Wissenschaftliche Beilage zum Programm des Falk-Realgymnasiums zu Berlin. Ostern 1888. Tiberius und Sejan. Von Fritz Abraham. 1888. Programm Nr. 97. —------------------------- BERLIN 1888. K. Gaertners Verlagsbuchhandlung Hermann Heyfelder. ?Zr<. ^TÜO^rGi-%011 I. Als der spätere Augustus nach der Beendigung der Bürgerkriege den römischen Staat neu ordnete und die gesetzlichen Grundlagen für seine fernere Herrschaft schuf, waren die Wege, die er einschlug, die Mittel, die er anwandte, weit entfernt von den Planen und Gedanken, welche einst vor seiner Ermordung den ersten Caesar bewegt hatten. Nicht äufsern Glanz und klare, feste Bezeichnung der monarchischen Gewalt durch neue, eigens für sie bestimmte Formen suchte er; gewitzigt durch die blutigen Zuckungen, das wiederholte Aufbäumen des altrepublikanischen Bewufstseins, erhielt und erneuerte er sorgsam, wo es irgend möglich war, die alten verehrten Einrichtungen: scheinbar wie in den besten Zeiten der „libera res publica" thronten die Consuln in curulischer Würde, übten die Volkstribunen ihre geheiligten Befugnisse, sprachen die Geschworenengerichte, die aus allen geachteten Bürgern ausgewählt wurden, beratschlagte der Senat; was in dem Jahrhundert des innern Haders bald Sulla und seinesgleichen dem Volke und seinen Tribunen, bald Marius, Cinna und Caesar dem Senat und den Vornehmen geraubt hatte, alles hatten sie zurückerhalten, die alte gute Verfassung war wieder hergestellt. Und wo der Ordner des Staats noch hervortretend persönlich eingriff, wie zum Beispiel als Censor in der Ausstofsung so vieler Unberechtigter und Unwürdiger aus dem Senat und aus der Bürgerschaft, mufsten einsichtige Männer selbst der Gegenparteien die getroffenen Mal'sregeln' als berechtigt anerkennen, ja als notwendige Vorbedingung, wenn überhaupt die alten Bäder der Staatsmaschine wieder in regelmäfsigen Gang kommen sollten. Zwar die Comitien wurden zu leerem Schaugepränge, ihre Bechte kamen zum Teil an den Senat, zum Teil an den Caesar. Aber konnten Volksversammlungen in einer Weltstadt, wie es Bom geworden war, in der neben den Bürgern so viele Tausende von Fremden, Gallier und Spanier, Griechen, Juden und Ägypter, durcheinander wimmelten, zu etwas anderm dienen, als zu leerer Schau? Seit Jahrhunderten schon hatten die Comitien nicht mehr den wirklichen, den vernünftigen Willen der Bürgerschaft kundgegeben. Der aristokratischen Partei, den Optimaten, hatten sie längst nur noch als widerlicher Schauplatz demagogischer Umtriebe gegolten; die Führer der demokratischen Partei hatten sie zwar als scharfe Waffe im Kampf gegen die Verderbtheit des Senats benutzt, aber auch sie hatten längst verlernt, diese Versammlung als eigentlichen Herrn des Staats anzusehen, der über die Berechtigung oder Unberechtigung ihres Strebens zu entscheiden hatte; sie sahen in ihr nur eine unverständige Menge, die man oft genug in ihr eigenes Beste hineintäuschen mufste. Niemand vermifste dieses Zerrbild altrömischer Majestät. Neben die wiederhergestellten alten Gewalten trat nun Augustus mit einigen Befugnissen, welche gegen die fast schrankenlosen Bechte, welche die Triumvirn ausgeübt hatten, beinahe unbedeutend erschienen. Seine Macht bildete scheinbar nur das mäfsigende und volksbeschützende Element gegen die des Senats, sie trat gewissermafsen als Ersatz für die Volksversammlungen 1* ein. Während der Republik war der thatsächlich entscheidende Einflufs des Senats auf den Gebieten der Rechtspflege, der Steuern, der Verwaltung, der Ernennung der Beamten rechtlich doch immer durch die Bürgerschaft beschränkt gewesen; er wäre ohne ein solches Gegengewicht zu gewaltig gewachsen, und so erschienen die dem Kaiser verliehenen Rechte, namentlich die beständige Potestas tribunicia, als notwendige Ergänzung. Die höchste Gewalt über das Heer aber, welche der Kaiser sich vorbehielt, war immer bei Beamten gewesen, und aus ihr folgte als selbstverständlich und zweckmäfsig, dafs die Verwaltung der kriegerischen Provinzen ihm, dem einzelnen, die friedlichen, keines Heeres bedürftigen dem Senat anheimfielen. So kam jene Dyarchie zu stände, jene Zweiteilung der höchsten Gewalt zwischen dem Senat und dem Caesar, welche für Jahrhunderte die rechtliche Form der Monarchie bilden sollte. Jedoch wie die frühere Teilung zwischen Senat und Comitien war auch die neue nur eine scheinbare, wobei aber der Senat jetzt die umgekehrte Rolle, wie früher spielte. Früher waren rechtlich die Comitien der entscheidende Faktor, der Senat nur der beratende gewesen, doch hatte in Wirklichkeit der Senat regiert; jetzt fafste der Senat die Entscheidungen, sprach Recht, bestimmte die Beamten in der Stadt, die Statthalter in der Hälfte der Provinzen, und gab die Gesetze; aber seine Thätigkeit lag unter dem Bann des kaiserlichen Willens; da das kaiserliche Veto überall und in jedem Augenblick Halt gebieten konnte, so wurde nichts in Angriff genommen, ehe die kaiserliche Zustimmung sicher war. Dies war die Stellung, welche sich Augustus geschaffen hatte, eine Gewalt, in der Form fast verschwindend, man möchte sagen negativ, dazu geflissentlich ohne jeden äufseren Prunk, in ihrem Wesen aber und ihrer Einwirkung auf die verschiedenen Zweige des Staatswesens fast unumschränkt, um so schrankenloser, je weniger sie in feste Formen geschlossen war. Es war ein persönlicher Einflufs, dem nichts widerstehen konnte, der alles, was ihm nicht genehm war, Kleinstes wie Gröfstes, verhinderte. Wenn daher der in neuerer Zeit mit Vorliebe gebrauchte Ausdruck „Dyarchie" vollkommen das Rechtsverhältnis bezeichnet, so entspricht doch der althergebrachte „Principat" weit mehr der thatsächlichen Lage. Die Stellung des ersten Augustus und seiner nächsten Nachfolger zeigt in dieser Beziehung eine gewisse Ähnlichkeit mit der eines absoluten Königs in dem Beamtenstaate zu Anfang unseres Jahrhunderts, etwa mit der Friedrich Wilhelms III. in Preufsen. Dem entschieden kundgegebenen Willen des Fürsten gegenüber konnte kein Widerspruch standhalten, er mufste sich schliefslich immer durchsetzen; aber neben dem Fürsten bestand eine zweite Gewalt, in Rom der Senat, in Preufsen die festgefugte Beamtenschaft, welche sich jenem Willen ebenso gut aufs äufserste hemmend, wie fördernd erweisen konnte. Indessen auf der andern Seite auch welcher gewaltige Unterschied zwischen beiden Staaten! In Preufsen hatte der höchste, wie der unterste Beamte das Bewufstsein, dafs im Könige die Staatssouveränität verkörpert sei, Diener des Staats und des Königs zu sein war ganz dasselbe; einer erst zu ergreifenden Mafsregel mochte er Widerstand leisten, wenn sie aber einmal beschlossen war, so mufste er ihrer Durchführung seine besten Kräfte leihen, oder — sein Amt niederlegen. In Born standen Senat und „magistratus populi Bomani" dem Kaiser fremd und kalt gegenüber, sie liefsen sein Veto und seine Anordnungen geduldig über sich ergehen, aber nur ausnahmsweise und in den seltensten Fällen stellten sie aufrichtig ihre geistigen Kräfte in seinen Dienst. Die Heuchelei republikanischer Formen, durch welche Augustus seine Macht verdeckte, slrafte sich dadurch, dafs diese Macht den meisten Römern im Grunde ihres — 5 — Herzens noch lange als eine unberechtigte, höchstens als ein notwendiges Übel erschien, und dafs noch nach einem Jahrhundert in Rom und in der Provinz der thörichte Gedanke einer Wiederherstellung der Republik gefafst werden konnte. War dies nicht zu ändern — und die völlige Befangenheit noch des Tacitus in solchen veralteten Anschauungen spricht vielleicht, wenn auch nicht unbedingt, für die Unmöglichkeit — war es nicht zu erreichen, dafs die „magistratus populi Romani" sich in Diener und Gehülfen des Kaisers verwandelten, so blieb nur übrig, ihre Befugnisse nach und nach absterben, an ihre Stelle neue Beamte treten zu lassen, den Senat aber auf das Raterteilen und auf einige richterliche, man möchte sagen ehrengerichtliche Funktionen zu beschränken. Bekanntlich ist die Entwicklung diesen Weg gegangen, doch zuerst mit mancherlei Schwankungen, und noch lange, nicht vorwärts getrieben durch zielbewufste Schöpfungen der Herrschenden, sondern durch die zwingende Macht der Verhältnisse. So war die Lage beim Tode des Augustus: der Staat in Ruhe aber ohne klare Verfassung; die Gewalt faktisch in der Hand des Princeps, rechtlich zwischen ihm und dem Senat geteilt; von einer Erbfolgeordnung keine Rede; wie der Einflufs seiner Persönlichkeit, so erloschen mit seinem Tode auch die aufsergewöhnlichen Befugnisse, die ihm verliehen worden waren. Tiberius besafs zwar die tribunicische Gewalt, war adoptiert und wurde im Testament als Haupterbe angeführt; dies zeigte, dafs Augustus ihn zu seinem Nachfolger bestimmt habe, gab ihm aber weder ein wirkliches Recht darauf, noch die nötige Macht. Die Macht hatte er, wenn er die Heere in seiner Gewalt behielt, das Recht mufste ihm der Senat verleihen: wie der neue Fürst sich mit diesem, dieser mit ihm stellen würde, das mufste der ferneren Entwickelung ihre Richtung geben. Weit mehr als in einer alten, festgewurzelten Monarchie hing hier alles von den Personen und ihrem Charakter ab. H. Tiberius war bei seinem Regierungsantritt 55 Jahre alt; er näherte sich schon dem Greisenalter. Mancherlei Stürme hatten ihn in der Jugend und im Mannesalter getroffen, mehr als andern Thronfolgern beschieden ist, hatten Zukunft und Aussichten für ihn geschwankt. Sein Vater, Ti. Claudius Nero, war ein Anhänger Caesars und hatte mit Auszeichnung im alexandrinischen Kriege gefochten. Nach der Ermordung des Dictators schlofs er sich nach einigem Schwanken Antonius an, stand an der Seite der Fulvia und des M. Antonius gegen Octa- vian im perusinischen Kriege, machte aber nach einigen Jahren seinen Frieden mit dem letzteren. Auf Wunsch desselben schied er sich sogar von seiner Gemahlin Livia, damit dieser sie heiraten konnte. Tiberius kam mit seiner Mutter in das Haus des Octavian, in welchem sein jüngerer Bruder Drusus geboren wurde. Er wurde als Prinz erzogen, wenn auch nicht als Nachfolger des Augustus; denn als solcher galt damals Marcellus, der Sohn der Octavia, welchen Augustus mit seiner Tochter Julia vermählte. Die ersten Kriegsdienste leistete er als Siebzehnjähriger im cantabrischen Kriege; etwa vom 22. Jahre an war er fast Jahr für Jahr von Rom abwesend, bald um als Vertreter des Kaisers den Armeniern einen Fürsten zu geben, oder um die von den Parthern zurückgegebenen Feldzeichen in Empfang zu nehmen, bald um als Statthalter das grofse Gallien zu verwalten, zumeist aber doch als Heerführer. So lange Agrippa und sein jüngerer Bruder Drusus lebte, trat er gegen diese zurück, nach ihrem Tode war er unbestritten der erste Feld- — 6 herr des Reiches. An des Agrippa Stelle trat er im Jahre 12 v. Chr. in Pannonien, welches Land er damals soweit unterwarf, dafs es zur Provinz gemacht werden konnte; vier Jahre später übernahm er aus den Händen des sterbenden Bruders den Oberbefehl in Norddeutschland und setzte hier den Kampf so lange fort, bis er, von Augustus abgerufen, um eine Sendung in den Orient zu vollführen, fernere Dienste verweigernd in die freiwillige Verbannung nach Rhodos ging. In den Jahren, welche er ohne Amt hier an einem Hauptsitz griechischer Bildung zubrachte, mag er seine Vorliebe für die philologische Kleinkrämerei alexandrischer Gelehrsamkeit gewonnen haben. Als er dann nach dem Sturz der Julia mit Mühe durch seine Mutter Verzeihung und die Rückkehr nach Rom erlangt hatte, begann sehr bald seine glänzendste Zeit als Feldherr: die gewaltigen germanischen Kriegszüge, die den Widerstand der Völker zwischen Rhein und Elbe, wie es schien, für immer brachen, und die Bewältigung des furchtbaren pannonischen Aufstandes, bei welchem er zeitweise zwei Drittel des ganzen Reichsheeres, 15 Legionen, unter seinem Oberbefehl hatte. Der wohlverdiente Triumph nach Beendigung dieses Krieges wurde durch die Unglücksbotschaft aus Deutschland verhindert; drei Legionen waren mit Varus vernichtet worden, die ganze neugeschaffene Provinz hatte sich losgerissen, die Bheingrenze war sogar bedroht. Er mufste sogleich die Stadt wieder verlassen um der Gefahr zu begegnen, und überliefs erst nach zwei Jahren, als die Grenze gesichert war, den Oberbefehl seinem Neffen und Adoptivsohn Ger- manicus. Auch die letzten Jahre blieb er nicht ruhig in Born. Er war auf dem Wege nach lllyricum und wurde in Eile zurückgerufen, als der Tod des Augustus in Nola eintrat. Den gröfsten Teil seines Lebens, die besten Mannesjahre hat Tiberius also fern von Rom im Lager verbracht; vieles in seinem Auftreten als Herrscher wird sich daraus erklären. Als Feldherr zeigt er sich tüchtig, zähe und rastlos thätig, uugeschreckt durch die gefährlichte Lage, vor allem aber ausgezeichnet durch die kluge Umsicht, mit welcher er solchen gefährlichen Lagen auch bei den schwierigsten Operationen schon im Voraus zu begegnen wufste. Niemals ist er vom Feinde überrascht worden; mufste er schwierige Stellungen stürmen, so verdoppelte und verdreifachte er die Reserven; bei den grofsen kombinierten Operationen gegen die Elbe und nach Böhmen war alles so gut berechnet, dafs die verschiedenen Heere von der See und vom Rhein, von Norddeutschland und von Pannonien fast auf die Minute genau an den bestimmten Stellen zusammentrafen. Die Aussicht auf die höchste Gewalt eröffnete sich ihm zuerst, als er nach dem Tode des Agrippa von Augustus zum Gemahl seiner Tochter Julia bestimmt wurde. Um für diese Ehe frei zu werden, mufste Tiberius seine innig geliebte Gattin Agrippina verstofsen, wozu er sich nur schwer entschlofs. Aber wenn Augustus wirklich damals den Plan hegte, Tiberius zu seinem Nachfolger zu machen, so gab er denselben auf, als die Söhne der Julia aus der Ehe mit Agrippa heranwuchsen. Das Verhältnis zwischen Julia und Tiber war bald ein kaltes, ja ein feindliches geworden; sie lebten völlig getrennt, die Stiefsöhne schoben ihn übermütig bei Seite, Augustus wollte ihn nach dem Orient entfernen: er zog es vor als Privatmann nach Rhodos zu gehen, doch schien er nun ein abgethaner Mann zu sein. Da bewirkte Livia den Sturz der Julia, die beiden jungen Caesaren starben kurz nach einander, und Tiber stand von nun an ohne Nebenbuhler als zweiter neben dem Kaiser. Soldat in erster Linie, hat Tiberius daneben nach übereinstimmenden Nachrichten eine ausgebreitete Bildung besessen; selbst als Dichter hat er sich in lateinischer und griechischer — 7 — Sprache versucht. Auch der Rede war er mächtig; es wird gesagt, dafs er unvorhereitet am besten sprach. Fafst man alles zusammen, worin die verschiedenen Schriftsteller von Floraz his Dio übereinkommen, so mag man sagen, dafs er viele gute, aber keine liebenswürdigen Eigenschaften besafs. Die behagliche Gemütlichkeit, unter der Augustus von frühster Jugend an seine berechnende Klugheit und seinen rücksichtslosen Ehrgeiz zu verbergen verstanden hatte, fehlte ihm gänzlich. Ernst, wortkarg und streng, so erfüllte er seine Pflichten gegen andre, so verlangte er ehrerbietigen Gehorsam von seinen Untergebenen. Nur im engsten Kreise, beim Weine mit ganz vertrauten Genossen, mochte er einmal sich freier geben und auf Scherze eingehen; dem Stiefvater gegenüber bewahrte er so sehr die gemessene Haltung, dafs er ihm durch sein zufälliges Erscheinen das A'ergnügen verdarb, ihn in seinem gewohnten bequemen Sichgehenlassen hinderte. Auf ferner oder niedriger Stehende wird dieser Zwang seines Auftretens noch viel schwerer gelastet haben. Was dies zu bedeuten hatte, wird derjenige ermessen, der sich erinnert, dafs in keiner Gesellschaft, selbst nicht in der französischen des achtzehnten Jahrhunderts, die persönliche Würde so mit Füfsen getreten wurde, als in der vornehmen römischen der damaligen Zeit. Liefsen doch junge Männer des Senatoren- und Rilterstandes sich zu Ehrenstrafen verurteilen, nur um als Schauspieler oder Gladiatoren auftreten zu können, ja Frauen aus denselben Ständen verlangten ihre Eintragung unter die öffentlichen Dirnen, damit die Ehegesetze keine Anwendung auf sie fänden. Wie weit die Nachrichten von Ausschweifungen Tibers selbst begründet sind, ist schwer zu entscheiden. Unzweifelhaft hat sein späteres geheimnisvolles Leben auf Capri zu Fabeln Anlafs gegeben, welche auf Glaubwürdigkeit keinen Anspruch machen können; andererseits ist eigentlich kein Grund vorhanden, ihn entgegen den vielfachen Nachrichten für gänzlich rein zu halten. Diese Nachrichten erhalten vielmehr einen genügenden Grad innerer, psychologischer Wahrscheinlichkeit durch eben jenen niedrigen Stand der Moral im damaligen Rom und durch die Art, wie die besseren Gefühle seiner Jugend bei der Trennung von seiner geliebten ersten Frau und der erzwungenen Verbindung mit der sittenlosen Julia unterdrückt worden waren. Jedenfalls aber haben diese Ausschweifungen, wenn sie wirklich stattfanden, niemals Einflufs auf seine Regententhätigkeit gehabt, weder durch Günstlingswesen, das sich daraus entwickelte, noch durch vorzeitige Erschlaffung seiner geistigen und körperlichen Kraft, und so ist diese so viel behandelte Frage in Wahrheit von keiner historischen Redeutung. Denn ein moralisches Urteil über historische Persönlichkeiten vergangener Jahrhunderte zu fällen, sind wir nur in den seltensten Fällen im stände; ins Herz können wir ihnen nicht sehen; es liegt aufserhalb der geschichtlichen Aufgabe und wäre nichts als unberechtigte Anmafsung, wenn wir entscheiden wollten, wie sie vor der göttlichen Gerechtigkeit bestehen können. Nennen wir einen Fürsten schlecht oder gut, tüchtig oder schwach, so bezieht sich das allein auf seine Herrscherthätigkeit, wie denn viele der „besten" christlichen Könige, eine Elisabeth von England, ein Heinrich IV. von Frankreich, mit ihrem Privatleben vor einem Sittengericht schlecht genug fortkommen würden. — Die Verschlossenheit seines Wesens tritt noch in manchen anderen Zügen hervor. Auch seinem Schmerz und seiner Trauer gab er keinen offenen Ausdruck und wies sogar Beileidsbezeugungen schroff zurück. So vorsichtig er als Feldherr war, einen Kriegsrat befragte er nur ganz ausnahmsweise. Sehr deutlich zeigt sich ferner, dafs ihm schöpferische Genialität fehlte. Überall tritt ein gewisser methodischer, auf das Regelrechte, Gesetzmäfsige gerichteter Sinn hervor, der vor Unklarem und Unerwartetem zurückschreckte, vielleicht weil er sich ihm nicht gewachsen fühlte. Keine Spur ist vorhanden, auch dann nicht, als er längst ein gereifter Mann und einzig möglicher Thronerbe war, dafs er auf die innere Regierung des Augustus einen ähnlichen Ein- flufs ausgeübt habe, wie ihn die Schriftsteller dem Maecenas und Agrippa, oder der Livia zuschrieben; selbst die Umtriebe, die ihm angeblich den Weg zum Thron gebahnt haben, sollen nicht von ihm, sondern von der Livia ausgegangen sein. Als Julia ihn immer übermütiger beleidigte und bei Seite schob, als seine Stiefsöhne C. und L. Caesar anfingen ihn hinderlich zu finden und ihm dies recht deutlich zu verstehen gaben, da wufste er nichts andres dagegen zu thun, als — alle Ämter und Würden hinzuwerfen und in freiwilliger Verbannung nach Rhodos zu gehen, ganz wie einst Agrippa vor Marcellus nach Mitylene gewichen war. Also alles in allem: ehrenwerte und erprobte Tüchtigkeit, gepaart mit vorsichtigem und verschlossenem Wesen, steife und ernste Würde; keine ursprüngliche, schöpferische Beweglichkeit des Geistes, keine jener Eigenschaften, die einen Fürsten beliebt und volkstümlich machen; Erfahrungen und Kenntnisse in der Provinzialverwaltung, in den auswärtigen Angelegenheiten, vor allem im Kriegswesen, keine oder nur geringe in den innern Angelegenheiten, in den Verhandlungen mit dem Senat. Er hatte gelernt zu gehorchen und als Feldherr oder Statthalter zu befehlen, ob er verstehen würde, durch richtige Mischung von Härte und Nachgiebigkeit den Senat gefügig zu machen und die höchste Gewalt wirklich in seiner Hand zu behalten, sollte erst erprobt werden. III. Neben Tiberius lebte noch ein anderer Adoptivsohn des Augustus, Agrippa Postumus, der dritte Sohn der Julia und des Agrippa, welcher wegen seiner Roheit und Gewaltthätigkeit nach der Insel Planasia verbannt worden war und dort in Gefangenschaft gehalten wurde. Er konnte trotzdem ein gefährlicher Nebenbuhler werden, wie ein späterer Aufstand bewies, der unter seinem Namen von einem Sklaven Clemens angezettelt wurde. Auf Veranlassung der Livia und des Tiberius wurde er sogleich nach dem Tode des Kaisers ermordet. Die Mafsregel wurde durch Augustus Namen gedeckt, als wenn dieser selbst noch den Befehl dazu gegeben hätte, doch fand diese offizielle Behauptung bei niemand Glauben. Im übrigen ergriff Tiberius sogleich die Regierung, er schrieb als Fürst an die Legionen in den Provinzen und liefs sich von den Consuln und dem Präfectus prätorio und Präfectus annonae schwören, was unter Augustus Sitte geworden war. Nur im Senate trat er nicht als Herrscher auf. Aber es ist vollkommen falsch, dies als Heuchelei anzusehen, vor allem auf die ihm angeborene Geheimthuerei und Verschlossenheit zurückzuführen. Nirgends zeigt sich mehr als hier, wie Tacitus, trotz aller Wahrhaftigkeit im einzelnen, infolge seiner verkehrten politischen Anschauung den allgemeinen Zusammenhang der Dinge verkennt. Da Tiberius dieselben Consuln, die an der Spitze des Senats standen, eben hatte schwören lassen, so konnte er unmöglich absichtlich jemanden darüber in Zweifel lassen, dafs er herrschen wolle. Wenn er unter allerlei Vorwänden: dafs die Aufgabe zu schwer sei — vielleicht könne man teilen, und dergleichen, die Übernahme verweigerte, so mufste jeder wissen, dafs das nicht ernstlich gemeint sei, dafs der neue Fürst damit andres bezwecke: offenbar verlangte er vom Senat eine Legitimierung seiner Gewalt, eine Übertragung der Regierungsrechte, wie sie bei späteren Kaisern durch die lex de imperio stattgefunden hat. Aber er fand keine — 9 Geneigtheit dazu und verstand nicht die Verhandlungen so zu leiten, dafs er seinen Willen erreichte. Unter knechtischen Schmeicheleien verdeckten die Senatoren ihre Weigerung. Gleich jetzt zeigte sich, dafs die meisten zwar zu feige und schwach waren, um einen Versuch zur Herstellung der Republik zu wagen, aber im Herzen immer noch Republikaner blieben, und die neue Staatsordnung zwar über sich ergehen lassen, nicht aber an ihrer gesetzlichen Fixierung mitwirken wollten. Einer und der andere, wie der übermütige und stolze Asinius Gallus, erlaubte sich sogar, sich unter der Form der gröfsten Ehrerbietung über den ungewandten neuen Princeps lustig zu machen. Tiberius mufste seinen Versuch aufgeben, er übernahm die Gewalt ohne Rechtssicherheit, mit einer allerdings unwahren Versicherung für die Zukunft: er hoffe, dafs die Zeit kommen würde, wo er seine Befugnisse in die Hände des Senats zurückgeben könne. Aber auch diese Versicherung war nicht ein Ausflufs heuchlerischen Naturells, sondern einfach Wiederholung des Scheins, den Augustus während seiner ganzen Regierung aufrecht erhalten hatte. Wie in diesen ersten Verhandlungen, so erscheint der Senat nun während der ganzen Zeit des Tiberius: unterwürfig gehorsam gegen Befehle, widerspenstig, sowie die Zügel nachgelassen wurden, — das rechte Muster aristokratischer Opposition. Grade viele der Tüchtigsten gefielen sich in solchem bissigen passiven Widerstand, sie schwärmten für Brutus und Cassius und Cato von Utica und scharten sich um Cremutius Cordus, der, von tadellosem Privatleben — „ein alter Römer" — keine Hand für den jetzt bestehenden Staat rührte. Selbst unter der eigentlich kaiserlichen Partei, unter denen, welche im Dienste des Augustus oder Tiberius emporgekommen waren, gab es viele, welche Begeisterung für die alte Republik, noch bis in die Zeit der philippischen Schlachten hinein, mit ihrer gegenwärtigen politischen Stellung für wohl vereinbar hielten. Man lese nur, welche glänzende Lobrede des Brutus Velleius, einer von ihnen, entweder seihst geformt oder aus einem früheren Schriftsteller aufgenommen hat. Eine Fortbildung der Verfassung unter freudiger Mitarbeit der Besten war nicht möglich, zwischen Princeps und Senat blieb das alte schwankende, unbestimmte Verhältnis, das stets diplomatisch, niemals rein geschäftlich zu behandeln war. Es war ein Zustand, der dem Charakter und den militärischen Gewohnheiten des Tiberius aufs äufserste zuwider sein mufste, und dem er sich nur aus Not fügte. Aber es wankten die Grundfesten der Macht, der Gehorsam des Heeres. Grade die Legionen, die er selbst Jahre lang kommandiert hatte, erhoben die Fahne des Aufruhrs. Die Meuterei der pannonischen Legionen war besonders gefährlich, weil die Provinz, in der sie standen, eben erst gebändigt war, und weil ihre Standquartiere die nächsten bei Italien und Rom waren; noch schlimmer war die der acht Legionen am Rhein, denn sie bildeten das stärkste Heer des Reiches und wollten sogar in Germanicus einen Gegenkaiser aufstellen. In diese Zeit fällt wohl der Ausspruch des Kaisers, in welchem er sich mit einem Manne verglich, der einen Wolf an den Ohren fest halte: er konnte das Ungetüm von Staat nicht los lassen, ohne von ihm zerrissen zu werden, und war auch so, wie er es hielt, vor seinen Bissen nicht sicher. Auch nachdem diese ersten Gefahren überwunden waren und Legionen und Provinzen zum Gehorsam zurückkehrten, blieb Tiberius Stellung schwierig. Selbst in seiner eigenen Partei, sogar im Kaiserhause fand er überall Widerstand und Hindernisse. Von Anfang an hatte seine Mutter Livia eine aufsergewöhnliche Stellung eingenommen. Ihr verdankte er hauptsächlich die Herrschaff, und wenn schon unter Augustus ihr Einflufs immer mehr gewachsen war, so wollte sie jetzt Falk-R.-G. 1888. 2 — 10 geradezu Mitregentin sein. Von ihrem Gemahl im Testament adoptiert, liefs sie sich den Namen Augusta verleihen, den Tiberius für sich ablehnte, und brachte sich in unmittelbare Beziehung zu den göttlichen Ehren, welche für Augustus nach seinem Tode beschlossen wurden. Wiederholt griff sie in allgemeine Reichsangelegenheiten ein. Den Statthalter von Syrien, Piso, reizte sie zu einem Verhalten gegen Germanicus, welches jeder Disziplin, jeder Achtung vor höherer Gewalt Hohn sprach. Wer zu ihren engeren Freunden gehörte, verlachte selbst die Citation der Gerichte, hielt sich jeder Verantwortung überhoben. Es wird ausdrücklich erzählt, dafs dies alles gegen den Willen des Kaisers geschah, dafs er z. B. gegen ihre Freundin Urgulania persönlich einschritt, aber er vermochte nichts gegen die Mutter auszurichten, sie behauptete bis an ihr Ende ihre unabhängige Stellung. Von verschiedenen Seiten wird diese auf die Dauer unerträgliche Mitherrschaft und Bevormundung als der vornehmste Grund angegeben, weshalb Tiberius sich von Rom nach Capri zurückzog. Das Zweite war Germanicus und seine Familie. Auf Germanicus war die Beliebtheit übergegangen, die sein Vater Drusus bei Volk und Heer genossen hatte. Bei seiner Bückkehr vom Rhein zeigte die Volksgunst sich so leidenschaftlich und rifs so sehr alles mit sich fort, dafs mitten unter den Volkshaufen sogar die Prätorianer ohne Befehl auszogen, um ihn vor der Stadt zu begrüfsen. Ähnliche Scenen erfüllten Rom, als nach einigen Jahren seine Asche von seiner Gattin aus dem Orient heimgebracht wurde. Er war vermählt mit Agrippina, einer Tochter jener Julia, welche aus dem üppigsten Genufs aller Vergnügungen Roms herausgerissen, von ihrer stolzen Höhe auf den ersten Stufen des Throns durch Livia plötzlich herabgestürzt worden war und unendlich lange Jahre in einsamer Verbannung vertrauerte. Mit blutendem Herzen hatte Augustus den harten Spruch gegen die Tochter, die sein Liebling war, gefällt, aber sie hatte zu tiefe Schande über sich selbst und über ihr Haus gebracht. Um wenigstens in späteren Geschlechtern ihre und seine Nachkommen auf den Thron zu bringen, hatte er Tiberius gezwungen, den Germanicus zu adoptieren. Dieser war also nächster Erbe des Tiberius, und je weniger der Kaiser selbst gefiel, desto mehr wandte sich die Volksgunst seinem Nachfolger zu. Auch was von dem grofsen Anhange der Julia nicht in ihren Sturz verwickelt worden war und noch lebte, schlofs sich ihm an. Germanicus war von gradem und einfachen Charakter, er hatte bei dem Aufstand der Legionen Treue gehalten und blieb selbst mit seinem rohen Stiefbruder Drusus in Eintracht. So lange er lebte, wurde offener Streit zwischen ihm und dem Kaiser vermieden. Doch nahm ihm Tiberius, sobald es unter einem ehrenvollen Vorwande ging, den Oberbefehl über das grofse germanische Heer. Die Vorgänge in Rom, welche nun erfolgten, müssen den Kaiser arg verstimmt, sein Mifstrauen aufs äufserste gesteigert haben. Kein Herrscher läfst es sich gefallen, von einem Untergebenen ganz in den Schatten gestellt, über ihn gleichsam vergessen zu werden. Tiberius betraute ihn mit einer besonderen Mission zur Ordnung der asiatischen Grenzangelegenheiten, um ihn so aus Rom zu entfernen und ihn unschädlich zu machen, grade wie Augustus einst ihn selbst hatte dorthin schicken wollen, als seine Stellung in Rom dem Emporkommen des C. und L. Caesar hinderlich wurde. Zugleich ging Piso dorthin ab als Statthalter von Syrien; Tiberius rechnete auf seinen Widerstand, falls Germanicus doch noch durch seine Beliebtheit bei Heer und Volk zur Empörung verlockt würde; dafs er Unbotmäfsigkeit gegen seinen eigenen Stellvertreter gewünscht habe, wenn dieser treu blieb, ist unbewiesen und unglaublich, wohl verbürgt aber und mit ihrem Charakter übereinstimmend, dafs Livia die Gemahlin 11 — des Piso, Plancina, hierzu aufgestachelt habe. Germanicus starb im Orient, nach heftigem Streit mit Piso und nach einem Briefe des Tiberius, welcher ihn ziemlich streng tadelte, weil er gegen das Gesetz in der jedem Beamten senatorischen Standes verbotenen Provinz Ägypten längere Zeit verweilt halte, und Agrippina kehrte nach Born mit dem festen Glauben zurück, dafs ihr heifs- geliebter Gemahl durch Piso und Plancina vergiftet worden sei, und zwar auf Anstiften der Livia und des Tiberius, der alten Feinde und Verderber ihrer Mutter. Gegen Piso wurde vor dem Senat Anklage erhoben; gegen den atigemeinen Hafs rechnete er auf den Schutz des Kaisers, der ihm aber nicht zu teil wurde. Ehe das Urteil gesprochen wurde, nahm er sich das Leben. Tacilus selbst berichtet, dafs der Mord oder Vergiftungsversuch nicht bewiesen worden war, und Tiberius erklärte im Senat, dafs Piso hierfür keine Verurteilung zu befürchten gehabt hätte, wohl aber wegen seiner offenen Auflehnung gegen den höher stehenden Beamten und seiner Mifs- achtung gegen die Gesetze der Disziplin und die Ordnung in den Provinzen. Plancina, schuldiger als ihr Gemahl, ging frei aus, denn Livia schützte sie und hielt sie nach wie vor in hohem Ansehn an ihrem Hofe. Seit dieser Zeit lebte Agrippina mit ihren heranwachsenden Kindern in Born, umgeben von einem besonderen Kreise von Anhängern, in allerbitterster Fehde mit Livia und immer feindlicher gegen den Kaiser auftretend. Ihr von Natur lebhafter, stolzer und aufbrausender Charakter scheint sich von Jahr zu Jahr mehr verbittert zu haben. Bald bestürmte sie Tiberius mit unerfüllbaren Wünschen und Forderungen, bald zeigte sie ihm das beleidigendste Mifstrauen. Hinterlistige Umtriebe erweiterten den Bruch. Einflüsterungen, dafs der Kaiser sie vergiften wolle, fanden thörichter Weise bei ihr Glauben, und als er ihr persönlich beim Mahle eine Frucht reichte, gab sie dieselbe dem hinter ihr stehenden Sklaven mit so unzweideutigen Geberden und Worten, dafs der Kaiser sich zu seiner Mutter wandte, welche zugegen war, und bitter sagte: Hätte ich unrecht, wenn ich jemand verhaften lasse, der mich offen vor meinen Gästen der Giftmischerei beschuldigt? Natürlich wurde jeder persönliche Verkehr zwischen beiden von nun an unmöglich, was wohl die Absicht der Anstifter der Scene gewesen sein mochte. Sehen wir uns weiter in der Umgebung und dem Verwandtenkreise des Tiberius um, wer ihm sonst etwa Freund und Stütze hätte sein können, so finden wir noch zwei Personen, seinen Sohn Drusus und seine Schwägerin Antonia, die in Betracht kommen könnten. Sein Neffe, der spätere Kaiser Claudius war so unbedeutend, dafs er weder im Guten noch im Schlechten eine Bolle gespielt hat. Von Drusus erfahren wir nur wenig, und dieses wenige zeigt ihn als einen rohen, unüberlegt jähzornigen Mann, von ähnlichem W T esen, wie Agrippa Postumus. Der Vater mufste sich früh überzeugen, dafs er ihn nie zu einem vertrauenswürdigen Gehilfen in der Begierung heranbilden würde. Mit Antonia, der Witwe des älteren Drusus, blieb Tiberius bis an sein Lebensende in vertrautem, freundschaftlichem Verkehr, aber von den Staatsgeschäften hielt sie sich gänzlich fern, konnte und wollte also auch nach dieser Bichtung auf ihn keinen Ein- flufs üben. Vielleicht hat sie deshalb grade seine Gunst sich bis zuletzt erhalten. Was von der kaiserlichen Partei übrig bleibt, wenn man die Anhänger der Livia, der Agrippina und später des Sejan fortnimmt, ist wenig genug; aber auch dieser Best war nicht unter sich einig. Privatfeindschaften und Eifersüchteleien, zwischen den Asiniern und Domitiem auf der einen Seite, den Munatiern auf der andern, zwischen M. Vinicius und seiner Clientel und L. Asprenas, zwischen diesem und Aelius Lamia, zerklüfteten sie, verhinderten diese sonst dem — 12 - Fürsten unbedingt ergebenen Männer, sich zu einer festen Partei zusammenzuschliefsen und bereiteten Tiberius oft genug Hindernisse und Widerwärtigkeiten. Vielleicht wäre es einem persönlich mehr hervortretenden Fürsten gelungen, dies zu überwinden, oder wenigstens mehr zurückzudrängen; Tiberius bat es nicht vermocht. Viele dieser Feindschaften waren erbliche, noch aus der Zeit der Bürgerkriege stammend, sie hatten sich damals in Rom über das ganze Staatswesen verbreitet; wenn jedes aristokratische Regiment von ihnen bedroht wird, so mochte hier zu ihrem Überwuchern noch der südliche heftige Volkscharakter, sowie die Prozefssucht und das Klientelwesen beitragen. IV. Aus einer gelegentlichen Bemerkung Senecas erfahren wir, dafs unter Nero die erste Periode von Tiberius Regierung ebenso wie die des Augustus als eine besonders glückliche Zeit galt, die man späteren Herrschern als Vorbild hinstellen konnte. Die leitenden Kreise in Rom waren also im ganzen mit dem Regiment, wie es damals geführt wurde, zufrieden. Noch weit mehr galt dies von den Provinzen, wofür die Beweise, neben manchen Inschriften, bei Strabo, Philo und anderen Schriftstellern vorliegen. In der That bedeutete schon die Errichtung der Monarchie an sich eine Erlösung von vielen Plagen, welche die republikanische Provinzialvervvaltung über die meisten Länder um das Mittelmeer gebracht hatte. Sie verschaffte Frieden, Sicherheit der Bechtspüege und des Verkehrs zur See und zu Lande, und Kontrolle über die Prokonsuln, die bis dahin so gut wie verantwortungslos gewesen waren. Tiberius führte weitere, sehr bedeutende Verbesserungen durch. Die wichtigste war, dafs er mit den häufigen Wechsel in der Person des Statthalters unbedingt brach und sich dem richtigen Grundsatz immer mehr näherte, einen Statthalter, der sich bewährt hatte, bis an sein Lebensende seiner Provinz zu erhalten. Nicht weniger wertvoll für die Provinzialen war es, dafs er mit der gröfsten Strenge jede Kompetenzüberschreitung eines Beamten ahndete und Hohe und Niedrige unnachsichtlich dafür zur Rechenschaft zog. Auch direkt wurden gegen die Erpressungen der Statthalter und der römischen Geldmänner gesetzliche Vorkehrungen getroffen. Es ist oft genug ausgesprochen worden, dafs für Nordafrika, Vorderasien und den gröfsten Teil der griechischen Halbinsel das erste Jahrhundert nach Christus die glücklichste Zeit gewesen ist, die sie bis jetzt erlebt haben. Friede, Recht und Gesetz herrschte, die Steuern waren mäfsig, der Ackerbau blühte. Handel und Verkehr wurden durch die vortrefflichen Strafsen und die Einheit des alle umfassenden Reiches gefördert. Im Osten drang die griechische Bildung in immer tiefere Kreise, im Westen verbreitete sich römisch-italische Kultur über die afrikanischen, spanischen und gallischen Provinzen. Dafs auch für das eigentliche Griechenland dies noch keine Zeit der Verödung war, wie man aus den Schilderungen des Pausanias schliefsen wollte, zeigen immer deutlicher die Ausgrabungen. Eine Kehrseile bildete nur der allgemeine tiefe Verfall der alten Volksreligionen, welcher, ehe das Christentum seine Siegeslaufbahn begann, den Geheimdiensten der Isis und des Mithras Verbreitung verschaffte oder die Menschen trieb, in den Lehren der Stoa und des Epikur einen kärglichen Ersatz zu suchen. Der Provinzialverwaltung Tibers stellte sich seine Leitung der Finanzen ebenbürtig an die Seite. Sie erinnert an die der besten preufsischen Könige, Friedrich Wilhelms I. und - 13 - Friedrichs des Grofsen. Wie diese hielt er die Mittel des Staats sorgsam zu Rat und schaltete wie ein genauer und vorsichtiger Wirt, so dafs er seinem Nachfolger einen wohlgefüllten Schatz hinterliefs; wie diese hatte er aber stets eine offene Hand, wenn es galt bei allgemeinen Notständen oder plötzlichen Unglücksfällen lindernd einzugreifen, mochte es sich nun um ein Brand in Rom oder ein Erdbeben in Asien handeln. Im Heerwesen war die einzige Änderung von Bedeutung die Vereinigung der prätoria- nischen Cohorten, welche in einem andern Zusammenhange zu erwähnen ist, sonst blieb das Heer nach seinem Bestände und seiner Verteilung in dem Zustande, der beim Tode des Augustus bestand und seit der varianischen Niederlage sich gebildet hatte. Der gröfste Teil derselben diente zum Schutz der Rhein- und Donauprovinzen und der asiatischen gegen den Euphrat hin, nur vereinzelt fanden sich Legionen in Ägypten. Afrika und Spanien. Für die Tüchtigkeit und Sicherheit der Verwaltung spricht, dafs Provinzialtruppen in gröfser Anzahl verwandt werden konnten. Meutereien sind bis zum Ende der neronischen Regierung kaum vorgekommen, es gelang also Tiberius, Disziplin und Gehorsam noch für dreifsig Jahre über seine Lebenszeit hinaus zu sichern, obgleich er die im ersten Augenblick den pannonischen und germanischen Legionen bewilligten Vergünstigungen sehr bald wieder zurücknahm, und obgleich keine glänzenden Kriege durch Ruhm und Beute die Soldaten gefügig machten. Nur in den ersten drei Jahren machte Germanicus seine grofsen Züge in Norddeutschland; aber es geschah gegen den Willen des Kaisers, der, sobald er glaubte es wagen zu dürfen, Einhalt that. Diese Züge hatten kein vernünftiges Ziel. Schon seit dem Jahre 9 war die Eroberung Deutschlands aufgegeben worden, weil sie unmöglich war. Denn es handelte sich dabei nicht allein um Norddeutschland, sondern auch um die Zertrümmerung von Marbods Markomannenreich und die Unterwerfung von Böhmen. Allein für diesen Kampf hatte Tiberius ein Heer von zwölf Legionen im Jahre 6 für nötig gehalten. Rechnet man hierzu die Besatzungstruppen, welche Pannonien und das Land zwischen Rhein und Elbe, wenn es wirklich bezwungen worden war, sicher noch lange brauchte, so hätten diese Unternehmungen eine Vermehrung des Heeres von wenigstens acht bis zehn Legionen erfordert. Fand man auch die Rekruten, so bedeutete dies doch eine so gewaltige Erhöhung der Ausgaben, dafs vorläufig daran nicht zu denken war. Die Kämpfe der Jahre 15 und 16 konnten den Kaiser in dieser Politik nur bestärken; ihre positiven Erfolge waren gleich Null, ja sie hatten die Vereinigung der meisten norddeutschen Völker unter Armin veranlafst, so dafs dieser wiederholt in offener Feldschlacht den Römer entgegengetreten war. Wie richtig Tiber die Lage beurteilte, als er Germanicus mit den Worten zurückberief, man möge die Deutschen ihrer eigenen Zwietracht überlassen, zeigte sich darin, dafs alsbald Krieg zwischen Armin und Marbod ausbrach, darauf der Cheruskerfürst, dem Norddeutschland seine Freiheit verdankte, von den eigenen Stammesgenossen ermordet wurde, endlich Marbod, durch den Goten Katwalda von Thron und Reich vertrieben, auf römischem Gebiet Zuflucht suchen mufste. Dieselbe Politik vorsichtiger Zurückhaltung, wie am Rhein, befolgte Tiber an der Donau und in Asien, so dafs nur ein bald unterdrückter Aufstand in Afrika für kurze Zeit die allgemeine Ruhe unterbrach. Indessen für die vornehmen Kreise der Stadt Rom, deren Urteile unsere Quellen wiederspiegeln, war es von geringer Bedeutung, dafs der Kaiser den Millionen im Umkreise des Mittelmeers Buhe und Sicherheit, Wohlstand und Becht verschaffte, dafs er ohne zu feilschen 100 Millionen Sestertien aus dem Schatze hergab, um die Städte in Asien wiederaufzubauen; für 14 — sie war es weit wichtiger, ob dem Senat und der Nobilität ihr alter Glanz erhalten blieb, ob Tiberius bereitwillig oder nur zögernd Hunderttausende schenkte, um einen Nachkommen des grofsen Hortensius aus selbstverschuldeter Armut zu erheben. Wenn sie die „prima tempora Tiberii" in gutem Andenken behielten, so bezog sich das in erster Linie auf stadtrömische Dinge. Hier erfahren wir, dafs Tiberius durchaus nach dem Vorbilde des Augustus alle Titel, welche seine Macht auffällig machen konnten, ängstlich vermied und seine eigne Autorität gleichsam hinter der des Senats versteckte. Aber er ging noch weiter. Nicht nur scheinbar, sondern in Wirklichkeit brachte er alles , was von Wichtigkeit war, im Senat zur Entscheidung. Selbst Angelegenheiten des Heeres und der kaiserlichen Provinzen wies er an diese Körperschaft, so dafs bei einer solchen Gelegenheit ein Offizier, welchem er befohlen hatte, seinen Bericht an den Senat abzustatten, sich der Livia gegenüber die Bemerkung erlaubte: der Caesar möchte sich davor hüten, die geheimsten Quellen seiner Macht vor aller Augen offen zu legen. Zuweilen wurde Tage, ja Wochen lang im Senat über Mafsregeln verhandelt, ohne dafs der Kaiser eingriff. Erst zuletzt gab er seine eigene Meinung kund, die nicht immer befolgt wurde, oder erklärte, er werde im Sinne der Mehrheit verfahren. Es ist nicht klar zu erkennen, was Tiberius zu diesem Verhalten bewogen hat. Ein Versuch, den Senat in dem früher angedeuteten Sinne zum Organ des Fürsten zu machen, ist es kaum zu nennen; wenn es einer war, so mifslang er vollständig; wahrscheinlicher ist, dafs Tiber diese Politik im Anfang befolgte, weil er den Senat als Stütze gegen die aufrührerischen Legionen brauchte, und dafs er später aus dem einmal eingeschlagenen Wege gewissermafsen nicht wieder herauszufinden vermochte. Sicher ist, dafs dies Verhältnis keineswegs nach seinem Geschmack war, und dafs er es nur widerwillig ertrug. Bei dem Charakter, der ihm übereinstimmend von Freund und Feind zugeschrieben wird, mufste eine Lage für ihn unbefriedigend sein, in der es bei jeder Angelegenheit erst eines besonderen Druckes bedurfte, um seinen Willen durchzusetzen, in der er stets persönlich einzutreten hatte, in der es galt spitze Bemerkungen der Übelwollenden zu parieren oder zu überhören, und wo er trotz allem bei Volk und Senat unbeliebt blieb. In unsern Quellen tritt dies allerdings fast gar nicht hervor, aber diese beschäftigen sich erst mit den Gefühlen und Stimmungen des Kaisers, als dieselben anfangen, sich dem Senat unangenehm bemerklich zu machen; vom Gesichtspunkte der kaiserlichen Lage betrachten sie niemals die Verhältnisse. Daher kommt es denn, dafs ihnen jene Veränderung in der Regierung unvermittelt und unbegreiflich erscheint, welche vom Jahre 23 an eintritt, und dafs sie allerlei äufsere Ursachen dafür aufsuchen, den Tod des Drusus, die wunderbare Bezauberung des Tibers durch Sejan uud dergleichen, während sie die inneren verkennen. Daher kommt es auch, dafs sie diese erste Periode eigentlich in mancher Beziehung viel zu günstig beurteilen. Es blieb doch immer ein grofser Mangel, dafs für die Fortbildung des Principats nichts geschah, man von Jahr zu Jahr in dem unklaren Verhältnis fortlebte. Es ist stets bedenklich, von einer historischen Entwicklung zu sagen, wie sie unter andern Bedingungen hätte verlaufen können, aber die Vermutung liegt doch nahe, dafs in dieser Zeit einer geschickteren und kühneren Hand es möglich gewesen wäre, Institutionen zu schaffen, welche verhinderten, dafs allmählich die einzige Gewalt beim Heere war. Die Schwierigkeiten, welche dabei überwunden werden mufsten, waren gewifs grofse, ob unbezwingliche lassen unsere Quellen nicht mehr erkennen. Eine der schlimmsten mufs die Zerklüftung der kaiserlichen Partei gewesen sein, über welche wir ebenfalls nur unvollständig unterrichtet sind. 15 — Unterdessen trat immer deutlicher der Einflufs eines Mannes hervor, dem es zwischen Neidern und Nebenbuhlern gelungen war emporzusteigen und allmählich das volle Vertrauen des Fürsten zu gewinnen. L. Aelius Sejanus stand durch Yerschwägerungen mit einer Anzahl vornehmer Familien in Verbindung, stammte selbst aber aus einer campanischen Ritterfamilie. Sein Vater Seius Strabo hatte unter Augustus die höchste Stelle bekommen, die ein Mann des Ritterstandes in der Stadt bekleiden konnte, die des Praefectus praetorio. Doch hatte diese Stelle noch nicht die Bedeutung, die sie bald durch den Sohn erhalten sollte. Dieser erhielt sie als Nachfolger des Vaters im Jahre 17, als Seius Strabo zum Statthalter von Ägypten ernannt wurde. Schon im Jahre 14 hatte Sejan mit einem Teil der prätorianischen Cohorten den Drusus nach Pannonien begleitet, die schnelle Unterdrückung dieses Aufstandes galt als sein Verdienst. Er war ein Mann von ebenso grofser Frische und Spannkraft des Körpers wie des Geistes, unerschrocken in jeder Gefahr, geschmeidig, liebenswürdig gegen Hohe und Geringe, Männer und Frauen, unermüdlich thätig, von solcher Arbeitskraft, dafs er mitten in den schwersten Geschäften stets Zeit übrig hatte. Mit richtiger Erkenntnis der geheimsten Gefühle des Tiberius hielt er sich von Anfang an nicht weniger fern von Livia, als von Germanicus und seinem Hause. Für ihn schien es kein andres Interesse zu geben, als das des Fürsten selbst, denn er sah sehr wohl, dafs dies der beste und sicherste Weg war, sein eignes zu fördern. Er war Soldat und Provinziale: keine sentimentale Erinnerung an die alte republikanische Gröfse Roms hielt ihn zurück, dem Kaiser grade diejenigen Dienste zu leisten, die derselbe brauchte. Aber er wufste nicht nur zu gehorchen und erhaltene Befehle mit Verständnis auszuführen, sondern auch selbstschöpferisch die Mafsregeln zur Verstärkung der kaiserlichen Macht vorzuschlagen. Von ihm ging der Rat aus, zwischen den unsichern Provinzialheeren und dem übelwollenden Senat sich auf die Prätorianer zu stützen und alle Cohorten derselben, die sich in Rom befanden, zu vereinigen. So entstand das grofse befestigte Lager der Prätorianer vor dem viminalischen Thore, das Jahrhunderte lang die Zwingburg der Stadt gebildet hat. Der Fürst erhielt in der Garde eine stets bereite, unwiderstehliche Waffe gegen jeden Widerstand, aber der Praefectus praetorio, der sie für ihn führte, wurde zu gleicher Zeit der zweite Mann im Staate. Es ist die einschneidendste Veränderung, die Tiberius an den Einrichtungen des Augustus vorgenommen hat, doch nicht er, sondern Sejan hatte den Gedanken gehabt. Um 26 treten etwa gleichzeitig zwei andre Veränderungen in der Regierung ein, von denen die eine so sehr den innersten Neigungen des Tiberius entspricht, dafs es zweifelhaft ist, ob Sejan dabei grofsen Einflufs ausgeübt hat, während die andre sehr wohl, wie behauptet wird, auf seinen Rat ergriffen sein kann. Das eine ist die Entfernung Tibers aus Rom, zuerst nach Campanien, darauf nach Capri, wo er sich völlig abschliefsen und unzugänglich machen konnte. Er entzog sich dadurch der direkten Einwirkung der in der kaiserlichen Familie herrschenden Zwistigkeiten, dem Einflufs der Livia und den Querelen der Agrippina, zu gleicher Zeit aber veränderte er auch seine Stellung zum Senat. Indem Tiber an die Stelle des persönlichen Verkehrs den schriftlichen setzte, statt in mündlicher Verhandlung, wo Rede und Gegenrede möglich waren, durch Briefe seinen Willen kundgab, zwang er den Senat entweder Folge zu leisten, oder offene Opposition zu machen, wovor die meisten doch zurückschreckten, und umgekehrt erleich- 16 — terte er es sich selbst, Wünsche und Bitten einzelner oder des ganzen Senats unberücksichtigt zu lassen. Das zweite war die immer häufigere und strengere Anwendung des Majestätsgesetzes, namentlich gegen den Senatorenstand. Auf Grund der Potestas tribunicia des Kaisers war es möglich, jede Unehrerbietigkeit gegen den Kaiser und sein Haus mittels dieses Gesetzes zu bestrafen. Angeber und Ankläger fanden sich in Menge, sobald man merkte, dafs dies ein bequemer Weg zu Reichtum und Ehrenstellen war. Der eigentliche Zweck war weniger, die einzelnen zu treffen, gegen die sich grade Ankläger fanden, denn diese waren oft unbedeutend, sondern den Stand im ganzen. Es entwickelte sich ein richtiges Schreckensregiment, bei dem mit Ausnahme weniger Fälle in dem Zittern um das eigne Leben jeder Widerstand erstarb. Diese neue Mafsregel trägt einen ganz andern Charakter, als die zaudernde und ängstliche Politik, die Tiberius bis dahin befolgt hatte, sie pafst mehr zu dem kühnen und rücksichtslosen Wesen Sejans; es ist also durchaus glaublich, dafs er den Anstofs dazu gegeben hat. Schon 23 war der Thronfolger ürusus gestorben, er war auf Anstiften Sejans und seiner eigenen Gemahlin Livilla von Euthydemus vergiftet worden, wie acht Jahre später ein Prozefs zu Tage brachte. Sejan stand in einem sträflichen Verhältnis zur Livilla und war von Drusus öffentlich auf das Tödlichste beleidigt worden. Die beiden ältesten Söhne des Germanicus wurden darauf im Senat vom Tiberius als seine Nachfolger bezeichnet, aber trotzdem blieb das Verhältnis zu ihnen und ihrer Mutter ebenso schlecht wie früher. Um so unentbehrlicher wurde ihm Sejan, um so höher stieg dieser in seiner Gunst. Er nannte ihn in den Briefen an den Senat seinen Helfer in den Sorgen und Mühen seines Amtes, erfuhr mit Vergnügen die Ehren, die ihm erwiesen wurden, und liefs alle Geschäfte durch seine Hände gehen. Man kann nicht zweifeln, dafs Sejan, wenn nicht früher doch jetzt sich Hoffnung auf Erlangung der höchsten Macht machte. Standen doch, wie er meinte, nur die mit dem Kaiser verfeindeten Julier zwischen ihm und der Erbfolge, und sie zu vernichten war leicht. Doch war der 67jährige, in der Einsamkeit Capris lebende Kaiser auch jetzt noch kein unbedingt gefügiges Werkzeug in der Hand seines Günstlings. Er verweigerte ihm den Eintritt in die kaiserliche Familie durch eine Heirat mit seiner Geliebten Livilla und erhob erst die Verderben bringende Anklage gegen Agrippina und ihre Söhne Nero und Drusus, als Sejan ihn zu überzeugen wufste, dafs seine eigne Herrschaft in Gefahr stünde. Und diese Behauptung Sejans war nicht erfunden, die Julier erleichterten ihm die Ausführung seiner Pläne durch ihre Unklugheit: Tacitus erzählt von Unterredungen des voraussichtlichen Thronerben Nero mit seinen Genossen, bei welchen die Chancen einer bewaffneten Auflehnung mit Hülfe des Volks und der Legionen erwogen wurden. Sogar der Senat raffte sich noch einmal zum Widerstand auf. Als der Brief des Tiberius, welcher Agrippina und ihre Söhne des Hochverrats zieh, verlesen wurde, setzte der Senat die Beschlufsfassung aus, Junius Rusticus, ein unbedingter Cäsarianer, ein Mann, der noch nie Opposition gemacht hatte, gab den Anstofs, indem er sagte: man solle sich nicht übereilen, ein Augenblick könne alles ändern, der greise Princeps würde vielleicht bald bereuen, das Haus des Germanicus vernichtet zu haben. Offenbar wollte er weniger eine Sinnesänderung Tibers andeuten, als daran erinnern, dafs bei dem Alter des Kaisers — er war damals 70 Jahre alt — ein plötzlicher Tod leicht möglich sei, der die Angeklagten zu Herren der Gewalt machte. Auch das Volk rottete sich zusammen, führte die Bilder der Agrippina und des Nero im Triumph durch die Strafsen und •• • A /iL — 17 Ji )JI, schrie, der Brief des Kaisers sei erdichtet. Die kaiserliche Macht wankte wirklich noch einmal in ihren Grundfesten, und es ist fraglich, ob ohne Sejan und die Prätorianer Tibers Wille durchgedrungen wäre. Durch sie wurden diese letzten Regungen der Selbständigkeit erstickt, auf einen erneuten Befehl Tibers verschwanden Agrippina, Nero und Drusus in der Verbannung oder im Gefängnis, und alle Parteien im Senat wurden einig, einig in zitterndem Gehorsam und knechtischer Schmeichelei. — Aber vor wem zitterten sie? Wer war jetzt der Herr des Staates? Der stolze kräftige Mann, der in der Curie verkündete, was zu geschehen hatte, der Ehren verschaffte und Tod verhängte, oder der einsame Alte auf dem Inselfelsen, von dem man nur durch jenen erfuhr? Und wenn jetzt wirklich das Ereignis eintrat, auf das Junius Rusticus angespielt hatte, der Tod des Kaisers, war für einen der Knaben, die seine nächsten Erben waren, Tiberius Gemellus und Caligula, auch nur die Möglichkeit vorhanden, den Thron zu besteigen? Im Augenblick des vollen Erfolges verwandelte sich der Sieg in die gröfste Niederlage. Denn daran ist nicht zu zweifeln, dafs Tiberius selbst den Sejan niemals zu seinem Nachfolger machen wollte; auch jetzt noch verweigerte er ihm unbedingt jede Gunst, jede Machtverleihung, die ihn als Thronerben bezeichnet hätte; sowohl die Verschwägerung mit der kaiserlichen Familie, als auch die tribunicische Gewalt. Offenbar verkannte Tiber vollkommen die Lage. In seiner Abgeschlossenheit in Capri erfuhr er nichts von der Gröfse der Huldigungen, die dem „Adiutor" tagtäglich in Rom von hoch und niedrig erwiesen wurden, nichts davon, dafs man über dem gegenwärtigen allmächtigen Günstling den abwesenden Gebieter zu vergessen anfing; er glaubte da seine Herrschaft am festesten, fühlte sich am ruhigsten und geborgensten, als die Gefahr für Leben und Macht am drohendsten war. Grade dafs er immer noch nicht vollkommen lenkbar war und noch Nein zu sagen verstand, trieb Sejan weiter zu Plänen, die seinen Sturz oder seine Ermordung bezweckten. Endlich wurden sie so stadtkundig, dafs auch Antonia davon hörte, welche eilig den Kaiser durch eine vertraute Sklavin warnte. Der kleine Zug, dafs sie nichts aufzuschreiben wagte, sondern nur eine mündliche Botschaft schickte, zeigt deutlich, wie hoch die Macht Sejans gestiegen war. Der Schlag mufs für den Kaiser ein furchtbarer gewesen sein; er sah sich fast wehrlos in der Gewalt des Präfekten. Mit der gröfsten Vorsicht und List ging er vor, indem er scheinbar Sejans höchste Wünsche erfüllte und durch Macro, den nächsten "Anwärter auf Sejans Stelle, ihm die Prätorianer abwendig machte. So hat er ihn entwaffnet, gestürzt und vernichtet und sich selbst für den Rest seines Lebens — noch vier Jahre — die Herrschaft bewahrt. In welcher verzweifelten Stimmung er diese Jahre verbracht hat, sagt die berühmte Stelle aus einem Briefe an den Senat, welche Sueton und Tacitus anführen: „Mögen alle Götter mich schlimmer zu Grunde richten, als ich täglich zu Grunde gehe, wenn ich weifs, wie oder was ich in einer solchen Zeit Euch schreiben oder verschweigen soll." Es kann nicht befremden, dafs er nach einem solchen Lebensgange und so bitteren Enttäuschungen zuletzt wirklich zu einem erbarmungslosen Wüten gegen alle Hochgestellte hingerissen wurde und so unterschiedlos den Schrecken des Majestätsgesetzes gegen Gute und Schlechte spielen liefs, dafs diese letzten Jahre auch den Römern zur Hölle wurden. So geht denn sein Bild auf die kommenden Geschlechter über als das eines (instern, blutigen Tyrannen. Er ist das nicht gewesen. Für die Provinzen blieb er bis an sein Ende ein vortrefflicher Herrscher, der mit den besten aller Zeiten verglichen werden kann; für Rom liegt allerdings die Sache anders; hier hat er schwere Schuld auf sich geladen, die schwerste Palk-R.-G. 1688. 3 — 18 — aber nicht durch die Blutgerichte seiner letzten Jahre, sondern durch die Schwäche und Unfähigkeit seiner Regierung von Anläng an. Hier war er seiner Stellung nicht gewachsen, nicht gewachsen den Ansprüchen, die sie an die Persönlichkeit des Fürsten stellte. Nirgends verstand er seinen Willen durchzusetzen, nicht gegen den Senat, nicht in seiner Familie. Erst als er den Eingebungen des Sejans folgte, überwand er den Widerstand, aber nun wufste er wieder nicht diesen Ratgeber in Schranken zu halten und führte so die letzte blutige Wendung seiner Herrschaft herbei. Doch darf man ihn nicht zu strenge verurteilen. In-einer alten, wohlgeordneten Monarchie hätte er mit Ehren seine Stelle ausgefüllt; die schwierige Aufgabe, welche ihm August mit seinen republikanischen Scheininstitutionen, mit dem Übelwollen des Senats und der Zwietracht in der kaiserlichen Familie hinterliefs, überstieg seine Kräfte. Druck von "W. Pormetter in Berlin. — 18 — aber nicht durch die Blutj Fähigkeit seiner Regierung! gewachsen den Ansprüche! er seinen Willen durchzusl den Eingehungen des Sejal nicht diesen Ratgeber ii| seiner Herrschaft herbei, geordneten Monarchie hätl| ihm August mit seinen ri der Zwietracht in der kail urch die Schwäche und Un- jellung nicht gewachsen, nicht ten stellte. Nirgends verstand seiner Familie. Erst als er aber nun wufste er wieder die letzte blutige Wendung ljurteilen. In-einer alten, wohl- lie schwierige Aufgabe, welche ein Übelwollen des Senats und ne Kräfte.