelehrt werden, war noch nicht das schlimmste, obwohl es jedenfalls einen privaten Unterricht in diesen Fächern nötig gemacht hätte. Aber geradezu unsinnig ist die Methode, welche in den spanischen höheren Unterrichtsanstalten befolgt wird. Denn dort werden die einzelnen Fächer nicht nebeneinander gelehrt, und dann gemäß der Entwicklung der Knaben in jedem Fach gleichzeitig vom leichteren zum schwereren fortgeschritten, sondern die Lehrgegenstände werden nacheinander gelehrt. Der neunjährige Knabe fängt mit Latein an, treibt es zwei Jahre Tag für Tag, macht sein Examen und ist dann mit seinem Latein zu Ende; in einem Jahr macht er die ganze Geometrie bis zur Stereometrie durch; in einem Jahre auch die ganze Weltgeschichte, die spanische Geschichte usw. Am Ende jedes Jahres macht er sein Examen in 5—6 Fächern, womit er das- Studium der betreffenden Fächer abschließt; und wenn er im Laufe von 5—6 Jahren in all diesen Fächern bestanden hat, macht er ein Repetitionsexamen, und wird dadurch reif zur Universität erklärt. Infolge dieser Lernmethode werden die fleißigen Schüler mit vielen Dingen vollgepfropft, welche sie noch nicht verstehen können; die Mehrzahl aber wird geradezu zur Faulheit erzogen und entbehrt jedes gründlichen wissenschaftlichen Fundamentes, wenn sie zur Universität kommen. Die Mängel solchen Unterrichts beginnen auch die Spanier einzusehen. Ein freies Unterrichtsinstitut in Madrid versucht der Methode in den deutschen Gymnasien zu folgen, aber bis jetzt mit geringem Erfolg. Uns aber wurde es klar, daß wir keinen anderen Weg hatten, als selbst ein eigenes evangelisches Gymnasium einzurichten. Der Größe dieser Aufgabe waren wir uns von Anfang an wohl bewußt; allein wir trauten auch der Hilfe Gottes, welcher uns soweit geführt und durch soviele freundliche Erfahrungen gestärkt hat, damit wir ihm alles zutrauen möchten; er gab uns die Lehrer, welche wir brauchten. Wir fingen in — 21 — der Stille mit einer Lateinklasse an; dann wurde nach und nach eine neue Klasse hinzugefügt. Später hatten wir eine vorbereitende Lateinklasse, welche noch mit der höheren Klasse der Elementarschulen verbunden war, zwei Gymnasialklassen mit ordnungsmäßigem Kursus und eine Selekta, deren Schüler «ich rüsteten, beim nächsten Kursus das Abiturientenexamen am staatlichen Institut zu bestehen. Wir gingen langsam voran. Die Schwierigkeiten solch allmählicher Organisation kann sich nur der vorstellen, welcher selbst ähnliches durchgemacht hat; sie wurden dadurch vermehrt, daß es galt, die spanischen Anforderungen mit der deutschen Methode zu vereinigen, um eine solche Schule zu schaffen, welche das, was das spanische Unterrichtsgesetz fordert, gründlicher und ausführlicher lehrt und zugleich eine umfassendere Bildung als die dort geforderte zu geben imstande ist." Unter unglaublichen Schwierigkeiten hat Fliedner das stattliche Gebäude, Bravo Murillo 63, im Jahre 1897 ■erbauen lassen, welches die Anstalt und auch ein Internat für etwa 50 Knaben enthält. An Feinden hat es dieser evangelischen Schule nicht gefehlt. Mit Eisenstücken und Steinen ist oft nach den Zöglingen geworfen, ja dreimal ist in das Arbeitszimmer der Schüler geschossen, und in einem nahe gelegenen Kloster lehrte man die spanische Jugend folgendes Verschen singen: „Fort mit jedem Protestanten, fort mit ihm aus Spaniens Flur, unser Herz ist zugewandt dem heiligen Herzen Jesu nur." Leider ist der tatkräftige Gründer und Leiter dieser Anstalt im April 1901 im Alter von 56 Jahren dem Typhus erlegen. Sein Werk aber, das sich jetzt ,,E1 Porvenir", colegio de l a y 2 a ensenanza, nennt, wird von seinen Söhnen im Sinne des Vaters fortgeführt. Es werden alle obligatorischen Fächer der Institutos de 2 a enseiianza gelehrt, aber die humanistische Seite wird jetzt mehr betont. Englisch und Deutsch sind obligatorisch, während das erste Fach im instituto überhaupt nicht, das zweite fakultativ unterrichtet wird. Die Zöglinge werden nach deutscher Weise fünf Klassen hindurch unterrichtet, in der letzten, 6. Klasse werden die vorhandenen Kenntnisse wiederholt und ergänzt, um die Schüler insbesondere für das Examen auf dem instituto vorzubereiten. Ueber die erlangte Befähigung, dieses zu machen beschließt die Konferenz der Lehrer im April oder schon im — 22 — März, damit bejahenden Falls der Kandidat im Mai für alle Fächer der 6 Jahrgänge immatrikuliert und im Juni dann, wie. andere Schüler der ensefianza no oficial, no colegiada geprüft werde.*) Das Ziel der Anstalt ist ferner, den Schülern eine für den kaufmännischen Beruf genügende Vorbildung zu geben und sie vorzubereiten für den Eintritt in die Escuelas de estudios especiales und für den in die Normales de maestros. Wie der Tag gründlich ausgenutzt wird, zeigt folgende Zeiteinteilung i Distribuciön del tiempo. Horas. 6,30- 7......—Aseo. 7 - 7,20.—Desayuno. 7,20- 8......—Recreo al aire libre. 8 - 8,55,-Estudio. 8,55- 9,10.—IVIeditaciön y oracion. 9,10-10......—Clase. 10,05-10,55.—Idem. 10,10-12......—Idem. 12 -12,30.—Recreo, aseo. 12,30- 1......—Comida. 1 - 2......—Recreo, juegos al aire libre. 2 - 2,55.— ) _, i Los miercoles y säbados, recreo, ■■-■■' Clases. . { ' . - r 3,5 - 4......-1 (juegos, excursiones, banos, etc. 4 - 4,15.—Merienda. 4,15- 5......—Recreo al aire libre. 6,5: £3 Bstadi °' 7 - 7,30.—Cena, meditacion, oraciön, 7,30- 9......—Recreo, juegos, lectura, etc. *) Wie es bei diesen Prüfungen zugeht, ist schwer zu beschreiben. Natürlich darf kein Schüler im zweiten curso eines Faches geprüft werden, er habe denn den ersten bestanden; das hindert aber die Prüfungskommission nicht, das Examen für den zweiten curso früher anzusetzen als für den ersten. Die Prüflinge, welche bei der ersten Gelegenheit sich nicht melden, werden einige Tage später noch einmal aufgerufen. Ein Kandidat, der wegen solcher compatibilidades sich nicht rechtzeitig melden konnte, aber auf seinem Rechte bestand, geprüft zu werden, wurde am letzten Tage nachmittags noch in aller Eile in der Garderobe geprüft, während schon die zur Prüfungskommission gehörenden Herren sich Hut und Stock holten, um heimzugehen. — — 23 A las nueve, se acuestan los menores de doce anos y ä las nueve y media los demäs. An der Anstalt unterrichten 7 Lehrer. Die Schülerzahl des Jahres 1912 ergibt folgende Zusammenstellung: Pärvulos ... 6 Primera Ensenanza i Mädchen... 14 (Elementarunterricht) I Knaben ... 31 51 Die 2 anderen Eliednerscheu Elementarschulen in Madrid haben über 400 Schüler, Segunda Ensenanza (in 6 Klassen) 47. Die Zahl der Schüler der Abendschule, meistens Arbeiter, die von 8—9 1 / i Uhr Elementarunterricht genießen, ist augenblicklich 40. Zwei Empfehlungsschreiben, welche mir der secretario de la Junta municipal in zuvorkommendster Weise ausstellte, verschafften mir auch zu einer escuela elemental Zutritt, wie auch zu der escuela normal, der escuela modelo und der escuela Fröbel (jardines de la infancia). Vorweg will ich gleich bemerken, daß alles, was ich in diesen 3 letztgenannten Anstalten sah, — ich war in der Musterschule sowohl in der Knaben- als auch in der Mädchenabteilung — mich vollauf befriedigte. Die Summe, welche sich für das öffentliche Unterrichtswesen im Budget Spaniens findet, ist noch immer gering im Verhältnis zu dem Betrage, der für Kultus*) und Klöster ausgeworfen wird, und so ist es kein Wunder, daß die Lehrer in einigen Provinzen ganz ungenügend besoldet werden, ihr kärgliches Gehalt mit Verzögerungen**) erhalten, daß von den 18y 2 Millionen Einwohnern über 50% Analphabeten sind und daß das gesamte niedere Schulwesen sehr im argen liegt. Die Elementarschule in der calle de la Reina 8, welche ich besuchte, zählte 70 Schüler im Alter von 5—13 Jahren *) Man bedenke, daß der verhältnismäßig kleine Slaat 5 Erzbischöfe, 46 Bischöfe, 543 Prälaten und Würdenträger, 170Ü0 Weltgeistliche, 24000 Benefizianten und über 30000 Mönche und Nonnen zählt. **) Die Zuweisungen für römisch-kirchliche Zwecke dagegen werden pünktlich bezahlt, ebenso ist in den städtischen Kassen für Ausschmückung der Kirchen, für Errichtung neuer Wallfahrtsstätten und für Veranstaltung von Stiergefechten an jedem kirchlichen Feiertag stets Geld vorhanden. ; 24 I und gehört zu den besseren der Hauptstadt, wie mir der genannte Sekretär sagte. Alle 70 Schüler wurden in 7 Abteilungen in einem Räume von 2 Lehrern unterrichtet, so daß zur Zeit immer 5 Abteilungen ohne Unterricht waren, nur beschäftigt wurden. Die Schule war im 2. Stock eines nicht sehr sauberen Hauses untergebracht und hatte keinen weiteren Spiel- und Erholungsraum für die Kinder als den nur kleinen Korridor. Der Leiter, D. Ezequiel Solana, der sich großen Ansehens in der Lehrerwelt Madrids erfreut und auch „El Magisterio Espanol", periödico de instrucciön publica, herausgibt, kam mir mit größter Freundlichkeit entgegen, gab mir alle gewünschte Auskunft, überreichte mir die in der Schule gebrauchten, meistens von ihm verfaßten Lehrbücher und begleitete mich auch am folgenden Tage in die Normal- und Musterschule und in die nach Froebels Art eingerichteten Kindergärten. Ueber die jetzige Organisation der Escuela Modelo schreibt mir Herr Garcia Marin unter dem 7. Juli d. J.: „Somos 5 escuelas: uno de pärvulos, 2 de ninas, de las que una fue superior, y 2 de ninos. Vivimos aislados; no hay relaciön oficial alguna entre los maestros de esta „Modelo", Son unitarias. En tiempos hubo director (el cura de S. Luis) hoy nada. Son como los demäs." Die Escuela Froebel ist im Iahre 1876 unter dem Namen Jardines de la Infancia gegründet und in der calle de Daviz num. 3 in einem neuen Gebäude untergebracht worden, welches & geräumige Klassen enthält, einen großen Saal, um die Kinder bei schlechtem Wetter aufzunehmen, einen Eßsaal, eine Küche und 4 große Baderäume; dazu noch einen zweiten großen Saal, der heute in eine neue Klasse und einen Sing- und Ausstellungssaal geteilt ist. Auch ein großer Garten und Spielhof gehören zu der Anstalt. Die Zahl der Kinder, welche im Alter von 3—8 Jahren in 5 Klassen von 5 Lehrerinnen unterrichtet werden, beträgt ■■■heute 250. Knaben und Mädchen werden auch hier gemeinsam, erzogen. Ueber die Unterrichts- und Erziehungsart berichtet mir Herr Bartolome: „La ensenanza y educaciön de los ninos es graduada y ciclica. En cada clase se cultiva el todo de la — 25 «nsenanza, variando ünicamente la extensiön e intensiön de la misma, segün lo consienta la edad del nino y sus verdaderas exigencias. La ensenanza es predominantemente educativa y se proporciona mediante los entretenimientos manuales que consisten ■en construcciones arquitectönicas oon los llamados dones froe- belianos en toda su extensiön, explicaciones ä que dan lugar estos ejercicios, plegado, trenzado, tejido, recortado, modelado, dibujo, escritura, lectura (reduoida ä trabajo manual ä partir del dibujo) y trabajos de siembra, riego y cultivo de las plantas mäs comunes del j ardin. Las lecciones de memoria mecänica estän totalmente supri- madas; mas se educa esta energia, como las demäs energias mentales y de orden moral y las fisiolögicas, en virtud de los ejercicios repetidos, ordenados, graduados e interviniendo la razön en todos ellos ä fin de que nada se haga en la Escuela ■de una manera automätica." Ueber Strafmittel in dieser Anstalt wird in sehr verständiger Weise noch angefügt: ,.Ni se otorgan premios ni se utilizan los castigos. Despiertase en los nifios el sentimiento del deber y en su cumplimiento encuentra el mejor premio en la satisfacciön de su conciencia. Las sencillas correcciones son las medicinas de orden moral que se aplican ä las distrac- ciones, olvidos y ligerezas de los nifios." Der Verfasser schließt mit dem Ausdruck des Bedauerns, daß mit dem Froebelschen System so vollständig gebrochen wirtl, sobald das Kind auf eine andere Schule übergeht. Welch großes Ansehen diese jardines de la infanoia in Madrid genießen, beweist uns die Tatsache, daß augenblicklich wieder 10 Lehrer „llamados becarios" dem Unterrichte dort beiwohnen, um ihre hierbei gemachten Beobachtungen und Erfahrungen in ihren Anstalten zu verwerten. Den Mitteilungen über das Unterrichtswesen in Barcelona und Madrid lasse ich noch einige über dasjenige in Malaga folgen. Außer einem instituto, das ja für die Universität vorbereitet, besitzt diese Hafenstadt noch ein Lehrerseminar, eine Handels- nnd. eine Gewerbeschule, daziu colegios und Elementarschulen. Ueber La l a Enseilanza teilt mir der secretario de la Delegaciön Hegia als neuste Daten mit: 2ß Las Escuelas que existen en esta capital y sus anejos r son 24 de ninos y 24 de niiias, y ademäs dos Escuelas Graduadas que equivalen ä cuatro Escuelas. La asistencia media ä dichos centros es de unos seis mil alumnos proximamente. La enseiianza en tales Escuelas es completamente gratuita, pues el Estado facilita el material y abona el sueldo de lo& maestros. Dicha enseiianza estä graduada por edades y comprende desde los seis hasta los doce anos, habiendo ademäs una Escuela de parvulitos en la que pueden ingresar desde tres anos. AI frente de cada Escuela hay un maestro, excepto en las Graduadas que hay un Kegente auxiliado por 4 maestros. La horas de clase en todas ellas son de 9 ä 12 de la manana y de 2 ä 5 de la tarde. Empiezan las clases el dia 1° de Septiembre y terminan el 15 de Julio en que dan principio las vacaciones y se cierran las Escuelas. Durante el curso bacen los alumnos excursiones ä tälleres y fäbricas de la capital acompanados de sus maestros; y cuando el tiempo lo permite, salen al campo y reciben la instrucciön al aire libre. Ademäs de las referidas Escuelas existen varios Oolegios particulares no subvencionados por el Estado, siendo los principales el que dirigen los P. P. Jesuitas Stos. Arcangeles, Academia National, S. Yldefonso, Centro Teenico, Oentro Instructivo, S. Bafael etc." Die deutsche Schule in Malaga, welche gegründet ist, um deutschen Kindern ohne Unterschied des Geschlechtes, des Standes und der Religion eine Bildungsstätte zu bieten, hat im Laufe der Jahre bei der nur klein gebliebenen deutschen Kolonie mit sehr großen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. In Zukunft wird es, wie zu hoffen ist, den Eltern möglich sein, an dieser Anstalt die Erziehung ihrer Kinder bei bescheidenen Ansprüchen zu vollenden. Sie zeigt uns in der Hauptsache den Lehrplan einer deutschen Mittelschule, allerdings mit der Unterweisung außer im Französischen noch im Spanischen und Englischen. Seit etwa 2 Jahren befindet sich die Schule zusammen mit dem deutschen Konsulat in einem sehr geräumigen, altertümlichen 27 — ■Gebäude in einer etwas abgelegenen Straße, nahe der Alameda. Die Zahl der Zöglinge beträgt nur 44, von denen beinahe die Hälfte aus Spaniern besteht. Die oberen Klassen werden während ■der Morgenstunden unterrichtet, so daß der Gesamtunterricht von 8 — 3 Uhr währt. Das Schuljahr dauert von Anfang Oktober bis gegen Ende Juni. Zu Ostern wird dasselbe durch 8 Tage, zu Weihnachten durch 14 Tage Ferien unterbrochen; außerdem fällt an den katholischen Festlagen der Unterricht aus. Wie erhebend muß die deutsche Weihnachtsfeier für die deutschen Kinder und Eltern sein, die am 23. Dezember im festlich geschmückten Hause abgehalten und mit dem gemeinsamen Gesänge: „0 Tannebaum" geschlossen wird; welch schöne Aufgabe für den Leiter der Schule am Geburtstag des deutschen Kaisers nach entsprechenden Deklamationen, Aufführungen und Gesängen über „die Aufgaben der nationalen Erziehung im Auslande" sich auszulassen! Das Schulgeld beträgt 250 pesetas das Jahr und wird in monatlichen Raten gezahlt. Das deutsche Reich gibt einen jährlichen Zuschuß von Mk. 3500. Leider ist wenig Aussicht, daß auch diese Schule in absehbarer Zeit ein eigenes Heim bezieht; der Baufonds ist noch sehr gering, und die freiwilligen Beiträge fließen nur spärlich. Der Wohltat der „Ferienkolonien" (Colonias escolares) können sich jetzt auch die bedürftigen Kinder mancher Städte Spaniens erfreuen. Wieder ging mit der Einführung dieser Einrichtung in Spanien Barcelona voran, nachdem im Jahre 1891 in Granada die Sociedad Econömica eine diesbezügliche Schrift des Dr. Don Antonio Gonzalez Prats preisgekrönt hatte; es folgten Madrid, Bilbao, Granada, Zaragoza, Cartagena, Badajoz und andere. In Malaga wurde ein auf Gründung bezüglicher Antrag im Juni 1911 angenommen und noch in demselben Jahre zur Ausführung gebracht. Kehren wir nun nach der Hauptstadt selbst wieder zurück. An Kunstschätzen ist sie außerordentlich reich. Immer wieder zieht es den Kunstliebhaber in das museo del Prado, um die herrlichen Schöpfungen Murillos, Veläsquez, Riberas und anderer Meister zu bewundern, zu denen die Aufseher in den einzelnen :Sälen gern die nötigen Erklärungen geben, so daß man auch I 28 liier gute Gelegenheit zur Konversation findet. Die Zahl der Skulpturen in diesem Museum ist nur gering. Das museo de arte moderno befindet sich in einem Flügel der biblioteca nacional und ist nicht reichhaltig. Das Auge des deutschen Besuchers erfreut ganz besonders ein Porträt der „Prinzessin Ludwig von Bayern" von Lenbach. Höchst sehenswert wegen seiner vorgeschichtlichen Gegenstände, wegen der "Werke des Kunsthandwerks aus alter und neuer Zeit und auch insbesondere der ethnographischen Sammlungen wegen ist das museo arqueolögico nacional. Weltberühmt ist die armeria, die Waffensammlung der spanischen Könige, die von Karl V. begründet wurde und deren Vergrößerung alle spanischen Herrscher eifrig betrieben haben. Die nächste Umgebung von Madrid ist ohne besondere Beize, aber schon in 3 —4stündiger Eisenbahnfahrt kann man historische Orte, wie Toledo, Aranjuez und Escorial erreichen. Toledo, die Stadt, in welcher das reinste und beste Kasti- lianische gesprochen werden soll, liegt auf einem Granitfelshügel, den auf 3 Seiten der Tajo umschließt, und gewährt mit seinen alten Toren, seinen altertümlichen Gebäuden, aus deren Mitte der gewaltige Alcäzar und viele Kirchtürme hervorragen, von .allen Seiten aus einen höchst malerischen Anblick, den man am besten nachmittags bei einem Spaziergang über die Berge genießt, nachdem man sich morgens mit dem Stadtinnern bekannt gemacht hat. Betritt man durch die schöne arabische puerta del sol die Stadt, so ist man recht enttäuscht; alles zeugt nur noch von längst entschwundener Pracht. Enge, schmutzige, schlecht gepflasterte Straßen werden von teils recht unsauberen Häusern eingefaßt, deren hübsche, mit mächtigen Palmen und Springbrunnen geschmückte Höfe, patios, allerdings den unfreundlichen Eindruck wieder mildern. An Kunstschätzen, Bauten von hohem architektonischen Werte und von größtem historischen Interesse bietet das Toletum der Kömer so viel, daß man bei einem eintägigen Besuche alles im Fluge genießen muß. Die Häuser haben nach maurischer Art fast alle dicke Eisengitter vor den Fenstern, nur einige moderne besitzen schon Balkons. Die gewaltigen Tore sind mit großen Nägeln beschlagen und mit schweren, zum Teil sehr kunstvollen Klopfern versehen. 29 Das meine Aufmerksamkeit am meisten in Anspruch nehmende Gebäude war natürlich die Kathedrale, ein wahres Kunstmuseum, zu der man sich den Eingang durch eine große Schar von Bettlern und Krüppeln — nirgends war diese Plage größer als in Toledo — förmlich erkaufen muß. Der Alcäzar mit seinem prächtigen, von Säulengängen umschlossenen • Hofe dient jetzt als Kadettenschule. Aranjuez, ein regelmäßig gebautes, hübsches Städtchen von fast holländischer Bauart, wird von herrlichen, sich weit ausdehnenden, vom Tajo durchflossenen Parkanlagen umgeben und ist bekanntlich seit der Zeit Philipps IL, der das Schloß erbauen und den Park anlegen ließ, die Frühlingsresidenz des Hofes. Das nicht sehr große, in edlem Renaissancestil aufgeführte Schloß mit seinen prachtvollen Bäumen ist auf drei Seiten von Gärten umgeben, die Alleen von 300jährigen Platanen bergen. Zwölf von einer Rotunde ausgehende Ulmenalleen durchschneiden strahlenförmig diesen mit vielen Marmorbrunnen geschmückten Park. Die aus 6 Baumreihen bestehende call» de la reina führt nach der casa de labrador, einem von Karl IV. erbauten, äußerlich schmucklosen Landhause, dessen Gemächer aber mit wahrhaft asiatischer Pracht ausgestattet sind. Der Escorial, dieser mächtige Klosterpalast, wurde von Philipp IL zur Erinnerung an die Schlacht bei St. Quentin im Laufe von 20 Jahren erbaut. Er ist nur zwei Stock hoch, aber in seiner Ausdehnung weist er kolossale Dimensionen auf. Das Zentrum des ganzen Bauwerks bildet eine Kirche, eine- Nachahmung der Peterskirche in Rom, welche trotz der Einfachheit durch ihre riesigen Größenverhältnisse einen überwältigenden Eindruck macht. Gerade unter dem Hochaltar befindet sich die Königsgruft, das Pantheon, in welches eine kostbare, zu überladene Marmortreppe führt. Die Wände der achteckigen Gruft, in der alles aus Marmor und Jaspis besteht, enthalten in 26 Nischen die aus schwarzem Marmor gefertigten Sarkophage mit spanischen Königen und den Königinnen, die Nachfolge gehabt haben. Die kinderlos gebliebenen Königinnen, sowie die Infanten und Infantinnen werden in den anstoßenden, auch mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Räumen in weißen Sarkophagen beigesetzt. I l 30 Der nördliche Teil des gewaltigen Gebäudekomplexes enthält den königlichen Palast, der noch als Herbstresidenz dient, während im südlichen sich das eigentliche Kloster mit etwa 200 Zellen befindet. Ein anderer Teil enthält noch die wegen ihres Reichtums an Büchern und Handschriften der arabischen Literatur weltberühmte Bibliothek. Das Merkwürdigste im ganzen Escorial sind aber die von Philipp II. bewohnt gewesenen Zimmer, von denen aus damals die Welt regiert wurde. Sie befinden sich zu ebener Erde, das Sterbezimmer unmittelbar neben der Kirche, so daß der an unheilbarer Krankheit langsam dahinsiechende König durch ein kleines Fenster, das er erst selbst herstellen ließ, den Hochaltar sehen konnte, und bilden mit ihrer asketischen Einfachheit, ihren einfachen hölzernen Möbeln, einen grellen Gegensatz zu der übertriebenen Pracht der übrigen Räume. Den besten Ueber- blick über das gewaltige Bauwerk, das 16 Millionen Pesetas verschlungen haben soll, hat man von der sog. silla del rey aus, einem ziemlich hoch im Guadarramagebirge gelegenen Eelssitz, von dem aus Philipp das Portschreiten des Baues beobachtete. In vierzehntägiger Reise besuchte ich dann Andalusien und Granada, unstreitig die interessantesten Teile Spaniens, mit Cördoba, Sevilla, Jerez, Cädiz, Malaga und Granada. Von Cördoba aus legte ich die Heimreise in 3 Nächten und 2 Tagen über Madrid, Jrün, Bordeaux und Paris nach Hamburg zurück, voll befriedigt über die Ergebnisse meines Studienaufenthaltes in Spanien. Der nördlit den königlichen während im st* 200 Zellen befinj ihres Reichtum^ Literatur weltbe Das Merk- Philipp IL bewl die Welt regierfl Sterbezimmer r[ unheilbarer Kr kleines Fenster, sehen konnte einfachen holze übertriebenen blick über da; verschlungen einem ziemlich von dem aus In vierzi und Grranada, mit Cördoba, Cördoba aus 1 über Madrid, voll befriedigt in Spanien. xes enthält enz dient, mit etwa die wegen arabischen per die von aus damals Erde, das aß der an ; durch ein |ti Hochaltar hheit, ihren atz zu der ten Ueber- tien Pesetas del rey aus, lien Felssitz, beobachtete. Andalusien 'e Spaniens, anada. Von und 2 Tagen bürg zurück, oaufenthaltes