Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht des Luisenstädtischen Gymnasiums in Berlin. Ostern 1908. Wie sind die Figuren im Ostgiebel des Zeustempels zu Olympia anzuordnen? Von Hermann Quaatz, Oberlehrer. 3) Auch Heren Kühnert, Inspektor der Skulpturensammlung, der mir das Arbeiten dort auf alle Weise erleichtert und später Messungen für mich vorgenommen hat, bin ich zu grofsem Danke verpflichtet. 2 ) Ich gebe die Bezeichnungen nach Olympia, Ergebnisse Textband III (Treu S. 44ff.). — 4 gehörige Gruppe EST ist im grofsen und ganzen zusammen verblieben. Schon mehr auseinander liegen die Teile von Q und P; aber diese Figuren sind, da durch Erdbeben die einzelnen Teile von Gebäuden usw. erfahrungsgemäfs verschieden stark bewegt werden, eben kräftiger und damit weiter hinabgeschleudert worden. Daher sind die einzelnen Teile weiter auseinander gekommen, und naturgemäfs konnte dann die Auseinander- schleppung bei ihnen eher eintreten als bei zusammenliegenden Bruchstücken. Sind doch zweifellos die Trümmer im allgemeinen möglichst nahe ihrer Fallstelle verbaut, und hat man sie nicht, etwa zu gymnastischen Zwecken, Dutzende von Metern fortgeschleppt. Meines Erachtens ist die teilweise wunderbare Zerstreuung der Bruchstücke im wesentlichen dem verschieden starken Herunterschleudern der Figuren durch das Erdbeben zur Last zu legen. Trotzdem sahen wir also auch auf der Westseite, wie Zusammengehöriges allein durch die Falllage zu erkennen ist. Und da behauptet Treu, weil ein Teil von C etwas in der Nähe von EST gefunden ist, C wäre ebenso eingeschleppt in R S T wie E in N P! Man sehe sich nur die Fundkarte an, um den bedeutenden Unterschied zu bemerken. Ähnlich ergeht es allen anderen Versuchen, ein ähnliches Vorkommnis unter den übrigen Fundsachen herauszufinden. Es ist und bleibt so: ein Teil von P, und zwar der schwerste, der Rumpf, ist von allen Trümmern (aufser NE) am nächsten der Ostseite des Tempels, und zwar im Nordosten gefunden, P selbst gehört in den Teil des Giebelfeldes, der vormals sich gerade oberhalb der Fundstelle befand. Drei Teile von N sind ebendort gefunden und gehören an dieselbe Stelle des Giebelfeldes. Das ist für mich ebenso feststehend wie für die Gegner der Fundtatsachen. Eng dazwischen finden sich zwei Teile von E vor, und die sollen sorgfältig anders woher eingeschleppt sein! Da kann ich nicht mit! Und noch dazu liegt P am nördlichsten, dann folgen die beiden Teile von E eng zusammen, und zum Schlufs die drei Teile von N zusammen. Wie ich schon sagte, glaube ich, dafs im wesentlichen das Erdbeben die Figuren durcheinander gebracht hat, die Verschleppung hauptsächlich, wie es ja natürlich ist, sich auf die leichten Bruchstücke und die, welche am Rande des Trümmerfeldes lagen, erstreckt hat. Aber ich will Treu einmal zugeben, dafs nur die Verschleppung die wunderlichen Lokationen veranlafst hat. Dennoch ist nichts annähernd mit dem Verhältnis von N E P zu vergleichen, und wenn wir wirklich gezwungen wären, E von N und P zu trennen, würde dieses Verhältnis immer ein ungelöstes Rätsel der Archäologie bleiben. Doch ist die Verwunderung Treus (a. a. 0. S. 222) gerechtfertigt, dafs das nördliche Viergespann, Teile von B und 0 nach Norden verschleppt wurden, obwohl die ersteren ziemlich die schwersten Blöcke des ganzen Giebelfeldes sind? Für mich ist klar, dafs diese Teile beim Sturz in die Nähe ihres Fundortes geschleudert wurden; ist doch bekannt und auch bei unserer Frage schon berührt worden, welche Gewalt ein Erdbeben hat, und welche wunderbare Gruppierungen dieses Naturereignis im Trümmerfelde von Gebäuden hervorruft. Wie viel eher ist diesem als dem berechnenden Menschen dieses wunderliche Durcheinander der Figuren zuzuschreiben, und wie unbefriedigend ist die Erklärung Treus, sie hätten in diesem Trümmerfeld, wo nicht einmal alle Säulentrommeln verbaut wurden, nicht genug Material gehabt! Sicherlich hätten sich die byzantinischen Erbauer der Hütten schwerlich daran gestofsen, sie als Baumaterial zu benutzen, sondern wären mit ihnen ebenso wie mit den Statuen fertig geworden, wenn sie an den Orten, an denen die Trommeln lagen, Material benötigt hätten. Nun liegen die Säulentrommeln ebenso wie N E P, wie ich früher erwähnte, weitaus am nächsten von allen Bruchstücken dem Tempel. Also entweder war hier kein Material nötig, oder N E P sind sehr sorgfältig in situ verbaut worden, wobei allerdings sehr merkwürdig wäre, wie schön ihre richtige Reihenfolge eingehalten ist. Wenn man wie Treu der Verschleppung das meiste zuschreibt, so mufs man dem byzantinischen Hüttenbauer doch zutrauen, dafs sie Teile so enorm weit schleppten wie z. B. beim Oenomaus, Sterope, Greis usw. Viel eher ist es zu verstehen, wenn das Erdbeben einzelne Figurenteile an die Peripherie des Trümmerfeldes geschleudert hätte; von dort sind sie dann verschleppt worden. Doch sind nur kleine Bruchstücke des Ostgiebels, wie Arme, Köpfe usw. fortbewegt worden; das umfangreichste Stück ist der rechte Oberschenkel des Pelops. Und wenn jemand behaupten wollte, die Tatsache, dafs die Teile einer und derselben Figur weit voneinander gefunden wurden, speziell die einen Teile von N und P in situ, die anderen viele Meter weit davon, ich sage, wenn jemand behaupten wollte, diese Tatsache sei nur durch Verschleppung zu verstehen, so müfste er erklären, wieso man die einen Teile hier belassen, die anderen nach der Echohalle fortgeschleppt hat, obwohl viel näher der Echohalle andere reichlichere Trümmer lagen. Man sieht, wie bei der Verschleppungstheorie von Treu ein Rätsel nach dem anderen aufgegeben wird; dagegen kann man verstehen, wie beim Sturz von Figuren aus grofser Höhe einzelne Teile abgesprengt wurden und weiter flogen, andere geraden Weges hinunterstürzten und im Erdreich liegen blieben. Die Absprengung kann dadurch erfolgt sein, dafs die Figuren aneinander oder auf den Erdboden aufschlugen. Jeder kann sich schon bei Versuchen in kleinem Mafsstabe davon überzeugen. Wie kräftig übrigens der Stofs des Erdbebens gewesen ist, kann man daraus entnehmen, dafs N E P, welche am nächsten dem Tempel liegen, ziemlich weit von den demnächst liegenden Trümmern entfernt sind, also die Masse und zwar schwerer Bruchstücke sehr weit geschleudert wurde. Meines Erachtens erledigen sich mit dieser Auseinandersetzung, die notwendig bei dem umstrittensten Punkt länger werden mufste, die Ausführungen Treus Arch. 1882 S. 222 ff. Ich möchte nur noch bezüglich des Erdbebens auf das Olympiawerk Band I (S. 96 ff.) verweisen und dann gegen Treu für meine Auffassung die Ausführungen a. a. 0. (S. 118) anführen. Man ersieht aus ihnen, dafs gerade dicht an der Ostseite (vornehmlich in ihrem nördlichen Teile) liegen gebliebene Trümmer unbewegt erhalten sind. Erstlich nämlich heilst es dort: „Die Südostsäule des Tempels, die zutage trat mit ihrem auf der Schmalseite des Abakus ruhenden Kapitell und ihren noch ganz regelmäfsig gelagerten Säulentrommeln zeigte, dafs hier wenigstens noch der Zustand bewahrt war, wie er beim Zusammenbruch der Säule durch das Erdbeben entstanden war". Und nun hören wir die Stelle aus Hirschfelds Brief an Curtius vom 9. März 1876, die Weil im Band I S. 119 mitteilt: Dafs Sachen in situ waren, ist doch wohl aus meinem Bericht über den Fund des Kladeos (= Greis), Myrtilos (== Knabe) und den einen Rosselenker (nördlicher Flufsgott 1 ) ersichtlich? Vor allem möchte ich auf die Worte von Treu selbst (a.a.O. 111,95) hinweisen: „Die Säulentrommeln und Kapitelle des Zeustempels >) Besser Jüngling. blieben als schlecht verwendbare Bruchstücke meist liegen, wie sie gestürzt". Jetzt betrachte man die Photographie 161 im Textband III des Olympiawerks, und man erkennt, wie unsere Figuren N E P von Säulentromraeln eingeschlossen sind. Die Motivierung Treus, dafs die Trommeln so viel schlechteres Baumaterial als die Figuren gewesen seien, ist, wie wir schon sahen, willkürlich; vielmehr erkennen wir immer mehr, dafs nur der Ort der Grund war, dafs Säulentrommeln und N E P nicht verschleppt wurden. Aber wir wollen einmal im Folgenden von den Fundtatsachen, dieser zwingenden Waffe, keinerlei Gebrauch machen und ruhig prüfen, ob die Anordnung von Treu denn wirklich so grofse Vorzüge gegenüber der meinigen darbietet. Ich wende mich hauptsächlich gegen Treu, teilweise auch gegen Furtwängler, weil meiner Überzeugung nach sie am meisten einer Kritik widerstehen. Einesteils treffen fast alle meine Einwendungen auch die übrigen Anordner, andererseits hat uns Treu in zahlreichen Abhandlungen die Hinfälligkeit der anderen Aufstellungen gelehrt. Furtwängler aber steht in der Mitte zwischen Treu und Curtius und verlangt darum besondere Berücksichtigung; eine Reihe von Einwendungen Furtwänglers gegen Treu scheinen mir das Richtige zu treffen. Vergegenwärtigen wir uns kurz noch einmal beide Aufstellungen. Treu beginnt von Norden an gerechnet mit dem sog. Kladeos (P), es folgt das Mädchen (0), dann der sich lagernde Greis (N); vor dem nördlichen Gespann kauert der zweite Greis oder der alte Mann (L), vor dem südlichen, als sein Pendant, der hockende Knabe (E). Hinter dem südlichen Wagen kniet der Mann (C), hinter ihm der Jüngling (B); den Abschlufs bildet der ruhende Jüngling (A), der sogenannte Alpheios. Ich stelle in Übereinstimmung mit Curtius den Knaben E zwischen N und P, setze G vor das nördliche, B vor das südliche Gespann, L und 0 hinter dasselbe. Welche Erwägungen nun veranlafsten Treu zu seiner Anordnung? Beginnen wir mit der nördlichen Seite. N und P bleiben bei Treu an ihrem Platz, nur E wird herausgeworfen und das Mädchen 0 hereingenommen, weil E nicht nach der Mitte blickt. Ursprünglich wollte ich ihn so drehen, dafs der Körper geradeaus, der Kopf nach links gerichtet ist. Unzweifelhaft würde dies besser im Hinblick auf die technische Ausführung der Figur sein; denn der untere Teil des Rückens und das Gesäfs sind stark abgemeifselt. Wenn aber E mit dem Rücken nach der Giebelwand gerichtet ist, würde dieser einigermafsen gedeckt sein. Doch Treu führt in dem Aufsatz: „Technische Herstellung . . der Giebelfiguren . .-" im X. Bande des Jahrbuches S. 1 ff. aus, dafs die'Abmeifselung des Gesäfses bei unserem Knaben E, wie öfter bei unseren Giebelfiguren, auf die Unzulänglichkeit des Marmorblockes zurückzuführen sei, aus dem die Figur gearbeitet ist. Dann aber kann die Abarbeitung des Gesäfses nicht für die Anordnung ver- wendetjwerden; denn auch, wenn der Künstler einsah, dafs die rechte Seite von E mit dem teilweise sichtbaren Rücken die beste Ansicht von E geben müfste, konnte er aus Mangel an Material diese rechte Seite nicht besser ausarbeiten. Zudem sind alle Figuren unten gearbeitet, und bei der Anordnung oben ergaben sich vielfach nötige Verbesserungen; hundertfältig finden wir nachträgliche Korrekturen, die ohne diese Annahme unerklärbar wären. An|[sich schon ist es das Natürliche, dafs die Marmorblöcke unten gearbeitet sind,'aber ; es finden sich auch Brüche, die beim Aufwinden der Figuren entstanden und nachträglich beseitigt sind. Für mich gehört hierher auch die vollständige Ausarbeitung von den Vorderseiten der Reliefpferde- Der Künstler wufste noch nicht genau, wie weit 7 — er das Vorderpferd vor oder hinter die Eeliefpferde zurückschieben sollte, bis die Raumverhältnisse ihn zu der vorliegenden Anordnung veranlafsten. Ich bemerke übrigens, dafs die Behandlung der Mittelfiguren und Gespanne durch Treu, vor allem im Jahrbuch 1889 (S. 304 ff.) und 1891 (S. 63 und 98) für mich diese Frage erledigt hat; ich folge darin durchaus Treu. Also wir erkennen an, dafs die linke Seite von E künstlerisch vor der rechten den Vorzug hat, sehen aber, dafs die schlechtere Ausarbeitung der rechten durch die mangelnde Beschaffenheit des Materials hervorgerufen wurde. Wir können also ruhig E halbschräg nach aufsen hin drehen. Warum fordert denn überhaupt Treu, dafs E nach innen blicken soll? Er stellt für die Anordnung folgende Prinzipien auf (Jahrbuch 1889 S. 302): 1. strengste formale Symmetrie, 2. die Figuren müfsten dem vor der Mitte des Giebels stehenden Beschauer die besten Ansichten darbieten, vgl. Arch. Z. 40 (S. 246), 3. die Grundrisse müssen ihrer Umgebung angepafst sein, 4. es mufs die Abflachung der Rückseiten beachtet werden, 5. ebenso wie der allmähliche Abfall der Kopfhöhen nach den Giebelecken zu, 6. genaue Entsprechung im Verhältnis zur Komposition des Westgiebels. Abgesehen von dem letzten merkwürdigen Punkte kann ich diese Grundsätze im wesentlichen anerkennen; Ausnahmen müssen wie bei E z. B. zwingend begründet werden. Aber ich sage im wesentlichen, denn Grundsatz 2, den mir Treu wieder und wieder vorhielt, erleidet Ausnahmen. Sehen wir uns die Aufstellung von Treu an. Oenomaus, Hippo- dameia, Myrtilos (mit der auffallenden Geberde, bei Treu L) wenden sich alle ganz energisch nach links und drehen damit nicht ihre beste Seite, ihr Gesicht, dem Beschauer zu. Merkwürdig, wenn man mit mir B C L ihre Plätze tauschen läfst, wieder dreht C, der jetzt an die Stelle von L tritt, sein Gesicht dem Beschauer ab nach rechts zu. Wir sehen an Oenomaus und Hippodameia, es ist kein Zufall, durch die Schuld moderner Anordner entstanden, nein, der Künstler hat tatsächlich die drei Hauptfiguren der rechten Seite nach der Giebelecke blicken lassen. Also der arme Knabe E darf nach der Giebelecke blicken; überdies ist der Rücken kaum für den Beschauer sichtbar, denn einmal liegt er bei einer Tiefe der Figur von 60 cm weit zurück, zum anderen verdeckt sogar der Arm von N mit dem Stab teilweise auch die rechte Seite. Klar ist, dafs die Eigur unschön ist, und je versteckter sie steht, desto besser ist es; bei meiner Aufstellung ist sie bei weitem am unauffälligsten. Die Dreiecksform des Grundrisses von E kann durch seine Stellung zwischen N und P veranlafst sein; nach vorn mufste er schmaler werden, da der linke Arm von N mit Stab und der rechte Unterarm von P nur geringen Raum übrig lassen. Oder aber man nimmt mit dem neuesten Interpreten Pfuhl (Jahrbuch XXI, S. 159) marmortechnische Gründe für die Unterschneidung von Gesäfs und Rücken der beiden Figuren E und L an; dann kann man sie nicht als Argument für oder gegen eine bestimmte Anordnung verwenden. Was dann Pfuhl (a. a. 0. S. 152) gegen Treu und Furtwängler ausführt, ist zum gröfsten Teil nicht beweiskräftig; ich hatte deshalb keinen Grund, meine Ausführungen, die vor dem Erscheinen von Pfuhls Aufsatz niedergeschrieben sind, wesentlich zu ändern. Nur auf einige Einzelheiten werde ich eingehen. Furtwängler hat ebenso wie ich E und 0 — 8 einander gegenübergestellt. Pfuhl will dies mit folgender Begründung widerlegen (a. a. 0. 157): . . . „sie (d. Mädchen) ist zu deutlich als zuwartende Dienerin charakterisiert, als dafs man sie für gleichwertig mit dem sitzenden Knaben E halten köunte". Erstlich findet sich also auch bei diesem neuesten Anordner der berühmte circulus vitiosus, auf die Deutung die Anordnung aufzubauen und dann wieder aus der Anordnung die Deutung zu erschliefsen. * Sodann ist aber die Bemerkung nicht recht verständlich. Mag das Mädchen zehnmal eine „zuwartende" Dienerin sein, was beweist das gegen die Stellung von E? Ist denn E ein wilder Kämpe oder nicht vielmehr auch eine sehr ruhige, „zuwartende" Persönlichkeit? Wir werden sehen, wie einmal ihre aufserordentlich grofse Ähnlichkeit verbietet, sie auf dieselbe Seite zu setzen, andererseits ihre ruhige zusammengesunkene Haltung hindert eine von beiden Figuren vor die Bosse zu setzen. Da nun E festgelegt ist, steht der Platz auch für 0 fest, denn beide Figuren können nur nächst den Giebelecken aufgestellt sein. Es erheben sich aber bei unserer Aufstellung nach der Ansicht von Treu und anderen folgende Schwierigkeiten. Zunächst: das Mädchen blickt nach aufsen. Wir haben gesehen, das schadet nichts. Allerdings ist insofern die Sachlage etwas anderes, als 0 vollständig im Profil steht; aber der Unterschied ist nicht so grofs. Auch entspricht der schärferen Profilstellung von 0 die Haltung der bei mir folgenden Figur L. Der Greis L nämlich ist ganz nach der Giebelecke gerichtet; damit aber nicht diese Seite des Giebels völlig von dem übrigen abgetrennt wird, liefs der Künstler L den Oberkörper nach vorn und den Kopf sogar nach der Mitte blicken. Dafür ist auf die Abbildung 89 im Olympiawerk (B. III S. 60) zu verweisen, die richtig die Stellung von L gibt; nur ergänze ich die Arme etwas anders. Der linke Oberarm ist gegen Treu etwas mehr nach der Mitte zu führen, der Unterarm weniger steil, so dafs nunmehr der Stab durch beide Hände geht. Bestätigt wird unsere Änderung durch folgende Betrachtung. Wenn der rechte Arm die Zügel hielte, weifs man nicht, ob die Zügel vor oder hinter dem Stab vorbeigehen, den L in der Linken hält. Diese Unklarheit zeigt sich auch bei Treu, der L rechts vor die Bosse setzt. Doch darüber später. Vorläufig halten wir fest: L weist eine ganz verzwickte Körperhaltung auf, die auf jeden Fall motiviert werden mufs. Da aber keine Handlung im eigentlichen Sinne in unserem Giebel vor sich geht, vielmehr gerade im Gegensatz zum Westgiebel unbedingte, ja sogar starre Ruhe herrscht, kann der Grund nicht in einem plötzlichen Ereignis liegen wie Vogelflug, oder was man sonst vermutet hat. Das ist längst erkannt und hundertmal, so gegen Six, Sauer, Wernicke von den verschiedensten Gelehrten betont, aber die Konsequenzen werden selten gezogen. Übrigens hebt L nur sehr wenig die Augen, wie jeder bei scharfer Prüfung der Abgüsse feststellen kann. Demnach weifs man keinen Grund für die überaus sonderbare Haltung von L. In unserer Aufstellung dagegen ist die „Dreiteilung" der Figur einleuchtend: der Unterkörper gibt die Verbindung nach der Giebelecke zum Mädchen (0) und zum Alpheus (A), die Mitte, der Oberkörper, ist voll dem Beschauer zugekehrt, während der Kopf, der nach links gedreht ist, die Verbindung mit der Mitte aufrecht erhält. Nun äufsert Treu (Arch. Z. 40, S. 238): „Der Aulblick seines (d. h. L's) rückwärts gewandten Hauptes, die emporgestreckten (I) Arme sind unseres Erachtens an keiner anderen Stelle des Giebels zu verstehen als hier, wo die Pferdeköpfe und die von denselben herabhängenden Zügel ein angemessenes Objekt — 9 — für diese Bewegungen darbieten. Und sollte es nun wirklich Zufall sein, dafs wir auf diese Weise den Wagenlenker der rechten Seite gefunden haben, den wir hinter dem Gespanne vermifsten? In der Tat läfst das Motiv von Kopf und Armen keinen Zweifel daran zu, dafs dies wirklich der Wagenlenker ist." Zunächst sind Kopf und Augen nur wenig nach oben gerichtet; eine Erklärung ist meines Erachtens, wenn L hinter dem linken Wagen sitzt, kaum nötig. Er blickt etwas hoch, um über das daneben stehende Wagenrad oder den Wagenstuhl hinweg zu schauen. Dagegen erscheint mir der Augen aufs chlag von L nicht gerade sehr passend, wenn er rechts vor den Rosen sitzt. Hier nämlich mufs er des Raummangels wegen ganz dicht an die Vorderkante gerückt werden; dann aber blickt er an den Pferden völlig vorbei. Warum ist dies eine passende Haltung für den Wagenlenker? Ferner sind auch die Zügel nichts weniger als ein geeignetes Objekt für die Armbewegungen. Der Wagenlenker sieht, wie eben bemerkt, überhaupt nicht die Rosse, da er halb schräg links blickt (nicht scharf nach der Seite, wie Treu meint); er weifs nicht, was die Rosse tun, sondern reckt bei Treu die Hände „zum Zeus erhoben" mit den Zügeln empor. Und in welcher Haltung! Kann es für jemanden, der Rosse am Leitseil führt, eine unbequemere und weniger sichere geben als die von L? Nur der Stab in seiner Linken kann ihn vor dem drohenden Umsinken bewahren. Keine Pferde, auch wenn sie noch so ruhig dastehen, lassen sich so zügeln. Ja, der Wagenlenker selbst sitzt so unsicher, dafs man ihm eine ausgiebigere Stützung wünscht; ich erreichte diese dadurch, dafs ich den Stab von beiden Händen gefafst sein liefs. Treu, der die Unsicherheit auch empfindet, meint (Ach. J. 1891 S. 73), Myrtilus (so nennt er L) besitze einigen Anhalt an den Zügeln. Das dürfte wohl niemand versuchen, sich vor Pferde hinzusetzen und auf die Zügel zu stützen. Lange würde er dort wohl nicht sitzen bleiben. Die Haltung von L hat also ergeben, dafs er keinesfalls vor den Rossen rechts, sondern hinter dem linken Wagen sitzen kann. Nur einem Einwände gegen die linke Seite meiner Aufstellung wäre noch zu begegnen: Treu vermifst den richtigen Abfall der Kopfhöhen. Es mifst nämlich 0: 1,15 m, L: 1,30 m; er meint, der Übergang von L zu Hippodomeia oder zu den Pferdeköpfen wäre zu schroff, der Höhenabfall nicht gleich- mäfsig genug. Bei Treu folgt aber auf den Jüngling B C, der eine auf 1,25 m, der andere auf 1,50 m geschätzt, wührend Treu an anderer Stelle die Differenz beider auf 0,18 m angibt. Nehmen wir also den Höhenunterschied zwischen B und C auf 20 cm an, so stehen diese 0,20 m dem Höhenunterschied von 0 und L von 0,15 m gegenüber, welcher bei meiner Aufstellung sich ergibt. Ob mit den 20 cm ein so ungleich besserer Höhenabfall als mir 15 cm erreicht wird, erscheint doch zweifelhaft. Auch mit dem Gröfsenverhältnis von B und C, welche ich vor die Rosse setze, ist Treu unzufrieden. Der Höhenunterschied beträgt, wie wir eben sahen, etwa 0,20 m, der von E und L, die Treu dorthin setzt, auch 0,20 m, also warum der Tadel! Aufser- dem ist an sich nichts gegen den Höhenunterschied einzuwenden, da die beiden Figuren vor den Rossen räumlich ziemlich weit getrennt sind, so dafs der Gröfsenunterschied nicht so sehr in die Augen fällt. An diesem Punkte wollen wir nunmehr von der Abwehr der Vorwürfe, welche gegen unsere Aufstellung erhoben sind, zur Kritik der Treuschen und Furtwänglerschen Anordnung übergehen. Wir haben eben festgestellt, dafs der Abfall der Kopfhöhen bei Lui»üustildt, Gymn, 1908. 2 10 - ihm nicht wesentlich von dem Verhältnis hei mir verschieden ist. Aber eins ist zu he merken: wenn C (sog. Killas) hinter dem Wagen kniet, müssen die Figuren vor ihm entweder eng zusammengedrängt oder ziemlich stark ins Profil gedreht werden. Das ergibt sich aus folgender Betrachtung der Aufstellung von Treu. Die Länge der Pferde beträgt etwa 3 m; die Länge der Arme von dem dahinter knienden Killas 1,20 m und die des Wagens zusammen nach Txeu 4,20 m. Nennen wir die unbekannte Länge des Giebelhodens oder -basis von der Ecke bis zu C x, so ergibt sich folgende Proportion x: 1,25 (Höhe von C) = x + 4,20 : 2,30 (Höhe der Pferdeköpfe), also 1,25 x + 5,25 = 2,30 x, 1,05 x = 5,25, x = 5 ,m. tf.ZO Da die halbe Güebelbasis 13,50 m beträgt, würden für E, Hippodameia, Pelops und die Hälfte von Zeus -nur 13,50 — (5 + 4,20) — 4,25 m übrig bleiben. Wenn ich auch nicht so weit gehen will, diese 4,25 m für die 3'/a Figuren für viel zu geringfügig zu erklären, ^so steht doch fest, dafs sie unschön gedreht oder zusammengeprefst werden müssen, um Platz zu finden. Zum Schlufs dieser Erörterung möchte ich mich noch gegen Pfuhl wenden, der behauptet, der nackte Knabe B und das Mädchen 0 entsprechen sich genau bis auf die Arme. Das ist nun nicht der Fall. Es messen in der Höhe B = 1,25 m 0 = 1,15 „ E=l,10 „. Also gerade im wichtigsten, in der Höhe, stimmen sie nicht überein; besser entsprechen sich E und 0, welche ich einander gegenüberstelle. Breite B = 0,70 m 0 = 0,80 „ E = 1,00 „ ; also auch in der Breite stimmen B und 0 nicht genau überein, und nur ihre Tiefe pafst besser zusammen B = 0,54 m, 0 = 0,50 m. Auf diese kommt es aber am wenigsten an. Und nun die Haltung. Gewifs haben darin die Figuren einige Ähnlichkeit miteinander, aber auch mit einer dritten Figur C. B und C entsprechen sich wirklich genau oder sind, wie Pfuhl sich ausdrückt, „unleidlich parallel". Aber entweder legt man wirklich Wert auf genaue Symmetrie zweier Figuren und tut sie nicht mit Worten wie „unleidlich parallel" ab, oder man verzichtet auf ihre Hilfe für die Anordnung. Vollkommen verschieden sind aber B und 0 zunächst in der Armhaltung; B streckt sie aus, um die Zügel zu halten, 0 dagegen führt den linken Arm nach dem linken Fufs hin, also eine ganz ähnliche Haltung wie die des hockenden Knaben E. Demnach werden wir wieder auf die Entsprechung von E und 0 hingeführt und nicht auf die von B und 0. Ferner ist die Eückenhaltung bedeutend verschieden. Während bei B im wesentlichen der Kopf und etwas die Schultern gebeugt sind, ist das Mädchen so zusammengekrümmt, wie es sonst auf dem Giebel eben wieder nur E ist. Nicht glücklicher ist Pfuhl mit der Heranziehung von Pausanias (a. a. 0. 157): 11 — „. . . . sicher ist, dafs Pausanias das langgewandete Mädchen nicht für einen Pferdeknecht, sondern nur für einen Wagenlenker halten konnte." Also das Mädchen, nächst dem Knaben E die jüngste der Giebelfiguren, etwa als 10—12 jährig charakterisiert, in geduckter Haltung soll Pausanias als Wagenlenker angesehen haben? Nein', so elegant kann man' nicht über die Schwierigkeiten hinwegsetzen. Gegen Kekules Anordnung, die das Mädchen vor die Rosse setzt und die Pfuhl wieder aufnimmt, hat schon Treu (Ol. Textband III, 125) durchschlagende Gründe angeführt, die Pfuhl einfach ignoriert. Im nächsten möchte ich die technische Seite der Erörterung nicht mehr berühren, da sie bisher im Vordergrunde gestanden hat, vielmehr der Frage des Rhythmus, der Entsprechung der Figuren näher treten und zwar zuerst kurz die Anordnung Pfuhls behandeln. Bei ihm entspricht dem ruhenden Greise N der kniende Mann C hinter den Gespannen; Pfuhl empfindet das Unmögliche dieser Entsprechung und kombiniert NXE = C X L als „komplementäre" Figuren. Nun ist aber bei dieser chiastischen Korresponsion E kein passendes Gegenstück zu G. Ist 0 hoch und schlank, so ist E klein und breit. Vor allem aber ist eine derartige Auffassung unmöglich: her einer wild bewegten Kampfszene mögen wohl die Gruppen, nicht die einzelnen Personen sich entsprechen; bei der feierlichen Ruhe unserer Giebels ist das nicht möglich. Wenn nun auch Ruhe herrscht, so kann man doch nicht das hockende Mädchen vor das Gespann setzen; was soll die träumende Dienerin, die den Blick auf den Boden heftet, vor dem feurigen Gespann? Auf der linken Seite hält der Jüngling die Rosse, auf der rechten ist dies nicht nötig? Ferner kann ich es nicht schön finden, wenn der Greis L dem jüngeren Mann C in den Rücken sieht; es würde- dies der einzige Fall in unserem Giebel sein, dafs eine Person hinter der andern aufgereiht ist. Da finde ich es besser, wenn man die zweite Figur, von den Giebelecken an gerechnet, auf der rechten wie auf der linken Seite nach aufsen blicken läfst. Und ferner kniet auf der linken Seite der jüngere Mann als Wagenlenker, der Knabe hält die Zügel; auf der Rechten träumt die Dienerin vor den Rossen, und hinter ihnen sinnt Myrtilus, die Rosse haben also auf dieser Seite keinen Hüter! Wenden wir uns nun wieder der Komposition Treus zu, die wirklich durchdacht, durchgearbeitet und eingehend begründet ist. Als ein Kennzeichen der Zeit, in der unser Giebel entstanden ist, erklärt Treu die Aneinanderreihung von B und C, die ungefähr dieselbe Haltung beim Niederknien aufweisen. Das wäre nicht schön, aber gerade für den Stil charakteristisch, wie man aus dem Westgiebel nnd den Aegineten ersehe. Dem ist aber entgegenzuhalten, dafs der Westgiebel nichts Ähnliches aufweist; denn nirgends sind zwei Figuren so steif aneinander gereiht. In den Ecken befinden sich die Greisinnen, die fast genau gleichartig sind; nur kniet die eine kaum merklich auf. Die nächstfolgende Figur aber, die dieser Greisin nach Treu so ähnlich sein soll, weist eine gänzlich andere Haltung auf: sie kniet wirklich! Aufserdem ist sie in schroffem Gegensatz zu der Ostgiebelfigur, mit der sie Treu vergleicht, mit der folgenden Statue, die sich ihr zuwendet, unlöslich verbunden. Also meiner Meinung nach besteht hierin auch nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen dfem bewegten Westgiebel und der steifen Monotonie des Ostgiebels in der Treuschen Rekonstruktion. Ferner weist Treu auf die Aegineten als Analogen hin; ich kann auch dies keineswegs anerkennen. 2* — 12 — Dort nämlich entsprechen sich im Gegensatz zu unserm Giebel die Gegenseiten aufs genaueste. Auf jeder Seite kniet eine Figur, je ein Bein in genau demselben Winkel nach hinten streckend, beinahe genau so weit den Oberkörper vorbeugend, in der Linken den Schild, in der Rechten die Lanze. Die einzig wesentliche Abweichung besteht darin, dafs die Figur auf der einen Seite den rechten Unterarm nach oben, die andere Figur den Oberarm etwas nach hinten, den Unterarm gerade abwärts streckt. Sonst entsprechen sie sich völlig genau. Dagegen stützt die nächste kniende Figur auf derselben Seite, die gröfsere Ähnlichkeit als das Pendant mit ihr haben soll, zwar auch den rechten Schenkel auf. Damit ist aber auch die Ähnlichkeit erschöpft. Denn der rechte Oberschenkel ist halbschräg vorwärts gerichtet, der Unterschenkel untergeschlagen, der Oberkörper dagegen ist aufgerichtet, nicht vorgebeugt, wie der seines Hintermannes. Der linke Arm ist ausgestreckt und hält einen Bogen, der rechte Oberarm ist halbschräg vorwärts, der rechte Unterarm nach links bewegt und hält einen Pfeil. Also auf den verschiedenen Giebelfeldern lauter Entsprechungen und eine Abweichung, auf demselben Giebelfeld lauter Abweichungen und eine Entsprechung! Demnach kann man die Aegineten nicht zum Beweis für Treus, sondern nur für meine Anordnung heranziehen, der ich die ähnlichen Figuren auf die verschiedenen Giebelfelder verteile. Kein Gewicht hat das Bohrloch im Nacken von B; mag es auch wirklich zur Verdübelung bestimmt gewesen sein. Denn die Figuren wurden unten zwar nach einem Plan gearbeitet, aber bei den Proben der Aufstellung raufsten sie sich Änderungen gefallen lassen, wie zahllose Spuren nachträglicher Verbesserungen beweisen, Ja auch schon vorher konnte der Künstler seine Absicht geändert haben, B möglichst nahe der Ecke aufzustellen. Diese Gruppierung von B und C erregt aber noch gewichtigere Bedenken; und nun kommen wir zu den schwächsten Seiten der Treuschen Eekonstruktion. Es entsprechen sich bei ihr einmal C und N, zum andern E und L, B und 0. Wenn ich schon glaube, dafs 0 und E nach Gröfse (0= 1,15 m, E = 1,10 m, dagegen B = l,25 m) und Alter die entsprechenden Figuren sind, so mufs ich die Gegenüberstellung von C und N, des kräftigen Mannes und des Greises, ablehnen. Das Natürliche ist es doch, dem Greis N die Figur L entgegenzustellen. Mag man auch mit Treu L nicht als Greis ansehen, soviel steht fest, L ist die Figur, welche dem Alter nach N bei weitem am nächsten steht. Und nicht nur dem Alter, sondern der ganzen Form nach, wie jeder beim Anschauen beider zugeben wird. Da wir nun an den Aegineten gelernt haben, dafs nicht die Figuren auf derselben, sondern auf der anderen Seite eines Giebelfeldes die gröfste Ähnlichkeit miteinander haben dürfen, so steht schon jetzt der Platz für L hinter den linken Rossen fest. Aber weiter kann ich die Stellung vor den rechten Rossen, die ihm Treu gibt, nicht für glücklich halten. Hier nämlich mufs er des Raummangels wegen dicht an die Vorderkante gerückt werden; dann blickt er aber ganz an den Pferden vorbei, denen er seinen Rücken zukehrt. Nur bei meiner Aufstellung ergab sich eine Erklärung für die gewaltsame Umdrehung des Oberkörpers und des Kopfes; bei Treu fragt man sich, was sucht er dahinten, während doch in dem Giebelfelde der Augenblick kurz vor der Wettfahrt dargestellt und alles erwartungsvoll gespannt ist. Treu ist gezwungen, zu Konjekturen zu greifen. L, der ihm als Myrtilos gilt, wendet sich angeblich aus folgendem Grunde ab: „Offenbar (!) hat damit der Künstler die innere Abwendung des Dieners von seinem Herrn andeuten wollen". „Oenomaus aber geht seinem — 13 -^. Untergange entgegen und sein Wagenlenker ist der Verräter. Darum blickt Zeus von dem Könige weg; darum neigt Sterope das Haupt traurig nach der entgegengesetzten Seite statt es in symmetrischer Entsprechung mit Hippodameia zu Oenomaus hinzudrehen; darum endlich wendet auch Myrtilos — denn das ist L — sein Haupt in sehr auffallender Geberde vom Könige weg." Wenn Treu hier (Arch. Z. 40, 239) von der „traurigen" Sterope spricht, so äufsert er sich im Olympiawerk (III, 51) folgendermafsen: „In feierlicher Pracht steht die Königin stolz da, das Locken umgebene Haupt zur linken Schulter gewandt". Also es ist kein Grund ersichtlich, weshalb sie nach links blickt; wir hatten schon im Vorhergehenden dargelegt, dafs das Gesetz Treus nicht zutreffend sein kann, nach dem alle Figuren nach der Mitte blicken müfsten. Hier sehen wir keinen zwingenden Anlafs, warum der Künstler bei der „stolzen" Sterope von dem Gesetz abwich; also das Gesetz bestand für ihn nicht. Oder sollte es für L als Rosselenker keine passendere Stellung geben, als so gedankenvoll, oder wie man es sonst bezeichnen will, in die Ferne zu blicken? Hier sieht man keine Veranlassung zu der sonderbaren, unschönen Verdrehung seines Körpers, wie wir schon früher sahen. Man mufs verlangen, dafs auch der linke Arm an der Stützung des Körpers beteiligt ist. Es ist sehr einleuchtend, dafs auch die Rechte an den Stab gelehnt ist, und nichts spricht gegen die dadurch notwendig werdende stärkere Beugung des rechten und linken Unterarms, so dafs dieser der Dresdener Ergänzung gegenüber etwas tiefer, der rechte etwas höher liegt. Doch ich will nicht dagegen Einspruch erheben, wenn jemand lieber L die Zügel in die linke Hand geben will. Und nun noch mehr Gründe gegen die Responsion von C und N, L und E! C mifst in der Breite nur 6,80 m, N dagegen 2 m (!) und L 1,20—1,30 m 1 ), wie auch N und L die gleiche Tiefe haben. Treu dagegen findet die Responsion von E und L „schön" und „evident"; ich glaube, bei nochmaliger Prüfung wird ihm niemand darin folgen. Der junge Knabe E soll ein passendes Pendant zu dem älteren Mann, wenn wir nicht richtiger sagen wollen Greis L sein; dieser schmächtige Körper gegen die wuchtige Masse von L! Aufserdem findet Treu das, was er an der Gegenübersetzung von B und C vor den Pferden am schärfsten tadelt, nämlich, dafs sie nach derselben Seite sehen, hier schön: „Und wie E en face oder doch wenigstens im Dreiviertelprofil gesehen sein will, so bietet auch L dem Beschauer sich in der Vorderansicht (I) dar mit alleiniger Ausnahme des scharf ins Profil gestellten Kopfes". Also beide Figuren blicken nicht nach derselben Seite und nicht nach dem Beschauer hin, der vor der Mitte des Giebelfeldes steht, wie doch Treu selbst so energisch gefordert hat (III, 123/4); freilich nach unseren früheren Darlegungen ist diese Forderung oder Regel nicht zu halten. Auch Treu empfindet die Dürftigkeit der kleineren Figuren vor den Rossen; denn er schreibt in bezug auf B und 0 (III, 26): „Sie scheinen mir an den letzteren Stellen (vor den Gespannen) vor dem Gewirr der Pferdebeine zu mager und zu klein zu wirken ....,"; und das, obwohl B gröfser und 0 ebenso grofs wie E sind! Auch hier würde mit B und C das Bessere gegeben sein. Also Treu setzt den rechten Wagenlenker (Myrtilos) vor, den linken hinter den ') Treu gibt in Band III nur 1 m an, hat aber wohl nicht den linken Arm hinzugenommen, den er bei N mitrechnet. — 14 — Wagen, weil er E, den er hierher stellt, unmöglich als Wagenlenker auffassen kann. Es ist ihm (Arch. Z. 40; S. 239) meines Erachtens nicht gelungen, einen Grund für diese Asymmetrie zu finden. Nun bleibt noch Pausanias zu behandeln übrig, den Treu als Zeugen für sich in Anspruch nimmt. Er meint, wenn das Mädchen sich (wie hei mir)' nach aufsen wendet, hätte Pausanias sie nicht mit der nächsten Figur zu einem Paar Hippokomen zusammenfassen können. Warum sollte denn nicht einer der Hippokomen sich nach aufsen drehen? Bevor wir positiv die Vorzüge unserer Aufstellung darlegen, müssen wir auf die Ausführungen Furtwänglers in den Sitzungsberichten der philos.-philolog. Klasse der K. B. Äkad. d. Wiss. (1903 S. 423 ff.) eingehen; sie scheinen mir eine Reihe von Aufstellungen zu bieten, die Treu noch nicht widerlegt hat. Ich mufs voraus schicken, dafs die Anordnung Furtwänglers die zweite war, welche ich lange Zeit neben meiner jetzigen prüfte; daher waren die meisten seiner Gründe, die er für seine Aufstellung beibrachte, mir nicht neu. Hören wir: „. . . . durch die übereinstimmende Gröfse werden der hockende Mann L und der knieende Jüngling B als Gegenstücke erwiesen". Gleich in der Anmerkung gibt Furtwängler selbst an, dafs nach Treu der Unterschied der Höhe von L und N, die ich einander gegenüberstelle, nur 8 cm beträgt. Nehmen wir nun selbst 10 cm an, so ist ein wesentlicher Unterschied gegen das Paar L —B nicht vorhanden; denn ihre Höhendifferenz beträgt 5 cm. Dagegen, dem ganzen Volumen und dem Eindruck auf den Beschauer nach, sind B : und' L keineswegs Gegenstücke, wenn sie auch besser als E und L (Treu)' zueinander passen. Der schlanke Jüngling B und der massige Greis IL können sich nicht entsprechen; wieder wie bei Treu würde die rechte Seite ein viel zu starkes Übergewicht erhalten, abgesehen davon, dafs der Platz zu knapp ist und die Figuren auf der rechten Seite infolge davon viel zu eng zusammengeprefst würden. Und was ist die Folge der Gegenüberstellung von B und' L? C wird Gegenstück zu N; wir haben genugsam erörtert, dafs dies unmöglich ist, dafs sich nur L und N entsprechen können. Aber weiter: Jetzt klafft wirklich eine grausige Lücke zwischen C und 0-, denn G uwd 0- stehen Rücken gegen Rücken! Und zu* dieser Lücke kommt die ebenso schlimme Gruppierung von L und N auf derselben Seite. Auch Furtwängler erkennt wie Treu die Überfülle der rechten Seite an, wenn er schreibt: „Allerdings erscheint die linke Hälfte etwas lockerer und leerer als die vollere rechte; allein dies macht man nicht besser dadurch, dafs man die Figuren links aus ihren durch die Symmetrie gegebenen Plätzen, wie Treu tut, mehr nach der Mitte verschiebt* (a. a. 0. S. 428). Gewifs nicht, sondern man mufs eben L auf die andere Seite bringen. Das heifst, wenn man auch nicht willkürlich die Abstände der Figuren ändern darf, so ist doch eine genaue Entsprechung beider Giebelhälften unmöglich, da N mit seiner Breite von 2 m notwendig die hinter ihm befindliche Figur auf P zurückdrängt. Nur darf in der linken Giebelhälfte nicht etwa bei der Treu'schen Aufstellung B näher an C als an A um ihrer Deutung willen gerückt werden. Denn sonst würde eine Lücke zwischen B und A entstehen, die der Furtwänglerschen (zwischen C und 0) sich würdig an die Seite stellt. Nun fährt Furtwängler (a. a. 0. S. 428 unten) fort: „Der Unterschied der beiden Seiten ist, wie wir sehen werden, die notwendige Folge der verschiedenen Darstellung — 1:5 beider Helden und ihres Gefolges". Also wieder einmal Deutungsversuche, auf denen, wie bei Sauer, erst die Anordnung aufgebaut ist. Ich mufs es grundsätzlich ablehnen, über die Deutung zu diskutieren, bevor die Anordnung gegeben ist Sonst bewegen wir uns in einem ständigen Kreislauf; die Anordnung stützt sich auf die Deutung und umgekehrt, und keine von beiden hat selbständigen Wert. Man soll doch bei unserem Giebel angesichts noch der letzten mifslungenen Deutungsversuche der lagernden Jünglinge als Kladeos und Alpheios nicht vergessen, dafs alle Versuche, die Figuren hinter den Rossen zu deuten, mifsglückt sind. Manchmal sind die Deutungen, z. B. die des Mädchens als Dienerin, welche Kekule gibt, sehr schön; sie dürfen aber auf die Anordnung selbst keinen Einflufs ausüben noch eine künstlerisch unschöne Aufstellung rechtfertigen. Der Unterschied der Seiten ist aber durch nichts zu rechtfertigen, durch keine Charakteristik der Personen oder dergleichen. Den Tadel von Furtwängler „B präsentiere vor den Pferden seine linke unbearbeitete Kopfseite" habe ich schon vorher widerlegt; denn da ich den rechten Unterarm von B vor dem Gesicht schräg nach oben gehen lasse, ist die linke Kopfseite durch den Arm und vielleicht auch die Leitseile verdeckt. Der Einwand, dafs die Figur „durch die verkürzte Ansicht der Glieder künstlerisch sehr ungünstig wirke" (S. 421 Anm.), ist angesichts der Gliederverrenkungen von E und L nicht gerade beweiskräftig. Äufserst treffend scheint mir dagegen die Bemerkung Furtwänglers (S. 434): „Der Knabe E bildet durch sein Motiv einen vorzüglichen Übergang zu der Eckfigur, wie oft mit Recht hervorgehoben worden ist". Ebenso richtig ist das Folgende (S. 435): „. . . Die Rückenlinie von B neben A wirkt unerträglich, ebenso wie die starre Wiederholung des Motives, wenn B und C hintereinander knieen". Ich habe mich gefreut, auf diese Zeilen Furtwänglers jetzt nachträglich zu stofsen, nachdem ich in Dresden Treu schon mündlich diesen Einwand gemacht, und wir über die Aegineten disputiert hatten. Trefflich und ganz meiner Meinung entsprechend sind die Bemerkungen Furtwänglers über die Namenlosigkeit und Undeutbarkeit von Figuren in der bildenden Kunst; noch trefflicher wäre es gewesen, er hätte in dem vorliegenden Aufsatz die Konsequenzen daraus gezogen. Kurz zusammengefafst, Pausanias zählt nur die Hauptpersonen vor den Rossen auf, Pelops-Hippodameia, Oenomaus-Sterope und aufser Zeus, der in der Mitte steht, die beiden Wagenlenker. Nur sie waren in der Überlieferung genannt, nur bei ihnen hatte der Künstler feste Vorbilder; über die anderen Personen konnte ihm niemand Auskunft geben; er tat sie summarisch ab, und dabei passierte ihm das Versehen mit dem Mädchen. Wenn dagegen wirklich, wie Treu meint, der eine Wagenlenker sich hinter den Rossen befand, so wäre es unentschuldbar, dafs er über ihn mit dem Ausdruck ovo ävÖQeg hinwegging. Aber sehen wir von Pausanias ab. Aufser Zeus und den vier anderen Mittelfiguren sind unstreitig die Wagenlenker die bedeutendsten, wie aufser jenen nur sie in der Überlieferung genannt sind. Der architektonisch ausgezeichnetste Platz ist der vor den Rossen; also hierher gehören die Rosselenker. Hier standen sie den Hauptfiguren am nächsten, hier vor der breiten Front der Pferde fiel der Blick des Beschauers voll auf sie; hier konnten keine unbedeutenden Personen stehen. Hinter den Rossen tauchen sie in der Zahl der anderen Personen unter. Und nur B und C können sie darstellen. — 16 - E, den Treu dorthin stellt, kauert in sich zusammengesunken und blickt auf den Erdboden. Was mag er dort suchen? L sitzt phlegmatisch da. Dagegen B und C, die auch dem Alter nach die passendsten Figuren sind, knien; sie können, wenn nötig, jeden Augenblick aufspringen. In der Mitte steht Zeus, rechts und links die beiden Paare, neben ihnen die beiden knieenden Wagenlenker, in genauer Entsprechung. Es folgen die beiden Gespanne, hinter ihnen die beiden sitzenden Greise, die sich bis auf den Stab in ihren Händen genau entsprechen; ihnen reihen sich an der hockende Knabe und das knieende Mädchen. Die einzige Inkongruenz! Aber sie sind die kleinsten und schmächtigsten Figuren und gehören notwendig zusammen in die Ecken, wo keine grofsen Figuren stehen können, ganz abgesehen davon, dafs E seiner künstlerischen Form wegen an einen möglichst wenig hervorragenden Platz gestellt werden mufs. Den Beschlufs machen die beiden liegenden Jünglinge. Genaue Entsprechung ist nicht möglich: Die fünf Mittelfiguren, die beiden knieenden Statuen, welche die mittleren Altersklassen des Jünglings und des Mannes repräsentieren; die beiden Greise, die beiden Kinder, wenn man so sagen darf, und die Eckfiguren. Ferner entsprechen sich bis auf die beiden unbedeutendsten Figuren die beiden Teile der Paare auf das Schönste, abgesehen von Kleinigkeiten. Und wir haben an den Aegineten gelernt und unser Gefühl für Symmetrie fordert es, nicht die Figuren auf derselben, sondern die auf der anderen, der Gegenseite, müssen sich entsprechen. Druck ron W. Pormotter in Berlin. — 16 E, den Treu dorthin stellt boden. Was mag er d auch dem Alter nach die Augenblick aufspringen. In der Mitte st beiden knieenden Wagenl hinter ihnen die beiden a entsprechen; ihnen reiheij einzige Inkongruenz! A hören notwendig zusammj abgesehen davon, dafs hervorragenden Platz ge; Jünglinge. Genaue Ents knieenden Statuen, welcli präsentieren; die beiden Eckfiguren. Ferner enti| beiden Teile der Paare an den Aegineten gelern auf derselben, sondern d kauert in sich zusammengesunken und blickt auf den Erd- |a. Dagegen B und C, die können, wenn nötig, jeden en Paare, neben ihnen die folgen die beiden Gespanne, Stab in ihren Händen genau äs knieende Mädchen. Die ächtigsten Figuren und ge- fguren stehen können, ganz an einen möglichst wenig lachen die beiden liegenden if Mittelfiguren, die beiden iglings und des Mannes re- fian so sagen darf, und die nbedeutendsten Figuren die inigkeiten. Und wir haben [rdert es, nicht die Figuren üssen sich entsprechen.