G ^ ) ! Mnschufiliche Heilage zum PlU» l!es ßelzslll. OWchlllls zu ßelinßeüi. ^ OätOi-i^ 1898. Inhalt: Lessings Freiheitsbegnff. Von Prof. vi-. Adolf Dan M ^, 1898. ?n>^l. M. 734. Helinstebt. Druck von I. C. Schmidt. 1898. /^-» i^>^ ^/ ^^- L^VRt?H ^^5^a.z^ /)?/ Hessmgs FmtztttsVegnff. <3° ,s ist doch seltsam, daß grade derjenige von unsem Schriftstellern, der sich so offen giebt, so klar und durchsichtig seine Gedanken ausprägt und aufbaut, wie wenige andre, daß grade Lessing am verschiedensten aufgefaßt, am meisten mißverstanden ist und wird. Denn mißverstanden, mindestens von der einen Seite, muß er doch sein, wo sich zwei einander gradezn widersprechende Auffassungen gegenüberstehen. Der hauptsächlichste Gruud für diese Erscheinung scheint der unstatthafte Gebrauch des Nachlasses zu sein, dessen meist abgerissene Gedankenreihen man nur zu häufig, ohne genügende Abwägung ihrer Bedeutung nnd ihres Quellenwerths, den von ihm selbst veröffentlichten Schriften nicht nur gleichsetzt, sondern gar überordnet. Doch nicht davon soll hier die Rede sein, sondern nur jene Erscheinung an einem der auffallendsten Beispiele aufgezeigt werden; keins von den vielen, die angeführt werden könnten, ist dazu geeigneter als das von Lessings Freiheitsbegriffe genommene, denn keins zeigt die verschiedenen Meinungen in schärferen Gegenfätzen. Es ist überflüfsig, hier alle diese Meinungen nochmals durchzu- gehn; man findet sie, wenigstens aus früherer Zeit, übersichtlich zusammengestellt uud eingehend besprochen bei Heblet); nur aus neuerer Zeit, denn auch diese hat die Gegensätze noch nicht ausgeglichen, seien die Proben genommen. Erich Schmidts sagt: „Wie gar noch heute jemand in Lessing einen Anhänger der Willensfreiheit erblicken kann, scheint den Urkunden gegenüber mehr als paradox". Dagegen sagt schon Schwarz^), es sei „abgeschmackt, bei Lessing von Determinismus zu redeu", uud neuerdings Spickers: „Dies dürfte genügen, um die Behauptung vorläufig zu rechtfertigen, daß Lessing Unsterblichkeit der Seele, Freiheit des Willens, Persönlichkeit Gottes, gelehrt habe und wto ooslo von Spinoza entfernt war". Man hat nun die Wahl, entweder jene Meinung als abgeschmackt, oder diese als paradox zu verwerfen; aber für das eine oder andre sich zu eutfcheideu, wird nicht leicht; denn wenn für jene Meinung Aeußerungen angeführt werden können, die, man muß das zugeben, docu- mental wirken, so hat diese dagegen unleugbar den Gesammteindruck der Schriften Lessings, zumal der von ihm selbst herausgegebenen, für sich. Wie der gauze Geist dieser Schriften, von den Dramen und der Dramaturgie bis zu den Freimaurergesprächen, von den Rettungen uud den Literaturbriefen bis zu den theologischen Streitschriften und der Erziehung des Menschengeschlechts, mit der Idee der menschlichen Entwicklung, sowohl der Einzelnen wie des Geschlechts, die Selbstbestimmung voraussetzt uud der Annahme der Unfreiheit widerstreitet, das hat Spicker (313 ff.) überzeugend dargethan. l> Lessing-Studien von C. Hebler, Vem 1862, S. 150 ff. ") Lessing, Geschichte seines Lebens und feiner Schriften, von Dr. Erich Schmidt, Berlin 1884—92. II, 626. «1 G. E. Lefsing als Theologe, U«n Carl Schwarz, Halle 1854. S. 69. ^) Lessings Weltanschauung, dargestellt von Dr. Gideon Spicker, Leipzig 1883. S. 84. b) Ueber die Lehre des Spinoza, 1785, S. 30. — Fr. H. Iacobis Werke 1819, IV, 1, 70. — Abgedruckt m der Und dennoch. Daß ihm die Enttraftuug der Urkunden, auf die Schmidt sich beruft, sonderlich gelungen wäre, ist kaum zu behaupten. Es kommen deren wesentlich zwei in Betracht: die Aeußenmg gegen Jacobs): „Ich bleibe ein ehrlicher Lutheraner, und behalte „den mehr viehischen als menschlichen Irrthum und Gotteslästerung, daß kein freier Wille sei"", und dann der „fatale Zusatz" zu Jerusalems philosophischen Aufsätzen^). Jene Aeußernng enthält zweierlei: die Leugnung der Willensfreiheit und ihre Kennzeichnung als „viehischen Irrthum uud Gotteslästerung". Es ist wohl die Verbindung von beidem, was Spicker (104) für „lutherischen Unsinn" erklärt, dem Lessing das Wort rede, selbstverständlich nicht im Ernst, denn sonst müßte er ja bewußt einem „mehr viehischen als menschlichen Irrthum" gehuldigt habeu. Aber Spicker irrt sich. Wenn nicht die Anführungszeichen, so hätten ihn doch Lessings unmittelbar vorhergehenden Worte: „Sie drücken sich beinah so herzhaft aus, wie der Reichstagsschluß zu Augsburg" darüber belehren sollen, daß beides nicht ans einer Quelle stammt. Luther bekennt?): „Ja, die zwei Stücke, die allmächtige Gewalt uud die ewige Vorsehung, die vertilgen zu Gruud deu freien Willen, daß nicht ein Härlein dableibe". Lessing durfte also mit gutem Rechte sagen: „Ich begehre keinen freien Willen. Ich bleibe ein ehrlicher Lutheraner" — trotz der Verdammung dieser Meinung durch die Päpstlichen, die ja eine Ketzerei darin sahen. Der Hinweis auf den Reichstagsschluß zu Augsburg, der die Leugnuug der Willensfreiheit als viehisch (pscuiua) und gotteslästerlich gebrand- markt hatte, verstärkt nur seine Absage, während Spicker (325) darin eine „paradoxe Behauptung" sieht, mit der es Lessing unmöglich Ernst gewesen sein könne: „Oder sollte er erst in den letzten Jahren seines Lebens zu der Einsicht gelangt sein, daß die Leugnung der Willensfreiheit ein viehischer Irrthum uud eine Gotteslästerung sei?" Da das nicht anzunehmen sei, so könne er anch mit der Ablehnung der Willensfreiheit nicht seine wirkliche Meinung ausgesprochen habeu. Und doch war dem so, nicht, obwohl er sie für gotteslästerlich hielt, sondern, obwohl die Päpstlichen sie dafür ausgegeben hatten. Noch einmal, es war Lefsing völliger Ernst damit, und gern stellte er seine Uebereinstimmuug darin mit Luther fest. Fühlte er sich ihm doch geistesverwandt, verband sie doch die gleiche Sinnesart, der offene Mannesmuth und die frische Kampflust gegen pfäffischen Hochmuth und Geistesknechtung^). Daß Luther eiue Meinung gehegt hatte, galt ihm für einen Gruud mehr, sie zu der! seiuigen zu machen. In der Verwerfung des gängigen Freiheitsbegriffs begegneten sich beide auf demselben Boden: beide wußten die Selbstbestimmung des Menschen nicht mit der Allmacht und Weltregieruug Gottes zu vereinen, beide opferten ihren menschlichen Stolz, um sich den vollen Gottesbegriff zu erhalten. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß Lessing nach einer Vermittlung gesucht hat. Darauf deutet auch das Schlußwort zu Jerusalems Aufsätzen hin, nur daß es uoch an einer befriedigenden Erklärung dafür fehlt. In dem dritten Aufsatzes führt sein junger Freund, mit dem er diese Dinge viel besprochen hatte, die eigne Meinung, die auf unbedingten Determinismus herauskömmt, aus und ver- Hempelschen Ausgabe von Lessmgs Werken, XVIII, 23. — Auf diese Ausgabe beziehen sich im folgenden die kurzen Hinweise ans Lessings Schriften unter dem Buchstaben L. °) L. XVIII, 243. ') I. A. Domer, Geschichte der protestantischen Theologie, 186? S. 201. 2) W. Nehschlag (Lessings Nathan der Weise, 1863. S. 4) bemerkt: „Nächst Luther wüßte ich Keinen, der in der inneren Geschichte unsres Volkes so sehr eine ähnliche Stellung einnähme als Lessing: wie in jenem die Geistesthat des 16. Jahrhunderts, der Bruch des deutschen Gewissens mit der mittelalterlichen Kirche sich vorbildlich vollzieht, so in diesem die Geistesthat des 18. Jahrhunderts, der Bruch des deutschen Verstandes mit der altprotestantischen Dogmatil." ') Philosophische Aussätze von K. W. Jerusalem, herausgegeben von G. E. Lessing, Braunschweig 1776, S. 21 ff. — 5 — theidigt sie gegen verschiedene Einwände, die etwa erhoben werden könnten. Diese betreffen Vorzugs' weise die moralischen Conseqnenzen der Unfreiheit, und Lessing gesteht unumwunden zu, daß sie wirksam zurückgewiesen seien: „Also, von der Seite der Moral ist dieses System geborgen." Dann fahrt er fort: „Ob aber die Speculation nicht noch ganz andere Einwendungen dagegen machen könne? Und solche Einwendungen, die sich nur durch ein zweites, gemeinen Augen ebenso befremdendes System heben ließen? Das war es, was unser Gespräch so oft verlängerte, und mit wenigen hier nicht zu fassen stehet." Es handelt sich nuu darum, aus dieser kurzeu Andeutung Lessiugs wirkliche Meinung mit einiger Wahrscheinlichkeit herauszulesen. Was meint er mit seinem .zweiten System" ? Man hat auf den Spinozismus und auf die Lehre von der Seelenwanderuug gerathen, doch, wie es scheint, wenig glücklich; denn mit Spinoza die brutale Causalität als Vorsehung in das Weltgetriebe einzusetzen, wäre Lessing wohl sicherlich der letzte gewesen, uud, mag er über die Seeleuwanderung gedacht habeu. wie man will, den Determinismus gegen einen Einwand der Speculation zu schützen ist diese Lehre gewiß so wenig geschickt, wie sie selbst der speculatiuen Betrachtung genug unbedeckte Blößen bietet. Spicker will nun gar für das angedeutete „zweite System" geradezu das der Freiheit genommen wissen. Er behauptet (309), es müsse im Gegensatz zu dem Determinismus Jerusalems sein, und, „da zwischen Freiheit und Notwendigkeit kein drittes vermittelndes möglich" sei, müsse Lessing das der Freiheit selbst darunter gemeint haben. Aber das „zweite System" soll ja dem Determinismus gar nicht „gegenübergestellt", sondern im Gegentheil als Stütze gegen Einwände der Speculation geboten werden. Lessing will damit den Determinismus nicht widerlegen, sondern halten und sichern. Einwendungen gegen Jerusalems Behauptung der Notwendigkeit durch die Behauptung der Freiheit menschlichen Handelns heben zu wollen, so widerspricht sich ein Lessing nicht, und wenn er auch nicht mit dürren Worten seinem Freunde beigepflichtet und sich für die Annahme von Zwang und Notwendigkeit entschieden hätte, so müßte man doch, ehe man ihm diesen Widerspruch zumuthet, den Grund dafür in den eigenen Schlußfolgerungen aus seiuen Worten suchen. Es ist wahr, daß Lesfings geschichtsphilosophische Auffassuug, wie sie in den Gegenfätzcn zu den Fragmenten, in der Erziehung des Menfchengeschlechts, in der Dramaturgie und im Nathan hervortritt, daß seine ganze Weltanschauung, wie sie seine von ihm selbst veröffentlichten Schriften so klar widerspiegeln, auf der Voraussetzung der Freiheit ruht; aber ebenso uuwidersprechlich ist es, daß er im Gespräch mit Iacobi wie in dem Schlußwort zu Jerusalems Aufsätzen unzweideutig der Unfreiheit das Wort redet. Was ist da zu machen? — Schärfere Unterscheidung thut noth. Es muß ein Mittleres geben zwischen Notwendigkeit und Freiheit im gewöhnlichen Wortsiun, wenn es auch bisher noch übersehen ist; es muß Lessing ein solches Mittleres im Auge gehabt haben, wenn er sich nicht selbst widersprochen haben soll. Aber wo es suchen? Nur in seinen eigenen Gedankengängen darf man es zu finden hoffen. Da springt denn zunächst hervor der hohe Begriff, den Lessing, gleich Luthern, von der Allmacht und Weltregicruug Gottes hat. Was wäre das für eine Allmacht, die durch eine Freiheit innerhalb der erschaffenen Welt beschränkt, was wäre das für eine Weltregierung, deren Weisheit auf Schritt uud Tritt vom menschlischen Thnu und Lassen durchkreuzt würde! Nein, Gott sitzt im Regimente! Er lenkt die Menschen an seiner allmächtigen Hand^); er braucht sie als Werkzeuge für seiue ewigen Absichten"); er richtet sie nicht nach ihren Thaten, die „so selten ihre Thaten sind"2). Gott sieht das Herz an. ") L. m, 83. ") L. V1U, 180; XIV, 83. — y So muß die Freiheit wenigstens im Herzen einen Spielraum haben, wenn sie ihn im Thun nicht hat. Und ist das nicht auch eine Freiheit, die Freiheit des Empfindens und Wollens, wenn sie gleich nach außen nichts bewegt? „Thörichte Sterbliche", ruft schon der junge Lessing^) den Menschen zu, „was über euch ist, ist nicht für euch! Kehret den Blick iu euch selbst! Hier richtet das Neich auf, wo ihr Unterthan und König seid! Hier begreifet uud beherrschet das einzige, was ihr begreifen nnd beherrschen sollt: euch selbst!" Sagt das nicht genug? Ist das nicht der beste Commentar zu dem scheinbaren Widerspruch zwischeu Freiheit und Zwang? Sind wir auch im Handeln gebunden, die Regungen des Herzeus sind frei; die das Thun begleitenden Empfindungen und Wollungeu sind unser eigen, wenn gleich nicht das Thun selbst vou ihnen abhängt, sondern von einer höheren Macht getrieben wird. In menschlicher Auffassung freilich vermögen wir beides nicht zu trennen, da erscheinen uns unsre Handlungen als naturuothweudige Folgen uusres Wollens; aber könnte nicht dessenungeachtet in Wirklichkeit die Verknüpfung eine ganz andre sein? Ware es der einzige Schein, der uns täuscht, so lauge wir im irdischen Leibe wohnen? Würden wir nicht grade in einer solchen Ordnung der Dinge, wenn sie uns nicht unbegreiflich bleiben müßte, vielleicht die höchste Weisheit des Schöpfers bewundern müssen? Das sittliche Moment haftet ja nicht am Geschehen, sondern an der Gesinnung, in der es geschieht, es bleibt also unangetastet und wird noch wesentlich verstärkt durch das Verantwortlichkeitsgefühl für die äußeren Folgen unseres Thuns, dessen wir uns in menschlicher Anffassung gar nicht zu entschlagen imstande sind. Während wir willenlos das Weltgetriebe durch das Bewußtsein gehen lassen nnd mit unserm Empfinden begleiten, werden wir des uns treibenden Gotteswtllens inne, erkennen, was ihm gemäß und zuwider, d. i. gut und böse ist, fühlen Freude oder Schmerz, Befriedigung oder Neue, Hoffnung oder Furcht, jenachdem wir uuser Wolleu mit dem göttlichen Willen im Einklang wissen oder nicht. Die Stimme des Gewissens auf der eiuen, den Zug der Sinnlichkeit als Stachel der Erbsünde der Menschheit auf der anderen Seite, durch die Vernunft befähigt, die im Weltgetriebe durch das Vewußtseiu gehenden Vorstellungen zu vergleiche!,, ihrem Werthc nach zu schätzen nnd danach uuser Empfinden und Wollen bestimmen zu lassen, was verlieren wir mit der Freiheit zum Handeln? Nichts, das wir zur sittlichen Selbsterzichnng hienieden nöthig hätten, denn unsre Freiheit reicht grade so weit wie das Gebiet des Sittlichen. Frei im Innern, unfrei nach außen, sollte das nicht Lcssiugs Meinung treffen? Jerusalem berichtet^), darüber, daß der ganze Streit über die Freiheit nnsrer Handlungen von der Frage abhänge, ob wir einige Gewalt über unsre Vorstellungen haben, seien sie einig gewesen. „Nur daß wir keine solche Gewalt über unsre Vorstellungen haben, glaubten Sie noch nicht einräumen zu können. Sie wollten dies lieber für die Grenze nnsers Verstandes betrachten, über die unser Forschen nicht reiche. Sie wollten lieber diese Gewalt für eine besondere Kraft unserer Seele halten, die wir nicht weiter erklären könnten. Sie wollten lieber unser Gefühl hierüber den Ausspruch thun lassen, welches Ihrer Meinung uach laut für die Freiheit spreche." Weuu man nun von Lessing selbst hört, daß er die Unfreiheit des Handelns seinem Freunde zugegeben hat, so liegt der streitige Puukt zwischen beiden auf der Hand: er betraf die Gewalt über uusre Vorstellungen, die Jerusalem verneinte, Lessing aber nicht unbedingt verneinen zu sollen meinte. Hier war also der Punkt, wo nach Lessings Meinung die Speen- lation noch Einwendungen zu macheu hätte. Jerusalems Ausführungen^) haftet ein offenbarer Wider- », L. Ill, 181. ") L. XIV. 205. ") S. 23 ff. Abgedruckt bei Spicker, S. 295. '») S. 33 ff. Auszugsweise bei Heblei, S. 147. spruch an: obwohl er nämlich einerseits dem Menschen jegliche Gewalt über seine Vorstellungen abspricht, schreibt er ihm andrerseits doch, um die Möglichkeit der sittlichen Entwicklung zn retten, die Fähigkeit zu, die dunkeln Vorstellungen der Seele zn deutlichen aufzuklären, unter ihnen dem Werthe nach zu wählen und danach seine Handlungen zn richten. Die auf diesen Widerspruch seitens der Speculation begründeten Einwendungen zu heben, sollte nun das „zweite System" dienen. Es richtete sich gegen Jerusalems mangelhafte Unterscheidung zwischen dunkeln und deutlichen Vorstellungen, die er ohne weiteres in eine Clafse werfe, während doch die dunkeln Vorstellungen etwas ganz anderes, nämlich eigentlich Empfindungen seieu^), die nicht sowohl zu deutlichen Vorstellungen aufgeklärt, als vielmehr durch solche verdrüugt und unwirksam gemacht würden; daß, wenn wir auch über die deutlichen Vorstellungen, wie Jerusalem genugsam bewiesen, keine Gewalt haben, wir deshalb doch sehr wohl über die dunkeln, d. i, über unsre Empfindungen, die Gewalt haben könnten, sie zu stärken oder zu schwächen, hervor- oder zurücktreten zu lassen. In der That, wenn die eigentlichen Vorstellungen von außen bedingt ins Bewußtsein treten, die Empfindungen aber, wie Lessing meint, eine „besondere Kraft unfrer Seele" sind, so ist gar kein Grund vorhanden, diese mit jenen zugleich dem Zwange des Causalgesetzes zu unterstellen. Was dann herauskömmt, ist aber Freiheit des Empfindens bei Gebundenheit im Handeln; denn das Handeln geschieht, soweit die Motive überhaupt ins Bewußtsein treten, nach der Vorstellung dessen, worauf es gerichtet ist. Die Consequeuz davon ist die Lösung des Causlllbaudes zwischen den inneren Seelenvorgangen, dem Empfinden und Wolleu, und dem äußeren Geschehen, eines Bandes, das, so begründet es anch in menschlicher Auffassung erscheint, doch durchaus unerwiesen und, da es über die Erscheinungswelt hinausgreift, unerweisbar ist. So wenig Lessing die Willensfreiheit im gängigen Sinne, die das freie Handeln einschließt, mit seinem Begriffe von der Weltregierung Gottes zu vereinen wußte, so cutschieden bestand er auf der durch das Gefühl so laut bezeugten Freiheit des inneren Seelenlebens, und diese Freiheit genügte ihm, um die sittliche Entwicklung des Einzelnen wie des Menschengeschlechts begründet zu finden. Danach wird allein der viel umstrittene Ausspruch im Schlußwort zu Jerusalems Aussahen^) verständlich: „Ich danke dem Schöpfer, daß ich muh, das Beste muß. Wenn ich in diesen Schranken selbst so viel Fehltritte noch thue: was würde geschehen, wenn ich mir ganz allein überlassen wäre?" — Nathans Wortes) von des Menschen Thaten, die „so selten seine Thaten sind", ist wohl so zu verstehen, daß sie nur dllun dafür zu gelten haben, wenn die sie begleitenden Willensregungen dem Willen Gottes, des eigentlichen Thüters, entsprechen. Von der Bethätigung der sittlichen Freiheit sagt Lessing"'): „In dieser Macht sunsrer sinnlichen Begierden, unsrer dunkeln Vorstellungen über alle noch so deutliche Er- kenntniß) allein liegt die Quelle aller unserer Vergehungen, die dem Adam, des göttlichen Ebenbildes unbeschadet, ebensowohl anerschaffen war, als sie nns angeboren wird. Wir haben in Adam Alle gesündiget, weil wir alle sündigen müssen, und Ebenbild Gottes noch genug, daß wir doch nicht eben nichts anders thun, als sündigen, daß wir es in uns haben, jene Macht zu schwächen, uud wir uns ihrer ebensowohl zu guten als zu bösen Handlnngen bedienen können." Die uus angeborene Sinnlichkeit widerstrebt dem Gotteswillen, aber wir können sie beherrschen und uusre Empfindungen ebensowohl auf das Gute lichten, wie sie von Natur auf das Sinnliche gerichtet sind. Der Ausdruck „uns ihrer zu l°i Im 49. Literaturbriefe (L. IX, 186) heißt es: „Seine dritte Alt über Gott zu denken ist ein Stand der Empfindung, mit welchem nichts als undeutliche Vorstellungen verbunden sind, die dm Namen des Denkens nicht verdienen." ") L. XVU1, 243. «) L. III, 181. «) L. XV, 266. — 8 — Handlungen bedienen" ist in menschlicher Auffassung gebraucht, uach der wir ja doch die Handelnden sind, wenn auch nur als Werkzeuge in der Hand Gottes. Wie Lessing diese sittliche Freiheit versteht, dafür giebt der Nathan einige bemerkenswerte Winke. Nur solche fordert, gewiß ganz im Sinne des Dichters selbst, Nathan in dem berühmten Wort^): „Kein Mensch muß müssen, und ein Derwisch mühte?" Denn für dessen Entgegnung: „Warum man ihn recht bittet, und er für gut erkennt: das mnß ein Derwisch" hat er die freudige Zustimmung: „Bei unserm Gott! da sagst du wahr." — So erfolgt auch auf die Mahnung^): „Er muß nicht müssen" die Antwort: „Nun so muß er wollen; muß gern am Ende wollen." Dem durch die Menschen, wenn auch nicht physisch, doch moralisch geübten Zwange gegenüber muß kein Mensch müssen, dem von Innen durch die Einsicht des Guten wirkenden gegenüber aber muß er wollen, gern wollen. — Ganz anders, wo es sich um metaphysische Freiheit handelt. Wenige Monate vor seinem Tode schrieb Lessing22) an Elise Reimarus: „„Freilich!" höre ich meine Freunde mir nachrufen; „denn ein Mann wie Sie kann Alles, was er will." Aber, lieben Freunde, wenn das nur etwas Anders hieße als: kann Alles, was er kann."" Das Wollen bringt dem Können nichts hinzu; durch den bloßen Willen vermag der Mensch nichts; ohnmächtig läßt er sich von einem höheren Willen treiben. Noch ein Zeugnis für Lessings Auffassung der Freiheit liegt vor, das, wenn auch nur mittelbar, die ausgesprochene Vermuthung durchaus zu bestätigen scheint. Schon Elise Reimarus verstand das Schlußwort zu Jerusalems Aufsätzen als Ablehnung der Willensfreiheit und fühlte sich dadurch lebhaft beunruhigt. Als Lessing dann im Sommer nach Hamburg kam, stellte sie ihn darüber zur Rede uud schrieb am 28. August 1776 an Hennings^): „Daß die Gedanken von der Freiheit zum Irrthum verleiten oder verführerisch sein können, wollte Lefsing nicht zugebeu, uud glaubte, dieses müsse sich auf ein Mißverständniß gründen, welches er aufzuklären wünschte. Er glaubte auch unsere Anhänglichkeit an die Freiheit gar nicht dadurch gekränkt zu haben, da wir bei diesem System nicht weniger als sonst, Wahl und Entschließung als von uns selbst abhängig behielten. Nur der Mechanismus würde dadurch noch größer, wir nicht kleiner. Ja er setzte zum Beweise seines Satzes noch die traurige Erfahrung hinzu, daß es ja in der That nicht in unserer Macht stände, zu deuken was wir wollten." Man erwäge, auf welche Erklärung dies „System" paßt; auf den Spinozismus? auf die Seelenwanderungslehre? Nicht im mindesten. Aber ganz so konnte sich die Freundin ausgesprochen haben, wenn ihr als einzige Freiheit die des Empfindens und Wollens gelassen war. Nur der Mechanismus, war ihr erklärt, werde erweitert, da nun gewissermaßen zwei Caufalreihen parallel neben einander herliefen; die vom Vorstellen zum äußern Geschehen, und sie begleitend die nur innerlich auf das Empfinden und Wollen beschränkte; der Mensch als sittliche Persönlichkeit aber dadurch nicht herabgedrückt, da diese rein subjective Freiheit alle sittlichen Momente umfasse und nur das sittlich indifferente äußere Geschehen ausschließe. Vielleicht ist auch die Verwandtschaft dieser Auffassung der Freiheit mit Leibnizens prästabilirter Harmonie beachtenswert!), denn auch die setzt zwei parallele Reihen innerer und äußerer Vorgänge voraus, nur daß der Freiheit dabei uoch weniger Spielraum zu bleiben scheint. Besonders schmerzlich berührt fühlt sich Elise durch die Behauptung der Unfreiheit des Denkens, und sie giebt sich dabei ganz als die Tochter ihrer Zeit, des Jahrhunderts der Aufklärung, dem Lessing so weit voraus war, daß er von seinen Freunden, auch von Mendelssohn, nicht mehr verstanden wurde. «> L. m, 86. -") L. Ill, 148. 22) L. XX, 1, 826. ") Zu Lessings Andenken von Wattenbnch. S. 11. Abgedruckt bei Hebler, S. 194. Auch von Jacob! nicht. Dieser, dem alles daran liegt, in Lessing den Spinozisten als abschreckendes Beispiel, wohin das rücksichtslose Denken führe, vor aller Augen aufzustellen, sieht sich in dem bekannten Gespräche seltsamerweise genüthigt, ihm gegenüber selbst Spinozas Sache zu führen:^) „Sie gehen weiter als Spinoza; diesem galt Einsicht über alles. — Ich habe keine lebendigere Ueberzeugung, als daß ich thue, was ich denke; anstatt daß ich nur denken sollte, was ich thue." Er meint durch die erschreckende Aussicht, daß mit der Freiheit des Handelns auch die des Denkens fallen müsse, den Determinismus in den Augen jedes denkenden Menschen zu vernichten. Doch Lessing entgegnet ruhig: „Ich merke, Sie hätten gern Ihren Willen frei. Ich begehre keinen freien Willen. Ueberhaupt erschreckt mich, was Sie eben sagten, nicht im Mindesten. Es gehört zu den menschlichen Vorurtheilen, daß wir den Gedanken als das Erste und Vornehmste betrachten und aus ihm Alles herleiten wollen, da doch Alles, die Vorstellnngen mit einbegriffen, von höheren Pnncipien abhängt. Ausdehnung, Bewegung, Gedanke sind offenbar in einer höheren Kraft gegründet, die noch lauge nicht damit erschupft ist, Sie muß unendlich vortrefflicher sein als diese oder jene Wirkung; und so kann es auch eine Art des Genusses für sie geben, der nicht allein alle Begriffe übersteigt, sondern völlig außer dem Begriffe liegt. Daß wir nns nichts davon denken können, hebt die Möglichkeit nicht auf." — Die höhere Kraft kann doch nur die im Menschen wirkende, seine Vorstellungen, Gedanken und Handlungen treibende Gotteskraft sein. Dadurch daß die Vorstellungen nnd Gedanken, wie Lessing schon Jerusalem gegenüber zugegeben haben wird, dem freien Willen entzogen sind, verlieren sie für das geistige Leben keineswegs ihre Bedeutung, denn sie werden durchs Bewußtsein des Meuschen eigen und fördern sowohl die Einsicht in den Zusammenhang der Dinge, als auch die Erstarkung der Gesinnung im sittlichen Empfinden und Wollen. Man sieht, wie unentwegt Lessing seinen Schlüssen folgte; meinte er auch die Vorstelluugen nnd Gedanken als durch änßere Gindrücke bedingt nnd das Thun bedingend nicht ans dem Getriebe des vom Menschen unabhängigen Geschehens auslösen, und. doch die Freiheit der Wahl und Entschließung für ihn retten zu können, so sieht man nicht, was ihm anders übrig blieb, als die Empfindungen und Willensregungen aus der Ccmsalreihe auszuschalten uud unabhängig davon der subjectiven Freiheit anheimzustellen. Das nur kann Lessing als sein „zweites System" im Sinne gehabt haben. Dazn stimmen alle seine Aenßerungen über Freiheit und Nothwendigkeit, Selbstbestimmung und Zwang; darin verschwinden alle die scheinbaren Widersprüche, die anders gar nicht auszugleichen wären. Nicht umsonst nennt er es „ein gemeinen Augeu ebenso befremdendes System." Wen wird es auf den ersten Blick nicht befremden? — Daß sich Jerusalem uicht damit befreunden mochte, ist sehr verständlich; wirft es doch feine ganze Psychologie über den Hansen. „Das war es, was unser Gespräch so oft verlängerte, und mit wenigen hier nicht zu fassen stehet." ") L, XVIII, 1? ff. !, ) >1M» <> >1 Auch von Iaeobi Mj Beispiel, wohin das Gespräche seltsamer«^ weiter als Spinoza; daß ich thue, was ichs erschreckende Aussicht, minismus in den Aul merke, Sie hatten ge>s mich, was Sie eben den Gedanken als da-! Alles, die Vorstellunc! Gedanke sind offenbml muß unendlich vortresl für sie geben, der nie! wir uns nichts davon! n»r die im Menschen sein. Dadurch daß dl haben wird, dem fr, Bedeutung, denn sie den Zusammenhang d^ Wollen. Man sieht, und Gedanken als du! des uom Menschen ui! für ihn retten zu könl Willensreguugen aus> anheimzustellen. 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