Höhere Bürgerschule zu Hamburg. Ostern 1886-Ostern 1887. Strophen- und Versbau der Lieder des Kastellans von Coucy Von Dr. F. Davids. Hamburg, 1887. Gedruckt bei Lütoke & Wulff, Eines Hohen Senates, "wie auch des Johanneums Buchdruckern. 1887. Prqyr. 2V>. 675. i üh(K nxi f-pf,A / Strophen- und Versbau der Lieder des Kastellans von Coucy. Von Dr. F. Davids. JJie Lieder des Kastellans von Coucy nehmen neben denen des Königs Theobald IV. von Navarra die erste Stelle in der altfranzösischen Liederdichtung ein. Wie diese zeichnen sie sich durch ein verhältnismäßig großes Maß von Natürlichkeit und Einfachheit aus; wie diese, ja noch in höherem Grade, zeigen sie eine tadellose Form und eine leichte, gefällige Sprache, die uns in mannigfaltiger Weise der Liebe Lust und Leid schildert. Sie haben daher auch ferner mit den Liedern des sangesfrohen Königs das gemein, daß sie früh die Aufmerksamkeit auf sich zogen und schon im vorigen Jahrhundert gedruckt wurden, und zwar in dem Essay sur la musique ancienne et moderne von La Borde, Paris 1780 1 ). — Eine zweite Ausgabe erschien 1830 von Fr. Michel, von welchem auch wiederholt eine Herausgabe der Lieder des Königs Theobald von Navarra angekündigt worden, aber leider bis jetzt unseres Wissens noch nicht erschienen ist, obgleich sie merkwürdigerweise schon verschiedentlich angeführt wird 2 ). Wir haben für unsere Untersuchung die sorgfältige kritische Textausgabe der Lieder des Kastellans von Coucy von F. Fath, Heidelberg 1883, benutzt. Fath hat seine Ausgabe mit Benutzung von 15 Handschriften und des Eomans du Chastelain de Coucy et de la Dame de Fayel von Jakemon Sakesep, worin sich 6 Lieder eingeschaltet finden, hergestellt. In diesen Handschriften und in dem Koman finden sich 26 Lieder unter dem Namen „Coucy 11 . Von diesen 26 Liedern können dem Kastellan von Coucy nach Fath aber nur 15 mit Sicherheit zugeschrieben werden. Auf diese XV unzweifelhaften Lieder werden wir unsere Untersuchung beschränken. I. Strophe (Couplet). Auch die Lieder des Kastellans von Coucy haben die den Liedern aller Zeiten und Völker eigenthümliche Strophenform. Die meisten (zehn) bestehen aus 5 Strophen; vier sind sechs- und eins ist dreistrophig (V). Die Strophen sind entweder metabolisch oder isometrisch. Die metabolische, aus Versen von ungleicher Silbenzahl bestehende Strophe findet sich in sechs Liedern (III, IV, VI, VIII, IX, XI); die isometrische, aus Versen von gleicher Silbenzahl bestehende Strophe kommt in neun Liedern vor (I, II, V, VII, X, XII, XIII, XIV, XV). 1 ) Da die Lieder der altfranzösischen Liederdichter meistens mit Noten versehen sind, so bieten sie natürlich auch ein musikalisches Interesse. 2 ) Ferdiuand Wolf in den „Altdeutschen Blättern" von Moritz Haupt und Heinrich Hoffmann, Bd. 6; P. Paris, Bomancero fr. S. 198, Anmerkung. — 2 — Ein Geleit, der sonst bei den Liederdichtern übliche Schluß, 1 ) kommt bei unserm Dichter nur in vier Liedern vor (III, VI, XI, XII), und zwar bestehend aus einem Teil mit vier Versen (III und VI) oder mit sechs Versen (XI) oder mit drei Versen (XIII). Die Strophen bestehen gewöhnlich aus acht Versen; drei Lieder (V, VI, VIII) enthalten jedoch neunzeilige, eins (XV) siebenzeilige und eins (IX) zehnzeilige Strophen- Mehr läßt sich über den Strophenbau nicht sagen. II. Vers. 1. Silbenzahl. Der bei unserm Dichter am häufigsten vorkommende Vers ist der zehnsilbige. Unter den neun aus isometrischen Strophen bestehenden Liedern enthalten acht Zehnsilbler (I, II, VII, X, XII, XIV, XV), eins Siebensilbler (V). Von den aus metabolischen Strophen zusammengesetzten Liedern enthalten vier ebenfalls mehr oder weniger Zehnsilbler, und zwar in folgenden Verbindungen mit Sechsund Siebensilblern: VI: 5 Zehnsilbler, 1 Siebensilbler, 3 Zehnsilbler. VIII: 4 Sechssilbler, 2 Zehusilbler, 1 Sechssilbler, 2 Zehnsilbler. IX: 7 Zehnsilbler, 1 Sechssilbler. XI: 5 Zehnsilbler, 1 Sechssilbler, 4 Zehnsilbler. Die übrigen beiden aus metabolischen Strophen bestehenden Lieder haben Sieben- und Acht silbler, und zwar: III: 4 Achtsilbler und 4 Siebensilbler. IV: 7 Siebensilbler, 1 Achtsilbler mit einem Refrain. 2. Cäsur. Da die Cäsur, d. h. der Einschnitt im Innern des Verses, der zugleich eine durch den Wortzusammenhang des Verses ermöglichte Ruhepause angiebt 2 ), in Bezug auf die lyrische Dichtkunst meistens nur in zehn silbigen Versen vorkommt, so können wir uns auf die Betrachtung des Zehnsilblers beschränken. Es ergiebt sich nun, daß unser Dichter vorherrschend die gewöhnliche, d. h. die männliche Cäsur bei betonter vierter Silbe anwendet, daneben aber auch die lyrische, d. h. weibliche Cäsur bei betonter dritter Silbe, da es offenbar in dem Bestreben des lyrischen Dichters liegt, die der Sangesweise am besten zusagende Zahl von zehn Silben gleichmäßig beizubehalten. l ) Unter den 38 Liebesliedern des Königs Theobald von Navarra findet sieh keines ohne Geleit; unter seinen Schäfergedichten, geteilten Spielen, Kreuzesliedern nur 7 ohne Geleit (vgl. Les Poesies du Roy de Navarre v. La Bavalliere). "•<) A. Tobler, Yom fr. Versbau, Leipzig 1880, S. 68. — 3 — Außer diesen beiden Cäsuren findet sich noch verhältnismäßig häufig die epische, d. h. weibliche Cäsur bei betonter vierter Silbe. Die weibliche Cäsur bei betonter dritter Silbe, also die sog. lyrische Cäsur, begegnet uns, wenn wir mit A. Rochat (Jahrb. f. romanische und englische Litteratur Bd. XI., S. 75, Anm. 2) die Verse, wo die tonlose Silbe eine Enklitika ist, mitrechnen, in folgenden 27 Versen: 2", 15: Ne de nule \ autre amor joie n'atent. II, 9: Preus et sage J je ne vos os conter. 15: Ke d'une autre \ quan Wen puet demander: 24: Cheus ki painent | to jors de li servir. 38: Ains les faites \ autrai por moi grever: VI, 1: Je cantasse | volontiers liement. 21: N'est merveille | s'en Vesgart m'esbahis, 38: De vos, dame, \ por cui il m'a guerpi, VII, 36: Ki devinent, \ ains ke piäst avener 39: Mais de ch'ai je | tos jors mal avantage. IX, 43: Se ne fussent | la gent maleuree, X, 7: Et quant joie | me faut, bien est raisons, 29: Mais ma dame \ ne quiert se mon mal non, XI, 29: Ne ja chertes \ n'en feisse clamor. 30: Se j'eusse | de moi vengier poissanclie. XII, 6: Dont ne doit je | canter se de li non. 15: Donkes ai je \ tote joie enhaie. 20: Mais ne voient \ riens ki fache a desplaire, 25: Douche dame, | je ne vos os rover 32: Ki de tote \ sa dolor vos merchie. 41: Douche dame, | debonaire prison. XIII, 9: Se j'avoie | le sens k'ot Salemons, 27: Mais ma dame | servir et honorer, 34: Douche dame, \ je vos pri et demant, 38: Douche dame \ se me voles amer XIV, 23: Nel di por che \ k'en soie en repentanche. 30: Douche dame, | ne m'en doit estre pis. Die weibliche Cäsur bei betonter vierter Silbe, also die sog. epische Cäsur, findet sich fast ebenso häufig wie die lyrische, nämlich in achtzehn Zehnsilblern, und zwar teils mit Elision der tonlosen Silbe, teils ohne Elision derselben. a. Mit Elision der Tonlosen. I, 41: Je m'en vais, dame; \ a diu le creator VI, 2: Se je trovasse | en mon euer l'ocaison; IX, 18: Ne me veut ele \ un seul cuite clamer, 25: Sor tote joie \ est diele coronee, X, 16: 24: XI, 34: 39: XIII, 5: 21: XIV, 5: VII, 11: VIII, 33: X, 8: 19: 21: XI, 1: 44: — 4 — Ma bele perte \ et por plus mal avoir Loial folie \ ou sage traison! Ki tot nie done \ a vos entierement De vos, dame, | a cui amors me rent, Las, eascuns cante \ et je plor et sospir. Tote lor paine \ ont mis eil moi trair. S'ai tant de joie \ et s'ai tant de doucor. b. Ohne Elision der Tonlosen. S'a la plus bele \ del mont mon euer rent Dire de joie; | ne sai s'ele a talent K'avec ma joie \ faillent mes canchons. Ou chil M aime \ de euer a son pooir. Ou chil ki prie \ sens euer por deehevoir Moult m'est bele | la douche comencanche Si s'en esmaie \ chil ki s'i atent. Ob Verse wie VI, 11; X, 8; X, 44, in denen das zweite Versglied zwar um eine Silbe verkürzt ist, die aber doch die volle Anzahl von zehn Silben aufweisen, hierher gehören, ist fraglich. A. Rochat (Jahrb. XI, S. 89) führt deren eine Anzahl als mit Casur versehen an, während A. Tobler (Vom fr. Versbau S. 72 ff.) meint, daß man solche Verse besser als der Cäsur ganz entbehrend ansehe* indem in solchen Zelmsilblern dem Gesetze nur noch durch die Betonung der vierten und der zehnten Silbe Genüge gethan werde. Die Cäsur nach betonter fünfter Silbe, die sich hier und da wohl bei Lyrikern findet, kommt bei unserm Dichter nicht vor.') 3. Elision und Hiatus. Die Unterdrückung eines e muet oder sourd findet überall da statt, wo es am Ende eines mehrsilbigen Wortes mit folgendem Vokal oder h muette zusammentrifft. Diese Regel wird von unserm Dichter so streng beobachtet, daß sich der Hiatus selbst nicht in der Cäsur findet, wo er sonst gestattet ist. Ebenso findet die Unterdrückung des e sourd der Einsilbler que (ke), ce (che), je, ne (nee und non), se (sie und si) statt mit wenigen Ausnahmen: VII, 13: Car sa biautes me fait si esbahir XI, 5: Et je suis, las, de che en tel bulanche 19: Si en vaudroit noaus vostre valor XIV, 19: Che est la riens dont je sai plus espris. ') A. Rochat, Jahrb. B. XI, 85 ff., nennt diesen Vers „taratantara". — Vgl. zu diesem Vers noch K. Bartsch, Zeitschr. f. rom. Philol. III, 370 ff. u. Beispiele bei Quicherat, Traue de versificaüon S. 178,Anm.; bei Gröber, Romanzen u. Past. I, 33; Berner Liederhandschrift Nr. 158; Romania III, 103: Le Savetier Baillet; von neueren Dichtern Beranger in Les Reverends Peres, in La Messe du S. Esprit, in Le Tournebroche u. a. — 5 — Auch in der Zusammensetzung jusque fällt das e bei unserm Dichter aus: XIV, 37: Se ja porai jush'a s'amor ataindre'). Die tonlosen Fürwörter me, te, se, le verlieren das e ohne Ausnahme, falls, sie vor dem Zeitwort stehen. Auch ma, ta, sa, die Artikel le und la und das Verhältniswort de zeigen Elision vor einem Vokal oder stummen Ji. Dagegen wird das i der Fürwörter li, mi und qui (ki) nie unterdrückt. Der Hiatus, welcher durch das Zusammentreffen eines betonten, nicht unterdrückbaren Endvokals mit dem Anfangsvokal eines folgenden Wortes entsteht, ist, wie überhaupt in der älteren Sprache, so auch bei unserm Dichter etwas ganz Erlaubtes. 4. Reim. a. Verschlingung. Die Bindung zweier Wörter durch den Reim, d. i. durch den Gleichlaut ihrer betonten Vokale und dessen, was hinter den Vokalen steht, wird von dem Kastellan von Coucy stets in der von den Troubadours entlehnten Weise der Verschränkung vollzogen; denn die Art, paarweise zu reimen, der sog. platte Reim, rime plate, rime non-entrelacee, war etwa seit der Mitte des zwölften Jahrhunderts dem verschränkten Reim, rime entrelacee, gewichen 2 ). Die Verschlingung aber findet zwischen den beiden Reimgeschlechtern durch einander statt, eine Weise, deren Einfülnung dein König Theobald IV. von Navarra zugeschrieben wird (Roquefort Flam. S. 89). Die Formeln, nach denen sich die Reiinverschlingungen in den vorher angeführten vier Strophenarten vollziehen, sind folgende: 1. Achtzeilige Strophen (I, II, III, IV, VII, IX, X, XII, XIII, XIV): abab \ baac I. abab | abab IL abab \ ccdd, Geleit ccdd III; XII, Geleit edd. abab | becc, Refrain (merchi) IV. abab | baab VII; XIII. abab \ bbab IX. abab \ aacc X. abab \ aabb XIV. 2. Neunzeilige Strophen (V, VI, VIII): abab | baacc V. abab | beedd, Geleit ccdd VI. abab I bbcca VIII. l ) Vgl. dazu Beispiele aus deu Poesies du roi de Navarre: jusqu'au morir I, Strophe 3, jusk'en IX, 3; jusqu'ici LX; dag. meint A. Tobler (V. fr. Versbau S. 47), daß die Verbindung jusque das e nicht elidirt. ■) Nach Roquefort Flamericourt (dessen Ansehen allerdings angezweifelt wird) De l'etat de la Poesie frangaise dans le 12? siecle, Paris 1815 S. 69, finden sich „rimes entrelacees" zuerst in dem Roman eines Anonymus: Miserere, ou li PLomaiis du Eeclus de Moliens zwischen 1154 u. 1189. _ 6 — 3. Siebenzeilige Strophen (XV) : abab \ aba XV (vgl. II). 4. Zehnzeilige Strophen (IX); abab | bbab IX. In allen Reimformeln erblicken wir denselben Anfang abab, welcher dem Stollen oder Aufgesang unserer Meistersinger entspricht, außerdem noch einen dritten aus andern Verschlingungen bestehenden Teil, den Abgesang. Die einzelnen Strophen sind also ohne Ausnahme dreiteilig. Untersuchen wir die Verbindung des ganzen Liedes durch den Reim, so sehen wir zwar auch hier die Dreiteiligkeit in fünf Liedern (I, II, VIII, XIII, XIV) genau innegehalten, doch sind vier auch zweiteilig, (IV, V, IX, XI), eins ist vierteilig (XV), und ein unverändertes Reimsystem zeigen zwei Lieder (VE. und XII). Die Dreiteiligkeit der Strophenyerbindung unter einander findet also nicht mit derselben Regelmäßigkeit statt wie die der einzelnen Strophen. Eine höchst kunstvolle, den Provencalen entlehnte Reimverbindung finden wir in 3 Liedern: III, VI und X; auch IV zeigt neben der Zweiteiligkeit einen kunstvollen Bau. In III ziehen sich durch alle fünf Strophen als constante Größen die Reimverschlin- gung -e und das weibliche Reimpaar -ie, in welchem immer das Reimwort folie wiederkehrt. Diesen beiden Teilen schließt sich ein dritter Teil an in Gestalt eines Reimpaares, welches der folgenden Strophe zur Verschlingung mit dem constanten Reim -e dient, so daß schließlich das Ganze mit dem Anfangsreim endigt und folglich auch mit einem dem entsprechenden Geleit. Es wird zum besseren Verständnis dienen, wenn wir die Reimwörter anführen: I. IL EL IV. V. amor desespoir a'ir connoit soffraint ae gueredonne greve folete gre folor pooir tenir droit estaint escape desloiaute volente done alume folie folie folie folie folie crie fk a'ie guie vie avoir merir covenroit empaint clamor seoir trair vainkoit Geleit: Jolie prie onor tra'itor. fraint dolor. Der Bau des IV. Liedes ist ganz ähnlich. Auch hier findet sich ein constantes Reimpaar (-aigne), welches ebenfalls die beiden vorletzten Verse bindet, während die beiden letzten Verse jedesmal ihre Reime zu Verschlmgungen an die folgende Strophe abgeben: I I. IL III. IV. V. liement voloir vis li revenir ocaison rent avoir ochis guerpi ment pooir esbahis ensi retenir non esmereement voir pris failli canchon gent valoir mis pri desensaigne taigne praigne mespraigne praigne ataigne sqfraigne mehaigne revaigne plaigne desespoir vis vi consir traison avoir eskis merchi Geleit: praigne daigne prison non. hair felon. Ähnliche« finden wir in dem zweiteiligen Liede X. Die constante Reimverschlingung ist -ir\ die folgende Strophe beginnt immer mit dem Schlußreim der vorhergehenden, so daß das Ganze mit demselben Reim endigt, mit welchem es begann: I. IL III. IV. V. VI. errement saisons voir pardon amans conforter dir faillir io'ir tenir fenir taisir escient acoisons pooir entention vaillans trover hair soffrir c.ovrir merir mentir desir gent gueredons dechevoir non avenans grever talent felons savoir garison souff'rans comparer raisons veoir raison plaisans finer definement canchons avoir traison vueillans penser rent. In IV benutzt der Dichter immer den Reim der drei letzten Verse zu Verschlin- gungen in der folgenden Strophe, während als constante Größe hier der sich dem Sinne stets anschließende Refrain merchi gelten kann: I. IL HI. IV. V. VI. demeüre oneiire aventure oscure paine vilaine canter tort atorne veoir faintement faillir eure deseüre eure faiture vaine grevaine atorner confort done savoir talent guerpir dblier port gre espoir consent tra'ir mort amer voir Haute mentir prent confort membrer doloir desassemble morir noient deport trover avoir trove desir rent. merchi » 11 1! » n r — 8 b. Reimarten. Wie wir vorher gesehen haben, gebraucht der Kastellan von Coucy männliche und weibliche Eeime mit einander verschlungen, selbstverständlich jedoch mit Bevorzugung der männlichen. Drei Lieder (II, X, XIII) enthalten nur männliche Eeime, vier (III, IV, V, VI) enthalten je zwei weibliche, die übrigen je drei und vier weibliche auf sieben, acht, neun und zehn Verse. Eeiche Eeime, die sich ergeben, wenn auch die zur Tonsilbe gehörenden Konsonanten gleich lauten, finden sich häufig: creator — retor I, 41, 43. — raison — garison II, 12, 14; XII, 37, 38. — liement — ment VI, 1, 3. — avoir — mir VI, 20, 22. — corage — luvrage VII, 18, 19. — plaisir — choisir VII, 28, 29. — ostage — estage VII, 30, 31. — coronee — destinee IX, 25, 27. — pardon — gueredon — don IX, 44, 45, 46. — raison — acoison IX, 38, 39. — dechevoir — savoir X, 20, 21. — saisons — acoisons X, 9, 11. — raison — traison X, 23, 24. — taisir — desir X, 42, 44. — semblanche — lalanclie XI, 35. — enuiousement — retraianment — ensement XI, 47,48,49. — taire — deputaire XII, 26, 28. — envie — vie XII, 39, 40. — solas — las XV, 24. — -anche XV, 8, 10, 12, 14. — atise—faintise XV, 15, 17. — talent — lent XV, 32, 34. Leonini sc he ßeime, auch rimes superflues, doubles genannt (A. Tobler, V. fr. Versbau S. 94), welche eintreten, wenn die Uebereinstimmung sich auch auf die den Eeim- silben voraufgehenden Vokale erstreckt, kommen vor: entierement — earement II, 34, 36. — demeüre — eure, oneüre — deseüre IV, 1, 3, 9, 11. — pensemens — renovelemens V, 10, 12. — maleir — dbeir VII, 37,40. — douchete — loucete X, 9, 11; de/fianche — venianche 23, 25. — voloir — doloir XIV, 37, 38. — color — dolor XV, 25, 27. Doppelreime, die dann statt finden, wenn den eigentlichen Eeimsilben noch je eine andere reimende Silbe vorhergeht, begegnen uns an vier Stellen: complaigne — compaigne I, 2, 4. — revenir — retenir VI, 37, 38. — douchete- — loucete XI, 9, 11; autrement — me ment 52, 53. — comandement — ne ment XIII, 28, 29. Eeime von Homonymen, die bei altfranzösischen Dichtern häufig vorkommen, ja sogar von manchen gesucht worden sind, 1 ) finden sich auch bei unserm Dichter: non = lat. non und nomen 11, 4, 6. — don = tunc und donum IX, 26, 30. — fache = faciem (Antlitz) und fadam XV, 21, 23. — voloir Zeitwort und Hauptwort XIV, 35, 37. Eeim zwischen einfachem und zusammengesetztem Wort findet sich einmal XIII, 34 und 36: traire — retraire. Andere künstliche Eeime z. B. grammatische, die entstehen, wenn dieselben Eeim- wörter, aber in einer anderen grammatischen Form, wiederholt werden (wie Chrestien v. Troies im Chevalir au Lyon, herausg. v. W. Holland, 1862, sie sehr häufig anwendet z. B. 573 venuz — retenuz; reving — ting. — 717 saura — aura; eüe — seile. — 1455 amer — clamer; l ) Vgl. besond. Gautier de Coiticy bei Meon II 3, 4, 5. — Gautier selbst nennt diese Art Reime „equivoques", vgl. A. Tobler S. 111, Anmerkung. — Chr. v. Troies sucht die aus solchen Reimen entstehenden Gleichklänge auch, z. B. Cheval. au Lyon 1077 d'ire — dire; 1885 alosez — l'oser; 1987 pari la — parla; 2056 sergens — si gern; 2311 i la — avilla u. a. — 9 — a i m — claim. — 30.97 vertue — tertue; vertu — retenu u. a.), oder Binnenreime, die dann entstehen, wenn zwischen zwei gleichklingenden Wörtern noch ein nichtreimendes Wort oder Silbe steht (z. B. de boene grape — de blanche nape Chev. au L. 1048; qui faisoient — si disoiertt; 2477 arester — aprester; 2769 reveignes — reieignes u. a.) finden wir hei dem Kastellan nicht. Überhaupt sind die wenigen künstlichen Reimbildungen, die wir vorher aus den Liedern angeführt haben, nicht das Ergebnis einer Absichtlichkeit, sondern einer bloßen Zufälligkeit, und wir müssen demnach sagen, daß die Lieder des Kastellans von Coucy im vorteilhaften Gegensatz zu den Erzeugnissen anderer Liederdichter, besonders der Provengalen, in hohem Grade einfach und natürlich sind. Ob sie nun auch mit dieser ihrer Einfachheit und Natürlichkeit die erforderliche Genauigkeit in der Reimbildung verbinden, wird die folgende Untersuchung zeigen. e. Reim-Elemente. Wir finden in den Liedern des Kastellans von Coucy folgende Reimsilben, geordnet nach der alphabetischen Reihenfolge der vokalischen Elemente, auf denen sie beruhen: a. as: solas — las — porcas~XN. ace (ache): fache — fache — glache —■ sache XV. atje: salvage — rassoage — homage — corage; volage —- usage — langage — visage; corage buvrage — folage — eage; folage — sage — ostage —■ estagc; message — ombrage — outrage — avantage VII. an, en: gent — outreement — seurement — dolent; content — autrement — alegement — atent I. enticrement — durement — semblant — torment IL faintement — talent — consent; prent — noient — rent IV. commerts — dolens — noiens — talens; pensemens ■ — renovelemens — gens ■ — propens V. liement — ment; rent — esmereement —■ gent VI. vivant — tant; pensant —joiant; mesleement — talent; semblans — remem- brans VIII. errement — escient — gent — talent; plaisans — vueillans; amans — vaillans — avenans — souffrans; definement — rent X. defent — entierement — sovent — gent — pensement — rent; lent — atent — cortoisement; autrement — ment — gent — contenement XL talent — comandement — ment — atent; demant — avant — noiant — tant XIII. torment — talent — lent XV. anche (ance): repentanche — Franche; grevanche — mesestanche V. comencanche — semblanche — balanche — mesceanche; semblanche — remembranche — fianche — dechevanche; lanche — defßanche — venianche — poissanche XL aeoinfanche — delivranche — repentanche — puissanche; venianche — grevanche — pesanche — grevanche XIV. penitanche — doutanche — delivranche — esperanche XV. b II — 10 — (IIS : aie (oie): aigne: ain-e: aire: ete: e: er: ee: cm. lais — Jamals — mauvais — lais — fais — verais I. soloie — aie — voie; soie — revoie — traie I. aie — pörrÖie — veraie; effroie — rapaie — recreröie VIII; recröie — maistroie — joie — querroie; manaie — delaie — voie — otroie; envoie — veraie XI. complaigne — compaigne — remaigne; praigne — estraigne — sofraigne I. desensaigne — ataigne; taigne — sofraigne; praigne — mehaigne; mespraigne — revaigne; praigne — plaigne; praigne — daigne VI. empaint — fraint; soffraint — estaint III. paine — vaine; vilaine — grevaine IV. semaine — paine — lointaine VIII. complaindre — estaindre — faindre — alaindre XV. dehonaire — faire; retraire — desfaire; viaire — desplaire; taire — deputaire; traire — retraire XII. e. violete ■ — amorete — mete; douchete — honcete — promete; dete — entremete — desirete IX. e. ae — escape; gueredonne — desloiautc; greve — volonte; folele — done; gre — alume III. atome — done — greve; biaute — dessamble — trove IV. consirrer — mostrer — parter — durer; doner — comparer — desevrer — oster I. canter ■ — detorner — oster — ariver; conter — parier — cndurer — demander; pener — esclnver — penser — grever; amer — endurer — plorer — reconfotter; conf orter — crier — grever — regarder II. canter — atorner — dblier; amer — membrer — trover IV. canter — refuser — penser — mer; endurer — der — doner — quiter — acever; clamer — reposer — garder — plorer — clanier IX. fi.ner —penser; conf orter — trover — grever — comparer X. penser — trover; amer — graer; Uasmer — esgarder; rover — mirer; merchier — doner XII. flater — honorer — grever — amer; escouter — gueredoner — amer — gueredoner XIII. coronee — destinee — mellee; regardee — ploree — amee; clielee — maleuree — mostree IX. pree — bee — contree — pcnsee; nee ■ — trovee — amee — duree XIV. ver: alegier — quier — mestier — enuier; essaier — irier VIII. dangier — priier — rehaitier XV. I 11 %r: is: %e: ise: ort: ov (our): on (s): - vie; folie — prie III. '■merchie; envie — vie; %. vi — merchi; li — ensi; guerpi — failli—pri VI. li — maudi — si — obli VIII. partir — joir — avenir — servir; faillir — servir — dormir — remir II. merir — trair; air — tenir III. mentir — morir — desir; faillir — guerpir — trair IV. repentir — servir — merir — accomplir V. consir — hair; revenir — retenir VI. tentir — esbaudir — plaisir — retenir; avenir — descovrir — esbähir — departir; joir — repentir — desir — servir; morir — plaisir — choisir — departir; guencir — avenir — maleir — obeir VII. issir — partir; desir — joir — avenir — faillir VIII. vis — eslcis; vis — eshahis; ochis — pris — mis VI. vis — espris — conquis — pris; amis — dis — espris — pis XIV. compaignie — arme — cortoisie; vie — ochie — vilenie I. folie — crie; folie — fie; folie — die; folie — guie; folie - vie — amie V. amie — oaillie; enhaie — mie; vie — cortoisie; umelie- prie — vilonie XII. reguise — apprise — jostise — prise XIV. faintise — conquise — liise XV. Q. mort — confort — depwt; tort — confort — port IV. 6 (ou). losengeor — jor — traitor — amor; creator — retour — demor — lionor I. amor — j'olor; clamor — dolor; lionor — traitor III. pascor — flor — aor — richar — paor — plor; doucor — labor — lionor — menteor — traitor — valor; dolor — tor — creator — jor — savor — clamor XL flor — dolor — doucor — jor; tristor — folor — vigor — amor XIV. jor — color — dolor XV. cawhon — non — non — aviron; non — raison — garison — non II. canchon — non — raison; faclion — non — felon V. ocaison — non — canchon; tra'ison — felon; p>i'ison — non VI. don — felon — mesprison — don — non; non — hon — non — raison — acoison; on — pardon — gueredon — don — pardon IX. raisons — canchons; saisons — acoisons — gueredons — felons; raison — tra'ison; pardon — entention — non — garison X. entention — non; non —■ gueredon; menton — don; fachon — non; garison — raison; prison XII. saisons —■ oisellons — raisons — ententions; Salemons — prisons — garisons — pei'dons; ocoisons — felons — trdisons — gueredons XIII. b* — 12 ovr : oit: de: ure: Ol. avoir — seoir; desespoir — pooir III. voir — doloir — avoir; veoir — savoir — espoir IV. savoir — pooir — deloir V. desespoir — avoir; voloir — pooir; avoir — voir — valoir VI. paroir ■ — soir — voloir — pooir; voir — noncaloir VIII. veoir — avoir; voir — pooir ■ — dechevoir — savoir X. avoir — voloir — voloir — doloir XIV. covenroit — vainkoit; connoit — droit III. vgl. aie, U. demeüre — eure; oneiire — deseiire; aventure — eure; oscure — faiture IV. droiture — dure — mesure — endure XV. ue. iielle: fuelle — hruelle — vuelle; dudle — suelh ■ — acuelle VIII. Die vokalischen Lautwerte, welche den Reimen des Kastellans von Coucy zu Grunde liegen, sind also a, ai, e, e, ie, i, ö, 6, oi, u, ue. 1. Auf a beruhende Reime sind: as, ace, age, an (ant, ent, ans, ens, anelie). 2. Auf ai: ais, aie, (oie), aiyne, ain (aint, aine, aindre), aire. 3. Auf e: ete. 4. Auf e: e, er, ee. 5. Auf ie: ier. G. Auf i: i, ir, is, ie, ise. 7. Auf ö: ort. 8. Auf 6: or, on (s). 9. Auf oi: oir, oit, (oie). 10. Auf u: ure. 11. Auf ue: uelle. Bemerkungen zu den Reimen. 1. Die Reime as beruhen auf betontem lat. a + mehrfacher Consonanz: solas — solatium, las — lassus, porcäs = perquassus. 2. Die Reime ache statt ace, anche statt ance zeigen uns die pikardische Eigentümlichkeit, franz. ) Diez, Gr. P S. 137. 13 - canclion II, 2; III, 41; cante, XIII, 5. — cans c vor erhaltenem lat. a: canter II, 1; IV, 2; VII, 5; VIII, 3; IX, 2 und so immer. V, 2; VI, 5; X, 2, 8 u. s. i. — cantant II, 10. — cant IV, 8 u. ö. - XIII, 3. — cantasse VI, 1. — escape III, 4. — ocaison VI,- 2; ocoisons XIII, 17. — car VI, 25; VIII, 21 u. ö. — cargier (carri-care) I, 40. — noncaloir VIII, 17. — eascuns XIII, 5; XV, 23 (= quisque unus nach Dies:, ebenso Neumann S. 77 ff, dagegen Förster, Aiol und Mirabel S. 553 = casca-unum). — porcas (perquassus) XV, 6. k oft für ursprüngliches qu, auch vor andern Vokalen als a: kel I, 45; likels X, 18; lekel XI, 8; kels XIII, 14, 17; Jceus XIII, 23. — onkes II, 25; VI, 12; VII, 2, 3 u. ö.; clonhes XII, 15; ;Wra XV, 7. — vainkoü III, 24; raMe XV, 29. — es7as VI, 18. — Mit k immer der Nominat. des Eelat. qui und meistens die Con- junetion que (dagegen c'un IV, 40; V, 17; c'on IX, 43; XIII, 31). qu findet sich: immer in quant I, 3; II, 35 u. ö.; quem II, 15; neporquant X, 30; ferner in porqnis XII (siehe por cm IV, 37; IX, 33); auch liquels X, 18 (siehe dag. oben); — in allen aus lat. quaerere abgeleiteten Formen z.B. quierV, 20 u. ö\; querroie IX, 40; conquiert IX, 31; con- quist XI, 12; requise XIV, 34; in nasquistes VI, 27; gro'fer IX, 14 (siehe coiement IX, 41). Es ist nun die Frage, ob c auch vor einem aus lat. a entstandenen e (ie) den velaren oder gutturalen Laut bei unserm Dichter hat, wie dies für einzelne pikardische Gebiete (Ver- mandois 1 ) und Ponthieu 2 )) als sicher festgestellt ist, oder ob es vor e (ie) aus lat. a wie c vor lat. e, i und ti + Voc. behandelt wird, d. h. zu ch wird. Wir finden nun vor einem aus lat. a entstandenen e (ie) vorherrschend die Schreibung c: houcete IX, II; hoce XII, 21; acever (adeapitare) IX, IG; j'rance (jranca) X, 33; XI, 41; Marie XI, 54; fresce (frisca) XV, 25; cierement (caramente) I, 27; eiere V, 27; — ch nur in pechies (peccatum) IV, 33 und in choisir (kausjan) VII, 29. Ob unser Dichter ebenso wie ka auch ke und kie gesprochen habe, lässt sich,nicht mit Sicherheit feststellen. ci, ce und ti + Voc. werden zu ch, welches nach A. Tobler, (Dis dou vrai aniel S. XXI) wie neufr. ch zu sprechen ist: alle Wörter aus -antia, -entia: repentanche, Franehe, grevanche, mesestanche V; comancanche, semblemche, balanche, mesceanche, remembranche, fiandie, lanche, deffianche, dechevanche, venianche, poissanchelQ; XIV; XV; merclii I, 29 u. ö.; cancJion E, 2 u. ö.; pascor (Frühlingszeit, v. pasclia, Gen. PI. pascJiarum, Dies Gr. II 3 , 350) XI, 2; richor XI, 7; doueor XI, 12; XIV, 5; fachon XII, 29; fache (fadem) XV, 22; glache XV, 26. — che I, 16 u. ö.; ches I, 28 u. ö.; eheste II, 17 u. ö.; cheus II, 24; III, 16; diele IV, 20 u. ö.; chelui IV, 46; cho VI, 47; chil VII, 19 u. ö.; cÄe& VIII, 42. —chertesIV, 9 u. ö.; douche V, 27 u. ö.; douchete IX, 9; clouchement IX, 36 u. ö.; c7?efee IX, 41. — oc7«"e I, 28; ochit IV, 9 u. ö. (alle Formen von oeeidere); eschiver (aJid. skiuhan scheuen); fache (faciam) }) F. Neumann, Zur Laut- und Flexionslehre des Altfr., Heidelberg, 1878. 2 ) Gaston Raynaud, Etade sur le dialecte picarä dans le Ponthieu d'apres les chartes des XTIIe et XlVe siecles (1254—1333), Paris 1876. 14 III, 22 u. ö.; esforchier III, 29; comenche IV, 42 u. ö.; chointoier (cognitiare) VII, 2; radou- chist VII, 3; rechevoir VIII, 42; dechevoir X, 21; merchie, merchier XII, 32, 33; sachtes I, 6; II, 11; XIII, 29; perchier XV, 21; sacke XV, 28. Weniger häutig kommt statt ch die Schreibung c vor: francise III, 34; cel IX, 46; esäent X, 3; acoisons X, II; cew X, 32; doitc VI, 35; IX, 4; XIV, 4; fac (facio) XIV, II; XV, 8 ; hac (v. hatian) X, 30 und 32.') Zu bemerken ist noch, daß für ursprüngliches pj sich bei unserm Dichter immer die Schreibung ch, nie c findet: sachies I, 6; II, 11; XIII, 29; sacheXV, 28, gebunden mit glache, s. die Renne. 2 ) 3. a#e aus lat. -oticus, -atica, -aticum, später -agius, a, um, findet sich allerdings nur in dieser gemeinfranzösischen Form beim Kastellan, nicht auch in der burg.-lothringischen Schreibung aige. Dagegen finden wir bei Thibaud IV. v. Champagne dieses aige im Reime mit age (aje) gebunden: coraige — sauvage ; caige —■ cor aige XII, 1 und 2 ; outraige — saige ; folage — baise XL VI 3, 4 (vgl. faice — efface XL VI, 5), woraus hervorgeht, daß die Auffassung Neumanns (Zur Laut- u. Fl. S. 13 ff), dieser Lautverbindung auch auf pikardischem Gebiet den Lautwert akje beizulegen, nicht aber ege, wie W. Förster (Chev. as deus espees, Halle 1877, S. XXXIV) oder aje, wie 0. Knauer (Jahrb. f. roman. Philol. VIII, 38) meint, nicht allein die richtige ist, sondern noch dahin erweitert werden muß, daß der Geltungsbereich dieses Lautwertes auch das ostfranzösche Gebiet umfaßt. 4. an, en. Die Reime aus lat. a oder e + complet. Nasal (ans, ens, ant, etat) scheinen unserm Dichter nur für das Ohr, nicht aber auch für das Auge gleich gewesen zu sein. Wir finden in der letzten Strophe des zweiten Liedes allerdings seniblant gebunden mit torment, doch ist diese Strophe wahrscheinlich fehlerhaft; denn erstlich hat sie eine von den übrigen Strophen (abababab) abweichende Reimverschlingung (ababbaab), außerdem bemerkt Fath, daß sämtliche Handschriften hier einen andern Vers (Et je remir le vostre biau cors gent) einschieben. Es scheint somit, daß dies der richtige Vers ist, der dann allerdings' an der richtigen Stelle, nämlich als drittletzter Vers, eingeschoben werden muß, so daß die richtige Verschlingung abababab entsteht. Sonst bindet unser Dichter mit der größten Genauigkeit im Reime nur Endungen und Wörter mit einander, die gleiches Aussehen und meistens auch gleichen Ursprung haben, also nur ans mit ans (remembrans = rememorantem, semblans = similantem), ens mit ens (commens = cumin'tio und dolens == dolentum), ant mit ant (demant = demando und avant = abante), ent mit ent (gent und outreement), 3 ) eine Sorgfalt in der Reimbildung, wie sie auch bei dem berühmtesten der altfr. Liederdichter, König Theo- bald, nicht vorkommt. Bei diesem finden sich Reime wie tant — soulement — afaitement — ') Zu fac, hac, douc und ähnl. mit c ausl. Wörtern ist zu vergl. W. Förster, Aiol u. Mirabel, S. LI zu V. 509, wonach dieser dem Pikard. eigentümliche Auslaut guttural zu sprechen ist. — Raynaud, Etüde S. 111, erklärt dieses c entstanden durch Analogiewirkung' nach teneo = tenjo = tieng oder tienc. 2 ) Dazu sind die von E. Mall, Computus S. 92, u. von Koschwitz, Ueberl. u. Spr. S. 68 angeführten Beispiele zu vergleichen. 3 ) an u. en werden auch häufig im Rolandslied in den entsprechenden Tiraden geschieden, ebenso in Aiol u. Mirabel, und auch für die Chanson du voyage de Charlemagne hat Koschwitz, Rom. Stud. II, 46 ff., dasselbe nachgewiesen. — 15 — prent — joiant I, 1; devant — atent I, 2; sot>e«£ — gent — semblant II, 2 u. s. w. in großer Menge. Eeime wie serpßns — pesqnts XV, 4j plaisans — puissans — tantXXlI, 1 ; plaisant — cuisants — liaräement — je sant XXIII, 1 ; en — sens XLV, 5; oan — entens XLV, 5; sadianz — puants LVI, 5 sind nicht selten bei ilim; auch bindet er ance und ence : semblancc — deseorance — penitence III, 3; avance — penitence \ penitence — vaillance LIX, 4; France — presence Uli, 3; balance — comence LXI, 5. Die auf lat. -antia, -entia beruhende Endung ist bei unserm Dichter stets anche, en ist darin also schon völlig = an geworden. Da nach Lücking 1 ) die Entwickelung von ei zu ai vor Nasalen mit der von en zu an zu gleicher Zeit stattfindet, so können wir hier vorweg feststellen, wie sich dieser Vorgang bei unserm Dichter verhält: 5. aigne, ain-e entsteht aus lat. a, e, i + Nasal: complaigne (complaw/iat), com- paigne (compania), remaigne (remaneat); pr aigne (prendiat), estraigne (extranea), sqffraignc (suffringiat) ; desensaigne (dis-insignat), ataigne (attingiam); meliaigne (meliaigner verstümmeln, vernichten, vgl. Diez, "Worterb.); revaigne (revindicare genesen); empaint (impingit), fraini (frangit: soffraint (mffrinetum), estaint (stinänm) u. s. w. — paine (poena, pena), vaine, (vana), vilaine (villana), grevaine (gravana). Wir sehen aus diesen Reimen, daß sich die Verwandlung von ei zu ai schon vollzogen hat, da wir ohne Ausnahme gleichmäßig ai finden, avo sonst auch wohl ei oder e vorkommt, z.B. bei Theobald IV. von Champagne: daigne — pregne — montaigne — Alemaigne — soviegne — souffraigne XLI; iceine — soiweraine — saigne — Siraine — peine; Judeine — Heleine — vilaine — destraine LIX. 6. aire entsteht in den vorliegenden Reimen aus lat. a + Cons. durch Synärese oder Attraktion (Transposition, Epenthese, s. Neumann S. 24): faire (facere), debonaire (debon-aria aus ager = arum s. Diez Wörterb. 1 3 , S. 7), retraire retra(h)ere), desfaire, viaire (vicarium), desplaire (displacere), deputaire (deputaria), 'taire (tacere). Unter den 5. und 6. angeführten Reimwörtern verdienen diejenigen, welche ein mit sog. epenthetischem i gebildetes Vokalelement enthalten, nämlich debonaire, viaire, deputaire, compaigne, estraigne und die Konjunktivformen auf -aigne noch eine ganz besondere Beachtung. Diese auf ari + Voc. und ani + Voc, sowie auch noch andere auf ort, oni, uni, ali und ili, mit folgendem Vokal beruhenden Ausgänge zeigen nämlich, wie Neumann (Z. Laut u. Fl. S. 26) scharfsinnig nachgewiesen hat, eine viel jüngere Lautentwickelung als andere mit epenthetischem i gebildete Wörter z. B. facere = faire, tacere = taire, displacere = desplaire, jam magis = jamais, mansionem = masione = makvne = maison; Neumann bezeichnet sie deshalb treffend als Fremdwörter oder Lehnwörter, während er die älteren Erb Wörter nennt, und erklärt aus dieser Annahme von Lehnwörtern viele Unregelmäßigkeiten in der Lautlehre, so z. B., daß aus lat. -alis sich el und die Lehnform al ergiebt, also aus malum = mel und = mal, aus prelatus = prelez und prelaiz, aus regnum = rein, reing und = regne. Als Beweis für ') Lücking, die alt. fr. Mundarten, Berlin, 1877, S. 106 ff.; vgl. P. Meyer, Sur An et En toniques, Mim. de la Soc. hing, de Paris, I. S. 244—270. — 16 — die Kichtigkeit dieser seiner Auffassung dient Neumann das Vorkommen der Wörter mit obigen Endungen ohne epenthetisches i in älteren Denkmälern aus dem 11. und 12. Jahrh., z. B. im Alexiuslied (hg. v. W. Müller, Haupts Zeitschr. V, 299; K. Hofmann 1808; zuletzt von Gaston Paris), in der Chanson du voyage de Gh. ä Jims. (v. Koschwitz 187C), im Eolandslied (v. Theod. Müller 1863 und K. Hofmann 1868), im Oxforder Psalter (v. Fr. Michel 1860), in den Quatre livres des Rots (v. Le Roux de Linaj 1841), in Phil, de Tliaun (v. E. Mall), wo sich noch findet adversarius = advcrsaire, gloria = glorie, pattium = palie, cwmpaneum = cumpanie, testimonium = testimonie. Erst in der Mitte des 12. Jahrhunderts hat sich die Epenthese gänzlich vollzogen, und die Wörter lauten von da an adversairc, gloire, paille, compaigne, temoigne. Es haben diese Lautverbindungen nun gemäß dem von Sievers (in den Verhandlungen der Leipziger Philologenversammlung 1873 S. 191) aufgestellten Satz, „daß kein Vokal über einen oder mehrere Konsonanten hinweg, sondern immer nur durch dessen Vermittelung einen Einfluß auf einen andern Vokal ausüben kann", nach Neumann folgende Entwickelung durchgemacht : aria = arie = airie = aire; oria = orie = oirie = oire; ania = ante = ainie = aigne — agne u. s. w. Koschwitz dagegen (Ueberl. u. Spr. S. 27) meint, daß sich bei aire und oire die Sache nicht so verhalte, sondern das i direct aus arie, orie attrahiert sei, weil sich die Mittelformen airie, oirie nirgends nachweisen lassen. 1 ) Aus -arius, -aria, -arium hat sich nun noch eine andere Form entwickelt, die uns z. B. in premier, dernier u. a. Wörtern vorliegt, deren Entstellungszeit in die Anfänge des Französischen hinaufreicht und die folgende Stufen durchgemacht hat: arium = airum = aerum = erum = ier, also primarium = primairum = primaero (vulgärlat.) 2 ) = primero — premier. Mit Eecht weist Neumann auf die Ähnlichkeit des Vorganges dieser Entwickelung mit dem deutschen Umlautgesetz hin, indem auch hier zuerst der Vokal a in Mitleidenschaft gezogen wird; ferner auf die Wichtigkeit, aus diesem doppelten Entwickelungsgange von -arius das Alter vieler aus dem Deutschen herrührender Wörter auf -ier bestimmen zu können z. B. herdier = ahd. hertari Hirt; lodier = altn. loddari Possenreißer (nhd. Lotterbube, Diez, Wörterb. II 3 , 361); epervier Eaubvogel = ahd. spanvari Sperber, dies von goth. sparva Sperling, also Sperber eigtl. = Speiiingsfänger (Diez, Wörterb. P, 392) u. a. 7. ais entsteht aus ursprünglichem ai in fremden Wörtern oder aus a + Guttural durch Erweichung des Konsonanten: lais = kymr. Hais Stimme, Schall, Lärm; jamais = jam magis; mauvais (aus ahd. balväsi, roman. balvais, umgedeutet malvais Diez, Wort. I 3 , 260); lais = lacso; fais = factum; verais = veracum. 8. aie und oie sind in den Beimen mit einander gebunden, ai ist entstanden aus lat a + i parasit.: aie (habeam), trade (trahat = tragat), veraie (veraca), rapaie (rapaciat), manaie (auch manaide Schutz, von manu-adjutare), delai (von dilatare aufschieben) 3 ). ') S. die Widerlegung Neumanns, Zur Laut. u. Fl. S. 33. 2 ) S. Sehuchardt, Vocalism. d. Vulgarl. II, 529. 3 ) S. Diez, Wörterb. II 3 unter delai; W. Förster sagt (Aiol u. Mircdid S. 560): „nicht von dilatare!" — 17 — oi ist entstanden 1. aus lat. e + ein f. Kons., besonders im Imperf. und Kondition, aller Konjugationen: soloie (solebam), porroie, querroie; recroie (recredam). 2. aus lat. t: voie (viam), voie (vidcam), envoie (endcviat), soie (sitam), ejfroie (effrigidat), maistroie (magistricat), otroie (audoricat). 3. aus lat. au: joie (gaudia). Zu bemerken ist, daß für ai oder oi bei unserm Dichter auch i vorkommt: ronnissiez III, o(j.') Da also aie und oie im Reim mit einander gebunden werden, so müssen sie einen gleichen Lautwert gehabt haben und dieser muß ei gewesen sein. 9. Die wenigen auf e beruhenden Eeime in dem IX. Liede sind weibliche. Das offene e ist entstanden aus betont, lat. e + mehr f. Konsonanz: violete (violett a), amorete (amoretta), nuete (nudetta), douchete (dulcetta), boucete (buccetta), promefe (promettat), dete (deb(i)ta), entremete (intermettat), desirete (dis-haereditat). 10. Der e-Laut der Eeime, denen das geschlossene e zu Grunde liegt, entsteht aus lat. a vor einfacher Konsonanz, ausgenommen Gutturale und Nasale, besonders in der Participialendung -atum, oder in der Substantivendung -atem, oder in der Infinitivendung -eure, oder in Substantiven auf -are (mare = mer), oder in Adjektiven auf -arum (amarum = amer; darum = der). Die Schreibung ei für dieses e, eine Eigentümlichkeit der burgundischen Mundart (Diez, Gr. I 3 , 125), findet sich in den Liedern des Kastellans ebensowenig wie aige statt age, auch nicht in den Liedern Theobalds IV. v. Champagne, wohl aber statt dessen die Schreibung ie. Da nun dieses ei = e von Neumann (Zur L. u. Fl. S. 16 ff.) auch für den größten Teil der Pikardie, nämlich für Flandern, Hennegau, Vermandois u. s. w. zahlreich nachgewiesen ist mit Ausnahme des an die Normandie grenzenden westlichen Teils, so könnte man zu der Meinung gelangen, daß der Dialekt unseres Dichters in den westlichen Theil der Pikardie gehöre und nicht in den süd-östlichen (S. weiter unten S. 20). Übrigens zeigt sich auch in den e-Reimen die Sorgfältigkeit des Kastellans, indem er stets nur e mit e, er mit er bindet, während sonst Bindungen wie e — ez, c — es e — er, e — ai bei andern Dichtern nicht selten sind z. B. bei Theobald von Ch.: navre — coloure — reverrez — greve — ses — cheante II ; volonte — penser XXI ; ble — regardai XXXIX ; beaute — nitetez — forsener — doner, verite — esleve ■ — her — monter XLV; aurai — desire XL VII ; bonte — ralumes LXIII. 10. ie. — Die Reime mit dem Diphthong ie beruhen 1. auf lat. a + einfacher Kons, unter dem Einfluß eines vorhergehenden c oder i (vgl. Lücking, Mundart. S. 67 u. 75), woraus sonst, ohne den Einfluß einer Guttur. oder eines i, ein e-Laut entstanden wäre: alegier (aleviare) enuier (inodiare), essaier (exagiare), irier (iriare), rehaitier (goth. haitjan). 2. auf lat. ae + einfacher Kons.: quier (quaerv). l ) S. Neumann, S. 53. 18 — 1. 2. 3. auf lat. a oder e, mit dem sich ein epenthetisches i aus der folgenden Silbe verbindet: dangier (damnarium), mestier (Ministerium), priier (precare). ') 11. Der Vokal i in den männlichen Keimen i, ir, is kommt aus lat. % + einf. oder mehrf. Konsonanz: vi (vidi), li (illaeic), ensi (in sie) u. a., besonders in den Part, und Infinitiven der Verben auf -ir; oder aus lat. e oder e + einf. Kons.: merclii (merced&m), pri (preco); joir (gaudere), merir (merere), tenir (teilen) und so häufig in den Infinitiven von lat. -ere. Das i der weiblichen Reime -ie, -ise entstammt lat. i + einf. Kons, oder ohne Kons.: amie (amica), vie (vita), miß (mica), ochie (oeeidat, aueidat), fie (fidat), guie (goth. vitan), crie (eritat); besonders in den Hauptwörtern auf -ia: eompaignie (cumpania), cortoisie (cortensia), vilenie (vilania), baillie (bajlia), folie (folia). lat. i + mehrf. Konsonanz: envie (invidjam), in den Part, prise, requise, apprise, conquise; in atise (attitiat, von titio Funke, Diez Wörterb. I 1 unter tizzo), hise (von bysseus braun oder besser vom mit. b'aeius, verkürzt aus bombacius dunkel s. Diez, Wörterb. P unter bigio); in den Hauptwörtern auf -itium, -itia: jostise (justitia), faintise (fictitia Verstellung). 3. lat. e + einf. Kons.: prie (preco). Zu bemerken ist, daß die Keimwörter jostise, faintise eine unregelmäßige Bildung in der Endung -ise zeigen, teilweise neben der regelmäßigen -ice, denn aus ce, ei, te, ti nach der Tonsilbe mit folgendem stummen e im Auslaut sollte tonloses c und nicht tönendes s entstehen. Diese Unregelmäßigkeit findet sich noch in den Wörtern serviee, juise (Judicium, sacrifisc, comandise (mit. comanditia), covoitise (mit. cupiditüia); und daß das s wirklich ein tönendes ist, beweisen zahlreiche Reime (s. Neumann S. 90 und Koschwitz S. 72), deren Zahl durch die beim Kastellan v. C. und durch folgende bei Theobald v. Champagne vorkommende noch vermehrt werden können: prise — devise — assise, jostise — comandise — juise III. — covoitise — desprise — servise, entreprise X. — conquise — prise, devise — serviseXXI. — desbrise — desguise — mise,J'ra,nchise — mise — devise XXXVIII. — justise — comandise, asise — atise, feintise, jjräeLIII. Für diese abweichende Bildung des s statt c fehlt es, soviel wir wissen, an einer lautphysiologischen Erklärung. 12. Der offene o-Laut (o)'') beruht in den wenigen Reimen, worin er vorkommt, auf lat. o in Position: mort (mortuus), confort (confortum), deport (deporto), tort (tortum), port (porto). 13. Geschlossenes ö aus lat. 5 + einf. Kons, oder aus ü in Position kommt bei unserm Dichter im Reim in zweierlei Gestalt vor: o und ou, und zwar ou nur an einer einzigen Stelle, nämlich in dem I. Liede in dem Reim creator — retour — demor — Tnonor. Dies ist in doppelter Beziehung auffallend. ') Über die Aussprache von ie ist zu vergl. Neumann S. 54 ff., welcher nachzuweisen versucht, daß dieser Piphtong ursprünglich ein fallender gewesen und sich dann zu einem steigenden entwickelt habe, im Widerstreit mit Diez, Gr. I 3 , 441. 2) Vgl. Lücking, Mundarten S. 159—169. — 19 — Erstlich stimmt ein Eeim wie creator — retour nicht zu der sonstigen Sorgfalt des Kastellans; denn da genau reimende Dichter nie or und our unmittelbar binden, also o = ou nur für das Ohr, nicht aber auch für das Auge Gültigkeit hat, wie denn auch Theobald v. Cli. zwar amors — dolors; dolor — jor, plour — dolour u. a. m. in Menge bindet, nie aber die Schreibung ou mit o, so würden wir unserm Dichter einer Ungenauigkeit zeihen, die er sich sonst nicht zu Schulden kommen läßt. Wir thun daher wohl besser, statt retour zu lesen retor. Da zweitens dieses 6 in der pikardischen Mundart (Neumann S. 47) und auch weiter nach Osten hin, z. B. bei Theobald v. Gh., die verschiedensten Darstellungen findet (o, ou, u und eu), der Kastellan aber ein Süd-Pikardo gewesen sein soll, so muß es befremdlich erscheinen, daß es sich bei ihm so weitaus vorwiegend in der Form o dargestellt findet. In wenigen Fällen kommt ou vor, und zwar 1. wo es die Auflösung der Silbe -ul darstellt, in dous I, 22; II, 14 u. ö.; douc IX, 4; douche VII, 1 u. ö.; douclide IX, 9; doucor XI, 12; XIV, 5; douchement IX, 36; XIV, 21; radouchist VII, 3 ; moidt I, 24 u. ö. (molt nur IV, %) ; escouter (ausadture) XIII, 33. 2. in einigen Wörtern aus lat. u + mehrf. Kons.: dout VII, 23; redout VII, 15; souffrans X, 38; boucete IX, 11. 3. in einigen Wörtern aus lat. ö +Kons.: tous I, 25; toute DI, 32; tout III, 38; — pou (peu, paucum, pocum) X, 41; — amours III, 28; IV, 34; VII, 24; — enviousement XI, 47; ioious X, 6. Es ist ferner bemerkenswert, daß sich in den Liedern des Kastellans nie in den Worten aus -orem die Endung eur 1 ) findet; die Eigenschaftswörter aus lat. -osus zeigen eus und ous: preus II, 9; perilleuse IV, 17; crueus VI, 20; XIII, 11; greveuse XV, 8. — ioious X, 0; enviousement XI, 47. 14. Die Reime der Wörter, deren o von lat. o + Nasal herrührt, zeigen wiederum die große Sorgfalt unsers Dichters in der Bindung, denn nur on mit on, ons mit ons wird gebunden, während Reime, wie Theob. v. Ch. sie zahlreich bietet: non — dont III ; nom — Mahom — acliaison IX ; choison — respons LI; sermons — semont, noms — cancons — guerredon LH; jaisons — raison, ton — amendons u. dgl. gänzlich gemieden werden. 15. Der Diphthong oi beruht in den meisten Reimwörtern auf lat. e + einf. oder mehrf. Konsonanz, besonders in den Infinitiven auf ere. Vgl. aie. 16. u in den weiblichen Reimen im IV. und XV. Liede beruht auf lat. u + einf. oder mehrf. Konsonanz: eure (auguria), deseure (desupra), aventure, eure, oscure, faiture, droiture, dure, mesure. auf lat. o: demeure (demora), oneure (honorem). Zu bemerken ist, daß in den Wörtern demeure, eure, oneure, deseure, wie sich aus den correspondierendenReimen aventure, eure u. s. w. ergiebt, eu als steigender Diphthong zu sprechen ist. In Bezug auf die Sprache und Person des Dichters ist im allgemeinen auf die Untersuchung von F. Fath zu verweisen. Folgendes möge als Ergänzung des dort Gesagten dienen. 1. 2. ') Neumann, S. 45. — 20 — Wie wir gesehen haben, gestattet sich der Kastellan von Concy des Versmaßes oder des Keimes wegen durchaus keine sprachliche Freiheiten, er ist also zu den ganz genau und rein reimenden altfranzösischen Dichtern zu rechnen. Man sollte demnach erwarten, daß sich die Mundart, in welcher der Dichter seine Lieder gedichtet hat, mit Leichtigkeit feststellen ließe. Das ist aber nicht der Fall, da uns bekanntlich die Werke der alten Dichter nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt vorliegen, sondern in den Formen, welche sie im Laufe der Zeit von den verschiedensten Abschreibern erhalten haben. Nun war gerade der Kastellan von Coucy einer der beliebtesten Liederdichter, wie wir schon im Anfang unserer Untersuchung erwähnt haben, und seine Lieder sind uns in zahlreichen Handschriften, deren Urheber den verschiedensten Gegenden des nördlichen Frankreichs angehörten, tiberliefert worden; man kann daher aus seinen Liedern die Mundart des Dichters mit Sicherheit nicht bestimmen. Man wird in unserm Falle allerdings von vornherein sagen können, daß der Kastellan von Coucy, da die Herrschaft Coucy in der Fikardie lag 1 ), pikardisch gesprochen habe, und wir finden denn auch in seinen Liedern einzelne, der pikardischen Mundart besonders eigentümliche Züge, nämlich 1. lat. ce, ci u. ti + Vok., also fr. g oder ss, durch ch auszudrücken, fr. ch aber durch c (S. 12 ff.). 2. -iu für -im: dius I, 9; 17; 25 und so immer; pär diu I, 11; 45 u. ö.; por diu III, 43; VIII, 17; per diu IV, 15; damedius Herrgott VIII, 26; einmal auch par dicu IX, 25. lat. -ell(u)s = iaus: Maus I, 9; 17; XL 23; XIII, 29; oisiaus VIII, 4; noviaus IX, 1. Zurückziehung des Tones in weiblichen Formen wie lie — laeta, sonst fr. liee VI, 5. Die Adverb-Endung -aument: coraument = couramment (aus courantment)''). Das Bestreben, einen labialen Nasal vor einem andern zu dissimilieren: retraian ment X, 48. es für ez in der 2. PL: feres II, 37; connissies III, 37; aves IV, 18, 20 u. ö.; ares IV, 22; VI, 39; sachies II, 11; 16; XIII, 29; degnies VI, 39; deignies XIII, 33; averiesXl, 18; ochiiesXl, 20; midies XI, 31; secores XI, 42; porres XII, 36; penses XIII, 35; voles XIII, 38; esproves XIV, 26; laissies XV, 30; ochires X, 32. 8. -ier für -er: Siehe die Reime. Dagegen vermissen wir wieder andere charakteristische Eigentümlichkeiten der pikardischen Mundart, so die Gleichstellung von ols und als; Erhaltung eines auslautenden t in den Endungen et, iet, it, oit, ut; deutsches w durch w und nicht durch gu auszudrücken (guerpi VI, 38; gueredons X, 13; gueredoner XIII, 35); mi für fr. moi. Ferner haben wir gesehen (S. 17), daß die für. das ganze pikardische Gebiet mit Ausnahme des Westens festgestellte Schreibung ei neben ie für fr. er oder e aus lat. a (Neumann S. 16 ff.) sich bei unserm Dichter nicht findet; wir haben Seite 19 als auffallend 1 ) Die ausgedehnte Herrschaft der Herren v. Coucy (Sires de Couci) lag zwischen der Grafschaft Vermandois, dem Bistum Noyon, der Grafschaft Valois und der Grafschaft und dem Bistum Laon. Ein •altes Schloß erinnert heutigen Tages noch an die Herrlichkeit derer von Coucy. 2 ) W. Förster, Cheu. as II espees S. XLVIH erklärt diese Endung auf ähnliche Weise entstanden wie etwa aumailk (animalia) aus almaille; Baynoud dag. (Etüde, S. 69), dem sich F. Neumann anschließt, sieht die Endung als eine nach den zahlreichen Adv. auf -aument entstandene Analogiebildung an. — 21 — hervorgehoben, daß sich lat. ö + einf. Kons, und ü in Position in den meisten Fällen durch o, selten durch ou dargestellt findet. Alle diese Dinge jedoch, von denen einige zufällig sein können, andere auf Rechnung der Abschreiber gesetzt werden müssen, sind nicht darnach angethan, die pikardische Mundart des Kastellans von Coucy anzuzweifeln. Die Frage nach dem Verfasser unserer Lieder ist insofern schwer zu beantworten, als die Handschriften, mit Ausnahme einer einzigen, schlechtweg immer nur „li chastelains de Coucy" als den Urheber nennen und es der Kastellane von Coucy eine ganze Reihe giebt. Zuletzt hat sich mit dieser Frage G. Paris beschäftigt in einem Aufsatz Bomania VIII, 343. Der Zeit nach können hier zwei Kastellane als Verfasser in Betracht kommen: Gui, chastelain de Coucy 1186—1201 und Renaut I. de Magny, cliast. de Coucy 1204—1218. G. Paris entscheidet sich für den letzteren, und zwar aus zwei Gründen: Erstens, weil eine Handscbrift am Rande diesen Namen aufweist; zweitens, weil der Dichter des bekannten Romans vom „Kastellan von Coucy und der Dame von Fayel", Jakemon Sakesep, seinen Helden ,.Regnaus u nennt. Fath 1 ), welcher den Gui für den Verfasser hält, sucht diese Gründe zu entkräften. Er meint erstlich, die Verfasserangabe am Rande der sehr verstümmelten Handschrift 1 ') sei ohne Wert, denn sie sei nicht mit roter Tinte geschrieben, wie die Sitte des 13. und 14. Jahrhunderts es mit sich bringe, sondern mit schwarzer und noch dazu blasserer Tinte als der Text zeige; die Randbemerkung sei also aus viel späterer Zeit und wahrscheinlich unter dem Einfluß des Romans von Jakemon Sakesep hinzugefügt. Ferner bemerkt Fath, es sei auffallend, daß der Name „Regnaid" in dem ganzen 8244 Verse langen Roman nur vier mal erwähnt sei; dies könne nur dadurch erklärt werden, daß der Dichter seinen Helden gar nicht mit Vornamen gekannt hätte und, um ihm doch einen Namen zu geben, gerade „Regnaut" gewählt hätte, weil er als Landsmann der Kastellane von Coucy (Sakesep stammte aus Vermandois) deren mehrere mit Namen Regnaut gekannt habe. Endlich meint Fath, dieser Regnaut eigne sich als „vielleicht" glücklicher Gatte und „vielleicht mehrfacher" Familienvater, der „vielleicht" ruhig im Schöße seiner Familie starb, viel weniger für die traurige Geschichte vom gegessenen Herzen als jener andere Kastellan Gui, der im vierten Kreuzzuge, kinderlos, auf dem Meere gestorben sei. Fath führt dann noch einiges für seine Ansicht an, was aber ebensowenig darnach angethan ist, die Behauptung des verdienten Gelehrten G. Paris zu widerlegen. Ohne uns weiter auf die Prüfung der Stichhaltigkeit der von Fath angeführten Gründe gegen die Annahme des Regnaut als Verfasser unserer Lieder einzulassen, wollen wir zum Schluß noch zwei sprachliche Eigentümlichkeiten unserer Lieder hervorheben, die für die Bestimmung der Zeit und des Verfassers in Betracht kommen können. 1. Wir haben es (S. 19) als auffallend bezeichnet, daß lat. 5 + einf. Kons, oder lat. u in Position meistens in der Schreibung o in unsern Liedern vorkommt, nie eur = lat. orem, •) s. i; ff. 2 ) Ms. 274 des Fonds Egerton im British Museum. — 22 — selten eus aus -osus. Da der Entwickelungsgang des lat. Vokalelements 6: ou: eu ist 1 ), so könnte man, wenn man nicht alles auf Rechnung der Abschreiber setzen will, sagen, daß die Lieder aus einer Zeit stammen, wo noch die Schreibung 6 die vorherrschende war. Nun stammen die von Neumann (Zur Laut- und Flexionslehre) untersuchten pikardischen Urkunden aus den Jahren 1218—1250. In diesen Urkunden finden sich alle vier Schreibungen o, ou, u, eu, doch für lat. -orem und sonst vor r im Auslaut vorwiegend schon eitr. Also müssen unsere Lieder aus einer etwas älteren Zeit stammen als diese Urkunden, also etwa aus dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. 2. Statt fr. ieu kommt in unsern Liedern, mit einer einzigen Ausnahme, iu vor, wie wir oben gesehen haben (S. 20). Nun ist dieses iu, wie sich ebenfalls aus den von Neumann untersuchten Urkunden ergiebt, eine ältere pikardische Schreibung, welche in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts von älteren Leuten noch gesprochen wurde und etwa um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts dem neueren ieu Platz machte (Neumann S. 42). Wir müssen daher auch für diesen Fall die Entstehung unserer Lieder in den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts setzen. Dieses Ergebnis würde der Annahme nicht widersprechen, daß Renaut I. von Magny, Kastellan von Coucy 1201-—1218, der Verfasser unserer Lieder sei. Lücking, Mundarten S. 155 ff. 22 ' selten eus aus -osus. Da der Entwickelungsgang könnte man, wenn ma'j g-" 1 " 4, " 11 ™ " " f " PnnM Lieder aus einer Zeit" stammen die von Nein aus den Jahren 1218 u, eu, doch für lat. • unsere Lieder aus ein< Anfang des dreize 2. 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